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Gegenüberstellung der historisch-soziologischen Theorien Stein Rokkans und Charles Tillys zur europäischen Systembildung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 20 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stein Rokkan
2.1. Einführung
2.2. Die zentralen Begriffe
2.2.1. Grenzen und Territorium
2.2.2. Zentrum und Peripherie
2.2.3. Das Grundmodell und die dazugehörigen Variablen
2.2.4. Ein vier Phasenmodell der Staaten- und Nationenbildung
2.3. Elemente der europäischen Entwicklung

3. Charles Tilly
3.1. Einführung
3.2. Die Hauptpunkte in Tillys Argumentation
3.2.1. Die Logik von Kapital und physischem Zwang
3.2.2. Ein vier Stufenmodell der Entwicklung
3.3. Elemente der europäischen Entwicklung
3.3.1. Krieg als Motor der Staatenbildung
3.3.2. Von Münster über Wien gen Versailles

4. Eine Gegenüberstellung
4.1. Zum Verständnis der Staaten- und Nationenbildung
4.2. Sich ergänzende Ansätze der historischen Soziologie

5. Schlussbemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Idee eines Vergleiches der Theorien Stein Rokkans und Charles Tilly zur Staaten und Nationenbildung in Europa entstand durch den Besuch zweier Seminare, die um dieses Thema kreisten. Im Mittelpunkt der Seminare standen einerseits die Entstehung der Gesellschaftsstrukturen Europas und andererseits die Theorie der sogenannten Neuen Kriege. Der Verknüpfungspunkt beider Seminare für mich ist hierbei die These von Charles Tilly „War make states“. Eine These die in Bezug auf die Entwicklungen in Afrika, Asien und Lateinamerika seit den 80er Jahren nur noch bedingt zutrifft, bzw. in Abrede gestellt wird, für die historisch-soziologische Entstehungsgeschichte Europas aber weiterhin als zutreffend erscheint.

Die Grundlage für meine Hausarbeit bildet die Zusammenstellung Peter Floras von Rokkans theoretischen Schriften „Staat, Nation und Demokratie in Europa“ und das Buch Charles Tillys „Coercion, Capital, and European States“. Erörtern möchte ich die von ihnen angebotenen Strukturen, Methoden und Erklärungen, welche zur Staaten- und Nationenbildung in Europa herangezogen werden.

Beginnen möchte ich mit Rokkan, dessen Vorgehensweise ich im Ersten Teil besprechen möchte, ehe ich mich im zweiten Teil Tilly zuwende. Dieser versteht sich als Schüler Rokkans, es ist daher schon interessant zu klären welche Methoden und Ansätze Rokkans sich bei ihm wiederfinden werden und inwiefern Tilly eine geänderte Perspektive einnimmt.

Der abschließende dritte Teil wendet sich der eigentlichen Gegenüberstellung zu und abschließend werde ich die Frage aufgreifen, inwiefern die Modelle Rokkans und Tillys nur für eine historische Soziologie stehen oder ob sie sich für eine Analyse der heutigen Situation in der Europäischen Union eignen.

2. Stein Rokkan

2.1. Einführung

In der Einleitung zu Stein Rokkans Werk unterscheidet Peter Flora zwei Hauptphasen innerhalb seines Wirkens. Während Rokkan sich in den 60ern zunächst mit der Strukturierung von Massenpolitik, der Entstehung von Wahlrechtssystemen und Spaltungsstrukturen in den europäischen politischen Systemen beschäftigte, wurde die zweite Phase ab 1968 von den historischen Entwicklungstendenzen in Europa bestimmt. In diese Zeit fällt die Ausarbeitung seiner konzeptuellen Karte und seines Modells von Europa, welche die historisch-soziologische Makrostruktur Europas widerspiegelt.[1] Neben dem historisch-soziologischen Verständnis von Gesellschaftsstrukturen richtet sich sein erkenntnisleitendes Interesse vor allem auf die Klärung der Varianzen des europäischen politischen Systems.

Rokkans Vorgehensweise erfolgt in zwei Schritten: Zunächst entwickelt er ein abstraktes Modell der entscheidenden Dimensionen der Variation politischer Systeme und betrachtet die zeitliche Abfolge der Interaktion von den Dimensionen. Im zweiten Schritt zeigt er, wie dieses Modell als Grundlage zur Erklärung der Variationen innerhalb Westeuropas genutzt werden kann, der Region in welcher sich als erstes solche Prozesse ereigneten.[2] Dieser Einteilung werde ich folgen und nach der Besprechung seiner Grundkonzeption auf die Staaten- bzw. Nationenbildung eingehen.

2.2. Die zentralen Begriffe

2.2.1. Grenzen und Territorium

Bei der Ausarbeitung seiner konzeptuellen Karte, stützt sich Rokkan auf die theoretischen Vorarbeiten Talcott Parsons und Albert O. Hirschman. In Anlehnung an Talcott Parson postuliert Rokkan vier grundlegende gesellschaftliche Differenzierungsprozesse. Ausgehend von der primordialen Gemeinschaft mit einer niedrigen Stufe der Rollendifferenzierung bilden sich 1. ökonomisch-technologische, 2. militärisch-administrative, 3. judikativ-legislative und 4. religiös-symbolische Strukturen innerhalb einer Gesellschaft heraus.[3] Diese Strukturen betrachtet Rokkan unter dem Gesichtspunkt der territorialen Organisation in Zentren und Peripherien. Demnach kommt es 1. durch Handel und Industrialisierung zur Ausbildung von Städten und translokalen Handelswegen, 2. zu einer Organisation des Militärs zur Regulation externer Konflikte, 3. zur Ausbildung von Instanzen interner Konfliktregulierung in Form von Gerichten und 4. zur Ausdifferenzierung des Priesterstandes gestärkt durch die Verwendung einer Schriftsprache.

Albert O. Hirschmans Text „Exit, Voice, and Loyality“ (Hirschman 1970) schärfte Rokkans Blick auf die Unterteilung von Territorien in Einheiten und auf die Dynamik von Grenzbildungs- und Grenzüberschreitungsprozessen. Hirschmans Vokabular gibt Rokkan die Möglichkeit drei Typen von Grenzbildungsprozessen aufzustellen: Den Loyality-Prozessen entsprechen alle Prozesse, die wenigstens den minimalen Erhalt bestehender Systeme sicherstellen, Prozesse die für die Reproduktion der bestehenden Strukturen verantwortlich sind. Den Voice-Prozessen entsprechen alle Formen der Kommunikation zwischen den Teilsystemen und abschließend wird die Transformation, der Zusammenbruch und die Überschreitungen von Grenzen, mit den Exit-Prozessen erfasst. Rokkan weitet Hirschmans Verständnis aus, indem er nicht von einem rivalisierenden Nebeneinander der Exit- und Voice-Prozesse ausgeht, sondern jede From der Grenzüberschreitung und Grenzbildung als innovativ versteht. Die primäre Initiation von Bewegung zwischen bestehenden lokalen Systemen zieht einen verstärkten sekundären Austausch nach sich, von dem wiederum größere Teile der Systeme profitieren.[4]

Diese theoretischen Elemente führt Rokkan zusammen und konstatiert:

„Die Geschichte eines jeden Territoriums ist im wesentlichem eine Geschichte der Erfolge und Fehlschläge in diesem Konflikt zwischen Grenzabbau und Grenzüberschreitung.“[5]

Die Vergleichseinheit bei Rokkan ist der Territorialstaat der zwei wesentliche Merkmale umfasst: die Territorialität und die Mitgliedschaft. Damit verknüpft Rokkan zwei Charakteristika die zum einen die enge Beziehung von politischer und kultureller Grenzbildung und zum andern die Verbindung von Nationenbildung und Staatsbürgerschaft ausdrücken. Ein Territorium ist danach durch zwei Grenzen abgegrenzt, welche die Besitzansprüche und Kontrollrechte definieren: Zum einen durch die soziale Grenzen der Mitgliedschaft in einem Stammes- oder Städteverband, durch den Bürgerschaftsstatus oder die gemeinsam praktizierte Sprache und Religion. Zum anderen durch territoriale Grenzen die sich erst mit der Entwicklung von Landwirtschaft und Städten, der Ausbildung militärisch-administrativer Systeme bilden und sich hinsichtlich der Transaktionskontrolle ausdifferenzieren.

Den entscheidenden geschichtlichen Wandel auf dem Weg zu einer erfolgreichen Grenzkontrolle sieht Rokkan in der neolithischen Revolution. Mit der Entstehung von Städten wurden die Grenzen und das Territorium zu einem wichtigen Teil der gesellschaftlichen Organisation. Wo die primordiale Jäger-Sammler-Gemeinschaft nur auf soziale Grenzen in den Verwandschaftsbeziehungen achtete, war es die Innovation der Städte starke Grenzen zur differenzierten Kontrolle über die Mitglieder, die gehandelten Waren und das umliegende Territorium herauszubilden.[6]

2.2.2. Zentrum und Peripherie

Anhand der Dichotomie von Zentrum und Peripherie verdeutlicht Rokkan räumliche Strukturierungen. Ein Zentrum ist in erster Linie ein privilegierter Ort der Kontrolle über Transaktionen von Ressourcen oder Informationen innerhalb eines Territoriums und steht in einem wechselseitigen Verhältnis zu seiner Peripherie. Die Peripherie nimmt die gegenteilige Position davon ein. Ihre Schlüsselmerkmale sind Abhängigkeit, Unterschiedlichkeit und Entfernung vom Zentrum. Abhängigkeiten der Peripherien bestehen gemäß den Dimensionen der Grenzkontrolle auf ökonomischem, militärisch-administrativem oder kulturellem Wege. Zentren lassen sich Anhand der in ihnen vorhandenen Institutionen der Kontrolle identifizieren, wobei es zu monokephalen oder polykephalen Strukturierungen des Zentrums-Peripherie Verhältnisses kommen kann. Angewandt wird dieses Konzept nicht nur zur horizontalen Analyse von Zentrum-Peripherie Beziehungen, sondern auch um in einer vertikalen Perspektive einzelne Gruppen von Akteuren gemäß ihrer Situation in Bezug auf das Zentrum zu zeigen.[7]

2.2.3. Das Grundmodell und die dazugehörigen Variablen

Den territorialen Ausgangspunkt für Rokkans Grundmodell und seine konzeptuelle Karte Europas nimmt das ehemalige Imperium Romanum, mit den römischen, keltischen und germanischen Einflussgebieten.[8] Die Zielsetzung seines Grundmodells entspricht einer geoethnischen, geopolitischen und geoökonomischen Einordnung in ein territoriales Makromodell der europäischen Entwicklung, mit dem Anspruch die zentralen Variablen der europäischen Staats- und Nationenbildung und der europäischen Massenpolitik zu erfassen:

„Die Quintessenz des Modells ist ziemlich einfach: man kann die ausgeprägte Variationen in der Strukturierung der Massenpolitik in Westeuropa nicht erklären, ohne weit in die Geschichte zurückzugehen und ohne die Varianzen in den Anfangsbedingungen den frühen Prozessen territorialer Organisation, Staatsbildung und Ressourcenkombination zu analysieren.“[9]

Kernstück dieses Modells ist Rokkans konzeptuelle Karte Europas, welche die Typologie der europäischen Bedingungen der Staats- und Nationenbildung enthält. Die entscheidende Rolle in der europäischen Entwicklung bis zum 15. Jh. weist Rokkan dem zentralen Städtegürtel zu. Dieser erstreckte sich von Norditalien bis Holland und war technologisch und ökonomisch weiter entwickelt, als das übrige Europa.[10] Der Städtegürtel bestand aus einem Netzwerk hochgradig autonomer Städte, welche sich institutionell vom peripheren Agrarland abhoben. Zugleich stützte sich der Städtegürtel auf wirksame Institutionen der Fernkommunikation und die gemeinsame Tradition des römischen Rechts, welche als Normvorschrift den Fernhandel erleichterte.

Die konzeptuelle Karte gliedert sich in zwei Sets von Variablen, die sich Rokkan zu Folge in einer territorialen Achsenteilung manifestieren: Zum einen ist dies die West-Ost Achse, welche den ökonomischen Konzentrationsgrad der staatsbildenden Zentren mit der peripheren ländlichen Ökonomie in Bezug setzt und zugleich die Abhängigkeit vom Städtenetz erfasst. Und zum anderen die Nord-Süd Achse, der Beziehung von Staat und Kultur, welche die jeweilige Religionszugehörigkeit und die Entwicklung einer nationalen Standardsprache als kulturelle Grenzschließungen erfasst.[11]

[...]


[1] Vgl. Rokkan 2000, S. 74 ff.

[2] Flora greift natürlich das Problem auf, inwiefern von einem Werk Rokkans gesprochen werden kann, weil Rokkan selbst keine Edition seiner Schriften herausbringen konnte. Weil Floras Zusammenstellung aber die einzige gut Verfügbare Zusammenstellung ist, werde ich mich ausschließlich auf diese beziehen.

[3] Im Folgendem wird nur noch von drei Arten grenzüberschreitender Transaktionen gesprochen, weil Rokkan, in den meisten seiner Betrachtungen nicht zwischen externer und interner Regulation von Konflikten unterscheidet. Diese werden von ihm vielmehr unter dem Label „militärisch-administrativ“ zusammengefasst.

[4] Vgl. Rokkan 2000, S. 130.

[5] Zitat Rokkan 2000, S. 132.

[6] Vgl. Rokkan, 2000, S. 136. Rokkan bezieht sich hier auf Fustel de Coulanges „La cite antique“ (1957).

[7] Vgl. Rokkan 2000, S. 146.

[8] Vgl. Rokkan 2000, S. 174.

[9] Zitat Rokkan 2000, S. 171.

[10] Vgl. Rokkan 2000, S. 164.

[11] Vgl. Rokkan 2000, die Abbildungen 10, 12 und 13. Gemäß Abb. 10 finden sich hier die Exit und Voice Prozesse wieder: Exit-Variabeln bestimmen die Offenheit für systemübergreifende Transaktionen, Voice-Variablen den Grad der Bindung an ein territoriales System, vgl. auch Rokkan 2000, S. 163.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638033862
ISBN (Buch)
9783638932622
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87821
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Gegenüberstellung Theorien Stein Rokkans Charles Tillys Systembildung Vergleichende Gesellschaftsanalyse Europa

Autor

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