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Psalm 22 - Analyse und Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psalm 22
2.1 Thema des Psalms
2.2 Begründung der Psalmenauswahl

3 Exegetische Aspekte
3.1 Verfasser
3.2 Abfassungszeit
3.3 Literarische Analyse
3.3.1 Gattung
3.3.2 Gliederung
3.3.3 Stilistische Elemente

4 Theologie
4.1 Gottesbild – Menschenbild
4.2 Beziehung Gott - Mensch
4.3 Verwendung des Psalms in einem weiteren biblischen Kontext

5 Nelly Sachs: Die Bedeutung der Psalmen für die moderne Lyrik
6 Psalm 22 im Religionsunterricht an der Realschule
6.1 „Angenommen sein: Selbstvertrauen und Glaube“
6.2 Methodisch-didaktische Zugänge zur Psalmerschließung
6.3 Eigener Sprachentwurf in Anlehnung an Psalm 22

7 Die Aktualität des Psalmthemas in unserer Gesellschaft

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Lehrer in unserer Zeit darf man im Religionsunterricht weder von einer grundlegenden Bibelkenntnis, noch von biblischem Interesse seitens der Schüler ausgehen. „In aller Regel werden sich bei den Schülern kaum abrufbare oder aktivierbare Kenntnisse im Blick auf biblische Inhalte finden lassen“.[1] Umso bedeutender erscheint die Aufgabe des Lehrers, einen spannenden und abwechslungsreichen Bibelunterricht zu gestalten, der sich nicht auf die reine Textarbeit beschränkt oder keinerlei zeitübergreifende Bezüge schafft.

Um einen Bezug zur Bibel herzustellen, sollte verdeutlicht werden, dass jeder Bibeltext auch im Kontext heutiger Lebenserfahrung steht. Horst Klaus Berg spricht von diversen Erfahrungs- und Lernchancen, die die Bibel bereithält. So nennt er als erste Lernchance die „Hoffnung“, die sich auf Erfahrungen der Angst und Bedrohung und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit bezieht.[2]

In diesem Zusammenhang sehe ich die Psalmen als die anschaulichsten Hoffnungstexte der Bibel. Sie sind Gebete von Menschen für Menschen, zu übertragen in jede Zeit und auf jede Situation des Leids, aber auch der Freude, Zuversicht und Hoffnung.

Eine herausragende Stellung nimmt Psalm 22 ein: Als eine Textkomposition von Klage- und Dankpsalm, beschreibt er im ersten Teil die abgrundtiefe Not und Gottverlassenheit des Beters, die sich im zweiten Teil in ein tiefes Gottvertrauen hin auflöst.

In meiner Arbeit gebe ich in Kapitel 1 eine Einführung in Ps 22, den ich im folgenden 2. Kapitel unter exegetischen Gesichtspunkten untersuche. Kapitel 3 beschäftigt sich mit theologischen Aspekten: Wie ist das Verhältnis Gott-Mensch? In welchen weiteren biblischen Kontexten finden sich Psalm oder Psalmthema wieder? Das 4. Kapitel bildet einen Exkurs von der Psalmdichtung zur modernen Lyrik. Am Beispiel der jüdischen Schriftstellerin Nelly Sachs möchte ich kurz andeuten, wie die Psalmen Einfluss auf die moderne Lyrik genommen haben und nehmen. Im 5. Kapitel komme ich zur Umsetzung des Ps 22 im Religionsunterricht, indem ich unter anderem verschiedene methodisch-didaktische Zugänge zur Psalmerschließung vorstelle. Ein eigener Sprachentwurf (Kap. 5.3.) kann als Anreiz zum kreativen Umgang mit den Psalmen dienen.

Abschließend möchte ich in Kapitel 6 auf die Aktualität des Psalmthemas in unserer Gesellschaft aufmerksam machen.

2 Psalm 22

2.1 Thema des Psalms

Der Psalm 22 hat zwei – auf den ersten Blick - widersprüchlich erscheinende Themen: Die Gottverlassenheit und die Heilsgewissheit. Der Beter scheint in Folge einer Krankheit mit dem Tode zu ringen, in einem Gefühl tiefster Einsamkeit klagt er: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Die Klage darf hier nicht allein als psychologische Erleichterung gesehen werden, sie ist vielmehr „– stets im Blick auf den Bund - ein Glaubensbekenntnis, das sich zum Gebet gestaltet“.[3]

Anselm Grün nennt das zentrale Thema „die Bewährung des Glaubens selbst in äußerster Anfechtung.“[4]

Das Thema des Psalms ist gleichermaßen das Motiv der Verlassenheit von Gott im Alten und Neuen Testament. Jenes Motiv zieht sich durch die Geschichte, heute ist die Erfahrung der Einsamkeit eine der sich mehrenden in unserer Zeit.[5]

An dieser Stelle möchte ich zur Begründung der Psalmenauswahl überleiten.

2.2 Begründung der Psalmenauswahl

Das Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit in diversen Lebenssituationen dürfte jedem Menschen bekannt sein. Ich will mich hierbei nicht auf die Gottverlassenheit beschränken, sondern denke auch an das „sich verloren fühlen“ in einer großen, hektischen Welt, den Verlust von Vertrauen in seine Mitmenschen und damit einhergehend den möglichen Verlust von Hoffnung und Glaube.

Der Psalm 22 schildert mit einer derartigen Sprachgewalt und sprechenden Bildern Verzweiflung und Klage, wie sie in solchen Lebenssituationen vorkommen. Er ist einerseits das gesprochene Gefühl tiefster Verzweiflung, mit dem man sich identifizieren kann, andererseits ein Zeugnis der Hoffnung und des Vertrauens.

Der hohe Identifikationswert und die Übertragbarkeit auf so viele Bereiche haben mich dazu bewegt, den Psalm 22 auszuwählen. Darüber hinaus wird dessen positive Aussage vom Leser und selbst vom Beter oft verkannt. Des Weiteren handelt es sich um den bekanntesten aller Klage- und Dankpsalmen Israels, „der aufgrund seiner Rezeption im markinischen Kreuzigungsbericht (Mk 15,20b-41 par Mt 27,45-56) eine herausragende Stellung in der […] Bibel einnimmt.“[6]

Diese Tatsachen mitunter führten zu meiner Auswahl - auch im Hinblick auf eine ansprechende, interessant und vielseitig zu gestaltende Unterrichtseinheit zum Thema an der Realschule, worauf ich in Kapitel 5 näher eingehen werde.

3 Exegetische Aspekte

3.1 Verfasser

Der Psalm 22 ist das Gebet eines Kranken, ein so genannter Ich-Psalm. Er geht zurück auf das persönliche Zeugnis eines Menschen, welcher seine Erfahrung auf Schriftrollen niedergelegt und dem Tempelheiligtum überlassen hat.[7]

Im Zentrum des Psalms steht eine „paradigmatische Leiderfahrung“, die das subjektiv Erlebte auf das Urbildlich-Exemplarische hin transzendiert.[8] Dieser Aspekt ist für das Verständnis der Individualpsalmen wichtig und „hat eine Entsprechung in der sog. Davidisierung des Psalters.“[9]

Somit wird der Psalter David zugeschrieben, der als exemplarisch Leidender aus einer spezifischen Notsituation seines Lebens heraus betet.

Hier sei noch die kritische Meinung Alfons Deisslers anzumerken, der aufgrund von Sprache, Form und Gehalt die Autorenschaft Davids eher für unwahrscheinlich hält.

Er vermutet, dass der Verfasser des Liedes als eigentlichen Sprecher jemand größeren als David meint. Er findet Hinweise dafür, dass der Verfasser auf den in Is 53 geschilderten Jahweknecht verweist.[10]

3.2 Abfassungszeit

Psalm 22 entstammt mit großer Wahrscheinlichkeit der vorexilischen Zeit.

Betrachtet man die Struktur des Psalms (Anrufung Gottes mit Fragen oder Bitten, Notschilderung und Schluss mit Bitten und / oder Lobversprechen oder Bekenntnis), fällt eine Verwandtschaft mit den vorexilischen Klagegebeten auf. Ihnen allen wohnt die besondere Spannung inne, dass der Beter aus seiner größten Not heraus eine ernste Zuversicht erlangt, die sogar dessen Rettung voraussetzt.[11]

Eine andere These, die für die Abfassungszeit während des Exils spricht, stellt Alfons Deissler auf. Er findet in den Worten des Psalms das Leid tiefster Gottverlassenheit wieder, so wie es Israel im Exil erfahren hat. Das Bild des Wurmes in V. 7 ist in Is 41,14 der Name für das verbannte Israel.[12]

Joachim Becker hingegen verweist bei der Frage um die Abfassungszeit auf den letzten Satz des Psalms: „Er hat es getan.“ Er verknüpft diese triumphierenden Worte mit der Befreiung Israels aus dem Exil. Einen weiteren Hinweis dafür findet er in den Psalmen 69 und 102. Auch hier tritt das heilsgeschichtliche „Er hat es getan“ im Kontext der Befreiung aus dem Exil auf.[13] Ihm nach müsste der Psalm nach der Befreiung aus dem Exil verfasst worden sein.

3.3 Literarische Analyse

3.3.1 Gattung

Der Psalm 22 ist eine Textkomposition. Er setzt mit einem Klagelied des Einzelnen

(V. 2-22) ein und geht in seinem zweiten Teil in ein individuelles Danklied (V. 23-32) mit hymnischem Ausklang über.[14]

Claus Westermann bezeichnet den Psalm 22 als eine „’Gewendete Klage’, die das Gotteslob auf die Klage folgen lässt.“[15] Der Scheitelpunkt, auf Textebene die Grenze zwischen Klage und Lob, ist auf der Sachebene identisch mit der Grenze zwischen Tod und Leben.[16] In einer Besonderheit differenziert sich der Psalm von den sonstigen Klagen des Einzelnen: Er beinhaltet einen Rückblick auf das frühere Heilshandeln Gottes, wie er sonst nur in Volksklagen vorkommt.[17]

O. Fuchs und H. Irsigler haben darüber hinaus gezeigt, dass innerhalb der Klage des Einzelnen Gattungsbrüche vorkommen. So wird der Klageteil mehrmals von Vertrauensbekenntnissen (V. 5-6; 10-11) und Bittgängen (V. 12. 20-22b) unterbrochen. Dieser fließende Übergang zwischen den Redeelementen diene der Hinführung zum stimmungsumschwingenden „er antwortet mir“ in V. 22b.[18]

Der Klagepsalm des Einzelnen ist die am häufigsten anzutreffende Psalmgattung im Psalter. Die verhältnismäßig große Anzahl (mehr als 50 der 150 Psalmen) erklärt sich aus der Entstehungszeit der Sammlung des Psalters.[19]

Die „Identität von Volk und gottesdienstlicher Gemeinde [war] zerbrochen und die Scheidung in Fromme und Gottlose [erhielt] eine bestimmende Rolle, wie sie sich immer wieder in den Psalmen spiegelt.“[20]

3.3.2 Gliederung

Bei der Gliederung des Psalms 22 stütze ich mich hauptsächlich auf Claus Westermann.[21] Er teilt den Psalm in 2 Teile, die Klage des einzelnen (V. 2-22) und den Lobpsalm (V. 23-32).

Diesen Teilen voran steht die Überschrift für den Chormeister mit der Angabe „nach der Hindin der Morgenröte“, die sich womöglich auf eine ehemals bekannte Liedmelodie bezieht.

Im ersten Teil ergibt sich ein Rahmen zwischen der Klage „Warum bist du ferne?“ (V. 2) und der Bitte „Sei nicht ferne!“ (V. 12 und 20). Die Klage entspricht in dieser Rahmung der Gliederung des Klagepsalms. In V. 2-3 findet man die an Gott gerichtete Klage, die Ich-Klage in V. 7-9 und 15-16, die Feind-Klage in den Versen 8-9, 13-14, 17-19 mit der Bitte in V. 12 und 20-22. Wie bereits unter Punkt 2.3.1. vermerkt, differenziert sich der Psalm in einer Besonderheit von den sonstigen Klagen des Einzelnen. Das frühere Heilshandeln Gottes, wie es sonst nur in Volksklagen vorkommt, wird in zwei Teilen, Gottes Handeln an seinem Volk (V. 5-6) und Gottes Handeln an dem Klagenden (V. 10-11), bewusst getrennt.

Mit einem Lobversprechen setzt der zweite Teil (V. 23-32) ein. Dieses bildet die Überleitung, gehört aber noch dem Klagepsalm an. Die Begründung des Lobversprechens findet sich in V. 25 „mit der befreienden Tat Gottes an dem Klagenden.“[22] Die Klage endet mit V. 24 und ist in ihm durch einen Imperativ („preist ihn“, „rühmt ihn“, „erschauert alle vor ihm“) zu einer Lobesaufforderung erweitert. In V. 26-27 findet sich „die Auslösung des Versprechens […], das die Klage abschloß.“[23] Wir finden also in Psalm 22 die Elemente von Klage, berichtendem und beschreibendem Lob vor, die zusammengehörig von Gottes Zuwendung geprägt sind.

3.3.3 Stilistische Elemente

Da die Erfassung sämtlicher stilistischer Elemente des Psalms 22 den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, beschränke ich mich auf die –meines Erachtens nach wichtigsten Elemente- und füge nach Unterpunkten geordnete Beispiele an.

[...]


[1] Berg, S. 11

[2] vgl. Berg, S. 50

[3] Kubik, S. 70

[4] ebd., S. 29

[5] vgl. Bisolli, S. 68

[6] Janowski, S. 347

[7] vgl. Seybold, S. 5

[8] vgl. Von Rad, in: Janowski, S. 236

[9] Janowski, S. 346

[10] vgl. Deissler, S. 88f

[11] vgl. Hossfeld, S. 145

[12] vgl. Deissler, S. 98

[13] vgl. Becker, S. 50f

[14] vgl. Deissler, S. 89

[15] ebd., S. 64

[16] vgl. Janowski, S. 348

[17] vgl. Westermann, S. 65

[18] vgl. Bauks, S. 27

[19] vgl. Westermann, S. 53f

[20] Westermann, S. 53

[21] ebd., S. 54ff

[22] Westermann, S. 65

[23] Westermann, S. 65

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638029261
ISBN (Buch)
9783638928663
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87398
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Schlagworte
Psalm Analyse Interpretation

Autor

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Titel: Psalm 22 - Analyse und Interpretation