Lade Inhalt...

Qualitative Sozialforschung - Die Religionssoziologie unter Einbeziehung qualitativer Methoden

Hausarbeit 2007 36 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgewählte soziologische Klassiker und ihre Beitrage zur Religionskritik
Des 20. Jahrhundert
2.1 Max Webers Religionssoziologie
2.2 Emile Durkheim und die „heilige Gesellschaft“
2.2.1 Durkheims Wirkung auf die Moderne
2.3 Simmels Beitrag zur Religionssoziologie
2.4 Luckmanns „Unsichtbare Religion“
2.5 Bedeutung der Theorien für die Religionssoziologie

3. Der Religionsbegriff
3.1 Soziologische Definition von Religion
3.1.1 Funktionale Definition von Religion
3.1.2 Substanzieller Religionsbegriff
3.2 Die Alltagsreligiosität Jugendlicher

4. „Qualitative Klassiker“ der zweiten Generation
4.1 Clifford Geertz
4.2 Roland Girtler
4.3 „Marienthal-Studie“
4.4 „The Polish Peasant in Europe and America“

5. Qualitative Forschung
5.1 Gütekriterien qualitativer Forschung
5.1.1 Verfahrendokumentation
5.1.2 Argumentative Interpretationsabsicherung
5.1.3 Regelgeleitetheit
5.1.4 Nähe zum Gegenstand
5.1.5 Kommunikative Validierung
5.1.6 Triangulation
5.2 Die drei Ansätze der qualitativen Forschung
5.3 Die drei Ansätze der qualitativen Methodologie

6. Triangulation
6.1 Einleitung
6.2 Triangulationsmodelle
6.2.1 Datentriangulation
6.2.2 Forschertriangulation
6.2.3 Theorientriangulation
6.2.4 Methodentriangulation

7. Triangulation am Beispiel der Studie zum XX Weltjugendtag
7.1 Einführung in die Studie
7.2 Vorbereitung der Studie
7.3 Durchführung der Studie
7.4 Triangulative Ansätze der Studie
7.5 Pro und Contra der Triangulation

8. Themen und Perspektiven heutiger Religionssoziologie und Qualitativer Forschungsmethoden

9. Anstelle eines Fazit: Harry Potter und die Religionssoziologie

10. Literatur

1. Einleitung

Während ich an dieser Arbeit sitze, stolpere ich bei der Recherche zu diesem Thema zufällig über das„fliegende Spaghettimonster“ eine im Juni 2005 in Amerika gegründete Kirche. Mittlerweile zieht sie ihre Bahnen über die ganze Welt und erfreut sich immer mehr Sympathisanten und Anhängern. Aber wird sie deswegen gleich zur Religion? Während Ostdeutschland bereits einer religiösen Diaspora gleicht, treten auch im Westen immer mehr Menschen aus der Kirche. Steckt die christliche Kirche nach über 2000 Jahren Geschichte in einer ernsthaften Krise? Am 2. September brachte das „heute-Journal“ einen längern Bericht über einen weiteren geplanten Moscheebau in Frankfurt. Zwar leben in Frankfurt über 200.000 Moslems, aber Gotteshäuser zu errichten wird ihnen verwehrt. Die Bürgerinitiative gegen den Bau spricht im Zusammenhang mit dem über die anderen Häuser ragende Minarett von einer „Demonstration ihrer Macht“, sowie von einem „politischen Zentrum“ was somit „unweigerlich entstehen“ würde, genehmigte man den Bau der Moschee. Was also beinhaltet Religion?

Daneben wenden sich immer mehr Menschen alternativen Glaubenrichtungen zu, probieren homöopathische Heilmethoden aus, besuchen Esoterik-Messen, gehen zu Selbstverwirklichungs-Workshops und interessieren sich – im Zuge der Globalisierung – auch für andere Glaubensrichtungen wie Buddhismus, Hinduismus, Islam u.a. Nicht zu vergessen die „Neuen Religionen“ wie Scientology oder die „Neuoffenbarungen“ wie die Gralsbewegungen oder „Fiat Lux“. Die Fragen die da aufkommen müssen, interessieren aber nicht nur Theologen, Journalisten und Sektenbeauftragte, sondern auch die Wissenschaft.

Die Religionssoziologie und ihre „Gründungsväter“ sollen hier vorgestellt werden. Ebenso soll versucht werden, den Begriff „Religion“ etwas näher zu erläutern und die Alltagsreligiosität der Jugendlichen darzulegen. Um sich der Religionssoziologie auch methodologisch zu nähern und um aufzuzeigen, warum es eben nicht genügt, dass sich Kirchenväter, Politiker und Journalisten mit diesem Thema auseinandersetzen, wird nach einer kurzen Einführung in die qualitativen Methoden, mit einer genaueren Betrachtung der Triangulation, am Beispiel der Weltjugendtags-Studie gezeigt, wie wichtig Religionssoziologie und qualitative Methoden für das Aufzeigen des gesellschaftlichen Wandels sind. So denn soll es einen kurzen Ausblick auf die Perspektiven dieser Wissenschaft mit ihren Methoden geben. Aus gegebenem Anlass habe ich auf ein Fazit im eigentlichen Sinne verzichtet und einen kleinen Denkanstoß an die Religionssoziologie gegeben.

2. Ausgewählte soziologische Klassiker und ihre Beiträge zur Religionskritik des 20. Jahrhunderts

Die Religion stellt ein zentrales Phänomen der Gesellschaft dar. Dieser Aussage hätte bis vor hundert Jahren vermutlich jeder gebildete Mensch ohne weiteres zugestimmt. Für die Klassiker der Soziologie, wie Durkheim, Simmel oder Weber, war es zu der Zeit jedenfalls eine Selbstverständlichkeit, sich bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Fragen auch mit der Religion zu beschäftigen. Ihre Überlegungen zu Ursprung, Wirkung und Schicksal von Religion begründeten schließlich die Religionssoziologie als eigenständigen Arbeitsbereich der soziologischen Forschung. Da sich die Gesellschaft im Laufe der Zeit immer wieder in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat, gibt es auch innerhalb der Religionssoziologie die verschiedensten Strömungen. Bevor auf die Methoden der soziologischen Religionsforschung eingegangen werden soll, wird im Folgenden die Vielfalt der Religion mit dem Rückgriff auf oben genannte Klassiker der Soziologie zu beschreiben versucht. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Klassiker auch heute noch aktuell sind und eine eingehende Auseinandersetzung mit ihrem Denken für die gegenwärtigen religionssoziologischen Theorien unverzichtbar ist.

2.1. Max Webers Religionssoziologie

Max Weber hat mit seinen gesammelten Aufsätzen einen erheblichen Beitrag zur Religionssoziologie geleistet. Deshalb sollen seine zentralen Thesen hier kurz vorgestellt werden:

Weber greift in seinen Schriften über „die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus“ die Fragestellungen von Nietzsche[1] und Marx[2] über das Wesen der Religion auf. Glauben einige „Extrem-Marxisten“, dass Religion oder das Denken überhaupt von den Gesetzen des materiellen Seins bestimmt werden (Marx selbst war da mit seiner Argumentation sehr viel vorsichtiger), so fragt Weber sich, welchen Einfluss religiöse Vorstellungen für das wirtschaftliche Handeln und die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft haben. Er untersucht das Phänomen, warum der Kapitalismus in protestantischen Ländern effizienter war und besser funktionierte, als in katholischen Ländern und kommt zu dem Schluss, dass seit dem Anfang der Neuzeit im protestantischen Abendland eine völlig neue Arbeitsmoral entstand ist. Diese basiert darauf, den erarbeiteten Reichtum nicht zu vergeuden und zu verschleudern, sondern zu investieren, um dadurch noch mehr Reichtum anzusammeln. Im Zuge dieser Analysen fand Weber ein oberstes Ordnungsprinzip, welches diesen neuen Strukturen zugrunde lag und er als „Geist des Kapitalismus“ bezeichnete. Dieser neue kapitalistische Geist hatte nicht den Zweck ihn prahlerisch zur Schau zu stellen, sondern der Erwerb von Geld wird zum Selbstzweck und die Erschließung neuer Kapitalquellen durch Investition als Berufspflicht angesehen. (Küenzlen 1980: 26ff)

Am prägnantesten fand Weber das, was er protestantische Ethik nannte, im Calvinismus. Da Gott die Bestimmung eines jeden Einzelnen bereits von Geburt an festgelegt hat, nützen auch keine guten Taten. Keine Beichte oder Buße können dem Menschen gemäß dieser Vorstellung helfen, in den Himmel zu kommen, wenn Gott ihn für die Hölle bestimmt hat. Die Folge ist eine innere Vereinsamung des Einzelwesens, das – ohne moralische Unterstützung eines kirchlich-sakramentalen Heils – allein einem schon ewig feststehenden Schicksal entgegen gehen muss.[3] (Weber 1995)

Als die protestantische Ethik sich von ihren religiösen Wurzeln lossagte und immer mehr Kulturbereiche sich von ihren religiös-ideellen oder religiös-institutionellen Bindungen befreite, wandelte sich der reine Puritanismus in Kapitalismus, der die Religion nicht mehr als Legitimation des Gelderwebs benötigte. (Mörth 1986: 44) Der „Geist des Kapitalismus“ war geboren. Knoblauch drückt dies mit den Worten Max Webers folgendermaßen aus:

„Die natürlichen Vorgänge, die zwischenmenschlichen Probleme oder die existenziellen Fragen werden nun nicht mehr vor dem Hintergrund einer unenthüllbaren Hinterwelt betrachtet, sondern als prinzipiell von Menschen verstehbar, erklärbar, lösbar. Die Götter, Geister und Dämonen sind aus der Welt verschwunden, die nunmehr aus einem Diesseits besteht.“ (Knoblauch 1989: 57)

Auch wenn Weber den Säkularisierungsbegriff nicht verwendet, ist er doch als Säkularisierungstheoretiker zu bezeichnen, da er zwischen Religion und dem rationalen Handeln in der modernen Welt eine unüberbrückbare Kluft annimmt. (Polack und Pickel 2003: 447f) Die „Entzauberung“ der Welt und der „Polytheismus der Werte“ sind für Weber eine realistische und völlig desillusionierte Sicht auf die Widersprüchlichkeit der industrialisierten Gesellschaft. (Knoblauch 1999: 57) Völlig unabhängig davon sind Webers Ansätze der Analyse wechselseitiger Abhängigkeit von Weltanschauungen und religiösen Formen, Sozialstrukturen, Charakterisierung von Religiosität und deren Vergemeinschaftungsformen, auch heute noch von anhaltender Aktualität. Max Weber schrieb nicht ein großes Werk, sondern zahlreiche, auch sehr umfangreiche Aufsätze, die für die Religionswissenschaft dahingehend bedeutend sind, dass Weber als weithin bekanntester Vertreter des aufgestellten Leitsatzes von den Wechselwirkungen zwischen Kultur und Religion gilt. Er brach dabei mit der damals vorherrschenden Meinung, dass die religiöse Offenlegung als Rückstrahlung von sozialen und ökonomischen Gefügen entstanden ist. Außerdem hat Max Weber auf die nicht beabsichtigten Auswirkungen von religiösen Ideen, die in höchster Weise auf bloßen Mutmaßungen basieren, aufmerksam gemacht. Somit hat er den Blick auf den Zusammenhang von Lebensführung und Religion gerichtet, nämlich auf die von der Religion bewirkten geistigen Voraussetzungen sozialen Handelns. (Kehrer 1997: 122ff)

2. 2. Emile Durkheim und die ‚heilige Gesellschaft’

Durkheims Werk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, das zugleich zu einem seiner Hauptwerke zählt, hat ähnlich wie Webers Schriften zur Religionssoziologie breiten Anklang gefunden. Durkheim betrachtet, anders als Weber, das Phänomen der Religion aus einem anthropologisch-ethnographischen Blickwinkel, wobei er sich vorwiegend auf nichteuropäische Kulturen konzentriert. (Knoblauch 1999: 59) Durkheims Intention war es, die elementaren Bausteine dessen zu finden, was Religion ausmacht. Er geht dabei von dem Ansatz aus, dass man die Grundlagen einer Gesellschaft dort am leichtesten ausmachen kann, wo Gesellschaften noch nicht so weit entwickelt sind, sprich sich in einem primitiven Stadium befinden. Dieser Annahme liegt zu Grunde, dass diese Elemente der Gesellschaft – im Speziellen jene der Religion – auch in allen ‚weiter entwickelten’ Formen späterer Stadien der Gesellschaft zu finden sind.

Durkheim geht davon aus, dass es an der Basis aller Glaubenssysteme und aller Kulte eine bestimmte Anzahl von Grundvorstellungen und rituellen Handlungen geben muss. Diese weisen trotz der Vielfalt der Formen, welche die einen und die andern annehmen können, überall die gleiche objektive Bedeutung auf und erfüllen überall die gleiche Funktion. Diese beständigen Elemente bilden das, was in der Religion ewig und menschlich ist. (Durkheim 1981: 22)

Durch Untersuchungen, zuerst an Schriften über amerikanische Indianer-kulturen, später an solchen über australische Ureinwohner, hoffte Durkheim auf die Fragen „Was ist Religion?“, „Aus welchen Elementen ist sie aufgebaut?“, „Aus welchen Ursachen geht sie hervor?“ und „Welche Funktion erfüllt sie?“ Antworten zu finden.

König stellte in seinem Aufsatz über die Religionssoziologie Durkheims fest, dass „ das religiöse Phänomen- wie alle anderen- einzig an bestimmten Arten des sozialen Handelns erfasst werden könne“. (König 1971, 36) Wie jedes Handeln, so hat auch das religiöse Handeln Regelungscharakter (Matthes 1969), nur dass sich die Religion auf besondere Gegenstände bezieht, die Durkheim als die „heiligen Dinge“ bezeichnet. Durkheim sah im Totemismus die elementare Form der Religion und hier offenbart sich gleichzeitig auch deren wichtigste Funktion, die des Zusammenhalts. Die archaischen Gesellschaften, die er untersuchte, verfügen über ein Totem als Gruppenemblem, welches Zusammengehörigkeit symbolisiert, aber auch mit strengen Verboten, mit Tabus, verbunden ist.[4] In diesen Klan-Gemeinschaften wird deutlich, dass es noch etwas Höheres als den Menschen gibt, das ihm jedoch entzogen ist, nämlich die Religion. So kommt Durkheim zur Gegenüberstellung des Profanen und des Sakralen,[5] da sich religiöse Überzeugungen und Riten, die eine Art Verhaltensregel gegenüber dem Heiligen beinhalten, vom weltlichen Bereich des Profanen unterscheiden. Der Glaube an spirituelle Wesen spielt für Durkheim also keine Rolle, sondern vielmehr die Gegenüberstellung sakral – profan.

Das Eigentümliche und Spezifische an der Religion ist nun, dass religiöse Überzeugungen immer einer bestimmten Gemeinschaft gemeinsam sind. Magische Überzeugungen andererseits haben nicht die Wirkung, „die Menschen, die ihnen anhängen, untereinander zu verbinden und sie in einer gemeinsamen Gruppe, die das gleiche Leben lebt, zu vereinen.“ (Durkheim 1981: 62) Aus der Gegenüberstellung sakral – profan und der Kombination mit dem Element der Gemeinschaft ergibt sich laut Durkheim folgende Definition:

Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören. (Durkheim 1981: 75)

Der Kern des Religiösen ist also ein System aus Glaubenssätzen und Praktiken, die sich auf sakrale Gegenstände beziehen und in einer Gemeinschaft vereint sind. Hier liegt der wesentliche Unterschied zu Weber, bei dem die Wirklichkeit des Sakralen die Hinterwelt ist, an der sich religiös Handelnde sinnhaft orientieren. Für Durkheim zeichnet sich die Religion durch Verpflichtungen, Regeln und Normen aus, die vom Kollektiv ausgehen und das Individuum an das Kollektiv binden. Jedoch sind es nicht die Götter, die Achtung gebieten, sondern es ist die Gesellschaft selbst.

„Wenn die Eindrücke der Gläubigen nicht erdichtet sind, so bilden sie doch keine privilegierte Eingebung. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sie uns besser über ihr Objekt belehren als die gewöhnlichen Empfindungen über die Natur der Körper und ihrer Eigenschaften. Um zu entdecken, woraus diese Objekte bestehen, muss man sie also einem Verfahren unterwerfen, das dem ähnlich ist, das an die Stelle einer nur sinnhaften Vorstellung von der Welt eine wissenschaftliche, begriffliche Vorstellung gesetzt hat. Genau das haben wir versucht zu tun, und wir haben gesehen, dass diese Wirklichkeit, die sich die Mythologien unter so vielen verschiedenen Formen vorgestellt haben, die aber die objektive, universale und ewige Ursache dieser Empfindungen sui generis ist, aus denen die religiöse Erfahrung besteht, die Gesellschaft ist.“ (Durkheim 1981: 559f)

2.2.1 Durkheims Wirkung auf die Moderne

„Welchen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen einer Versammlung von Christen, die die wesentlichen Stationen aus Christi Leben feiern, oder von Juden, die den Auszug aus Ägypten oder die Verkündigung der Zehn Gebote zelebrieren, und einer Vereinigung von Bürgern, die sich der Errichtung einer neuen Moralcharta oder eines großen Ereignisses des nationalen Lebens erinnert?“ (Durkheim 1981: 571)

Durkheims religionssoziologische Beobachtungen sind heute noch immer relevant, da er schon einen wichtigen Trend vorweg nahm, den dann später Hubert Knoblauch mit den Worten „Die Verflüchtigung der Religion ins Religiöse“ beschreibt. Durkheim geht davon aus, dass in hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften das Kollektivbewusstsein infolge der heterogenen Struktur der Gesellschaft abnimmt.[6]

Durkheim geht nun der Frage nach, ob der Verlust des Kollektivbewusstseins – also der Rückgang gemeinsamer Vorstellungen, gemeinsamer Werte, gemeinsamer Rituale – auch eine Abnahme an Religiosität bedeutet?

Er fand heraus, dass eine Gesellschaft demnach bestehen bleibt, wenn die elementaren Funktionen der Religion erfüllt werden. Die Form der Religion kann also gewechselt werden, jedoch müssen die Grundelemente des Religiösen in jeder Gesellschaft erhalten bleiben. Diese Grundelemente sind also Integration des Einzelnen in das Kollektiv sowie Bereitstellung von Normen und Werten, die den Individuen eine gemeinsame moralische Basis geben. Laut Durkheim können also auch politische Lehren und Zeremonien die Funktionen der Religion erfüllen, wenn diese ihren speziell religiösen Charakter verlieren. (Knoblauch 1999: 70)

Außerdem ist noch darauf hinzuweisen, dass Durkheim wegen einer weiteren Beobachtung immer noch sehr aktuell ist: Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch einen extremen Individualismus aus. „Durch den ‚Kult des Individuums’, der Betonung der Autonomie der Vernunft und der Gedankenfreiheit werde das Individuum gleichsam zum Gegenstand religiöser Verehrung“. (Knoblauch 1999: 71) Dieser Grundgedanke findet sich schon in der rationalen Aufklärung bei Fichte, nachdem der subjektive „Gott in mir“ dem Menschen die absolute Freiheit und sein „Sichselbermachen“ gewährt. (Grabner-Haider 1993: 163) In der Moderne wird dieser Trend radikal fortgesetzt. Gott wird von seinem Thron gestoßen, wo nun der Mensch Platz genommen hat.

2.3. Simmels Beitrag zur Religionssoziologie

„ Wenn der Herr mich im Jenseits fragt: Meir, warum bist du nicht Moses geworden?- So werd ich sagen: Herr, weil ich nur Meir bin. Und wenn er mich weiter fragen wird: Meir, warum bist du nicht Ben Akiba geworden?- so werde ich gleichfalls sagen: Herr, weil ich eben Meir bin. Wenn er aber fragt. Meir, warum bist du nicht Meir geworden?- was werde ich da antworten? (Simmel 1912: 79)

[...]


[1] Nietzsche ist der Überzeugung, dass sich die Menschen eine imitierte Ideenwelt schaffen, um ihre urniedrigsten Triebe zu verbergen und gleichzeitig in ihr Gegenteil zu verkehren. Weil der Mensch schlecht ist, schafft er die Idee des Guten, weil er lügt die Wahrheit usw. Gerade das Christentum ist nach Nietzsche voll von Widersprüchen. Es predigt eine Religion der Nächstenliebe, um weltliche Machtinteressen zu überdecken. (Knoblauch, 1999, 30)

[2] Laut Marx gibt es in der Gesellschaft einen Überbau und einen Unterbau. Aus rechtlichen, politischen und intellektuellen Komponenten zusammengesetzt gehört die Religion zum Überbau. Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse konstituieren den Unterbau der Gesellschaft. Marx ist der Ansicht, dass über einen längeren Zeitraum betrachtet der ökonomische Unterbau die Beschaffenheit des Überbaus bestimmt, obwohl er auch dialektische Rückwirkungen vom Überbau auf den Unterbau zugesteht. So versorgt der Überbau den ökonomischen Unterbau mit der institutionellen Ordnung und mit Legitimation. Hier spielt die Religion eine wesentliche Rolle. (Münch 2002: 117)

[3] Die Vereinsamung des Individuums, von der Weber spricht, kann generell als eine Folge des Protestantismus gesehen werden. Leitet Weber daraus eine besondere asketische Moral ab, so beschreibt Durkheim in seinem Werk “Le Suicide“ den Verfall der sozialen Dichte und das ungeregelte, anomische Verhalten, welches durch die Eigenarten des Protestantismus verursacht werden.

[4] 34 z.B. dürfen Pflanzen oder Tiere von der Gattung des Totems nicht verspeist werden, innerhalb der Totemgruppe darf nicht geheiratet werden – es herrscht also Inzesttabu und Exogamie. (Durkheim 1981: 410ff)

[5] ‚heilig’ oder ‚sakral’ bedeutet soviel wie ausgegrenzt oder unzugänglich. Menschen versuchen mit diesem ihnen vorerst unzugänglichen Bereich zu kommunizieren (Grabner-Haider 1993: 18)

[6] Durkheim beschreibt diese Veränderungen im Kollektivbewusstsein mit einem Wandel von mechanischer zu organischer Solidarität. Bestehen archaische Gesellschaften noch aus gleichartigen Elementen (Klanen Phratrien, Stämmen), so sind moderne Gesellschaften aus verschiedenen, einander funktional ergänzenden Elementen aufgebaut.

Details

Seiten
36
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638010603
ISBN (Buch)
9783640468089
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87109
Institution / Hochschule
University of Sheffield
Note
2,0
Schlagworte
Qualitative Sozialforschung Religionssoziologie Einbeziehung Methoden

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Qualitative Sozialforschung - Die Religionssoziologie unter Einbeziehung qualitativer Methoden