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Produktionsorientierte Annäherung an ein expressionistisches Gedicht von Alfred Wolfenstein - "Städter" in der Sekundarstufe I eines Gymnasiums (7. Klasse)

Lehrprobenstunde als Teil der Unterrichtseinheit: Stadt und Natur im Gedicht / Stadtgedichte / Expressionismus

Unterrichtsentwurf 2006 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Planungsrelevante Faktoren
1.1 Schülerbezogene Planungsfaktoren
1.2 Rahmenplanbezug
1.3 Einbettung des Themas in den laufenden Unterricht

2. Sachanalyse

3. Entscheidungen
3.1 Ziele und Intentionen
3.2 Didaktische Reduktion
3.3 Methodisch-didaktische und medienbezogene Überlegungen zu den einzelnen Phasen der Stunde
3.3.1 Einstieg: Zugang über die Betrachtung eines Gemäldes von Jacob Steinhardt
3.3.2 Vorlesen der ersten beiden Strophen des Gedichts – Präsentation auf OHP
3.3.3 Erste Erarbeitungsphase – Arbeitsblatt in Partnerarbeit
3.3.4. Sicherungsphase: Besprechen der Ergebnisse der Partnerarbeit
3.3.5 Zweite Erarbeitungsphase Produktive Schreibaufgabe – innerer Monolog als Fortsetzung des Gedichts
3.3.6 Besprechen einzelner Monologe im Unterrichtsgespräch

4. Phasenbezogene Lernziele und Kompetenzen

5. Tabellarischer Überblick über den geplanten Stundenverlauf

1. Planungsrelevante Faktoren

1.1 Schülerbezogene Planungsfaktoren

Die Klasse 7x setzt sich aus 15 Schülern und 12 Schülerinnen zusammen, die ich seit Anfang des Schuljahres 2005/06 bedarfsdeckend fünf Stunden die Woche unterrichte.

Es handelt sich um eine freundliche, lebhafte Klasse, die phasenweise leistungsstark arbeiten kann. Die Atmosphäre in der Klasse ist angenehm und von gegenseitigem Respekt geprägt. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind im Allgemeinen aufmerksam und interessiert bei der Sache. Einige Schülerinnen und Schüler beteiligen sich allerdings nur bei leichteren Aufgaben und halten sich, gerade wenn es um Interpretationen geht, eher zurück, lassen sich ablenken oder werden unruhig. Dem versuche ich dadurch zu begegnen, dass ich die Stunden so beginne, dass es auch diesen Schülerinnen und Schüler z.B. über einen visuellen oder auditiven Impuls leicht gemacht wird, in das Thema einzusteigen. Als vorteilhaft für eine ruhige Arbeitsatmosphäre hat sich der Wechsel zwischen Unterrichtsgespräch und schriftlicher Aufgabe in der Stunde erwiesen. Erstens kehrt durch die Schreibarbeit eine Phase der Konzentration ein und zweitens erhalten durch das anschließende Vortragen der Ergebnisse auch die stilleren und langsameren Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit sich zu beteiligen.

1.2 Rahmenplanbezug

Der Bildungsplan für Klasse 7 sieht im Arbeitsbereich „Literatur, Sachtexte, Medien“ die Bearbeitung von Naturlyrik als thematischen Schwerpunkt vor.[1] Die Naturlyrik der Gegenwart, unter die auch die Großstadtgedichte gezählt werden,[2] ist oft geprägt von der Trauer um Bedrohung und Verlust der Natur. Dieser Aspekt der Naturbedrohung ist im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler vorhanden und kann als Schnittstelle zur traditionellen Naturlyrik dienen. Auch das Spannungsfeld Stadt/Natur (Stadt als Raum des Alltags, Natur als Raum der Ferien) gehört zur Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler. So dürfte eine Unterrichtseinheit, die den Menschen in der Stadt und in der Natur thematisiert, den Bezug zum Schüleralltag deutlich machen und auf einen Unterricht hoffen lassen, der sich nicht auf den Nachvollzug von Gedichten beschränkt, sondern auch Anlässe für Diskussionen bietet.

Ausgangspunkt der Unterrichtseinheit ist der Mensch in der Stadt. Hier hat der Mensch die Natur weitestgehend verdrängt. Durch die Architektur der modernen Stadt ist dem Menschen häufig der Zugang zur natürlichen Umwelt verstellt, wobei unter Umwelt auch die mitmenschliche Umwelt gemeint ist. Die bildhafte Sprache vieler Stadtgedichte beschwört die naturfernen Elemente der Großstadt als Sinnbilder für die Gefangenschaft ihrer Bewohner, für Einsamkeit und Isolation. Diese Aspekte des Großstadtlebens sind den Schülerinnen und Schüler bekannt, wenn auch nicht immer aus eigener Erfahrung, so doch durch Zeitungsberichte, Songtexte und Filme.

1.3 Einbettung des Themas in den laufenden Unterricht

Der Einstieg in das Thema Lyrik erfolgte über das Schreiben von „Elfchen“[3] zum Thema „Ich und Großstadt“. In der anschließenden Besprechung wurde neben inhaltlichen Aspekten auch der Unterschied dieser Textsorte zu Sachtexten thematisiert. Das Stilmittel der Personifikation wurde anhand des Liedes von Herbert Grönemeyer „Bochum“ eingeführt. Durch das eigene Ordnen eines in fortlaufender Prosa geschriebenen Gedichttextes in Verse und Strophen anhand des Stormgedichtes „Die Stadt“ haben sich die Schülerinnen und Schüler mit Aufbaugesetzlichkeiten von Gedichten auseinandergesetzt und den Zusammenhang von äußerer Form und Wirkung erfahren. Zugleich wurde mit dem Stormgedicht ein weiteres „Loblied“ auf die Heimatstadt besprochen, so dass die heutige Stunde mit dem Gedicht von Wolfenstein insofern einen Kontrast zu den bisher besprochenen Gedichten bildet, als dass hier die Stadt und die Wirkung der Stadt auf die Menschen als negativ beschrieben wird.

2. Sachanalyse

Das Gedicht „Städter“ des expressionistischen Dichters Alfred Wolfenstein behandelt das Thema Großstadt, indem es die Anonymität und Einsamkeit der Städter zum Ausdruck bringt.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit je 4 bzw. 3 Versen, es handelt sich um ein Sonett. Die erste Strophe des Sonetts beschreibt die dicht beieinander liegenden Häuser und die dadurch entstehende Enge, wodurch ein Gefühl von Bedrücktheit entsteht. Die zweite Strophe beschreibt das Innenleben einer Tram, wobei die Menschen verdinglicht werden, was die Anonymität, Oberflächlichkeit und Gefühlskälte unterstreicht. In der dritten Strophe wird das lyrische Ich selbst Gegenstand der Betrachtung. Es wird das Fehlen jeder Privatsphäre beschrieben, jeder nimmt unfreiwillig an den Emotionen der anderen teil. Dass es jedoch keine wahre Anteilnahme gibt, wird in der letzten Strophe unterstrichen, die einen scheinbaren Widerspruch zum Vorherigen darstellt, der sich insofern auflösen lässt, als dass die Beziehungen der Menschen auf zwei Ebenen betrachtet werden müssen: Auf der einen Seite die Vielzahl der Menschen, denen man in der Enge der Stadt begegnet und die dem Individuum jede Rückzugsmöglichkeit nehmen und auf der anderen Seite die Anonymität und das Desinteresse, die gestörte Kommunikation und die fehlende Wärme zwischen den Menschen.

3. Entscheidungen

3.1 Ziele und Intentionen

Die nun anstehende Unterrichtseinheit zum Thema Lyrik möchte ich nutzen, die Kreativität im Umgang mit Sprache zu fördern. Der respektvolle Umgang im Kurs war Voraussetzung für die Wahl eines produktionsorientierten Ansatzes wie er u. a. von G. Haas, W. Menzel und K. H. Spinner vertreten wird[4], denn nur so ist es möglich, die Schülerprodukte, in denen immer auch Persönliches und Emotionales steckt, zu besprechen. Damit ist nicht gemeint, dass die Schülerinnen und Schüler nun ausschließlich selbst Gedichte produzieren, sondern dass sie über den produktiven Ansatz zur interpretativen Auseinandersetzung finden. Wie G. Waldmann betont, dürfen „produktiver und analytisch-interpretativer Umgang mit Lyrik nicht als Gegensätze aufgefasst werden, sondern als Verfahren, die sich in der verschiedensten Weise ergänzen, […].“[5] Das übergreifende Lernziel dieser Unterrichtseinheit zum Thema „Stadt und Natur im Gedicht“ sehe ich darin, den Schülerinnen und SchülerE die Besonderheit und den Reiz der lyrischen Sprache aufzuzeigen und dadurch eventuell bestehende Vorbehalte[6] gegenüber dieser Textsorte ein Stück weit abzubauen. Der konkrete Lebensweltbezug „Stadt“ ist ein Anknüpfungspunkt für die Schülerinnen und Schüler, da sie als Großstädter über eigene Erfahrungen verfügen. Die Schülerinnen und Schüler sollen Anerkennung und Förderung im sprachlichen Ausdruck erfahren. Weiterhin soll das Bewusstsein geweckt werden, dass die lyrische Ausdrucksweise ein Medium der bewussten Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt sein kann. Den Schülerinnen und Schüler wird die Möglichkeit gegeben, ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu reflektieren und zu versprachlichen.[7] Durch den Vergleich eigener Produkte mit Gedichten lernen die Schülerinnen und Schüler lyrische Ausdrucksmittel kennen und wenden sie an. Damit soll eine Motivation einhergehen, sich auch in Zukunft auf Gedichte einzulassen sowie selber kreativ und produktiv mit Sprache umzugehen. Darüber hinaus soll das Besprechen und Vergleichen eigener Produkte mit denen der Mitschüler und des Originals des Dichters die „Kritik- und Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Sprache“ fördern und sie dadurch zur „aktiven Teilhabe am kulturellen Leben“ befähigen.[8]

[...]


[1] Hamburger Rahmenplan, Rahmenplan Deutsch, achtstufiges Gymnasium Sekundarstufe I, S. 22

[2] vgl.: W. Rothe: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart.

[3] Diese Art der eigenen Gedichtproduktion wird von K. Spinner dem Bereich des kreativen Schreibens zugeordnet, eignet sich aber durchaus auch im Zusammenhang einer Öffnung des Zugangs zur Lyrik. (vgl. K. Spinner: Kreatives Schreiben. In: Praxis Deutsch, Heft 119/1993, S. 18)

[4] Pädagogisch-didaktisch lässt sich der produktionsorientierte Ansatze mit der literaturtheoretischen Position der Rezeptionsästhetik begründen, die das Lesen nicht als reine Informationsentgegennahme begreift, sondern den Sinn eines Textes als immer vom Leser mitgeschaffen ansieht. Der komplette Sinn eines Textes entwickelt sich demnach erst in den Vorstellungen des Lesers. Indem die SuS im produktionsorientierten Unterrichts selbst literarisch aktiv werden, erfahren sie, dass sie bei der Rezeption eines Textes selbst wirksam werden können. Sie machen folglich ihre eigenen Wirksamkeitserfahrungen. Da ihre eigenen Wirksamkeiten eng mit dem literarischen Text verbunden sind, erfahren sie die Besonderheit dieses Textes deutlicher als durch bloßes Lesen.

[5] G. Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik, S. 234

[6] G. Malsch beschreibt in seinem Aufsatz „Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Lyrik“ welche Vorbehalte gegenüber Lyrik bei SuS auftauchen können. In: Der Deutschunterricht 39, 3/1987, S. 23 ff.

[7] Die Ausbildung des sprachlichen Vermögens ist besonders auch mit Blick auf die Zukunft der SuS von Belang. Egal, ob sie sich entscheiden zu studieren oder einen Beruf zu ergreifen, immer wird erwartet, dass sie sich mit einem gewissen Grad an Eloquenz ausdrücken können. Dazu zählt auch das Vermögen, sprachliche Bilder, wie sie in Gedichten oft verwendet werden, zu verstehen und anwenden zu können.

[8] Hamburger Rahmenplan, S.5

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Titel: Produktionsorientierte Annäherung an ein expressionistisches Gedicht von Alfred Wolfenstein - "Städter" in der Sekundarstufe I eines Gymnasiums (7. Klasse)