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Neorealismus - Institutionalismus - Liberalismus

Theoretischer Vergleich und praktische Konzeption in Bezug auf die transatlantische Nato-Entwicklung

Seminararbeit 2008 27 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neorealismus
2.1. Grundprämissen
2.2. Konstellationen
2.3. Interaktionen

3. Institutionalismus
3.1. Grundprämissen
3.2. Kooperation
3.3. Wirkung internationaler Institutionen

4. Liberalismus
4.1. Grundprämissen
4.2. Akteure
4.3. Präferenzkonstellation
4.4. Liberalismus-Varianten

5. Die transatlantische Nato-Entwicklung im Theorie-Fokus
5.1. Neorealistische Sicht
5.2. Institutionalistische Sicht
5.3. Liberale Sicht

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Akademiker und Praktiker differieren in der internationalen Politik insofern, dass für den einen „(…) eher die Methode, für den anderen mehr das Resultat gedanklicher Arbeit ausschlaggebend ist.[1] Sicherlich, für den Praktiker gelten Relevanzkriterien, die eine „situationsgerechte Lösung eines praktischen Problems gestatten[2], während das wissenschaftliche Arbeiten die methodische Generierung fundierter Erfahrungen bedingt und weniger ihre politische Operationalisierung. Dennoch sind operative Politik und wissenschaftliche Ideengenerierung zutiefst miteinander verbunden, denn angesichts der Faktenflut und Dynamik des Geschehens obliegen der Theorie vier Primärfunktionen um die Realität zu verarbeiten: „ (…) die Theorie hilft kausal und strukturell relevante Elemente zu erkennen (Selektionsfunktion), diese zu Vorstellungsbildern von der Wirklichkeit zu strukturieren (Gestaltungsfunktion), ihre Wirkungszusammenhänge zu erklären (Deutungs-funktion) und rational begründete Voraussagen hinsichtlich erwartbarer Entwicklungs-tendenzen zu entwerfen (Prognosefunktion).“[3] Die Theorie wirkt damit als ein Filterungs-prozess, der das wechselvolle Kaleidoskop der Abläufe durch den systematischen Vergleich historischer Erfahrungen ordnet und in Analogien relativer Konstanz - zum Zweck der Typisierung und Begriffsbildung - befriedet und in Zusammenhang setzt: „Neben die alten Nationalstaaten sind als Handlungsträger gesellschaftliche Gruppen und wirtschaftliche Verbände getreten. Die politische Interaktionsebene ist eng verschränkt mit sozialen, ökonomischen und technologischen Bereichen. Die internationalen Beziehungen bilden also ein äußerst komplexes Interaktionsmuster, dessen Strukturen nicht immer offen zu Tage treten.“[4] Vor diesem Hintergrund sollen in der vorliegenden Seminararbeit Ansätze der wissenschaftlichen Bewältigung dieser Komplexität und der methodisch sachgerechten, theoriegestützten Analyse internationaler Politik vorgestellt werden. Die Seminararbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Unterschiede zwischen den Theorieansätzen Neorealismus, Liberalismus und Institutio-nalismus umschreiben lassen. Er bildet damit den theoretischen Teil der Seminararbeit. Darauf folgt die praktische Umsetzung der Theoriemasse in ein aktuell politisches Problem: die zukünftige Entwicklung der NATO aus der Sicht der Theorieschulen.

2. Neorealismus

2.1. Grundprämissen

Ein passendes Einstiegszitat in den Neorealismus stammt von einem der bedeutendsten Vertreter der Theorie selber, John Mearsheimer: „Realism paints a rather grim picture of world politics. The international system is portrayed as a brutal arena where states look for opportunities to take advantage of each other, and therefore have little reason to trust each other.”[5] Entstanden ist der Neorealismus in einer der Hochphasen des Kalten Krieges, denn nach dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan und der wirtschaftlichen Schwächung der USA durch die steigenden Erdölpreise war ein möglicher Verlust der amerikanischen Vormachtstellung denkbar. Und es war diese Frage nach den Gründen des Niedergangs, die Politologen wie Mearsheimer oder Kenneth Waltz interessierte.[6] Anders als der normativ geprägte Realismus sollte der neorealistische Ansatz auf szientistischen Methoden beruhen.[7] Dabei sind allgemeine deduktiv gewonnene Erklärungsmuster angestrebt, die auf wenigen zentralen Annahmen beruhen und das strukturalistisch begründete Machtstreben einzelner in den Mittelpunkt stellen, sowie den Staat als den entscheidenden Akteur herauskristallisieren.[8] Die Prämissen der neorealistischen Theorie lassen sich von der Definition des internationalen Systems ableiten, das aus Struktur und interagierenden Einheiten (units), besteht[9]: “A domestic political structure is thus defined, first, according to the principle by which it is ordered; second, by specification of the functions of formally differentiated units; and third, by the distribution of capabilities across those units.”[10] Im Anschluss überträgt Waltz diese drei Merkmale auf die Ebene der internationalen Politik.

(a) Das Ordnungsprinzip ist die Hauptkennzeichnung einer politischen Struktur. Während jedoch der Staat eine Hierarchie besitzt, sind die natürlichen Attribute des internationalen Systems - aufgrund des Fehlens einer übergeordneten sanktionsfähigen Autorität - Anarchie und Dezentralismus[11]: “Among men as among states, anarchy, or the absence of government, is associated with the occurrence of violence.“[12]
(b) Die units sind die Staaten, welche zwar nicht die einzigen, jedoch die einzig maßgebenden Akteure darstellen: “States are not and never have been the only international actors. But then structures are defined not by all of the actors that flourish within them but by the major ones. (…) States are the units whose interactions form the structure of international-political systems.”[13] Der Staat als solches aber wird als black box gesehen in der innerstaatliche Vorgänge oder politische Systeme als irrelevant abgetan werden, um einheitliche und rational handelnde Akteure im Sinne der Nutzenmaximierung (mit der Priorität der Souveränitäts-sicherung im Sinne der nationalen Sicherheit) herauszudestillieren.[14] Dadurch erfüllt jeder Staat dieselben Aufgaben, denn in einem System, in dem es keine Sanktionsinstanz gibt, bringt Abhängigkeit, wie sie durch Aufgabenteilung entsteht, schnell Sicherheitsgefahren im nationalen Sektor.
(c) Die Machtrelation/Stärkeverhältnisse als politische, ökonomische und militärische Macht-mittel jedoch sind variabel und definieren die Machtposition eines jeweiligen Staates.[15]

2.2. Konstellationen

Aus den Grundannahmen kann man nun verschiedene Ordnungen des internationalen Systems ableiten. Je nachdem, ob das internationale System bipolar von zwei Großmächten, bzw. Blöcken, unipolar von einer Großmacht oder multipolar von mehr als zwei Großmächten be-stimmt wird, variiert das Verhalten der Staaten.[16]

(a) In der Multipolarität herrscht aufgrund instabiler und unklarer Verhältnisse ein hohes Unsicherheitsgefühl.[17] Darum auch gibt es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Konflikten und Präventivschlägen, denn (…) the actions of any of them [states] may threaten the security of others.[18] In dieser Konstellation gilt es den Machtvorteil anderer zu verhindern bevor er entsteht und gleichzeitig situativ flexible Allianzen zu bilden, um eventuelle Nachteile auszugleichen: „In a multipolar world dangers are diffused, responsabilities unclear, and definitions of vital interests easily obscured.“[19]
(b) Die Bipolarität ist laut Waltz die stabilste Ordnungsform, wiewohl er nach zwei Unterarten differenziert:[20] Mächtepolarität und Blockpolarität.
Am eindeutigsten sei die Bipolarität zweier Großmächte, da sicherheitspolitische Fehlein-schätzungen - aufgrund fehlender militärischer Interdependenzen - selten seien: „Internal balancing is more reliable and precise than external balancing.“[21] Aufgrund des komplexen Allianzmanagements, in einer Situation, in der sich zwei gleichstarke Blöcke gegenüberstehen, sei die Gefahr militärischer Fehleinschätzungen zwar ungleich höher, jedoch nach Kosten-Nutzen-Kalkül vertretbar.[22]
(c) In der Unipolarität existiert ein Hegemon, wobei es stets zum Versuch einer Gegenmacht-bildung seitens der anderen Staaten käme, was wiederum den Hegemon zu wirtschaftlich-militärischen Reaktionen reize und die Gefahr von Konflikten und Kriegen im Vergleich zur Bipolarität drastisch erhöhe.[23]

2.3. Interaktionen

Das anarchische internationale System determiniert nicht nur die verschiedenen Machtkonstellationen, sondern auch in Folge das Verhalten der Akteure. Dieses ist, wie bereits erwähnt, in erster Linie auf das eigene Sicherheitsinteresse abgestellt, was nur durch eine Machtakkumulation erreicht werden kann.[24] Da die Machtakkumulation des einzelnen grundsätzlich das Sicherheitsbedürfnis aller anderen gefährdet, entsteht ein Sicherheits-dilemma, auf das verschiedenartig reagiert werden kann. Wird ein Staat bedroht, so hat er zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: Entweder er schließt sich der größten Macht, also der Bedrohung selbst an (bandwagoning) oder - empirisch häufiger belegt - er verbündet sich mit dessen Gegnern, um so einen eventuellen Angriff der stärksten Macht abwehren zu können, beziehungsweise den Angriff (durch das entstandene Machtgleichgewicht) unattraktiv zu machen (Balancing).[25] Im Vergleich ist Balancing sicherlich die attraktivere Verhaltensalternative, da hier die eigenen Machtmittel mehr ins Gewicht fallen, während das bandwagoning das Wohlwollen des Hegemon voraussetzt.[26] Alle Interaktionen münden in ihrer Dynamik aus Macht- und Gegenmachtbildung in der zwar notorisch instabilen, aber sich dann doch im freien Spiel der Mächte dynamisch immer wieder neu konstituierenden Balance of Power.[27]

[...]


[1] Nerlich, U.: Zur Wissenschaft und Praxis der Internationalen Beziehungen. In: Ders. (Hrsg.): Krieg und Frieden im industriellen Zeitalter. Gütersloh 1966. S. 10

[2] Siehe ebda.

[3] Siehe ebda. S.12.

[4] Siehe Haftendorn, H.: Theorie der internationalen Politik. Gegenstand und Methode der internationalen Beziehungen. Hamburg. 1975. S. 9.

[5] Siehe Mearsheimer, J.: The False Promise of International Institutions. In: International Security. 19. S. 5-49. S.9. 1994. Als Vater der Theorie gilt jedoch seit der Veröffentlichung von “Theory of International Politics“ 1979 Kenneth Waltz. Vgl. dazu Schörnig, N.: Neorealismus. In: Theorien der Internationalen Beziehungen. Hrsg. von Siegfried Schieder und Manuela Spindler. Opladen 2003. S. 61-87. S. 61.

[6] Vgl. Siedschlag, A.: Neorealismus in der Theorie internationaler Politik. In: Innsbruck Forum on International Relations. 2004. http://www.ifir.at/pdf/Tutorial/Siedschlag_Neorealismus.pdf (Stand: 07.05.2006). S. 2. Und vgl. Schörnig: 62f.. Und auch Menzel, U.: Zwischen Idealismus und Realismus: Die Lehre von den Internationalen Beziehungen. F/M 2001. S. 162.

[7] Vgl. Krell, G.: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen. Baden-Baden 2004. 161f..

[8] Vgl. Waltz (1979): S. 18 und Siedschlag: S. 2f.. Die Verschiebung von der Individual- zur Systemebene macht auch den großen Unterschied zum Realismus aus. Das Erkenntnisinteresse gilt also der „Identifizierung und Erklärung systemischer Effekte.“ Zitiert nach Siedschlag: S. 4.

[9] Vgl. Waltz (1979): S. 78-99.

[10] Siehe ebda.: S. 82.

[11] Vgl. ebda.: S. 88-89.

[12] Siehe ebda.: S. 102.

[13] Siehe ebda.: S. 93-95. Andererseits können internationale Institutionen an Bedeutung gewinnen, wenn sie von den Großmächten instrumentalisiert werden. Vgl. dazu Waltz (2000): S. 24.

[14] Vgl. Schörnig: S. 67 und Waltz (1979): S. 93. In manchen Theorien wird davon ausgegangen, dass die Außenpolitik eines Staates nur die Fortsetzung seiner Innenpolitik ist (z.B. Lenin).

[15] Vgl. Waltz (1979): 130f..

[16] Vgl.ebda.: S. 129.

[17] Vgl. ebda.: S. 165.

[18] Siehe ebda.: S. 169.

[19] Siehe ebda.: S. 171.

[20] Vgl. ebda.: S. 162 und S. 173-175.

[21] Siehe ebda.: S. 168.

[22] Vgl. ebda.: S. 172.

[23] Stephen Walt geht davon aus, dass diese Gegenmachtbildung langsamer erfolgt, wenn der Hegemon friedlich ist, bzw. nicht als bedrohlich wahrgenommen wird. Die balance of threat bildet sich jedoch schneller aus wenn der Grad der Bedrohung höher ist: „(…) the greater the threat, the greater the probability that the vulnerable state will seek an alliance.“ Zitiert nach Walt (1987): S. 17.

[24] Dabei ist festzuhalten, dass die Macht für Waltz das Mittel und nicht das Ziel ist.

[25] Vgl. Walt (1987): S. 17 und S. 147-161. Außerdem Waltz (1979): S. 126f..

[26] Für schwächere Staaten ist bandwagoning eher eine Handlungsoption, da sie, gerade bei geographischer Nähe, potentielle Opfer des Hegemons sind. Vgl.Walt (1987): S. 173-178. Sie können zu der Gegenkoalition auch nicht viel beitragen: Vgl. Walt (1987): S. 31f..

[27] Vgl. Waltz (1979): S. 128.

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638029490
ISBN (Buch)
9783638927987
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87706
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2
Schlagworte
Neorealismus Institutionalismus Liberalismus

Autor

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Titel: Neorealismus - Institutionalismus - Liberalismus