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Die Frage nach Zerbins Liebesfähigkeit - Der Widerspruch zwischen Liebe und Autonomie in Jabob Lenz' "Zerbin und die neuere Philosophie"

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zerbin und die Autonomie

3. Zerbin und die Leidenschaft

4. Zerbin und Marie

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, die ich mir beim Lesen der Erzählung „Zerbin oder die neuere Philosophie“ von Jakob Lenz durchgehend gestellt habe, ist, ob Zerbin überhaupt fähig ist zu lieben.

Die unerwiderte Liebe Renatchens stürzt ihn in ein tiefes Loch voller Selbstmitleid. Doch zeugt sein großes Leiden wirklich von tief empfundener Liebe? Wie kommt es, dass er trotz der tief empfundenen Trauer so schnell wieder starke Gefühle empfinden kann. Ist seine Liebe also unecht, und wenn ja, ist er sich dessen überhaupt bewusst?

In der Begegnung mit Marie entsteht der Eindruck, dass er Renatchen nicht wirklich geliebt haben kann. Jedenfalls nicht so, wie er jetzt Marie liebt. Sie erscheint als rettender Engel in seiner Not. Allerdings nicht lange, denn ein Wandel folgt, der mehr als Alleingang Zerbins gewertet werden kann und keinerlei Rücksicht auf Marie nimmt. Die rücksichtslose Konsequenz, mit der er seine neue Erkenntnis durchboxt, zwingt zu ersten Zweifeln an seinen Gefühlen für Marie. Auch ihre Verhaftung beobachtet er teilnahmslos und erst ihr Opfertod rüttelt ihn wach. Er wirft sein gesamtes Autonomie-Ideal über den Haufen, denn sein Stolz hat ihn indirekt zum Mörder gemacht. War es also sein Stolz, der einfach größer war als seine Liebe, oder schließt dieser Stolz Liebe von vorneherein aus?

Eine strikte Trennung von Autonomie- und Liebes-Ideal half zwar bei der Bearbeitung der Fragestellung, jedoch sind beide Aspekte zu sehr verknüpft, um sie wirklich trennen zu können. Eine chronologische Vorgehensweise entlang der Erzählung bietet sich also an.

Ein erster Bearbeitungsteil umfasst Zerbins Leben, bis er auf Renatchen trifft und ist beherrscht von seinem Autonomie-Ideal. Ein zweiter Abschnitt handelt von seiner Begegnung mit Renatchen und Hortensie, bei dem Zerbins Liebes-Ideal im Vordergrund steht.

Der dritte Teil widmet sich seiner Begegnung und dem Erleben mit Marie. Ein vierter und letzter Teil skizziert noch einmal kurz Zerbins Entwicklung durch das Stück, und versucht mithilfe der zuvor gewonnenen Erkenntnisse die Frage nach seiner Liebensfähigkeit zu beantworten.

2. Zerbin und die Autonomie

Zerbins Lebensplan ist es, „sich selbst alles zu danken zu haben“ (Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 2., S. 355), anstatt das unehrlich erworbene Geld seines Vaters auszugeben. Zerbin hat ein Herz, „das alles aus sich zu machen verspricht, das[…] sich durch kein Schicksal, sei es auch von welcher Art es wolle, erniedrigen zu lassen. Er hielt es des Menschen für unwürdig, den Umständen nachzugeben und diese edle Gesinnung (ich kenne bei einem Neuling im Leben keine edlere) war die Quelle seiner nachmaligen Unglücksfälle.“ (354/355).

Mittellos verlässt er seinen Vater, um als „gemachter Mann“ (355) wiederzukommen und nicht nur die Opfer seines Vaters zu entschädigen, sondern auch um „von sich in den Zeitungen reden zu machen“ (356).

Hier zeigt sich, dass seine Wert- und Zielorientierung fremdbestimmt ist und somit der behaupteten Selbstbestimmung widerspricht. Indem er auf der einen Seite der väterlichen Lebensweise zwar zuerst eine Abfuhr erteilt, aber auf der anderen Seite doch nach einer großartigen Rückkehr strebt, macht er sich jetzt schon abhängig von seinem Ansehen in der Öffentlichkeit.[1]

Abhängig ist er im Folgenden nicht nur von seiner öffentlichen Reputation, sondern auch vom Wohlwollen seiner Förderer, auf die er wegen seiner Mittellosigkeit finanziell angewiesen ist.[2]

Anstatt sich der Konfrontation mit den „Zweideutigkeiten“ (355) des Vaters zu stellen, flüchtet Zerbin durch „einen herzhaften Sprung“ (355) aus der Situation heraus.[3]

Indem er sich so von seinem Vater löst, scheint der erste Schritt in Richtung seines großen Lebensplans getan, jedoch veranlassen die Motive zur Skepsis.

Der Erzähler kommentiert, dass statt „Gradheit des Herzens“ (355) vielleicht der „Stolz“ (355) hier das passendere Motiv sei. In einer ahnungsvollen Vorausdeutung, lässt der Erzähler den Leser wissen, dass „die edelsten Gesinnungen“ (356) stets „auf den Baum der Eigenliebe gepfropft werden“ (356).[4]

Zerbins Geschichte ist nun behaftet mit dem schweren Vorurteil der Eigenliebe, das sich jedoch in den folgenden Ereignissen durch und durch bewahrheitet: In der Verfolgung seines übergeordneten Plans, sowie in Alltäglichkeiten, zeigen sich sein Stolz und seine Selbstbezogenheit.[5]

Besonders deutlich ist seine Selbstbezogenheit in der „missverstehenden Rezeption“ (Wurst, S. 71) der Gellertschen Moral zu erkennen. Er schreibt sie „Wort für Wort“ (356) nach, lernt sie auswendig und verbrennt sie dann, „um sie desto besser im Gedächtnis zu behalten.“ (356). Indem er der Philosophie mit Fleiß begegnet, entfernt er sich nur umso mehr von ihrem wahren Kern, einem „empfindsamen Altruismus“. (Rector; S. 301)[6]

Durch die Empfehlung seines Professors Gellert, avanciert er aber schließlich zum Mentor des jungen Grafen Altheim und promoviert zum Magister der Mathematik.

Seine autonome Lebensgestaltung lässt sich also zunächst gut an.[7]

3. Zerbin und die Leidenschaft

„Unser Held war bis hierher seinem großen Zweck immer näher gerückt, aber er hatte andere Wünsche, andere Begierden, die auch befriedigt sein wollten. Er hatte ein reizbares, für die Vorzüge der Schönheit äußerst empfindliches Herz. Mäßigkeit und Gesundheit des Körpers und Geistes hatten sein Gefühl fürs bessere Geschlecht noch ein seiner ganzen Schnellkraft erhalten und seine moralischen Grundsätze schienen Winde zu sein, dieses Feuer immer heftiger anzublasen.“ (357).

Zerbins moralische Grundsätze schaffen in ihm ein idealistisches und schwärmerisches Bild von der Liebe, welches das Renatchen Freundlach zu ihren Gunsten zu nutzen weiß.[8]

Geplagt von Existenzängsten, denn „das unfreundliche zweiundzwanzigste Jahr [fing] leis an ihre Tür zu klopfen an, zu dem sich die grausenvolle Idee einer alten Jungfer in scheußlicher Riesengestalt gesellte…“ (358), ersinnt Renatchen eine Heiratsintrige. Der begehrte Graf Altheim zeigt sich anfänglich unempfindlich für ihre Reize, sodass seine Eroberung Renatchen einen strategischen Umweg koste: Um Altheims Verliebtheit zu entfachen, macht sie zunächst Zerbin in sich verliebt. „Er sollte das Instrument in ihrer Hand sein, auf ein anderes Herz Jagd zu machen.“ (358).

Renatchens Plan geht auf und schließlich bemerkt auch Zerbin die Veränderung in ihrem Verhalten, erkennt seine Funktion als Mittel zum Zweck und seinen Platz in ihrem Spiel. „Er sah nun deutlich aus der plötzlichen Verwandlung Renatchens gegen ihn, dass alle ihre Anlockungen nur ein blinder Angriff gewesen waren, der eigentlich seinem Herrn gegolten hatte“ (362).

„Er ist der tumbe Tor, sie die raffinierte Schönheit der Gesellschaft, die ihn missbraucht, um einen besseren Fang zu machen.“[9]

Bezeichnend für Zerbins Gefühle für Renatchen, ist, dass er nicht an seiner eigenen unerfüllten Liebe verzagt, nein „Zerbin verzagte nun an sich und an der Möglichkeit, geliebt zu werden, das gewöhnliche Schicksal der edelsten Seelen, die ihr Unglück nicht zufälligen Umständen, sondern ihrer eigenen Unwürdigkeit zuschreiben so geneigt sind“(363). Zerbin leidet also vielmehr unter der Tatsache, dass er anscheinend nicht liebenswürdig, d.h. der Liebe würdig ist, als unter der aktuellen Unerfülltheit seiner Liebe. Dass Renatchen ihn nicht liebt, ist lediglich das Symptom seines generellen Leides, nicht geliebt zu werden. Seine allgemeine Liebenswürdigkeit wird infrage gestellt und degradiert ihn in seinen Augen so zu einem liebesunwürdigen Menschen. Wichtig für ihn ist also nicht Renatchen, sondern nur sein eigenes leidendes Selbstwertgefühl.[10]

[...]


[1] Dedert, S. 40.

[2] Rector, S. 295.

[3] Dedert, S. 40.

[4] Rector, S. 300.

[5] Rector, S. 300.

[6] Rector, S. 300.

[7] Dedert, S. 41.

[8] Preuß, S. 56.

[9] Herbst, S. 104.

[10] Rector, S. 301.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638037693
ISBN (Buch)
9783638934978
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87920
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Frage Zerbins Liebesfähigkeit Widerspruch Liebe Autonomie Jabob Lenz Zerbin Philosophie Kindsmord Literatur

Autor

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Titel: Die Frage nach Zerbins Liebesfähigkeit - Der Widerspruch zwischen Liebe und Autonomie in Jabob Lenz' "Zerbin und die neuere Philosophie"