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Die Rolle der Sozialisationeinstanz Familie in Richard Sennetts "Der flexible Mensch"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 32 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Instanz Familie
2.1. Die Individualisierung und ihre Auswirkungen auf die Familie
2.2. Familie aus funktionalistischer Sicht
2.2.1. Die Reproduktionsfunktion
2.2.2. Die Sozialisationsfunktion
2.2.3. Die Platzierungsfunktion
2.2.4. Die Freizeitfunktion
2.2.5. Die Spannungsausgleichsfunktion
2.3. Deutsche Familien und Lebensformen: Ergebnisse des Mikrozensus 1996-2004
2.3.1. Die Ergebnisse des Mikrozensus zum Lebensformenkonzept in Deutschland
2.3.2. Zusammenfassung der Ergebnisse zum Lebensformenkonzept

3. Erwerbstätigkeit und Familie
3.1. Sennetts Familienbild in Zeiten der Flexibilität:
3.1.1. Das Familienbild in Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus
3.1.2. Probleme der Sozialisationsinstanz in Zeiten der Flexibilität
3.2. Erwerbstätigkeit und Familie in Deutschland: Ergebnisse des Mikrozensus 2004
3.2.1. Ergebnisse des Mikrozensus 2004 zu Erwerbstätigkeit und Familie in Deutschland
3.2.2. Zusammenfassung der Ergebnisse zu Erwerbstätigkeit und Familie

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während früher, wie im Unterricht festgestellt wurde und auch in dieser Arbeit später detaillierter thematisiert werden wird, viele Faktoren für das Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dach als Großfamilie sprachen, da die Familie früher viele Funktionen wie die Aufzucht und Erziehung der Kinder als soziale Sicherung, darüber hinaus die Funktion der Erhaltung des Haushalts, was mit einer Art ökonomischen Funktion einher ging, eine Statuszuweisungsfunktion und auch eine Freizeitfunktion als Ort der Geselligkeit und Regeneration hatte, geht heute der Trend zu einer anderen Form von Familie: der Kernfamilie, die nur noch zwei Generationen umfasst. Betrachtet man die oben genannten Funktionen, so fällt auf, dass die Instanz Familie ihr Monopol an andere Institutionen und Instanzen verloren hat. Allein eine Art „Rückzugsfunktion“ durch die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit kann ihr als Hauptfunktion nachgesagt werden und auch hier muss man sich fragen, ob dies in einer kinderlosen Partnerschaft nicht auch ausgelebt werden kann. „Manche Wissenschaftler sehen massive Umbrüche, vielleicht gar das Ende der traditionellen Familie; andere wenden sich gegen das, was sie das dauernde Kriegsgerede nennen, und behaupten: die Familie lebt, die Zukunft gehört der Familie; die dritten bewegen sich irgendwo dazwischen, sprechen vorzugsweise von Pluralisierungstendenzen“, stellt Elisabeth Beck-Gernsheim (1994: 115) in Auf dem Weg in die postfamiliale Familie – von der Notgemeinschaft zur Wahlverwandtschaft mit Blick auf die Diskussion fest. Dann greift sie einen Gedanken auf, den Dieter Hoffmeister in Mythos Familie. Zur soziologischen Theorie familialen Wandels wie folgt formuliert: „Letztlich ist es der Mythos von der Existenz einer hinreichend definierbaren Normalität, der Krise[n] immer dann als solche vermuten und erscheinen lässt, wenn sich eine solche Normalität partout nicht einstellen will“ (Hoffmeister 2001: 13). Beck-Gernsheim spricht davon, die „vielen Bunttöne dazwischen [zu] betrachten, die Vielzahl der Lebensformen, diesseits und jenseits der traditionellen Familie“ (Beck-Gernsheim 1994:116), ohne sie an einer „Normalitätskonstruktion“ (a.a.O.:117) messen zu wollen.

In meiner Arbeit möchte ich dem Familienbild folgen, dass der Soziologe Richard Sennett 1998 in Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus zeichnet, und die Probleme beschreiben, die Sennett für die Familie sieht. Welche Auswirkungen hat die flexible Arbeitswelt auf die Familie?

Dafür schildere ich zunächst die von Elisabeth Beck-Gernsheim im vorher erwähnten Text dargestellte Entwicklung der Familienform seit der vorindustriellen Zeit, ergänzt durch die Überlegungen von Rosemarie Nave-Herz in Ehe und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde. Hier werden, wie auch detailliert im folgenden Kapitel, die Funktionen der Familie skizziert. Dabei konzentriere ich mich auf die Einteilung nach Nave-Herz. Als letzter Part des ersten Teils folgt ein Blick auf die statistische Realität in Deutschland in Form des Mikrozensus 1996-2004. Dieser recht umfangreiche Abschnitt erscheint mir wichtig, um die vorherige Theorie mit Fakten zu füllen. Die Zahlen treffen eine Aussage darüber, welche Familienformen in unserer Gesellschaft vorherrschen und in welcher Stärke. Dieser erste Teil soll später aufzeigen, welche Funktionen Familie noch erfüllt und welche Auswirkungen dies vermutlich auf die Lebensform hat.

Nach dieser Vorarbeit komme ich zum eigentlichen Thema: Sennetts Familienbild und familiale Probleme im flexiblen Kapitalismus. Ich referiere die Konflikte, die Sennett in seinem Text anspricht, wobei ich mich eher auf die Aspekte mit Auswirkung auf die Familie als auf das Individuum konzentriere, soweit dies zu trennen ist. Auch hier folgt ein statistischer Teil, welcher die Ergebnisse des Mikrozensus 2004 in Hinblick auf Erwerbsleben und Familie zusammenfasst. Hiermit soll gezeigt werden, dass die vom amerikanischen Soziologen beschriebene Situation unserer heutigen nicht unähnlich ist.

Im Fazit werden die einzelnen Teile nochmals zusammengeführt und besonderes Augenmerk auf die Funktion der Familie als Sozialisationsinstanz gelegt.

2. Soziale Instanz Familie

In diesem ersten Kapitel soll es zunächst um die Veränderungen gehen, welche die Instanz Familie in den letzten Jahrhunderten durchlaufen hat. Dabei geht es nicht nur um die äußere Form, sondern auch um die Funktionen, die Familie erfüllt hat, und inwiefern sie diese noch heute erfüllt. Dazu ziehe ich zuerst zwei Texte zu Rate, die sich mit dem familialen Wandel beschäftigen. Die Texte von Elisabeth Beck-Gernsheim und Rosemarie Nave-Herz werden in den Kapiteln genannt. Im folgenden Teil beziehe ich mich auf die funktionale Sicht auf die Familie nach Rosemarie Nave-Herz. Zuletzt fasse ich dann die statistischen Ergebnisse des Mikrozensus 1996-2004 zusammen, auch diese Textgrundlage wird an späterer Stelle erläutert. Die Ergebnisse des Mikrozensus sind in sofern relevant, als dass sie die vorher aufgestellten Behauptungen mit Zahlen stützen können.

2.1. Die Individualisierung und ihre Auswirkungen auf die Familie

Elisabeth Beck-Gernsheim spricht im Zusammenhang mit Individualisierung vom Trend von der Normalbiographie zur „Bastelbiographie“ (Beck-Gernsheim 1994: 120). Sie fasst den Wandel der Sozialisationsinstanz Familie in ihrem Beitrag Auf dem Weg in die postfamiliale Familie – von der Notgemeinschaft zur Wahlverwandtschaft seit der vorindustriellen Zeit zusammen.

Die vorindustrielle Familie war „vor allem eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft“ (ebd.), in der jedes Mitglied eine vorstrukturierte Aufgabe hatte. Durch die Ausrichtung auf ein Ziel, nämlich der Erhaltung von Hof bzw. Handwerksbetrieb, blieb „freilich wenig Raum […] für persönliche Neigungen, Gefühle, Motive“ (ebd.). Beck-Gernsheim spricht von einem „Zwang zur Solidarität“ (ebd.). Dabei erfüllte Familie indirekt auch eine andere Funktion: sie erarbeitete sich Sozialprestige (vgl. ebd.). Die einzelnen Menschen wurden nicht individuell, sondern an ihrer Familie gemessen. Auch die Funktion der „Sicherheit bei Not, Krankheit und Alter“ (ebd.) hatte die Familie inne. Persönliche Wünsche – nicht immer ging es historischen Dokumenten zufolge friedlich zu – mussten dem Wohl der Familie untergeordnet werden (vgl. Beck-Gernsheim 1994: 121).

Rosemarie Nave-Herz relativiert 2004 in Ehe und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde die Vorstellung von der traditionellen Großfamilie: in der vorindustriellen Zeit „hat es in West- und Mitteleuropa die Drei-Generationen-Familie wegen der geringen Lebenswahrscheinlichkeit, wegen eines relativ späten Heiratsalters und auch aus ökonomischen Gründen viel seltener gegeben, als häufig angenommen wird, noch viel seltener die Vier-Generationen-Familie“ (Nave-Herz 2004: 37). Nur, wenn die produktiven Voraussetzungen gegeben waren, also ein Bauernhof oder Betrieb in Familienhand existierte, lebten mehrere Generationen in einem Haushalt (vgl. Nave-Herz 2004: 38). Familien dieser Zeit ohne Produktionsfunktion lebten oft als Kernfamilie, „waren eigentums- bzw. besitzlos, besaßen einen geringen Rechtsstatus […], waren gekennzeichnet durch eine Autonomie von Verwandtschaftskontexten, durch freie Ehepartnerwahl und durch egalitäre Geschlechterbeziehungen“ (ebd.), denn sowohl Mann als auch oft die Frau waren erwerbstätig, in diesem Fall außer haus (vgl. Nave-Herz 2004: 46). Anders die Familien mit Produktionsfunktion, deren familialen Mittelpunkt der Betrieb bildete. Es ist festzustellen, dass „sie patriarchalisch strukturiert waren und nur eine bedingte freie Ehepartnerwahl und ein spätes Heiratsalter (Mitte bis Ende des 20. Lebensjahres) sowie keine Neolokalität galt“ (Nave-Herz 2004: 38). Es war also weniger üblich, einen Ortswechsel vorzunehmen. Außerdem war der Einfluss der Familie auf die Wahl des Ehepartners noch größer (vgl. Nave-Herz 2004: 44). Nave-Herz resümiert, „dass es überall und zu jeder Zeit unterschiedliche Familientypen gegeben hat, in unserem Kulturkreis die Kernfamilien, die ohne Produktionsfunktion anteilmäßig gegenüber den Familien mit Produktionsfunktion […] überwogen haben“ (Nave-Herz 2004: 39).

Allgemein wurde eine Familie gegründet „im Hinblick auf Kinder, um – je nach Schicht – Vermögen, Namen usw. weiterzuvererben und die Versorgung der Familienmitglieder im Falle von Krankheit und im Alter zu garantieren“ (Nave-Herz 2004: 40), wie auch eben schon von Beck-Gernsheim erwähnt wurde. Dementsprechend war nicht die Liebe zwischen zwei Menschen für einen Ehebund ausschlaggebend, sondern „Zuverlässigkeit, Nüchternheit und Achtung des Partners“ (Nave-Herz 2004: 41), weshalb auch andere Partnerwahlkriterien herrschten als heute, z.B. das materielle Kapital, das die Braut mit in die Ehe bringt, und das Arbeitsvermögen (vgl. ebd.). Auch die bisher angenommene Kinderzahl muss relativiert werden, denn durch die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit zogen die Eltern der vorindustriellen Zeit trotz hoher Geburtenzahl nur durchschnittlich drei bis vier Kinder groß (vgl. ebd.). Die hohe Sterblichkeitsrate begründet das eher sachliche Verhältnis zwischen Müttern und ihren Säuglingen. Dazu kam, dass viele Frauen die Niederkunft nicht überlebten. „Auch diese ‚Aussicht‘ ließ die Erwartung eines Kindes für die Mutter nicht nur als ‚freudiges Ereignis‘ erscheinen, zumal wenn andere Kinder bereits vorhanden waren“ (Nave-Herz 2004: 43).

Charakteristisch für Familien mit Produktionsfunktion war auch die räumliche Übereinstimmung von Öffentlichkeit und Privatheit, denn in allen Räumen – mit Ausnahme vielleicht der Küche – wurde sowohl gearbeitet als auch gewohnt (vgl. ebd.). Dies bedeutet aber auch, dass die Familie damals nicht so sehr Zuflucht vor der Öffentlichkeit bot (vgl. Nave-Herz 2004: 43f.).

Durch die Industrialisierung verlor die Familie noch stärker die Funktion als Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft, denn die Erwerbstätigkeit verlagerte sich allgemein nach außerhalb (Beck-Gernsheim 1994: 121). Es herrschten immer mehr die „Imperative der Leistungsgesellschaft“ (ebd.) vor, bei denen nun die Einzelpersonen in den Mittelpunkt drangen. Dies galt zunächst vorrangig für die Männer, während sich die Frauen um Haushalt und Kinder kümmerten (vgl. ebd.). Durch die Auslagerung der Erwerbstätigkeit aus der Familie, gewann das Private an Bedeutung. Es bildete sich ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis der Geschlechter: „Die Frau wurde abhängig vom Verdienst des Mannes; er wiederum brauchte, um funktionsfähig und einsatzbereit zu sein, ihre tägliche Arbeit und Versorgung“ (ebd.). Beck-Gernsheim spricht aufgrund dieser bestehenden Abhängigkeit noch immer vom Zwang zur Solidarität (vgl. ebd.).

Nave-Herz differenziert an dieser Stelle den bürgerlichen Familientyp und den proletarischen (vgl. Nave-Herz 2004: 48). In beiden Fällen sind Wohnbereich und Erwerbsleben voneinander getrennt. Der bürgerliche Familientyp sollte sich, obwohl zunächst quantitativ unbedeutend, als idealisiertes Familienmodell bis heute durchsetzen (vgl. Nave-Herz 2004: 49), weshalb auf eine detaillierte Beschreibung des proletarischen an dieser Stelle verzichtet werden soll[1]. Schon vor der Industrialisierung bildete sich in gehobenen städtischen Familien „die Emotionalisierung und Intimisierung der familialen Binnenstruktur […] und ließ die Familie zu einer geschlossenen Gemeinschaft mit Exklusivcharakter werden“ (ebd.). Dies äußerte sich auch in einem diesen Bedürfnissen angepassten Wohnstil (vgl. ebd.). Auch das Verhältnis zu den Kindern änderte sich: der Nachwuchs wurde nicht mehr als kleine Erwachsene behandelt, vielmehr wurde ihm eine eigenen Lebensphase, die Kindheit, zugesprochen. „Nunmehr begann ferner der Prozess zunehmender emotionaler Zuwendung zum Kind – und vor allem zum Säugling – seitens ihrer Mütter und Väter“ (Nave-Herz 2004: 50). Mit dieser Einstellung bildete sich auch die wissenschaftliche Meinung, die biologischen Eltern seien die besten Erzieher - „was auch immer man unter dem Begriff ‚beste‘ verstand“ (ebd.) -, weshalb der Kernfamilie auch „konkurrenzlos und monopolistisch“ (ebd.) die Primärsozialisation zugesprochen wurde.

In die Eheschließung hielt langsam aber sicher die „romantische Liebe“ (ebd.) Einzug, auch wenn materielle Motive noch immer merkbaren Einfluss ausübten. Es kommt also nun zu einer neuen Sinnzuschreibung für die Familie, denn als Ideal gilt jetzt die gegenseitige emotionale Unterstützung der Ehepartner (vgl. Nave-Herz 2004: 51). Dennoch waren Kinder noch immer die „selbstverständliche Folge der Eheschließung“ (ebd.).

Zu beachten ist: bei dem bürgerlichen Familienmodell handelte es sich für den Großteil der Bevölkerung vorerst um ein Ideal, das in der Alltagsrealität nicht zu verwirklichen war (vgl. Nave-Herz 2004: 54f.).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt eine neues gesellschaftliches Modell zum tragen: der Sozialstaat. Verschiedene Maßnahmen werden eingeführt, um „die Härten des Marktes abzupuffern“ (Beck-Gernsheim 1994: 121) und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, z.B. Altersrente, Versicherungen, Sozialhilfe und ähnliches (vgl. Beck-Gernsheim 1994: 122). Die materielle Abhängigkeit von der Familie schwächt ab. „Insgesamt wird die Logik individueller Lebensentwürfe gefördert, die Bindung an die Familie gelockert“ (ebd.). Durch Maßnahmen wie Ausbildungsbeihilfe wird Jugendlichen das frühere Verlassen der Familie erleichtert, die materielle Unabhängigkeit der Frau ermöglicht das leichtere Auflösen der Ehe. So wird durch die Individualisierung „die Wahrscheinlichkeit, daß sich der individuelle Lebenslauf aus kollektiven Kontexten herauslöst“ (ebd.) erhöht.

Auch die veränderte Rolle der Frau hat Auswirkungen auf die Sozialisationsinstanz Familie. Durch die Veränderungen in Bildung, Rechtssystem, Erwerbstätigkeit und anderen Bereichen seit Ende des 19. Jahrhunderts konnten sich die Frauen immer mehr aus der Bindung an die Familie befreien. „Das ‚subjektive Korrelat‘ solcher Veränderung ist, daß Frauen heute zunehmend Erwartungen, Wünsche, Lebenspläne entwickeln – ja entwickeln müssen – die nicht mehr allein auf die Familie bezogen sind, sondern ebenso auf die eigene Person“ (ebd.). So müssen Frauen heute nicht die Ehe eingehen, um Sozialstatus und ökonomische Absicherung zu erlangen, was als eine Schwächung der Macht der Männer bezeichnet werden kann (vgl. Beck-Gernsheim 1994: 123). Allgemein werden Lebensverläufe auch in Bezug auf Familie, die Erwartungen und Interessen, die in sie gesetzt werden, nun geschlechtsspezifisch betrachtet (vgl. ebd.).

Der Trend zur Individualisierung und die familialen Veränderungen unter den Familienmitgliedern, die dieser mit sich bringt, haben zur Folge, dass immer weniger auf „eingespielte Regeln und Muster“ (Beck-Gernsheim 1994: 124) zurückgegriffen werden kann, sondern immer wieder neue Entscheidungen getroffen werden müssen. Auch die Balance zwischen den einzelnen Mitgliedern muss gefunden werden, in Fragen der (seelischen) Belastung, Kostenverteilung und persönlicher Ansprüche (vgl. ebd.).

Weitere Probleme unserer Zeit resultieren aus dem heutigen Familienalltag. Stellte früher der Hof oder Handwerksbetrieb das Zentrum der Familie dar, so arbeiten die Erwerbstätigen nun in der Mehrheit außerhäuslich (vgl. ebd.). Auch die Schulbildung und Freizeitgestaltung der Kinder liegt heute meist außerhalb der Familie. „Der Alltag der Familienmitglieder findet also nicht mehr an einem gemeinsamen Ort statt, sondern ist auf ganz unterschiedliche geographische Punkte verteilt“ (ebd.). Auch zeitlich bestimmen nicht mehr die Familien, sondern die gesellschaftlichen Institutionen. „Vor allem die Flexibilisierung der beruflichen Arbeitszeiten greift direkt in den Familienalltag ein, gibt zeitliche Bedingungen vor – und zwar immer mehr in wechselnden und unregelmäßigen Formen, die nicht den Anforderungen des Zusammenlebens (also Kontinuität, Stabilität, wechselseitige Abstimmbarkeit) entsprechen“ (Beck-Gernsheim 1994: 124f.). Zusammenleben und einen familialen Alltag zu ermöglichen, wird dadurch immer schwieriger und anspruchsvoller, denn Rhythmen, Aufenthaltsorte und Anforderungsstrukturen müssen permanent aufeinander abgestimmt werden (vgl. Beck-Gernsheim 1994: 125). „Es sind in der Regel die Frauen, die diese Leistung erbringen, unter erheblichem physischen und psychischen Aufwand, oft unter Einsatz ganzer Netze von Mithelferinnen (Oma, Au-pair-Mädchen, Tagesmutter usw.)“ (ebd.).

[...]


[1] Zur proletarischen Familie: H. Rosenbaum (1982): Formen der Familie

Details

Seiten
32
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638030694
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87546
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
1.0
Schlagworte
Rolle Sozialisationeinstanz Familie Richard Sennetts Mensch Instanzen Sozialisation

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