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"Eine gefährliche Lüge" - Die Folgen und Auswirkungen des atomaren Unfalls von Tschernobyl

Hausarbeit 2006 41 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzer geschichtlicher Abriss über die Atomenergie

3. Das Kernkraftwerk Tschernobyl
3.1. Die Städte Pripjat und Tschernobyl
3.2. Der Aufbau und die Lage des Kernkraftwerkes Tschernobyl
3.3. Der Reaktortyp von Tschernobyl
3.4. Mängel der Konstruktion des RBMK-1000-Reaktors

4. Der Unfall von Tschernobyl
4.1. Der Unfallhergang
4.2. Die Reaktorkatastrophe
4.3 Die Unfallschuldzuweisung

5. Reaktionen und Notfallmaßnahmen nach der Katastrophe
5.1 Die ersten Stunden bzw. Tage nach der Katastrophe
5.2. Die Nachrichten
5.2.1. Eine stichpunktartige Zusammenfassung der Bericht-erstattungen durch die Medien in der UdSSR

6. Die Folgen und Auswirkungen der Katastrophe
6.1. Die gesundheitlichen Folgen in der Ukraine, Weißrussland und Russland
6.2. Die ökologischen Auswirkungen
6.3. Die Folgen für die Landwirtschaft
6.4. Die globalen Auswirkungen

7. Zusammenfassung

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Wachstum der Industriegesellschaft stützt sich an ein ständig anwachsendes Produktionsniveau und dem Verbrauch von unterschiedlichen Energien. Durch die Bodenschätze, in Form von Sauerstoff, Wasser u. a., soll die benötigte Energie gewonnen werden. Das Problem besteht darin, dass der Verbrauch ständig ansteigt und der natürliche Ressourcenvorrat stets schwindet.

In der Geschichte der Menschheit gibt es keine Entdeckungen, deren Folgen und Auswirkungen so hervortraten, wie die Entdeckung der Kernleitung des Urans und die Ergreifung bzw. Annahme der Atomenergie. Die Begründung des Atomskerns im 19. Jahrhundert, welche den Menschen zur Verfügung stand, bietet eine neue, mächtige und mit nichts zu vergleichende Energiequelle.

Durch den Verbrauch der natürlichen Energien kommt es zu massiven Umweltverschmutzungen, der Unterstützung des Treibgaseffekts und der globalen Erwärmung. Hinzu kommt der Rüstungskampf der Giganten (Weltmächte), die in der atomaren Aufrüstung Milliarden in das „freundliche Atom“[1] investierten, um so die Nummer eins zu bleiben bzw. zu werden. Da kommt jemandem die Kernenergie naturfreundlicher und ungefährlicher vor, bis zu der Katastrophe von Tschernobyl.

Ernüchternde Einschätzungen und das Ausmaß der atomaren Kraft, die es in der fünfunddreißigjährigen Geschichte der Nutzung der Kernenergie noch nie gegeben hat, zwingt die Politik weltweit zu überdenken.[2] Am 8. August 1986 sagte der damalige Generalsekretär der Sowjetunion, Michail Sergejevitsch Gorbatschow, in einer Fernsehansprache an die Nation:

„Der Tod der Besatzung der Challenger und die Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl haben die Ängste verstärkt, erinnern diese Ereignisse doch auf grausame Weise daran, daß die Menschheit die gewaltigen Kräfte, die sie selbst ins Leben rief, noch nicht beherrscht,

daß der Mensch erst lernt, sie in den Dienst des Fortschritts zu stellen“[3]

In dieser Arbeit soll untersucht werden, in wie weit die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Sowjetunion, die Verheerung der Unfallfolgen (gesundheitlichen, ökologischen, landwirtschaftlichen und globalen) bedingten. Die Nachrichtensperre und die Verschweigung, sowie eine Verharmlosung des wahren Ausmaßes der Katastrophe, nehmen die entscheidenden Stellungen für die späteren Reaktionen und Notstandsmaßnahmen ein. Die nur sehr langsam voranschreitenden Maßnahmen haben eine internationale Dimension angenommen und zu größeren Schäden, die eigentlich verringert werden konnten, geführt.

Nach einem kurzen geschichtlichen Exkurs, über der Entwicklung der Atomenergie, wird im folgenden Kapitel das Kernkraftwerk Tschernobyl vorgestellt. Dabei werden die Städte Tschernobyl und Pripjat, die geographische Lage des Kernkraftwerks dargestellt. Im nächsten Schritt wird der Reaktortyp von Tschernobyl präsentiert und seine Konstruktionsmängel angesprochen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl. Dabei werden der Unfallhergang und die Reaktorkatastrophe kurz beschrieben. Anschließend werden im nächsten Kapitel die Folgen der Katastrophe präsentiert, zudem findet eine Analyse der Reaktionen und Notstandsmaßnahmen statt.

Die Katastrophe von Tschernobyl ist in der deutschsprachigen Fachliteratur häufig beschrieben worden. Am ausführlichsten stellt Grigori Medwedew in "Verbrannte Seelen" und Zhores Medwedjew[4] in „Das Vermächtnis von Tschernobyl“ den Ablauf der Katastrophe und ihre Folgen dar. Die westliche Fachliteratur von Karl-Heinz Karisch[5] bis Franz-Josef Brüggemeier[6] stützen sich an diese Berichte.

2. Kurzer geschichtlicher Abriss über die Atomenergie

Der Mensch verfügt bis zum zwanzigsten Jahrhundert lediglich über Energiequellen, in Form von Öl, Erdgas, Holz etc. Als Grundstein der Atomphysik gilt die 1895 publizierte Arbeit von W. Röntgen: „Über die neue Art der Strahlen.“ Er nennt sie X-Strahlen, welche wir heute als Röntgenstrahlen kennen. 1919 fand Sir Ernest Rutherford heraus, dass sich, durch Beschuss mit schellen Teilchen, die Atomkerne verändern. Nachdem man induzierte Kernspaltung durchführte, ist es nicht mehr weit gewesen einen ersten Kernreaktor zu bauen.[7]

Bis 1939 werden alle Arbeiten in Atomphysik publiziert. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wird der Austausch der Neuigkeiten eingestellt, da man befürchtete das Deutschland dadurch in der Lage wäre eine Atombombe zu bauen. Gleichzeitig beginnt in den Vereinigten Staaten das Atomprogramm. Die erste Kettenreaktion von Uran-235 wird im Dezember 1942 im Chicagoer Labor, unter der Leitung von Enrico Fermi, in einem kleinen Reaktor erreicht.[8] Nachdem Bau des ersten Atomreaktors ist es leicht gewesen eine erste Atombombe zu bauen.

Der russische Physiker Georgij Fljorow, der an einer Militärschule angestellt war, äußert im November 1941: „Man muß immer daran erinnern, daß der Staat, der als erster die Atombombe verwirklicht, der ganzen Welt seine Bedingungen diktieren kann.“[9] Doch erst nach den Abwürfen der Atombomben in Hiroschima und Nagasaki (1945), welche die Schwankungen des strategischen Gleichgewichtes der Mächte auslösten, lässt Stalin die Wichtigkeit des Besitzes von Atombomben für die UdSSR erkennen. Er befiehlt: „Das Gleichgewicht ist gestört. Stellen Sie die Bombe her!“[10]

Am geplanten Projekt, welches unter äußerster Geheimhaltung steht, wird bis zum September 1949 gearbeitet. Geheimdienstchef Berija persönlich droht ein Dutzend hochqualifizierten Wissenschaftlern mit der Erschießung, falls das Projekt nicht bis zu Stalins siebzigsten Geburtstag am 20. Dezember 1949 abgeschlossen wird.[11] Am 23. September 1949 wird die erste sowjetische Atombombe fertiggestellt und erprobt.[12]

Dessen ungeachtet, dass die Sowjetunion das dritte Land ist, das eine Atombombe entwickelt (nach den USA und Großbritannien), ist sie das erste Land, das Atomreaktoren für die Stromerzeugung startet.[13] Das erste sowjetische Atomkraftwerk wird am 27. Juni 1954 in Obninsk, das etwa achtzig Kilometer südwestlich von Moskau entfernt liegt, in Betrieb genommen. Fast zehn Jahre lang erzeugt der Kernreaktor von Oblinsk Strom. Der führende russische Kernphysiker, Igor Kurtschatow, setzt sich im März 1956 für den schnellen Ausbau von Kernkraftwerken ein. Durch seine Anerkennung bei dem Parteichef Chruschtschow erreicht er, dass ein entsprechendes Atomprogramm für den Ausbau der Kernkraftwerke genehmigt wird.[14] Es entstehen zahlreiche Atomstädte, welche nur unter strenger Aufsicht den Zutritt gewähren oder die dort lebende Bevölkerung rauslassen.[15] Bevorzugte Bereiche für den Bau der Kernkraftwerke sind die Gebiete mit einer geringen Zahl an Einwohnern, wo Schlüsselbetriebe des militärischen Atomkomplexes stehen. Die findet man vor allem in Sibirien, aber auch an den südlichen und westlichen Grenzgebieten der UdSSR.[16]

3. Das Kernkraftwerk Tschernobyl

Die katastrophale Kernschmelze und Explosion im Kernreaktor ereignete sich nahe der Stadt Pripjat, die damals zur Sowjetunion und heute zur Ukraine gehört. Die Katastrophe ist bekannt, unter dem russischen Namen der Nachbarstadt Tschernobyl.

In diesem Kapitel sollen kurz die beiden Städte, Pripjat und Tschernobyl, beschrieben werden. Zudem soll in einem anderen Unterpunkt der Aufbau und die Lage des Kernkraftwerkes Tschernobyl erläutert werden. Außerdem soll der Reaktortyp von Tschernobyl vorgestellt werden und die Konstruktionsmängel des Reaktors angesprochen werden.

3.1. Die Städte Pripjat und Tschernobyl

Pripjat ist 1970 im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet worden. Die Stadt ist speziell für die Arbeiter und Bauer des Kraftwerkes erschaffen. Der Name Pripjat wird von dem nahe liegenden Fluss Pripjat, der das weißrussische mit dem ukrainischen Polessgebiet verbindet, auf die Stadt übertragen. Die Stadt ist somit wasserreich und die Umgebung birgt auch waldreiche Gebiete. Die Stadt ist mit einer Entfernung von etwa vier Kilometern, die nächst liegende Siedlung des Reaktors. Dort wohnen zum Zeitpunkt der Katastrophe von Tschernobyl rund fünfzigtausend Menschen. Pripjat liegt mitten in der unbewohnbaren dreißig-Kilometer-Sperrzone, rund um das havarierte Kraftwerk. Nach der Katastrophe von Tschernobyl und die darauf folgende Evakuierung der Stadt glaubten die Menschen auf ihre baldige Rückkehr dorthin, so dass heute noch viele Häuser der „Geisterstadt“ im Originalzustand aufzufinden sind.[17]

In der heutigen Zeit wird, nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der ukrainischen Unabhängigkeit, der Name der Stadt im ukrainischen - Tschornobyl - geschrieben.[18] Die ersten schriftlichen Zeugnisse über Tschernobyl existieren aus der Zeit des zwölften Jahrhunderts. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts wird dieser Ort vom Großfürstentum Litauen erobert. Nach der Union von Lublin (1569) fiel Tschernobyl unter die polnische Krone. Nach der zweiten polnischen Teilung 1793 wird sie zusammen mit der rechtsufrigen Ukraine mit Russland vereinigt.

Tschernobyl liegt am wasserreichen Fluss Pripjat und am Rande einer riesigen Wald- und Sumpflandschaft. Die Stadt erstreckt sich über weite Teile Weißrusslands und der Ukraine. Im Laufe der Zeit haben sich in Tschernobyl wenige strukturelle Veränderungen ergeben. Die Stadt erlebte keine großartige Industrialisierung und die Einwohner lebten überwiegend von der Landwirtschaft und dem Fischfang, sowie dem Gartenbau, von den Produkten des Waldes und deren Verarbeitung. Auch aus dem Aspekt des langsamen Einwohnerwachstums, das in unserem Jahrhundert endet, kann man auf die geringe strukturelle Veränderung schließen. 1986 zählt die Stadt etwa zwölftausend Einwohner, diese Zahl verändert sich bis zur Jahrhundertwende nicht. Der Pripjat mündet in den Kiewer Stausee, der durch den Bau des Kiewer Staudammes am Dnepr entstanden ist. Tschernobyl liegt in der Nähe der Mündung am nordwestlichen Zipfel des Stausees und etwa zehn Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt. Durch die Katastrophe wurde die Bevölkerung evakuiert. Vergleichbar mit Pripjat ähnelt Tschernobyl einer „Geisterstadt“.[19]

3.2. Der Aufbau und die Lage des Kernkraftwerkes Tschernobyl

Anfang der siebziger Jahre wird der Bau des Kernkraftwerks geplant. Dabei sind folgende Gründe dafür von Bedeutung. Zum einen ist die Stadt dünn besiedelt und befindet sich in der Nähe von der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Zum anderen stehen in Tschernobyl riesige Mengen an Wasser, aus dem Fluss Pripjat und dem Kiewer Stausee, zur Verfügung, welches gleichzeitig zur Kühlung und zur Verdünnung anfallender Abwässer dient.[20] Trotz dieser Gegebenheiten hat sich die Ukrainische Akademie der Wissenschaften, gegen den Bau des Kernkraftwerkes an dieser Stelle, geäußert.[21] Die Gründe dafür waren starke geologische Verwerfungen. Man befürchtete einerseits unkontrolliertes Eindringen radioaktiven Materials und tektonische Bewegungen. Andererseits bedachte man die Folgen einer Kontamination der Umgebung des Kernkraftwerkes, so dass der Regen einen Großteil der Radioaktivität in den Pirpjat spülen wird, da das Gelände zum Fluss hin abfällt.[22]

Der Aufbau des Kernkraftwerkes ist folgendermaßen vorzustellen. Es sind die sieben Reaktorblöcke, die alle etwa in den siebziger Jahren entstanden sind, zu benennen. Die Reaktorblöcke Tschernobyl eins und zwei, Leningrad eins bis drei und Kursk eins und zwei. Das Kernkraftwerk, als Paradestück sowjetischer Technologie[23], soll etwa sechstausend Megawatt (MW) erzeugen und somit weitgehend die Stromerversorgung der Industriezentren im Herzen der Ukraine übernehmen.[24] Teil eins des Kernkraftwerkes bilden die Reaktorblöcke Tschernobyl eins und zwei, wobei zwischen den beiden ein Hilfsanlagegebäude, in dem das Wasserreinigungssystem und andere Anlagen liegen, untergebracht ist, die für beide Blöcke arbeiten. Der erste Teil wird im September 1977 bzw. im Dezember 1978 in Betrieb genommen. Die Hauptumwälzpumpen und die Dampferzeuger liegen in den jeweiligen Reaktorgebäuden. Am dreiteiligen Gebäudekomplex steht seitlich das vierhundert Meter lange Maschinenhaus, worin sich für jeden Reaktor zwei Turbogeneratoren befinden. Östlich befinden sich die Turbinen eins und zwei, die zum Reaktor eins gehören. Neben den Turbinen eins und zwei befinden sich die Turbinen drei und vier, die zum zweiten Reaktor gehören. Zu einem anderen Zeitpunkt wird das Gebäudekomplex samt Turbinenhalle nach Westen verlagert und man stellte dort die Turbinen fünf bis acht, für den weiteren Reaktorblöcke drei und vier auf, wobei der westliche Teil nun die Ausbaustufe zwei des Kernkraftwerkes Tschernobyl bildet. In dem Jahr 1981 ist der Reaktor drei und 1983 der Reaktor vier in Betrieb genommen worden.[25]

3.3. Der Reaktortyp von Tschernobyl

Der Tschernobyl-Reaktor hat neben der Eigenschaft der Energieproduktion, Plutonium als Abfall zu erzeugen, welches waffenfähig ist. Der Reaktor ist ein graphitmoderierter, wassergekühlter Druckröhren-Siedewasser-Reaktor vom Typ RBMK 1000. Die Abkürzung RBMK steht für Reaktor “Bolschoj Moschnostij Kanalnij“. Dies bedeutet, dass die Moderation des Reaktors mit Graphit erfolgt und die erzeugte Wärme, durch das Wasser, in Druckröhren abgeführt wird. Also wird der Reaktor mit Graphitstäben gesteuert und mit Wasser gekühlt. Die Neutronen werden durch Graphitblöcke gesteuert, sie verringern die Geschwindigkeit der schnellen Neutronen, die während der Spaltung von Uran-235-Atomkernen freigesetzt werden.[26] Als Brennstoff benutzt man schwach angereichertes Uran. Es befinden sich insgesamt 2488 Graphitsäulen in dem Reaktorkern, wobei die Graphitstäbe rund 1660 Brennelementkanäle bzw. Druckröhren voneinander trennen. In diesen Röhren wird das Wasser auf eine Temperatur von etwa zweihundertachtzig Grad Celsius erwärmt. Anschließend gelangt das Wasser in Trommelseparatoren, wo das heiße Wasser und der Dampf voneinander getrennt werden. Der Dampf treibt die riesigen Turbinen an. Das getrennte Wasser und das Kondensationswasser des Dampfes werden wieder zurück in den Reaktor gepumpt. Zudem werden zahlreiche Regelstäbe benötigt, um die Kettenreaktion unter Kontrolle zu halten.[27]

In diesem Reaktortyp kann man die Brennstäbe[28] austauschen, ohne den Reaktor auszuschalten. Dazu hat der Reaktortyp einen stark positiven “Void-Koeffizienten“, dies bedeutet das bei Kühlmittelverlust die Leistung nicht abnimmt. Die Brems- und Regelstäbe, die eine Steigerung der Leistung verhindern sollen, haben zwei weitere Merkmale. Zum einen sind sie enorm langsam, da man ca. zwanzig Sekunden benötigt, um den Reaktor von der höchsten Positionierung zum tiefsten Punkt zu fahren. Zum anderen tragen die meisten Brems- und Regelstäbe einen fünf Meter langen Verdrängerstab aus Graphit, der im Normalbetrieb die Neutronenbilanz verbessern soll. Für das benötigte Kühlwasser ist ein separater Kanal angelegt, der das Wasser aus dem Kühlwasserteich heranführt und das warme Wasser ableitet.

3.4. Mängel der Konstruktion des RBMK-1000-Reaktors

Einige Beispiele der Mängel bzw. Nachteile des RBMK-1000-Reaktors werden im Folgenden genannt. Die Graphitstäbe, die rund 1700 Brennelementkanäle bzw. Druckröhren voneinander trennen, benötigen genauso viele Messstellen zur Überwachung. Andere Reaktoren, wie sie meistens im Westen vorhanden sind, besitzen lediglich einen großen Druckbehälter, wo dementsprechend nicht so viele Messstellen benötigt werden.[29] Zudem können die verbrauchten Brennstäbe, dieses Reaktortyps, gegen frische ausgetauscht werden, ohne den Reaktor dabei auszuschalten. Dieser Reaktortyp ist somit stark überaktiv ausgelegt, welcher ohne ständig eingefahrene Bremsstäbe, die die Neutronen wegfangen, “durchgehen“ würde.[30] Bei dem Tschernobyl-Reaktor nimmt die Leistung nicht, wie bei Siede- und Druckwasserreaktoren, bei einem Kühlwasserverlust ab, sondern sie nimmt zu. Dabei weisen die Brems- und Regelstäbe zwei katastrophale Eigenschaften auf. Zum einen haben sie, wie schon oben erwähnt, an ihrer Spitze einen Verdrängerstab aus Graphit, der die Neutronenbilanz verbessern sollte. Jedoch bei einer Schnellabschaltung des Reaktors, bei der die Bremsstäbe eingefahren werden, heizen diese Graphitstäbe die Reaktion kurzfristig zusätzlich an.[31] Die Regel- und Abschaltstäbe lassen sich mit einer Geschwindigkeit von vierzig Zentimetern in der Sekunde bewegen, dies bedeutet es dauert zwanzig Sekunden bis zum tiefsten Punkt. Aus heutiger Sicht wird dieses als sehr langsam empfunden, so braucht beispielsweise ein Druckwasser- Reaktor in den Vereinigten Staaten oder in Japan lediglich eine Sekunde. Es wird zudem sehr viel Wasser benötigt.[32]

[...]


[1] Vgl. Medwedew, Grigori: Verbrannte Seelen : Die Katastrophe von Tschernobyl., übers. von Bendzko, Ralf, München, Wien 1991, S. 11. (Medwedew, Grigori)

[2] Vgl. ebd.

[3] Medwedew, Grigori, S. 11.

[4] Medwedjew, Zhores: Das Vermächtnis von Tschernobyl. Münster 1991. (Medwedjew, Zhores)

[5] In dieser Arbeit werden Aufsätze aus: (Hrsg.) Karisch, Karl-Heinz, Wille Joachim, Der Tschernobyl-Schock, Zehn Jahre nach dem Super-Gau, Frankfurt am Main 1996, benutzt.

[6] Brüggemeier, Franz-Josef: Tschernobyl, 26. April 1986 - Die ökologische Herausforderung, München 1998. (Brüggemeier)

[7] Die Erfindung der Kernspaltung, für welche der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts viele Wissenschaften benötigte, machte die Natur schon vor zwei Milliarden Jahren. In der Oklo- Mine in Zentralafrika, hat man einen natürlichen Kernreaktor gefunden. Durch die natürliche Anreicherung des Uran-235 wurde eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Diese Kettenreaktion wurde durch Wasser in den Spalten des Urangesteins moderiert. D.h. das Wasser in den Gesteinsspalten bremste die Neutronen, auf die für die Kernspaltung notwendige Geschwindigkeit ab, so dass die Kettenreaktion einsetzen konnte. Die dadurch freigesetzte Wärme im Urangestein erhitzte das Wasser so stark, dass es verdampfte. Deswegen wurden die Neutronen nicht mehr gedämpft und die Kettenreaktion kam zum erliegen. Infolge dessen kühlte sich der Stein ab und kaltes Wasser konnte nachfliessen. So konnte die Kernspaltung von neuem beginnen.

[8] Grobe-Hagel, Karl: Radioaktiv brodelnde Pfütze. Der sowjetische Atomstaat, in: Der Tschernobyl-Schock. Zehn Jahre nach dem Super-Gau, (Hrsg.) Karisch, Karl-Heinz, Wille Joachim, Frankfurt am Main 1996, S. 103 (Grobe-Hagel).

[9] Grobe-Hagel, S. 103.

[10] Grobe-Hagel, S. 103.

[11] Vgl, Grobe-Hagel, S. 103.

[12] Koepp, Reinhold / Koepp-Schewyrina, Tatjana: Tschernobyl : Katastrophe und Langzeitfolgen. Stuttgart, Zürich 1996, S. 44. (Koepp)

[13] Medwedjew, Zhores, S. 248.

[14] Vgl. Chruschtschow, Segej: Nikita Chruschtschow: Marionette des KGB. München 1991, S. 54-55.

[15] Grobe-Hagel, S. 104 ff.

[16] Grobe-Hagel, S. 107.

[17] Aus dem Fernsehbericht zum zwanzigsten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl: Phönix 26. April 2006.

[18] In dieser Arbeit wird durchgehend die russische Schreibweise angewandt. Zudem ist noch zu erwähnen, dass noch englische Schreibversionen existieren, wie Chernobyl oder Chornobyl.

[19] Aus dem Fernsehbericht zum zwanzigsten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl: Phönix 26. April 2006.

[20] Koepp, S. 59.

[21] Ebd.: S. 59.

[22] Koepp, S. 59.

[23] Medwedjew, Zhores: Der Generalsekretär: Michail Gorbatschow, eine politische Biographie, Darmstadt 1987, S. 293. (Medwedjew, Generalsekretär)

[24] Ebd.

[25] Koepp, S. 61.

[26] Medwedjew, Zhores, S. 20-24.

[27] Vgl. Medwedjew, Zhores, S. 20-24.

[28] Bremsstäbe auch Steuerstäbe oder Regelstäbe genannt, dienen zur Regelung und zur Abschaltung eines Kernreaktors. Wenn sich ein Steuerstab im Reaktorkern befindet, absorbiert er einen Teil der durch die Kernspaltung freigesetzten Neutronen, so dass diese nicht für weitere Kernspaltungen zur Verfügung stehen. Auf diese Weise wird das unkontrollierte Anwachsen der Kettenreaktion im Reaktor verhindert.

[29] Vgl. Medwedjew, Zhores, S. 258.

[30] Karisch, Karl-Heins: Krümelige Masse, in: Der Tschernobyl-Schock. Zehn Jahre nach dem Super-Gau, (Hrsg.) Karisch, Karl-Heinz, Wille Joachim, Frankfurt am Main 1996, S. 43. (Karisch, Masse)

[31] Ebd.

[32] Medwedjew, Zhores, S. 22 und Karisch, Karl–Heinz: „Da muss sich Furchtbares ereignet haben“ – Protokoll der Atomkatastrophe von Tschernobyl, in: Der Tschernobyl-Schock. Zehn Jahre nach dem Super-Gau, (Hrsg.) Karisch, Karl-Heinz, Wille Joachim, Frankfurt am Main 1996, S. 16. (Karisch, Protokoll)

Details

Seiten
41
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638018609
ISBN (Buch)
9783656579304
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87275
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
Eine Lüge Folgen Auswirkungen Unfalls Tschernobyl Umweltkonflikte Gewalt Historische Fallstudien Thema GAU

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Titel: "Eine gefährliche Lüge" - Die Folgen und Auswirkungen des atomaren Unfalls von Tschernobyl