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Die These der Kolonialisierung der Lebenswelt

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bedeutung und Stellung innerhalb der Kritischen Theorie

2. Grundlegende Konzepte in Habermas’ Gesellschaftstheorie
2.1 Kommunikatives Handeln
2.2 Habermas’ Gesellschaftskonzept
2.2.1 Das “System”
2.2.2 Die “Lebenswelt”

3. Die kapitalistischen Moderne
3. 1 Rationalisierung der Lebenswelt
3.2 Die Mediatisierungsthese
3.3 Die Kolonialisierungsthese
3.4 Die Folgen für die Gesellschaft
3.4.1 Krisenerscheinungen
3.4.2 Verdinglichung und kulturelle Verarmung
3.5 Habermas’ Lösungsvorschläge

4. Kritik

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfolgte im Zuge der Industrialisierung ein extremer Wandel der gesellschaftlichen Bedingungen. Ungezählte Philosophen und Soziologen schickten sich an, die mit diesem Wandel verbundenen Folgen zu untersuchen. Eine besondere Stellung nimmt dabei Jürgen Habermas ein, weil dieser sich in seiner Gesellschaftstheorie mit nahezu allen bedeutenden Theorien zu dieser Thematik auseinandersetzte. Habermas zählt zur zweiten Generation innerhalb der Kritischen Theorie. Seine eigene kritische Betrachtung der modernen Gesellschaft formuliert er in seiner 1981 erschienenen Theorie des kommunikativen Handelns[1]. In dieser konzipiert er die Gesellschaft als System und Lebenswelt zugleich. Im Folgenden soll es um seine These von der Kolonialisierung der Lebenswelt gehen, welche besagt, dass systemische Imperative in die Lebenswelt eindringen und diese okkupieren. Habermas bezweckt anhand der Kolonialisierungsthese Erklärungen für die in der Moderne in Erscheinung getretenen Sozialpathologien zu liefern. Dabei dient ihm Webers Theorie der Moderne als Ausgangspunkt. Habermas erkennt zahlreiche Inkonsistenzen innerhalb Webers Ansatz, welche er zu beheben versucht.

Es stellt sich nun die Frage, welche Folgen sich aus dieser so genannten “Kolonialisierung der Lebenswelt” theoretisch ergeben und ob ein derartiger Prozess auch in der Praxis beobachtbar ist.

Bei der kommenden kritischen Auseinandersetzung dient der zweite Band der Theorie des kommunikativen Handelns als primäre Textgrundlage. Insbesondere wird auf die Zweite Zwischenbetrachtung eingegangen werden , in welcher Habermas sein Gesellschaftskonzept vorstellt, sowie die Schlußbetrachtung, und von dieser seine Auseinandersetzung mit Webers Theorie der Moderne.

Um die aufgeworfene Frage beantworten zu können, werden zunächst Habermas’ Vorstellungen von der modernen Gesellschaft und seine damit eingeführten Konzepte erläutert werden. Seine Argumentation bei der Aufstellung der Kolonialisierungsthese soll nachvollzogen und kritisch untersucht werden. Anhand einer Auseinandersetzung mit ausgewählten Beispielen wird sodann der Versuch unternommen, eine mögliche Bestätigung seiner These durchzuführen.

1. Bedeutung und Stellung innerhalb der Kritischen Theorie

Habermas’ versucht mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns die moderne Gesellschaft in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Er bezieht sich dabei nicht nur auf die traditionelle Gesellschaftstheorie, sondern auch auf die analytische Sprachphilosophie. Dabei setzt er sich intensiv mit unterschiedlichen Gesellschaftstheorien auseinander. Dies führte dazu, dass seine Theorie des Kommunikativen Handelns viele metatheoretische Aussagen enthält. Habermas interpretiert diese Theorien als unterschiedliche Beiträge, welche alle zum Ziel haben die Moderne als Prozess nachzuvollziehen. Er sieht diese Theorien nicht als gänzlich geglückt an, aber sie enthalten viele wichtige Konzepte, die es weiterzuverfolgen gilt.[2] Habermas formuliert selbst dazu folgendes:

“Die Theorie des kommunikativen Handelns soll eine Alternative für die unhaltbar gewordene Geschichtsphilosophie bieten, der die ältere Kritische Theorie noch verhaftet war; sie empfiehlt sich als Rahmen, innerhalb dessen die interdisziplinär angelegte Erforschung des selektiven Musters der kapitalistischen Modernisierung wieder aufgenommen werden kann.”[3]

Die von ihm festgestellten Mängel in der bisherigen Kritischen Theorie will er durch seine kommunikationstheoretische Herangehensweise und sein zweistufige Betrachtungsweise der Gesellschaft beheben.[4]

Die Theorie des kommunikativen Handels stellt also eine Art Synthese zahlreicher theoretischer Ansätze dar. Bezüglich dieses Punktes lastete man Habermas Eklektizismus an.[5]

2. Grundlegende Konzepte in Habermas’ Gesellschaftstheorie

2.1 Kommunikatives Handeln

In Habermas’ Gesellschaftstheorie spielt, wie es ihr Titel schon verrät, die Analyse menschlichen Kommunizierens eine zentrale Rolle. Er sah sich zu dieser Herangehensweise veranlasst, weil für ihn “die größte Bedrohung der Gesellschaft […] in der Zerstörung der spezifisch menschlichen Kommunikationsstrukturen durch eine sich immer mehr ausbreitende Bürokratie liegt.”[6]

Unter “kommunikativen Handeln” ist das auf Verständigung ausgerichtete Handeln zu verstehen. Es findet statt, wenn Personen interagieren.[7] Habermas denkt sich das kommunikative Handeln als Ermöglichung einer universalen Verständigung, welche frei von Restriktionen ist.[8]

Erst durch Kommunikation wird Gesellschaft ermöglicht und erhalten. Damit dies funktioniert bedarf es stabiler Handlungszusammenhänge.[9]

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass Habermas Poppers Teilung der Welten in eine Objektive, eine Soziale und eine Subjektive übernimmt.[10] Das kommunikative Handeln zeichnet sich dadurch aus, dass es auf alle drei Welten gleichermaßen Bezug nimmt. Es dient aber auch der sozialen Integration und der Vergesellschaftung.

Habermas verweißt auf drei verschiedene Aspekte des kommunikativen Handelns. Erstens unterstützt es die Festigung und Aktualisierung von kulturellem Wissens (“Aspekt der Verständigung “). Zweitens ermöglicht es die soziale Integration und Sozialisation (“Aspekt der Handlungskoordinierung”). Drittens verhilft es zur Entstehung der Persönlichkeit (“Aspekt der Sozialisation”).[11]

2.2 Habermas’ Gesellschaftskonzept

Wie bereits erwähnt, entwirft Habermas Gesellschaft gleichzeitig als System und Lebenswelt. Damit verbindet er zwei verschiedene Sichtweisen auf die Gesellschaft. Der Grund dafür liegt in seiner Differenzierung zwischen sozialer und systemischer Integration derselbigen. Dahinter steht die Idee, die vorherrschende Teilung in Mikro- und Makrosoziologie zu überwinden. Durch diese Konzeption wird es Habermas möglich eine Analyse aus unterschiedlichen Perspektiven zugleich vorzunehmen. Zum einem aus einen objektiven und zum anderen aus einem subjektiven Blickwinkel. Dadurch werden System- und Handlungstheorie miteinander verbunden.[12] Dementsprechend versetzt die Verschränkung von Innen- und Außenperspektive Habermas in die “[…] Lage, den Ideen und Einsichten beider Kategorien gerecht zu werden und zugleich die Klippen des hermeneutischen Idealismus und des totalitären Funktionalismus zu umschiffen.”[13]

2.2.1 Das “System”

Der Begriff “System” bezeichnet allgemein eine spezielle Organisationsform von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Habermas verwendet, wie gesagt, “System” als einen speziellen Blickwinkel auf die Gesellschaft. Aus dieser “… Beobachterperspektive eines Unbeteiligten [gestaltet sich die Gesellschaft, F.L.] nur als ein System von Handlungen […]”[14].

2.2.2 Die “Lebenswelt”

Den Begriff der “Lebenswelt” entnimmt Habermas der Bewusstseinsphilosophie. Ursprünglich entwarf Husserl diesen Begriff. Simplifizierend kann man die Lebenswelt als die soziokulturelle Umwelt definieren.[15]

Habermas unterscheidet zwischen einer Verwendung im kommunikationstheoretischen Sinne und einer als “Alltagskonzept der Lebenswelt[16]. Der erste Fall entspricht dem Blickwinkel von Teilnehmern, welche die Lebenswelt als ihren Erfahrungshorizont wahrnehmen. Der zweite Fall deutet die Teilnehmer als kommunikative Handelnde, welche fähig sind sich selbst und ihre Ausführungen zu verorten. Dieses so genannte Alltagskonzept schließt an Schütz und Luckmann an, welche damit jenen Bereich der Realität meinen, den man als einfach gegeben vorfindet. Alle Beteiligten schöpfen aus demselben Vorrat an unproblematischen und selbstverständlichen Hintergrundüberzeugungen. Mittels einer derartigen Konzeption wird es Habermas möglich, die Lebenswelt als Komplementärbegriff zum kommunikativen Handeln zu setzen. Die kommunikativ Handelnden halten sich innerhalb des Horizonts der von ihnen wahrgenommenen Lebenswelt auf. Sie verständigen sich jedoch über Entitäten in allen drei Welten, also auch über etwas außerhalb ihrer Lebenswelt.

Analog zu den drei, unter 2.1 genannten, Aspekten des kommunikativen Handelns definiert Habermas die drei strukturellen Komponenten der Lebenswelt. Diese Komponenten bilden die symbolische Struktur der Lebenswelt und spalten sich auf in Kultur, Gesellschaft und Person. Diese Aufteilung hat Habermas von Parsons übernommen.[17] Der Kultur ist das zur Kommunikation notwendige Wissen entnehmbar. Die Gesellschaft enthält die jeweils obligatorischen Regelungen. Mit der Persönlichkeit verbindet Habermas die zur Durchführung des kommunikativen Handelns notwenigen Fähigkeiten.

Mittels ihrer Kommunikation sind die Handelnden in der Lage die eben genannten strukturellen Komponenten zu vervielfältigen. Dementsprechend unterscheidet Habermas drei verschiedene Arten von Reproduktion: die kulturelle Reproduktion, soziale Integration und Sozialisation. Diese Prozesse sind also vonnöten, um das Bestehen der strukturellen Komponenten zu sichern.

[...]


[1] In den Literaturangaben wird dafür die Abkürzung „TkH“ stehen, es wird jedoch nur der zweite Band herangezogen.

[2] Vgl. Alessandro Pinzani: Jürgen Habermas, München: Beck 2007, S. 107-109.

[3] TkH, S. 583.

[4] Vgl. Wieland Jäger/ Marion Baltes-Schmitt: Jürgen Habermas. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003, S. 44.

[5] Vgl. Willem van Reijen: Die Aushöhlung der abendländischen Kultur, in: Detlef Horster: Habermas zur Einführung, Hamburg: Junius 1990, S. 76.

[6] Van Reijen 1990, S. 77.

[7] Dem kommunikativen Handeln steht das instrumentelle Handeln gegenüber. Letzteres verläuft zweckrational und dient der materiellen Reproduktion.

[8] Vgl. Walter Reese-Schäfer: Jürgen Habermas, Frankfurt/ New York: Campus Verlag 2001, S. 50.

[9] Vgl. Hauke Brunkhorst: Habermas, Leipzig: Reclam 2006, S. 112.

[10] Die objektive Welt umfasst alle Tatsachen, die subjektive Welt alle interpersonalen Beziehungen und die subjektive Welt alle persönlich gemachten Erfahrungen.

[11] TkH, S. 208.

[12] Ebd.

[13] Josef Keulartz: Die verkehrte Welt des Jürgen Habermas, Hamburg: Junius 1995, S. 276.

[14] TkH, S.179.

[15] Vgl. Werner Fuchs-Heinritz u.a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, Opladen, 3. Auflage: Westdeutscher Verlag 1995, S. 394-395.

[16] TkH, S. 206.

[17] Vgl. Simone Dietz: Lebenswelt und System. Widerstreitende Ansätze in der Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas. Würzburg: Könighausen & Neumann 1993, S. 70.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638027724
ISBN (Buch)
9783638955515
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87390
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
1,2
Schlagworte
These Kolonialisierung Lebenswelt Einführung Theorie Habermas

Autor

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