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Die Textualitätskriterien von Beaugrande / Dressler als Textindikator?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die Textualitätskriterien von Beaugrande/Dressler
1.1 Kohäsion
1.2 Kohärenz
1.3 Intentionalität
1.4 Akzeptabilität
1.5 Informativität
1.6 Situationalität
1.7 Intertextualität

2 Kritik an den Textualitätskriterien
2.1 Kohäsion
2.2 Kohärenz
2.3 Intentionalität
2.4 Akzeptabilität
2.5 Informativität
2.6 Situationalität
2.7 Intertextualität

3 Alternative Textbegriffe
3.1 Texte als Prototypen
3.2 Der Textbegriff bei Krause
3.3 Der Textbegriff bei Brinker
3.4 Der Textbegriff bei Adamzik
3.5 Leitorientierungen bei Feilke

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Der Textbegriff gehört zweifelsohne zu den umstrittensten Kategorien in der Linguistik. Es wurden zahlreiche Versuche unternommen, sich ihm sowohl auf strukturalistisch-grammatikalische als auch auf situative und kommunikativ-funktionale Weise zu nähern. Doch die textlinguistische Forschung hat bislang zu keiner ernsthaften wissenschaftlichen Intersubjektivität geführt.

Für die meisten Linguisten stellen die sieben Textualitätskriterien von Beaugrande/Dressler (1981) den zentralsten Anlaufpunkt für die Bestimmung von Texten dar. Diese sieben Kriterien sind – inklusive Beachtung der Reihenfolge – Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität. Doch so häufig diese Kriterien im Laufe der Jahrzehnte auch zitiert wurden, so sehr wurden sie auch Gegenstand hitziger wissenschaftlicher Debatten. Ihre Funktion als Textindikator bleibt umstritten. Dieser Aspekt soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Ich stelle die These auf, dass die Textualitätskriterien von Beaugrande/Dressler keine befriedigenden Aufschlüsse hinsichtlich der Bestimmung von Texten geben. Um diese These zu verifizieren werde ich zunächst die sieben Kriterien näher beschreiben, um dann anschließend Kritikpunkte sowie alternative Lösungsvorschläge heranzuziehen und damit die Problematik einer Textdefinition anhand der Kriterien Beaugrande/Dresslers aufzuzeigen.

1 Die Textualitätskriterien von Beaugrande/Dressler

Die Linguisten Beaugrande/Dressler definieren „Text“ als eine

KOMMUNIKATIVE OKKURENZ (engl. „occurence“), die sieben Kriterien der TEXTUALITÄT erfüllt. Wenn irgendeines dieser Kriterien als nicht erfüllt betrachtet wird, so gilt der Text nicht als kommunikativ. Daher werden nicht-kommunikative Texte als Nicht-Texte behandelt […]. (Beaugrande/Dressler 1981, S. 3)

Die sieben Textualitätskriterien fungieren laut Beaugrande/Dressler als konstitutive Prinzipien[1], d.h. sie bestimmen und erzeugen die Eigenschaften der Textkommunikation und regeln somit die Abgrenzung von Text und Nicht-Text (Beaugrande/Dressler 1981, S. 14).

1.1 Kohäsion

Das erste Textkriterium bezeichnen Beaugrande/Dressler als Kohäsion. Es betrifft die Verbindung des Oberflächentextes, d.h. die Art und Weise, wie die von uns wahrgenommenen Worte miteinander verknüpft und voneinander abhängig sind. Diese Abhängigkeit basiert auf grammatischen Formen und Konventionen und ist hauptverantwortlich für die Erschließung von Bedeutung und Sprachgebrauch (Beaugrande/Dressler 1981, S. 3 f.). Beaugrande/Dressler erklären die Funktion gramma-tikalischer Verbindungen an folgendem Beispiel:

LANGSAM

SPIELENDE KINDER

Die Oberflächenfolge dieses Beispiels könnte nicht einfach beliebig geändert werden, ohne den Rezipienten zu irritieren. Angenommen diese Worte würden auf einem Verkehrszeichen Platz finden und in der Abfolge geändert werden (z.B. in „Kinder spielende langsam“), so könnten Autofahrer nur beschwerlich einen Zusammenhang zwischen den Zeichen erkennen (Beaugrande/Dressler 1981, S. 4).

Die Kohäsion ist somit maßgeblich zur Erschließung der Textbedeutung verantwortlich, obgleich sie nicht dazu in der Lage ist, Mehrdeutigkeiten in Texten auszuschließen. So könnte das Beispiel „Langsam spielende Kinder“ (bei Nichtbeachtung des Kontextes) sowohl als eine Aufforderung gedeutet werden, aufgrund spielender Kinder langsamer zu fahren, als auch als Aussage über träge Kinder (Beaugrande/Dressler S. 4 f.).

Wie wir sehen, entscheidet die Oberfläche von sich selbst nicht über den Sinn des Texts, dazu ist noch INTERAKTION zwischen Kohäsion und den anderen Kriterien von Textualität notwendig, damit die Kommunikation wirksam (effizient) wird […]. (Beaugrande/Dressler 1981, S. 5)

1.2 Kohärenz

Im Gegensatz zur Kohäsion bezieht sich die Kohärenz nicht auf die Oberflächenstruktur eines Textes, sondern auf seine Tiefenstruktur (Linke/Nussbaumer/Portmann 2001, S. 226). Beaugrande/Dressler definieren den Begriff wie folgt:

Kohärenz betrifft die Funktionen, durch die die Komponenten der TEXTWELT, d.h. die Konstellation von KONZEPTEN (Begriffen) und RELATIONEN (Beziehungen), welche dem Oberflächentext zugrundeliegen, für einander gegenseitig zugänglich und relevant sind. Ein KONZEPT ist bestimmbar als eine Konstellation von Wissen (kognitivem Inhalt), welches mit mehr oder weniger Einheitlichkeit und Konsistenz aktiviert oder ins Bewusstsein zurückgerufen werden kann […]. RELATIONEN sind die BINDEGLIEDER (engl. „links“) zwischen Konzepten, die in der Textwelt zusammen auftreten; jedes Bindeglied soll eine Bezeichnung des Konzepts tragen mit dem es eine Verbindung herstellt: z.B. ist in ‚spielende Kinder’ das Wort ‚Kinder’ ein Objekts konzept, ‚spielen’ ein Handlungs konzept (engl. „action concept“). Dazu kommt die Relation „Agens-von“, da die Kinder die Handlungsträger sind […]. (Beaugrande/Dressler 1981, S. 5)

Von besonderer Bedeutung für die Kohärenz eines Textes sind die Relationen der Kausalität und Zeit. Aus dem Beispiel „Hans fiel hin und brach sein Kinn“ wird ersichtlich, dass das Ereignis „Hinfallen“ die Ursache und das Ereignis „Brechen“ die Wirkung des Hinfallens ist (Beaugrande/Dressler 1981, S. 6). Ebenso impliziert der Satz, dass das Ereignis „Hinfallen“ zeitlich vor dem Ereignis „Brechen“ stattfindet.

Relationen zwischen Konzepten treten in einem Text nicht immer explizit in Erscheinung. Aus der Oberflächenstruktur des Beispiels „Langsam spielende Kinder“ geht nicht hervor, ob sich „langsam“ auf die fahrenden Autos oder auf eine Eigenschaft der Kinder bezieht. Allerdings ist der Sprachbenutzer aufgrund des Kontextes (die Worte befinden sich auf einem Verkehrsschild am Straßenrand) dazu in der Lage, der erstgenannten Erklärungsmöglichkeit einen größeren Sinn beizumessen als der letztgenannten und somit das Wort „langsam“ auf die fahrenden Autos zu beziehen (Beaugrande/Dressler 1981, S. 5).

Somit zeigt sich, dass ein Text nicht alleine durch seine Oberflächenstruktur einen Sinn[2] erzeugen kann, „sondern eher durch die Interaktion von TEXTWISSEN und GESPEICHERTEM WELTWISSEN der jeweiligen Sprachverwender […]“ (Beaugrande/Dressler 1981, S. 8). Ein kohärenter Text muss eine Sinnkontinuität aufweisen, d.h. die Konstellation der textinternen Konzepte und Relationen (auch als Textwelt bezeichnet) muss mit dem Weltwissen des Empfängers übereinstimmen (Beaugrande/Dressler 1981, S. 88).

1.3 Intentionalität

Während Kohäsion und Kohärenz als text-zentrierte Begriffe gelten, so zählt die Intentionalität zu den verwender-zentrierten Begriffen. Um von einem Text sprechen zu können, muss auf der Seite des Produzenten der Wille vorliegen, Kohäsion und Kohärenz zu erzeugen, um damit „Wissen zu verbreiten oder ein in einem PLAN angegebenes ZIEL zu erreichen.“ (Beaugrande/Dressler 1981, S. 8 f.) Kohäsion und Kohärenz können auch selbst als operationales Ziel fungieren, durch welches weitere Diskursziele erreicht werden.

Im Alltag ist es häufig schwierig Kohärenz und insbesondere Kohäsion kontinuierlich aufrechtzuerhalten. Deshalb tolerieren die Kommunikanten für gewöhnlich Texte, die nicht vollständig kohäsiv bzw. kohärent sind, solange sie die wesentlichen Ziele erreichen. Zur Veranschaulichung dient das folgende Beispiel:

„Nun wo wohn – in welchem Stadtteil wohnst du?“ (Beaugrande/Dressler 1981, S. 9)

Obwohl die Äußerung nicht durchgängig kohäsiv ist, so ist sie nichtsdestotrotz brauchbar, um die Adresse des Gesprächspartners zu erlangen und hat somit ihr wesentliches Ziel erreicht. Allerdings kann die Kommunikation in aller Regel nicht aufrechterhalten werden, wenn es zu einer bewussten Missachtung von Kohäsion und Kohärenz seitens des Textproduzenten kommt (Beaugrande/Dressler 1981, S. 9)

1.4 Akzeptabilität

Im Gegensatz zur Intentionalität betrifft die Akzeptabilität nicht die Einstellung des Produzenten zu seinem Text, sondern die des Rezipienten. Dieser muss, um einen Text als solchen zu akzeptieren, einen kohäsiven und kohärenten Text erwarten, der für ihn von praktischer Bedeutung ist, beispielsweise für den Wissenserwerb oder um gemeinsam mit dem Produzenten einen Plan auszuarbeiten (Beaugrande/Dressler 1981, S. 9).

Diese Einstellung spricht auf Faktoren an wie Textsorte, sozialen oder kulturellen Kontext und Wünschbarkeit von Zielen. Hier könnten wir die Aufrechterhaltung von Kohäsion und Kohärenz auch als Ziel des Textrezipienten betrachten, insofern er selbst Material beisteuert oder Störungen, wenn erforderlich, überwindet. (Beaugrande/Dressler 1981, S. 9)

Die Kohärenz eines Textes ist also nicht nur von der Intentionalität des Produzenten abhängig, sondern auch von der Akzeptabilität des Rezipienten. Dieser kann die Kohärenz mit seiner Einstellung gegenüber dem Text ebenso unterstützen wie behindern (Beaugrande/Dressler 1981, S. 9). Wie wichtig diese Einstellung ist, zeigt auch die Tatsache, dass Produzenten mitunter bewusst Texte mit Leerstellen anbieten, die eine Inferenzziehung des Rezipienten verlangen. Das folgende Beispiel ist ein an Kunden gerichteter Text der Bell Telephone Company:

„Rufen sie uns an, bevor sie graben. Später kommen sie vielleicht nicht mehr dazu.“ (Beaugrande/Dressler 1981, S. 10)

Für Beaugrande/Dressler erzielt der Text gerade dadurch seine Wirkung, dass er Inferenzen vom Leser verlangt:

Den Lesern bleibt die Inferenz überlassen, das Aufgraben ohne Anfrage könnte durch Durchtrennen eines Untergrundkabels die Leitung zerstören, die für einen Anruf notwendig wäre; oder der unvorsichtige Kunde könnte sogar einen Stromschlag erleiden und dann zu einem Anruf unfähig sein. Der Text […] ist interessanterweise e f f e k t i v e r als eine e x p l i z i t e r ausgeführte Version […]. Offensichtlich lassen sich Textrezipienten durch Inhalt, den sie selbst beisteuern, leichter überzeugen, fast als ob sie die Behauptung selbst aufstellen würden […]. (Beaugrande/Dressler 1981, S. 10)

1.5 Informativität

Das Kriterium der Informativität bezieht sich auf den Grad der (Un-)bekanntheit und (Un-)erwartetheit der Textelemente. Je stärker wir von einem Text überrascht werden und je mehr neue Erkenntnisse er uns liefert desto höher ist sein Informationsgehalt für uns (Beaugrande/Dressler 1981, S. 19 f.). Informativität ist somit keine konstante Größe, die ausschließlich vom Text bestimmt wird, sondern ebenso ein vom Wissen des Rezipienten abhängiges Kriterium.

[...]


[1] Der Begriff stammt von Searle und fungiert als Regel, die die Kommunikation bestimmt und erzeugt. Regulative Prinzipien hingegen kontrollieren die Kommunikation, d.h. sie bestimmen, was zu tun ist, um die durch konstitutive Prinzipien definierte Kommunikation zu gewährleisten. (Searle 1983, S. 54 f.)

[2] Beaugrande/Dressler grenzen Sinn und Bedeutung wie folgt voneinander ab: „Wenn wir mit BEDEUTUNG (engl. ‚meaning’) die Fähigkeit oder das Potential eines sprachlichen Ausdrucks (oder eines anderen Zeichens) bezeichnen, Wissen (d.h. mögliche = virtuelle Bedeutung) darzustellen oder zu übermitteln, dann können wir mit SINN (engl. ‚sense’, oft ‚ aktuelle Bedeutung’ genannt) das Wissen bezeichnen, das tatsächlich durch die Ausdrücke innerhalb eines Textes übermittelt wird.“ (Beaugrande/Dressler 1981, S. 88)

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638012157
ISBN (Buch)
9783638916202
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87238
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie Greifswald
Note
2,0
Schlagworte
Textualitätskriterien Beaugrande Dressler Textindikator Textproduktion kohäsion koheränz intentionalität akzeptabilität informativität situationalität intertextualität textbegriff

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