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RAF und Popkultur

Die Bedeutung der Selbstcodierung der terroristischen Gemeinschaft für die fehlende Konfliktentschärfung in den 1970er Jahren

Referat (Ausarbeitung) 2006 21 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Rolle der Selbstcodierung in der Terroristengemeinschaft

3. Auf den Spuren der Selbstcodierung I: Geisslers kamalatta – romantisches fragment

4. Auf den Spuren der Selbstcodierung II: Gudrun Ensslins Briefe

5. Auf den Spuren der Selbstcodierung III: Thorwald Prolls Gedichte

6. Zusammenfassung und weitere Wege der Selbstcodierung

7. Fazit

8. Quellen

1. Einleitung

Bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der „Roten Armee Fraktion“ im Zusammenhang mit der zunehmenden Konflikteskalation in den 1970er Jahren zwischen Staat und RAF in Deutschland stellt sich die interessante Frage nach dem Selbstbild der Gruppe. Denn die Zuschreibungen des Staates an die RAF als eine Organisation von gewalttätigen linken Terroristen, die das demokratische Fundament angreifen, wurden von den RAF-Mitgliedern und -Sympathisanten selbstverständlich nicht geteilt. Es soll im Folgenden herausgearbeitet werden, wie die Selbstcodierung der Gruppe eine Konfliktentschärfung verhindert, im Grunde unmöglich gemacht hat.

Um sich dem Selbstkonzept (der Selbstdarstellung, dem Selbstverständnis) der terroristischen Gemeinschaft anzunähern, ist zunächst zu fragen, wie sich eine Gemeinschaft formieren kann. Diese Formation erfolgt meist von zwei Seiten.

Zunächst einmal erfolgt Abgrenzung erfolgt von innen heraus durch geteilte Ideale, Vorstellungen und Feindbilder und eine bewusste Abgrenzung zur Umgebung. Zugleich kann die Entstehung einer Gemeinschaft außerdem von außen heraus gestärkt werden, durch Ausgrenzung der Gruppe, Ablehnung ihrer Vorstellungen und Ideale. Nicht zu vernachlässigen in diesem Formationsprozess ist die Stärkung des „Wir-Gefühls“ einer Gruppe durch eine Betonung der Differenzen mit der Umwelt, durch Konflikte zu den Anderen.[1] So geschah es auch bei der RAF, deren Innenbild sich eklatant von dem Außenbild des Staates absetzte. Eine Annäherung war so schwer möglich. Was beiden Seiten in der Darstellung der Gruppe der RAF gemeinsam ist, lässt sich unter dem Phänomen der Überhöhung und Mystifizierung der Aktivisten fassen, auf Seiten des Staates durch eine übertriebene Staatsparanoia[2], auf der anderen Seite durch die zum Teil an die Popkultur angelehnte Codierung der RAF selbst, z.B. in Form von Heroisierung der Mitglieder.[3]

Interessante Fragen sind also, ob sich die Terroristen selbst als „Terroristen“ wahrgenommen haben, was ihre Ideale, Vorstellungen, Erkennungsmerkmale darstellten, wie ihr Weltbild aufgebaut war und wieso daraus diese Eskalation besonders in den 1970er Jahren entstehen konnte.

Da die Selbstcodierung überwiegend über die Sprache verläuft – überspitzt lässt sich formulieren: „Ich bin, wie ich es sage!“ – finden sich viele Hinweise auf die Selbstsicht und Selbstperformance der RAF in ihrer Sprache, die daher im Folgenden als Grundlage einer Analyse untersucht werden soll. Was für Sprechweisen nutzen die RAF-Terroristen und ihre Sympathisanten, was für Schreib- und Rezeptionsweisen?

Auf der Suche nach dem sprachlichen Selbstkonzept und Selbstverständnis der RAF kann man auf verschiedene Grundlagen zurückgreifen.

Zu denken wäre an öffentliche, erklärende Dokumente, Flugblätter usw., die den Aktionen folgten oder sie ankündigten. Hier jedoch wurde vor allem ein Außenimage kreiert. Die wirkliche Selbstcodierung mag etwas anders aussehen, z.B. nicht so eindeutig und klar sein.

Ein weiterer Zugang zum Selbstkonzept läge in theoretischen Abhandlungen über die RAF von RAF-Intellektuellen selbst. Obwohl man hier viel über die Politik der RAF und ihre Ziele finden kann, muss man im Hinterkopf behalten, dass auch diese Dokumente eher eine Reaktion auf „den Feind“ waren und nur in Teilen der Selbstcodierung innerhalb der Gruppe dienten.

Am interessantesten und aufschlussreichsten für die Selbstcodierung mögen daher vor allem nicht primär als Rechtfertigungen oder Aufrufe verfasste Texte sein: Gedichte von Thorwald Proll, ein Roman von Christian Geissler und Briefe von Gudrun Ensslin geben viele Hinweise auf das schwere Werk der Selbstcodierung einer Gemeinschaft, die ihre Mittel niemals hinterfragen kann und darf, weil der Zweck dahinter zu bedeutend ist.

2. Die Rolle der Selbstcodierung in der Terroristengemeinschaft

Welche Rolle spielte die Selbstcodierung für die terroristische Gemeinschaft?

Die Terroristen sahen sich nicht lange in der Situation, der Gesamtgesellschaft ihre Taten, ihre Konzeption und ihre Ziele erklären zu müssen. Dies mag zu Beginn noch anders gewesen sein, als in Form verschiedener Veröffentlichungen (z.B. das Konzept Stadtguerilla[4]) eine Werbung, Rechtfertigung und Erklärung für die jeweiligen Aktivitäten geliefert werden sollte. Das daraufhin auf die Terroristengemeinschaft zurückfallende Echo von Ablehnung und Unverständnis beendete dies jedoch schnell. Statt ein Außenimage aufzubauen und der gesamten Öffentlichkeit deutlich eine erklärende Botschaft für die terroristischen Handlungen zu liefern, gewann der Blick nach innen zunehmend an Bedeutung.[5] Zunächst wurde versucht, eine gewisse Zielgruppe weiterhin anzusprechen (die „Randgruppenstrategie“), um Unterstützung für die Ziele der Gemeinschaft zu erlangen, später nahmen die meisten Erklärungen und Dokumente vor allem den Blick nach innen auf und wurden zunehmend „codierter“. Man bekommt häufig den Eindruck, viele Texte seien nur noch für eingeweihte „Genossen“ geschrieben. Dabei sind gerade die Erklärungen und Ansprachen an die Öffentlichkeit Dokumente, in denen die Selbstcodierung, die Selbstdarstellung und v.a. -rechtfertigung der Terroristen noch am einfachsten herauszulesen sind.

In Anbetracht der Tatsache, dass das Interesse an einer breiten öffentlichen Erklärung des eigenen Selbstverständnisses bald sank, mag es kaum verwundern, dass die Selbstkonzipierung der Terroristen in den meisten darauf folgenden Texten meist unklar und abstrakt wirkt – Zielgruppe war schließlich nicht mehr die breite Gesamtgesellschaft, sondern nur mehr noch der „revolutionäre“ Teil der Gesellschaft, der problemlos die in einer besonderer Sprache gesprochenen Botschaften und Codes der Gemeinschaft verstand. So sagt es auch die Erklärung zur Baader-Befreiung aus dem Jahr 1970: Lange genug habe man den falschen Leuten das Richtige erklären wollen. Die Falschen, das seien die „intellektuellen Schwätzer[], [die] Hosenscheißer[], [die]Alles-besser-Wisser[]“[6] gewesen.

Die eigentliche Zielgruppe war danach schnell ausgemacht. Man musste die Menschen mit den eigenen Erklärungen erreichen, die ähnliche Gefühle und Gedanken kannten wie die Aktivisten selbst. Menschen, die „potentiell revolutionär“ waren, denen tatenloses Politikergeschwätz auch der Linken nicht genügte. Interessanterweise wurden als Adressaten dann im selben Aufruf identifiziert: Arbeiterinnen, kinderreiche Familien, das Proletariat – „die nur darauf warten, den richtigen in die Fresse zu schlagen!“[7]

Dieses Verständnis der Zielgruppe steht in einem deutlichen Widerspruch zu der zum Teil surrealistischen Sprache vieler Texte, die sicher nicht dazu angetan war, proletarische Frauen anzusprechen und zum mitmachen zu begeistern. So zeigt sich bald, dass es nur noch formell darum ging, die proletarische Klasse aufzurütteln. Hauptzweck der Texte, Gedichte und Schriften der RAF und ihrer Sympathisanten war in zunehmendem Maße eine Beschränkung auf die Selbstcodierung nach innen. Immer wieder wurde „der Feind“ ausgemacht, von dem es sich abzugrenzen galt.

[...]


[1] Vgl. MEYER, B. (1997): Formen der Konfliktregelung. Eine Einführung mit Quellen. Opladen. S. 45ff

[2] man bedenke die enormen, in der Bundesgeschichte so noch nie da gewesenen Fahndungsaufgebote nach Anschlägen auf der Suche nach den „Staatsfeinden“

[3] Vgl. z.B. ENSSLIN, G. (2005): der „dornenreiche Weg“ der Revolutionäre, S. 63

[4] Das Konzept Stadtguerilla. Auf: www.nadir.org

[5] Dies spitzte sich mit der Entführung von Schleyer zu, der überhaupt keine Begründung an die Öffentlichkeit mehr folgte; ebenso erkennbar ist die zunehmende Abkapselung der RAF in Stammheim mit der Eskalation im umstrittenen kollektiven Selbstmord der „ersten Generation“.

[6] In: Die Rote Armee aufbauen. Seite 24.

[7] Ebda S. 26

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638033121
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87764
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Popkultur

Autor

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