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"Und es bleibt ein runzliges Häufchen schlechter Grammatik" - Sprachkritik im Werk Kurt Tucholskys

Examensarbeit 2007 88 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprache als Lebensaufgabe
2.1 Biografische Notizen
2.2 Die Situation der Sprache und Literatur zur Zeit Tucholskys
2.2.1 Literatur und Presse in der Weimarer Republik
2.2.2 DER ANGRIFF - Die Machtergreifung der Nationalsozialisten
2.3 Philosophische und kulturelle Einflüsse auf Tucholsky
2.3.1 „Vom weisesten aller Menschen, dem alten Herrn Schopenhauer“
2.3.2 „Der gute alte Wustmann!“
2.3.3 „Mein Lehrmeister Siegfried Jacobsohn“

3 Tucholskys Kritik an der Sprache seiner Zeit
3.1 Zum Begriff der Sprachkritik
3.2 Kritikpunkte Tucholskys
3.2.1 Modeerscheinungen
3.2.1.1 Modewörter
3.2.1.2 Fremd- und Fachwörter
3.2.1.3 Zusammenfügungen und Verkürzungen
3.2.1.4 Die aufgeblähte Ausdrucksweise
3.2.1.5 „Die Adverbialkrankheit“
3.2.1.6 Formalia & Rhetorik
3.2.2 Dialekte und Fremdsprachen
3.2.3 Die Militärsprache
3.2.4 Beamten- und Bürokratensprache
3.2.5 Die Sprache des Bürgertums
3.3 Mehr als Sprachkritik? - Fazit
3.4 Tucholskys Sprachideal
3.5 Strategien der Kritik
3.5.1 Variation der Textsorten
3.5.1.1 Die Glosse
3.5.1.2 Das Gedicht
3.5.1.3 Der Brief
3.5.1.4 Das Gebet
3.5.1.5 Die Rezension
3.5.1.6 Die Prosa
3.5.2 Subjektivität
3.5.3 Das schlechte Beispiel
3.5.4 Parodie und Satire
3.5.5 Vom Besonderen zum Allgemeinen
3.5.6 „Gesprochene Schrift“
3.6 Das „hochverehrte Publikum“
3.7 Zur Wirkung der Sprachkritik Tucholskys

4 Schlussbemerkungen

5 Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Kurt Tucholsky wird oft als Autor der netten Geschichten RHEINSBERG. EIN BILDERBUCH FÜR VERLIEBTE und GRIPSHOLM gesehen, außerdem als Schreiber einer Vielzahl pfeffriger Kabaretttexte, schlussendlich auch als Dichter mit politischen Ambitionen. Er gilt, vor allem auch durch seine eigene Sprache, als prägnanter und bekannter Schriftsteller seiner Zeit. Die Untersuchung der sprachlichen Qualität seines Werkes jedoch wurde bisher vernachlässigt und als Sprachkritiker findet er sich nur hin und wieder in der wissenschaftlichen Literatur in knappen Aufsätzen oder als kurzer Einschub, wie z.B. bei Bertsch, Austermann oder Hering. Dabei war es Tucholsky, der die meisten sprachkritischen Texte für die WELTBÜHNE lieferte[1] und mit seinen vier Pseudonymen einer ihrer wichtigsten und produktivsten Mitarbeiter war. In Schiewes MACHT DER SPRACHE hat Tucholsky jedoch seinen Platz an der Seite Karl Kraus` gefunden, was ihm als Kritiker der Sprache sicherlich Akzeptanz und entsprechende Würdigung verleiht.

Der Vielzahl an „Sprachglossen“ wurde Wolfgang Hering gerecht, indem er sie 1989 zu dem Band SPRACHE IST EINE WAFFE zusammenstellte. Ein informatives Vorwort Herings, welcher bereits einige Jahre zuvor einen Aufsatz zum Thema „Tucholsky als Sprachkritiker“ veröffentlicht hatte[2], enthält zahlreiche Hinweise zur Sprachkritik Tucholskys sowie auf von ihm benutzte Stilmittel und rundet die Textsammlung ab. Die in SPRACHE IST EINE WAFFE getroffene Textauswahl erweist sich für die vorliegende Arbeit als sehr nützlich, sie wird aber durch weitere Texte ergänzt bzw. erweitert werden.

Diese Arbeit soll der Tatsache Rechnung tragen, dass Sprachkritik im gesamten Werk Tucholskys zu finden ist und es soll der Frage nachgegangen werden, was sich hinter derselben verbirgt und ob Tucholsky seine sprachkritischen Positionen tatsächlich nirgendwo ausdrücklich dargestellt hat.[3]

Im zweiten Kapitel sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wer ist Tucholsky, was hat er mit Sprache zu tun und welchen Weg ist er gegangen? Wer hat ihn beeinflusst? Auf wen bezieht er sich und welche Rolle spielen Sprache, Presse und Literatur zu seiner Zeit?

Zunächst soll die Biografie Tucholskys beleuchtet werden, wobei v.a. Elemente herausgestellt werden sollen, die für sein Leben unter dem Zeichen von Sprache und den Umgang mit selbiger bedeutsam erscheinen. Dabei werden bewusst Lücken gelassen, da eine detaillierte Lebensbeschreibung nicht in den Rahmen dieser Arbeit passt.

Auch die allgemeine Situation von Sprache, Literatur und Kultur zur Zeit Tucholskys, d.h. die Zeit der Weimarer Republik und die des beginnenden Naziregimes, spielen eine Rolle, wenn man Tucholskys Leben in und mit der Sprache umfassend begreifen will.

Weiter werden ausgewählte philosophische und kulturelle Einflüsse herausgearbeitet, die den Autor prägten und zu seiner Entwicklung beitrugen. Auch Kurt Tucholsky steht in einer ganz bestimmten Tradition, die für das Verständnis seines Werkes bedeutsam ist. Als Vielleser ist er bekannt und man kann in seinem Werk eine enorme Menge an intertextuellen Bezügen aufdecken, welches in Vollkommenheit sicher kaum möglich ist und an dieser Stelle ohnehin keinen Platz hätte. Allein die etwa 600 Buchkritiken, die er schrieb[4], gäben vieles her. Vor allem seine Briefe quellen über von Zeugnissen, die belegen, wie vielfältig er sich belas und mit der Lektüre beschäftigte: Da reicht es von Heidegger, dem „Philosophen, der nur aus Pflaumenmus besteht“ über Heinrich Mann, bei dem „jede Silbe passt“[5] bis hin zu Morgenstern, Fontane, Kierkegaard oder Nietzsche . Es sollen in dieser Arbeit ausschließlich Arthur Schopenhauer, Gustav Wustmann und Siegfried Jacobsohn als drei wichtige Persönlichkeiten, die für Tucholsky gerade im Bezug auf seine Sprachkritik bedeutend waren, herausgestellt werden, um zu zeigen, in welcher Tradition er stand, zu wem er aufsah und wem er zustimmte.

Das dritte Kapitel wird den Hauptteil der Arbeit ausmachen. Zunächst wird ein kurzer Theorieteil den Begriff der Sprachkritik definieren und für diese Arbeit abgrenzen. Folgende Fragen werden weiter leitend sein: Was stört und kritisiert Tucholsky an der Sprache bzw. Sprachverwendung? Erteilt er auch Lob? Hat er genaue Vorstellungen von der idealen Sprache? Wie übt er Kritik? Welcher Strategien und Stilmittel bedient er sich?

Da Tucholsky in seiner Sprachkritik mit zahlreichen, wechselseitigen und „außergewöhnlichen Stilfiguren zu Felde zieht“[6], sollen diese untersucht werden. Außerdem soll der Versuch unternommen werden, diese vielfältigen stilistischen Strategien in zu klassifizieren.

Des weiteren stellt sich die Frage nach dem eigenen Umgang Tucholskys mit Sprache. Hält er sich an die eigenen Vorgaben? Inwiefern experimentiert oder spielt er selbst mit Sprache? Welche Textsorten verwendet er? Sind die Kritikpunkte allgemeiner Natur oder haben sie einen starken Bezug zu aktuellen Ereignissen? Was steckt eventuell noch hinter der Kritik an der Sprache? An wen richtet er seine Sprachkritik? Wie reagierte die Forschung auf Tucholsky als Sprachkritiker? Entwickelt er eine eigene Theorie zur Sprache oder Sprachkritik? Wurde er gewürdigt und erzielte er Wirkung?

Zur Beantwortung dieser Fragen werden vor allem Quellen ausgewertet, die ermöglichen, viele Textbeispiele anzuführen, welche die Ergebnisse der Untersuchungen veranschaulichen sollen. Zu diesen Quellen gehören neben seinen Texten für verschiedene Zeitschriften ebenso Literaturrezensionen, Gedichte, Prosa und Briefe sowohl privater als auch offiziellerer Art.

Die Analyse der angeführten Punkte soll zum Ziel der vorliegenden Arbeit führen: die umfassende Darstellung der Sprachkritik Tucholskys, sowie die kritische Auseinandersetzung mit dieser.

2 Sprache als Lebensaufgabe

2.1 Biografische Notizen

Kurt Tucholsky wird als Kind einer gutbürgerlichen, jüdischen Familie am 9. Januar 1890 in Berlin geboren. Sein Vater arbeitet sich vom Bankkaufmann zum Direktor hoch und gilt damit als “ typischer Aufsteiger in dieser sich rasant industrialisierenden Zeit.“[7]

Seine Kindheit verlebt Tucholsky in Stettin, wo er Bekanntschaft mit dem Niederdeutschen schließt, das er auch später in seinen Texten verwenden wird. Im Jahre 1899 kehrt die Familie nach Berlin zurück, wo sein Vater 1905 nach schwerer Krankheit stirbt. Da Tucholsky seinen Vater sehr geliebt und verehrt hatte, verwindet er diesen Verlust nur schwer und bleibt fast zeitlebens auf der Suche nach einem Vaterersatz.[8] Ganz im Gegensatz dazu gestaltet sich das problemhafte Verhältnis zu seiner Mutter, die er selbst als minderwertig und mittelgradig schwachsinnig bezeichnet.

Seine Schulzeit beginnt 1896 in Stettin und zeichnet sich durch einen preußisch-patriotischen Unterricht aus, in dem „Ehre, Vaterland und Heldentod als ebenso wichtig gelten wie das Einmaleins und die Grammatik“.[9] Der Schüler Tucholsky findet sich im Widerspruch zwischen der liberal-humanistischen Bildung im Elternhaus und dem übersteigerten Patriotismus und der Kriegsvorbereitung in der Schule. Sein Vater entnimmt dies den ersten Gedichten seines Sohnes mit Sorge und schickt ihn auf das Französische Gymnasium, das als Wiege humanistischer Bildung und äußerst liberal gilt.

Tucholsky wird eine gewisse Begabung zwar nicht abgesprochen, aber er hat kaum Ehrgeiz, bringt dafür die Mitschüler zum Lachen und liest unter der Bank bereits die demokratisch-pazifistische WELT AM MONTAG.[10] Überhaupt frönt er bereits in seiner Kindheit der Leselust und seine Schwester Ellen beschreibt den Kult, den er mit seinen Büchern veranstaltet, derer er jedes feiert und dass die Geschwister sich vor einem neuen verbeugen mussten.[11] 1907 wechselt er an das Königliche Wilhelms-Gymnasium, wo seine Schwierigkeiten zunehmen:

„[...] meine deutschen Aufsätze ließen mich erkennen, daß es nicht genügt, seine Muttersprache zu lieben – nein, man muß sie auch so schreiben, wie sich greise Schulamtskandidaten den deutschen Stil vorstellen. [...] Und als es gar zu schlimm mit den deutschen Aufsätzen wurde, da setzte eine dicke IV meinem Streben einen Riegel vor; ich blieb nun wirklich sitzen [...] und ging von der Schule ab.“[12]

Als herausragender Schreiberling tut Tucholsky sich also keineswegs hervor und so nimmt ihn seine Mutter 1907 vom Gymnasium. Im gleichen Jahr jedoch veröffentlicht der verantwortliche Redakteur des ULK, der satirischen Wochenbeilage des BERLINER TAGEBLATTS, anonym zwei kleinere seiner Arbeiten. Kurt Tucholsky entscheidet sich früh gegen Anpassung und das Dasein eines Untertans und lässt „das Nein des Satirikers vernehmen, das keine, aber auch gar keine Autorität anerkennen wollte.“[13] Er besteht sein Abitur dann doch als Externer im September 1909 am Königlichen Luisen-Gymnasium und immatrikuliert sich alsbald an der Juristischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Will er ursprünglich Verteidiger werden, so hört er neben rechtswissenschaftlichen Seminaren bald auch Vorlesungen über französische Literatur, Kultur und Sprache und seine alte Vorliebe für diese erwacht aufs Neue.

Auch die Professoren kritisiert Tucholsky heftig: Verherrlichung des Staates, Rückständigkeit und Praxisferne des Studiums, Starre, Dogmatismus klagt er an. 1911 ist das Jahr, in dem Tucholskys schriftstellerische Laufbahn beginnt: Er springt „mit einer Polemik gegen die angeblich notwendige Zensur im VORWÄRTS in die Arena der politischen Kommentatoren“[14] und entwickelt zunehmend Spaß am Formulieren. Er liest mehrere Tageszeitungen, um „eine Sache von vorne und von hinten zu sehen“ und archiviert Zeitungsartikel zu verschiedensten Themen.[15]

Dank eines reichen Erbes ist Tucholsky noch nicht darauf angewiesen, vom Schreiben zu leben und kann relativ frei arbeiten. Er schreibt Feuilletons, Glossen und Satiren, Buchkritiken, Gedichte und im Jahr 1912 RHEINSBERG. EIN BILDERBUCH FÜR VERLIEBTE, wobei die Kritik an der Sprache sich bereits durch sein Werk zieht wie ein roter Faden, wie weiter unten deutlich werden wird.

1913 tritt Siegfried Jacobsohn in sein Leben, „der ihm Vaterersatz, Mentor und Lehrer“[16] wird und unter dessen Einfluss er, nach Hepp, zu einem der brillantesten Autoren der Weimarer Republik wird.[17]

Bald schreibt er für die SCHAUBÜHNE, VORWÄRTS, FRANKFURTER ZEITUNG, ZEIT IM BILD und diverse andere Blätter, bricht sein Examen ab, erhält aber nach der zweimaligen Änderung seiner Dissertation im Jahr 1915 doch seinen Doktortitel. Er engagiert sich alsbald noch weitläufiger in seiner publizistischen Arbeit, indem er sich die Pseudonyme Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel zulegt und den Autor Tucholsky so in mehrere Persönlichkeiten spaltet, die -ein jeder für sich- einen eigenen Wirkungskreis haben. Nach dem Krieg kommt auch noch der melancholische Kaspar Hauser dazu, der die Welt nachsichtig von oben betrachtet.

Kurz nach der Erlangung des Doktortitels muss Tucholsky zur Musterung und findet sich bald im Memelgebiet, direkt an der Front, um dort unter feindlichem Beschuss Gräben zu schippen. Kurz darauf jedoch bekommt er einen Posten in der Schreibstube und führt ein relativ friedliches Leben, von dem u.a. in den Briefen an Mary detailliert zu lesen ist. Er übernimmt Bibliothek, Druckerei und gründet die Feld-Zeitung DER FLIEGER, um sich wieder in seinem Metier zu betätigen. Dadurch versuchte er den Kameraden eine „bunte Mischung aus praktischem Ratgeber, Rätselecke, Anekdoten, Karikaturen, Buchempfehlungen, Gedichten und Geschichten“[18] zu bieten. Er unterstand jedoch dem Zwang, auch Artikel des Kriegspresseamtes aufzunehmen und musste somit auch Lügen und Verdrehungen des offiziellen Nachrichtendienstes abdrucken.[19]

1918 übernimmt Tucholsky die Redaktion des ULK und entpuppt sich als handwerklich brillanter Kabarett-Autor, der als „Poängtenformer und Worteinden-Mundleger“[20] begeistert.

Im Jahr 1924 heiraten Kurt Tucholsky und Mary Gerold und nachdem Siegfried Jacobsohn stirbt, übernimmt Tucholsky die Leitung der WELTBÜHNE, die er bereits ein Jahr später wieder an Carl von Ossietzky abgibt. Es folgen einige Jahre des Reisens und der intensiven Arbeit bis Tucholsky schließlich im Januar 1930 offiziell nach Schweden zieht. Immer mehr wird er von Krankheiten heimgesucht, ist verbittert und resigniert.

Im Zuge der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, werden auch Werke Tucholskys verbrannt, wodurch er sämtlicher Einkünfte beraubt und kurz nach der Scheidung von Mary Tucholsky, ausgebürgert wird. Obwohl es Zeugnisse von einigen Frauen im Leben Tucholskys gibt, schreibt er selbst in seinem Abschiedsbrief an Mary jedoch, nur einmal geliebt zu haben und bittet um Verzeihung.[21]

Kurt Tucholsky stirbt nach der überhöhten Einnahme von Schlaftabletten am 21. Dezember 1935 im Sahlgrenschen Krankenhaus in Göteborg.

2.2 Die Situation der Sprache und Literatur zur Zeit Tucholskys

2.2.1 Literatur und Presse in der Weimarer Republik

Deutschland sieht sich nach dem Ersten Weltkrieg konfrontiert mit der Alleinschuldthese[22], untragbaren Reparationszahlungen, einer zunehmend schwachen Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit. Zudem ist die demokratische Verfassung zwar existent, praktisch jedoch schwer zu verwirklichen. Da besetzen zum einen immer noch national gesinnte Anhänger des Wilhelminismus, die der Republik feindlich gesonnen sind, wichtige Positionen in Staatsverwaltung und Erziehungswesen, zum anderen ist in breiten Schichten der Bevölkerung keine demokratische Tradition vorhanden.[23] Die Reichswehr befindet sich außerhalb der parlamentarischen Kontrolle und „entwickelt[e] sich zum Staat im Staate und auch Großgrundbesitz und Schwerindustrie bleiben unangetastet .[24] Die Weimarer Republik ist in einem Zustand des Widerspruchs, was für den Aufstieg der NSDAP nur förderlich ist und zielsicher in die Katastrophe führt. Für die Literatur jedoch ist dieser Mangel an Konsens sehr stimulierend.[25] Schriftsteller und Intellektuelle besitzen mit einem Mal ungewohnt große Spielräume und eine Fülle an Themen und Problemen, die bearbeitet werden können. Lamb spricht von einem Nachholbedürfnis ihrerseits, hervorgerufen durch die Vielfalt der politischen Möglichkeiten .[26] Es kann direkt in die Politik eingegriffen werden und ein aktives Mitwirken an der Gestaltung des Staates ist endlich möglich. Tucholsky gehört zur parteilosen Linken (wie auch Ernst Toller, Heinrich Mann oder Alfred Döblin), die die oben erwähnte Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis bemängeln. Kennzeichnend für diese ist jedoch auch der Mangel an positiven Alternativmodellen (im Gegensatz zur KPD), wodurch sie die eigene Position schwächten und relativ wirkungslos blieben.[27]

Zusammenfassend ist hier zu sagen, dass die Politisierung in der Weimarer Republik zum ersten Mal Hauptmerkmal der Literatur wird.[28]

Hinzuweisen ist auch auf die sich bereits im 19. Jahrhundert verändernden Entstehungsbedingungen von Literatur, da der Autor immer mehr „in Abhängigkeit von einem ihm fremden und undurchschaubaren Produktions- und Distributionsapparat“[29] gerät, der von den Gesetzen des Marktes regiert wird und Kunst nur unter dem Aspekt der Vermarktung betrachtet. Jedes Kunstwerk, das auf den Markt gelangt, ist nach Belieben verwertbar und schon Walter Benjamin sieht die Entwicklung „vom Autor als freiem Produzenten zum bloßen Lieferanten für den bürgerlichen Kulturbetrieb“.[30] Publikumsinteresse, Geschmack, Lesegewohnheiten und Moden sind entscheidend, um der Literatur einen wirtschaftlichen Wert zu verleihen. Diesen Punkt wird auch Tucholsky zur Anklage bringen.[31]

Inge Stephan führt den Begriff der „Pressekonzentration“ an.[32] Demnach verfassen Schriftsteller Zeitschriftenbeiträge, um leben zu können, was die kritischen Intellektuellen in hohem Maße einschränkt, denn nur angepasste, deutschnationale Texte werden gedruckt. Die linksradikalen Zeitschriften DIE WELTBÜHNE und DIE FACKEL genießen ein großes Ansehen unter den kritischen Intellektuellen und erlangen sogar eine gewisse politische Wirksamkeit, stellen aber aufgrund ihrer nur kleinen Auflage kein Gegengewicht zur Massenpresse dar.

Es kommt zur Herausbildung von Großverlagen und einer enormen Unterhaltungsindustrie, innerhalb derer die Massenliteratur, die in erster Linie billig und trivial sein soll, vermehrte Verbreitung erlangt. Auf den Schriftstellern lastet ein enormer Anpassungsdruck und sie beginnen schon früh, sich zu organisieren, um eigene wirtschaftliche Interessen überregional vertreten zu können. Es kommt zur Gründung des Deutschen Schriftstellervereins (1885), des Schutzvereins deutscher Schriftsteller (1887), des Allgemeinen Schriftstellervereins (1901) und v.a. des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller (1909).

Vor allem auch die Kultur des Kabaretts[33] blüht zur Zeit der Weimarer Republik und stellt gerade für Kurt Tucholsky, der zahlreiche Texte und Lieder schrieb und mit diesen großen Erfolg hatte, eine wichtige Bühne dar. Hippen stellt fest, dass diese Form der Darbietung den Charakter der Erkenntnis und nicht den des Erlebnisses haben soll. Mehr als ein vergnüglicher Gesang also, sollen herrschende Verhältnisse bloßgestellt und unterlaufen, öffentliche Autoritätsansprüche reduziert und vor allem der fortbestehende deutsche Militarismus sowie die Verherrlichung des Krieges attackiert werden.[34]

Die Freiheit in Wort und Schrift ist in der Weimarer Verfassung (Art. 118) garantiert:

„Jeder Deutsche hat das Recht, innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze seine Meinung durch Wort, Schrift, Druck, Bild o. in sonstiger Weise frei zu äußern. An diesem Recht darf ihm kein Arbeits- o. Angestelltenverhältnis hindern, und niemand darf ihn benachteiligen, wenn er von diesem Rechte Gebrauch macht. Eine Zensur findet nicht statt, doch können für Lichtspiele durch Gesetz abweichende Bestimmungen getroffen werden. Auch sind zur Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur sowie zum Schutze der Jugend bei öffentlichen Schaustellungen und Darbietungen gesetzliche Maßnahmen zulässig“.[35]

Wieder bleibt dies nur Theorie, denn praktisch bietet der Artikel große Spielräume und es kommt zu diversen Verboten von Aufführungen oder Zeitschriften. Mit der „Notverordnung zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ vom 26.9.1923 werden zahlreiche kommunistische Blätter auf unbestimmte Zeit verboten und 1931 folgen drei weitere Notverordnungen, die auch die Polizei ermächtigen, Zeitungen und Druckschriften jeder Art zu beschlagnahmen und bis zu acht Wochen zu verbieten[36]. Nicht nur links-, sondern auch rechtsradikale Blätter werden verboten, wie z.B. der VÖLKISCHE BEOBACHTER aufgrund einer despektierlichen Karikatur Hindenburgs oder das NSDAP-Kampforgan DER ANGRIFF, welches innerhalb eines Jahres zwölfmal verboten wurde.[37] Petersen thematisiert v.a. die zunehmende Justizkritik, wobei die WELTBÜHNE unter der Leitung Tucholskys ab 1926 zu einem der führenden Organe dieser wurde. Sie richtet sich gegen einseitige Beweisführung, unangemessenes Strafmaß, verzögerte Anwendung von Amnestiemöglichkeiten gegen linksrevolutionäre politische Straftäter[38], wobei sich die Autoren durch die juristische Praxis der Weimarer Republik selbst in ihrer Tätigkeit als Journalisten bedroht fühlen und viele bereits eigene Erfahrungen machen konnten. Es war ein Kampf der Schriftsteller um die freie Meinungsäußerung in ihrer Kunst und Literatur.

2.2.2 DER ANGRIFF Die Machtergreifung der Nationalsozialisten

Ist die oben beschriebene Situation schon zur Zeit der Weimarer Republik alles andere als demokratisch, verändern sich die Dinge mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 noch einmal dramatisch. Schon im Jahre 1932 war im VÖLKISCHEN BEOBACHTER eine Liste von Autoren gedruckt worden, denen mit dem Verbot ihrer Bücher gedroht wurde.[39]

Während einige nun flüchten, bleiben viele und arrangieren sich, „versuch[t]en in innerer Emigration zu überleben“[40] oder sympathisieren gar. Schon bald werden wesentliche Paragraphen der Verfassung völlig außer Kraft gesetzt und mit dem Erlass der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (28.2.1933) ist der Polizeistaat anstelle des Rechtsstaates Realität. Es kommt zu Massenfestnahmen von Kommunisten und derart gesinnten Schriftstellern, wie z.B. Carl von Ossietzky, dem Herausgeber der WELTBÜHNE, der einem Hochverratsprozess unterzogen wurde.

Kultur und Presse werden gleichgeschaltet, Zeitungen und Zeitschriften verboten, der „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ wird gesäubert[41] und im Juli 1933 zum „Reichsverband deutscher Schriftsteller“ umbenannt. An die Stelle von Juden und denen, die ihre Loyalität mit dem faschistischen Staat nicht erklärten, treten nun überzeugte Nationalsozialisten.

Der Höhepunkt dieses beginnenden kulturellen Desasters ist die Bücherverbrennung in ganz Deutschland am 10. Mai 1933, der auch Werke Tucholskys und Ossietzkys zum Opfer fallen. Wegen des dringenden Verdachts des Landesverrats wird Tucholsky zur sofortigen Festnahme ausgeschrieben, man stellt Ermittlungen an und sucht nach ihm in der Schweiz und in Frankreich.[42] Tucholsky befindet sich ab 1933 in Schweden oder Paris und pflegt einen regen Briefwechsel mit den wenigen Vertrauten, wie z.B. Walter Hasenclever, Arnold Zweig und seinem Bruder Fritz. Nur wenige Briefe an seine Frau Mary schreibt er noch ab 1930. Sie warnt ihn, er wägt ab, was zu tun das Beste wäre:

„Er hat mich da so nett darauf aufmerksam gemacht, daß von seiten der Nazis Lebensgefahr bestehe, wenn ich käme. [...] Lohnt es sich zu kommen? Dafür spricht, das Blatt „nicht im Stich zu lassen“. Obgleich mit meinem Kommen nicht viel getan ist. Dagegen spricht eben: Prügel, vielleicht mehr – Haft und so fort. [...] Die Strafe für Oss wird keinesfalls schärfer, wenn ich nicht komme. [...] Nach außen hin bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich. Es hat so etwas von Desertion, Ausland, im Stich lassen, der Kamerad Oss im Gefängnis, denn sie werden ihn nicht einmal zur Festung begnadigen – ein Grund mehr für mich, nicht zu kommen, denn sie werden, haben sie mich einmal, mir alle nur erdenklichen Geschichten machen.“[43]

Mit der Machtergreifung der Nazis also beendet Tucholsky sein journalistisches und literarisches Schreiben fast gänzlich. Er kehrt nicht mehr nach Deutschland zurück: „Positive Vorschläge? Ich weiß keinen mehr. Und daher bin ich ja auch recht still geworden.“[44] Wie nahe Ohnmacht und Macht der Sprache hier beieinander liegen zeigt Jürgen Schiewe. Denn im Gegensatz zu Tucholsky, der „nichts als seine Sprache hatte, hatten die Nationalsozialisten darüber hinaus noch ihre Stiefel und Knüppel, mit denen sie ihrer Sprache Nachdruck verliehen“.[45]

2.3 Philosophische und kulturelle Einflüsse auf Tucholsky

2.3.1 „Vom weisesten aller Menschen, dem alten Herrn Schopenhauer“

Das obige Zitat aus den Briefen an Mary Tucholsky zeigt bereits, wie sehr Tucholsky dem 1788 in Danzig geborenen Philosophen Arthur Schopenhauer huldigt. Er ist überzeugt, dass in seinem Werk „alles steht“:[47][46]

„Es ist ein Seelentrost und ein ewig frisch sprudelnder Quell.[...] es ist ein deutscher Philosoph, aber ein Kerl. Nicht so einer, der trübe, grau und trocken mit lehrhafter Eindringlichkeit langweilt, sondern ein Mensch, der so tief in die Dinge hinuntergesehen hat, wie nur ganz, ganz selten einer vor ihm und nach ihm. Er weiß alles (nicht nur die Tatsachen, obgleich er maßlos fleißig und belesen war; er konnte Englisch und Französerisch und Lateinerisch und Griechisch und Hebräisch und Spanisch und das beste Deutsch -), nein, er weiß alles: von den Menschen und von den Frauen und von den Leidenschaften und von der Welt und von der Kunst und alles, alles. Der Atem stockt einem, wenn man das liest. [...] Er heißt Schopenhauer .[48]

Eine große Begeisterung spricht aus diesem Brief Tucholskys. Hepp spricht von der Entdeckung seines „Leibphilosophen“.[49] Reflektionen über und Kritik an der Sprache bzw. ihrem Benutzer finden sich im gesamten Werk Schopenhauers, v.a. jedoch in den Aufsätzen ÜBER SCHRIFTSTELLEREI UND STIL und ÜBER SPRACHE UND WORTE,[50] gesammelt in „Parerga und Paralipomena“, dem zweibändigen philosophischen Werk Schopenhauers mit dem Untertitel ‚Kleine philosophische Schriften’. Die angesprochenen Texte finden sich im zweiten der beiden Bände neben weiteren kürzeren Abhandlungen über verschiedene Themen, wie z.B. Ästhetik, Religionsphilosophie, Politik, Philologie, Pädagogik, Archäologie und Mythologie.

Schopenhauer wirft ein Problem auf, das schon weiter oben bei der Auseinandersetzung mit der Rolle der Sprache und Literatur angeklungen ist: das Geldverdienen durch Bücherschreiben bzw. das Schreiben, um damit Geld zu verdienen. Journalisten sind nur noch Tagelöhner und „das Publikum ist so dumm, es zu kaufen“. Am Ende führt dies zum Verderb der Sprache.[51]

Die meisten Autoren schreiben, ohne zu denken[52]. Ihnen mangelt es an Originalität, sie denken nicht selbst und nehmen nur aus fremden Büchern. Viele der Punkte, die Tucholsky später aufgreift, finden sich auch hier: „der weitschweifige, nichtssagende, irreführende Titel, das dumme und einfältige Publikum, neu geschaffene Wörter, die Maske der Unverständlichkeit, abgenutzte Wendungen und Modeausdrücke, die Sprachverhunzung“[53] etc. Der Stil eines Schreibenden ist die untrügliche „Physiognomie des Geistes, [d.h.] ein genauer Abdruck vom Wie des Denkens, von der Beschaffenheit und Qualität“.[54] So ist auch für Tucholsky die Sprache stets Ausdruck für die Gesinnung des Benutzers, welche für ihn dadurch sofort erkennbar wird.[55]

Schopenhauer stellt die schlichte These auf, dass nichts leichter sei, als so zu schreiben, dass niemand etwas versteht, hingegen ungleich schwerer, einen bedeutenden Gedanken so darzubieten, dass ihn jeder verstehen muss.[56] Weiter wird jeder wirkliche Denker bemüht sein, „seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz, wie nur möglich auszusprechen“.[57] Er hat es nicht nötig seine Gedankenarmut hinter einem Schwall von unnützen Worten zu verstecken, vielmehr ein Interesse daran verstanden zu werden.

Schopenhauer nimmt in seinem Schaffen eine „Mittelstellung zwischen Sprachkritik als Erkenntniskritik und als Kritik des konkreten Sprachgebrauchs“[58] ein. Und seine Sprachkritik hat nach Schiewe, wie auch die Tucholskys, durchaus die „Berechtigung, in polemischer Zuspitzung einen Aspekt von Sprachverwendung herauszuheben und kritisch zu bewerten“.[59] Exakt dies tut er, wenn er ganz konkret z.B. die Verschachtelung von Sätzen, die Wortverknappung oder das gekünstelte Schreiben kritisiert, nicht ohne dabei auch Rückschlüsse auf den Sprachbenutzer zu ziehen, der sich beispielsweise „herausputzt, um nicht mit dem Pöbel verwechselt zu werden“[60] oder um seinen Gedankenmangel zu verstecken.

Ignaz Wrobel empfiehlt in seiner Antwort auf Peter Panters NEUDEUTSCH (1918) Schopenhauer als Kronzeugen.[61]

2.3.2 „Der gute alte Wustmann!“

So wie im obigen Titel, wurde Gustav Wustmann ausgiebig von Kurt Tucholsky zitiert (wörtlich u.a. in NEUDEUTSCH[63] und auch in AUFGEZOGEN[64]) und er konnte vielfach auf die von Wustmann seit 1891 geleistete Vorarbeit zurückgreifen[65]. Zu nennen ist hier Wustmanns Hauptwerk: ALLERHAND SPRACHDUMMHEITEN (Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Hässlichen), welches folgenden Untertitel trägt: ‚Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen’. Dieser komplexe Titel lässt schon ironisch anklingen, dass so mancher Benutzer der deutschen Sprache dringend der Hilfe bedarf, wie zum Beispiel die Schriftsteller, Geschäftsleute, Beamten, Leser und viele mehr tauchen auf in den zahllosen Beispielen für die falsche oder unangemessene Verwendung einzelner Wörter, die Wustmann anführt.[62]

Tucholsky ist sich mit Wustmann darüber einig, dass der sprachliche Verfall eingeläutet ist, wenn Journalisten nur noch einen Stil pflegen, der von Fach- und Fremdwörtern strotzt, sich auf diese Weise mehr Wichtigkeit zu verschaffen sucht und doch undeutlich und oberflächlich bleibt.

Wustmann unterteilt seine Ausführungen in vier große Kapitel: „Zur Formenlehre“, „Zur Wortbildungslehre“, „Zur Satzlehre“ und „Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung“.[66] Für die Sprachkritik Tucholskys ist vor allem das letzte Kapitel entscheidend. In diesem untersucht Wustmann zuerst einmal die „neuen Wörter“, aus denen oft „Modewörter“ werden, einen Begriff, den Tucholsky von ihm übernimmt.[67] Hierzu schreibt Wustmann, indem er anfangs selbst Schopenhauer zitiert:

„Der Schriftsteller gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge! Heute machen es manche umgekehrt und hoffen, der Leser werde glauben, sie hätten etwas neues gesagt. Ein neues Wort soll auch dann und wann dem Gewöhnlichen den Schein des Geistreichen geben. Wie quälen sich unsre Musik- und Theaterschreiber, den tausendmal gesagten Quark einmal mit anderen Worten zu sagen! Wie quälen sich die Geschäftsleute in ihren Anzeigen, dem „Konkurrenten“ durch neue Wörter und Wendungen den Rang abzulaufen. Aber auch die Leser sind schuld: Sie wollen etwas Neues, noch nie Dagewesenes haben.“[68]

Genau wie „Kleidermoden, Modefarben, Modefrisuren und –sitten, verschwinden auch alle Modewörter wieder, die einen früher, die anderen später“.[69] Wustmann legt dar, dass niemand gezwungen wird, unnütze Modewörter zu benutzen und dass man, im Gegenteil zur Kleidermode, gar nicht auffällt, wenn man sie einfach weglässt. Auch Wustmann zieht den Sprachgebrauch durch verschiedene Beispiele ins Lächerliche, weist jedoch darauf hin, dass die Sache neben der lustigen, vor allem eine sehr ernste Seite hat:

„Jedes neu aufkommende Wort verdrängt eine Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden, und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die einen ganz anderen Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit und Unklarheit des Denkens verbunden.“[70]

Ein Kapitel betitelt Wustmann mit „Schwulst“, ein Begriff, welcher ebenfalls von Tucholsky übernommen wird.[71] Unter Schwulst fasst Wustmann die „Reifröcke, Schinkenärmel und Schleppen der Sprache, die Sucht, sich möglichst breit auszudrücken“, immer das längste Wort zu gebrauchen, einen einfachen Sachverhalt durch weitläufige Umschreibungen darzustellen, die „Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern“ und die Suche nach dem immer gewählteren Stil zusammen.[72] Ein sehr prägnantes Beispiel für den so genannten Schwulst ist folgendes: „der Fall ist sehr verwickelt – der Fall liegt sehr verwickelt – der Fall ist sehr verwickelt gelagert – die Lagerung des Falls ist sehr verwickelt – die Lagerung des Falls ist eine sehr verwickelte.“[73]

[...]


[1] Bertsch 2000, S. 137

[2] Hering 1984/85

[3] Schiewe 1998, S. 202

[4] vgl. Stoltenberg 1990

[5] UuL, S. 161

[6] Hering 1988, S. 8

[7] Hepp 1998, S. 8

[8] Hepp 1998, S. 10

[9] Hepp 1998, S. 13

[10] Hepp 1998, S. 15

[11] Hepp 1993, S. 57

[12] GW 7, S. 165

[13] Hepp 1998, S. 16

[14] ebd. S. 20

[15] Hepp 1993, S. 57-58; Michael Hepp eröffnet in seinem Aufsatz „Jede Zeit hat den Satiriker, den sie verdient“oder: „Kurt Tucholsky und die beleidigte Reichswehr“ einen Blick auf die Rubriken, in die Tucholsky seine Zeitungsausschnittsmappen teilte, wie z.B. Interessanter Tadel, Affären, Gekreisch, Die Herren von links. (In: Goette 1996, S. 77)

[16] Hepp 1998, S. 27

[17] Hepp 1998, S. 20

[18] Hepp 1998, S. 39

[19] Hepp 1998, S. 39

[20] Hepp 1998, S. 67

[21] Uul, S. 544-546

[22] nach Art. 231 des Vertrags von Versailles

[23] Lamb, Stephen: Die Weimarer Republik. Im Zeichen des Konflikts. In: Bullivant 1978. S. 4-5

siehe auch Inge Stephan in: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.- Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S. 344 ff. (Inge Stephan führt an, dass die demokratische Herrschaftsform eindeutig nicht auf klarer Willenbildung des Volkes beruht und die antidemokratischen Traditionen des Kaiserreiches fortleben.)

[24] Lamb 1978, S. 5

[25] Lamb 1978, S. 6

[26] Lamb 1978, S. 6

[27] Lamb 1978, S. 8

[28] Lamb 1978, S. 10

[29] Stephan 1994, S. 345-347

[30] Stephan 1994, S. 346

[31] so z.B. in dem Gedicht „An das Publikum“

[32] Stephan 1994, S. 347

[33] hierzu Hippen 1978, S. 93 ff.

[34] Hippen 1978, S. 106

[35] Petersen 1988, S. 82

[36] Petersen 1988, S. 86

[37] Petersen 1988, S. 86

[38] Petersen 1988, S. 114 ff.

[39] DER ANGRIFF lautet der Titel des Kampforgans der NSDAP, welches von Joseph Goebbels zunächst als Wochen-, ab November des Jahres 1940 als Tageszeitung, gegründet wurde. Enthalten sind v.a. nationalsozialistische Propaganda gegen die Weimarer Republik, sowie antisemitische und rassistische Inhalte.

[40] Stephan 1994, S. 385

[41] Stephan 1994, S. 387 ff.

[42] Hepp 1998, S. 141

[43] UuL, S. 537

[44] UuL, S. 539

[45] Schiewe 1998, S. 205

[46] UuL, S. 119

[47] UuL, S. 119

[48] UuL, S. 172-173

[49] Hepp 1998, S. 145

[50] Brede 1977: Schopenhauer, Arthur: Werke in zwei Bänden.

[51] Brede 1977, S. 586

[52] Brede 1977, S. 586

[53] Brede 1977, S. 587 ff.

[54] Brede 1977, S. 600-601

[55] Hering 1984/ 85, S. 375

[56] Brede 1977, S. 603

[57] Brede 1977, S. 604

[58] Schiewe 1998, S. 176

[59] Schiewe 1998, S. 181

[60] Brede 1977, S. 608

[61] SieW, S. 15

[62] GW 1, S. 341

[63] SieW, S. 13

[64] SieW, S. 15-16

[65] Biografisches über Gustav Wustmann ist kaum zu finden. Einzig der Deutsche Biographische Index 1986 gibt ihn als Kulturhistoriker, Sprachpfleger und Sprachforscher an und verweist auf „Das literarische Leipzig. Illustriertes Handbuch der Schriftsteller- und Gelehrtenwelt, der Presse und des Verlagsbuchhandels in Leipzig, 1897“ . Die Website www.leipzig-lexikon.de enthält die Information, dass Wustmann von 1844-1910 lebte, Lehrer, seit 1881 Direktor der Stadtbibliothek und des Ratsarchives war.

[66] Wustmann 1917

[67] SieW, S. 16: „Wustmann nennt solche Wörter Modewörter.“

[68] Wustmann 1917, S. 285

[69] Wustmann 1917, S. 287 ff.

[70] Wustmann 1917, S. 312

[71] SieW, S. 21

[72] Wustmann 1917, S. 324-327

[73] Wustmann 1917, S. 327

Details

Seiten
88
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638023153
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87850
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Häufchen Grammatik Sprachkritik Werk Kurt Tucholskys

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Titel: "Und es bleibt ein runzliges Häufchen schlechter Grammatik" - Sprachkritik im Werk Kurt Tucholskys