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Warum wählt der rationale Wähler?

Seminararbeit 2005 17 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Der Rational-Choice Ansatz und die Frage: „Wählen oder nicht wählen?“
2.2. Wege aus dem Wahlparadox
2.2.1. Der minimax-regret-Ansatz
2.2.2. Der kollektive Nutzen der Wahlbeteiligung
2.2.3. Der Wähler als rationaler Narr
2.2.4. Altruismus als Wahlmotiv
2.2.5. Die Wahl als kosten- und nutzenarme Entscheidung

3. Wahlteilnahme aus Pflichtgefühl?

4.1. Expressives Wählen
4.2. Symbolische Zugehörigkeit

5. Die Rolle von sozialen Gruppen in der Frage der Wahlteilnahme

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In westlichen Demokratien ist bei Nationalwahlen in der Regel eine sehr hohe Wahlbeteiligung festzustellen. Manchmal gehen am Wahltag sogar mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten zur Urne. Es stellt sich die Frage, was einen Wähler dazu bringt zur Wahl zu gehen, und wieso er wählt obwohl doch seine Stimme praktisch keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hat. Diese Frage soll in dieser Arbeit aus Sicht der Rational-Choice-Theorie beleuchtet werden, welche in der Politikwissenschaft im Laufe der Jahre immer mehr an Ansehen gewonnen hat. Dabei steht nicht im Vordergrund, welche Partei ein Wähler oder eine Wählerin nun letztendlich aus Rationalitätsgründen wählt, sondern ob eine potentielle Wählerin oder ein potentieller Wähler zur Wahl geht oder nicht. Aus Gründen der Einfachheit werde ich in dieser Arbeit von nun an nur noch vom „Wähler“ oder vom „Individuum“ sprechen, womit durchaus auch Wählerinnen gemeint sind. Keinesfalls soll dies eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts darstellen.

Anthony Downs (1968) vergleicht in seinem Werk „An Economic Theory of Democracy“ den Stimmzettel eines Einzelnen bei Wahlen mit einem Wassertropfen in einem Ozean. Deshalb sei es für den Wähler höchst irrational die Mühe auf sich zu nehmen und ins Wahllokal zu gehen. Unter Millionen von anderen Stimmen hat seine Stimme doch praktisch keinen Einfluss auf das Endergebnis. Dennoch strömen die Wähler an den Wahltagen in die Wahllokale, was Downs Probleme bereitet mit seiner sonst so klaren Theorie, die den Anspruch besitzt einfach anwendbar zu sein, zu erklären. Vor allem dieses Problem soll in dieser Arbeit untersucht werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob der Wahlakt mit der Rational-Choice Theorie zu erklären ist, und wenn nicht, ob es dann überhaupt so etwas wie einen „rationalen“ Wähler geben kann.

Es gibt einige Ansätze um den Gang zum Wahllokal als rationale Handlung zu erklären. Alexander Schuessler (2000) unterstellt dem Wähler expressive Motive um die Rationalität seines Handelns zu erklären, Volker Täube (2002) dagegen bezeichnet den „rationalen Wähler“ bereits im Titel seines Buches als paradoxe Figur. André Blais (2000) versucht in seinem Buch „To Vote or Not to Vote“ die Frage des Wählens oder Nichtwählens anhand der Rational-Choice Theorie empirisch zu klären, und bewegt sich dabei an deren Grenzen. Diese Literatur steckt den inhaltlichen und argumentativen Rahmen dieser Arbeit ab und soll von Argumenten anderer Autoren ergänzt werden um die zentrale Frage zu klären:

„Warum wählt der Wähler, obwohl doch seine Stimme das Wahlergebnis praktisch nicht beeinflusst?“ Der Rahmen dieser Arbeit soll aber auch durchaus über die Rational-Choice-Theorie hinausgehen, und weitere Faktoren diskutieren, welche den Wahlberechtigten aus rationalen und logischen Gründen zum Wähler machen.

2.1. Der Rational-Choice Ansatz und die Frage: „Wählen oder nicht wählen?“

Bei der von Anthony Downs (1968) entwickelten Annahme des rationalen Wählers wird davon ausgegangen, dass der Wähler seine Entscheidungen nach dem Prinzip von Rational-Choice trifft. Das heißt, ein Individuum, das sich bei seiner Wahlentscheidung zwischen zwei Parteien zu entscheiden hat, sich für die Partei entscheidet, von der es kurzfristig den größten Nutzen B (= benefit) erwartet. (siehe auch Täube 2002: S. 21). Scheint der Nutzen beider Parteien für das Individuum gleich, ist es indifferent und geht nicht zur Wahl. Je unterschiedlicher die einzelnen erwarteten Nutzen für das Individuum aber sind, umso größer wird der entstehende individuelle Nettonutzen, und umso reizvoller ist es für das Individuum tatsächlich wählen zu gehen. Bei Downs wird aber nicht nur von einem Nutzen-, sondern von einem Kosten-Nutzen-Kalkül ausgegangen. (Bürklin 1998: S. 107). Somit müssen vom Nutzen der Wahl, sollte der präferierte Kandidat gewinnen, die Kosten C (= costs) des Wahlaktes subtrahiert werden. Beim Downsschen Modell wird davon ausgegangen, dass das Individuum nur dann zum Wähler wird, wenn die Differenz des Nutzens und der Kosten einen Wert größer als Null ergibt (B-C >0). Sind die Kosten größer, oder gleich groß als der erwartete Nutzen, geht das Individuum nach der Logik nicht zur Wahl. Diese Kosten entstehen aus dem Zeitaufwand, der für die Wahl notwendig ist, insbesondere das Wahllokal aufzusuchen, für den Wahlakt an sich und aus den generellen Informationskosten, die bei der Auswahl des präferierten Kandidaten entstehen. (Blais 2000: S. 2). Das Individuum hat natürlich das gleiche Nutzeneinkommen, wenn es nicht zur Wahl geht und der präferierte Kandidat trotzdem gewinnt. Für das Individuum ist dieser Fall sogar besser, weil bei der Wahlenthaltung keine Kosten entstehen, und C somit Null ist. Hierbei spricht man vom Problem des Free-Riding, oder Trittbrettfahrens (Blais 2000). Also macht es nach der Rational-Choice-Theorie für das Individuum nur dann Sinn zur Wahl zu gehen, wenn es glaubt, die entscheidende Stimme für seinen Kandidaten abzugeben.

Dies ist in genau zwei Fällen möglich: Entweder der präferierte Kandidat gewinnt mit einer Stimme, oder die abgegebene Stimme führt zu einem Patt.

Bei einer Wahlteilnahme von mehreren Millionen Wählern ist die Wahrscheinlichkeit P (=probability), die wahlentscheidende Stimme abzugeben aber verschwindend gering (Täube 2002: S.22). Eine Wahlteilnahme ist also dann rational, wenn gilt: P*B-C>0.

Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich die entscheidende Stimme abzugeben erhöht sich umso mehr, je enger das Wettrennen zwischen den Kandidaten ist. Somit steigt auch die Motivation des Wählers bei Prognosen eines knappen Wahlausgangs tatsächlich zu wählen. Dennoch existiert in diesem Zusammenhang das bekannte Beispiel, die Wahrscheinlichkeit auf dem Weg zum Wahllokal von einem Auto überfahren zu werden sei wesentlich höher, als bei der Wahl die entscheidende Stimme abzugeben. (Täube 2002: S21). Wenn es für das Individuum also irrational ist zu wählen, entschließt es sich nach der Downsschen Logik nicht zu Wahl zu gehen. Es kann aber dann auch davon ausgehen, dass die Anderen genauso handeln und ebenfalls nicht zur Wahl gehen. Der Theorie nach würde dann niemand wählen, und die Wahl könnte theoretisch mit einer Stimme entschieden werden (P wäre in diesem Fall 100%). Also wäre es in diesem Fall für das Individuum durchaus rational, trotzdem zu wählen. Wenn aber alle so handeln, gehen auch alle zur Wahl und das Individuum stellt am Wahltag fest, dass es sich geirrt hat und eben nicht alleine ist und die Wahl auch nicht alleine entscheiden kann. Es wird enttäuscht sein, und aus rationalen Gründen ein nächstes Mal nicht mehr zur Wahl gehen, weil C auch in diesem Fall wieder höher als P*B ist. Es gilt also festzuhalten, dass der Downssche Wähler entweder gar nicht zur Wahl geht, oder aber einmal wählt und dann nie wieder. (Braun 1999: S69 f)

Die Problematik, die bei einer Erklärung der Wahlbeteiligung durch den Rational-Choice Ansatz entsteht wird in der Literatur generell als paradox of voting bezeichnet.

2.2. Wege aus dem Wahlparadox

Das Wahlparadox macht also deutlich, dass Wählen als rein instrumentelle Handlung mit Rational-Choice zumindest primär nicht zu erklären ist. Kritikern der Theorie dient dies als häufiger Angriffspunkt (Fröchling 1998: S.31).

In der Literatur wird auf zahlreiche Weise versucht, das Wahlparadox zu lösen, also Wahlbeteiligung anhand der Rational-Choice-Theorie zu erklären. Die wichtigsten Ansätze sollen im Folgenden dargestellt werden.

2.2.1. Der minimax-regret-Ansatz

Ferejohn und Fiorina versuchen das Wahlparadox mit dem minimax- regret-Ansatz (minimizing maximum regret) zu lösen. Der minimax-regret -Ansatz sagt aus, dass ein Individuum immer versucht, den schlimmsten anzunehmenden Fall auszuschließen. Es wird davon ausgegangen, dass ein rationaler Nichtwähler einen sehr großen Schaden erleiden würde, wenn sein präferierter Kandidat wegen genau einer (also seiner nichtabgegebenen) Stimme verlieren würde. Um eben diesen Worst Case zu verhindern ist das Individuum nach der minimax-regret- Strategie motiviert zur Wahl, egal wie klein die Wahrscheinlichkeit ist, dass dieser Fall auch tatsächlich eintrifft (Blais 2000: S.57). Dennoch bleibt auch hier die Variable P gleich (strebt ebenfalls gegen Null), der Ansatz mag zwar psychologisch sinnvoll sein, kann aber das Problem des Wahlparadoxons nicht lösen. Ebenfalls würde schon allein das oben genannte Argument auf dem Weg ins Wahllokal von einem Auto überfahren zu werden, diesen Ansatz widerlegen, weil der Schaden einen Verkehrsunfall auf dem Weg zur Wahl zu erleiden ungleich höher ist, als der Nutzen eines Wahlsieges des präferierten Kandidaten, selbst wenn der Wähler tatsächlich die wahlentscheidende Stimme abgeben würde (Bürklin 1998: S.127). Braun (1999) nennt den minimax-regeret -Ansatz ebenfalls als möglichen Weg aus dem Wahlparadox. Er weist neben der oben genannten Kritik, des Weiteren darauf hin, dass dieser Ansatz zwar eine theoretische Erklärung liefere, ihm aber die nötige empirische Unterstützung fehle (S. 72).

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Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638040273
ISBN (Buch)
9783638936811
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87980
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Fakultät für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Warum Wähler Seminar Politische Soziologie Wählerverhalten”

Autor

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Titel: Warum wählt der rationale Wähler?