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"La Biblioteca de Babel" von Jorge Luis Borges

Eine Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt – Biblioteca de Babel

1 Einleitung

2 Versuch der Wiedergabe des Inhalts der Erzählung

3 Gattungstheoretische Einordnung

4 Leitmetaphern
4.1 Bibliothek
4.1.1 Biografisches
4.1.2 Zahlen
4.1.3 Formen
4.1.3.1 Kreis/ Kugel
4.1.3.2 Das Sechseck
4.1.3.3 Spiralförmige Treppen
4.1.3.4 Das Buch
4.2 Das Labyrinth
4.3 Der Spiegel

5 Das Spiel mit religiösen Verweisen
5.1 Bibel/ Turmbau zu Babel
5.2 Die Gnosis
5.2.1 Allgemeines
5.2.2 El evangelio gnóstico de Basílides
5.3 Kabbala - Die jüdische Mystik

6 Philosophische Intertextualität
6.1 Robert Burton
6.2 Schopenhauer
6.3 Ars Combinatoria
6.3.1 Raimundus Lullus
6.3.2 Leibniz, Mill, Carroll, Lasswitz
6.4 Intratextualität

7 Schluss

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorgelegte Arbeit soll sich ganz der Analyse der Erzählung La Biblioteca de Babel (Jorge Luis Borges) widmen, wobei zuerst der Versuch einer inhaltlichen Zusammenfassung unternommen wird, was sich bei den Erzählungen Borges’ sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gestaltet.

Des Weiteren soll das Hauptaugenmerk auf die Metaphorik des Textes gelegt werden. Hier stehen die drei Leitmetaphern Bibliothek, Labyrinth und Spiegel im Vordergrund – diesen werden verschiedene weitere Untergruppen zugeordnet. Es soll versucht werden, die Metaphern auf verschiedene Kulturkreise hin zu untersuchen, um zu zeigen, welche kulturellen Einflüsse sich im Werk Borges’ finden lassen. An dieser Stelle soll dann der zweite Hauptpunkt der Arbeit ansetzen: die religiösen und philosophisch-intertextuellen Spuren im Text.

Ich werde verschiedene Sekundärliteratur über z.B. die jüdische Mystik oder die Gnosis, sowie philosophische Texte im Bezug auf La Biblioteca de Babel betrachten, nach Parallelen suchen und sehr nah am Originaltext arbeiten, um Anknüpfungspunkte durch Zitate zu belegen.

2 Versuch der Wiedergabe des Inhalts der Erzählung

Der Erzähler beschreibt eine riesige Bibliothek, die aus einer unendlichen Anzahl sechseckiger Galerien besteht, die durch eine zahlenmäßig genau bestimmte Anzahl von Regalen und Büchern ausgestattet sind. An den freien Seiten der Sechsecke befinden sich schmale Gänge, die in das nächste Sechseck führen. An den Seiten dieser Gänge sind zwei kleine Kabinette zum Schlafen und für das Verrichten der Notdurft eingerichtet.

Gleich zu Beginn wird die Bibliothek mit dem Universum gleichgesetzt.

Entsprechend dem ersten angeführten Axiom, existiert die Bibliothek schon immer und ist das Werk eines Gottes, im Gegensatz zu den unvollkommenen Menschen, den Bibliothekaren, die durch einen böswilligen Demiurgen geschaffen sein müssen. Das zweite Axiom weist auf die Anzahl der orthografischen Symbole hin: 22 Letter des Alphabets, Abstand, Komma und Punkt.

Vor 500 Jahren wurde die Theorie aufgestellt, dass die Bibliothek vollständig sei, d.h. dass noch nicht zwei identische Bücher gefunden wurden. Ein genialer Bibliothekar folgerte daraus das grundlegende Gesetz, dass alle Bücher aus den gleichen Elementen bestehen. Zuerst waren die Bibliothekare überwältigt und glücklich bei dem Gedanken, dass jede gewünschte Information über Geschichte, Gegenwart und Zukunft in irgendeinem Buch enthalten sei und man begann nach Rechtfertigungen für die Taten der Menschen zu suchen. Auch über die Grundgeheimnisse der Menschheit, wie z.B. den Ursprung der Bibliothek wollten man Klarheit gewinnen. Es gab amtliche Sucher (Inquisitoren) und verschiedene Sekten, die überflüssigen Bücher sollten ausgemerzt werden und Millionen wurden vernichtet. Es existierte der Aberglauben an einen Mann des Buches – einen Bibliothekar, der Gott gleich war, da er das vollkommene Kompendium gefunden und gelesen hatte.

Manche behaupten die Bibliothek sei sinnlos, das Produkt einer delirierenden Gottheit, das lyrische Ich jedoch glaubt nicht daran, dass es überhaupt einen Unsinn gibt. Alles birgt einen Sinn in irgendeiner Sprache und da alles bereits niedergeschrieben ist, bedeutet Sprechen immer, in Tautologien zu verfallen. Es vermutet, dass die Gattung Mensch bald aussterben und die große Bibliothek fortdauern wird, wobei durch ihr unbegrenztes und zyklisches Wesen, nach einer bestimmten Zahl von Jahren alles in gleicher Unordnung wiederkehren wird.

3 Gattungstheoretische Einordnung

Die Zuordnung des Textes zu einer bestimmten Gattung fällt bei Borges schwer, da er sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten bewegt. La Biblioteca de Babel ist ein fiktionaler Text erzählerischer Natur.

Die Zuordnung zur fantastischen Novelle, zu der Borges’ Geschichtensammlungen oft gerechnet werden, erscheint einerseits fraglich, da sie einer linearen, auf einen Höhepunkt zulaufenden Handlung entbehrt, andererseits stellt der Text anhand von Wende- und Höhepunkten einen Konflikt („Alles ist bereits geschrieben.“) heraus, wobei er Vorausdeutungen (sospecho que la especie humana – la única – está por extinguirse[1]...), Leitmotive (z.B. Labyrinth) und Dingsymbole (z.B. das Buch) bevorzugt.[2] Auch das Einmischen des Erzählers weist auf lehrhafte Novellendichtung hin, aber mehr noch lassen sich im Text Züge einer Parabel erkennen: gleichnishaft werden Bibliothek und Universum, Bibliothekar und Mensch gleichgesetzt, um die Lehre zu verdeutlichen und zu erhellen, die der Leser mittels eines Analogieschlusses herleiten muss. Auf diese Weise sollen abstrakte Gedanken verbildlicht und das Denken in neue Bahnen gelenkt werden: das lyrische Ich will auf eine dunkle, widersinnige Erkenntnis hinweisen.

Weiterhin lassen sich Merkmale des Essays ausmachen: Der Text ist, wie bereits angedeutet, kurz und experimenteller Natur. Der Autor stellt sich einem Problem und denkt vielfach in inneren Monologen, d.h. in unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen (Quizá me engañen la vejez y el temor[3]...) bzw. Dialogen mit dem Leser. Tú, que me lees, ¿estás seguro de entender mi lenguaje?[4]

Nicht an epischer Breite, sondern an gedanklicher Tiefe ist dem Erzähler gelegen und der Text zeichnet sich durch subjektive Betrachtungsweise aus, was durchaus Kennzeichen eines Essays ist.

Zusammenfassend kann man La Biblioteca de Babel also zwischen den angeführten Gattungen einordnen: eine fantastische Novelle mit essayistischen und parabolischen Zügen. Hanke-Schaefer spricht von einer neuen Erzähltechnik, die den essayistischen Diskurs mit dem fiktionalen vereint und sich von dem gattungsspezifischen Kanon der Literatur distanziert.[5]

4 Leitmetaphern

4.1 Bibliothek

Die Bibliothek ist eine der borgesianischen Leitmetaphern und gerade in der hier behandelten Erzählung vordergründig präsent, wie schon der Titel zeigt. Aus dem Griechischen kommend wird eigentlich ein Büchergestell bezeichnet, eine planmäßige Sammlung von Büchern oder Handschriften, ferner das Gebäude, in dem sie aufgestellt sind.[6] Die Betonung ist hier auf das Wort planmäßig zu legen, denn mit einer solchen Schöpfung haben wir es im Text zu tun: el universo, con su elegante dotación de anaqueles [...] sólo puede ser obra de un dios[7] – ganz im Gegensatz zum Menschen, dem imperfecto bibliotecario[8], der vielleicht ein Werk des Zufalls ist oder das eines bösen Demiurgen. Bibliothek und Universum werden gleichgesetzt, wobei die Bibliothek natürlich eine sehr reduzierte Welt darstellt, die jeder Natur oder Menschlichkeit entbehrt. Es herrschen geradezu schauerliche, surreale Verhältnisse: Es gibt in jedem Sechseck zwei Kabinen, wo die Notdurft verrichtet und im Stehen geschlafen werden kann, das Leben der Bibliothekare besteht nur im Umherlaufen zwischen den Bücherregalen, der Suche nach dem Buch der Bücher oder etwas noch Unentdecktem. Sie suchen nach Sinn und Rechtfertigungen und es gibt nichts in dieser Bücherwelt, was sie von dieser Suche ablenken könnte.

Wie im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich werden wird, weist die Erzählung unzählige Reminiszenzen an die jüdische Mystik auf, wie auch das Gleichnis der Bibliothek an sich: Scholem schreibt über einen hebräischen Gelehrten, der sagte, dass die Heilige Schrift einem großen Haus mit vielen Gemächern gleicht, wobei vor jeden Gemach ein Schlüssel liegt. Die Schlüssel wiederum sind vertauscht und es besteht die schwierige Aufgabe, die richtigen Schlüssel zu finden[9], um Zugang zu den Gemächern und damit Erkenntnis zu erlangen.

4.1.1 Biografisches

Nachdem Borges schon in den 30er Jahren durch seine Tätigkeit als Bibliotheksangestellter viel Zeit in einer Bibliothek verbracht hatte, wurde er im Jahre 1955 zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek in Buenos Aires ernannt[10]. Zur gleichen Zeit ging seine Sehschwäche in völlige Blindheit über, was durchaus ironisch ist, da Borges sich das Paradies immer als Bibliothek vorgestellt hatte[11], sie nun aber gar nicht mehr sehen konnte.

4.1.2 Zahlen

Die Bibliothek ist vollkommen geordnet aufgebaut und es werden im Text genaue Zahlen für Ein- und Verteilung der Bücher, Regale und Räume genannt.

Zuerst werden die galerías hexagonales[12] vorgestellt, die sechseckigen Galerien, aus denen die ganze Bibliothek aufgebaut ist. Idealisten argumentieren, dass diese sechseckige Form die forma necesaria del espacio absoluto[13] ist. Tatsächlich ist die Sechs symbolisch aufgeladen – sie ist die perfekte Zahl (numerus perfectus[14]), die sich aus eins, zwei und drei ergibt, wenn man diese addiert, aber auch multipliziert. Die Welt wurde in sechs Tagen erschaffen, Jesus am sechsten Tag zur sechsten Stunde ans Kreuz geschlagen, wir haben sechs Arbeitstage in der Woche und der Acker soll auch nur sechs Jahre bewirtschaftet werden, um im siebten Jahr eine Ruhephase einzulegen.

Im Judentum steht das Hexagramm, der sechsstrahlige Stern, als Zeichen der Verbindung von z.B. Himmel und Erde, Gott und Mensch, Geistigem und Weltlichem, Mann und Frau, also der Vereinigung von Entgegengesetztem.

Auch die Natur führt uns diese schöne und zweckmäßige Form immer wieder vor Augen, wie z.B. die Bienenwaben, an die der Leser bei der Beschreibung der Bibliothek umgehend erinnert wird oder auch die hexagonale Form der Schneekristalle. Das Sechseck kann also als Grundmodell gelten, dass der idealen Form gleichkommt.

Weiterhin ist auch die 32 (cada anaquel encierra treinta y dos libros de formato uniforme[15]) in der jüdischen Mystik auffällig: Durch Kombination der Buchstaben mit den Sephirot ergeben sich 32 Wege der Weisheit.[16]

Auch die 40 (cada página, de cuarenta renglones[17]) wird in der Literatur oft als Symbol verwendet, da sie in der Bibel sehr häufig auftritt und auch bei Borges kann man sie finden. Gerade im Zusammenhang mit dem Warten auf ein wichtiges Ereignis und die Vorbereitung darauf spielt die 40 eine Rolle: 40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, bis es endlich das gelobte Land besiedeln konnte[18], 40 Tage hielt Moses sich auf dem Berg Sinai auf, bis ihm die Gesetztafeln übergeben wurden[19], die Sintflut, die das meiste Leben vernichtete, dauerte 40 Tage[20], um Raum zu schaffen für eine gewandelte Welt und Salomo regierte 40 Jahre[21] lang. Dies sollen nur einige der Beispiele für den symbolischen Gehalt der Zahl 40 sein und es stellt sich im Zusammenhang mit der Erzählung Borges’ die Frage, ob die Zahlen zufällig gewählt sind, oder vielmehr planvoll, um auf etwas Bestimmtes hinzudeuten oder auf etwas aufmerksam zu machen. Ist die 40 in diesem Fall ein Zeichen für die Begrenztheit des menschlichen Wirkens oder die Vorausdeutung auf ein entscheidendes Ereignis in der Zukunft, einen Wandel? Und warum sind es gerade 32 Bücher, was wieder eine Spur der jüdischen Mystik ist, die Borges so beschäftigte?

[...]


[1] Ficciones: S. 98

[2] KRÖNER

[3] Ficciones: S. 98

[4] ebd.

[5] HANKE-SCHAEFER: S. 59

[6] BROCKHAUS Bd. 1: S. 461

[7] Ficciones: S. 88-89

[8] ebd.

[9] SCHOLEM: S. 22

[10] SCHLAFFER: S. 71

[11] ebd.

[12] Ficciones: S. 86

[13] ebd. S. 87

[14] BELZ: S. 108 ff.

[15] Ficciones: S. 88

[16] BELZ: S. 186 ff.

[17] Ficciones: S. 88

[18] 5. Mose 29, 4

[19] 2. Mose 24, 18

[20] 1. Mose 7, 4

[21] 1. Könige 11, 42

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638036535
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87891
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Romanistik
Note
1
Schlagworte
Biblioteca Babel Jorge Luis Borges Hauptseminar

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Titel: "La Biblioteca de Babel" von Jorge Luis Borges