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Ambivalenzen der europäischen Integration im Kontext deutsch-polnischer Grenzstädte

Magisterarbeit 2008 121 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhalt

Prolog

Kapitel 1 Hürden und Hindernisse auf dem Weg zu einem einheitlichen Europa

1. Auflösung der Heterogenität Europas und ihre soziale Bedeutung
2. Die Angst vor der Andersartigkeit
3. Ein Kontinent in Disharmonie
3.1 Teilung Europas im Rückblick
3.2 Kleine Städte, große Hindernisse - Das Schicksal der Grenzstädte an der Oder-Neiße-Linie
4. Die Signifikanz von Grenzen

Kapitel 2 An der deutsch-polnischen Grenze - Nostalgie oder Reformierung?

1. Fallbeispiele: Guben und Görlitz
1.1 Die Signifikanz von Brücken nach G. Simmel im Kontext deutsch- polnischer Verbindungen
1.2 Görlitz - Stadtentwicklung
1.2.1 Das Wunder von Görlitz - Aus dem Dornröschenschlaf in den Mittelpunkt eines europäisch-kulturellen Wettbewerbs
1.3 Guben - Stadtentwicklung
1.3.1 Guben und Gubin - eine Ruine verbindet
2. Besondere Herausforderung von Lokalpolitikern binationaler Städte

Kapitel 3 Europäische Identität durch real existierender Kosmopolitismus

1. Der Versuch einer europäischen Identitätsbildung
2. Idealer Kosmopolitismus versus real existierender Kosmopolitismus
2.1 das kosmopolitische Europa nach U. Beck und E. Grande
2.2 Die Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Akteure

Kapitel 4 Ambivalenzen im Grenzgebiet

1. Unzuverlässigkeit als Charaktereigenschaft der eigenen Nation
2. Eine fremde Nation als Zukunftsretter

Epilog

Quellen und Literatur

Abbildungen

Anhang 1 Interview: Lokalpolitker U. Kleinmann in Görlitz (2006)

Anhang 2 Interview: : Lokalpolitker G. Heinemann in Guben (2005)

Prolog

Im Wintersemester 2004/2005 sowie im darauf folgenden Sommersemester haben wir im Rahmen des Forschungspraktikums der Universität Kassel die Besonderheiten sowie die Problematik der Grenzlage mit dem Leitgedanken „Abwanderung, Widerspruch und Loyalität: ‚Schrumpfende’ Städte und Regionen in Ostdeutschland“ untersucht, da speziell Abwanderung aus strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands ein gesellschaftliches Problem darstellt. Mit Hilfe von Bewohnern, die an der deutsch-polnischen Grenze leben, durften wir in Erfahrung bringen, wie sie dieses Schicksal erfahren. Ich persönlich habe mich mit einer Kommilitonin auf den Lokalpolitiker G. Heinemann konzentriert. Dieser berichtete uns von den existenziellen Problemen Gubens aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und zusätzlich den Schwierigkeiten der Integration zweier Gesellschaftsformen in einer Stadt nach der Grenzöffnung. Seine Methode der Problemlösung ist jedoch gescheitert. Von seinen Gefühlen und seiner Gesinnung geleitet, die auf persönlichen Hoffnungen auf Solidarität und eigener Identitätskrisenbewältigung beruhen sowie auf ein schnelles zusammenwachsen Gubens und Gubins, stößt er in der lokalpolitischen Alltagsrealität der Nachwendestadt an die Grenzen seines Idealismus. Seine Gesinnungspolitik kollidierte mit der bitteren Realität. Die Ideologie der Gemeinde stimmte nicht mit seiner überein und wählte ihn schließlich ab.

Mich hat die Entwicklung der Grenzstädte weiterhin interessiert und wollte schließlich herausfinden, wie der Nachfolger Heinemanns die Schwierigkeiten der Stadt bewältigt und wie die Lokalpolitiker in Görlitz an die Problematik herangehen. Ebenso galt mein Interesse, wie weit das soziale Handeln zwischen den Polen und den Deutschen die Identität einer Stadt neu erfinden und somit die Abwanderung und den ökonomischen Faktor beeinflussen kann. Meine Theorie ist, dass der entscheidende und neue Ismus für eine mögliche gemeinsame Zukunft der real existierende Kosmopolitismus ist. Denn gerade in diesem Grenzgebiet ist der vorherrschende Nationalismus kaum überlebensfähig, da die Gegebenheiten dafür nicht mehr ausreichend bestehen. Das ethnozentrische Denken führt zur Überschätzung der eigenen Nation im Vergleich zu anderen und fordert somit Voranstellung. (vgl. Hillmann 1994: 593)

Weiterhin nationalistisch zu denken, würde somit das Fortbestehen dieser Städte mit dieser speziellen Situation gefährden. Bisher galt immer nur: „ entweder Europa oder Nationalstaat - ein Drittes ist ausgeschlossen.“ (Beck / Grande 2004: 14) Ein Drittes wäre jedoch ein kosmopolitisches Europa. Hingegen kosmopolitisch zu denken, würde zum einen bedeuten, zu erkennen, dass der Mensch in erster Linie ein Glied der Menschheit ist und nicht einer Nation. Somit verbindet dieser Weltenbürger (Kosmopolit) seine Identität stärker mit seiner Zugehörigkeit zum Menschentum als mit einer sozialen Klasse oder insbesondere in der Moderne mit seiner Nationalität. Neben dieser philosophisch-abstrakten Vorstellung von Kosmopolitismus haben sich der Soziologe Ulrich Beck und der Politologe Edgar Grande mit diesem Terminus im Kontext der Europäisierung auseinandergesetzt. Kosmopolitismus ist sozialwissenschaftlich gesehen, „eine besondere Form des gesellschaftlichen Umgangs mit kultureller Andersartigkeit.“ (Beck / Grande 2007: 25) Kulturelle Unterschiede werden weder in einer Art Hierarchie der Andersartigkeit geordnet, noch werden sie universalistisch ausgelöscht. Die Andersartigkeit wird auch nicht nach Außen verschoben, um im Inneren eines Nationalstaates Vereinheitlichung zu schaffen. Das Konzept des Kosmopolitismus ist kein „Entweder-Oder-Prinzip“, wie der Universalismus oder Nationalismus, sondern ein “Sowohl-Als-Auch-Prinzip“. Hierbei geht es um die räumlich unabhängige Akzeptanz von Andersheit. Der Kosmopolitismus ist eine Kombination aus Universalismus, Realismus sowie Nationalismus und Ethnizismus um eine Verbindung zwischen Gleichheit und Differenz zu schaffen. Andere sollen als homogen und zugleich als heterogen gesehen werden. Einerseits sollen die eigene Identität und die Identität des anderen beibehalten, anderseits die anderen mit ihrer Kultur akzeptiert werden. Somit wird eine Parallelidentität aufgebaut: die kosmopolitische Identität. (ebd.: 24 ff.) „Es wird ein Bild der [...] Identität entworfen, das sich frei aus dem Märklinbaukasten der Weltidentität bedient und das Selbstbild als fortschreitende Einschließlichkeit gestaltet.“ (Beck 2004: 12)

In einer Zeit, wo die Grenzen sich verändern und sich das wirtschaftliche sowie das soziale Handeln über den ganzen Erdball erstreckt und wo auch in Europa mittlerweile das tägliche Leben über die Grenzen hinweg vielfältiger Weise verflochten ist, genau in diesem Prozess, wo Europa „gemacht wird“, dieser Prozess der Europäisierung ist real existierender Kosmopolitismus, welches am folgenden Beispiel von Lokalpolitiker U. Kleinmann in Görlitz dargestellt wird:

„ ...am Wochenende habe ich da ein junges Ehepaar kennen gelernt, eh, durch Zufall, die kamen mit ner mit ner Zgorzelecer Autonummer an. Da hab ’ ich mir gedacht, das ist ja komisch, die wohnen hier in Görlitz, er ist Franzose, sie wohnt sie wohnt hier in Görlitz und da kamen wir ins Gespräch und da sagte er, jaja er arbeitet in Breslau, er ist Franzose aber er arbeitet in Breslau, ehm, er hat ’ nen polnisches Auto, wohnt aber in Görlitz. Ja, also och dass das das plötzlich solche Unterschiede die wir hier noch vor Jahren ganz scharf getrennt waren, so das es ’ ne Ausnahme war, wenn jemand, eh, ’ ne polnische Frau oder ’ nen polnischen Mann hatte, und ach, da ging das ja schon los, mit mit den Kindern, werden die jetzt eh polnisch erzogen oder gehen die jetzt in die polnische Schule oder deutsche Schule. Solche Dinge beginnen jetzt sich einfach, eh, in Selbstverständlichkeit aufzulösen,... “ (Interview Görlitz 2006: Z. 161-174)

Erst wenn die Bewohner sowie die Lokalpolitiker der Grenzstädte kosmopolitisch zu denken anfangen, die Andersartigkeit der Anderen zu akzeptieren lernen, sie als Europäer zu sehen nur mit anderen Lebensstilen und Bräuchen, ihre Angst vor Andersartigkeit und ihre Vorurteile ein wenig reduzieren und aufeinander zugehen, gebe es Hoffnung auf Annäherung der beiden Stadtteile. Denn mit der zusätzlichen Bildung einer kosmopolitischen Identität, würde es ihnen leichter fallen mit dem europäischen Nachbarn mehr zu kooperieren und sozial zu Handeln. „Miteinander zu reden, zu singen, zu laufen, […] oder zu arbeiten“ (Interview Görlitz 2006: Z. 22-23) Alltägliche Begegnungen der binationalen Stadt werden kosmopolitisch. Das heißt, es entstehe ein banaler Kosmopolitismus.

Es existieren mittlerweile viele Zukunftsszenarien, was die Entwicklung der Doppelstädte an der deutsch-polnischen Grenze betrifft. Sie variieren zwischen stark negativ und stark positiv und fokussieren auf unterschiedliche Faktoren wie wirtschaftliche oder kulturelle.

Auch wenn die Abwanderung hauptsächlich wirtschaftlich bedingt ist, könnte diese aufgrund von neuer ansteigender Loyalität zumindest ein wenig gedämpft werden. In Guben und Gubin sowie in Görlitz und Zgorzelec wird zurzeit versucht durch Städtebauprojekte ein neues Zentrum zu erschaffen, um die Bruchstellen Europas zu kaschieren beziehungsweise korrigieren, was die Städte wieder als ein Ganzes erscheinen lassen würde. Eine zum Leben erwachte Stadt mit einem attraktiven Stadtkern hätte auch einen positiven Effekt auf den Tourismusmarkt. Dadurch würden wieder Arbeitsplätze geschaffen und der Bekanntheitsgrad zusätzlich vergrößert werden. Auch der kontinuierliche Abwanderungs- und Arbeitslosenrückgang erhöht die Kauf- und Arbeitskraft. Dieser Prozess könnte dann schließlich Investoren anlocken und die Verbesserung der Wirtschaftlage einläuten und den Europäisierungsprozess weiter antreiben und eine gewisse Normalisierung des Lebens könnte wieder eintreten. Diese Theorie ist hier überschaulich dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch kosmopolitisches Denken, Überwindung von Stereotypen und der Angstabbau vor Andersartigkeiten sowie eine Annäherung und Kooperation der Stadtteile wird versucht die Normalisierung des Alltags und der Wirtschaftsage zu verbessern. Die Theorie beruht also auf der These, dass sich kulturelle Annäherung positiv auf die Wirtschaft auswirken kann, und nicht umgekehrt.

Diese Arbeit besteht aus vier Kapiteln. Im ersten Kapitel wird die Reaktion der Menschen auf die Auflösung der Grenzen innerhalb Europas, bedingt durch die Globalisierung beschrieben. Darauf wird kurz ein Exkurs in die Psychologie unternommen, um den psychologischen Faktor „Xenophobie“ zu erörtern. Denn damit soll dem Leser nahe gebracht werden, warum Menschen überhaupt skeptisch gegenüber Andersartigkeit sind. Um die spezielle Problematik in Europa besser zu verstehen, wird danach der Leser in die Vergangenheit Europas entführt. Daraufhin folgt die Erläuterung, welche Probleme der Wandel an der Schnittstelle Ost- und Westeuropa auslöst, sowie die Bedeutsamkeit von Grenzen.

Im zweiten Kapitel wird das Schicksal an der deutsch-polnischen Grenze dargestellt. Die beiden Fallbeispiele Guben und Görlitz werden ausführlich beschrieben und erwähnt, dass beide auf das gleiche Schicksal temporär unterschiedlich reagieren. Mit Georg Simmels „Brückentheorie“ wird weiter aufgezeigt, wie wichtig das Überwinden von Hindernissen an der deutsch- polnischen Grenze ist. Guben hingegen versuchte es erst im Alleingang mit der außergewöhnlichen Situation fertig zu werden, folgt aber dann Görlitz Entscheidung, mit dem Nachbarteil zu kooperieren. Dann wird zuerst auf die Stadt Görlitz eingegangen, da diese scheinbar von Anfang an das beste Erfolgsrezept hatte, um sich zumindest zeitweise als östlichste Stadt Deutschland in den Mittelpunkt Europas zu katapultieren. Danach wird geschildert, wie Guben nachzieht. Schließlich wird ausführlich auf die Lokalpolitiker der beiden Städte eingegangen, um herauszukristallisieren, welcher Politikertyp den Herausforderungen als Vorbildfunktion einer binationalen Stadt mit wirtschaftlichen Problemen am meisten gewachsen ist. Im folgenden Paragraph wird die Signifikanz einer europäischen Identität erörtert und der Kosmopolitismus als Lösung aufgezeigt. Die Theorie von U. Beck und E. Grande über den Kosmopolitismus in Europa wird in dieser Arbeit dem real existierenden Kosmopolitismus unter Berücksichtigung der zivilgesellschaftlichen Akteure gegenübergestellt.

Im letzten Abschnitt werden die Ambivalenzen, denen die Menschen im Grenzgebiet Polen-Deutschland ausgesetzt sind, dargelegt. Ein kurzes Fazit schließt diese Arbeit ab.

Kapitel 1 Hürden und Hindernisse auf dem Weg zu einem einheitlichen Europa

1. Auflösung der Heterogenität Europas und ihre soziale Bedeutung

„Die Bedeutung und auch die Gestaltung von Grenzen unterliegen einem ständigen Wandlungsprozess. Im Zuge von globaler Vernetzung, Kommunikation und Mobilität, aber auch durch veränderte Beziehungen zwischen den Nationalstaaten [hat sich] ihre Rolle stark verändert.“ (Mau 2006: 118) Durch diesen unaufhaltsamen Globalisierungsprozess, der das heutige Leben jedes Einzelnen stark prägt, scheint die Welt zu schrumpfen, was soziales Handeln zwischen kulturdivergenten Gesellschaften unfreiwillig zur Folge hat. Denn durch die zunehmenden internationalen Verflechtungen, und der technischen Fortschritte insbesondere in den Kommunikations- und Transporttechnologien sowie die politische Entscheidung zur Liberalisierung des Welthandels wird das Leben jedes Individuums auf politischer, wirtschaftlicher und auf kultureller und sozialer Ebene mehr und mehr von Entwicklungen anderer Regionen der Welt beeinflusst. Daraus resultieren unter anderem grenzüberschreitende Migrationen sowie internationale Arbeitsteilung intensiverer Marktverflechtungen über Grenzen hinweg. (vgl. Fürstenberg 2003: 183) Genauso auf Mikroebene werden Lokalitäten von globalen Einflüssen buchstäblich durchschossen. Georg Simmel beschreibt in seinem Essay „Brücke und Tür“ von 1903, um einen Privatbereich zu erschaffen, wird aus der Kontinuität und Unendlichkeit des Raumes von dem Menschen ein Teil herausgeschnitten, damit ein Schutz vor der Außenwelt gewährleistet ist. (Simmel 19841903: 7ff.) Doch sogar die Begrenzungen zwischen Privat und Öffentlichkeit werden aufgrund der Globalisierung immer fragiler. Mit Hilfe des World Wide Webs oder des internationalen Fernsehens werden selbst diese Grenzen zur Außenwelt durchlässig. Man kann sich aber auch hinter der eigenen Tür, in seiner eigenen kleinen Welt abschotten und nur die eigene Kultur leben. Aber mit diesem Verhalten isoliert man sich selber, denn indem man andere ausgrenzt grenzt man sich selber ab. Die Wege, aus den eigenen vier Wänden hinaus führen zur Vermischung mit anderen Menschen auch mit unterschiedlichen Mentalitäten. Die Welt wächst also zusammen, und bildet sich immer mehr zu einem Ganzen. Auch der Gründungsvater des soziologischen Globalisierungsdiskurses Roland Robertson erklärte mit den Worten „Globalization refers to both compression of the world and the intensification of consciousness of the world as a whole“ (Robertson 1992: 8), dass mit dem Terminus Globalisierung nicht nur das Zusammenwachsen der Welt verstanden, sondern auch, dass die Welt als ein Ganzes betrachtet werden sollte. Ebenso könnte man auch die Europäisierung beschreiben, als ein Zusammenwachsen der Nationen zu einem Ganzen, was dann als Europäische Union tituliert wird. Doch dieser Vernetzungsprozess erfolgt auf wirtschaftlicher, politischer und soziokultureller Ebene nicht kongruent, wodurch erhebliche Probleme entstehen, die die Entwicklung der EU retardieren.

Die uns heute bekannten Staatsgrenzen in Europa sind Resultate der Epoche der Nationalstaatgesellschaften, die aus dem 19. Jahrhundert hervorkamen, in der sich der Nationalismus in den Köpfen der jeweiligen Bürger als selbstverständlich festgesetzt hat. Dieser blieb bis heute ein dominanter Faktor für die Identitätsbildung. Die somit vom Menschen konstruierten Abgrenzungen zu den Nachbarstaaten bekam so eine große und dauerhafte Bedeutung. Sie schützen das Nationalgefühl, welches hauptsächlich auf gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur beruht. Dieser Schutz wird durch die Infizierung der Globalisierung und Europäisierung immer mehr angegriffen, so dass sich die Grenzen partiell auflösen, verschwimmen und sich verschieben. Demnach sind die Folgen dieses Prozess, dass „die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure, ihre Machtchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke [...] querverbunden werde.“ (Beck / Grande 1997: 28f.) Es entsteht eine weltweite Vernetzung diverser Gesellschaften mit unterschiedlichen Ismen, Wertvorstellungen, Lebensstile und Kulturen. „Nation und Nationalkultur als Bezugspunkt für normative festgelegte Identitäten werden in einer postkolonialen Welt der Grenzüberschreitung und kulturellen Übersetzungen nachhaltig entzaubert und zerstreut. Durch die Kreuzung, Durchmischung und Dezentrierung nationaler und kultureller Zugehörigkeiten eröffnen sich Terrains der Verstörung, die zu Phänomenen der Entwurzelung und Zerrissenheit führen können.“ (Eickelpasch / Rademacher 2004: 12) Dieser

Entgrenzungsprozess zwingt den Menschen somit immer mehr neben der ursprünglichen nationalen Identität eine kosmopolitische Identität zuzulassen, und sich als ein Kosmopolit unter mannigfachen Kulturen zu sehen. Die nationalen Identitäten sind dabei, sich immer mehr zu einer international- übergreifenden Identität zu transformieren. Die Dimension dieser europäischen Identität gewinnt somit ständig an Größe und Signifikanz. Allerdings soll dies nicht bedeuten, die Nationen aufzulösen und zu ersetzen, sondern sie im Licht der Ideale und Prinzipien, für die Europa schon immer stand und noch stehen soll, neu zu interpretieren und somit keine Gefahr besteht, ihre wertvolle Identität zu verlieren. (vgl. Beck / Grande 2004: 15) Die Menschen müssten nun lernen, dass das eine das andere nicht ausschließt. Nationen können trotz Europäisierung, Globalisierung oder Kosmopolitismus existieren. „Der Kosmopolitismus benötigt [sogar] […] ein gewisses Maß an Nationalismus, da dieser den besten und verlässlichsten Mechanismus zur institutionalisierten Erzeugung und Stabilisierung kollektiver Andersartigkeit darstellt. Wo solche Stabilisatoren von Differenz fehlen, da droht der Kosmopolitismus in substantiellen Universalismus abzugleiten.“ (Beck 2004: 96-97) Auch die USA besteht aus vielen Staaten, die sich zu einer Einheit zusammen getan haben. Doch bis die Europäer stolz die europäische Flagge schwenken wie die Amerikaner ihre, und sich mit ihr identifizieren, ist noch ein weiter Weg. Aber politisch und wirtschaftlich ist das Experiment Europa schon voll im Gange. Grenzen werden zur Erleichterung der Zusammenarbeit aufgelöst, gelockert und überwunden. „Je mehr die Gesellschaft sich [jedoch] mit realen Veränderungen konfrontiert sehen, die ihre tragenden Elemente bedrohen, desto anstrengender greifen die Menschen nach dem Vertrauten und desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die neuen Realitäten verkennen.“ (Beck / Grande 2004: 9) Gerade für Europa, mit seinen vielen heterogenen Nationen, Staatenformen, Kulturen und Kriegserfahrungen ist die Auflösung oder Lockerung der Staatengrenzen besonders auf soziokultureller Ebene eine gewaltige Herausforderung für einen Kontinent geprägt von Differenzen. Denn das Europa des 20. Jahrhunderts war schon immer ein Laboratorium der Weltgeschichte. Nirgendwo waren die Gegensätze zwischen Nationalismus, Demokratie und Kommunismus bzw. die machtpolitische und kriegerische Konfrontation so dicht bei einander wie in diesem Fall (vgl. www.weltpolitik.net)

Die Auseinandersetzung mit der Dekonstruktion der nationalen Grenzen ist daher eine große Herausforderung für die Europäer.

Es ist schwierig zu erklären, was Europa eigentlich ist, wo es anfängt, wo es aufhört, was dazu gehört. Im Westen, Norden und Süden werden die Grenzen des Kontinents von natürlichen Barrieren dargestellt. Große Meere machen die Autonomie von den anderen Erdteilen deutlich. Im Osten hingegen können weder die „Physiogeographie noch die Humangeographie eine brauchbare Abgrenzung anbieten.“ (Kreis 2004: 41) Wenn aber Niemand genau weiß, was Europa überhaupt ist, wie soll sich ein Europäer als Europäer identifizieren können?

Vielleicht sollte man in Erwägung ziehen, dass Europa vielleicht gar nicht gesucht und ge funden, sondern eher er funden werden muss. (vgl. Beck / Grande 2004: 18) Und das Akzeptieren der Europäischen Union und ihre Miglieder wäre so eine Möglichkeit. Die Problematik ist allerdings, dass die Identitätsstiftenden Faktoren, um sich als Europäer zu fühlen, sehr zu wünschen übrig lassen, aufgrund der kriegerischen Geschichte. Aber zwei Identitäten haben sich trotzdem gebildet, was nicht gerade hilfreich ist. Die Identität des Westeuropäers und des Osteuropäers spaltet Europa. Hier bestehen offensichtlich erkennbare und spürbare Unterschiede. Die westliche Bevölkerung Europas scheinen mindestens eines gemeinsam zu haben: Sie fühlen sich überlegen gegenüber dem Osten, dem „Armenhaus“ Europas. (vgl. Rada 2001: 104) West- und Osteuropa als ein Ganzes zu betrachten fällt der Bevölkerung des Kontinents offensichtlich sehr schwer. Denn es fehlt ihnen der Mut sich mit den Nachbarländern auf der anderen Seite Europas auseinander zu setzen und fördert mehr die bereits bestehenden Bedürfnisse eines Individuums, sich zu denen zu gesellen, die die gleiche Herkunft, Religion und Sprache sowie übereinstimmende Werte und Institutionen, also die gleichen Lebensvorstellungen haben, (vgl. Huntington 1996: 194) und sich somit von denen distanzieren, die von einem anderen politischen und wirtschaftlichen Ordnungssystem geprägt wurden.

Die Politik und besonders die Wirtschaft stecken bereits mitten im globalen Transformationsprozess, während die Menschen auf sozialer Ebene und somit auch mental und emotional sich noch nicht mit der neuen und unaufhaltsamen Entwicklung anfreunden können. Denn Menschen tendieren dazu, allem

Fremden und Unbekannten erst mal skeptisch gegenüber zu stehen, wenn man etwas nicht versteht, es als falsch schlecht oder sogar als bedrohlich ansieht, und sich dann lieber davon fern halten. Sie reagieren mit Gruppen- und Ideologie-Identifikationen, die ihnen neue Gefühle der (Gemeinschafts-) Geborgenheit und kollektiven Macht vermitteln, um diese mögliche Entfremdung, Unsicherheit und Ohnmacht zu kompensieren. (vgl. Hillmann 1994: 593) Sie sind mit der Erfahrung der Europäisierung konfrontiert, ohne zu wissen, wie sie diese begreifen und denken können. (vgl. Beck / Grande 2004: 10)

Die Entwicklung einer europäischen Identität ist somit äußerst schwerfällig. Denn was diese Entwicklung hauptsächlich retardiert ist die Abnabelung von der dramatisch geprägten europäischen Geschichte und des Nationalismus`. Die Idee der Europäischen Union jedoch könnte auch hier wieder Abhilfe leisten. Denn die EU ist klarer definierbar, auch wenn der Prozess noch lange andauern wird. Die Mitgliedstaaten sollen lernen fair zusammenzuarbeiten und aus dem Kontinent der Widersprüche, Gegensätze und Wirrnisse eine europäische Gemeinschaft entstehen lassen . (Ulrich / Rudolf 2004: 15)

Wenn die Menschen ihres Selbst nicht sicher sind, beschränken sie sich auf ihre Heimatregion, denn dort sind sie sich gewiss, wo die Grenzen ihres Territoriums, ihres Nationalstaates sind, in dem Menschen ihres Gleichen leben, die das gleiche Schicksal und die gleiche Vergangenheit in sich tragen. Sie ziehen sich zurück auf den Nahraum, wo sie sich geborgen fühlen und somit das Gefühl hegen, dass sie nichts mehr erschüttern kann.

2. Die Angst vor der Andersartigkeit

Die Angst, Vorsicht, Zurückhaltung gepaart mit einer gewissen Neugierde gegenüber dem Fremden und Unvertrautem und weitgehend Unverstandenem, ist evolutionsbiologisch betrachtet dem „Überleben“ förderlich. Diese Reaktion ist somit natürlicher Art und hat in diesem Sinne nichts mit Feindschaft zu tun. Mit zunehmendem „Sich-Vertraut-Machen“ würde diese naturgemäße Skepsis verschwinden oder sich zumindest reduzieren. (Etzersdorfer / Ley 1999: 171) Zudem kommt in der deutsch-polnischen Grenzerregion der sozioökonomische Faktor hinzu, der zusätzlich negative Stereotypen verfestigt. Aufgrund des

Wirtschaftsgefälles bekommt der Deutsche die Möglichkeit auf den Polen von oben herab zu schauen, was wiederum bei der polnischen Bevölkerung ein arrogantes Bild der Deutschen hervorrufen kann.

Die positiven Entwicklungen für die Europastadt Görlitz-Zgorzelec kostete viel Mut, und Überwindung. U. Kleinmann schilderte, wie negativ sich die Bürger der beiden Stadtteile einst gegenüber verhalten haben:

„… aus einer Situation von Sprachlosigkeit, von Desinteresse, von ja eh Duldung aber gleichzeitig och Ignoranz, da das also man hat sich da nichts angetan, aber man hat sich da eigentlich nicht zu sehr für einander interessiert. “ (Interview Görlitz 2006: Z. 10-13)

Dieses Desinteresse bzw. den „Fremden“ auf Distanz halten steht im Kontext mit Xenophobie. Es ist eine ablehnende Einstellung und Verhaltensweise gegenüber anderen Menschen und Gruppen, die vermeintlich oder real fremd sind, zum Beispiel durch fremde Herkunft, Kultur, Sprache oder Religion. (edb.: 51) Auch der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr hat sich diesem Thema angenommen. „Xenophobie wird in modernen Gesellschaften als Ausdruck einer Gesellschaftskrise oder zumindest rascher Veränderungen in der Gesellschaft interpretiert, […] Die Fremden sind […] ein Sündenbock der negativen Effekte der Veränderung; dieser Mechanismus kann als Projektion von Ängsten auf ein mehr oder weniger schwaches Objekt interpretiert werden. Das Ziel dieses Mechanismus ist Entlastung der Gesellschaft von zentrifugalen Kräften und die versuchte Erneuerung der Gemeinschaft durch Ausgrenzung der Fremden.“ (edb.: 53) Auch mangelhafte Kenntnisse und Aufklärungen führen zu irrtümlichen negativen Vorstellungen über Fremde, andere Kulturen oder Unbekanntem. Solch eine negative Einstellung ist meist nicht einfach durch Informationskorrektur zu verändern. Sie werden mit hartnäckigem und emotionsgeladenem Widerstand abgewertet. (edb.: 172) „Das Vorurteil hat hier die Funktion, durch […] Abwertung und Diskriminierung von Fremdgruppen das Selbstwertgefühl und die Vorstellungen von der moralischen Integrität und damit [Aufwertung und] Überlegenheit der Eigengruppe zu verstärken. In der Regel wird dabei auch das Gefühl des persönlichen oder eigengruppenhaften

Ungenügens in der Weise kompensiert, dass man es auf die zu Feinden stilisierten Fremdgruppen projiziert.“ (Hillmann 1994: 915) Stereotypen sind schnell und einfach weiter zu vermitteln, besonders an Menschen, die sich noch kein eigens Bild über etwas oder jemanden machen konnten. Es sind sozial gefestigte negativ besetzte allgemeine Vorstellungen über eine Gruppe. (vgl. www.socioweb.de) Das negative Polenbild der Deutschen hat sich durch die europäische Geschichte gezogen. Das Schlagwort „polnische Wirtschaft“ reicht bis ins 18 Jahrhundert und geht prinzipiell mit negativen Assoziationen einher. Unsaubere Zustände und ergebnisloses, verschwenderisches Verhalten sowie die Unkompetenz sich politisch und wirtschaftlich zu organisieren, sagte man ihnen damit nach. ( vgl. Ziemer 2000: 9f.) Charakterisierungen dieser Art folgten auch im 19. Jahrhundert. Polen sei ein „zivilisatorisch, von seiner Wirtschaft und Sozialverfassung rückständiges Land“, welches sich durch Disziplinlosigkeit, Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit auszeichnet. (edb.: 9ff.) Die Meinung, dass Polen an seinem Schicksal selbst schuld ist, war nicht mehr umstößlich. Zugleich wurde auch in der Literatur die polnische Gesellschaft stark abgewertet. Polen wurde immer mehr zur latenten Bedrohung und als deutsche Gefahr angesehen. „Sie sondern sich von der deutschen Bevölkerung auf staatsbürgerlichem, wirtschaftlichem und religiösen Gebiet ab und bestätigt den nationalen Gegensatz in allen ihren Äußerungen und Handlugen.“ (edb.: 13) Diese ganzen Stereotypen galten als Rechtfertigung für die Brutalität während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. (edb.: 15) Doch zum Glück sind Stereotype nicht nur „Gefängnisse von langer Dauer.“ Sie können auch den Veränderungen unterliegen. (vgl. Rada 2004: 55)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Polenbild durch die „Abtretung der Oder-Neiße-Gebiete und den Verlust der Heimat von Millionen Deutschen geprägt. Das Schicksal dieser Vertreibung wurde als stark ungerecht empfunden.“ (Ziemer 2000: 16)

Seit dem allerdings veränderte sich diese Haltung den Polen gegenüber langsam. Mit dem Kniefall von Willi Brand vor dem Denkmal des Warschauers Ghettos fingen die alten Stereotype an zu bröckeln. (edb.: 17) Die DDR hat zusätzlich ein ganz spezielles Bild von seinen unmittelbaren Nachbarn. Die polnische Parteiführung wurde von der deutschen mit permanenter Skepsis beobachtet. Seit dem visafreien Grenzverkehr kauften die Polen größere Mengen an deutschen Waren, die nicht im Wirtschaftsplan der DDR vorgesehen waren. Es entstand die Angst, dass die Polen ihnen alles wegkaufen würden. Einige betrieben überdies illegalen Handel, was das polnische Image nicht gerade verbesserte. Mit dem Aufmarsch der polnischen Gewerkschaft „SolidarnoĞü“ 1980 befürchtete die DDR, dass die Polenbewegung auf das demokratisch-deutsche Volk übergreifen könnte. Somit wurden antipolnische Stereotype von der Regierung bewusst wieder verstärkt. Polenwitze waren an der Tagesordnung und der Terminus „polnische Wirtschaf“ im negativen Sinne lebte wieder auf. (edb. 18f.) Jedoch seit der Wiedervereinigung Deutschlands verbessert sich das deutsche Polenbild immer mehr. Schon durch das Bewusstwerden, dass die Polen in etwa das gleiche Schicksal der Vertreibung erlebt haben, erleichtert das Umdenken. (edb. 21) Auch das Deutschlandbild bei den Polen war nie das Beste, hat sich aber ebenfalls verbessert. Dass dies gerade bei jüngeren Generationen auftritt, wurde in einer Studie 2001 vom renommierten Warschauer Institut für öffentliche Angelegenheiten festgestellt. Fast die Hälfte aller unter vierzigjährigen hegen Sympathie für die Deutschen. Bei den älteren nehmen die Prozentzahlen jedoch ab, da sie Deutschland immer noch mit Krieg assoziieren. Insgesamt empfinden 24 % eher Abneigung gegenüber den Deutschen. 1960 lag diese Meinung bei 67 %. Die Deutschen bringen mit den Polen auch nicht mehr die „polnische Wirtschaft“ in Verbindung. Zu ihren Charaktereigenschaften werden mittlerweile eher Religiosität und Herzlichkeit gezählt. Die meisten bringen mit Polen weder schlechte noch gute Eigenschaften in Verbindung. Gute Voraussetzungen für mehr Offenheit. (Rada 2004: 55) Versucht man also den anderen zu akzeptieren, so wie er ist, können negative Vorurteile abgebaut werden, denn mit einem kosmopolitischen Blick kann man feststellen, dass sie einfach nicht der Realität entsprechen:

„ Die, eh, diese alten Vorbehalte die es da der deutschen Seite gegenüber den Polen auf der polnischen Seite gegenüber den Deutschen gibt, eh (1) ja entweder verdrängt haben oder och mal bewusst da drüber nachgedacht haben, ob das alles so stimmt, weil sie persönlich son Erlebnis hatten, weil sie eben nicht beklaut worden sind, eh also als sie nach Polen gefahren, weil sie nicht nur auf faule besoffene Polen gestoßen sind oder umgedreht, nicht nur auf arrogante ständig nach nach, eh, Karriere und Wohlstand und Ruhm strebende Deutsche gestiegen sind und gestoßen sind. “

(Interview Görlitz 2006: Z. 28-36)

Außerdem kann somit das Interesse für das Unbekannte geweckt und die Neugierde immer mehr verstärkt werden.

„ ... und da haben wir jemanden kennen gelernt, wie das im ganz individuellen ist, wie das im ganz normalen Leben ist, dass man sich plötzlich für ´ ne Sache ganz anders interessiert, wenn die Sache mit dem Menschen verbunden ist, man kennt den Menschen. Ja? Ich habe mich nie großfür Holland interessiert und hab mal durch Zufall Holländer kennen gelernt, und wir sind mittlerweile seit vielen Jahren befreundet, und plötzlich interessiert sich man natürlich wenn man im Fernsehen Holland hört, Holland, aha, was ist da los? Interessiert man sich logischer Weise ganz anders dafür und das spielt spielt hier natürlich ´ ne Rolle. “ (Interview Görlitz 2006: Z. 40-49)

Der Bericht „Überrasch mich! sagt das Gehirn“ (7/2006) von dem Psychologen und Chefredakteur Heiko Ernst der Zeitschrift „Psychologie Heute“ erklärt dieses plötzlich entstehende Interesse und führt mich zurück zum Projekt Kulturhauptstadt. Die Neugier sei ein nie versiegender Trieb des Menschen. Ziel ist das immer mehr kennen lernen und erlernen wollen, welches über das Wissen, was zum unmittelbaren Überleben nötig ist, hinausragt. Es ist im Prinzip der Drang, die eigene Sphäre ständig zu erweitern. „Neugier ist Weltzuwendung: Sie hungert nach aktiver Auseinandersetzung mit der Welt da draußen, und sie ist der Ausdruck eines Gehirns, das fast unablässig beschäftigt stimuliert und überrascht sein will. Eine Gesellschaft, deren Angehörige nicht mehr neugierig sind, steckt in einer existentiellen Krise.“ (www.psychologie-heute.de) Die modernen Staaten des Westens sind geprägt durch Zukunftsängste und Identitätskrisen, welche für das Abklingen der

Neugier verantwortlich ist. „Wenn immer alles schlimmer zu werden droht, will man’s nicht mehr so genau wissen […] Gute Politik bestünde […] [dann] darin Möglichkeitsräume zu zeigen und Neugier neu zu entfesseln.“ Sie muss somit „wieder geweckt und auf lohnende, existenzielle Projekte gelenkt werden[…] Sie kann uns weit bringen, wenn sie zur Haltung wird. Dazu muss sie sich lohnende Objekte suchen und sich verfestigen zu einem sich selbst fortpflanzenden Interesse. Diese institutionalisierte Neugier ist eine enorme Produktivkraft für die Gesellschaft.“ (ebd.) Denn Neugier kennt keine Grenzen.

3. Ein Kontinent in Disharmonie

Dass Westeuropa zur EU gehören würde, schien selbstverständlich gewesen zu sein. Auch wenn Norwegen, Island und die Schweiz nicht dazu gehören wollten, ist ersichtlich, dass diese Länder trotzdem zu Europa zählen und diese die Außengrenzen der EU nicht bedrohen. Wie bereits erwähnt, werden diese Grenzen geographisch im Süden, Westen sowie im Norden durch große Gewässer klar definiert. Aber auch Europas Osten darf nicht außer Acht gelassen werden. Somit stellt sich auch hier wieder die Frage: was ist eigentlich Osteuropa und wo fängt es an, wo hört es auf? Hinzu kommen Ungewissheit und Angst ob es überhaupt gut ist, dass die Grenzen zu Osteuropa geöffnet werden aufgrund von einem starken Gefälle von Einkommen und Wirtschaftskraft. Dieses Wohlstandsgefälle in Europa könnte nämlich zu einer starken Einwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten führen und somit Arbeitsplätze, Gesundheits- und Sozialsysteme und sogar den sozialen Frieden in den EU-Ländern gefährden. (vgl. www.eurpa-waechst-zusammen.de)

3.1 Teilung Europas im Rückblick

„Seit Jahrhunderten besteht zwischen der Entwicklung von West und Ost ein Modernitätsgefälle, das sich für das 19. und 20. Jahrhundert insbesondere am Industrialisierungs- und Demokratisierungsgrad aufzeigen lässt.“ (Kreis 2004: 86) „Die Vorstellung eines zweiteiligen Europas wurde [somit] in den Jahren 1945 bis 1989 durch die ehemalige UdSSR und den USA vorgenommene Abgrenzung der machtpolitischen Einflusssphäre nicht eigentlich geschaffen, aber bekräftigt.“ (ebd.: 84) Nach 1945 gab es eine reelle Chance die alten nationalen Grenzen abzubauen. Stattdessen jedoch, kam mit der Aufteilung in eine sowjetische und eine amerikanische Einflusssphäre eine weitere hinzu. (ebd.: 15) Der so genannte „Eiserne Vorhang“, der als Absperrung des Ostblocks gegenüber dem Westen galt, ist eine Metapher, die von einem der einflussreichsten Politikern und Anhänger des Nationalsozialismus, Paul Joseph Goebbels, geprägt wurde, der bedauerlicherweise mit seiner extremen Denkweise stark die öffentliche Meinung lenkte. Auch der britische Staatsmann Sir Winston Churchill verwendete noch nach 1945, wie viele andere danach auch, diesen Terminus und verstärkte somit nochmals die scharfe Trennung, die auf zwei heterogene politische Räume hinwies. (ebd.: 86)

Die ideologischen Differenzen erzeugten eine Polarisierung zwischen dem „reichen“ kapitalistischen Westen und dem „armen“ kommunistischen Block, zwischen „wir und die Anderen“. Es entstand 1949 unter Suggestion Amerikas die Bundesrepublik Deutschland (BRD) sowie die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit Hilfe der UdSSR (vgl. Barraclough 2000: 274) Während in der DDR eine Planwirtschaft errichtet wurde, entschied sich die BRD für die soziale Marktwirtschaft. Das entstehende Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik führte zu anhaltenden hohen Wachstumsraten, Vollbeschäftigung und Wohlstand. „Die Wirtschaft der DDR entwickelte sich aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen (die DDR leistete umfangreiche Reparationszahlungen an die Sowjetunion und verzichtete auf Grund des Drucks aus Moskau auf finanzielle Leistungen aus dem Marshallplan zum Wiederaufbau Europas), aber auch aufgrund der Kollektivierung sowie der zunehmenden Enteignung der Betriebe und der prinzipiellen Mängel der Planwirtschaft langsamer als die der Bundesrepublik Deutschland.“ (www.deutschegeschichte.de) Die Entwicklungen der beiden deutschen Nationen führte folglich in unterschiedliche Richtungen und die Differenzen wurden immer größer. Und sobald ein Pfad einmal eingeschlagen wurde, kann er aufgrund von entstandenen Schneisen nicht mehr so schnell geändert werden.

Im Westen bildeten in den 60er Jahren Frankreich und Deutschland das Herzstück der neuen politischen Ausrichtung Westeuropas. Zudem förderte das Wirtschaftswachstum die politische Stabilität. In den Ostblockstaaten hingegen hatten sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Verlauf der 70er und 80er

Jahre in einem Maße zugespitzt, dass sie buchstäblich vor dem Bankrott standen. (vgl. Barraclough 2000: 300) Die Berliner Mauer, die 1961 errichtet wurde, verlieh der Spaltung schließlich noch einen visuellen Charakter, was die Teilung in West- und Osteuropa in den Köpfen noch mehr verstärkte und sie die erheblichen Differenzen der beiden deutschen Völker nicht vergessen lassen können. Und Grenzen aus den Köpfen der Menschen wieder zu eliminieren, ist viel langwieriger und schwieriger, als die Auflösung von politischen oder wirtschaftlichen Grenzen, da sie von irrationalen Emotionen beherrscht werden.

Der Sturz des Kommunismus und die schwache Wirtschaft der DDR nutzte der Bundeskanzler Helmut Kohl, um eine Wiedervereinigung zu erzielen. 1990 schloss sich schließlich die BRD mit der DDR zur neuen größeren Bundesrepublik zusammen und die Oder-Neiße-Linie wurde offiziell anerkannt und das dahinter liegend Terrain endgültig Polen zugesprochen. Vierzehn Jahre vergingen, in denen Deutschland wieder die Möglichkeit hatte, sich wieder näher zu kommen und zusammenzuwachsen bis dann schließlich auch die Grenze zu Polen geöffnet wurde, um Europa zu vereinen.

Am 1. Mai 2004 wurde die EU um acht Länder an ihrer Ostgrenze - neben zwei Mittelmeerinseln - erweitert, die zusammen jedoch nicht einmal das wirtschaftliche Gewicht der Niederlande erreichten. Die deutsche Wirtschaft war von Zweifeln geplagt. Es entstanden Befürchtungen um Arbeitsplätze, Ängste vor finanziellen Lasten und vor Billigkonkurrenz. Auch den Bürgern schien die Perspektive nicht geheuer, was von Leuten wie dem Präsidenten des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen Paul Welfens und dem Ökonomen Hans-Werner Sinn verstärkt wird: „Eine Übereilte Osterweiterung ohne hinreichende Reformen dürfte den großen Integrationsfortschritt Westeuropas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zerstören.“ Oder: „Es wird eine Massenmigration nach Deutschland geben, noch stärker als wir sie in den sechziger Jahren aus den Südländern erlebt haben.“ „Bei einem freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, so Sinn, sei es nur natürlich, dass die Osteuropäer ihre Arbeitskraft in Deutschland und in Österreich anbieten würden.“ (Rada 2001: 90f.)

„Zu ganz anderen Ergebnissen kommt dagegen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Falle eines sofortigen Beitritts aller zehn Kandidaten und der Gewährung der vollen Freizügigkeit, so das Basisszenario des DIW, würden in den ersten Jahren etwa je 220.000 Menschen nach Deutschland einwandern. Bis zum Ende des Jahrzehnts würde die jährliche Zuwanderung auf etwa 95.000 sinken. Im Jahre 2030 wäre dann mit 2,5 Millionen Migranten das Gleichgewicht von Zuwanderung und Abwanderung erreicht. Fazit des DIW: ‚Die Befürchtungen, dass die EU nach Einführung der Freizügigkeit mit Migranten überschwemmt werden könnte, sind nach diesen Berechnungen unbegründet.’" (www.uwe-rada.de)

Laut dem statistischen Bundesamt wurden „im Verlauf des Jahres 2005 in Deutschland rund 117.240 Ausländerinnen und Ausländer eingebürgert. Das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 10.000 (- 7,8 %) Einbürgerungen weniger als 2004. Damit ist die Zahl der Einbürgerungen auf den niedrigsten Stand seit 1998 gefallen; damals waren knapp 106.800 Ausländer eingebürgert worden. Mit der Einführung des neuen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 hatten die Einbürgerungen mit 186.700 eingebürgerten Personen ihren höchsten Stand erreicht. Seither sind die Zahlen jährlich zurückgegangen. Allerdings hat sich der Rückgang 2005 (- 7,8 %) gegenüber den Vorjahren deutlich abgeschwächt; in 2002 hatte er noch - 13,2 %, im Jahr 2004 noch - 9,6 % betragen.“ Was die Migrationswelle der Polen betrifft, ist diese ebenfalls ausgeblieben. 2001 lebten in Deutschland 310.000 gemeldete polnische Mitbürger. 2006 kamen 16.900 dazu. Das ist ein Zuwachs von 5,5 % und ein Bevölkerungsanteil von 0,5 %. (vgl. www.destatis.de)

Wenn explizit von einer Europäischen Union die Rede ist, und nicht von einer Westeuropäischen Gemeinschaft, dann darf der europäische Osten nicht außer Acht gelassen werden. Wenn sich auf vielen Teilen der Welt die Menschen die Hände über die kontinentalen Grenzen reichen können, sollte das innerhalb eines Kontinents erst Recht geschehen können.

3.2 Kleine Städte, große Hindernisse - Das Schicksal der Grenzstädte an der Oder-Neiße-Linie

Obwohl Passkontrollen bis zum 21.12.2007 immer noch zum Alltag der Grenze gehörten, verlor die Oder-Neiße-Linie den Charakter der EU-Außengrenze. Sie verlagerte sich weiter gen Osten an die ostpolnische Grenze zur Ukraine und Weißrussland. Damit wurde „die tiefe Spaltung überwunden, die durch die heißen und kalten Kriege im blutigen 20. Jahrhundert aufgerissen wurden.“ (Beck / Grande 2004: 11) Dadurch ist auch die deutsche Ostgrenze für transnationale Aktionen durchlässig geworden. Besonders spürbar ist dieses in den Regionen, die genau an der Scheidelinie zwischen West- und Osteuropa liegen.

Als die EU-Außengrenze noch zwischen Polen und Deutschland lag, diese durch eine natürliche Grenze sichtbar war - durch die Flüsse Oder und Neiße - und zusätzlich streng bewacht wurde, schien das Nationalbewusstsein und das alltägliche Leben noch behütet. Das Besondere ist, dass sich diese Flüsse vor dem Zweiten Weltkrieg friedlich durch die Herzen deutscher Städte schlängelten. Mit der Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze in Richtung Westen machten die Flüsse Kariere als natürliche Grenzen. Die Flussstädte werden zu Grenzstädten. Diese Doppelstädte, wie Görlitz, Guben und Frankfurt, wodurch die Oder und Neiße fließen, wurden gewaltsam und rücksichtslos in zwei Stadtteile zerlegt. Aus Küstrin wurde Küstrin und Kostrzyn, aus Frankfurt (Oder) wurde Frankfurt (Oder) und Sáubice, aus Guben wurde Guben und Gubin und aus Görlitz wurde Görlitz und Zgorzelec In den letzten 60 Jahren ging jede der Stadtteile ihren eigenen speziellen Weg, den polnischen und den deutschen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Deutsch-polnisches Grenzgebiet

Quelle: www.mecklenburger-radtour.de/media/toursets/36/tn_Karte_Oder-Neisse_neu_verl~.jpg

Nach fast 60 Jahren öffnete sich die Grenze wieder und das Fremde erwartet einen nicht mehr hinter dem Fluss, hinter der bewachten Absperrung, in der Ferne, „im wilden Osten“, sondern jetzt auch direkt vor der eigenen Haustür gefragt. Es treffen also zwei unterschiedliche Erfahrungsgesellschaften sowie unterschiedliche ökonomische und politische Transformationspfade aufeinander, die in kleinen strukturschwachen Orten des Grenzgebietes zusammengebracht werden müssen.

Das was man kennt und das was vertraut ist wird nun von Innen gestört. Das gleiche Empfinden gilt natürlich auch für die polnische Bevölkerung im Grenzgebiet. Die Angst davor, dass die Deutschen wieder einen Anspruch auf dieses Gebiet erheben könnten, ist nie ganz abgeklungen. Mit der Verschiebung der Grenze nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einst deutsche Gebiete zu polnischen Gebieten erklärt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze 1945

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens

In Abbildung 2 wird das polnische Gebiet vor 1945 durch den schwarzen Umriss gekennzeichnet. Die graue Grenzlinie, die sich weiter westlich befindet hingegen, markiert das heutige Polen. Ein Großteil Ostpolens wurde an die Sowjetunion abgetreten, während sich die Grenze zwischen Polen und Deutschland weiter in den Westen verlagerte und von der Oder und Neiße nun gebildet wird.

Polen sollte nun auch zur Europäischen Union gehören und die zerteilten Städte sollten wieder Eins werden. Auch wenn man die politische Grenze öffnet, bestehen weiterhin Barrieren. Natürlich besteht die Staatsgrenze weiterhin, da Deutschland und Polen immer noch zwei eigenständige Nationalstaaten sind. Somit gelten zum Beispiel unterschiedliche rechtliche Bestimmungen, was erhebliche Hürden mit sich bringt:

Natürlich gibt ’ s Schwierigkeiten. Das geht bei eh das geht beim einfachen Brückenbau los, also wenn ich Ihnenüber die Schwierigkeiten erzählen soll, wie lange wir gebraucht haben die Brücke, die Altstadtbrücke zu bauen, nicht wegen des Geldes und wegen der technischen Konstruktionen hat das zehn Jahre gedauert. Sondern wegen der Tatsache, dass es ´ n Grenzübergang ist. Nicht einfach nur ne also (1) Brückenüber Flüsse werden tausendfach auf der Welt gebaut. Das ist nicht das Problem, aber ´ ne Brückeüber ´ ne Grenze zu bauen undüber zwischen zwei Staaten, die nicht zu einem Bündnis gehörten damals, jetzt gehören wir beide zur Europäischen Union, wo ganz andere Gesetzm äß igkeiten sind wo, die Frage ist ja, wem gehört eigentlich das Gelände wo die Brücke drüben ankommt, ja, die könne Sie ja nicht in der Luft hängen die lassen die Brücke, die muss ja irgendwo aufliegen. Und ehm (1) wenn zum Beispiel die Stadt Görlitz Eigentümerin der Brücke ist, was was so geschehen ist , ja, wir sind, zwar gefördert worden, aber wir sind Eigentümerin der Brücke, eeehm ja wir müssen ja de de den den das Gelände kaufen oder pachten oder zur Nutzung oder irgendwie kriegen wo die Brücke drüben da kommt. (1) Und die polnische Seite muss ihrerseits dafür sorgen, dass die Brücke, ehm (1) also dass die dass die Straßenhöhe so ist, dass sieüberhaupt angebunden werden kann. Da hatten die zum Beispiel, da hatte man das verpasst. (1) Die Brücke war fertig, konnte aber nicht genutzt werden, weil die Einmeterzwanzig höher war als das Straßenniveau war. (1) Man hatte schlichtweg verpasst, die (1) wie soll ich sagen, die Fortführung der Brücke dann, also wir also haben das Grundstück gekauft, aber das ist in in eh Deutsche können nicht einfach in Polen Grundstücke kaufen. (Interview Görlitz 2006: Z. 429--455)

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Details

Seiten
121
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638027861
ISBN (Buch)
9783638933216
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87976
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2
Schlagworte
Ambivalenzen Integration Kontext Grenzstädte

Autor

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Titel: Ambivalenzen der europäischen Integration im Kontext deutsch-polnischer Grenzstädte