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Martin Luthers Verständnis von Jesus Christus und Rechtfertigung

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Grundzüge anhand eines Hauptwerkes
2.1. Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520)
2.2. Resümee

3. Grundzüge in weiteren Werken
3.1. Heidelberger Disputation (1518)
3.2. Evangelium (1522)
3.3. Schmalkaldische Artikel (1537)

4. Einordnung in den Kontext von Werk und Leben

5. Biblische und theologische Traditionen

6. Religionspädagogische Überlegungen

7. Schlussbemerkungen

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Zur Einführung möchte ich gerne meine Vorgehensweise kurz erläutern und auf die Schwerpunkte der Seminararbeit näher eingehen. Dabei lässt sich rückblickend feststellen, dass von der ersten Literaturrecherche bis zur Fertigstellung der Arbeit immerhin fünf Monate vergangen sind, die immer wieder von Arbeitsunterbrechungen gekennzeichnet waren. Diese haben sich insofern ausgewirkt, als dass es nach einer längeren Pause immer wieder einer gewissen Einarbeitungsphase in die Literatur- und Schreibarbeit bedurfte.

Wie dem auch sei, zu Beginn habe ich mich auf die ausgewählten Lutherquellen der Kapitel ‎2 und ‎3 beschränkt und noch keine Sekundärliteratur herangezogen. Diese Vorgehensweise habe ich bewusst gewählt, um nicht frühzeitig Interpretationen anderer Autoren zu über­nehmen, bevor ich nicht meine eigene gefunden hatte.[i]

Damit ist aber die Frage noch nicht beantwortet, nach welchen Gesichts­punkten ich die Lutherwerke ausgewählt habe! Bei der Wahl der Hauptschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ habe ich mich zuerst von meinem Bauchgefühl leiten lassen. Bei etwas genauerer Analyse erschien mir dieser Text mit seiner paradox klingenden Doppelthese sehr gut geeignet zu sein, zumal sich daran wesentliche Aspekte der Lutherschen Christologie und Recht­fertigungs­lehre schön entfalteten. Bei den weiteren Werken war neben dem inhaltlichen Aspekt vor allem der Entstehungs­zeitpunkt wichtig, um die Entwicklung in der Lutherschen Theologie zumindest punktuell nachvollziehbar zu machen.

Ein auf den ersten Blick möglicherweise auffälliger Aspekt dieser Arbeit ist die religionspädagogische Umsetzung in Kapitel ‎6. Nicht nur im Rahmen meines Studiums ist mir dieser Punkt wichtig, sondern vor allem in Hinblick auf den späteren Beruf als Religions­lehrer eine gute Übung, um ein anspruchsvolles Thema anhand eines theoretischen Gerüsts – wenn auch auf abstrakter Ebene – durchzuspielen.

Damit komme ich zu meiner Motivation für die Themenwahl: Das Kernstück der Lutherschen Theologie – das aufgrund seiner beinahe unerschöpflichen (Sekundär-)Literatur schon in allen Winkelzügen erschlossen zu sein scheint – in den wesentlichen Grundzügen anschaulich vorzustellen, war für mich Herausforderung und Antrieb. Andererseits ergibt sich dadurch auch die Chance, neue Über­legun­gen zu diesem Thema anzustellen, die dieser Arbeit eine hoffentlich persönliche Note verleihen.

2. Grundzüge anhand eines Hauptwerkes

2.1. Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520)

Diese zentrale Schrift für das Verständnis der Lutherschen Theologie ist im Jahr 1520 entstanden. Martin Luther war zu dieser Zeit 37 Jahre alt. Mit dem Titel „Von der Freyheyt eynisz Christen menschen“ – wie es im Original heißt – verfolgte er keinen geringeren Anspruch, als „die ganze Summa eines christlichen Lebens“ zu entfalten.[ii]

Erstens: „Eyn [innerer] Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. [Zweitens:] Eyn [äußerer] Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.“[iii]

In dieser bekannten Doppelthese – angelehnt an Paulus in 1.Kor 9,19 – deutet sich bereits eine dualistische Weltsicht an, die bei Luther häufig anzutreffen ist: frei und unfrei (dienstbar) sowie Herr und Knecht. Die letzteren Bezeichnungen deuten auf die damals feudale Herrschaftsordnung hin.

Zum Dualismus tritt noch ein Denken in paradoxen Zusammen­hängen hinzu, wie es bei Martin Luther, dem Wittenberger Professor, charakteristisch gewesen ist. Bei seinem Menschenbild könnte man von einer dualistischen Anthropologie sprechen: der Mensch existiert auf zwei voneinander getrennten Ebenen.[iv]

Nach der ersten These ist der innere Christenmensch frei. Die Seele steht für den inneren Menschen und hat „kein ander Ding, weder im Himmel noch auf Erden, darinnen sie lebe, fromm, frei und Christ sei als das heilige Evangelium, das Wort Gottes, von Christus gepredigt, wie er selbst Joh. 11, 25 sagt: [...].“[v]

Die Seele bedarf des Evangeliums, das Jesus Christus verkündet hat, um ewiges Leben zu erlangen. Dadurch wird Christus für Luther zur Schlüsselfigur; der Glaube an ihn ist unerlässlich, um das Heil zu erfahren: „Du sollst dich ihm mit festem Glauben ergeben und frisch auf ihn vertrauen.“[vi]

Aus einem solchen Christusglauben folgt, dass dem Menschen alle seine Sünden vergeben und sein Verderben überwunden wird. Durch das Evangelium und den Glauben daran wird der Christenmensch frei werden, wie bereits Paulus sagte (Röm 1,17): „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“[vii]

Dieses Bibelzitat wurde zur zentralsten Stelle in Luthers Rechtfertigungstheologie. Sie beruft sich auf Paulus, der den Glauben als notwendige und einzige Bedingung für die Enthüllung der Gerechtigkeit Gottes im Evangelium auffasst.[viii] Gleichzeitig verweist Luther auf die Konsequenz: „Röm. 10,4 ff.: Christus ist das Ende und die Fülle aller Gebote denen, die an ihn glauben.“[ix] Für ihn macht allein der Glaube einen frommen und gerechten Christenmenschen aus. Insbesondere in der damaligen Zeit ein radikales Bekenntnis, das der herrschenden Kirchenpraxis diametral gegenüber stand.

Dabei geht der Wittenberger Professor noch einen Schritt weiter und formuliert eine „ Beschaffenheit des Glaubens“. Demnach ist der Glaube nicht nur göttliche Verheißung und Zusagung, „sondern er vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam“.[x] Aus dieser Ehe vollzieht sich ein Austausch. Die Seele erhält was Christus eigen ist, das sind alle Güter und Seligkeit, und umgekehrt erhält Christus was der Seele eigen gewesen ist, das sind alle Untugend und Sünde.[xi]

Luther bezeichnet diesen Austausch mit dem berühmt gewordenen Motiv „vom fröhlichen Wechsel und Streit“.[xii] Die Vereinigung von Gott und Mensch in Christus und dessen Ehe mit der gläubigen Seele führt dazu, dass Christus die Sünde sich selbst zu eigen macht. Die Sünden werden in ihm verschlungen und ersäuft, denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist zu stark für sie.[xiii]

„Ist nun das nicht ein fröhlicher Hausstand, da der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie von allem Übel frei macht, sie mit allen Gütern zieret?“[xiv] In unvergleichlicher Weise bringt Luther seine radikale Christologie in die Alltags- und Sprachwelt des gewöhnlichen Bürgers. Erneut beruft er sich auf Paulus, wenn dieser durch den Tod und die Auferstehung Christi die Überwindung des Todes und der mit ihm verschlungenen Sünde sieht (1.Kor 15,55ff.). Hierbei könnte man auch von einer Stellvertretung Christi sprechen, wie sie in der Literatur häufig anzutreffen ist.[xv]

Von der sog. Beschaffenheit des Glaubens kommt Luther zum Kern der darin beschriebenen christlichen Freiheit. Sein Verständnis von Jesus Christus offenbart sich, indem er eine Verbindung von der männlichen Erstgeburt im Alten Testament, die Gott vorbehalten war, zu Christus herstellt. Die erste Geburt war ein Herr gegenüber seinen Brüdern (weltliche Herrschaft) und ein Pfaff oder Papst vor Gott (geistliches Priestertum). In Analogie zu Christus ist dieser dieselbe männliche Erstgeburt des göttlichen Vaters von der Jungfrau Maria; ein geistlich unsichtbarer Regent, der für die Menschen eintritt und für uns bittet.[xvi]

Der rechte Glaube erwächst dort, wo die christliche Freiheit richtig interpretiert wird. Denn wessen Herz Christus erhört hat, kann nur Wohlgefallen vor ihm und Gott, seinem Vater, finden. „Dahin kann es nimmermehr mit Gesetzen oder Werken kommen.“[xvii]

Den alleinigen Rechtfertigungsanspruch des Glaubens zur Seligkeit begründet Luther mit dem ersten Gebot: Du sollst deinen Gott ehren. Diese Ehre kann jedoch nicht durch gute Werke vollbracht werden, sondern nur der „ Glaube des Herzens“ besitzt die dazu nötige Kraft.[xviii] Mit dieser Glaubensauffassung löste sich Luther vollständig von der damaligen Kirchenlehre und war aus Sicht der Römischen Kurie untragbar geworden (siehe dazu Kap. ‎4), denn die scheinbare Bedeu­tungs­losigkeit der Gebote der Schrift stellte eine radikale Neu-Interpretation der christlichen Theologie dar. Jedoch präzisierte er, dass er keineswegs das Gesetz aufheben, sondern eine Unterschei­dung treffen wolle zwischen Geboten bzw. Gesetzen und göttlichen Verheißungen oder Zusagen.[xix]

Von den Verheißungen oder Zusagen, die im Glauben an Christus offenbar werden, geht er über zu seiner zweiten These vom äußeren Menschen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, auf das Luthersche Verständnis der Gebote im Alten Testament hinzuweisen. Demzufolge sollten diese dem Menschen sein Unvermögen aufzeigen und ihn die Verzweiflung lehren.[xx]

Trotzdem warfen ihm seine Widersacher vor, die guten Werke zu diskreditieren und zum Anwalt der Faulen geworden zu sein. Diesem Vorwurf setzte er entgegen, dass kein Mensch auf Erden ein vollkommen geistlicher, d.h. innerlicher Mensch sei, auf dass er sich ausschließlich darauf berufen könnte. Er spricht in diesem Zusammenhang vom Regieren des eigenen Leibes und dem Umgang mit anderen Menschen.[xxi] Man könnte auch sagen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das auf seine Umgebung eingehen und mit ihr umgehen muss.

Luther sieht den Sinn der Werke primär darin, sich nicht dem Müßiggang hinzugeben. Der Leib muss derart gezüchtigt werden – durch fasten, wachen und arbeiten – so dass der Glaube sich frei entfalten kann und nicht behindert wird.[xxii] Gute Werke können gegen einen selbst gerichtet sein sowie gegen andere Menschen. Wie diese Werke aussehen sollten, lässt sich aus der Antwort Jesu an den Pharisäer ablesen, der ihn nach dem höchsten Gebot fragte

(Mt 22,39). Außerdem führt Luther weitere Beispiele an, die die Beziehung und Rangfolge zwischen Glauben und Werken unterstrei­chen sollen. Der Glaube muss zuerst vorhanden sein, bevor die guten Werke daraus folgen können: Ein „guter, frommer Mann macht gute, fromme Werke und: Böse Werke machen nimmermehr einen bösen Mann, sondern ein böser Mann macht böse Werke.“[xxiii]

Welcher Konflikt aus den beiden Menschenentwürfen – innerer versus äußerer Mensch – entsteht, zeigt folgendes Bibelzitat recht anschaulich (Röm 7,22f.): „Ich habe Lust an Gottes Willen nach meinem innern Menschen; da finde ich einen andern Willen in meinem Fleisch, der will mich mit Sünden gefangennehmen.“[xxiv]

[...]


[i] Was jedoch keineswegs bedeutet, dass sich der mir erschlossene Zugang zum Text nicht durch weitere Literatur erweitert hätte. Das Gegenteil war der Fall.

[ii] WA 7, S.20-38 (dt.), S.49-73 (lat.).Vgl. Roller, P.-G., Von der Freyheyt eynisz Christen menschen, Tractatus de libertate christiana, Martin Luther; EA Wittenberg (1520), in: Eckert, Michael u.a. [Hg.], Lexikon der theologischen Werke, Stuttgart 2003, S.792.

[iii] Luther, Martin, Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), in: D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe [WA], Weimar 1883ff., Bd.7 (1897), S.20-38 (dt.), S.21,1-4.

[iv] Ob und inwiefern er diese beiden Sichtweisen zusammenbringt oder strikt trennt, wird im Folgenden noch zu erörtern sein.

[v] Luther, Martin, Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), in: Aland, Kurt [Hg.], Luther deutsch: die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Göttingen2 1981, Bd.2. Der Reformator, S.251-274, S.252.

[vi] Ebd., S.253.

[vii] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.253f.

[viii] Vgl. Deissler, Alfons u.a. [Hg.], Neue Jerusalemer Bibel. Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel, 4. Aufl. der Sonderausgabe der 11. Aufl., Freiburg i.Br. 2000, S.1625.

[ix] Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.254.

[x] Ebd., S.257.

[xi] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.257.

[xii] Roller, in: Eckert, 2003, S.792.

[xiii] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.257.

[xiv] Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.258.

[xv] Vgl. Korsch, Dietrich, Glaube und Rechtfertigung, in: Beutel, Alfred [Hg.], Luther Handbuch, Tübingen 2005, S.372-381, S.376f.

[xvi] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.259.

[xvii] Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.262.

[xviii] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.258.

[xix] Ebd., S.254. In diesem Zusammenhang spricht Beutel vom Gesetz als Verurteilung und der Verheißung als Freispruch. Vgl. Korsch, Dietrich, Die religiöse Leitidee, in: Beutel, Alfred [Hg.], Luther Handbuch, Tübingen 2005, S.91-97, S.94.

[xx] Vgl. Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.255.

[xxi] Ebd., S.263.

[xxii] Ebd., S.263f.

[xxiii] Und weiter: „Ein böser Baum trägt keine gute Frucht, ein guter Baum trägt keine böse Frucht.“ (Mt 7,18). Ein Beispiel aus dem Arbeitsleben lautet: „Ein gutes oder schlechtes Haus macht keinen guten oder schlechten Zimmermann, sondern ein guter oder schlechter Zimmermann macht ein schlechtes oder gutes Haus.“ Luther, 1520, in: Aland, 1981, S.266. [xxiv] Ebd., S.264. Dazu passt auch die Aussage im MtEv (26,41b): Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638041812
ISBN (Buch)
9783640861675
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87965
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Martin Luthers Verständnis Jesus Christus Rechtfertigung Systematische Theologie

Autor

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