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Autochthone Minderheiten und ihre Sprachen in Österreich. Die slowenische Volksgruppe in Kärnten

von Elisabeth Drannert (Autor)

Seminararbeit 2002 16 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick

3. Die slowenische Volksgruppe in Kärnten heute
3.1 Schulen
3.1.1 Kindergärten und Volksschulen
3.1.2 Hauptschulen
3.1.3 Höhere Schulen
3.1.4 Weitere Bildungsangebote
3.2 Slowenische Verbände
3.3 Mediales Angebot
3.4 Amtssprache
3.5 Topographische Aufschriften

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte der slowenischen Volksgruppe in Kärnten ist alles andere als konfliktlos verlaufen. Auf eine völlige Akzeptanz seitens des Staates sowie der Mehrheitsbevölkerung warten die Kärntner Slowenen bis heute. So hat beispielsweise die Ortstafelfrage vor kurzem in den Medien viel Staub aufgewirbelt. Mein Ziel ist es, einen Überblick über die Geschichte und die aktuelle Situation der Kärntner Slowenen zu geben.

Der Aufbau dieser Arbeit ist folgender: Nach einem aktuellen Einstieg, den die vorläufigen Ergebnisse der Volkszählung 2001 bieten, möchte ich im Kapitel 2 einige wesentliche Punkte in der Geschichte der Volksgruppe zusammenfassen. Anschließend wird die Präsenz des Slowenischen in Kärnten heute behandelt, wobei ich auf verschiedene Institutionen der Volksgruppe eingehen und die Handhabung der Rechte der Volksgruppe im öffentlichen Bereich beleuchten möchte.

Die vorläufigen Ergebnisse der Volkszählung 2001[1] zeigen folgendes Bild: In 197 Kärntner Ortschaften leben mehr als 10% Österreicher slowenischer Umgangssprache, darunter in 94 mehr als 25%. 12.586 österreichische Staatsbürger in Kärnten haben „Slowenisch“ als Umgangssprache angekreuzt. Die Zahl ist seit 1991 damit um 9,9% gesunken. Im Vergleich zu den vorhergehenden Dekaden vergrößerte sich der Rückgang damit wieder (in der Dekade 1981-1991 betrug er nur –1,7%), jedoch erreichte er nicht den extremen Wert von -16,5% der Dekade 1971-1981.

Etwa zwei Drittel des Rückgangs gehen laut Statistik Austria auf das überdurchschnittliche Alter[2] der Volksgruppe zurück, ein Drittel, so wird vermutet, auf geändertes Angabeverhalten.

Laut Eigeneinschätzung regierungsunabhängiger Vertretungsorganisationen leben in Österreich zur Zeit ca. 40 000 - 50 000 Slowenen[3]. Hier zeigt sich also ein gravierender Unterschied zwischen Untersuchungsergebnissen und Schätzungen. Anhand dieser Zahlen kann man bereits Schlussfolgerungen das Prestige des Slowenischen in Österreich betreffend ableiten.

Um die starke Veränderung im letzten Jahrhundert aufzuzeigen, eignet sich die von Bogataj angeführte erste Untersuchung über die sprachliche Zugehörigkeit der österreichischen Bevölkerung, die im Jahre 1846 durchgeführt wurde. Für Kärnten[4] brachte sie folgende Ergebnisse: Von den 318.577 Bewohnern waren 223.033 (70,01%) Deutsche und 95.544 (29,99%) Slowenen. Analysen ergaben laut Bogataj, dass die Angaben für die gemischtsprachigen Orte ungenau seien und dass etwa ein Viertel mehr Slowenen anzunehmen sei. Umgerechnet auf Kärnten in den heutigen Grenzen lebten demnach 1846 südlich der Sprachgrenze rund 103.000 Slowenen und 16.000 Deutschsprachige.[5]

Das Siedlungsgebiet der slowenischen Volksgruppe erstreckt sich heute auf die Täler Gailtal/Zilja, Rosental/Rož, Jauntal/Podjuna sowie die Region Völkermarkt/Velikovec. In der Steiermark leben Angehörige der slowenischen Volksgruppe v.a. im Radkersburger Winkel und entlang der Grenze zu Slowenien.[6]

Abb. 1.: Siedlungsgebiet der Kärntner Slowenen[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um die heutige Situation der slowenischen Volksgruppe verständlich zu machen, möchte ich zuerst auf einige wichtige historische Entwicklungen zu sprechen kommen.

2. Geschichtlicher Überblick

Slawen haben sich u.a. auch im Kärntner Raum schon im 6. Jhdt. n. Chr. angesiedelt. Über Jahrhunderte war der überwiegende Teil der Bevölkerung Südkärntens slowenischsprachig.

Einen ersten Aufschwung für das Slowenische, wie auch für andere Volkssprachen, brachte die Reformation ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Es wurde nun eine slowenische Schriftsprache als Basis für ein eigenständiges kulturelles Leben geschaffen. Im Jahre 1550 veröffentliche Primož Trubar das erste gedruckte slowenische Buch, seinen „Catechismus“, und im Jahre 1584 erschienen die slowenische Bibelübersetzung von Jurij Dalmatin (als erste slawische Übersetzung überhaupt) sowie die von Adam Bohorič verfasste slowenische Grammatik.

Bisher in lateinischer Sprache durchgeführte Messen wurden innerhalb der neuen protestantischen Kirche in der Volkssprache abgehalten. So konnte in der Heiligengeistkirche in Klagenfurt/Celovec auch eine selbständige Pfarre für die Slowenen entstehen. Die Gegenreformation brachte allerdings für die slowenischen kulturellen Bewegungen wieder eine starke Einschränkung. Die Bestrebungen der Jesuiten (als Träger der Gegenreformation) beschränkten sich im Hinblick auf die praktischen Bedürfnisse der Seelsorge im 17. und 18. Jahrhundert im wesentlichen auf die Ausbildung slowenischer Prediger, die häufig auch als Lehrer fungierten.[8]

Während der Aufklärung wurden erstmals in größerer Zahl Schulbücher, Sprachlehrbücher und literarische Werke gedruckt, womit nach Baumgartner der Beginn der Entwicklung einer modernen slowenischen Schriftsprache einsetzt.[9]

Mit der „Allgemeinen Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl. Königl. Erbländern“ wurde 1744 die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Da aber bis Mitte des 20. Jahrhunderts Slowenisch die vorherrschende Muttersprache der schuleintretenden Kinder in Südkärnten war, musste der Anfangsunterricht in slowenischer Sprache erteilt werden, wenn auch das primäre Bildungsziel von Beginn an die Beherrschung der deutschen Sprache war, auf die so bald wie möglich übergegangen werden sollte.[10]

Eine positive Veränderung brachte das Jahr 1848, als die staatlichen Behörden die Muttersprache des Kindes zur Unterrichtssprache des Elementarunterrichts bestimmten.[11] Die nationalen Minderheiten erfuhren in dieser Zeit (den sog. Neoabsolutismus, von 1848 bis 1867) durch den Wiener Hof eine starke Förderung. Unter diesen günstigen Rahmenbedingungen wurde Klagenfurt/Celovec in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum slowenischen kulturellen Zentrum. Hier wurde 1852 die Hermagoras/Mohorjeva-Bruderschaft gegründet, die die slowenische Bevölkerung mit unpolitischer Literatur in slowenischer Sprache versorgte.[12]

Kennzeichnend für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein verstärktes Aufkommen von Nationalismus, der sich zu einem richtigen Nationalitätenkampf steigerte. Das slowenische Nationalbewusstsein in der Bevölkerung wuchs, es wurde die sogenannte Tabor-Bewegung geschaffen, die in Kärnten, Krain, der Steiermark und im Küstenland Veranstaltungen mit Tausenden von Teilnehmern organisierte und ein vereintes Slowenien forderte. Die slowenische Sprache wurde immer mehr auch zu einem politischen Signal, die Stimmung unter den einzelnen Volksgruppen verschlechterte sich. Im Jahre 1872 wurde durch das Reichsvolksschulgesetz die utraquistische Volksschule eingeführt, in der man das Slowenische nur solange verwendete, bis die Schüler die deutsche Sprache ausreichend beherrschten. Diese Schulform stellte laut Bogataj ein souverän gehandhabtes Instrument zur Behinderung der slowenischen nationalen Emanzipation dar. Die slowenische Sprache wurde auf diese Art immer weiter zurückgedrängt. Die slowenischen Volksschulen, die nach 1848 geschaffen worden waren (1861 gab es in Kärnten davon 28), wurden nun bis auf 3 durch die utraquistischen verdrängt.[13]

Mit dem Ersten Weltkrieg trat eine Verschlimmerung der Lage der Kärntner Slowenen ein. Die Stimmung im Volk war allgemein slawophob. Es kam zu einer umfangreichen Verfolgung der politisch tätigen Slowenen wegen angeblichem Landesverrats und staatsfeindlicher Aktivitäten. Das Bekenntnis, Slowene zu sein, genügte bereits, um des Hochverrats beschuldigt zu werden.

Die immer größeren nationalen Gegensätze bewirkten eine Radikalisierung der südslawischen Bewegung und so schlossen sich etwa ein Viertel der Kärntner Slowenen und neun Gemeindeausschüsse ab Herbst 1917 der Maideklarationsbewegung an, die eine staatsrechtliche Vereinigung aller Slowenen der Monarchie unter dem Zepter der Habsburger forderte. Auf der Basis dieser breiten Bewegung forderte der slowenische Nationalrat für Kärnten die Einverleibung des slowenischen Sprachgebietes Kärntens in den Staat der Serben, Kroaten und Slowenen (im weiteren SHS genannt).[14]

Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde Kärnten zum Schauplatz eines Grenzstreites, dem sog. „Kärntner Abwehrkampf“. Südkärnten und Klagenfurt/Celovec wurden im Laufe dieses Konfliktes von südslawischen Verbänden besetzt. In der Pariser Friedenskonferenz wurde schließlich festgelegt, dass der Verbleib dieses Gebietes in einer Volksabstimmung entschieden werden sollte.[15]

Das Gebiet wurde in zwei Zonen unterteilt. In der südlichen Zone A, in der nach den Ereignissen der letzten Volkszählung von 1910 die slowenischsprachige Bevölkerung überwog (70%), sollte zuerst abgestimmt werden. Die nördliche Zone B mit einer überwiegend deutschen Mehrheit und der Landeshauptstadt sollte nur dann abstimmen, wenn das Plebiszit in der Zone A zugunsten Jugoslawiens ausging. Die Zone A unterstand bis zur Abstimmung jugoslawischer, die Zone B österreichischer Verwaltung.[16]

Die Abstimmung ging zugunsten Österreichs aus. Am 10. Oktober 1920 stimmten 22.025 (59,04%) der mehrheitlich slowenischsprachigen Südkärntner für Österreich, 15.279 (40,96%) für das Königreich SHS.[17] Dieser 10. Oktober wird heute noch als der Kärntner Landesfeiertag begangen.

Vor der Abstimmung war den Kärntnern Slowenen die Möglichkeit zur Erhaltung ihrer nationalen Identität und Kultur zugesichert worden. Bald wurde aber klar, dass der Grund für diese Versprechungen einzig und allein Stimmenfang war. Denn statt einer Unterstützung der slowenischen Kultur verstärkte sich nun der Assimilationsdruck. Die slowenische Sprache wurde aus dem Unterricht und öffentlichen Bereich radikal entfernt.[18] Die slowenischsprachige Bevölkerung wurde nun in zwei Kategorien geteilt: Einerseits gab es die „Windischen“, die slowenischsprachigen Kärntner ohne Nationalbewusstsein, die angeblich für Österreich gestimmt hatten und keinen Wert auf die slowenische Standardsprache legten. Deren slowenischer Dialekt wurde als eine „eigene deutsch-slawische Muttersprache“ bezeichnet. Diese Gruppe war im Begriff, in den deutschen „Kulturkreis“ einzutreten. Demgegenüber standen die nationalbewussten Slowenen, die zumeist die slowenische Standardsprache beherrschten und denen unterstellt wurde, dass sie bei der Volksabstimmung für das Königreich SHS gestimmt hatten (die sog. „Nationalslowenen“). Sie wurden als „Verführte“ angesehen, die zum „Kärntnertum“ zurückzuführen wären.[19]

[...]


[1] Presseinformation von Statistik Austria: URL http://www.oestat.gv.at/cgi-bin/presseprint.pl?INDEX=2002075, 03.04.02, 19:30

[2] Der Anteil der über 60jährigen beträgt demnach in ganz Österreich 23%, während er in der slowenischen Volksgruppe 32% ausmacht.

[3] vgl. Österr. Volksgruppenzentrum 2001: 22, inkl. Slowenen in der Steiermark

[4] in den alten Grenzen, d.h. mit Mießtal, Seeland und Kanaltal

[5] vgl. Bogataj 1989: 51

[6] Die Situation der Steirischen Slowenen stellt sich weitaus schlechter dar als die der Kärntner Slowenen. So werden sie von der Steirischen Landesregierung nicht als Minderheit anerkannt, es existiert keine mediale Versorgung. (vgl. Österr. Volksgruppenzentrum 2001: 44 u. 59 ). Eine Mitberücksichtigung dieser Gruppe würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb ich mich hier ausschließlich auf Kärnten beziehe.

[7] Österreichisches Volksgruppenzentrum (Hrsg.): Volksgruppenreport 2001: URL: http://www.demokratiezentrum.org/download/Volksgruppenreport.pdf, 08.06.2002, 18:05, S. 9

[8] vgl. Bogataj 1989: 48f

[9] vgl. Baumgartner 1995: 29f

[10] vgl. Domej 2000: 30

[11] vgl. Domej 2000: 30

[12] vgl. Baumgartner 1995: 30

[13] vgl. Bogataj 1989: 54ff

[14] vgl. Bogataj 1989: 58

[15] vgl. Baumgartner 1995: 31

[16] vgl. Bogataj 1989: 64

[17] vgl. Bogataj 1989: 67

[18] vgl. Baumgartner 1995: 31

[19] vgl. Bogataj 1989: 68f

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638156776
ISBN (Buch)
9783656521327
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8795
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Slawistik
Note
2
Schlagworte
Autochthone Minderheiten Sprachen Volksgruppe Kärnten Proseminar Nachbarn

Autor

  • Elisabeth Drannert (Autor)

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