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Übergewicht durch Bewegungsmangel

Eine Herausforderung für den Schulsport

Examensarbeit 2005 127 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Übergewicht
1.1 Definition von Übergewicht
1.2 Ursachen des Übergewichts
1.2.1 Vererbung und genetische Bedingungen
1.2.2 Falsche Ernährung
1.2.3 Mangel an Bewegung
1.2.4 Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch am Beispiel des Oszillationsmodells
1.2.5 Gründe für Fehlernährung und Bewegungsmangel
1.3 Auswirkungen des Übergewichts
1.3.1 auf die körperliche Gesundheit
1.3.2 auf die Psyche
1.3.3 auf die Gesellschaft
1.3.4 Sinnvolle Diäten und Kuren

2 Bewegung und Bewegungsmangel
2.1 Definition von Bewegung
2.2 Der Bewegungsapparat
2.3 Bewegung, Spiel und Sport - Freiwillig vs. Verzweckung
2.4 Bedeutung der Bewegung und Auswirkungen des Bewegungsmangels
2.4.1 Wahrnehmung und Erfahrungen mit der Umwelt
2.4.2 Motorische und kognitive Fähigkeiten
2.4.3 Persönlichkeitsentwicklung und Selbstbild
2.4.4 Psychisches Wohlbefinden
2.4.5 Körperliche Gesundheit
2.4.6 Auswirkungen des Bewegungsmangels
2.5 Ursachen des Bewegungsmangels
2.5.1 Gesellschaftlicher Hintergrund
2.5.2 Technisierung
2.5.3 Räumliche Bedingungen
2.5.4 Fehlverhalten der Eltern
2.5.5 Psychische Probleme und Abneigung gegen Sport
2.5.6 Schule

3 Schule und Bewegung
3.1 Schule und Bewegungsmangel
3.1.1 Beispielhafte Probleme
3.1.2 Möglichkeiten der Schule, dem Bewegungsmangel und Übergewicht entgegenzuwirken und die Gesundheit zu fördern
3.2 Hintergrund zur Gesundheitserziehung: Das Salutogenese- Modell und die gesunde Lebensführung
3.3 Der Schulsport
3.3.1 Bewegte Schule
3.3.2 Sportförderunterricht
3.3.3 Motopädagogik / Psychomotorik
3.3.4 Weitere Projekte
3.4 Der Sportunterricht
3.4.1 Aufgaben und Ziele des Sportunterrichts
3.4.2 Möglichkeiten des Sportunterrichts
3.4.3 Didaktische Modelle

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

„Wir verschaffen uns als Nation zu wenig Bewegung. Wir schauen zu anstatt selbst auf dem Spielfeld zu rennen, wir fahren, anstatt zu Fuß zu gehen. Unsere Lebensweise nimmt uns selbst jenes Mindestmaß an körperlicher Aktivität, das zu einem gesunden Leben nötig ist“

John F. Kennedy (1917-1963)[1]

Übergewicht bringt zahlreiche Probleme mit sich – jedoch leiden immer mehr Menschen unter dieser Volkskrankheit „Nummer Eins“: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sind bereits jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche betroffen. In Amerika zeigen Untersuchungen, dass das Übergewicht im Kindesalter in den letzten 20 Jahren um 50% zugenommen hat (vgl. Ziroli 1999, 333). Jedes zehnte Kind falle laut DGE sogar in die Kategorie "fettleibig". Diese fettleibigen Kinder leiden unter Krankheiten, die Ärzte sonst nur bei Senioren feststellen. Gicht, Bluthochdruck[2] und Diabetes können die Folgen von Bewegungsmangel und falscher Ernährung sein. Bereits Achtjährige leiden heutzutage unter dem Alterszucker, der sog. Diabetes Typ II. (vgl. Quarks & Co, Sendung vom 13.01.2004). Der Spiegel schreibt sogar, dass der jüngste deutsche Patient mit Diabetes mellitus ein Fünfjähriger sei (vgl. Thimm 2004, 175). Wo wird das bloß enden?

In einer Pressekonferenz sagte Ahrens[3], der Vorstandsvorsitzende der Allgemeinen Orts Krankenkasse (AOK), dass durch den Rückgang der Fitness auf Deutschland eine Gesundheitskatastrophe zurolle, wenn nicht auf allen Ebenen durch bundesweite Gesundheitserziehung für mehr Bewegung und richtige Ernährung bei Kindern und Jugendlichen gesorgt werden würde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt davor, dass bald ebenso viele Menschen an den Folgen von Überernährung und Bewegungsmangel sterben würden, wie an den Folgen von Unterernährung (vgl. Thimm 2004).

Es gibt zahlreiche, die Massen ansprechende Aktionen, die der enormen Bedeutung der Bewegung Respekt zollen. Betriebe bieten in den Pausen Bewegungsaktivitäten an, da sie erkannt haben, dass dies nicht nur dem Wohlbefinden dient, sondern auch die Leistungsfähigkeit fördert und Krankheitsfälle minimiert. Mehrere Fernsehsender informieren über das Thema Übergewicht und die Folgen für die Betroffenen, die Krankenkassen, die Gesellschaft, … Dabei wird das Problem mit dem Essen zum gefundenen Fressen und in Reportagen aufgebauscht. Jeder möchte zudem die ideale, einfache, einzig wahre Möglichkeit des Abspeckens gefunden haben.

Das Problem postmoderner Gesellschaften scheint Bewegungsarmut, Passivität und Bequemlichkeit zu sein. Niemand bleibt von diesem Thema verschont und in Zeiten, in denen körperliche Bewegung ersetzbar, mit Lernen und Leistung nicht kombinierbar scheint und Bewegungsmangel in vielen Lebensbereichen festzustellen ist, stellt sich die Frage, wie man mehr Bewegung in den Alltag bekommen kann, und wie man diese Herausforderung annehmen und selbst zu einer gesunden Lebensführung beitragen kann.

Es reicht aber nicht aus, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Gewichtsprobleme können nur dann dauerhaft gelöst werden, wenn die Vielschichtigkeit des Problems erkannt und die Lebensweise insgesamt verändert wird.

1 Übergewicht

1.1 Definition von Übergewicht

Ein Kind gilt dann als übergewichtig, wenn es oberhalb des Referenzgewichts (= Normalgewicht) liegt. Das „richtige“ Gewicht für ein Kind wird dort angenommen, wo die meisten Kinder dem Geschlecht, dem Alter und der Körpergröße entsprechend zu finden sind. Alles, was nicht der Norm entspricht bedarf einer besonderen Betrachtung. Da sich dicke Menschen über dem Normalgewicht befinden, wird hier von Übergewicht gesprochen. Übergewicht ist (außer in extremen Fällen) per Augenmaß schwer messbar. Um ein ausreichendes Ergebnis zu erlangen, kann die Broca- Formel (vgl. Kolbe 1998, 11) angewandt werden, die eine große Beachtung in der breiten Bevölkerung findet, da sie zumindest für Erwachsene schnell und einfach aussagekräftige Ergebnisse liefert: Körpergröße (in cm) minus 100 entspricht dem Sollgewicht. Hierbei kann aber je nach Körperbau das Gewicht um 10% überschritten werden, ohne dass aus medizinischer Sicht nachteilige Konsequenzen entstehen würden. Leider lässt diese Formel Lücken offen, weshalb beispielsweise kleine (oder sehr große) Kinder ihr Normalgewicht nicht verlässlich bestimmen können. Bsp.: 110 cm – 100 = 10 kg. Deshalb hat sich eine wesentlich genauere Formel eingebürgert und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Der Body- Mass- Index (BMI), zu deutsch „Körpermassenindex“, liefert sehr genaue Werte und errechnet sich aus Körpergewicht in Kilogramm, dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. (vgl. Kolbe 1998, 12)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Nachteil ist hier, dass auch Menschen mit stark ausgeprägten Muskeln schnell als übergewichtig gelten, da Muskeln bekanntlich schwerer sind als Fett. Auf wesentlich genauere, in großer Zahl vorhandene Messverfahren zur Erfassung des Körperfettanteils kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht eingegangen werden.

Folgende Tabelle teilt nun den Schweregrad des Übergewichts gemäß des BMI ein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Kolbe 1998, 12)

Diese Tabelle mag für Erwachsene zutreffen, aber „bei Kindern ist es erheblich schwerer [...] über Formeln und/oder Tabellen pauschal ein Normalgewicht festzulegen“ (Schröder 1999, 27). Die Schwierigkeit hierfür sieht Kolbe in dem physiologischen Gestaltwandel während der körperlichen Entwicklung, in welchem Phasen der körperlichen Fülle und Phasen der sog. Streckung auszumachen sind (vgl. Kolbe 1998, 12).

Es werden mehrere Wachstumsphasen unterschieden, in denen Längen- und Breitenwachstum nicht unbedingt gleichzeitig erfolgen. So machen Kinder zwischen vier und sieben Jahren oft einen gewaltigen “Schuss“ und wirken wesentlich schlanker als zuvor. Mit acht Jahren durchleben die Kinder eine Füllphase und werden zunehmend rundlicher. Sie legen ein Polster für die nächste Streckung an, die mit dem Einsetzen der Pubertät beginnt. In dieser folgenden Phase wirken Kinder irrtümlicherweise oft unterernährt, da die Breitenentwicklung mit der Längenentwicklung nicht Schritt hält. Um den Ernährungsstatus von Kindern nun diagnostizieren zu können, muss die individuelle Entwicklung über eine längere Zeit, in Anbetracht aller Komponenten (Alter, Geschlecht, Körpergröße), mit einbezogen werden. (vgl. Schröder 1999, 27f)

Aus diesen Gründen wurde für Kinder eine alters- und geschlechtsspezifische BMI- Tabelle erstellt, welche von Fachleuten und Ärzten zur Gewichtsbeurteilung bei Kindern verwendet wird:

Die Perzentile in der folgenden Tabelle gibt das Streuungsmaß wieder, das die statistische Häufigkeit nach dem Hundertstel- Wert einteilt. Die Perzentile 50 stellt den mittleren Gewichtswert dar, während die Perzentilen 10 und 5 Untergewicht bzw. starkes Untergewicht und die Perzentilen 85 und 95 Übergewicht bzw. starkes Übergewicht bedeuten. (vgl. Kolbe 1998, 17f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

“BMI-Perzentilen“ (nach Kolbe 1998, 18)

1.2 Ursachen des Übergewichts

Die Ursachen von Übergewicht sind, neben einer möglichen vererbten Veranlagung, in erster Linie Fehlernährung und Bewegungsmangel bzw. ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Hierbei wird immer wieder der Versuch unternommen, eine Wertung vorzunehmen und eine Hierarchie darüber festzulegen, was ausschlaggebender für das Übergewicht sei. Da der Kalorienverbrauch durch Bewegung im Vergleich zur Kalorienaufnahme durch Ernährung recht gering ist, wurde lange Zeit angenommen, dass der Bewegung eine unwesentliche Bedeutung für das Körpergewicht zukommt. „Gegenüber anderer Risikofaktoren, wie der Ernährung scheint die präventive Bedeutung körperlicher Aktivität [...] eher nachrangig oder gering zu sein“ (vgl. Beuker in Balz 1995, 108). Anderer Meinung ist Alexy, der die Zunahme von Übergewicht und Adipositas (= krankhafte Fettsucht) weniger auf Änderungen des Essverhaltens, sondern vielmehr auf die Abnahme der körperlichen Aktivität zurückführen will (vgl. Alexy 2003, 333). Generell gilt der Spruch: „Essen und Trimmen – Beides muss stimmen“.

Gründe für Fehlernährung und Bewegungsmangel stellen ein komplexes System dar. Betroffene Kinder sind sich in der Regel nicht einmal darüber bewusst, dass sie sich falsch ernähren und zu wenig bewegen, denn sie „erleben ihre Gesundheit in der überwiegenden Zahl nicht als Problem, sondern als ein in ihrem Alter selbstverständliches Gut, das allenfalls auf einer abstrakten Ebene für wichtig gehalten wird, aber nicht durch ständige präventive Bewegungsaktivitäten und Genussverzicht aktiv geschützt werden muss“ (Aschebrock 1995, 181). Man muss die Ursachen für Fehlernährung und Bewegungsmangel also eher im Umfeld des Kindes (Eltern, Gesellschaft, …) suchen, wobei sie häufig in einer Wechselwirkung zueinander stehen. Somit spielen im Einzelfall meist mehrere Faktoren eine Rolle, und es ist schwer einen Hauptansatzpunkt ausfindig zu machen, ohne den ganzen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Auf die Gründe der Fehlernährung wird nun in diesem Kapitel eingegangen und die Gründe des Bewegungsmangels werden in Kapitel 2 näher erläutert.

1.2.1 Vererbung und genetische Bedingungen

Über genetische Bedingungen Aussagen zu treffen, ist keine leichte Aufgabe. Es scheint oft der Fall zu sein, dass übergewichtige Eltern auch übergewichtige Kinder haben. Die Frage ist aber, ob die Kinder nun genetisch bedingt dazu prädestiniert sind, auch übergewichtig zu werden, und somit keinerlei Einfluss auf ihre Entwicklung haben, oder ob vielleicht andere Faktoren für deren Übergewicht eine Rolle spielen. Als Beispiel sei nur die Vorbildfunktion[4] genannt, welche vor allem den Eltern in Bezug auf Ess- und Bewegungsgewohnheiten zukommt.

Sind beide Eltern übergewichtig, so ist bei 80% der Kinder auch mit Übergewicht zu rechnen. Ist nur ein Elternteil übergewichtig, sind 40% der Kinder betroffen (vgl. Rodin, 1985, 36). Whiteker fand 1997 heraus, dass die Wahrscheinlichkeit des Übergewichts im Erwachsenenalter von 24%, wenn kein Elternteil übergewichtig war, auf 62% stieg, wenn ein Elternteil übergewichtig war (vgl. Whiteker in Ziroli 1999, 333). Jedoch lassen selbst diese beeindruckenden Zahlen keinen Rückschluss auf Erbanlagen zu.

Eineiige Zwillinge ähneln sich auch im Hinblick auf ihr Körpergewicht relativ stark, doch auch hier ist eine übergewicht fördernde Erziehung nicht auszuschließen. Hierzu gibt es Zwillingsstudien, die einheitlich nahe legen, dass ca. 60 - 80% des Körpergewichts genetisch bedingt sind. In einer 1990 veröffentlichten Untersuchung wurden über 100 getrennt aufgewachsene Zwillingspaare auf deren körperliche Beschaffenheit überprüft, mit dem Ergebnis, dass diese sich relativ stark ähnelte. (vgl. Kolbe 1998, 22)

Weiterhin können auch Gene die Hormone durcheinander bringen und somit zur Entstehung von Übergewicht beitragen. Dies kann durch das für das Hormon Leptin verantwortliche Gen geschehen. „Durch Störungen der Leptinbildung besteht ein ständiges Hungergefühl, und auch der Energieverbrauch wird beeinflusst, so dass ein stetiger Gewichtsanstieg die Folge ist“ (Kolbe 1998, 24). Relativ einig ist man sich darüber, dass oftmals Kinder mit Ernährungsproblemen ein gestörtes Sättigungsgefühl haben. Jedoch liegen laut Nowak (1990, 101) nur bei 0,5% der Übergewichtigen hormonale Ursachen vor.

Andere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Übergewicht mindestens zu einem Drittel (30-40%) durch die Gene eines Menschen verursacht wird. So wird beispielsweise der Grundumsatz zu einem gewissen Grad erblich festgelegt. Doch welche Rolle auch immer die Gene spielen, nicht das Übergewicht an sich wird vererbt, sondern die Veranlagung dazu. Deshalb kann keinesfalls von einem unabänderbaren Schicksal gesprochen werden. Vor der Geburt sind zwar die erblichen Faktoren für die Anzahl, Bildung und Anlage von Fettzellen verantwortlich, aber die Größe der Fettzellen wird nach der Geburt ausschließlich von der Energieaufnahme durch die Nahrung bestimmt. Durch Überernährung oder Inaktivität kann es sogar bis zur Adoleszenz hinein zu Fettzellenneubildung kommen. Eine Prävention und Bekämpfung im Kindesalter hat die größte Aussicht auf Erfolg. (vgl. Ziroli 1999, 334)

Jemand, der viel Gewicht auf die Waage bringt, hat also eine andere Veranlagung als jemand, der ganz wenig wiegt. Dabei spielen z.B. die Kalorienausnutzung des Körpers (guter Futterverwerter) oder auch das natürliche Temperament (träge oder lebhaft) zusätzlich eine Rolle. „Untersuchungen haben nun gezeigt, daß manche Menschen eben tatsächlich eine größere Bereitschaft zur Erzeugung von Fettvorräten besitzen, daß sie einfach aus einer Kalorie mehr machen als andere und daß diese Neigung in manchen Fällen erblich ist“ (Rodin 1985, 35). Die Gründe sieht auch Rodin in den Hormonen, welche die Entwicklung neuer Fettzellen fördern, und in der Anlage, mit einer großen Zahl von Fettzellen auf die Welt zu kommen.

Dennoch kann Bruch (1991, 44) aufgrund langjähriger Beobachtung von übergewichtigen Kindern mit einiger Bestimmtheit behaupten, dass Nachkommen nicht dazu verurteilt sind, fettsüchtig zu werden.

1.2.2 Falsche Ernährung

Ausschlaggebend für die richtige Ernährung sind Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr, die von wissenschaftlichen Gremien (Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) oder Institut für Kinderernährung in Dortmund) erarbeitet wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Die Pyramide der gesunden Ernährung" (Fischer 1998, 70)

Die „optimierte Mischkost“ berücksichtigt alle Ernährungsbedürfnisse eines Kindes für Wachstum, Entwicklung und Gesundheit. Außerdem hilft sie den sog. Zivilisationskrankheiten, z.B. Herz-Kreislauf-Krankheiten, vorzubeugen.

Energiebedarf: Grund- und Arbeitsumsatz[5]

Durch Hungergefühl signalisiert der Körper, dass er Energie in Form von Nahrung benötigt. Bei Kindern sind in der Regel die Energiereserven nicht sehr groß und bei ihrem Bewegungsdrang mit sportlicher Aktivität schnell verbraucht. Die Energie aus der Nahrung wird in Kilokalorien (kcal) oder Kilojoule (kJ) gemessen. Eine Kilokalorie entspricht etwa 4,2 Kilojoule. Jeder Mensch verbraucht zu jeder Zeit Kalorien. Diese Energie wird für viele Stoffwechselvorgänge (Herzschlag, Verdauung, Körpertemperatur, Atmung, …) benötigt. Das Minimum des zum Leben nötigen Energiebedarfs nennt man „Grund- oder Ruheumsatz“. Dieser Energiebedarf[6] kann sehr unterschiedlich sein und ist von Körpergröße, Alter und Geschlecht abhängig. Für jede körperliche Bewegung (Muskelaktivität) werden weitere Kalorien benötigt. Je nach Aktivität kann der „Bewegungs- oder Arbeitsumsatz“ 20 bis 40% des Grundumsatzes ausmachen. Somit setzt sich der gesamte Energiebedarf eines Menschen aus Grund- und Arbeitsumsatz zusammen. (vgl. Kolbe 1998, 68ff)

Faktoren, die den Energiebedarf hauptsächlich beeinflussen, sind Körpergröße, Wachstum und intensive körperliche Bewegung. Dennoch gibt es Richtwerte, an denen man sich orientieren kann.

Missverhältnis von Energiebedarf und Energiezufuhr[7]

Nimmt man mehr Energie auf, als man den Tag über verbraucht (= positive Energiebilanz), so wird das Fett aus der Nahrung als Fettgewebe gespeichert. Wenn man noch mehr Energie aufnimmt, werden auch Kohlenhydrate aus der Nahrung in Fett umgewandelt und gespeichert.

Erhöhte Energiezufuhr durch falsche Ernährung

“Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann“, lautet schon das schlaue Sprichwort aus dem Volksmund. Leider haben sich aber die Lebensverhältnisse „so geändert, daß man jemandem, der seine Tage sitzend im Büro verbringt und hin und zurück mit dem Auto fährt, nicht mehr empfehlen kann, wie ein Kaiser zu frühstücken“ (Storch 1994, 205). Heutzutage ist es oft so, dass Kinder morgens kaum etwas frühstücken und wenig in die Schule mitnehmen. Laut WHO-Studie komme jedes zehnte Kind ohne Frühstück zur Schule (vgl. Thimm 2004, 178). Schlecht ist es, wenn sich das Kind daraufhin etwas Ungesundes am Kiosk kauft oder nur einen mitgebrachten Schokoriegel isst. Wenn es zu Hause aus Zeitgründen dann ein Fertiggericht oder sogar gar kein warmes Mittagessen gibt und das Kind erst abends, wenn auch der Vater von der Arbeit zurück ist, eine „richtige“ Mahlzeit bekommt, dann entspricht dies nicht einer gesunden über den Tag verteilten Nahrungsaufnahme. Gemeinsame Mahlzeiten mit Kindern finden leider aber immer seltener statt. Oftmals bleibt dadurch auch die Kommunikation, die wahrscheinlich manch psychischen Problemen[8] vorbeugen könnte, auf der Strecke, obwohl gerade diese Zeiten eine ideale Möglichkeit hierfür wären. Auf dem Speiseplan der postmodernen Kinder stehen Fastfood und energiereiche Getränke. Ausgewogene, abwechslungsreiche und selbst zubereitete Mahlzeiten scheinen seltener geworden zu sein, während ein überreiches Angebot an Süßigkeiten zu deren ständigem Verzehr verführt. Diese „Kalorienbomben“ stellen häufig die Zwischenmahlzeiten dar, die bis zum späten Abend und oft in viel zu großen Mengen und zu schnellem Tempo geschlemmt werden.

14 Prozent der elfjährigen Mädchen in Nordrhein-Westfalen essen täglich Kartoffelchips, bei den Jungen sind es sogar 21 Prozent. Ähnlich sind die Raten beim Verzehr von Pommes frites. Außerdem isst die Hälfte aller Kinder täglich Schokolade. Was Kinder dick macht, sind folglich Genussmittel, welche die Mahlzeiten ersetzen. (vgl. Padtberg 2003)

Des Weiteren wird das „moderne“ Ernährungsverhalten nach Pudel hauptsächlich von vier Kriterien beeinflusst:

1. Durch ihre Verfügbarkeit verlieren die Lebensmittel an Wert.
2. Sie verlieren ihre Identität, da ihre Verpackung derjenigen anderer Objekte gleicht.
3. Durch die Verarbeitung geht die ursprüngliche Beziehung zu ihrer Herkunft verloren.
4. Die emotionale Beziehung zum Essen nimmt durch die Auflösung von Tischgemeinschaften und Essgewohnheiten ab. (nach Pudel in Storch 1994, 205).

Auf den Punkt gebracht sollen einige Ernährungsprobleme im Kindes- und Jugendalter stichwortartig festgehalten werden: unregelmäßige Mahlzeiten; kein Frühstück; ungünstige Essenszeiten; Zwang die zu große Portion leer zu essen; wenig gemeinsame Mahlzeiten in der Familie; Essen während anderer Aktivitäten; zu schnelles Essen evtl. aus Angst, weniger als die Geschwister zu bekommen; Essen aus Frust; Essen aus Gelüsten; süße Snacks für Zwischendurch; süße Betthupferl; Süßes als Trost/ Belohnung/ Beruhigung/ Mitbringsel; Einseitige Ernährung; Vorzug von kalorienreichen Lebensmitteln und Getränken; fettreiche Zubereitung und Lebensmittel; zu viel Fleisch und Wurst – kaum Obst und Gemüse; zu wenig unerhitzte Frischkost; zu wenig Flüssigkeiten; viel gesättigte Fettsäuren; regelmäßiger Verzehr von Fastfood; Nahrungsmittel mit Zusatzstoffen; Lebensmittel mit Geschmackskonditionierer; zu wenig Getreideprodukte und Kartoffeln; …

Folgende Abbildungen sollen dies verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Verzehr in Deutschland" (Thimm 2004, 179)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Herkunft der Fette in der Kindernahrung" (Thimm 2004, 185)

„Und der Verbraucher greift gerne zu, denn vor den Folgen seiner Laster möchte er zwar bewahrt bleiben, nicht aber vor den Lastern selbst“ (Storch 1994, 207).

Aber wie sieht nun eine gesunde Ernährung aus?

Kleine Ernährungslehre (nach Kolbe 1998, 71ff)

Der Organismus kann aus Nährstoffen (in Lebensmitteln enthaltene chemische Substanzen) körpereigene Stoffe bilden. Man unterscheidet die energieliefernden Nährstoffgruppen Proteine, Fette, Kohlenhydrate und die nicht energieliefernden Nährstoffe wie Wasser, Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine.

Beispielsweise liefert:

- 1 g Eiweiß 4 kcal
- 1 g Fett 9 kcal
- 1 g Kohlenhydrate 4 kcal.

Nährstoffe sind nicht nur als Energieträger, sondern auch für ganz unterschiedliche körperliche Funktionen notwendig. Es reicht nicht aus, nur die benötigte Energie bereitzustellen, sondern man muss auf die Zusammensetzung der Energieträger achten. Zwar kann der Körper manche benötigten Stoffe selbst aufbauen, aber die meisten, die „essentiellen Nährstoffe“, müssen ständig in ausreichender Menge zugeführt werden. Diese werden im Anhang[9] erläutert. Hier wird beispielsweise auch erklärt, wieso Kohlenhydrate in Form von Einfachzuckern schnell wieder zu einem Hungergefühl führen, und weshalb auf die Qualität und die Reduzierung von Fetten geachtet werden sollte.

Übrigens sind Diätlebensmittel in der Regel nur dann kalorienärmer, wenn sie als kalorien- oder fettreduziert deklariert sind. Was Produkte, die mit Zuckeraustauschstoffen gesüßt sind, betrifft, so haben sie zwar keine kariesfördernde Wirkung, und Süßstoffe sind nach heutigem Kenntnisstand auch prinzipiell toxologisch unbedenklich, aber diese Produkte sind nicht kalorienärmer und können bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.

Ziel einer gesunden Ernährung sollte es sein, eine Empfindlichkeit für süße Produkte zu bekommen. Dazu muss aber mit Süßstoffen sparsam umgegangen werden. (vgl. Kolbe 1998, 71ff)

Darüber hinaus ist in geschichtlicher Hinsicht noch darauf hinzuweisen, dass sich die Qualität und Zusammensetzung der Nahrung wesentlich geändert hat. Bestand diese um das Jahr 1900 noch zu 2/3 aus Kohlenhydrate, so halten sich Kohlenhydrate und Fett heutzutage die Waage.

Ernährungstipps und Ernährungsberatung

Fischer (1998, 66ff) nennt 10 Grundsätze einer gesunden Ernährung:

vielseitig aber nicht zu viel, wenig Fett und fettreiche Lebensmittel, würzig aber nicht salzig, wenig Süßes, mehr Vollkornprodukte, reichlich Gemüse, weniger tierisches Eiweiß, Trinken mit Verstand, häufiger kleinere Mahlzeiten, schmackhafte und nährstoffschonende Zubereitung.

In einer Ernährungsberatung, die versucht eine Verhaltensänderung der Teilnehmer zu erreichen, sollten nach Storch (1994, 209) folgende Aufgaben beherzigt werden:

1. Umfassende wertungsfreie Kenntnisvermittlung
2. Verstärkung und Erweiterung des richtigen Ernährungsverhaltens
3. Stärkung des Selbstbewusstseins der Teilnehmer
4. Vorbildfunktion seitens des Beraters

Die zusammengestellten Ernährungstipps[10] im Anhang versuchen diese Grundsätze zu beherzigen, und dort sind auch nähere Erläuterungen zu einer gesunden Ernährung nachzulesen.

1.2.3 Mangel an Bewegung

„Wir wissen bereits, daß Mangel an Bewegung nicht die Ursache von Übergewicht ist, aber er spielt dennoch eine wichtige Rolle bei der Behandlung […] Ich bin noch nie einem Patienten begegnet, der durch sportliche Betätigung nicht abgenommen hätte“ (Rodin 1985, 50,51). Was Rodin 1985 nicht wusste, ist die mittlerweile unbestrittene Bedeutung der Bewegung für das „richtige“ Gewicht auch in der Prävention. „Bewegung, körperliche Aktivität und Sport sind im Hinblick auf dauerhaften, langjährigen Erfolg ein notwendiger Teil bei Therapie und Prävention der Adipositas“[11] Denn „ganz offensichtlich induziert der frühe Bewegungsmangel bei vielen Kindern eine habituelle Dickleibigkeit, die sich gesundheitsschädigend für die gesamte Lebenszeit auswirkt“ (Funke-Wieneke 1997, 112).

Übergewicht ist bei vielen Kindern keine Folge von zu üppigem Essen, sondern von viel zu wenig Bewegung. Das geht aus einer Langzeitstudie des Dortmunder Instituts für Kinderernährung hervor. Das Institut präsentierte im Mai 2004 einige Erkenntnisse der Studie, welche seit 18 Jahren läuft und die Ernährungsweise von Kindern bis ins jugendliche Alter untersucht. Ein Ergebnis sei, dass sich Kinder heute bis zu 50 Prozent weniger bewegten, als noch vor einigen Jahren. (vgl. Stern 27.05.2004)

Kinder von heute bewegen sich also im Vergleich zu früher sehr viel weniger. Dass sich dies auf das Gewicht auswirkt, ist offensichtlich. Durch Bewegung und Sport kontrahieren die Muskeln und verbrauchen Energie, indem sie Kalorien verbrennen. Jedoch hat sich das Freizeitverhalten geändert: Viele Kinder spielen Computer, lesen, schauen fern oder hören Musik, was dazu führt, dass viel Zeit im Sitzen verbracht wird und die Bewegung somit zu kurz kommt. Große Muskelgruppen werden kaum noch regelmäßig angesprochen. Außerdem fehlt der Ausgleich durch ein ausdauerndes, Herz- Kreislauf belastendes Training. Denn beim aeroben Ausdauertraining wird beispielsweise durch sauerstoffverbrauchende Muskelfasern Energie aus Fett gewonnen. Man schwitzt sich regelrecht dünn. Und wo Muskeln aufgebaut werden, wird Fett abgebaut. Da die Mobilisierung oder Oxidation von Fettsäuren relativ spät und nur in Gegenwart von Sauerstoff erfolgt, sollte die Belastung nicht zu kurz (Kohlenhydratverbrennung) und nicht zu intensiv (im anaeroben Bereich) sein (vgl. Fiebig 1993, 41).

Der Körper baut bei zu wenig körperlicher Aktivität Muskelmasse ab, was zum einen die Bildung von Fettzellen fördert und zum anderen den Grundumsatz senkt, was wiederum die Entstehung von Übergewicht begünstigt. So führen auch Krankheiten (z.B. Asthma bronchiale) oder Verletzungen, die am Sporttreiben hindern, zu Übergewicht. „Der Bewegungsmangel schwächt wie der Nahrungsmangel; allerdings sind die Folgen des Bewegungsmangels weniger sichtbar“ (Israel 1995, 33) und vielleicht gerade deshalb wird seine Gefahr verkannt.

Die negativen Auswirkungen des Bewegungsmangels werden auch laut Martin unterschätzt, der diesen als vergleichbar schädlich oder schädlicher wie andere etablierte Risikofaktoren (z.B. Rauchen) ansieht. (vgl. Martin 1999, 151; Blair in Ketelhut/Bittmann 2001, 342).

Im Rahmen einer landesweiten Untersuchung in Kanada beschäftigte sich eine Teilstudie damit, ob sich ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Bewegung bzw. Bewegungsmangel hinsichtlich der Freizeitbeschäftigungen von sieben- bis elfjährigen Kindern herausstellen lässt. Die Studie zeigt, dass körperliche Aktivität Kinder vor Übergewicht schützt. Unabhängig vom familiären Hintergrund fällt die Wahrscheinlichkeit für Adipositas bei denjenigen Kindern am geringsten aus, die regelmäßig sog. "unorganisierten" Sport betreiben, d.h. außerhalb von Unterricht und Vereinen, und/oder weniger als zwei Stunden pro Tag fernsehen. Diese Kinder zeichnen sich auch durch eine aktive Freizeitgestaltung aus. (vgl. Tremblay/Willms 2003, 1100ff)

Eine Langzeitstudie kam sogar zu den Ergebnissen, dass Kinder, welche zwei Stunden täglich fernsehen, bereits Mitte Zwanzig übergewichtig und herzschwach seien (vgl. Thimm 2004, 177).

So ist der Bewegungsmangel, auf dessen Ursachen und Folgen im Kapitel 2 noch näher eingegangen wird, einer der Hauptursachen für die Zunahme von Übergewicht in den westlichen Industrienationen, und dies gilt insbesondere für die steigende Zahl von übergewichtigen Kindern in Mitteleuropa und den USA.

1.2.4 Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch am Beispiel des Oszillationsmodells

Die tägliche Ernährung liefert Energie, die von körperlicher Aktivität verbraucht wird. Ein Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch ist von größter gesundheitlicher Bedeutung, denn diesbezügliche „Ungleichgewichte [...] sind Hauptursache vieler (fast aller) Zivilisationskrankheiten“ (Eigenmann/Nef 1999, 63).

Eine positive Energiebilanz, d. h. die Energieaufnahme ist größer als der Energieverbrauch, stellt folglich neben möglichen genetischen Ursachen die Hauptursache für Übergewicht dar.

Schimmel/Treutlein (1992, 32) bezeichnen als Grundlage der Gesundheitsförderung das Oszillieren um die Mitte. Gesundheit und Wohlbefinden werde dann hergestellt, wenn ein regelmäßiges Pendeln zwischen zwei aufeinander bezogenen Polaritäten (wie Wachen – Schlafen, Bewegung – Ruhe, Spannung – Entspannung u.a.m.) gelingt. Ein zu langes verharren an einem Pol (gewollt oder ungewollt) gefährde die Gesundheit. Jedoch gebe der Körper zu gegebener Zeit Signale, welche auf ein Zurückpendeln zum gegenüberliegenden Pol hinweisen. Bei Unterdrückung der Signale oder mangelnder Bereitschaft bzw. Fähigkeit des Menschen zur Umkehr verlasse er längerfristig die Signalzone und gerate in die Krankheitszone. Von dort sei eine Pendelumkehr meist nur mit fremder Hilfe möglich. „Die Fähigkeit des Oszillierens wird in sämtlichen Lebensbereichen für eine gesunde Lebensführung benötigt, z.B. bei der Ernährung beim Beachten des Wechsels von Hunger und Sättigung; die Sensibilität für Polaritäten ist heute oft wenig entwickelt“ (Schimmel/Treutlein 1992, 33f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1"Das Oszillationsmodell" (Janalik/Treutlein 1989 in: Schimmel/Treutlein 1992, 33)

Sehr ähnlich verhält sich das polare Prinzip in der Rhythmik nach Längin. Auch hier wird von Polaritäten gesprochen. Das ausgeglichene Verhältnis zweier Pole z. B. Spannung und Lösung wird als Eutonie bezeichnet. „Der tiefe Wunsch eines Menschen ist es, in ein gutes Spannungsverhältnis zu gelangen, was sich in Wohlbefinden, Lebensqualität, ausgewogener Lebensführung, in Gesundheit äußert. [...] Unrhythmisches Verhalten bedeutet Fixierung auf einen Pol und führt [...] letztlich zu Krankheit“ (Längin 1994, 437).

Nach Dallinger (1997, 70) ist auch ein Gleichgewicht zwischen geistigen und körperlichen Bedürfnissen wichtig, das im Späteren anhand des Zusammenhangs von Übergewicht und Psyche noch näher erläutert wird.

Auch Energieaufnahme und Energieverbrauch kann man als zwei zueinander gehörige Pole betrachten. Somit steht dem Pol „Bewegung“ nicht nur der Pol „Ruhe“ gegenüber, sondern auch „Ernährung“. Isst man zuviel, oder bewegt man sich zu wenig, so kommt man aus der Gesundheitszone heraus in die Signalzone. Jedoch bemerken viele Kinder nicht, dass sie sich in einer Signalzone befinden[12], da sie in ihrer Bewegung meist nicht beeinträchtigt sind und sich somit gesund fühlen. Sie sehen also keine Notwendigkeit etwas gegen ihr allmählich schleichend-zunehmendes Übergewicht zu tun.

1.2.5 Gründe für Fehlernährung und Bewegungsmangel

Ein Grund für Fehlernährung und Bewegungsmangel von Kindern ist, dass diese sich der negativen Folgen noch nicht bewusst sind. „Da Kinder besonders stark gegenwartsorientiert sind, finden Hinweise auf spätere Gesundheitsprobleme kein Interesse“ (Storch 1994, 203). Kinder lassen sich folglich leicht durch ihre Umgebung zu ungesundem Verhalten verführen, weshalb man, um nun weitere Gründe für Fehlernährung und Bewegungsmangel zu finden, ihr Umfeld untersuchen muss. Aus diesem Grund soll im Folgenden kurz auf gesellschaftliche und familienstrukturelle Hintergründe eingegangen werden. Als weiterer Hintergrund folgt eine lernpsychologische Erklärung des falschen Verhaltens der Kinder bezüglich Ernährung und Bewegung. Da in Kapitel 2 die verschiedenen Aspekte von Bewegungsmangel ausführlich beleuchtet werden, werden hier nur die Gründe für die Fehlernährung dargelegt, wobei diese Gründe in der Familie, in der Gruppe der Gleichaltrigen, in den Medien und in psychischen Problemen gesucht werden.

Hintergrund: Wandel der Gesellschaft und der Familienstruktur

Der Wandel der Gesellschaft und der Familienstruktur wirkt sich nicht nur auf die Erziehung und die Bedeutung des Kindes aus, sondern er begünstigt auch falsche Ernährung. Betrachtet man beispielsweise unsere steinzeitlichen Vorfahren, so ist der ständige Mangel an Essen auffällig. Der Körper musste mit dem, was er bekam sehr gut haushalten können. In Zeiten des Nahrungsüberflusses wurde die Nahrung vom Körper in Form von Fett gespeichert[13], um lange Zeit (z.B. über den Winter) davon zehren zu können. Wenn man dann die noch nicht so lange zurückliegende Familienstruktur der bäuerlichen Grußfamilie auf Überernährung hin untersucht, stellt man fest, dass es dieses Problem aufgrund der ärmeren Verhältnisse auch hier noch nicht gab. Man sieht also, „erst im Zeitalter der Industrialisierung wurde es möglich, mit steigender Kaufkraft den Bedarf so zu decken, daß der einzelne und später die Gesellschaft sich „überernähren“ konnte“ (Storch 1994, 204).

Außerdem hatte ein Kind in den damals üblichen patriarchalisch geprägten Großfamilien, in denen die Großeltern noch im gleichen Haus wohnten, viele Kinder die Existenz sicherten und sich alle Familienmitglieder an der Erziehung beteiligten, auch seine Aufgabe und Stellung und somit einen Halt in der Familie.

Dagegen besteht die moderne Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kind, wobei oft beide Elternteile erwerbstätig sind. Nicht selten sind allein erziehende Eltern zu finden. 15% aller Neugeborenen wachsen in Ein-Eltern-Familien auf (vgl. Schmidt 2001, 374). „In den Stadtstaaten wird bereits jedes 5. Kind in sog. nicht-eheliche Lebensabschnittsgemeinschaften hineingeboren. Da inzwischen jede dritte Ehe geschieden wird, wachsen ca. 1,5 Millionen Kinder in Scheidungsfamilien auf“ (Schmidt 2001, 174).

Besonders bei allein erziehenden Eltern führt die Erwerbstätigkeit häufig zu einer Vernachlässigung des Erziehungsauftrags. Kinder, die häufig alleine, und somit bezüglich der Ernährung und der Freizeitgestaltung zu früh auf sich selbst angewiesen sind, neigen dazu einerseits ungesundes Essen in Form von Fertiggerichten oder Fastfood und andererseits bewegungsarme Beschäftigungen wie Computer spielen oder Fernsehen zu bevorzugen. Und die Eltern unternehmen meistens nichts, um dieses Verhalten ihrer Kinder zu ändern, da sie sich entweder über die negativen Folgen nicht im Klaren sind oder da sie den Kindern als Ausgleich für die Vernachlässigung wenigstens diese momentane Freude[14] lassen möchten, oder weil sie nicht genügend Autorität besitzen, um darauf Einfluss nehmen zu können. Denn der Erziehungsstil ist generell demokratischer geworden. Die Kinder widersprechen ihren Eltern häufiger und bestehen auf Durchsetzung ihrer eigenen Meinung, während die Autorität der Eltern abnimmt.

Viele Eltern entscheiden sich für nur ein Kind[15], da ihnen ihre Arbeit wichtiger ist und die Erziehung eines Einzelkinds weniger Aufwand erfordert. Die demographische Entwicklung zeigt, dass der Kinderanteil von 34% im Jahre 1910 auf 16% im Jahre 1994 sank und Prognosen von 12% fürs Jahr 2030 ausgehen (vgl. Schmidt 2001, 373).

In einer multikulturellen und schnelllebigen Leistungs- und Konsumgesellschaft, in der sich feste Familienstrukturen weitgehend gelockert haben, ist es für ein Kind schwer einen Halt und einen festen Platz in der Gesellschaft zu finden. Hierdurch wird die Identitätsfindung immer schwieriger. Kiphard (1997, 52) bemängelt zudem, dass die moralischen Werte vergangener Jahre kaum mehr vermittelt werden und Hahne begründet diesen Werteverlust in der Wurzellosigkeit heutiger Menschen (Hahne 2004, 52ff). „Denn die Familie ist der erste und wichtigste Ort zur Vermittlung von Werten. Hier werden die Fundamente gelegt, auf die der Mensch sein ganzes Leben aufbauen kann – oder eben nicht“ (Hahne 2004, 91). Auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit flüchten sich manche Kinder in Ersatzbefriedigungen wie dem Essen.[16]

Hinzu kommt auch, dass die Kinder bedingt durch die Konsumgesellschaft und den Reizüberfluss immer höhere Ansprüche haben. Sie schaffen es kaum, Bedürfnisse aufzuschieben. Ihr momentanes Stimmungsbild ist entscheidend und sie „wollen ihre Bedürfnisse momentan befriedigt haben“ (Kiphard 1997, 52). Sie zeigen somit eine Tendenz zu aktuellem statt zu habituellem Wohlbefinden[17], was Bewegungsmangel und falsche Ernährung begünstigen kann. Kinder essen beispielsweise viel Süßes oder schauen viel fern, da sie im Moment der Tätigkeit ein angenehmes Gefühl empfinden, aber auf Dauer ist dieses Verhalten gesundheitsschädigend.

Doch man sollte die Schuld für solch ein Verhalten nicht vorschnell den Kindern selbst geben: „Sind auffällige Verhaltensweisen von Kindern nicht auch eine gesunde Reaktion auf eine kranke Gesellschaft?“ (Hannig-Schosser 1997, 159).

Zusammenhang von Übergewicht und Gesellschaftsschicht

„Es lässt sich eine hohe umgekehrt proportionale Beziehung zwischen dem Ausmaß an Übergewicht und der sozialen Schicht feststellen“ (Ziroli 1999, 334). Je höher der sozioökonomische Status der Menschen, desto geringer ist das Körpergewicht. Kinder ungelernter oder gelernter Arbeiter sind prozentual am häufigsten adipös. Kinder aus sozial schwachen Familien schauen häufiger fern und essen weniger gesunde Lebensmittel. In höheren Schichten werde es nach Bruch besser verstanden, Essverhalten kognitiv zu kontrollieren, und außerdem seien hochkalorische Lebensmittel billiger als diätisch optimierte und eiweißreiche Kost. (vgl. Bruch 1991, 39; Böger 2005, 23)

In Deutschland sind laut Zeitschrift Die Zeit 27% der Kinder von Armut betroffen, was dem zweithöchsten Wert in Europa entspricht. Wer arm ist, habe kein Geld für Sportvereine und kaufe billige Nahrungsmittel. Obst und Gemüse sind teuer, während fetthaltiges Schweinefleisch, Pommes frites und Süßigkeiten günstig zu bekommen sind. Deshalb seien Ausländerkinder im Schnitt häufiger dick und dicker als andere, besonders dann, wenn sie in Deutschland geboren wurden. (vgl. Padtberg 2003)

Lernpsychologischer Hintergrund

Klassisches Konditionieren

Auch lernpsychologisch kann man das Verhalten übergewichtiger Kinder analysieren. Im klassischen Konditionieren löst ein Reiz (z. B. Geruch der Nahrung) eine gewisse Reaktion (Appetit) aus: „Eine Reihe von Versuchen hat gezeigt, daß Essenssignale aus der Umwelt eine unmittelbare Reaktion des Verdauungsapparates hervorrufen. Allein der Anblick oder Geruch von Essen [...] lassen den meisten Menschen buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen“ (Rodin 1985, 72). Das bekannteste Beispiel hierzu ist wohl der Pawlow’sche Hund.

Operantes Konditionieren

Das operante Konditionieren beschreibt den Auf- oder Abbau von Verhalten durch Verstärkung oder Bestrafung. Ein übergewichtiges Kind, das sich sportlich betätigt und dabei gehänselt wird, wird es in Zukunft unterlassen, derartige Aktivitäten zu unternehmen. Auch wenn ein Kind bei seinen Bemühungen um eine Gewichtsabnahme ständig Rückschläge erleiden muss, wie es bei einer radikalen Diät häufig der Fall ist, so wirkt das ursprüngliche Hoffen auf ein positives Ergebnis bei dessen Nichteintreten wie eine Bestrafung, was dazu führen kann, dass das Kind sein Vorhaben aufgibt. Negative Empfindungen durch Hänselei oder Enttäuschung wirken als negative Verstärkung und führen zum Verhaltensabbau. Werden dagegen die Hänseleien unterlassen, oder erfährt das Kind ein Erfolgserlebnis, so wird diese positive Empfindung das Kind zum Fortführen seines Vorhabens ermutigen. Auch richtig eingesetztes, nicht pauschales Lob löst positive Gefühle aus und kann gewünschtes Verhalten unterstützen. Die positiven Empfindungen stellen folglich eine positive Verstärkung dar und bewirken einen Verhaltensaufbau.

Modelllernen

Die sozial-kognitive Lerntheorie ist geprägt vom Imitationslernen[18]. Dieses Modelllernen bestätigt allzu sehr, in welchem Maße sich Kinder von dem Verhalten von Familienangehörigen etwas „abgucken“. Eltern sind lange Zeit Vorbilder, denen nachgeeifert wird und deren Verhalten von ihren Nachkömmlingen kopiert wird. Hierzu zählt die gesamte Lebensführung wie beispielsweise Essverhalten, Bewegungsverhalten, Freizeitverhalten, usw. Weitere Vorbilder suchen sich Kinder im Fernsehen und in ihrem sozialen Umfeld und imitieren deren Verhalten.

Fehlverhalten der Eltern als Grund für falsche Ernährung

Es gibt verschiedene Gründe für ein Fehlverhalten der Eltern.

Einer wäre, dass sie aus Unwissenheit falsch handeln. Einerseits kann nämlich schon im Säuglingsalter kindliche Fettsucht programmiert werden, indem jegliches Schreien als Wunsch nach dem Fläschchen interpretiert wird. Der Schoppen wird zum Allheilmittel und Trost, obwohl eigentlich die Windel nass ist, das Kind Bauchschmerzen oder ein Bedürfnis nach Nähe hat. Andererseits können Eltern bei mangelndem Wissen über Füll- und Streckphasen im Kindes- und Jugendalter dazu neigen, Kindern ein falsches Essverhalten anzugewöhnen. Zwischen vier und sieben Jahren beispielsweise bleibt die Gewichtszunahme hinter dem Wachstum zurück, und Kinder wirken dünn. Werden sie nun zum Essen animiert, kann das normale Hunger- und Sättigungsgefühl empfindlich gestört werden. Mangelndes Wissen über gesunde Ernährung und Bewegung sind ebenso ausschlaggebend.

Doch eigentlich sind die Informationsmöglichkeiten über gesunde Ernährung recht groß, aber es zeigt sich leider, „daß das Wissen über gesunde Ernährung noch lange keine Verhaltensänderung im Alltag bewirkt“ (Storch 1994, 203). Ein zur Gewohnheit gewordenes Verhalten hat starken Prägungscharakter. Und somit ist die mangelnde Bereitschaft zu einer Verhaltensänderung der Grund dafür, dass ungünstige Ernährungsgewohnheiten[19], die sich in den Familienalltag eingeschlichen haben, ein Nährboden für Übergewicht werden können. Denn das ungesunde Ernährungsmuster der erwachsenen Vorbilder überträgt sich aufgrund des Modelllernens[20] oft automatisch auf das Kind.

Des Weiteren kann eine Vernachlässigung der Kinder einerseits zu häufigem Fastfood- Konsum und andererseits sogar zu einer „Flucht ins Essen“ aufgrund psychischer Probleme[21] führen. Hinzu kommt nach Ziroli, dass Eltern versuchen, Vernachlässigungen durch Nahrung oder andere materielle Gegenstände auszugleichen. Nahrung bekommt so den symbolischen Wert von Liebe und Sicherheit. (vgl. Ziroli 1999, 335) Vielleicht denkt sich auch manch ein Elternteil, dass sein übergewichtiges Kind sehr viel erleiden muss und will es ihm wenigstens zu Hause gut gehen lassen. Ein weiterer Grund wäre, dass Eltern aufgrund mangelnder Autorität oder mangelnder nervlicher Belastbarkeit den unvernünftigen Wünschen der Kinder nachgeben.

Da das Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen in der Regel noch nicht ausreicht, um entscheiden zu können, was gut für sie ist und was nicht, ist es die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder vor Übergewicht zu schützen oder sie gegebenenfalls zum Abnehmen zu animieren und darin zu unterstützen. Schönredende Äußerungen wie: „Du kannst nichts dafür, das ist eine Veranlagung“, helfen dem Kind nicht weiter. Stattdessen muss die ganze Familie ihr mögliches Fehlverhalten bezüglich ungesunder Ernährung ablegen, d. h. zu einer Verhaltensänderung bereit sein.

Manipulation durch Werbung als Grund für falsche Ernährung

Täglich lockt die Werbung mittels Fernsehen, Zeitungsannoncen oder Plakaten mit dem Charakter eines Wolfes im Schafspelz. Vor allem Kinder, die nicht ausreichend über Werbung reflektieren können und noch nicht wissen, was ihnen gut tut und was ungesund ist[22], werden manipuliert. Gesunde Milch lockt zum Kauf von Milchschnitte und von Kinderschokolade („Für die Extra-Portion Milch!“), ebenso wie kakaohaltige Getränkepulver mit der Zusatzaufschrift „mit 6 Vitaminen + Traubenzucker + Calcium“ zum ihrem Kauf einladen. Es fällt auf, dass insbesondere die Werbung von Kinderprodukten auf die Betonung der gesunden Inhaltsstoffe großen Wert legt, um die Eltern dazu zu verleiten, sich für diese scheinbar wenigstens etwas gesunden Produkte zu entscheiden. Als „gesünder“ werden auch die mit Süßstoff versehenen Produkte präsentiert: „Willst du das Leben ohne Konsequenzen genießen – trink’ Pepsi- light!“ verspricht ein Slogan.

„Gruppenzwang“ als Grund für falsche Ernährung

Einen wesentlichen Einfluss auf das Essverhalten von Kindern haben auch ihre Gleichaltrigen. So kann es beispielsweise vorkommen, dass die Pausenbrote im Kindergarten oder in der Schule verglichen werden. Wenn ein Kind sich nun aufgrund eines gesunden Pausenbrots hämische Bemerkungen anhören muss, so führt diese negative Verstärkung dazu, dass es versuchen wird, sich den Gleichaltrigen anzupassen und somit der Tendenz zur falschen Ernährung zu folgen. Auch die Verpflegung in Vereinen und Jugendgruppen unterstützt in der Regel die ungesunde Ernährung. Es ist z.B. selbstverständlich, dass dort limonadehaltige Getränke anstatt der wesentlich mineralstoffreicheren und gesünderen Apfelsaftschorle getrunken werden. Auf Festen und bei geselligen Zusammenkünften gibt es auffallend häufig Pommes frites, fettige Würstchen und Kuchen. Wer will darauf schon verzichten und als Außenseiter sein gesundes, mit Salat belegtes Brot, Obst oder das mitgebrachte Wasser auspacken. Hierzu wäre eine große Selbstdisziplin und ein starkes Selbstbild nötig, welches besonders übergewichtige Kinder oft nicht haben. In Bezug auf das Essen, welches übergewichtige Kinder in Gemeinschaft mit anderen einnehmen, befinden sie sich in folgendem Dilemma: Essen sie Süßigkeiten oder fettreiche Lebensmittel, kann es sein, dass sie mit den Worten beschimpft werden, dass sie so nie abnehmen würden. Ernähren sie sich gesund, fühlen sie sich vielleicht nicht wohl, weil sie Spott fürchten und wahrscheinlich gerne das Gleiche wie ihre Kameraden essen würden.

Psychische Probleme als Grund für falsche Ernährung

Während Rodin (1985, 24f) noch die Annahme vertrat, dass die meisten übergewichtigen Menschen seelisch vollkommen gesund seien und eher das Übergewicht die Ursache für seelische Störungen sei und nicht umgekehrt, gibt es heute schon ganz andere Meinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse. „Man weiß aus verschiedenen körpertherapeutischen Richtungen sehr viel über den Zusammenhang von Körper und Psyche, d.h. daß die Psyche den Körper beeinflusst und daß über die Arbeit am Körper auch die Psyche beeinflusst werden kann“ (Amler 1994, 443). Somit kann das Bewegungsverhalten eines Kindes und seine körperliche Verfassung Aufschluss geben über seine psychische Befindlichkeit, und Übergewicht kann als Folge psychischer Probleme gedeutet werden. Die psychischen Probleme können also die Ursachen von Übergewicht auslösen, nämlich falsche Ernährung und Bewegungsmangel (siehe Kapitel 2). Viele Essstörungen sind somit auf psychische Probleme zurückzuführen, die nun genauer beleuchtet werden.

Sie entstehen beispielsweise, wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Eltern verbringen oft zu wenig Zeit mit ihren Kindern, reden zu selten mit ihnen und bauen kein angenehmes Familienklima auf. Ein ausgefülltes Berufsleben, Kraftinvestition in eigene Sorgen und Nöte und emotionale Spannungen zwischen Eltern lassen ihre Kinder vermehrt in den Hintergrund treten und führen zu deren psychischer Belastung, da die Kinder nicht über Probleme reden können und ihre Bedürfnisse übersehen werden. Kommen nun auch noch Frustrationen, Stress, Ärger, Ängste, Liebesmangel, Konflikte, oder gar Familientragödien,… hinzu, dann kann dies die Folge haben, dass das Kind sich ins Essen flüchtet, um diese Sorgen „herunterzuschlucken“, zu „verdauen“ und zumindest für den Augenblick zu vergessen. Vor allem Süßigkeiten bieten mit ihren, das Glücksgefühl fördernden Stoffen eine angenehme Ersatzbefriedigung und somit Trost, Sicherheit und ein aktuelles Wohlbefinden. In manchen Fällen essen sich Kinder einen Schutzpanzer an, um Einflüsse aus der Umwelt, so gut es geht, von sich fern zu halten. Das Dickwerden ist häufig ein Hilferuf an die Außenwelt. Kinder wollen dadurch auf sich oder vielleicht auf ein psychisches Problem aufmerksam machen.

Ein letztes psychisches Problem wäre, wenn ein Kind ein verzerrtes Bild von seinem Körper hat. Es kann passieren, dass es zwanghaft zuviel isst, da es sich zu dünn vorkommt. Meistens sehen sich Kinder mit solchen Problemen aber eher dicker, als sie in Wirklichkeit sind, was zur Bulimie führen kann.

1.3 Auswirkungen des Übergewichts

Übergewicht wirkt sich nicht nur auf die körperliche Gesundheit negativ aus, sondern auch auf die Psyche. Auf dem Hintergrund des durch die Medien verbreiteten gesellschaftlichen Schönheitsideals wird im Folgenden das Selbstwertgefühl und das Selbstbild von Übergewichtigen untersucht und dann auf ihre Motivation und ihren sozialen Umgang eingegangen. Danach wird das gesellschaftliche Ausmaß des Übergewichts dargestellt und schließlich der Sinn einer Diät oder Kur, die auch Auswirkungen des Übergewichts sind, erklärt.

1.3.1 auf die körperliche Gesundheit

„Von verschiedenen Autoren ist gezeigt worden, [...] daß Adipöse häufiger und ernsthafter erkranken als Normalgewichtige“ (Beckmann 1964, 107). Leider kann es durch Übergewicht zu Gefäßkrankheiten wie der Arteriosklerose[23] und zu Stoffwechselstörungen kommen. Langfristig wird das Herz-Kreislauf-System angegriffen. Selbst unter den Jüngeren verbreiten sich vermehrt Krankheiten, die bisher fast nur von älteren Menschen bekannt waren, wie z.B. erhöhte Cholesterinwerte oder Diabetes mellitus (= Störung im Energiestoffwechsel). Dies begünstigt dann die Entwicklung der Arteriosklerose. Eine weitere Folge daraus kann die Hypertonie (Bluthochdruck) sein. Darüber hinaus besteht bei übergewichtigen Menschen ein erhöhtes Trombose- und somit auch Lungenembolierisiko. Nur noch 16% der Kinder hätten heutzutage normale Blutfettwerte. (in Weineck 1995, 139)

Oft haben übergewichtige Kinder Asthma bronchiale und sind körperlich weniger belastbar. Ihnen geht schnell „die Puste“ aus, und sie sind leistungsschwächer als ihre Klassenkameraden. Bedingt durch mechanische Überbelastung wird das Skelett adipöser Kinder, insbesondere Hüfte, Knie und Wirbelsäule, in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem sind Fehlhaltungen und muskuläre Dysbalancen die Folge.

„Erfahrungen mit dem Körper, durch den Körper und des Körpers sind für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, aber auch für Erwachsene von großer Bedeutung“ (Treutlein 2003, 87f). Bei Übergewichtigen mangelt es aber einerseits an Kondition, und andererseits sind für sie Koordination und Körpererfahrungen nicht leicht zu erlangen, oder sie machen hier hauptsächlich negative Erfahrungen. Es fehlt ihnen an Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Ausdauer. Die koordinativen Fähigkeiten, wie z.B. die Gleichgewichtsfähigkeit, sind ebenfalls beeinträchtigt.

„Infolge dieser Defizite, soviel weiß man heute mit Sicherheit, ist auch die geistige und seelische Entwicklung behindert“ (Kolbe 1998, 29). Kolbe spricht von einer Verzahnung der körperlichen, motorischen, intellektuellen, wie auch sozialen Entfaltung von Kindern. Obwohl Bruch (1997) in Untersuchungen feststellen konnte, dass das Übergewicht von Kindern für diese kein großes Hindernis darstelle, dass sie von den Folgen noch nichts spüren würden und dass ihr Gewicht ihnen ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Stärke vermittle, indem es wie eine Schutzwand funktioniere (vgl. Lange 1999, 67), sind Neigungen zu psychischen Anfälligkeiten nicht auszuschließen.

1.3.2 auf die Psyche

Im Folgenden wird auf Faktoren eingegangen, die die kindliche Psyche beeinflussen und in engem Zusammenhang mit dem Bewegungsverhalten stehen und die psycho-physischer (Körperfunktionen empfinden, wahrnehmen, erleben), psycho-emotionaler (Gefühle, Körperbild, Körperschema, Bewegungsmotivation) und psycho-sozialer (Bewegungsverhalten, materiales Umfeld, soziale Akzeptanz, Bewertung der motorischen Bewegungsleistung durch Gruppe oder Bezugspersonen) Art sind (vgl. Cicurs/Koschel/Steinmann 1994, 203). Hierbei wird zuerst kurz auf den Zusammenhang von Körper und Geist eingegangen und als Hintergrund zum Kapitel „Selbstwertgefühl und Selbstbild“ das Schönheitsideal unserer Gesellschaft aufgezeigt. Das dann beschriebene „Selbstkonzept“ „[…] hat wesentlichen Einfluss auf das soziale, kognitive und emotionale Verhalten und Lernen von Kindern“ (Zimmer 1994, 227), auf das in den folgenden Kapiteln „Motivation“ und „Sozialer Umgang“ eingegangen wird.

Zusammenhang von Körper und Geist

Juvenal’ s “Mens sana in corpore sano”, mit dem er die gesundheitliche Wechselwirkung von Geist und Körper beschreibt, weist bei der Frage, inwieweit sich das körperliche Übergewicht auf die geistige Psyche auswirkt, noch immer brisante Aktualität auf. Nimmt man an, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt, so könnte man schlussfolgern, dass es einem gesunden Geist schwer fällt, in einem kranken, weil übergewichtigen, Körper Wohnung zu nehmen.

Schon Philosophen der Antike widmen sich dem Thema der Einheit von Leib und Seele. Platon wertet den menschlichen Körper als Gefängnis der Seele ab und sieht den Tod als Erlösung und Absonderung der Seele von dem Körper, was zu dem Schluss führt, dass der Körper unbedeutsam ist und ein Leben in Askese erstrebenswert wäre. Der Körper wird als das menschlich- Vergängliche und die Seele als göttlich- Unvergängliche betrachtet. Der Leib-Seele Dualismus wird auch von René Descartes („ich denke, also bin ich“) proklamiert. Sein Rationalismus führt zur Trennung von Ich und Umwelt, räumlich-körperlicher und geistiger Substanz. Der menschliche Körper gleicht einer Maschine, welche aus vielen Einzelteilen besteht.

[...]


[1] zitiert in Rodin 1985, 44

[2] 8-12% der Kinder sind bereits von Hypertonie betroffen (nach Deutsche Liga zur Bekämpfung des hohen Blutdrucks in Ketelhut/Bittmann 2001, 342)

[3] Ahrens 2004 unter http://www.aok-presse.de

[4] vgl. 1.2.5 „Lernpsychologischer Hintergrund“ und „Fehlverhalten der Eltern“

[5] siehe Anhang „Energieaufnahme und Energieverbrauch“

[6] Man rechnet pro Stunde und Kilogramm Körpergewicht etwa 1 Kilokalorie.

[7] vgl. „Ungleichgewicht von Energieaufnahme und Energieverbrauch…“ in Kapitel 1.2.4

[8] vgl. „Psychische Probleme“ in Kapitel 1.2.5

[9] siehe Anhang „Kleine Ernährungslehre“

[10] siehe Anhang „Ernährungstipps“

[11] Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention unter http://www.dgsp.de/adipositas.doc

[12] Ein positiver Dialog mit dem eigenen Körper gelingt längst nicht allen Menschen, da sie ihre körperlichen Funktionen und Bedürfnisse zu wenig oder verzerrt wahrnehmen. (vgl. Treutlein 1994, 134)

[13] Das Problem ist nur, dass unser Körper auch noch in unserer Zeit des Nahrungsüberflusses überschüssige Nahrung speichert, obwohl dies nicht nötig wäre, da ja jederzeit genügend Nahrung vorhanden ist.

[14] s.u. aktuelles Wohlbefinden

[15] „53% aller Haushalte mit Kindern haben nur ein Kind“ (Schmidt 2001, 374).

[16] vgl. „Psychische Probleme“ in Kapitel 1.2.5

[17] Man kann die Dauer zwischen aktuellem und habituellem Wohlbefinden (z.B. Moor 1995, 18) unterscheiden. Das aktuelle Wohlbefinden wirkt relativ kurzfristig und beinhaltet den momentanen Gefühlszustand. Das habituelle Wohlbefinden hingegen ist eine allgemeine, langfristige, stabile, überdauernde Lebensgrundzufriedenheit.

[18] Wesentlicher Vertreter des Lernens durch Beobachten und Nachahmen ist Bandura.

[19] Beispielsweise die unter „Falsche Ernährung“ in Kapitel 1.2.2 aufgezählten Ernährungsprobleme im Kindes- und Jugendalter.

[20] vgl. Modellernen in „Lernpsychologischer Hintergrund“ in Kapitel 1.2.5

[21] vgl. „Psychische Probleme“ in Kapitel 1.2.5

[22] Betrachtet man die Wünsche unserer Kinder, so würden sie am liebsten ständig Fernsehen, immer Eis und Süßigkeiten essen, nie aufhören zu spielen, nie ins Bett oder in die Schule gehen…

[23] Nach der WHO weisen aufgrund unserer heutigen Lebensweise 10% der 10jährigen, 20% der 20jährigen, u.s.w. artheriosklerotische Gefäßveränderungen auf, welche frühzeitig zu kardialen Komplikationen führen können (vgl. Weineck 1995, 137).

Details

Seiten
127
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638033251
ISBN (Buch)
9783638929622
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88059
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Bewegungsmangel

Autor

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Titel: Übergewicht durch Bewegungsmangel