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Zwischen Faktizität und Literarität in Oswalds Liedern „es fügt sich“ und „ain anefangk“

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

0. Untersuchungsgegenstand

1. Aussicht auf Oswald den Neuerer
1.1 Zum Begriff „Autobiographie“
1.2 Lyrisches-Ich versus Dichter Ich

2. „Es fügt sich“ (Kl 18)
2.1 Inhaltliches
2.2 Zwischen Faktizität und Literarität in Kl 18
2.2.1 Der Aufenthalt in Perpignan
2.2.2 Die Verleihung der Kleinodien
2.2.3 Der Schiffbruch
2.2.4 Die Beghard Episode
2.3 Zusammenfassung

3. „Ain anefangk“ (Kl 1)
3.1 Inhaltliches
3.2 Biographische Details in Verbindung mit tradierten Motiven in Kl 1
3.2.1 Das Minneverhältnis
3.2.2 Das frauen pild
3.2.3 Das Minneband
3.2.4 Religiöse Bilder
3.3 Zusammenfassung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Allgemeines

Oswald von Wolkenstein war ein spätmittelalterlicher Sänger, Dichter und Komponist sowie ein mehr als nur regional bedeutender Politiker und Diplomat in den Diensten des deutschen Kaisers, Sigismund der Erste. Das Leben Oswalds ist, im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Minnesängern des Mittelalters, in vielen Dokumenten detailliert überliefert. So erfährt man, dass er 1377 in Südtirol, wahrscheinlich auf Burg Schöneck in der Nähe von Brixen, geboren wurde. In seiner Jugendzeit machte er viele Reisen im Dienste eines Ritters und kehrte nach 14 Jahren zurück nach Brixen. Im Gefolge König Sigismunds diente er dann beim Konzil in Konstanz und heiratete 1417 Margarethe von Schwangau. Um die (wahrscheinlich unrechtmäßig angeeignete) Burg Hauenstein führte er eine mehrjährige erbitterte Auseinandersetzung, die ihn auch für einige Jahre in den Kerker seiner Feinde brachte. Frei kam Oswald erst, als er die Aufgabe seines Widerstands gelobte und dem Landesfürsten die Anerkennung der landesherrschaftlichen Mittelbarkeit geleistet hatte. Er starb dort 1445.

Oswald war finanziell unabhängig und daher frei seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. So war es ihm auch möglich, Handschriften seiner Lieder anzufertigen, von denen drei erhalten sind: Die Wiener Pergamenthandschrift A, die Innsbrucker Pergamenthandschrift B und die Innsbruck-Trostburger Handschrift C. Die Handschriften A und B sind dabei von ihm angefertigt und mit seinem Porträt versehen worden. Insgesamt sind von seinem Werk 130 Lieder und 2 Paarreimreden erhalten geblieben. Oswalds Lieder weisen eine außerordentliche Bandbreite in thematischer Hinsicht auf. Er schrieb Reise-, Trink-, Tanz- und Tagelieder, traditionell höfische wie auch betont sinnlich-erotische Liebeslieder sowie politische und religiöse Lieder. Seine Lieder gehen über die mittelalterliche Lyrik und das gegebene Zusammenspiel von Wort und Ton, von Textbau und Melodiebau hinaus. Dieses formale Novum, das Komponieren mehrstimmiger Lieder, werde ich jedoch in meiner Arbeit außen vor lassen. Als Dichter befasste sich Oswald vor allem mit den Motiven Abenteuer, Liebe und Religion, also den gängigen Sujets der mittelalterlichen Literatur. Als Mensch beschäftigte er sich seinen Besitz zu mehren und seine politische Macht zu vergrößern.

0. Untersuchungsgegenstand

Meine Analyse befasst sich mit dem Schaffen Oswalds von Wolkenstein hinsichtlich der Faktizität und der Literarität biographischer Erlebnisse in zwei seiner Lieder.

Er prägt sein Werk durch eine Subjektivität, wie sie vor ihm, in der mittelalterlichen Lyrik, nicht anzutreffen ist. Es sind darin zahlreiche Selbstaussagen Oswalds erkennbar, daher bezeichnet die Forschung sie mit dem Terminus „autobiographische“ Lieder. Ich werde auf diesen eingehen und klären, wie Oswalds Lyrik ihm gerecht wird. Des Weiteren werde ich Stellung zur Problematik dieser Bezeichnung nehmen. Dann wird eine inhaltliche Zusammenfassung und Analyse der, von mir gewählten, Lieder folgen. Schließlich untersuche ich das Verhältnis zwischen authentischen Fakten und poetischer Stilisierungen in dieser Dichtung.

1. Aussicht auf Oswald den Neuerer

In der spätmittelalterlichen Dichtung herrscht zum einen eine „religiöse Gemeinschaftslyrik“[1] vor. Es werden Themen wie die Sprache der Liturgie und der Kirche verwendet. Zu erwähnen sind hierbei Bußlieder oder Kirchengesänge von Laufenberg, dem Mönch von Salzburg oder Oswald selbst. Die neue weltliche Sangvers-Lyrik hingegen, steht außerhalb des kirchlichen Raumes und beinhaltet andere Grundthemen, wie Liebe, Moral, Ethik (also die Frage der richtigen und falschen Lebensführung) und Politik. In Oswalds Dichtung sind diese Motive und Themen spätmittelalterlicher Dichtung präsent. Darüber hinaus setzt er sich mit anderen Motiven, wie dem der Reise oder der Gefangenschaft, auseinander und verwendet sie in seinen Liedern. Meiner Meinung nach sind diese Motive als tradierte zu bezeichnen, da sie schon lange in der mittelalterlichen Literatur vorherrschen, wie bei anderen Minnesängern zu erkennen ist. Wie in der Literatur der Spätantike sind in der mittelalterlichen Dichtung motivische und thematische Entlehnungen und Nachahmungen zu verzeichnen. Das zeitgenössische Publikum ‚erwartete auch Anspielungen, auf jeden Fall eine gekonnte Auseinandersetzung mit ihnen, doch nicht eine freie Erfindung völlig neuer Darstellungsmöglichkeiten’[2]. Joschko merkt daher richtig an, das Oswald „als spätmittelalterlicher Dichter nur aus dem Vorhanden schöpfen kann, um eine Art literarische Bestandsaufnahme zu leisten[3]. Somit kann konstatiert werden, dass Oswald diesen Traditionen der spätmittelalterlichen Lyrik verpflichtet ist. Dennoch legt er seinen Liedern „den Stempel des Neuartigen, des Individuellen und Lebendigen auf“[4]. Dieses Novum beinhaltet, dass er die „Subjektivität seiner Lieder in einem Maße geprägt hat, wie sie vor ihm in der deutschen Dichtung nicht anzutreffen ist“[5]. „Seine Lieder entstehen aus persönlichen Erlebnissen, aus guten und schlechten Erfahrungen mit der Welt“[6]. Diese subjektive Färbung, ist also vor ihm in der mittelalterlichen Dichtung in dieser Art und Weise nicht vorhanden gewesen.

Oswald war in vielen seine Liedern nie ein Sprecher für Gott oder für andere, wie beispielsweise Walther von der Vogelweide, sondern immer nur Sprecher für sich selbst gewesen. Dies liegt möglicherweise unter anderem daran, dass er, aufgrund seiner finanziellen Unabhängigkeit keinem Gönner unterlag, nach dessen Vorlage er schreiben musste. Er besaß ein ausgebildetes Ich-Bewusstsein, das durch Selbstaussagen im Inhalt seiner Lieder zum Ausdruck kommt. In vielen Liedern findet man seine Namensnennung oder den Hinweis auf historische Geschehen, an denen er laut Aussage von administrativen Dokumenten teilgenommen hat. Daher bezeichnet die Forschung einige seiner Lieder als „autobiographisch“, worauf ich im nächsten Kapitel eingehen werde. Die Neuerung durch Oswald besteht also zusammenfassend daraus, dass er tradierte Darstellungsprinzipien und Motive verarbeitet und sie mit einem hohen Grad an Subjektivität verbindet. Auch auf diese Behauptung werde ich später eingehen, da ich es für sinnvoll halte diese Annahme textimmanent nachzuweisen.

1.1 Zum Begriff „Autobiographie“

In der mittelalterlichen Dichtung ist der Begriff der „Autobiographie“ mit Vorsicht zu genießen. Die geläufigen Termini „Autobiographie“ und „autobiographisch“ sind schließlich erst im 19. Jahrhundert entstanden. Sie bezeichnen eine „Lebensbeschreibung, worin ein Ich-Erzähler alle Entwicklungsphasen und Erfahrungen in genau zeitlicher Reihenfolge schildert und wie sie seinen Lebensweg und seine Persönlichkeit geprägt haben“[7]. Nach Hartmann, sucht man diese Formen vergeblich im Mittelalter. Sie merkt weiterhin an, dass den meisten Werken das spezifische Kennzeichen, die „unverwechselbare Individualität von Autor und Leben“[8] fehlen würde. Hartmann meint, dass einzelne Lebensepisoden ‚zu oft nach dem Vorbild vorgeprägter Muster, so genannter Topoi oder exemplarischer Rollen’[9] stilisiert sind.

Obwohl Oswald eine reiche urkundliche Hinterlassenschaft vermacht hat, kann sein Leben nicht detailgenau rekonstruiert werden. Das bedeutet, eine konkrete Authentizität der angeblich biographischen Aussagen in den Liedern, kann nicht genau nachgewiesen werden. Somit mag eine gewisse Subjektivität zwar vorhanden sein, aber der Begriff „autobiographisch“ ist nicht ganz zutreffend. Eine „autobiographische Lyrik“ des deutschen Mittelalters zu behaupten, sollte meiner Meinung nach in Bezug auf Oswalds Lieder, als „Autobiographie unter Vorbehalt“ oder „pseudobiographisch“ bezeichnet werden. Wie man exemplarisch in den ausgewählten Liedern sehen wird, verwendet Oswald viele Themen und Motive der spätmittelalterlichen Literatur. Dieser Fakt und die Tatsache, dass es unmöglich ist, sein Leben en detail nachzuvollziehen, lässt eine gewisse Stilisierung einiger Selbstaussagen und erwähnter Erlebnisse in den Liedern vermuten. Nach Hartmann ist daher nicht von autobiographischer Lyrik zu sprechen, während Müller meint, dass es ‚keinen Widerspruch darstelle und viele Sänger-Œuvres dennoch eine ausgeprägte Individualität besitzen. Das Sänger-Ich stelle sich immer wieder in (..) Ausformungen und Selbststilisierungen dar’[10]. Wie viel hat also das Lyrische-Ich mit dem Sänger-Ich zu tun?

1.2 Lyrisches-Ich versus Dichter Ich

In diesem Kapitel soll das Verhältnis zwischen dem Lyrischen-Ich und dem Ich des Dichters untersucht werden. Das lyrische-Ich stellt das aussagende Objekt im Lied. Auf der einen Seite findet man das lyrische Ich und auf der anderen Seite steht die Person des Ritters Oswald von Wolkenstein. Röll glaubt, dass ‚zwischen der historischen Person und dem Lyrischen-Ich offenbar keine Widersprüche’[11] herrschen. Doch heißt dies nicht, dass ‚Liederaussagen objektive und deckungsgleiche Wiedergaben der realen Verhältnisses darstellen’[12]. Wie er meiner Meinung nach richtig erwähnt, erlauben die Liederaussagen keine genauen Angaben über die realen Verhältnisse. Diese sind Veränderungen unterworfen, da Sicht- und Darstellungsweisen, also eine gewisse Subjektivität durch den Dichter, vorhanden sind. Müller warnt ebenfalls ausdrücklich davor, die Lieder Oswalds „als historische Quellen zu verwerten“[13]. Dies ist ein weiterer Verweis darauf, dass eine Deckungsgleichheit zwischen dem Lyrischen und dem Dichter-Ich nicht gegeben sein kann. Am deutlichsten wird dies bei der Betrachtung der positivistisch-biographischen Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese wollte eine Lebensgeschichte in den Liedern Oswalds erkannt haben. An der Spitze dieser Forschung stand der Historiker Bedda Weber mit seiner 1850 erschienen Monographie „Oswald von Wolkenstein und Friedrich mit der leeren Tasche“. Seiner Ansicht nach waren die Angaben, die das Lyrische-Ich machte, Wiedergaben des realen Lebens und Erlebens. Ich will die autobiographischen Züge der Aussagen des Lyrischen-Ichs nicht anzweifeln, doch ist es meines Glaubens ein Trugschluss, die Lieder Oswalds als eine lyrische Autobiographie zu lesen. Ein textimmanenter Hinweis darauf ist, die Liebesgeschichte zwischen Oswald und einer Frau, die in vielen Liedern die „Hausmannin“ genannt wird und ‚durch Norbert Mayrs Untersuchung in den Liedern ausdrücklich als Tochter Martin Jägers bezeugt’[14] ist. Martin Jäger war hierbei der Widersacher Oswalds, mit dem er eine lange Fehde um das Ländererbe der Burg Hauenstein führte. Oswald liebte seit frühster Jugend, nach Angabe des Lyrischen-Ichs, eine Frau namens Sabina Jäger. Er unternahm auf ihren Wunsch sogar eine Pilgerreise ins Heilige Land, doch die Geliebte betrog ihn und heiratete einen anderen, nämlich Hans Hausmann. Müller will herausgefunden haben, dass diese Frau gar nicht Sabina geheißen haben kann, da „als einzige Tochter Martin Jäger nur eine Barbara bekannt sei“[15]. Wohingegen Robertshaw entdeckt haben will, dass nicht eine Tochter Martin Jägers gemeint ist, sondern sie eine, „ihr ganzes Leben ledig gebliebene Bürgerstochter aus Brixen (..) mit Vornamen Anna“[16] ist. Schon hier zeigt sich der Problematik der Identifikation des Lebens mit der Dichtung. Der Name der Geliebten Oswalds kann urkundlich und auch lyrisch nicht genau nachvollzogen werden. Wenn es schon keine konkreten urkundlichen Beweise für die Existenz oder die genaue Namensnennung dieser Frau gibt, wie kann man, von literarischen Quellen auf die Realität schließen? Schwob macht deutlich, dass der „heutige Stand der Forschung eine solche naive Behandlung literarischer Texte nicht mehr erlaubt“[17]. Ich halte es ebenso für äußerst fraglich, sich für eine außerliterarische Faktizität ausschließlich im Kunstwerk informieren zu wollen, wie Bedda Weber es derzeit tat. Die Überlegung zur möglichen Rolle des Realen in der Dichtung Oswalds, ging nämlich fast immer „vom Stand des 19. und 20. Jahrhundert aus und wurde von der literarischen Epoche des Realismus beeinflusst“[18]. Ich stimme Schwob daher zu, wenn er zwischen der „Erfahrungswirklichkeit und der im formal anspruchsvollen Kunstwerk gestalteten Wirklichkeit“[19] differenzieren will. Meiner Meinung nach herrscht zwischen dem Lyrischen-Ich und der Dichter-Ich keine absolute Deckungsgleichheit. Dennoch will ich nicht bezweifeln, dass einige Aussagen in den Liedern durchaus den Charakter einer Selbstaussage Oswalds hätten sein können. Wie dies im Einzelnen aussieht, werde ich nun an den beiden Liedern, in den nächsten Kapiteln herausfiltern.

[...]


[1] Müller in: Deutsche Gedichte des Mittelalters, S.39

[2] Schwob, S. 11

[3] Joschko, S. 164

[4] Joschko, S. 164

[5] Joschko, S. 181

[6] Joschko, S. 165

[7] Hartmann, S. 305

[8] Ebd., S. 306

[9] Ebd., S. 306

[10] Müller, Ebd., S. 41

[11] Röll, S. 148

[12] Ebd., S. 148

[13] Müller in: lügende Dichter, S. 231

[14] Müller in: Lügende Dichter, S. 228

[15] Müller in: Lügende Dichter, S. 228

[16] Robertshaw, S. 460

[17] Schwob, S. 7

[18] Schwob, S. 8

[19] Schwob, S. 9

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638023481
ISBN (Buch)
9783638923958
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88027
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Zwischen Faktizität Literarität Oswalds Liedern Mittelalters

Autor

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