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Islam und Christentum - Ein Dialog im Klassenzimmer

Chancen eines gemeinsamen Miteinanders

Diplomarbeit 2007 92 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

A. Theoretischer Teil
Islam und Christentum im Spannungsfeld der Zeit
I. Allgemeines
1. Islam – ein vielschichtiger Begriff
2. Zielgruppe der Arbeit
3. Integration
4. Religion und das Verhalten des Menschen
Exkurs: Sind religiöse Menschen toleranter?
Intention
Situation
Fragebogen
Auswertung
Folgerungen
5. Christentum über Islam
a. Vergangenheit
b. Papst Gregor VII
c. Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils
d. Gegenwart
6. Islam über Christentum
a. Geschichte
b. Aussagen im Koran
c. Stellungnahmen neuerer Zeit
7. Gemeinsame Abstammung: Abraham
a. Judentum
b. Christentum
c. Islam
d. Greenberg: Der offene Bund
e. Muslimisches Beziehungsdenken
f. Abrahamische Ökumene
g. Abrahamische Spiritualität
II.
Schwierigkeiten
1. Vergangenheit
2. Theologische Diskrepanzen
a. Heilige Bücher
b. Figur des Jesus Christus
c. Zentrale Lehre
3. Fundamentalismus
III. Lösungsansätze
1. Objektive Information
2. Dialog
a. Verschiedene Ebenen
b. Babylonisches Sprachgewirr
3. Verantwortung für die Welt: Eine gemeinsame Ethik
a. Allgemeines
b. Allgemeine Menschenrechte
c. Weltethos

B. Praktische Umsetzung
I. Situation in Österreich
1. Statistiken
2. Rechtliche Situation
3. Jugend und Religion
a. Individualisierte Religiosität
b. Erlebnisorientierte Religiosität
c. Biographische Religiosität
4. Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit
5. Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
II.
Ansatzpunkte für die Arbeit mit Jugendlichen
1. Akzeptanz
2. Musik
3. Interreligiöses Lernen
4. Feste
III. Vorhandene Modelle des Miteinanders in
oberösterreichischen Bildungseinrichtungen
1. Kindergarten
2. Schule
3. Außerschulische Projekte
4. Resümee
IV. Entwurf eines Konzeptes für ein fächerübergreifendes
Projekt in der Berufsschule
1. Ausgangslage
2. Ziele
a. Auszüge aus den Lehrplänen
b. Projektziele
3. Projektdurchführung
a. Allgemeines
b. Themen
c. Inhalte

Zusammenfassung

Literaturliste

EINLEITUNG

Ein Holländerkind,

ein Negerkind,
ein Chinesenkind
drücken beim Spielen die Hände in Lehm.
Nun geh hin und sag:
Welche Hand ist von wem?

Hans Baumann[1]

Dieses berührende Gedicht habe ich vor Kurzem im Deutschbuch meiner jüngeren Tochter gelesen. Tagtäglich treffen wir mit fremden Kulturen zusammen, es ist anzunehmen, dass die multikulturelle Gesellschaft in Westeuropa durch die offenen Grenzen und Einwanderungsbewegungen noch verstärkt erfahrbar wird.

Unsere westliche Welt wird immer bunter. Damit bin ich auch in der Schule[2] konfrontiert. Weil Religion in der Berufsschule ein Freigegenstand ist und nicht-angemeldete Schüler[3] – oft aus anderen Kulturen und Religionen - nicht beaufsichtigt werden müssen, kommen sie oft als Gäste in meinen Unterricht.

So erhalte ich Einblick in ein multikulturelles Neben-, Gegen- und Miteinander. Manches gelingt gut, anderes scheitert. Missverständnisse, Kränkungen und Vorurteile von den verschiedenen beteiligten Gruppen sind an der Tagesordnung.

Als ich nach einem Thema für meine Diplomarbeit suchte, versuchte ich ein Thema zu finden, das einen aktuellen Bezug zu meiner Lehrertätigkeit hat und das mir für meine Arbeit in der Schule Anregung und Hilfe sein könnte.

Immer wieder stieß ich bei Fortbildungen und im Gespräch auf das Thema Integration. Bei vielen meiner Kollegen herrscht große Ratlosigkeit: Wie soll und kann ich mit kritischen Situationen umgehen? Wie begegne ich Stammtischparolen? Wie kann gute Zusammenarbeit und friedliches Zusammenleben gelingen? Was kann ich als Lehrer dazu beitragen?

Im Schulorganisationsgesetz ist Folgendes festgehalten:

- 2. Aufgabe der österreichischen Schule

(1) Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung

der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen

Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch

einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden

Unterricht mitzuwirken. Sie hat die Jugend mit dem für das Leben und

den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können auszustatten und

zum selbsttätigen Bildungserwerb zu erziehen.

Die jungen Menschen sollen zu gesunden, arbeitstüchtigen,

pflichttreuen und verantwortungsbewußten Gliedern der Gesellschaft

und Bürgern der demokratischen und bundesstaatlichen Republik

Österreich herangebildet werden. Sie sollen zu selbständigem Urteil

und sozialem Verständnis geführt, dem politischen und

weltanschaulichen Denken anderer aufgeschlossen sowie befähigt

werden, am Wirtschafts- und Kulturleben Österreichs, Europas und der

Welt Anteil zu nehmen und in Freiheits- und Friedensliebe an den

gemeinsamen Aufgaben der Menschheit mitzuwirken[4].

Bundesgesetz vom 25. Juli 1962 über die Schulorganisation

StF: BGBl. Nr. 242/1962

Im Gesetz ist von gemeinsamen Aufgaben der Menschheit die Rede.

Wir haben nur diese eine Welt und es scheint notwendig und selbstverständlich, dass wir das Zusammenleben danach ausrichten müssen. Eine andere Wahl haben wir nicht .

Kann es also – trotz aller sozialer, religiöser und kultureller Unterschiede – ein friedliches und gelungenes Miteinander geben?

Ein Negativbeispiel aus der jüngsten Zeitgeschichte - der „Zusammenbruch der multikulturellen Gesellschaft im ehemaligen Jugoslawien“[5] macht uns keine großen Hoffnungen. Die Situation am Balkan zu analysieren, würde den Rahmen und das Ziel dieser Arbeit sprengen.

Multikulturell bedeutet eine Vielheit von Kulturen und Religionen.

Ich beschränke mich bei dieser Arbeit auf zwei Religionen, die bei uns in Österreich sehr häufig zusammentreffen: Islam und Christentum. Gerade hier liegt ein großes Spannungsfeld und somit Aufarbeitungspotenzial.

Unsere westeuropäische Kultur ist traditionell vom Christentum geprägt, immer noch – trotz zunehmender Abwendung davon.

Der Islam, auf den wir bei uns in Österreich stoßen, hat viele kulturelle und nationale Ausgangspunkte und Hintergründe: Türkische, Ex-Jugoslawische, Arabische, Afrikanische und Asiatische.

Gerade bei den muslimischen Zuwanderern ist eine sehr starke Verbundenheit mit ihrem Glauben spürbar.

Wie beeinflusst der Glaube, die Religion – Christentum und Islam - das Leben und das Verhalten der Menschen? Was sagen diese beiden Religionen übereinander?

Ich denke, die Kenntnis über die jeweils andere Religion, ihre Werte und die Auswirkungen der jeweiligen Lehren auf das konkrete, praktische Leben, kann ein erster Schritt zu einem friedlichen Miteinander sein. Dazu bedarf es eines Dialogs zwischen den beiden Religionen, der Gott sei Dank, oder sollte man sagen, Allah zum Dank, in letzter Zeit von beiden Seiten immer stärker forciert wird.

Um Missverständnisse auszuräumen, ist es notwendig zuerst einen genaueren Blick auf Probleme, Schwierigkeiten und Unterschiede zu werfen.

Für ein gelungenes Zusammenleben sind sicherlich die Gemeinsamkeiten beider Religionen wichtige Ausgangspunkte der Diskussion. Grundlage dafür könnten – neben den theologischen Inhalten - die Allgemeinen Menschenrechte und gemeinsame ethische Grundanliegen sein.

Im zweiten Teil der Arbeit untersuche ich die Situation in Österreich, analysiere Statistiken und suche nach oberösterreichischen Bildungseinrichtungen, die Modelle eines Miteinanders praktizieren.

Ein weiterer Schritt ist die Überlegung, wie ich meine Erkenntnisse für die Arbeit in der Berufsschule umsetzen kann, damit das Zusammenleben bei uns besser gelingt.

Gerade die Kinder- und Jugendarbeit kann eine gute Ausgangsbasis bilden für ein friedliches, tolerantes und sich gegenseitig befruchtendes Miteinander, nach dem volkstümlichen Sprichwort: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

A. Theoretischer Teil

Islam und Christentum im Spannungsfeld der Zeit

I. Allgemeines

1. Islam – ein vielschichtiger Begriff

Wenn wir vom Islam sprechen, müssen wir uns zuerst einmal klar darüber sein, was wir genau darunter verstehen, beziehungsweise, welche Aspekte und Definitionen darin zum Ausdruck gebracht werden.[6]

Das Wort Islam selber stammt aus dem Arabischen und beinhaltet eine religiöse Interpretation.

„Es beschreibt die wesentliche Beziehung des Menschen zu Gott. Islam – das ist Hingabe, Unterwerfung, Gehorsam, ohne dass die negative Bedeutung mitschwingt, die heute bei uns mit diesen Begriffen verbunden ist. Man kann das Wort so übersetzen: ‚sich Gott hingeben’, ‚seine ganze Person Gott anheimgeben’. Wer sich Gott hingibt und ihm gehorcht, ist ein ‚Muslim’.“[7]

Allerdings gibt es eine Palette von möglichen Variationen wie Muslime ihren Islam leben. Im sunnitischen Islam gibt es überhaupt kein institutionalisiertes Lehramt.

Außerdem ist zu unterscheiden zwischen Islam als Religion im engeren Sinn und Islam als Kultur im weiteren Sinn.

„Es gibt die arabische, türkische, iranische, indo-pakistanische, zentralasiatische, südostasiatische, westafrikanische und schwarzafrikanische Kulturwelt, die jeweils verschiedene Formen des Islams hervorbringt. Durch die Muslime, die in Europa, in Australien oder in Nord-Amerika leben, gibt es wieder neue kulturspezifische Ausprägungen des Islams.“[8]

Ebenfalls zu differenzieren ist zwischen dem Islam als religiösem System und der Gesellschaft, in der der Islam gelebt und gedeutet wird. Grundsätzlich versteht sich der Islam als Lebensform und Handlungsmodell, weniger als ein dogmatisch strukturiertes Modell. Die Theologie ist dem Recht untergeordnet.

„Eine Nicht-Differenzierung dieses breiten Spektrums engt das Phänomen Islam, Muslime ein und kann zu falschen Folgerungen führen.“[9]

Der Islam also

„…sind Personen mit unterschiedlichen kultur- und gesellschaftsspezifisch geprägten Handlungsmustern, mit unterschiedlichen religiösen Traditionen. Und natürlich mit ganz speziellen individuellen Interpretationen dieser Traditionen. Ähnliches gilt für den ‚christlichen Nachbar’: er ist nicht mit ‚Dem Christentum’ zu identifizieren und kann nicht Pate stehen für ‚Den westlichen Menschen’.“[10]

Der Islam ist selbst für einen Muslimen ein hochkomplexes Gebilde, das er kaum adäquat in all seinen Facetten erfassen kann.[11]

2. Zielgruppe der Arbeit

Drei Milliarden Menschen gehören einer der beiden Weltreligionen an, das sind insgesamt ca. 55% der Weltbevölkerung – ein enormes Potenzial.[12]

Über die Differenzierung und Vielschichtigkeit des Islam habe ich im vorigen Abschnitt berichtet. Auch das Christentum zeigt kein einheitliches Bild.

Trotz der Unterschiedlichkeiten innerhalb der jeweiligen und zwischen den beiden Religionen gibt es verbindende Elemente. Durch die gemeinsame Verankerung in der monotheistischen biblischen Tradition herrscht eine große Nähe[13].

In der heutigen, immer enger zusammenrückenden Welt können sich Christen und Muslime nicht mehr aus dem Weg gehen.

„Das Zusammenleben von Volksgruppen unterschiedlicher Kultur wird in der nächsten Zukunft durch die offenen Grenzen und Einwanderungsbewegungen noch verstärkt werden.“[14]

Mein Blick richtet sich in dieser Arbeit – besonders im Teil B – auf die westliche und im Speziellen auf die spezifische österreichische Lebenswelt.

Viele Muslime erleben bei uns eine völlig andere, bislang ungewohnte Welt.

„Aus dieser Situation erwächst den Muslimen eine Unsicherheit in der Einschätzung ihres Rechtsstatus aus islamischer Sicht und in der Bewertung ihrer Rolle in der neuen Gesellschaft.“[15]

„Zwischen der Gleichgültigkeit und der Loslösung von der heimatlichen Tradition bei den einen und der Entwicklung fanatischer Ablehnungshaltungen bei den anderen gibt es alle Schattierungen der Entfremdung gegenüber dem eigenen Normensystem oder der Auflehnung gegen die Gesellschaft, …“[16]

In unserer westlichen Welt wird die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne für viele Muslime stärker spürbar als in ihrem Herkunftsland – obwohl natürlich auch in vielen islamischen Ländern der Fortschritt zügig voran schreitet.

3. Integration

„Wenn Gruppen bzw. Religionsgemeinschaften in ein und derselben Gesellschaft bzw. in ein und demselben Land leben, so heißt es nicht automatisch und unbedingt, dass sie nun eine ‚Gemeinschaft’ bilden.“[17]

Welche Modelle der Koexistenz gibt es?[18]

- Assimilation: Diese Form wird von Zuwanderern grundsätzlich abgelehnt, weil sie die absolute Aufgabe der eigenen kulturellen Identität, der Sprache, der Wert- und Verhaltensmuster bedeutet.
- Überlagerung: Der bisherige kulturelle Kontext wird verändert durch jenen der Zuwanderer, die bisher bestehende Rechtsordnung wird durch jene der Zuwanderer ersetzt. Diese Form der Koexistenz wird von unserer demokratischen Gesellschaft abgelehnt.
- Segregation: Bestimmte gesellschaftliche Gruppen werden (nach Rasse, Sprache, Religion) von einer größeren sozialen Einheit getrennt, was der Bildung von Ghettos gleichkommt.
- Akkulturation/Integration: Einheimische und Zuwanderer wandeln sich und ihre jeweiligen Kulturen in einem Prozess gegenseitiger Verständigung.
- Von Theo Sundermeier stammt der Begriff „Konvivenz“, er meint damit gegenseitige Hilfeleistung, wechselseitiges Lernen und gemeinsames Feiern.

Grundsätzlich gelten die Rechtsgrundsätze des Aufenthaltsstaates. Dieser entscheidet auch, wieweit fremdes Recht Anwendung finden kann.

„… die liberalen Verfassungen Europas [eröffnen] breite Freiräume für eine individuelle, nicht staatlich bestimmte Lebensgestaltung und für die Wahrung eigener vertrauter Maßstäbe in der Lebensführung“ – „kulturoffene Verfassung“.[19]

Reziprozität wäre in diesem Zusammenhang wünschenswert.

Aber: Muslime in Europa können grundsätzlich nicht für die Vorgänge in ihren Heimatländern verantwortlich gemacht werden!

4. Religion und das Verhalten des Menschen

„Ein prägender Faktor der Identität vieler Gemeinschaften und Völker in der Welt ist ihre Religion bzw. ihre religiöse Tradition.“[20]

„Seit uralter Zeit und überall auf der Welt sehnen sich die Menschen nach Erlösung und Heil. Davon zeugen die verschiedenen Religionen, welche die Suche nach Heil und nach wirksamen Mitteln zu Erlangung des Heils in die Mitte ihrer Bemühungen stellen. So auch das Christentum. So auch der Islam.“[21]

Durch die Religion sucht der Mensch Antworten auf die Grundfragen des Lebens.

Die Religion ist „ein für ‚alle’ Gesellschaften der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft kennzeichnendes Phänomen.“[22]

Religion ist eine soziale Tatsache und etwas zutiefst Menschliches.

„Religion als die Erfahrung eines göttlichen Urgrundes allen Seins hat viele Formen und Gesichter; sie ist sowohl in ihren Längs- wie auch in ihren Querschnitten durch die Geschichte und Kulturen vielfältig , ja geradezu widersprüchlich.“[23]

Religion ist mehr als eine theoretische Angelegenheit. Sie

„ist immer auch gelebtes Leben, eingeschrieben in die Herzen der Menschen und von daher für alle religiösen Menschen eine höchst gegenwärtige und durchaus den Alltag bestimmende Angelegenheit.“[24]

So wird Religion zum Lebensmuster, durch sie sieht, denkt und handelt der Mensch. Religion vermittelt Werte, Normen und Lebenssinn.

Religionen geben ihren Mitgliedern Hinweise und Richtlinien für den Umgang mit den Mitmenschen – den Gleichgesinnten und den Anders-Gläubigen.

Darum ist ein Dialog der Religionen unverzichtbar für das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft.

Professor Zakzouk hat einmal wunderschön formuliert:

„Ich wünsche mir, dass viele Christen im Sinne des Evangeliums und dass viele Muslime im Sinne des Korans handelten. Dann könnten beide, Christen und Muslime, endlich begreifen, dass sie zusammengehören.“[25]

EXKURS: Sind religiöse Menschen toleranter?

Intention:

Im Laufe meiner Unterrichtstätigkeit in der Berufsschule habe ich viele verschiedene Schüler mit unterschiedlichen Religionen kennen gelernt. Obwohl Anders-Gläubige Jungendliche nicht am katholischen Religionsunterricht teilnehmen dürfen, hatte ich in den Pausen und Freistunden, beim Buffet oder in der Gardarobe immer wieder die Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen.

Aufgrund vieler Gespräche und Erlebnisse inner- und außerhalb des Unterrichts, regte sich in mir ein Verdacht: Möglicherweise sind religiöse Menschen toleranter.

Gerade bei muslimischen Jugendlichen fällt mir auf, dass jene, die ständig unangenehm in Erscheinung treten, eher die sind, die nie in eine Moschee gehen, Alkohol trinken, Schweinefleisch essen, etc.

Könnte dieser Verdacht berechtigt sein? Und gilt er vielleicht auch für christliche Jugendliche?

Angeregt durch meine Diplomarbeitsbetreuer versuchte ich, einen Fragebogen auszuarbeiten, mit dessen Hilfe sich meine Vermutung festigen und statistisch zu belegen sein könnte.

Die Umfrage ist nicht wissenschaftlich repräsentativ, aber einige Fragen und Feststellungen können anhand der ausgefüllten Bögen doch angerissen werden.

Situation

Die Befragung wurde in der Berufsschule Linz 10 in folgenden Klassen durchgeführt: 2xFLEISCHER, 3xKONDITOREN, 2xKONDITOREN, 1xBÄCKER.

88 SchülerInnen füllten am letzten Tag des ersten Lehrgangs (9.11.2007) unter Aufsicht des Klassenvorstandes die Bögen aus.

Fragebogen

Ursprünglich füllte der Bogen genau eine A4-Seite aus. Aufgrund anders eingerichteter Seiten bei dieser Arbeit, reicht er über zwei Seiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auswertung

Religiosität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mögliche Punktehöchstzahl: 21

Auswertung in Punkten:

21 – 17: Sehr religiös

16 – 11: Teilweise religiös

weniger als 11: nicht religiös

Toleranz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mögliche Punktehöchstzahl: 24

Auswertung:

24 – 19: Sehr tolerant

18 – 12: Teilweise tolerant

unter 12: intolerant

Schülerzahlen (88 Schüler)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ohne Bekenntnis (15)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Christen (59)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Andere Religionen (14[26])

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der größte Teil der Schüler fällt in die Gruppe ‚teilweise religiös’ (72%). Der Anteil der ‚nicht religiösen’ Jugendlichen ist höher als jener der ‚sehr religiösen’. Nur 6% scheinen intolerant zu sein. Auf fällt, dass es in der Gruppe der ‚sehr religiösen’ keine intoleranten Schüler gibt, dagegen bei den ‚nicht religiösen’ die meisten intoleranten Jugendlichen. Die größte Gruppe machen die ‚teilweise religiösen’ und ‚teilweise toleranten’ Schüler aus.

Ein Vergleich der Gruppen ‚Christen’ und ‚Andere Religionen’ zeigt, dass die Verteilung von ‚sehr’ bis ‚nicht religiös’ ziemlich ähnlich ist.

Vergleicht man allerdings den Aspekt ‚Toleranz’ in den beiden Gruppen, so ist der Unterschied erheblich. 54% der Christen werden als teilweise, 40% als sehr tolerant bezeichnet. Bei den Anders-Gläubigen scheinen 71% als sehr tolerant auf. Die Zahl der intoleranten Jugendlichen ist in beiden Gruppen ähnlich.

Ich habe einzelne Fragen herausgegriffen und genauer betrachtet.

Glaubst du an Gott?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein knappes Viertel der Schüler glaubt nicht an eine Existenz Gottes. Der überwiegende Teil schwankt zwischen eindeutiger Gewissheit und vagem Unwissen.

Interessant ist, dass 4% der ‚teilweise Religiösen’ nicht an Gott glauben. Das wirft die Frage auf: Was verstehen diese Jugendlichen unter religiös und woran glauben sie?

Was hältst du von Integration?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Meinung, dass Ausländer sich anpassen sollen, vertritt eine knappe Mehrheit der Schüler.

Fast genauso stark ist der Wunsch nach einem respektvollen Umgang miteinander. Hier ist der Prozentsatz in den Gruppe der ‚sehr’ und ‚teilweise religiösen’ ähnlich.

In der Kategorie ‚nicht religiös’ sind allerdings 63% der Ansicht, dass die Assimilation von Ausländern notwendig ist. Wenn man die Gruppen ‚Nebeneinander’ und ‚Miteinander’ zu einer Einheit unter der Bezeichnung ‚tolerant’ zusammenfasst, sind das immerhin 55%. Das heißt: mehr als die Hälfte der Jugendlichen lebt offensichtlich nach dem Motto: „Leben und leben lassen“.

Nach Religionszugehörigkeit kann man die Einstellung zu Integration folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man die Gruppe der Gläubigen insgesamt, so erhält die Kategorie ‚Miteinander’ eine knappe Mehrheit. Allerdings ist der Unterschied zwischen Christen und Anders-Gläubigen (das sind hier mehrheitlich Muslime) gravierend.

Während bei den Christen die Mehrheit für ‚Anpassung’ plädiert, sehen 71% der Mitglieder anderer Religionen das ‚Miteinander’ als Integrationsbasis.

Hier kommt natürlich auch deutlich zum Ausdruck, dass die Gruppe der Christen überwiegend aus Inländern besteht, während die Anders-Gläubigen vor allem die Gruppe der Ausländer darstellen.

Kann man eine Tendenz heraus arbeiten, wie die Einschätzung von interreligiösen Konflikten zu der Ansicht von Integration steht?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interessant ist, dass in der Gruppe ‚Anpassung’ die Möglichkeit von Konflikten zwischen den Religionen als am wahrscheinlichsten angenommen wird. Da in der Kategorie ‚Nebeneinander’ jeder Mensch den anderen friedlich ignoriert, wird hier die Wahrscheinlichkeit einer Auseinandersetzung als relativ gering eingeschätzt. In der Gruppe ‚Miteinander’ halten sich die Jugendlichen, die zwischen den Religionen Konflikte befürchten und jene, die unwissend sind, die Waage. Zählt man allerdings die Gruppen ‚weiß nicht’ und ‚nein’ zusammen, so kann man daraus folgendes ablesen:

Wenn Menschen sich öffnen und (unwissend) aufeinander zugehen, verringert sich der Glaube an mögliche Konflikte. Wenn In- und Ausländer näher rücken und sich gegenseitig kennen lernen, werden Ängste vor dem Unbekannten abgebaut.

Folgerungen

Sind religiöse Menschen toleranter?

Natürlich kann man aus dieser Befragung keine allgemein gültigen Thesen ableiten, aber es lassen sich gewisse Tendenzen erkennen.

Es gibt Ansätze, die meine ursprüngliche Vermutung zumindest aufrecht erhalten konnten:

- In der Gruppe ‚nicht religiös’ gibt es die meisten ‚intoleranten’ Jugendlichen.
Allerdings ist die Zahl niedrig: 3, das sind 3,5% aller Schüler, das ist vergleichsweise wenig.
- Bei der ‚sehr religiösen’ Gruppe gibt es keine ‚intoleranten’ Jugendlichen.
- In der ‚nicht religiösen’ Gruppe sind 63% der Meinung, dass Ausländer sich anpassen sollten.
- 55% der ‚sehr religiösen’ Gruppe lehnen Assimilation ab.
- Die knappe Mehrheit aller Gläubigen sieht Integration als gelungenes Miteinander, während bei den Schülern ohne Bekenntnis 60% für ‚Anpassung’ plädieren.
Dagegen steht:
- 84% der ‚nicht religiösen’ und gar 93% der Schüler ohne Bekenntnis sind sehr oder teilweise tolerant.
- Knappe 40% der ‚sehr religiösen’ und sogar 49% der Christen sind für die Assimilation von Ausländern.

Ergebnis:

Mit Hilfe der Befragung und Auswertung lassen sich Argumente für und gegen meinen Verdacht, dass religiöse Menschen toleranter sind, ableiten. Ich denke, dass dies auch das Spiegelbild der Meinungen der Jugendlichen ist: Toleranz ist nicht unbedingt eine Frage der Religion. Allerdings beinhalten sowohl der Islam als auch das Christentum den Auftrag, Toleranz zu fördern und für ein friedliches Zusammenleben der beiden Religionen zu sorgen.[27]

5. Christentum über Islam

Wie dachte und denkt das Christentum über den Islam? Welche Aussagen wurden darüber gemacht?

a. Vergangenheit

„Im Christentum wurden lange Zeit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, die nichtchristlichen Religionen undifferenziert verurteilt als Heidentum, schuldhafte Irrwege und falsche Religionen; ihre Lehren, Normen und Verhaltensmuster wurden pauschal abgelehnt. Damit ging die Bekräftigung des Anspruchs auf den ausschließlichen Besitz der Wahrheit und des Heils, des Absolutheitsanspruchs der christlichen Kirche, einher.“[28]

Der Islam war also nur ein Aspekt der Kirchengeschichte: eine christliche Häresie.

Nichtchristen wurden im Christentum nicht ausgeschlossen. Aber das Heil konnten sie nur innerhalb der Christengemeinde erlangen.

Religiöse Polemik, militärische Auseinandersetzungen und politische Spannungen waren an der Tagesordnung.

b. Papst Gregor VII.

Trotzdem gab es auch Stimmen, die sich um einen Dialog bemühten.

Es ist kaum zu glauben, dass Papst Gregor VII., der sich als unumschränkter Herr der Kirche und als oberste Herr der Welt sah, im Jahr 1076 einen Brief von so unglaublicher Bedeutung schrieb, dass er sogar im Zweiten Vatikanischen Konzil zitiert wurde.

Gregor VII. stand in einem regen Briefwechsel mit vielen europäischen und außereuropäische Herrschern. Der vorher erwähnte Brief war an den Herrscher von Mauretanien, ein Muslime, AN-NASIR, den Emir von Bugia (heute in Algerien) gerichtet. Es geht daraus hervor, dass die Beiden immer wieder Gefälligkeiten austauschten und kooperativ zusammen arbeiteten.[29]

„Diese Güte hat Gott, der Schöpfer von allem, ohne den wir nichts Gutes zu tun, ja nicht einmal zu denken vermögen, Eurem Herzen eingegeben. Er, der einen jeden Menschen, der in diese Welt kommt, erleuchtet, hat Euren Sinn in dieser Absicht erleuchtet. Denn der allmächtige Gott, der alle Mensch retten will und der will, dass niemand zu Grunde gehe, bestätigt in uns nichts mehr, als dass der Mensch nach der Liebe seiner selbst den Menschen liebt und dass er einem anderen nichts antut, von dem er nicht will, dass es ihm selbst geschehe. Diese Liebe schulden wir einander noch mehr, als wir sie den übrigen Völkern schulden, die wir doch an den Einen Gott, wenn auch gewiss in verschiedener Weise, glauben und Ihn bekennen, die wir Ihn doch als den Schöpfer der Zeiten und als den Lenker dieser Welt täglich preisen und verehren.“[30]

Dieses Dokument ist so bemerkenswert, dass es nicht nur im Zweiten Vatikanischen Konzil, sondern im Jahr 2006 auch von Papst Benedikt XVI. zitiert wurde.

c. Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils

Konzilstexte aus dem Internet: www.stjosef.at, durch Stefan Vukits zugänglich gemacht.

Wegweisend ist vor allem das Dokument „Nostra aetate“: Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, und hier vor allem Absatz 3: Über die Muslime.

Schon zu Beginn wird festgestellt, dass die Welt enger zusammen rückt.

Die Menschen suchen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins bei den verschiedenen Religionen.

„So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten. Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“[31]

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamisch Glaube sich gerne beruft. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“[32]

Das heißt: Es gibt keine Beziehung zu Menschen anderer Religionen ohne Respekt vor deren Selbstverständnis, ohne Bemühen um differenziertes Verstehen, ohne umfassende Kenntnis vom Glauben des je Anderen.

d. Gegenwart

Heute kann man bei den Christen verschiedene Positionen in Bezug auf die Begegnung mit dem Islam erkennen.[33]

(1) Bei vielen Christen herrscht weiterhin großes Misstrauen. Als mögliche Gründe nennt Khoury: Christen leiden in einigen Regionen der Welt unter dem blinden Fanatismus muslimischer Einzelgruppen oder auch fanatischer Volksmassen. Für viele ist die konfrontationsreiche Vergangenheit immer noch nicht überwunden, vielleicht auch weil sie den Muslimen fast ausschließlich als Fremden begegnen.
(2) Einige christliche Gruppen sehen den Kontakt mit Muslimen hauptsächlich als Gelegenheit zum Missionieren.
(3) Immer mehr Christen sprechen sich für einen ehrlichen Dialog und für Zusammenarbeit aus.

[...]


[1] Iris Andrea Fürst u.a., Kinder- und Jugendliteratur. Theorie und Praxis, Troisdorf 2005, S. 17.

[2] Berufsschule Linz 10. Berufsgruppen: BäckerInnen, FleischerInnen, FloristInnen, KonditorInnen, LandsschaftsgärtnerInnen. Beginn meiner dortigen Lehrtätigkeit: Mai 2005.

[3] Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit der Arbeit verzichte ich in Folge weitgehend auf geschlechtsspezifische Bezeichnungen.

[4] Hervorhebungen von mir.

[5] Bouman, Leben mit fremden Nachbarn, 62.

[6] Vgl.: Prenner, Einführung.

[7] Trutwin, Islam, 15.

[8] Prenner, Einführung, 6.

[9] Prenner, Einführung, 6.

[10] Prenner, Einführung, 89.

[11] Vgl.: Trutwin, Islam, 12.

[12] Vgl.: Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 105.

[13] Natürlich gibt es auch eine große Zahl von unüberwindbaren und schwerwiegenden Diskrepanzen.

[14] Bouman, Leben mit fremden Nachbarn, 48.

[15] Khoury, der Islam, 212.

[16] Khoury, der Islam, 211.

[17] Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 109.

[18] Prenner, Einführung, 38.

[19] Prenner, Einführung, 38.

[20] Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 92.

[21] Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 11.

[22] Boudon, Stichworte, 418.

[23] Schrettle, Entfaltung, 53.

[24] Küng, Christentum, 13.

[25] Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 98.

[26] 13 Muslime und eine Buddhistin.

[27] Siehe dazu Kapitel III.

[28] Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 93f.

[29] Vgl.: Kuschel, Juden, 537-539. Im Konkreten: Gegenseitige Einflussnahme bei der Freilassung von Gefangenen und bei Bischofswahlen.

[30] Kuschel, Juden, 537f.

[31] Nostra aetate 2.

[32] Nostra aetate 3.

[33] Vgl.: Khoury, Kommen Muslime in den Himmel, 42ff.

Details

Seiten
92
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638027816
ISBN (Buch)
9783638926089
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87944
Institution / Hochschule
Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz – Institut für die Ausbildung Religionslehrer/Innen
Note
1,0
Schlagworte
Islam Christentum Dialog Klassenzimmer

Autor

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Titel: Islam und Christentum - Ein Dialog im Klassenzimmer