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Politische Sozialisationsrisiken - Zur Dominanz der Sachzwänge

Wissenschaftlicher Aufsatz 2001 8 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Politische Sozialisationsrisken - Die Dominanz der Sachzwänge:

In diesem Abschnitt untersuchen wir, v.a. anhand eines Textes von Klaus Horn (Horn, 1996) die psychosozialen Probleme im Zusammenhang mit politischer Partizipation in den heutigen Gesellschaften aus der Perspektive der Kritischen Theorie des Subjekts. Seit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Rückgang bei der Betätigung in konventionellen politischen Organisationen beobachtbar. Diese These kann z.B. durch die Mitgliederstärke von politischen Jugendorganisationen oder der Gewerkschaften operationalisiert werden. Unter vielen Leuten macht sich heute ein Gefühl des "Sich-Fügen-Müssens" breit. In etwa zur gleichen Zeit entstehen allerdings auch neue, unkonventionelle politische Partizipationsformen: Die Protest- und Jugendbewegungen, wie z.B. die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, die Grünbewegung bzw. auch der neue Feminismus. Aktuelle Beispiele sind etwa die StudentInnenstreikbewegung 1996 in Österreich oder die Anti-Maastricht-Bewegung in vielen EU-Ländern, welche sich v.a. gegen den starren EU-Zentralismus richtet und wie sie z.B. in den europaweiten Märschen gegen Arbeitslosigkeit im Frühjahr 1997 zum Ausdruck kommt. Die Mittel dieser unkonventionellen Protestformen sind z.B. unangemeldete Demonstrationen, Besetzungen von Häusern und öffentlichen Verkehrsmitteln oder "Widerstand gegen die Staatsgewalt". Diese Handlungen erheben einen subversiven Anspruch; sie verstehen sich daher als eine Strategie der "Untergrabung" eines Systems, welches als erstarrt und nicht aktiv gestaltbar wahrgenommen wird. Diese Protestbewegungen werden zwar meistens von Jugendlichen und StudentInnen initiiert, sie artikulieren allerdings Probleme, welche die gesamte Gesellschaft betreffen und nicht nur jene einer kleinen Minorität. Auch von der Altersstruktur her kann man keineswegs nur von "Jugendprotesten" sprechen, da viele der Beteiligten bereits als erwachsen gelten. Hier muß jedoch auch der Zusammenhang mit dem Aspekt der lebenslangen Sozialisation aufgrund sich ständig ändernder sozialer Rahmenbedingungen, wie er von Johann August Schülein beschrieben wird, gesehen werden: "Wo lebenspraktische Orientierungen nicht mehr selbstverständlich vorgegeben sind, müssen sie individuell hergestellt und legitimiert werden"(Schülein 1988, S.404). Diese Notwendigkeit zur individuellen Sinnsuche endet heute nicht mit einem bestimmten Alter, sondern besteht ständig weiter. Sie schwächt die Tendenz zum "Sich-Fügen" bzw. "Sich-gemütlich-in-den-Verhältnissen-einrichten" und fördert die Suche auch nach dem gesellschaftlichen Sinn.

Im folgenden untersuchen wir die Ursachen für das Entstehen alternativer Protestbewegungen und wie die gesellschaftlich etablierten Gruppen und Institutionen (Politik, Bürokratie, Polizei, etc.) mit diesen Phänomenen umgehen aufgrund des Textes von Klaus Horn "Sozialisationsrisiken heute" (Horn 1996) näher.

Ein gängiges Interpretationsmuster ist jenes, zu sagen, es handle sich lediglich um ein Aufbäumen jugendlicher Kräfte, welches es immer gegeben hätte und deren Subjekte sich letztendlich doch anpassen würden. Diese Sichtweise sieht nicht die gesamtgesellschaftliche Tragweite der Thematik, sondern nur die protestierenden Individuen, und zwar als von den gesellschaftlichen Normen abweichende Einzelne, welche sich später doch an die Normen anzupassen hätten. Die gesellschaftlichen Normen und Gesetze selbst werden jedoch nicht als "dispositives Recht" betrachtet. Klaus Horn betrachtet dieses Phänomen als eine Verselbständigung von gesellschaftlichen Normen, Strukturen und Organisationen gegenüber dem Individuum, welches selbst keinerlei Einfluß mehr auf dieselben hat. An das Individuum werden hohe Anpassungserwartungen gegenüber den gesellschaftlichen Normen und Strukturen gestellt, während umgekehrt die gesellschaftlichen Organisationen, sowie die Normen die ihnen zugrunde liegen, als "naturgegeben", sachlich gerechtfertigt und damit unveränderlich erscheinen. Klaus Horn spricht in diesem Zusammenhang von "Mittel-Zweck-Systemen", da der Einzelne zum Mittel wird, oder von der Herrschaft von "Sachzwängen". Die Bedeutung dieser Begriffe ist grundsätzlich ähnlich dem Begriff der "Entsubjektivierung" bei Johann A. Schülein (Vgl. Schülein 1988, S. 397ff; s.a. entsprechenden Teil in dieser Arbeit, SXXff) oder dem Begriff der "strukturellen Gewalt" bei Johan Galtung. Alle diese Erscheinungen führen letztendlich zur Entfremdung des Individuums von der Gesellschaft.

Was sind nun die Hintergründe für diese Entwicklung moderner Gesellschaften hin zur "Entsubjektivierung"(Schülein) bzw. zur "Versachlichung von Herrschaft"(Horn)? Beide Autoren konstruieren ein gewissermaßen historisches "Vorzustandsmodell", mit Hilfe dessen sie den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand erklären wollen: J. A. Schülein gliedert die sozialgeschichtliche Entwicklung in drei Gesellschaftsmodelle: Einfache Gesellschaftsformen ohne individuell ausdifferenzierter Identitäten, differenzierte Gesellschaftsformen mit Ansätzen zur individuellen Identitätsbildung, sowie die heutigen modernen Gesellschaftsformen mit ihrem hohen Maß an Arbeitsteilung, Technisierung, Ausdifferenzierungund der Tendenz zur "Entsubjektivierung" und damit verbunden die Notwendigkeit der "Selbstabstraktion" durch den einzelnen (Vgl. Schülein 1988., S. XXff in dieser Arbeit wird Schüleins Theorie genauer behandelt).

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Details

Seiten
8
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638105590
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v878
Institution / Hochschule
Technische Universität Wien – Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung
Note
1
Schlagworte
Politische Theorie Politische Psychologie Ideengeschichte Sozialpsychologie Politische Soziologie Sachzwänge Sozialisation Klaus Horn Gestaltungssoziologie Wirkungssoziologie

Autor

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Titel: Politische Sozialisationsrisiken - Zur Dominanz der Sachzwänge