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"Mit drei Hurras auf Kaiser und Vaterland" - Wirtschaftsbürgertum im Ersten Weltkrieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 22 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Herr im Haus – Wirtschaftsbürgertum und Monarchie

3. Mit drei Hurras – Kriegsbegeisterung beim Wirtschaftsbürgertum

4. Ein fröhliches Stück Krieg –. Wirtschaftsbürger im Kriegsdienst

5. Marzipan und Zigarren – Bürgerliches Leben im Krieg

6. Erschreckendes Ende – Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Mit drei Hurras auf Kaiser und Vaterland“[1] reitet Kurt Klamroth, ein Vertreter des Wirtschaftsbürgertums im deutschen Kaiserreich am 1. August 1914, dem Tag der deutschen Mobilmachung als Rittmeister der Reserve in den folgenschwersten europäischen und in eine bis dahin nicht gekannten Gewalt ausufernden Krieg. Wie wurde dieser Krieg also innerhalb des gehobenen Wirtschaftsbürgertums aufgenommen? Wie ging man in solchen großkaufmännischen Kreisen mit der Realität des Krieges um? Und was sind die Gründe dafür? Das sind die Fragen, die in dieser Arbeit bearbeitet werden sollen.

Die Forschung hat sich bei der Bearbeitung dieser Fragen bislang zurückgehalten. Es gibt keine Monografie, die sich explizit mit dem Leben von Wirtschaftsbürgern im Ersten Weltkrieg auseinandersetzt. Es gibt also kaum die Möglichkeit der Berufung auf einschlägige Literatur zu diesem Thema. Daher soll in dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, auf der Grundlage einer Familienbiographie Stellung zu diesem Thema zu beziehen. Im Jahr 2004 wurde die kommerziell erfolgreiche Biographie „Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie“ von der als erste „heute“-Nachrichtensprecherin bekannt gewordenen Journalistin Wibke Bruhns veröffentlicht. Anhand von privaten Tagebüchern und Briefen beschreibt sie dort die Geschichte ihrer eigenen Familie und setzt den Schwerpunkt dabei auf die Darstellung des Lebens ihres Vaters Hans Georg Klamroth, der als Verräter des 20. Juli am 26. August 1944 hingerichtet wurde.[2] Um ihren Vater, seine Begeisterung für das Militär und seine erst sehr spät erfolgte Entwicklung einer wirklich kritischen Einstellung zum NS-Regime nachvollziehen zu können, setzt sie mit ihren Beschreibungen schon im Kaiserreich an.

Die biographische Erzählung bietet interessante Einblicke in das Leben und die Haltungen einer großbürgerlichen Familie zu Zeiten von Kaiserreich und Erstem Weltkrieg. Alle Darstellungen werden dabei auf Zitate aus Briefen und Tagebüchern gestützt, so dass eine eigene nicht zu subjektive Betrachtung der geschilderten Umstände möglich wird.

Es ist zwar problematisch, eine Arbeit in erster Linie auf ein populärwissen­schaftliches Buch zu stützen, besonders weil in diesem Fall eine eigene Einsicht der Quellen nicht möglich ist, weswegen ich hier auf streng wissenschaftliche Quellenangaben verzichten muss. Das Buch bietet aber auch besondere Chancen: Es setzt die Schilderungen in einen realen Zusammenhang von persönlicher Entwicklung und persönlichen Umständen. Es zeigt also nicht verallgemeinerte Umstände auf, sondern liefert konkrete Informationen, die auf zumindest eine Familie tatsächlich zutreffen. Es kann dabei hinterfragt werden, inwieweit die Halberstädter Kaufmannsfamilie Klamroth als Prototyp einer Familie des Wirtschaftsbürgertums gesehen werden kann.

Viele Punkte sprechen allerdings dafür: Es handelt sich um eine protestantische Familie, die im norddeutschen Halberstadt fest verwurzelt ist. Politisch ist man der Rechten zugetan und gegenüber der Linken schlecht gestimmt. Der eigene, sehr erfolgreiche und immer wieder innovative Landhandel steht an erster Stelle, doch dem Vaterland zu dienen ist ebenfalls Pflicht. Der Rang des Reserveleutnanten ist für die männlichen Familien­mitglieder Ausdruck dieser Mentalität. Im privaten Bereich gilt eine anständige Ausbildung des Mannes als Voraussetzung für die Ehe. Selbstverständlich entspricht man den bürgerlichen Vorstellungen von Kultur. Man musiziert selbst und selbst im Krieg liest man anspruchsvolle Literatur. Die Familie entspricht also in diesen Bereichen den Vorstellungen einer typischen bürgerlichen Familie, weswegen eine nähere Betrachtung ihrer Verhältnisse im Krieg als Einzelstudie sinnvoll erscheint.

Als Ausgangspunkt für die Untersuchung des wirtschaftsbürgerlichen Lebens, soll das Verhältnis von Wirtschaftsbürgertum und autoritärem Staat betrachtet werden, da hier eine zentrale Bedingung für die bürgerliche Unterstützung von Monarchie und Kriegsbegeisterung liegt.

2. Herr im Haus – Wirtschaftsbürgertum und Monarchie

Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier künftig forsch gearbeitet wird. [...] Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. [...] Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. [...] Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch [...] mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind.[3]

Diese Rede lässt Heinrich Mann den Protagonisten seines Romans „Der Untertan“, Diederich Heßling bei der Übernahme des väterlichen Betriebes sprechen. Der Historiker Volker Ullrich bescheinigt dem Autor, mit diesem Roman eine zutreffendere Geschichtsvermittlung zu leisten als viele wissenschaftshistorische Abhandlungen[4], und tatsächlich beschreibt schon dieser kurze Abschnitt, wenn auch satirisch überzogen, sehr gut das Selbst­verständnis des Wirtschaftsbürgertum innerhalb der autoritär-monarchistischen Staatsform des Deutschen Kaiserreiches.

Sehr deutlich wird in dieser Rede die Begeisterung des Wirtschaftsbürgertums für autoritäre Hierarchien. Sie dokumentiert dessen mentale Nähe zum monarchischen Staat. Alle Entscheidungen werden von oben getroffen. Diesem „Herr-im-Hause-Prinzip“ zuwiderlaufende Bestrebungen, namentlich die Sozialdemokratie wird als Bedrohung empfunden.[5] Auch Kurt Klamroth, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Herr“ des Betriebes I.G. Klamroth war, konnte sich kein Mitspracherecht für seine Angestellten vorstellen. Das hieß nicht, dass es für diese keine soziale Versorgung gab und sie grundsätzlich schlecht behandelt wurden.[6] Aber auch hier war der Wirtschaftsbürger mit dem Staat einig. Fürsorge für die Arbeiter ist Pflicht, aber die Entscheidung darüber darf nicht bei den Arbeitern liegen.

Die Politik Bismarcks, der die Sozialdemokratie einerseits mit Repressionen und andererseits mit einer fortschrittlichen Gesetzgebung bekämpfte[7], setzt sich im Kleinen fort. Als prominentes Beispiel für diese Firmenideologie kann auch die soziale Firmenpolitik unter Alfred Krupp zum Ende des 19. Jahrhunderts dienen. Die soziale Sicherung der Arbeiter sollte zur Bindung an den Betrieb – wie bei Bismarck an den Staat – in seinen bestehenden Strukturen führen.[8] Die Angst vor der Sozialdemokratie, die an den bestehenden Verhältnissen rütteln wollte, führt also zu einer starken Bindung des Wirtschaftsbürgertums an die Monarchie. Es herrscht die Meinung vor, dass eine Liberalisierung der Gesellschaft zur Umwälzung aller bestehenden Verhältnisse führen würde.[9]

Die Monarchie wurde dementsprechend als Bewahrer der eigenen Interessen gesehen. Da wundert es kaum, dass Staatstreue und Vaterlandsliebe dem Bürger erstes Gebot waren. Zusätzlich waren in der Gesellschaft des Kaiserreiches adelige oder militärische Titel nicht nur Ausdruck der rechten Gesinnung sondern galten auch als geschäftsfördernd. Auch Kurt Klamroth ließ sich den Zeichen der Zeit entsprechend zum Offizier der Reserve ausbilden, um Zugang zur kaiserlich-wilhelminischen Gesellschaft zu erhalten.[10]

Seinen Kindern wurde ebenfalls früh beigebracht, worauf es in einer hierarchisch organisierten Welt ankommt. Feigheit wird als besonders verwerflich empfunden. Seinem Sohn Hans-Georg bringt Vater Kurt Klamroth schon im Alter von zwei Jahren das Exerzieren und Salutieren bei.[11]

Liberales Denken scheint also in der wirtschaftsbürgerlichen Weltanschauung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht besonders verbreitet und angesehen gewesen zu sein. Prägend war stattdessen eine aus Dankbarkeit resultierende und sich als vorteilhaft erweisende Treue zum autoritären Staat. Die Angst vor der Sozialdemokratie führt dazu, dass der eigentlich bürgerliche Freiheitswille zurücktritt, zugunsten eines hierarchischen Obrigkeitsdenken. Bei Kriegsbeginn im August 1914 werden Folgen dieser Werteverschiebung sichtbar.

3. Mit drei Hurras – Kriegsbegeisterung beim Wirtschaftsbürgertum

Das sogenannte „Augusterlebnis“, der massenweise Zuspruch und die alle Bevölkerungsschichten Freude über den reinigenden Krieg ist längst als Legende entlarvt worden. Stattdessen waren die Reaktionen in den verschiedenen Schichten, in der Stadt und auf dem Land sehr unterschiedlich.[12] Auch das Bildungsbürgertum war durchaus nicht in seiner Gesamtheit überzeugt von der Katharsis eines großen Krieges. Dem berüchtigten „Aufruf an die Kulturwelt“, einem Manifest in dem 93 berühmte deutsche Gelehrte nicht nur den Krieg an sich, sondern auch den Einmarsch in Belgien und den deutschen Militarismus vorbehaltlos begrüßten, wird der „Aufruf an die Europäer“ entgegensetzt, ein Appell gegen den Chauvinismus und für die Weiterentwicklung der Kultur. Gestützt wird dieses Manifest allerdings nur von drei Gelehrten, unter ihnen Albert Einstein.[13] Im Großen und Ganzen scheint also zumindest das Bildungsbürgertum einer allgemeinen Kriegsbegeisterung verfallen zu sein.

Ebenso scheint das Wirtschaftsbürgertum sehr anfällig für den chauvinistischen Patriotismus der damaligen Zeit gewesen zu sein. Kurt Klamroths „drei Hurras“ dokumentieren sehr gut seine Begeisterung für den Krieg. Gründe für den Patriotismus im Wirtschaftsbürgertum wurden im letzten Kapitel genannt. Was aber lässt Kurt Klamroth nun an eine positive Wirkung des Krieges Glauben, sieht man einmal von der vermutlich vorhandenen und später enttäuschten Siegesgewissheit ab? Tatsächlich scheint er erfüllt von dem Glauben, in dieser großen Zeit würden endlich alle gesellschaftlichen Gegensätze abgeworfen werden. Die Einigkeit des ganzen Volkes, die durch den sogenannten „Burgfrieden“, der Unterstützung der kaiserlichen Regierung durch alle Parteien bei Beginn des Krieges suggeriert wurde, schien einer Revolution gleichzukommen, einer Umwälzung der deutschen Gesellschaft.

[...]


[1] Kriegstagebuch Kurt Klamroths. Zit. n. Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie. 16. Aufl. Berlin: Econ 2005. S. 51. Die Originalquellen sind nicht zugänglich, weswegen ich mich auf die Angaben der Autorin verlassen muss.

[2] Vgl. Bruhns, S. 379.

[3] Heinrich Mann: Der Untertan. 11. Aufl. Frankfurt: Fischer 2003 (Erstausgabe von 1919). S. 106f.

[4] Vgl. http://www.perlentaucher.de/buch/14692.html (14.11.2005).

[5] Vgl. Volker Ullrich: Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs. 3. Aufl. Frankfurt: Fischer 1999. S. 284.

[6] Vgl. Bruhns, S. 43.

[7] Vgl. Ullrich, S. 65.

[8] Vgl. Lothar Gall: Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums. Berlin: Siedler 2000. S. 222f.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Bruhns, S.34ff.

[11] Vgl. ebd. S. 44f.

[12] Vgl. Ullrich, S. 263.

[13] Vgl. Fritz Klein u.a.: Deutschland im Ersten Weltkrieg. Bd. 1: Vorbereitung, Entfesselung und Verlauf des Krieges bis Ende 1914. Berlin: Akademie-Verlag 1968. S. 479. Vgl. außerdem Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. München: Beck 2000. S. 337.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638016773
ISBN (Buch)
9783638918596
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87255
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Schlagworte
Hurras Kaiser Vaterland Wirtschaftsbürgertum Ersten Weltkrieg

Autor

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