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Das Spannungsfeld von Tugend und Laster

Die Funktion der Lady Marwood in Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Miss Sara Sampson“

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Historischer Kontext
1. Das Frauenbild des 18. Jahrhunderts
2. Der Tugendbegriff im Sinne des Bürgertums

III. „Miss Sara Sampson“
1. Konzeption nach Lessing
1.1. Das bürgerliche Trauerspiel im Sinne Lessings
1.2. Die Konzeption der Charaktere nach Lessing: die „gemischten Gefühle“
2. Marwood und ihre Funktion
2.1. Die Figur “Lady Marwood”
2.2. Marwood und die Tugend
2.3 Das Zusammenspiel mit Sara – das Spannungsfeld von Tugend und Laster
2.4. Marwoods Funktion im Trauerspiel

IV. Schluss

V. Literatur

I. Einleitung

„Die Reinheit ist ohne ihr Gegenteil, die Wollust, nicht zu denken.“[1] Diesem Gedanken zufolge ist das Thema gewählt. „Miss Sara Sampson“ ist ein Trauerspiel, das sich ausschließlich mit dem Thema „Tugend und Laster“ beschäftigt. Lessing wählte die Figur der Sara als Beispiel der Tugend und Lady Marwood als Beispiel des Lasters. Alle Figuren in dem Stück unterliegen dem Spannungsfeld dieser beiden Begriffe. Mellefont unterlag jahrelang den Reizen der verführerischen Marwood, bis er Sara traf und erfuhr, was Liebe ist. Sir William Sampson verlor durch Saras Bruch mit der Tugend seine Tochter und Sara selbst verzweifelte fast an ihrer Tat. Marwood hat damit zu kämpfen, dass sie als das angesehen wird, was sie ist und muss erleben, wie die Tugend über das Laster siegt. Sie verliert ihren Geliebten und somit ihren Lebensinhalt. Das Geschehen gipfelt in einem dramatischen Ende, in der Marwood zum äußersten schreitet und die Tugend in Sara doch noch hervortritt.

Im Folgenden werde ich mich zunächst dem Verständnis der Frau zu Zeiten des Bürgertums und dessen Idealbildern, sowie der Begriffsklärung von Tugend und dessen Verständnis im 18. Jahrhundert, zuwenden. Auch möchte ich den Grundgedanken des bürgerlichen Trauerspiels darstellen, da das Stück nach diesen Gedanken zu analysieren ist. Danach gehe ich auf die Konzeption Lessings ein, dessen Charakterkonzeption ausschlaggebend und signifikant für dieses Stück sind. Hauptsächlich werde ich mich intensiv mit der Figur der Lady Marwood befassen, ihren Charakter untersuchen, ihr Zusammenspiel mit Sara analysieren und ihre Funktion als Kontrastfigur versuchen herausstellen. Aber auch die Figur der Sara und ihre Tugendhaftigkeit wird einen großen Anteil der Untersuchungen ausmachen.

In diesem Zusammenhang entwickeln sich einige Fragen. Ist Marwood wirklich die von Grund auf böse Verführerin, eine allegorische Figur des Lasterhaften? Und Sara der Inbegriff von Tugendhaftigkeit? Wo kreuzen sich ihre Charakterzüge und wo spalten sie sich wieder?

II. Historischer Kontext

1. Das Frauenbild des 18. Jahrhunderts

Das Frauenbild im 18. Jahrhundert unterstand einer Wende. In der Frühaufklärung wurde die gelehrte Frau zum Idealbild. Jedoch war diese nur eine Idee der aufgeklärten Männerwelt. Männer wie Gottsched „grenzten [sich so] gegen Weiblichkeitsvorstellungen, die ihnen als Relikte des sogenannten finsteren Mittelalters und als Schande des aufgeklärten Zeitalters erschienen [, ab] .“[2] Die Idee war, die Frau sei dem Mann ein ebenbürtiges Geschöpf. Jedoch scheiterte diese Idee an der Realität des bürgerlichen Lebens. Denn durch die Emanzipationsbewegung des Bürgertums und deren Veränderungen, bildeten sich on der Hausgemeinschaft die Struktur der bürgerlichen Kleinfamilie heraus. Hatte der Vater öffentlich nur die Rolle eines Rädchens in einer großen Maschinerie, so konnte er als Familienoberhaupt eine Entschädigung seiner Unbedeutsamkeit erlangen. Er war der Herrscher über Frau, Kinder und Gesinde.[3] Aus diesem Grunde musste das Frauenbild überarbeitet werden. Denn eine selbstständige, intelligente Frau passte nicht in die Lebensumstände.

Die Frau wird an den heimischen Herd verwiesen, als Hausfrau und Mutter wird sie auf einen engen Raum der Familie beschränkt, sie wird vollständig der Herrschaft des Mannes unterstellt und allein auf sein Glück und sein Wohlbefinden hin definiert.[4]

In diesem Zusammenhang wird auch der Tugendbegriff neu definiert.

Die Frau wurde über ihren Ehestand definierte. Auch die ledige oder verwitwete Frau wird gleichzeitig mit ihrem noch nicht vorhandenen oder beendeten Ehestand in Verbindung gebracht. Die Frau ist das „zweite Geschlecht“, das stets dem Mann untergeordnet ist. Ihr Lebensinhalt sind die Mutterpflichten, der Haushalt und die Zufriedenstellung des Mannes. „Der Mann ist nicht nur der Ernährer und Rechtsvertreter der Frau, sondern er ist auch der Vermittler zu außerhäuslichen Welt.“[5] Bei der Partnerwahl lag die initiative bei dem Mann oder den Eltern der Mädchen, die heiratsfähig waren. Die Mädchen schlossen sich meist den Entscheidungen der Eltern an, da ihnen der Überblick, die gesellschaftlichen Kontakte und die Erfahrung fehlte.[6] Die Kriterien einer guten Ehefrau waren ihre „Sanftmut“ und die „Ordnung“. Unter Sanftmut ist die Biegsamkeit des weiblichen Charakters zu verstehen. Er beugt sich unter den lasten des Alltags und unter dem Willen des Mannes, um den Frieden zu erhalten. Mit ihrer Ordnung erhält sie ihren gut funktionierenden Haushalt.[7] Männer haben auch andere „Rechte“ in Bezug auf die eheliche Treue als die Frauen. So wird den Mädchen von ihren Müttern geraten, den Männern mehr Freiraum zu lassen.[8] Eine Ehescheidung bedeutete die gesellschaftliche Ausgrenzung für eine Frau, zumal sie sich alleine kaum erhalten konnte.

2. Der Tugendbegriff im Sinne des Bürgertums

In der Zeit des frühen 18. Jahrhunderts und somit der Frühaufklärung, wurde die Tugend in Zusammenhang mit Bildung verstanden. Sie galt als „erstrebenswertes Ideal für den vernünftigen Menschen, egal welchen Geschlechtes oder Standes“[9]. Jedoch erfährt der Begriff ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine Veränderung, denn das Idealbild „der Gelehrten“ scheitert an der Realität. Abgelöst wird die gelehrte Frau oder weibliche Gelehrsamkeit vom Typus der Empfindsamen. Tugend wird zunehmend mit der weiblichen Unschuld konnotiert, welches sich auf die Jungfräulichkeit sowie auf das Prinzip des „Nicht-Wissens“ bezieht, denn nur eine Art Unwissen kann sie vor einem lasterhaften Dasein bewahren.[10] Es wird eine „natürliche Tugend“ in der Frau vermutet, bei der die Gefühle besonders ausgeprägt sind. Darum sind in der Literatur unverheiratete, jungfräuliche Mädchen am besten zur Darstellung der Tugend geeignet. „Der Typus der empfindsamen Frau [...] ist eher literaturfähig, ergiebiger als Präsentationsfigur; er ist reicher an Varianten und anfällig für zählebige Ideologisierungen.“[11] Eng Verbunden mit der Tugend ist die Moral zu sehen. Ein moralisches, tugendhaftes Leben zu führen, war die einzig denkbare Lebensart, die für das Bürgertum in Frage kam. Die Moral wurde im 18. Jahrhundert nicht auf die Gesellschaft bezogen, sondern galt als individueller Wert. Aus diesem Grund galt das bürgerliche Trauerspiel als geeigneteste Form die Moralvorstellungen des Bürgertums darzustellen und zu verbreiten.[12]

III. „Miss Sara Sampson“

1. Konzeption nach Lessing

1.1. Das bürgerliche Trauerspiel im Sinne Lessings

Das bürgerliche Trauerspiel gründet in der aufkommenden bürgerlichen Ethik, die den anderen Ständen und Schichten als nachahmenswert vorgestellt wird.[13] Diese wurde von Empfindsamkeit und Moralität bestimmt. Tugend und Empfindsamkeit galten als Allgemeinwerte und waren somit nicht ständeabhängig, sondern konnten von allen Ständen gelebt, sowie auch durch diese dargestellt werden. Zwangsläufig kam es so zu einer Aufhebung der Ständeklausel.[14] Der Ort der Handlung wird in die Privatsphäre verlagert. Charakteristisch für das bürgerliche Gesellschaftsbild ist die Trennung der Gesellschaft in einen politisch-öffentlichen und einen moralisch-privaten Bereich.[15] Der moralisch-private Bereich kommt im Trauerspiel zum tragen. Hier treten an die Stelle der ständisch definierten dramatischen Charaktere, zärtlich definierte Charaktere. „Die Absonderung der Familie ist begleitet von einer Verinnerlichung der dramatischen Personen. Eine moralisch wertende Psychologie stattet den ausgegrenzten Binnenraum aus: mit Herz, Tugend, Empfindung.“[16] Die Wirkung des bürgerlichen Trauerspiels nach Lessing sollte die Sensibilisierung des Zuschauers sein und die Empfindung von Mitleid, die durch die Identifikation mit dem Helden erreicht werden sollte. Ein Trauerspiel sollte einen erzieherischen Charakter haben. Die moralische Absicht lag für Lessing darin, die Empfindungsfähigkeit durch das bürgerliche Trauerspiel zu steigern, welche durch die ästhetische Wirkung herbei geführt wird.

Die mitleidige Empfindung mit dem Helden während der Dauer eines Trauerspiels soll zu einer ständigen, den Theaterbesuch überdauernden Gefühlslage werden, die er als Sensibilisierung des Zuschauers gegenüber seiner Mitmenschen begreift und durch den Affekt des Schreckens als des auf sich bezogenen Mitleids erzielen will.[17]

[...]


[1] Inge Stephan: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Köln: Böhlau 2004. S. 24.

[2] Ebd., S. 20.

[3] Ebd., S. 21.

[4] Ebd., S. 22.

[5] Andrea van Dülmen: Frauenleben im 18. Jahrhundert. München: Beck; Leipzig, Weimar: Kiepenheuer 1992. S.30.

[6] Ebd., S. 31.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 32.

[9] Gerlinde Anna Wosgien: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang: ihre Entwicklung unter dem Einfluß Rousseaus. Frankfurt a.M. u.a.: Lang 1999. S. 156.

[10] Ebd.

[11] Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1979. S. 80.

[12] Klaus Peter: Stadien der Aufklärung: Moral u. Politik bei Lessing, Novalis u. Friedrich Schlegel. Wiesbaden: Akademische Vergesellschaft Athenaion, 1980. S.19.

[13] Wilfried Barner u.a.: Lessing: Epoche-Werk-Wirkung. München: Beck 1998. S.167.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Gispert Lepper; Jörg Steitz; Wolfgang Brenn; Heidrun Harlander; Elke Kiltz: Einführung in die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Opladen: Westdeutscher Verlag 1983. S. 126.

[17] Wilfried Barner u.a.: Lessing: Epoche-Werk-Wirkung. S. 171.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638019316
ISBN (Buch)
9783638923729
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87516
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Spannungsfeld Tugend Laster Frauenbilder

Autor

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