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Musikalische Wahrnehmungsfähigkeit in den ersten zehn Lebensjahren

Hausarbeit 2007 24 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pränatale Wahrnehmungsfähigkeiten

3. Musikalische Wahrnehmungsfähigkeiten im ersten Lebensjahr

4. Musikalische Wahrnehmung bis zum zehnten Lebensjahr

5. Entwicklung rhythmischer Fähigkeiten

6. Entwicklung des Verständnisses für Harmonik und Tonalität

7. Entwicklung begrifflicher Konzepte

8. Entwicklung des musikalischen Erlebens und des Ausdrucksverständnis

9. Fazit

10. Quellenangaben

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit der Entwicklung der musikalischen Wahrnehmungsfähigkeiten in den ersten 10 Lebensjahren beschäftigen. Ich werde zunächst den Verlauf allgemeiner musikalischer Wahrnehmungsfähigkeiten von der pränatalen über die im ersten Lebensjahr bis zur Wahrnehmung im zehnten Lebensjahr nachzeichnen. Daraufhin möchte ich die Entwicklung von bestimmten Parametern bzw. Aspekten der musikalischen Wahrnehmungsfähigkeit beschreiben und zwar die Rhythmik, die Harmonik, das Ausdrucksverständnis sowie die Versprachlichung von musikalischer Wahrnehmung.

Dadurch hoffe ich mir eine bessere Kenntnis, was man von Kindern in welchem Alter fordern und fördern kann und ob es Inhalte gibt, die man in einem bestimmten Alter eben noch nicht zu fordern zu versuchen sollte, weil die dafür notwendigen akustischen Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeiten noch nicht vorhanden sein können. Des Weiteren erhoffe ich mir zu erkennen, welches Verständnis von Musik Kinder haben, wenn sie Musik hören bzw. erleben, also ob ihre Hörfähigkeiten nur bestimmte Arten des Musikerlebens zulassen.

Ein weiteres wünschenswertes Ergebnis wäre, zu sehen, inwiefern die Bewertung von Wahrnehmungsfähigkeiten davon abhängig ist, dass festgelegt wird, was wahrgenommen werden soll – also dass kulturabhängig bestimmt wird, welche Wahrnehmungseigenschaften als wünschenswert gelten und daher untersucht werden. Auf dieses grundsätzliche Problem bei der Untersuchung von Wahrnehmungsfähigkeiten weisen bereits K.-E. Behne, E. Kötter und R. Meißner hin: „Damit stellt sich das Problem, dass derartige Tests nur solange sinnvoll sind, wie die Ziele, deren Erreichung sie prüfen, auch bildungspolitisch als erstrebenswert angesehen werden.“[1]

Des Weiteren wäre es interessant zu erkennen, in welchem Maß Wahrnehmungsfähigkeiten davon abhängig sind, ob Kinder selbst musizieren oder nicht. Damit stellt sich eine essentielle Frage der Musikpädagogik, ob bestimmte Wahrnehmungsleistungen durch aktives Musizieren erlernt werden müssen oder ob diese Fähigkeit auch allein durch Musik rezipieren und darüber sprechen erlernt werden kann.

Inhaltlich werde ich mich im Wesentlichen auf das Kapitel 14 „Wahrnehmungsfähigkeit und musikalisches Lernen“ aus „Grundlagen musikalischer Begabung und Entwicklung“ von Heiner Gembris stützen.

2. Pränatale Wahrnehmungsfähigkeiten

Die Nervenzellen des Innenohres eines Menschen werden im 5. bis 6. Monat der Schwangerschaft gebildet, aber erst ab dem 7. Monat können extrautinere akustische Reize wahrgenommen werden. Allerdings werden die Stimmen im Uterus durch die Umgebung so verändert, dass männliche und weibliche Stimmen nicht unterschieden werden können.[2]

Neueren Studien zufolge gelingt diese Unterscheidung doch (z.B. Papoušek 1996)

Jedoch ist die Mutterstimme für das Baby nach der Geburt sofort wiedererkennbar, wobei unklar ist, ob dies aufgrund der pränatalen Erfahrungen oder aufgrund von genetischen Prädispositionen geschieht. So könnte es auch sein, dass das Kind aus genetischen Gründen eine Präferenz für die hohe weibliche Stimme hat bzw. eine angeborene Prädisposition zur Wahrnehmung und Bearbeitung rhythmisch-metrischer Konturen der mütterlichen Stimme besitzt[3].

Auch andere Wiedererkennungseffekte von akustischen Reizen nach der Geburt sind feststellbar. So zeigten diverse Untersuchungen, dass Babys Melodien, die sie vor ihrer Geburt gehört haben, wieder erkennen können[4]. Von daher kann man offensichtlich Kinder schon vor der Geburt an bestimmte Musik gewöhnen, was auch eine spätere Präferenz für diese Musik vermuten lässt.

Es ist jedoch unklar, ob die Babys direkt oder indirekt auf vor der Geburt vorgespielte Musik reagieren, denn auch auf die Musik, die der Mutter nur über Kopfhörer vorgespielt wurde, reagierten die Babys, v.a. wenn es sich um Lieblingsstücke der Mutter handelte[5]. Das deutet also daraufhin, dass das Baby im Mutterleib vor allem die Reaktionen der Mutter auf die Musik wahrgenommen hat.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass das Musikhören der Mutter für das ungeborene Kind förderlich ist.

Des weiteren ist ein deutlich positiver Effekt von Musik auf zu früh geborene Baby festzustellen. Wenn diese zwei Mal täglich 30 Minuten Wiegen- und Kinderlieder zu hören bekamen, zeigte sich eine höhere Nahrungsaufnahme, schnellere Gewichtszunahme, weniger Stressverhalten, höhere und stabilere Sauerstoffsättigung und auch Atmung und Herzschlag wurden stabiler. Negative Auswirkungen der Musik konnten dagegen nicht festgestellt werden, vorausgesetzt die Musik wurde vorsichtig dosiert vorgespielt.[6]

Vor allem aus letzterem Befund geht deutlich hervor, dass es tatsächlich sehr sinnvoll ist, Kinder so früh, wie es geht, schon mit Musik in Kontakt zu bringen, da eine Beeinflussbarkeit deutlich gegeben ist.

3. Musikalische Wahrnehmungsfähigkeiten im ersten Lebensjahr

Durch die Geburt ändert sich die akustische Umgebung des Säuglings schlagartig, v.a. weil alle vertrauten Geräusche im Uterus wegfallen (Magen-Darmtätigkeit, Atmung und Herzschlag der Mutter). Die Wahrnehmung der ersten Sinneseindrücke sind bei Neugeborenen jedoch keineswegs vage und konturlos – wie meist angenommen – sondern sie lässt sich schon als erkennendes Verhalten interpretieren[7]:

Die Fähigkeit zur Unterscheidung von akustischen Reizen ist bereits mit der eines Erwachsenen vergleichbar, was Frequenzveränderungen (um ein bis zwei Prozent) und Lautstärkenveränderungen (um 3 db) sowie Klangfarbenwahrnehmung betrifft. Oberhalb von 4000Hz reagieren Säuglinge sogar sensibler als Erwachsene.[8]

Aus diesen erstaunlichen Fähigkeiten eines Neugeborenen lässt sich schließen, dass die physiologische Grundlage für alle akustische Wahrnehmungsfähigkeiten (mit Ausnahme der Lautstärkeempfindung, die erst mit 2 Jahren der eines Erwachsenen vergleichbar ist[9] ) bereits von Geburt an vorhanden sind und nur noch durch Prägung bzw. (genetisch) vorherbestimmte Lernprozesse in bestimmte Bahnen (Hörschemata) gelenkt zu werden braucht.

Bereits im ersten Lebensjahr durchläuft das Kind eine gewisse Entwicklung in der Unterscheidungsfähigkeit von akustischen Reizen. Wenn die Babys zwischen der Stimme der Mutter, der Stimme einer anderen Frau und Musik wählen können, wählen die Säuglinge bis zu einem halben Jahr die vertraute Stimme der Mutter, während die älteren Babys neue auditive Stimuli ausprobieren wollen und die Stimme der Mutter und die der anderen Frau gleich gerne hören. Wenn sie Musik hörten, war festzustellen, dass sie stiller wurden, ihre Bewegungen stoppten und ihre Augen fixiert hielten, der Musik also anscheinend verhältnismäßig konzentriert zuhörten[10].

Ab dem 6. Lebensmonat erscheint es also sinnvoll, das Kind neuartigen (akustischen) Reizen auszusetzen, um ihm eine anregende abwechslungsreiche Umwelt zu bieten.

Bereits in einem Alter von einem halben Jahr können Säuglinge verschiedene Melodien unterscheiden, und zwar an dem melodischen Umriss und dem typischen Auf und Ab einer bestimmten Melodie[11].

Kinder haben im ersten Lebensjahr bereits ein ganz erstaunlich feines Tonhöhendifferenzierungsvermögen. Wenn ihnen Durtonleitern, Molltonleitern oder eine sog. javanische Pelog-Tonskala vorgespielt wird, können sie erkennen, welcher Ton der Skala um 5% bzw. 2,8% verstimmt ist, wobei sie das bei allen drei Skalen gleich gut können – im Gegensatz zu Erwachsenen, die (egal ob musikalisch Unerfahrene, Laien oder Profis) die Verstimmungen der für sie ungewohnten javanischen Pelog-Tonskala schlechter erkennen konnten[12].

Rhythmisch können schon Neugeborene zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Herzschlag- oder Klickgeräuschen unterscheiden.[13] Trehub meint hingegen, dass erst in einem Alter von 2 Monaten Einzelereignisse aus einem Klangstrom herausgehört werden können, sodass damit die Grundlage für eine Rhythmus-Verarbeitung gelegt ist[14].

Auch sind Säuglinge im ersten Lebensjahr bereits zu modalitätsübergreifender bzw. kreuzmodaler Wahrnehmung fähig, d.h. sie können verschiedene Bereiche (Modi) ihrer Wahrnehmung miteinander verknüpfen. So können schon Säuglinge erkennen, ob visuelle, akustische und haptische Reize sich entsprechen also zueinander passen, z.B.:

- Sie können erkennen, ob die Stimme zu einem Gesicht im Film synchron läuft[15].
- Nachdem Babys ein pulsierender oder ein ununterbrochener Ton vorgespielt wurde, schauten sie hinterher länger auf die unterbrochene oder die ununterbrochene Linie auf einem Bild, je nachdem, ob ihnen vorher der unterbrochene oder der ununterbrochene Ton vorgespielt wurde[16].
- Wenn die Mutter sanft spricht, passt das zu den sanften Bewegungen, mit der sie nach dem Kind greift und zu den sanften Empfindungen, die das Baby beim Hochgenommen werden spürt. Entsprechend nimmt das Baby wahr, dass der zornige Tonfall der mütterlichen Stimme zu ihren ruckartigen Bewegungen und den sensorischen Empfindungen des Kindes, wenn es aus der Wiege hochgerissen wird, passt[17].

[...]


[1], K.E., Kötter, E. & Meißner, R. „Begabung – Lernen – Entwicklung“ in: Dahlhaus, C. & Motte-Haber, H. de la (Hg.) „Neues Handbuch der Musikwissenschaft“ Bd.10: Systematische Musikwissenschaft, Wiesbaden, 1982, S.274.

[2] Vgl. Fassbender, 1993, S.269.

[3] Vgl. Papoušek, „Vom ersten Schrei zum ersten Wort. Anfänge der Sprachentwicklung in der vorsprachlichen Kommunikation“, Bern, 1994. Zitiert nach Gembris, 2002, S. 267.

[4] Vgl. Feijoo, J. “Le foetus Pierre et le Loup…ou une approche originale de l’audition prenatale humaine” in: HerbinetE. & Busnel, M.C. (Hrsg.) “L’aube des Sens”. Paris:Stock. Zitiert nach: Fassbender, 1993, S. 271f.

[5] Vgl. Zimmer, E.Z. et al. „Maternal exposure to music and fetal activity” in: European Journal of Obstetrics and Gynecology and Reproductive Biology, o.O., 1982. Zitiert nach Gembris, 2002, S. 268.

[6] Vgl. Caine, J. „The effects of music on the selected stress behaviours, weight, caloric and formula intake, and length of hospital stay of premature and low birth weight neonates in a newborn intensive care unit” in: Journal of Music Therapy vol. 28, no. 4, o.O., 1991. Zitiert nach Gembris, 2002, S. 268.

[7] Vgl. Dumke, d. „Entwickung von Wahrnehmung und Gedächtnis“ in: Wieczerkowski, W., Oeveste H. zur (Hg.): Lehrbuch der Entwicklungspsychologie Bd. 1, Düsseldorf, 1982. Zitiert nach Gembris, 2002, S. 269.

[8] Vgl. Fassbender, Chr. „Infants’ auditory sensitivity towords acoustic parameters of speech and music” in: Deliège, I. & Sloboda, J.A. (Eds.): Musical beginnings. Origins and development of musical competence. Oxford, 1996. Zitiert nach Gembris, 2002,

[9] Schneider, B. & Trehub, S.-E. „Auditory development in infancy”, New York, 1985, S.103ff. Zitiert nach Bruhn, H. & Oerter, R. 1993, S. 279.

[10] Vgl. Standley, J.M. & Madsen, C.K. „Comparison of infant preferences and responses to auditory stimuli“ in: Journal of Music Therap vol.27. no 2, o.O. 1990. Zitiert nach Gembris, 2002, S.271.

[11] Vgl. Gembris, 2002 S.271.

[12] Vgl. Lynch, M.P. et. al „Innateness, experience, and mucic perception” in: Psychological Science, o.O. 1990. Zitiert nach Gembris, 2002, S. 275.

[13] Vgl. Spiegler, D.M. „Factors involved in the development of prenatal rhythmic sensivity“, Westvirgina 1967. Zitiert nach Gembris, 2002, S.271.

[14] Trehub, S.-E. „Auditory development in infancy”, New York, 1985, S. 190. Zitiert nach Bruhn, H. & Oerter, R. 1993, S. 279.

[15] Vgl. Gembris, 2002, S. 269.

[16] Vgl. Wagner, S., Winner, E. Cicchetti, D., Gardner, H. „Metaphorical mapping in human infants” in: child development, vol. 56., o.O. 1981. Zitiert nach Gembris, 2002, S.269.

[17] Vgl. Dornes, M. „Der kompetente Säugling“, Frankfurt, 1993. Zitiert nach: Gembris, 2002, S.270.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638016742
ISBN (Buch)
9783640737697
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87249
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik Detmold – Institut für Begabungsforschung in der Musik Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
Wahrnehmungsfähigkeit Entwicklung Musikpsychologie Lebensentwicklung Lebensjahr Kinder Kind

Autor

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