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Psychosoziale Beratung. Neue Konzepte und Entwicklungen

Diplomarbeit 2006 111 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Einleitung
2.1 Zu klärende Begriffe
2.1.1 Beratung allgemein
2.1.2 Psychologische Beratung
2.1.3 Soziale Beratung
2.1.4 Sozialpädagogische Beratung
2.1.5 Psychosoziale Beratung

3 Frühere Methoden, Ansätze und Modelle psychosozialer Beratung
3.1 Frühere Konzepte psychosoziale Beratung
3.1.1 Psychoanalyse (tiefenpsychologischer Ansatz)
3.1.2 Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (humanistischer Ansatz)
3.1.3 Verhaltenstherapie (behavioristischer Ansatz)
3.1.4 Allgemeine und Spezielle Beratungspsychologie nach Dietrich
3.2 Zusammenfassung
3.2.1 Einflüsse
3.2.2 Störungsverständnis, Interventionen und Ziele
3.2.3 Kernbegriffe/aussagen Kapitel 2

4 Neue Theorien, Ansätzen und Konzepte psychosozialer Beratung
4.1 Belastungs Bewältigungs Paradigmen
4.1.1 Transaktionales Stress Modell nach Lazarus
4.1.2 Gesundheit und Salutogenes Modell
4.1.3 Sozialökologischer Ansatz
4.2 Selbstwirksamkeit
4.2.1 Soziale Lerntheorie nach J. Rotter
4.2.2 Die kognitive Lerntheorie nach A. Bandura
4.2.3 Gemeindepsychologische Beratung – Community Counseling
4.3 Der Systemtheoretische Ansatz
4.3.1 Theorie
4.3.2 Das System
4.3.3 Grundlegende Aspekte des systemischen Ansatzes
4.3.4 Systemische Beratung
4.3.5 Störungsverständnis, Interventionen und Ziel
4.3.6 Systemischer Ansatz, psychosoziale Beratung und Soziale Arbeit
4.4 Lebensweltorientierung
4.4.1 Begriffsklärung
4.4.2 Das Konzept der Lebensweltorientierung
4.4.3 Störungsverständnis, Interventionen und Ziel
4.4.4 Bezüge
4.4.5 Lebensweltorientierung, psychosoziale Beratung und Soziale Arbeit
4.4.6 Lebensweltorientierte Ressourcenarbeit
4.5 Zusammenfassung
4.5.1 Umweltbezug
4.5.2 Bezüge
4.5.3 Vier repräsentative Ansätze
4.5.4 Kernbegriffe /aussagen Kapitel 3

5 Konzeptionelle Veränderungen psychosozialer Beratung
5.1 Veränderungen und Entwicklungen in der psychosozialen Beratung
5.1.1 Der veränderte Blickwinkel
5.1.2 Konzeptuelle Veränderungen

6 Aus und Wechselwirkungen durch die Entwicklungen psychosozialer Beratung
6.1 Einfluss auf die Praxis
6.2 Gesellschaftliche Entwicklungen und psychosoziale Beratung
6.3 Psychosoziale Beratung und Soziale Arbeit
6.3.1 Beratung in der Sozialen Arbeit
6.3.2 Beratung als eigenständige Arbeitsform der Sozialen Arbeit
6.3.3 Professionalisierung in Beratung und Sozialer Arbeit
6.3.4 Beratung und Soziale Arbeit in der post modernen Risikogesellschaft

7 Zur zukünftigen Entwicklung psychosozialer Beratung
7.1 Alternative Perspektive und berufsgruppenoffene Professionalisierung
7.2 Beratung und Gesundheitsfürsorge
7.3 Die Konzeptdiskussion
7.4 Eklektizismus
7.5 Ausblick

8 Resümee

9 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

Diese Diplomarbeit ist die Abschlussarbeit meines acht semestrigen Studiums der Sozialen Arbeit an der Hochschule Niederrhein. Ich beende damit eine Ausbildung, die ich für mich sowohl beruflich als auch persönlich als erfolgreich bezeichnen kann.

Meinem Hauptinteresse in der Sozialen Arbeit folgend, befasse ich mich in der vorliegenden Arbeit mit der psychosozialen Beratung im deutschsprachigen Raum. Hauptaugenmerk werde ich dabei auf die neuen Entwicklungen in diesem Bereich legen. Eine solche Herangehensweise bedeutet vor allem, dass sie theoretisch geführt werden wird.

Obwohl ich mich zu Beginn des Studiums bewusst für die eher praxisorientierte Ausbildung an einer Fachhochschule entschieden habe, freue ich mich dennoch sehr, die Diplomarbeit auf theoretischer Ebene verfassen zu können. Dies ist Ausdruck meiner Entwicklung in den letzten vier akademischen Jahren: Spätestens seit der ersten, wirklich wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema Psychotherapie mit kriegstraumatisierten Kindern und Jugendlichen im dritten Semester ist mir klar geworden, dass sich meine berufliche Zukunft zweigleisig gestalten wird. Zum einen soll sie tatsächlich theoretisches, also wissenschaftlich akademisches Arbeiten umfassen und zum anderen praktische, psychosoziale Beratung beinhalten.

Die Beschäftigung mit dieser Diplomarbeit hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich meinem Hauptinteresse im Studium, der Sozialen Arbeit, intensiv widmen zu können. Mir ist damit ein erster Einblick in die Welt der theoretischen Debatten und Entwicklungen, also dem wissenschaftlichen Arbeiten, gelungen. Auch habe ich einige der gegenwärtig bedeutenden Autoren[1] im Bereich der psychosozialen Hilfestellung und ihre Werke kennen gelernt, genauso wie ich mich nun deutlich sicherer im Feld der (psychosozialen) Beratung zu bewegen weiß. Sicherer d.h., dass ich nun weiß, wie sich die psychosoziale Beratung bisher entwickelt hat, wie sie sich gegenwärtig entwickelt bzw. zu entwickeln versucht und dass ich einzuschätzen vermag, welche Debatten wichtig sind, welche zu Ende zu führen sind und welche unbedingt auf welche Weise weiter geführt werden sollten. Das Gefühl für die zukünftige praktische Arbeit in der psychosozialen Beratung, theoretisch gewappnet, also vorgebildet zu sein, bringt mir die Zuversicht, zukünftigen Klienten – nach entsprechender praktischer Ausbildung – ein reichhaltiges bis ekletizistisches Methodenarsenal anbieten zu können. Schließlich ermöglichte mir die Erarbeitung des Diploms, meine persönliche Fähigkeit des wissenschaftlichen Schreibens zu überprüfen und weiter zu entwickeln.

Inhaltlich befasst sich die vorliegende Arbeit größtenteils mit der Entwicklung der psychosozialen Beratung im deutschsprachigen Raum. Mit Vorfreude blicke ich daher auf das kommende Studium in den USA, das mir die deutsche Fulbright Kommission ermöglichen wird, da mir hier Einblick in die Beratungskultur des angloamerikanischen Raums gewährt werden wird, welcher häufig Vorbildcharakter im Bereich Beratung beweist.

In diesem Zusammenhang bedanke ich mich bei Prof. Dr. Peter Schäfer (Dekan), Prof. Dr. Michael Borg Laufs und Prof. Dr. Marlo Riege, die mich umfassend unterstützt haben. Mein ganz besonderer Dank gilt Prof. Dr. Franz Christian Schubert, der für mich sowohl bei der zeitraubenden Aktion Fulbright Stipendium als auch bei der daraus resultierenden zeitlich einengten Abfassung der vorliegenden Diplomarbeit eine große Stütze war.

Endlich bedanke ich mich ganz herzlich für die grammatikalische Überprüfung durch Gabriele Thivissen und Stefanie Reichel, sowie für die Word Formatierungshilfe durch Willy Thivissen.

Mönchengladbach, im Juni 2006,

Jan Thivissen.

2 Einleitung

Psychosoziale Beratung – Neue Konzepte und Entwicklungen. Dem Titel der vorliegenden Arbeit nach befindet sich die psychosoziale Beratung in einer Weiterentwicklung. Ist das so? Und wenn ja, welcher Art sind diese Veränderungen? Wie sehen die neuen Konzepte, Methoden, Ansätze und Theorien aus? Inwieweit, nehmen diese Veränderungen Anschluss an ihre vorherigen? Bauen sie auf ihnen auf, oder beschreiten sei gar völlig neue Wege? Welchen Einfluss haben die neuen Entwicklungen auf die Praxis, und werden die neuen Konzepte in den Beratungsstellen angewendet? Verändert sich das Selbstbild eines Beraters in Folge dieser Entwicklungen?

Solche und ähnliche Fragen gilt es, im Folgenden zu untersuchen. Die vorliegende Arbeit widmet sich damit einer professionellen Hilfeleistung auf theoretischer Ebene. Praktische Beispiele werden lediglich zur Veranschaulichung der theoretischen Überlegungen genutzt. Die Auswirkung der Veränderungen in psychosozialer Beratung auf die praktische Tätigkeit Professioneller findet dennoch Eingang in diese Arbeit (Kapitel 5.1).

Hauptsächlich wird es auf den folgenden Seiten aber darum gehen, das weite (theoretische) Feld psychosozialer Beratung zu sichten, ihre Veränderungen einer systematischen Untersuchung zu unterziehen und Ergebnisse dieser Untersuchung darzustellen. Diese Darstellung muss eine einordnende und vergleichende Übersicht über die neuen Theorien, Ansätze und Konzepte beinhalten, wie sie im umfangreichsten Kapitel 3 beschrieben werden. In diesem Kapitel 3, dem Hauptteil der vorliegenden Arbeit, stellt der Autor die neuen Entwicklungen psychosozialer Beratung systematisch vor: Zunächst werden unter den beiden Begriffen Belastungs Bewältigungs Paradigmen (Kapitel 3.1) und Selbstwirksamkeit (Kapitel 3.2) jeweils zwei Modelle (Transaktionales Stress Modell und Salutogenes Modell) bzw. zwei Theorien (Soziale Lerntheorie und Kognitive Lerntheorie) vorgestellt. Dies ermöglicht dem Leser, nachvollziehen zu können, auf welchen Hintergründen die dann folgenden Ansätze und Konzepte aufbauen. So ist im Anschluss jeweils ein Ansatz (Sozialökologischer Ansatz bzw. Gemeindepsychologische Beratung) zu finden, welcher sich a) durch inhaltliche Nähe zu den vorab beschriebenen Modellen/Theorien auszeichnet und b) als eine der neuen Entwicklungen psychosozialer Beratung unbedingt Eingang in die vorliegende Arbeit finden muss. Jeweils ein komplettes Unterkapitel kommt dann dem Systemtheoretischen Ansatz (Kapitel 3.3) und der Lebensweltorientierung (Kapitel 3.4) zu. Sie werden von vielen Autoren im deutschsprachigen Raum als die beiden wichtigsten, einflussreichsten und zukunftsträchtigsten Entwicklungen in der psychosozialen Beratung angesehen und diskutiert (vgl. u.a. Galuske, 2002; Nestmann & Engel, 2002).

Um die Entwicklungen bzw. die Weiterentwicklung der psychosozialen Beratung deutlich machen zu können, bedarf es der Darstellung früherer Methoden, Ansätze und Modelle psychosozialer Beratung, wie sie im Kapitel 2 erfolgen wird. An Hand dieser Beschreibung lassen sich dann die konzeptionellen Veränderungen psychosozialer Beratung darstellen (Kapitel 4).

Eine systematische Darstellung der neuen Konzepte und Entwicklungen erscheint dem Autor vor allen Dingen deswegen angezeigt, weil sich die Theorienlandschaft um psychosoziale Beratung herum nicht nur als äußerst vielschichtig und komplex präsentiert, sondern zuweilen auch als unübersichtlich. Warum das so ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt , mit welchen Bereichen psychosoziale Beratung zu tun hat und wo die jeweiligen Theorien dieser Bereiche Eingang in die psychosoziale Beratung finden. Da sind zum einen Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie, die der psychosozialen Beratung entscheidendes Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse (Kapitel 5.2), zwischenmenschliche Kommunikation, etc. ermöglichen. Da gibt es die aus der Psychologie entstandene Psychotherapie, deren Methodenarsenal und Klienten /Patientenverständnis wie sich zeigen wird entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung innerhalb der psychosozialen Beratung haben (Kapitel 2). Psychosoziale Beratung hat sich des weiteren in verschiedenen Bereichen zu positionieren, namentlich in der Beratung selber, in der sie als eine bestimmte Form von Beratung zu finden ist (Kapitel 1.1) und in dem Arbeitsfeld Soziale Arbeit (Kapitel 5.3.2). Immer wieder wird der Inhalt einzelner Kapitel durch die Beschreibung der Beziehung zwischen psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit ergänzt. Die Entwicklungen in der psychosozialen Beratung haben von je her großen Einfluss auf die Entwicklungen von Sozialer Arbeit und umgekehrt. Am deutlichsten werden diese Wechselwirkung im Kapitel zur Lebensweltorientierung, psychosoziale Beratung und Soziale Arbeit (Kapitel 3.4.5).

Um all diesen Einflüssen gerecht zu werden und um deutlich zu machen, in wieweit die verschiedenen Theorien, Ansätze und Konzepte sich untereinander beeinflussen bzw. auf einander aufbauen, dienen die in den meisten Kapiteln hergestellten/dargestellten Bezüge und schließlich das Kapitel 5, Aus und Wechselwirkungen durch die Entwicklungen psychosozialer Beratung.

Im inhaltlich letzen Kapitel 6 wird es darum gehen, einen Blick auf die zukünftige Entwicklung psychosozialer Beratung zu werfen. Wie in allen anderen Kapiteln werden auch hier Ideen, Gedanken, Vorstellungen und Ausarbeitungen einer Reihe verschiedenster Autoren vorzustellen, zu vergleichen und zu diskutieren.

Einige der in dieser Arbeit zitierten Autoren bemühen sich auch auf anderer nicht theoretischer Ebene um die Weiterentwicklung der (psychosozialen) Beratung. Leider kann auf diese Arbeiten kaum eingegangen werden, da der inhaltliche Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit ansonsten zu weit verlassen würde. Es sei aber darauf hingewiesen, dass sich im Anhang der vorliegenden Arbeit zwei Schriften befinden, welche sich mit dem Thema Beratung im deutschsprachigen Raum/in Deutschland befassen. Zum einen geht es um die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) als einem Dachverband für Beratung, begrüßt und unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und zum anderen um die Frankfurter Erklärung, die zu einem neuen Diskurs zum Thema Beratung aufruft.

2.1 Zu klärende Begriffe

Wenn sich die vorliegende Arbeit dem Titel nach mit der Untersuchung der neuen Entwicklungen im Feld der psychosozialen Beratung beschäftigt, dann bedeutet dies eine gewisse Exklusivität. Exklusiv deswegen, weil viele Bereiche von Beratung außen vor gelassen werden und der Blick auf einen einzigen Bereich fokussiert wird. Verschiedenste Bereiche von Beratung und auch der Sozialen Arbeit werden somit nicht, oder nur am Rande behandelt. Dass dies nötig ist, wird mit einem Blick auf die Vielfältigkeit der professionellen zwischenmenschlichen Hilfsdisziplinen deutlich. Sei es nun Psychologie, Soziologie, Psychiatrie oder Soziale Arbeit sie alle haben der Vielfältigkeit des menschlichen Daseins Rechnung tragend eine ungeheure Menge an theoretischen und praktischen Entwicklungen hinter sich gebracht, durchlaufen diese Entwicklung gegenwärtig und werden sie auch weiterhin durchlaufen (müssen).

Auch das Feld der Beratung zeichnet sich durch eine Mannigfaltigkeit aus, die sich unterschiedlichsten Ansätzen, Konzepten, Denkrichtungen, Schulen, usw. widerspiegelt. Nestmann et al. (2004) haben jüngst ein beeindruckendes Werk über Beratung zusammen gestellt, in welchem sie die Disziplin Beratung in umfassender Weise darstellen. In ihren beiden Bänden Handbuch der Beratung bringen Nestmann et al. eine Reihe von Autoren zusammen, die sich der Beratung aus allen erdenklichen Richtungen nähern. Hierbei wird deutlich, warum eine Arbeit, wie die vorliegende, versuchen muss, sich inhaltlich auf bestimmte Bereiche zu begrenzen. Allein unter Disziplinen und Zugänge (Band 1) lassen sich über 25 Beiträge u.a. zur Theologie und Beratung, Medizin und Beratung, Rechts und Wirtschaftswissenschaft und Beratung, Psychotherapie, Pädagogische Psychologie, Philosophie und Beratung oder Beratung mit Sozialen Systemen, Geschlecht und Beratung, etc. finden. In Band 2Ansätze, Methoden und Felder – befinden sich dann u.a. Ausarbeitungen zur psychoanalytisch orientierten Beratung, klientenzentrierten, systemischen, kooperativen Beratung oder zu Studien , Berufs /Karriereberatung.

Allein diese Aufzählung macht deutlich, wie wichtig es ist, sich inhaltlich in gewissem Umfang abzugrenzen.

Dass es weder machbar noch sinnvoll ist, dies in einer Form zu tun, die andere Bereiche professioneller Hilfe komplett außen vor lässt, wird deutlich, wenn man die Einflüsse betrachtet, die die verschiedenen Schulen aufeinander haben, ja, wie sie sogar von diesen Einflüssen abhängig sind: So kommen z.B. viele Theorien, die menschliches Verhalten beschreiben, aus der Psychologie oder Soziologie und bilden Grundlagen für bestimmte Formen professioneller psychosozialer Hilfe – wie sich im Hauptteil der vorliegenden Arbeit im übrigen zeigen wird. Da eine Abgrenzung also weder sinnvoll noch praktikabel ist, benötigen wir (die Leser und der Autor) zumindest eine Begriffsklärung, die psychosoziale Beratung und ihre Ränder etwas schärfer gegenüber den ihr nahestehenden Beratungsbereichen auszuweisen vermag.

Auf Grund dessen folgen zum Schluss dieser Einleitung nun verschiedene Begriffsbestimmungen in Anlehnung an verschiedene Autoren, die sich u.a. um die definitorischen Ausarbeitungen verschiedener Bereiche von Beratung verdient gemacht haben:

2.1.1 Beratung allgemein

„Beratung ist zunächst eine Interaktion zwischen zumindest zwei Beteiligten, bei der beratende(n) Person(en) die Ratsuchende(n) – mit Einsatz von kommunikativen Mitteln – dabei unterstützen, in Bezug auf eine Frage oder ein Problem mehr Wissen, Orientierung oder Lösungskompetenz zu gewinnen. Die Interaktion richtet sich auf kognitive, emotionale und praktische Problemlösungen und bewältigungen von KlientInnen oder Klientensystemen (...) sowohl in lebenspraktischen Fragen wie auch in psychosozialen Konflikten und Krisen. (...) Da Lebensschwierigkeiten von KlientInnen z.B. im Rahmen sozialer Arbeit häufig nicht bis in letzte Konsequenz ‚lösbar’ oder ‚behebbar’ sind und da häufig bereits sogenannte ‚deviante Bewältigungsformen’ (Hofmann 1990) vorliegen, muß sich Beratung oft darauf beschränken, Schwierigkeiten reduzieren und mildern zu helfen oder Menschen zu unterstützen, sich mit den Folgen von Problemen besser arrangieren und damit leben zu können“ (Sickendiek, et al., 1999, S. 13).

2.1.2 Psychologische Beratung

In Anlehnung an Drever & Fröhlich halten Sickendiek et al. (1999, S. 15) folgendes zur psychologischen Beratung fest: „Unter Beratung wurde lange vor allem psychologische Behandlung individueller emotionaler und Verhaltensprobleme oder psychische Störungen verstanden. Nach aufwendiger Diagnoseerstellung wurde eine wissenschaftlich fundierte Beeinflussung der Störung angestrebt. Daneben fand psychologische Beratung aber auch als Information über Fähigkeiten und Eigenschaften der Ratsuchenden statt, die z.B. eine Prognose über Eignung für bestimmte Berufe erlauben sollte.

Beratung in Form reiner Diagnostik oder ‚Behandlung’ hat sich in einigen klinisch psychologischen und auswahl oder zuweisungsorientierten traditionellen Beratungs angeboten gehalten.“ Es geht dabei primär um die Bereitstellung oder das Vermitteln von Fachwissen durch einen Experten, um dem jeweiligen Klienten Kenntnisse zu vermitteln, damit Entscheidungen einfacher zu treffen sind bzw. die Entscheidungsfindung erleichtert wird.

Die American Psychological Association (APA) erweitert mit ihrer Definition den ursprünglich eher eng gefassten Begriff Beratung wie folgt: Beratung soll „Individuen helfen, Hindernisse ihres persönlichen Wachstums zu überwinden, wo immer sie erfahren werden, und zu einer optimalen Entwicklung persönlicher Ressourcen verhelfen“ (In: Sickendiek et al., 1999, S. 16).

„Die Definition hebt zwar weiterhin auf individuelle und persönliche Ressourcen und deren Entwicklung als Aufgabe von Beratung ab, aber die Verortung von Beratungsanlässen ‚wo immer sie anfallen’ signalisiert auch eine deutliche Öffnung der Beratungsperspektive auf überindividuelle Kontexte. Dieses steht auch im Zentrum der sozialen und sozialpädagogischen Beratungskonzeptionen“ (Sickendiek et al., 1999, S. 16).

„In Abgrenzung zur psychologischen Beratung ist psychosoziale Beratung auf die reflexive Durchdringung psychosozialer Widersprüche und Ambivalenzen und ihre handlungs praktische Beeinflussung ausgelegt, wobei psychosoziale Abwehrprozesse zu überwinden und individuelle und soziale Bewältigungsmethoden modellgerecht zu integrieren sind“ (Zygowski, 1989, S. 220).

2.1.3 Soziale Beratung

Soziale Beratung ist ein äußerst weit gefasster Begriff in verschiedensten Bereichen in denen beraterische Hilfe geleistet wird. „Soziale Beratung meint allgemeine Beratung in Lebensschwierigkeiten, vor allem in sozialen Schwierigkeiten. Solche Beratung wird u.a. im Rahmen Sozialer Arbeit praktiziert, also z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst, in der Familienfürsorge in der Jugend und Erziehungs , Familien und Lebensberatung, in der Suchtberatung, in der Schuldnerberatung, aber – natürlich – ebenso im Kontext z.B. von Elternarbeit, Jugendarbeit, Arbeitsloseninitiativen, Kriseninterventionen“ (Thiersch, 1995, S. 129).

Was die Soziale Beratung gegenüber der psychosozialen ausmacht, ist, dass sie gerade in der Sozialen Arbeit zu den Aufgaben Professioneller dazugehört. D.h., dass Beratung hier nicht ausschließlich zu den Tätigkeiten von Sozialarbeiter gehört, sondern ein Teil ihrer Arbeit ist. Beachtet man andererseits, wo Soziale Beratung überall stattfindet, lässt sich das gleiche Bild erkennen: Beratung wird nicht nur in ausgewiesenen Beratungsstellen praktiziert, sondern durch Hilfsangebote, die z.B. der aufsuchenden Sozialarbeit zuzuordnen sind (ASD, Streetwork, etc.). Diese Beratungen können zum einen in arrangierten Settings stattfinden, sie können aber auch per Zufall aus einer Diskussion, einem Gespräch, also situationsbedingt entstehen.

Unterschiede lassen sich auch inhaltlich darstellen. So hält Thiersch in dem zitierten Beitrag fest, dass es sich bei der Sozialen Beratung vor allem um soziale Schwierigkeiten der Rat Suchenden dreht. Beraten wird nicht selten auch auf direktive Art, d.h. auf eine Art, bei der der Berater seinem Klienten sagt: Das und das sind Ihre Möglichkeiten und dafür müssen Sie dies und jenes tun! Tatsächliche Wissensvermittlung ist hier nicht selten gegeben. Eine beraterische Wissensvermittlung, die von verschiedensten Autoren immer wieder unter der Prämisse der Chancengleichheit gefordert wird, um in einer Gesellschaft, die sich durch ihre starke Individualisierung, Wissensabhängigkeiten und Entscheidungszwängen auszeichnet. Diese Art von Beratung soll u.a. weniger privilegierten Menschen genügend Chancen zur Selbst und Weiterentwicklung ermöglichen.

2.1.4 Sozialpädagogische Beratung

„Sozialpädagogische Beratung ist wesentlich durch ihren Bezug auf den Alltag der Klienten gekennzeichnet, sie ist im Kern alltagsorientierte Beratung“ (Galuske, 2002, S. 169). Für Sickendiek at al. (1999, S. 41) „ist sozialpädagogische Beratung weitaus näher an der konkreten Lebensrealität, hält sich nicht selten in eben dieser auf, wird deshalb mit dem alltagsweltlich komplexen Geflecht aus materiellen, sozialen, psychischen und alltags praktischen Belastungen weitaus direkter konfrontiert als psychologische Beratung, die sich auf den ‚dritten Ort’ (Thiersch) innerhalb der Beratungsstelle zurückzieht.“

Für Thiersch et al. (1977, S. 103f) skizziert die sozialpädagogische Beratung vier auffällige Charakteristika:

„Festlegung des Kompetenzbereichs: Während die meisten Beratungsprofessionen ihren Kompetenzbereich unter Berufung auf mehr oder minder ausgewiesene theoretische Schulen (...) inhaltlich bestimmen können, ist der Sozialpädagoge in seinem Beratungshandeln zunächst dadurch gekennzeichnet, daß er für ein meist undeutlich abgegrenztes Feld zuständig ist. Dieses Feld kann unterschiedlich beschrieben sein: als ‚Fürsorgebezirk’ innerhalb einer Region, als festgelegte ‚Probandenzahl’ innerhalb der Bewährungshilfe, als Verantwortlichkeit für bestimmte Veranstaltungen innerhalb einer Institution.“

Allzuständigkeit der Sozialpädagogik: Der Sozialpädagoge ist innerhalb seines Arbeitsbereiches zunächst einmal für alle Krisen und Konflikte seiner Klienten zuständig.

„Vielfalt der Beratungsformen und Adressatengruppe: Aus der ‚Allzuständigkeit’ der Sozialpädagogik für ein bestimmtes Feld erwuchs die Notwenigkeit“ einer gewissen, auf die jeweilige Adressatengruppe zugeschnittenen Ausdifferenzierung von Beratung.

Spezifische Handlungsintentionen: Sozialpädagogische Beratung ist (...) genötigt, alle Hilfskräfte im jeweiligen Problemfeld zu aktivieren. Sie versteht sich weit stärker als andere Beratungsansätze als eine Intervention, die auf die Belebung von Alltagstechniken der Konflikt und Krisenbewältigung gerichtet ist und dabei notwendigerweise den gesellschaftlichen Kontext nicht ausklammert.“

2.1.5 Psychosoziale Beratung

Im Mittelpunkt psychosozialer Beratung steht das Erkennen von Belastungen und Einschränkungen und das Erarbeiten von Problemlösungskompetenzen. Psychosozial beinhaltet ein Menschen und Gesellschaftsbild, welches das individuelle psychische und soziale Wohlbefinden in unmittelbare Verbindung zur Lebenswelt des Einzelnen und seiner Umwelt setzt. Betrachtet werden die unterschiedlichen, sich eventuell blockierenden Bedürfnisse und Anforderungen beider Seiten, also Widersprüche und Unvereinbarkeiten der individuellen Seite (Motivationslage, Handlungsfähigkeiten, subjektive Bedürfnisse, Interessen und Ziele) mit der Seite der gesellschaftlichen Ansprüche, Normen, Werte, etc.

Der psychosoziale Blick richtet sich sowohl auf die Belastungen, die entstehen können, wenn sich die unterschiedlichen Motivationslagen beider Seiten nicht vereinbaren lassen, als auch auf die individuellen und sozialen Bewältigungsmöglichkeiten. Unter Beachtung der Wechselwirkungen und Interaktionen zwischen Individuum und Umwelt, geht es in der psychosozialen Beratung darum, Lösungsmöglichkeiten für Probleme zu entwickeln und an psychosozialer Reflexivität zu gewinnen: „Ihr Ziel ist die Vermittlung psychosozialer Kompetenz als Einheit von einerseits Reflexivität gegenüber den belastungsinduzierenden psychosozialen Widersprüchen und Ambivalenzen wie den eigenen ‚Abwehrprozessen’ und andererseits Handlungsfertigkeit als Fähigkeit und Bereitschaft zur belastungsvermindernden Handlungspraxis“ (Zygowski, 1989, S. 172).

Der psychosoziale Beratungsprozess zeichnet sich zunächst durch die emotionale Entlastung aus, die der Klient durch das Mitteilen seiner Problemlage erfährt. „Mit Hilfe der Kommunikation und gefördert durch Kompetenzen und Wissen der BeraterInnen gewinnen die Ratsuchenden ‚psychosoziale Reflexivität’. Das ist die Fähigkeit, zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und Normen und eigenen Bedürfnissen und Motivationen zu unterscheiden“ (Sickendiek, 1999, S. 20). Des weiteren sollen Klienten psychosozialer Beratung jene Kompetenzen erlangen, die sie befähigen, sich mit Widersprüchen und Konflikten zu konfrontieren und dieses auszuhalten, anstatt auszuweichen und Fähigkeiten zum Wechsel von Perspektiven zu gewinnen (vgl. Sickendiek, 1999).

3 Frühere Methoden, Ansätze und Modelle psychosozialer Beratung

Dieses Kapitel dient dazu, eine Übersicht zu schaffen, die erkennen lässt, aus welchen früheren Methoden, Ansätzen und Modellen heraus sich die Beratung entwickelt hat. Es soll verdeutlichen, nach welchem theoretischen Verständnis psychosoziale Hilfe in Form von Beratung geleistet wurde bzw. auf welcher Basis wissenschaftliche Literatur sich dem Thema gewidmet hat.

Bei der Betrachtung dieser älteren Modelle wird schnell deutlich, dass es sich zumeist um Ansätze aus der Psychotherapie handelte. Erklärbar ist dies mit einem Blick auf jenen Bereich, auf dem die Beratungstätigkeit hauptsächlich basiert: der Psychologie.

Beratung speist sich aus zwei wesentlichen Themenbereichen der psychologischen Wissenschaft: a) der psychologischen Messung und Diagnostik und b) des psychotherapeutischen Verfahrens, inklusive Erklärungsansätze für abweichendes Verhalten und Entwicklung von Interventionsverfahren.

Den Bezug zu diesen beiden Themenfeldern findet die Beratung „insbesondere über diagnostische Verfahren, sowie die Beratungs und Interventionsmethoden, wobei das klienten und/oder problemzentrierte Beratungsgespräch sowie die pädagogische Verhaltensmodifikation den Schwerpunkt der Beratungsverfahren ausmachen“ (Schröder, 2004, S. 52).

Nutzbares Wissen liefert hierbei insbesondere die Entwicklungs , die Differenzielle , die Persönlichkeits , sowie die Sozialpsychologie. In der einschlägigen Literatur befanden sich damals hauptsächlich Beratungsansätze, die sich „unschwer als Derivate bekannter persönlichkeitspsychologischer oder psychotherapeutischer Methoden identifizieren lassen. (...) Als grundlegend für Beratungskonzeptionen erwiesen sich aber insbesondere psychoanalytische Theorien, klientenzentrierte Theorien und Theorien der Verhaltenstherapie“ (Schröder, 2004, S. 53).

Auch Engel et al. (2004a, S. 36) bescheinigen Beratung „eine große Nähe“ zur Psychotherapie: „Sie verfügen insbesondere auf der Handlungsebene über große gemeinsame Schnittflächen. Beide können in der konkreten Erscheinungsform phasenweise deckungsgleich werden.“

Im folgenden werden zunächst die so genannten Derivate, die psychotherapeutischen Schulen und ihre Techniken schemenhaft vorgestellt. Da eine inhaltlich detaillierte Darstellung den Rahmen sprengen würde, geht es bei der Darstellung mehr um ein in Erinnerung rufen. Im Anschluss sollen dann die beiden Arbeiten von Dietrich Allgemeinen Beratungspsychologie (1983) bzw. Speziellen Beratungspsychologie (1987) dargestellt werden, die als eine Entwicklung aus den nun folgenden Ansätzen gilt.

3.1 Frühere Konzepte psychosoziale Beratung

Zur Eingrenzung auf das Wesentliche und zu ihrer besseren Vergleichsmöglichkeit werden die früheren Konzepte psychosoziale Beratung unter drei Gesichtspunkten betrachtet:

(x) Ihrem Verständnis von Störung

(y) Ihren Interventionen, Maßnahmen, u.ä.

(z) Ihren therapeutischen Zielen

3.1.1 Psychoanalyse (tiefenpsychologischer Ansatz)

Dem Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud – folgend, lässt sich die Dynamik der seelischen Prozesse aus der Triebtheorie (Libido und Aggression) erklären. Heute gehen seine Nachfolger von vier konzeptuell trennbaren Psychologien aus: die der Triebe, des Ichs, der Objektbeziehung und des Selbst, die alle zusammen an der Konflikthaftigkeit seelischen Erlebens beteiligt sind. Des weiteren entwickelte die Psychoanalyse die Theorie der drei psychischen Instanzen: Es, Ich und Über Ich.

(x) „Im psychoanalytischen Verständnis werden neurotisches Handeln und andere Störungen aus unbewussten psychischen Zusammenhängen hergeleitet, z.B. aus Konflikten, Komplexen, Fixierungen, Gehemmtheit, und zwar als deren Wiederkehr oder pervertierten Ausdruck, als Ersatz oder Kompromiss mit anderen Regungen oder als Preis für eine Vermeidung. Wichtige Quelle neurotischen Leidens ist die missglückte Verarbeitung des Ödipuskomplexes, andere Quellen sind frühe Störungen der Mutter Kind Beziehung oder Überforderung in der Phase des motorischen und Reinlichkeitslernens“ (Dörner et al., 2002, S. 616).

(y) „Die Psychoanalyse ist eine Methode, die über das Mittel der freien Assoziation versucht, den unbewussten Sinnzusammenhang einer seelischen Erkrankung oder eines Symptoms zu erkunden und (...) zur Integration bisher abgespaltener Selbstanteile zu gelangen“ (Dörner et al., 2002, S. 616).

„Der Psychotherapeut nimmt durch Deutung sprachliche Stellung. Die therapeutische Arbeit konzentriert sich auf die Analyse von Übertragung und Widerstand. (...) Durch Deutungen und Widerstandsarbeit werden frühkindliche Fixierungen behoben, Fehlhaltungen aufgelöst und Wiederholungszwänge überflüssig gemacht. Gleichzeitig wird Einsicht ermöglicht. (...) Psychoanalytiker drängen weniger auf Veränderung des Handelns, sondern fördern mehr die Einsicht in Zusammenhänge von Denken, Handeln und Fühlen“ (Dörner et al., 2002, S. 617).

(z) Das Ziel psychoanalytischer Therapie wird mit der Wiederherstellung der Arbeits und Genussfähigkeit von Patienten beschrieben, der Generallinie folgend: Wo Es war, soll Ich werden.[2] Erreichbar ist dies mit der Aufklärung vom Unbewussten, also der Erkenntnis des Patienten von möglichen Traumata, Komplexen oder Verdrängungen, etc. Thoma & Kächele (1996) zu folge geht es der Psychoanalyse um „die Aufdeckung und Aufarbeitung bislang unbewusster Strebungen und Gefühle.“ Methoden der Wahl sind freie Assoziation, Analyse von Widerstand und Übertragung, sowie Interpretation.

In ihrer Betrachtungsweise und den daraus folgenden Interventionen ist die Psychoanalyse eine eher individuumszentrierte Theorie. Sie befasst sich kaum mit der Umwelt, den möglichen Zusammenhängen zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. der Alltagswirklichkeit. Stattdessen arbeitet sie nur mit dem eigentlichen Patienten / Klienten zusammen und sucht eventuell vorhandene Defizite ebenfalls nur in ihm zu beheben.

3.1.2 Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (humanistischer Ansatz)

Begründet wurde die Gesprächspsychotherapie 1942 von Carl Rogers, dem es zunächst darum ging, dass erstens nicht direktiv gearbeitet wird und zweitens diese Therapie keine interpretative sondern eine Theorie der Offenheit darstellt, was heißt, das alle Handelnden an einem gemeinsamen Prozess Teil haben.

(x) Die Persönlichkeitstheorie des humanistischen Ansatzes befasst sich mit dem Selbst eines jeden Menschen, welches nach Selbstverwirklichung strebt. Die bei diesem Streben gemachten Erfahrungen bilden ein relativ stabiles und überdauerndes Gerüst aus, welches Selbstkonzept genannt wird. „Gestört ist jemand, der sein Selbstkonzept durch Auswahl bestimmter Erfahrungen und durch Verleugnungen anderer gemacht hat. Diese Person hat im Laufe ihrer Entwicklung gelernt, dass bestimmte Wahrnehmungen und Erfahrungen ‚gefährlich’ für das Handeln sein können. Sie erhalten keinen Platz im Selbstkonzept“ (Dörner et al., 2002, S. 614).

(y) Die Entwicklung von der nicht direktiven hin zu einer klientenzentrierten Arbeit beschreibt, dass die unmittelbare Erfahrungswelt des Klienten mehr und mehr in den Mittelpunkt dieser Therapieform rückte. Dabei bemüht sich der Therapeut/Berater, „aus den Mitteilungen des Klienten das subjektive Erleben, insbesondere die Gefühle, herauszuhören und aufzugreifen (...) um so die ‚Selbstexploration’ zu fördern“ (Nolting & Paulus, 1999, S. 134). Diese Form des Sichselbstentdeckens bezieht sich vor allem auf geleugnete Gefühle, die vom Klienten gesehen und als zu sich gehörend wahrgenommen werden sollen.

(z) Bei der klientenzentrierten Gesprächstherapie geht man davon aus, dass das Erkennen und „konzentrierte Wahrnehmen der Gefühle als subjektive Wahrheit des Menschen und deren Klärung, helfen kann herauszufinden, was die Welt subjektiv bedeuten kann und soll“ (Dörner et al., 2002, S. 615). Dem Ziel „Befreiung des Potentials der Person zur voll funktionierenden Person“ (Dietrich, 1983, S. 100) wird ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Ihren Einfluss hat die Gesprächszentrierte Psychotherapie durch die drei grundlegenden Bedingungen des psychotherapeutischen Handelns: Empathie, positive Wertschätzung sowie emotionale Wärme gegenüber dem Klienten und Echtheit und Kongruenz des Helfenden. Diese Grundbedingungen sind zum heutigen Selbstverständnis eines jeden Beraters/ Therapeuten geworden.

3.1.3 Verhaltenstherapie (behavioristischer Ansatz)

Die Verhaltenstherapie wurde 1953 von Skinner eingeführt und erkennt als Ursache menschlichen Handelns weniger Motive an, als viel mehr das erlernte und verfügbare Verhaltensrepertoire. „Verhalten wird demnach als komplexer Vorgang mit kognitiven, motorischen und physiologischen Anteilen verstanden“ (Dörner et al., 2002, S. 618).

(x) Zu Beginn einer jeden Therapie steht die Verhaltensanalyse, die Aufschluss darüber geben soll, welche Bedingungen Verhalten kontrollieren und aufrecht erhalten lassen. „Störungen (...) werden aufgefasst als unter Belastung erlernte Fehlverhaltensweisen, gedankliche Fehlbewertung und Erwartungen“ (Dörner et al., 2002, S. 618).

(y) „Die Art und Weise, wie das Individuum auf bestimmte Situationen reagiert, ist eine Frage des ‚Verhaltensrepertoires’, und daher versucht die Therapie, ‚falsche’ eingeschliffene Verhaltensgewohnheiten und emotionale Reaktionen abzubauen“ (Nolting & Paulus, 1999, S.134). Methoden der Wahl sind u.a. positive Verstärkung, Desensibilisierung oder Lernen am Modell.

(z) „Werden (...) die Umweltbedingungen geändert (...) oder wird ein Umlernprozess in Gang gesetzt (...) so verschwinden die Symptome bzw. die Krankheit“ (Dörner et al., 2002, S. 619).

Die klassische Verhaltenstherapie entwickelte sich während der siebziger Jahren durch den Einfluss von sozialpsychologischen und psychophysiologischen Erkenntnissen (kognitive Wende, Beck) zu einem Verfahren, welches auch die interpersonellen Wechselwirkungen und das Selbstmanagement (Kanfer) mit einbezieht. „Seit den 80er Jahren haben sich auch ‚kognitive Verhaltenstherapien’ und ‚kognitive Therapien’ entwickelt“ (Nolting & Paulus, 1999, S. 135). Borg Laufs (2004, S. 633) hält fest, dass bei all diesen Methoden „die Arbeit an den kognitiven Vorgängen im Vordergrund“ steht „und nicht – wie bei den behavioralen Methoden das unmittelbar gezeigte Verhalten.“

3.1.4 Allgemeine und Spezielle Beratungspsychologie nach Dietrich

Wie bereits erwähnt, entwickelte Dietrich 1983 eine Allgemeine Beratungspsychologie und publizierte dem folgend 1987 die Spezielle Beratungspsychologie. Erwähnung finden Dietrichs Arbeiten, da seine theoretischen Vorstellungen als eine entscheidende Entwicklung von Beratungskonzepten dieser Zeit angesehen werden können. Für Nestmann (2004b, S. 61) stammt von Dietrich „der einzige prominente Entwurf einer ‚allgemeinen’ und einer ‚speziellen’ Beratungspsychologie in Deutschland (...). Anliegen dieser Arbeit war es, ein grundlegendes psychologisches Verständnis von Beratung zu entwickeln und grundlegende Basistätigkeiten und –qualifikationen von beratenden Psychologen sowie den zentralen Bedingungen von Beratungserfolg in psychologischen Beratungsprozessen zu identifizieren.“

Dietrich erarbeitete eine praxisbezogene Theorie, die eklektizistische Züge aufweist, also ein schulenübergreifendes Konzept darstellt. Beraterisches Handeln sollte sich so nicht mehr nur auf einzelne psychotherapeutische Schulen stützen. Nach Dietrichs Verständnis beinhaltet seine „Theorie der Beratung“ (1983, S. 142) theoretische Konzepte aus sehr unterschiedlichen „Erklärungen des Beratungsverlaufes und des Beratungserfolges“ (1983, S. 143). So lassen sich „Widerstand und Widerstandsauflösung aus der Psychoanalyse, Auseinandersetzung und Positionsbeziehung aus der Gesprächstherapie, der Individualtherapie und der kognitiv orientierten Verhaltenstherapie, Handlungstheorien aus dem Bereiche der Verhaltens und Handlungstheorien (...)“ identifizieren. Somit verortete er „Beratung in einer Position der ‚Mitte’, die je nach konkretem Fall hinsichtlich der Aufgaben, Ziele und eingesetzten Strategien einmal mehr zum ‚therapeutischen Pol’ und einmal mehr zum ‚erzieherisch edukativen Pol’ eines Kontinuums hin tendieren kann“ (Nestmann, 2004b, S. 62).

In seinem zweiten Werk (1987) kritisiert Dietrich die einseitige theoretische Sichtweise der psychotherapeutischen Schulen, die zwar bestimmte Bereiche menschlichen Verhaltens intensiv beleuchteten, andere Bereiche dafür aber völlig außen vor ließen. Mit seiner Theorie versucht er indes „dieser Gefahr dadurch zu entgehen, dass alle zentralen Konstrukte der wissenschaftlichen Psychologie – Motivation, Kognition, Direktion und Modifikation – in das theoretische Verständnis der Entstehung und Verfestigung des gestörten Handelns einbezogen werden“ (S. 72).

Für Schröder (2004) bleibt Dietrich trotz dieser Kritik stark an den klassischen Beratungsansätzen, also den psychotherapeutischen orientiert.

Dietrich macht deutlich, dass für ihn Beratung der Änderung eines Klienten dient. Das sei so zu verstehen, „dass der Berater dem Klienten Hilfe leistet, sich und bestimmte Aspekte seiner Lebenswelt zu ändern“ (1983, S. 3). Weitere Aufgaben des Beraters sind ein Klima und ein Verhältnis zum Klienten herzustellen, Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen, jedoch nicht Entscheidungen für diesen zu treffen. „Zentrale Aufgabe der Beratung“, so der Autor weiter, bestehe darin, „den Klienten zu einer Revision [Kursiv durch d. Verf.] seiner Daseinstechnik und bestimmter Bereiche seiner Umweltkonstellation anzuregen“ (1983, S. 61). In Bezug auf den Veränderungsprozess des Klienten fordert Dietrich an anderer Stelle, dass der Berater Einfluss auf diesen zu nehmen hat und ihn „stimuliert, unterstützt und kontrolliert“ (1983, S. 58).

Hinsichtlich des Lernprozesses, die jeder Klient zu durchlaufen hat, argumentiert er an anderer Stelle ähnlich und hält fest, dass die Hauptaufgabe und –funktion des Beraters darin liege, „die Lernfunktion und die Erfahrungsinhalte (...) zu stimulieren, freizusetzen zu reorganisieren, den Klienten damit zu konfrontieren [Kursiv durch d. Verf.], ihn auf Alternativen und ungeachtete Möglichkeiten zu verweisen und insgesamt das selbstgesteuerte Lernen (...) zu fördern“ (1983, S. 68).

Auch Dietrichs Arbeit wird zur besseren Vergleichbarkeit unter (x) Störungsverständnis, (y) Interventionen und (z) Zielen einer genaueren Analyse unterzogen.

(x) Für Dietrich werden Menschen dann zu Klienten psychologischer Beratung, wenn sie „in irgendeiner Weise desorientiert“ und Wege wie Ziele „unklar, unbekannt, problematisch, mit negativen Valenzen versehen“ (1983, S. 2) sind. „Zugleich sind diese Personen“ so Dietrich weiter „in irgendeiner inadäquaten Weise belastet oder entlastet.“ Wenn die betroffene Person dann mit „Fehl und Ersatzlösungen“ auf diese Be bzw. Entlastung zu reagieren versucht, setzt eine „Teufelskreis Situation“ ein, die „die Grenze zur Störung erreicht bzw. schon überschritten“ (1983, S. 3) hat.

Ein Problem unterteilt Dietrich in zwei Bereiche: den Problemmantel sowie den Problemkern. Ersterer schirmt den Zweiten ab und erfordert von der Beratung eine Abschwächung bzw. Auflösung des Abwehrsystems des Klienten, um damit „die notwendige Voraussetzung für seine Auseinandersetzung mit dem Problemkern zu schaffen“ (1983, S. 62f).

Die inhaltlichen Aspekte des Problemkerns sieht der Autor u.a. in inadäquaten bzw. defizitären Daseinstechniken und Umweltkonstellationen.

(y) Dietrich konzipiert eine Drei Phasen Strategie: „Demnach hat die beraterische Interventionsstrategie darauf bedacht zu sein, zuvörderst den Widerstandsring aus Abwehrmaßnahmen (...) aufzulösen. Darauffolgend ist eine neue, intensive Auseinandersetzung mit bisherigen Formen und Resultaten der Störungsverarbeitung in die Wege zu leiten (...). Endlich geht es darum, die Grundstörung selbst zu eliminieren bzw. zu reduzieren. (...) Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Störung“ (1987, S. 128f).

Der Autor spricht an anderer Stelle mit Nachdruck von der Notwendigkeit, den Klienten aufzuschließen, bzw. seinen „seelischen Schutt wegzuräumen, der die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten bedeckt“ (1983, S. 109).

(z) „Ziel der Beratung ist es, dem Klienten dabei zu helfen, seine eigene problematische Ist Lage durch eine antizipierte ‚bessere’ Soll Lage zu ersetzen“ (1983, S. 62). Angestrebt wird in der Beratung „ein Zuwachs bzw. eine Verbesserung der Selbsthilfebereitschaft, der Selbststeuerungs , Selbstregulations und Problemlösungs fähigkeit und der Handlungskompetenz des Klienten“ (1983, S. 3).

In Bezug auf den angesprochenen Lernprozess müssen die beraterischen Interventionen Anregung und Unterstützung sein, damit der Klient „sich mit sich und seiner Problematik auf einem neuen, subjektiv akzeptierbaren Niveau auseinandersetzen, neue Perspektiven und Kompetenzen gewinnen, sich auf einem höheren Niveau einstellen“ (1983, S. 8) kann.

An anderer Stelle macht Dietrich noch einmal deutlich, dass die Lernprozesse welche den Hauptanteil der Persönlichkeitsveränderung ausmachen, dem Klienten helfen müssen „die Inhalte und Forderungen der Welt angemessener zu verstehen und zu erfüllen, d.h. ihnen besser gewachsen zu sein“ (1983, S. 67).

3.2 Zusammenfassung

Die Darstellung der psychotherapeutischen Schulen und die der Arbeiten von Dietrich dienten dazu, eine Übersicht über diejenigen Ansätze zu geben, die der früheren praktischen Beratungstätigkeit ihre theoretische Grundlage gaben. Dies war nötig, um einen ersten Schritt im Hinblick auf die neuen Entwicklungen der psychosozialen Beratung zu machen. Kapitel 2 diente also der Feststellung, nach welchen Vorstellungen bzw. nach welchen Grundhaltungen BeraterInnen arbeiteten, bevor sich die Neuentwicklungen wie sie in den folgenden Kapitelen beschrieben werden ihren Weg in die professionelle Beratung bahnten bzw. Gegenstand gegenwärtiger, wissenschaftlicher Diskurse wurden. Dass es sich bei diesen ehemaligen Beratungstheorien tatsächlich um Entwicklungen aus oder Kopien von den genannten Schulen handelt, macht auch Schröder (2004, S. 53) mit folgender Feststellung deutlich: „Parallel zum Psychoboom der 70er Jahre entstanden immer wieder neue psychotherapeutisch orientierte Beratungsansätze.“

Die Entwicklung dieser Zeit beschreibt Großmaß in ihrem Beitrag Psychotherapie und Beratung im Handbuch der Beratung (Nestmann et al., 2004, S. 93) folgendermaßen: „Zum anderen werden seit den 60er Jahren auch in der psychosozialen Beratung psychologische Methoden verwendet; (...) ausgebildet in Lerntheorie, Gestaltpsychologie, z.T. von der wieder erstarkten Psychoanalyse inspiriert, insgesamt aufgeschlossen gegenüber personennahen Zusatzausbildungen.“ Die Anwendung von humanistischen Verfahren, so Großmaß weiter, führte zu Beginn der 70er Jahre dazu, dass die Gesprächspsychotherapie als „klientenzentrierte Gesprächsführung zur Basisqualifikation von Psycholog/inn/en und Sozialpädagog/inn/en“ (2004, S. 92) wurde.

3.2.1 Einflüsse

Als nächstes werfen wir einen Blick auf den Einfluss, den die vorgestellten Schulen auf das heutige (Selbst ) Verständnis von Beratung (noch) haben.

Die Theorie der drei psychischen Instanzen, wie sie von der Psychoanalyse entwickelt wurden, mag in vielerlei Hinsicht kritisierbar sein und doch dient sie unverkennbar dem Verständnis von, dem Individuum innewohnenden sich wiederstrebenden Gefühlen, Bedürfnissen und Motiven. Auch sind die „zentralen Bestände psychodynamischer Einsichten“ (Nestmann, 2004b, S. 67) sowie die grundlegende Annahme, dass „durch verstehende Kommunikation Psyche beeinflusst und verändert werden kann“ (Großmaß, 2004, S. 96) in ihrem Einfluss auf jegliche psychosoziale Arbeit nicht zu negieren.

Die Klientenzentrierten Gesprächstherapien machten bei den vorgestellten Theorien noch am ehesten eine eigenständige Beratungsstrategie aus, die bis heute ihre Gültigkeit behalten hat und einen wesentlichen Anteil der derzeitigen psychologischen Aus und Weiterbildungs inhalte ausmacht (vgl. Schröder, 2004). Diese Gültigkeit lässt sich auch gegenwärtig in speziellen Beratungsansätzen, wie der Klientenzentrierten oder der Personzentrierten Beratung (vgl. Straumann, 2004; Sander, 2004), wahrnehmen.

Der Einfluss der Verhaltenstherapie bzw. des behavioralen Ansatzes auf die Beratung lässt sich auch bei Borg Laufs (2004, S. 636) nachlesen: „Dass entsprechend der kognitiv behavioralen Grundorientierung die Erkenntnisse der Grundlagenforschung, insbesondere der Lernpsychologie und kognitiven Psychologie, genutzt werden, ist essentielle Grundlage sowohl der kognitiv behavioralen Beratung als auch der Verhaltenstherapie.“

3.2.2 Störungsverständnis, Interventionen und Ziele

Im letzten Abschnitt soll nun zusammengetragen werden, was zusammenfassend ( Z) über die ehemaligen Modelle und Ansätze zu sagen ist. Die zu klärenden Fragen lauten:

(x Z) Welches Bild haben die genannten Theorien von menschlichen Störungen oder den Gründen, warum eine Person zum Hilfesuchenden wird?

(y Z) Was sind typische Interventionen? oder In welcher Weise wird Hilfe geleistet?

(z Z) Was sind die Ziele des jeweiligen Beratungsansatzes? oder Ab wann braucht ein Hilfesuchender keine Hilfe mehr?

Und schließlich die Frage

(0 Z) Lassen sich gemeinsamen Grundtendenzen, vorstellungen oder haltungen der Modelle darstellen und wenn ja, welche?

(x Z) Dem Störungsverständnis der Psychoanalyse folgend könnte man formulieren: Das Individuum (das Ich) verarbeitet/löst zum einen innere Konflikte und zum anderen Konflikte mit seiner Umwelt nicht richtig. Nicht richtig ist hier im Sinne von defizitären Verarbeitungsstrukturen zu verstehen und führt in seiner Folge zu Störungen des psychischen Wohlbefindens. Dieser Linie folgend, lässt sich für das Störungsbild der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie sagen, dass bei ihr das Individuum (das Selbst) Wahrnehmungen und Erfahrungen ebenfalls nicht richtig zu verarbeiten / zu adaptieren weiß. Nicht richtig ist hier im Sinne einer defizitären Entwicklung des Selbstkonzeptes zu verstehen. Da die Verhaltenstherapie von erlernten Fehlverhalten oder gedanklicher Fehlbewertung spricht, kann man sagen, dass nach ihrem Verständnis ein Individuum falsch lernt bzw. das Falsche lernt, also Defizite im (reaktiven) Lernverhalten aufweist. Bei Dietrichs Konzept geht es weniger darum, dass eine Person nicht richtig lernt, verarbeitet, o.ä., sondern viel mehr darum, dass sie aufgrund von Defiziten in der Selbsthilfebereitschaft, der Selbststeuerungs fähigkeit und den Handlungskompetenzen in eine Teufelskreis Situation und damit in eine eventuelle Störung geraten kann.

Es lässt sich also festhalten, dass bei allen Modellen die Störung über ein, wie auch immer geartetes, Defizit erklärbar gemacht wird.

(y Z) Da die einzelnen Modelle sich gerade durch die Unterschiedlichkeit ihrer Interventionsstrategien (freie Assoziation, positive Verstärkung, etc.) von einander abgrenzen, lassen sich über diesen Weg keine Gemeinsamkeiten beschreiben. Werfen wir aber einen Blick zurück auf die Störungsverständnisse, so lassen sich die meisten psychotherapeutischen/ beraterischen Interventionen als auf das Individuum konzentriert und orientiert erkennen. Ziel der Maßnahmen ist es, die individuellen Defizite auszugleichen bzw. zu beseitigen, so dass die jeweilige Person am Ende in der Lage ist, selbst(ständig) ihr psychisches Wohlbefinden wieder herzustellen. Die Interventionen sind somit als individuumszentriert zu umschreiben.

(z Z) Wiederherstellung der Arbeits und Genussfähigkeit, Befreiung des Potentials, Symptomschwindung durch Umlernprozesse, bessere Soll Lage sind die zentralen Begriffe der dargestellten Modelle hinsichtlich ihrer Ziele. Genauso wie unter Punkt (y Z) wird deutlich, dass das Ziel der Psychotherapie /Beratungsansätze sich auf den Klienten und sein Erkennen, sein Lernen und sein Verändern konzentriert. Lediglich die Verhaltenstherapie stellt hier eine Ausnahme dar, wenn sie auch die Veränderung von Umweltkonstellationen als mögliche Voraussetzung für eine Heilung mit einbezieht.

(0 Z) Die Frage nach Gemeinsamkeiten zwischen den Ansätzen, ist also mit ja zu beantworten. Es ist deutlich geworden, dass sie generell defizitorientiert und tendenziell individuumszentriert arbeiten. Während sich hier zeigte, dass die psychotherapeutischen Schulen die Umwelt oder den Lebensraum nur tendenziell in die Therapie miteinbeziehen[3], geht Dietrich so gar so weit zu sagen, dass der Einfluss auf die Umwelt eines Klienten „eine ernsthafte Begrenzung der Effektivität der Beratung“ ist. Er argumentiert: „Veränderungen in der objektiven Umwelt des Klienten garantieren keineswegs die wünschenswerten Veränderungen einer Person“ (1983, S. 119).

3.2.3 Kernbegriffe/aussagen Kapitel 2

In den folgenden Kapiteln wird es darum gehen die neuen Entwicklungen im Bereich der psychosozialen Beratung herauszuarbeiten. Wir haben bis hierher die sogenannten älteren, früheren oder auch ehemaligen Methoden, Ansätze und Modelle von Beratung dargestellt und ihre Gemeinsamkeiten herausgefiltert. Im Hinblick auf die zu erwartenden Ergebnisse der folgenden Kapiteln sollen an dieser Stelle Kernbegriffe aus Kapitel 2 festgehalten werden. Sie wurden im zurückliegenden Text zumeist kursiv hervorgehoben und werden dem sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Neue Theorien, Ansätzen und Konzepte psychosozialer Beratung

Galuske (2002, S. 141) zu Folge scheinen aktuell vier Methodenentwicklungen in der Sozialen Arbeit bedeutsam zu sein: (a) das Konzept einer alltags und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, (b) das Professionsmodell der „stellvertretenden Deutung“, (c) sozialökologische und systemische Ansätze in der Sozialen Arbeit und (d) die wachsende Relevanz von planungsbezogenen und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen.

In diesem Kapitel wollen wir uns mit Ausnahme von Punkt (d) – all diesen Entwicklungen im Hinblick auf die psychosoziale Beratung widmen. Punkt (d) kann bei all seiner gegenwärtigen Relevanz, in einer Zeit sich verknappender Haushaltsmittel, hier nicht behandelt werden, da es sonst die Grenzen der vorliegenden Arbeit deutlich überschreiten würde.

Ähnlich wie bei Galuske (2002) wird auch in der vorliegenden Arbeit, bezüglich der neuen Entwicklungen psychosozialer Beratung, den Konzepten der Lebensweltorientierung und der Systemtheorie ein hoher Stellenwert eingeräumt. Dem entsprechend sind diese beiden Ansätze sowohl inhaltlich als auch in ihren Bezügen zu anderen Ansätzen bzw. Konzepten ausführlich zu besprechen.

Bevor wir uns aber diesen Ansätzen zuwenden, gilt es vorab einige Theorien und ihre Bezüge zu erläutern, ohne die es nicht möglich sein wird, die theoretische Entwicklung von psychosozialer Beratung sinnvoll und umfassend darzustellen. So haben sich verschiedene Modelle, beispielsweise das Modell zur Stressbewältigung von Richard S. Lazarus, seit längerem so tief in das Selbstverständnis von psychosozialer Hilfestellung verankert, dass sie nicht ohne weiteres aus Arbeiten zur Lebensweltorientierung oder Systemtheorie herauslesbar sind. Für eine verständliche Darstellung der neuen Entwicklungen scheint es dem Autor allerdings unerlässlich, eben diese im Selbstverständnis verankerten Modelle und theoretischen Errungenschaften zu erläutern. Letzt endlich wird es helfen, eine Entwicklungslinie kenntlich und nachvollziehbar zu machen, welche von den im ersten Kapitel dargestellten früheren Modellen psychosoziale Beratung hin zu den gegenwärtigen Entwicklungen führt.

Aus diesem Grund unterteilt sich das Kapitel über die neuen Konzepte psychosozialer Beratung wie folgt: Zunächst wird unter der Überschrift Belastungs Bewältigungs Konzepte das T ransaktionale Stressmodell nach Lazarus, das Salutogenes Modell nach Antonosky und der Sozialökologische Ansatz dargestellt. Unter dem Titel Selbstwirksamkeit folgen dann die Darstellung der Social Learning Theory nach Rotters, der kognitiven Lerntheorie nach Bandura und der Gemeindepsychologischen Beratung. Wie angekündigt findet sich im Anschluss daran, die ausführliche Erarbeitung des Systemtheoretischen Ansatzes und der Lebensweltorientierung.

4.1 Belastungs Bewältigungs Paradigmen

Betrachtet man eine Person und ihre Umwelt, so kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass sie nach einer zufriedenstellenden und angenehmen Beziehung mit dieser strebt. Und doch misslingt diese Beziehung allzu häufig, was an unterschiedlichsten Beeinträchtigungen liegen kann. Diese lassen sich entweder bei der Person, der Umwelt oder im Auftreten bestimmter Ereignisse finden, in der Art der Person Umwelt Auseinandersetzung oder auch in einer beliebigen Kombination aus diesen.

Zur Bewältigung einer Beeinträchtigung muss es auf der Personenseiten, der Umweltseite oder bei beiden zu einer Veränderung kommen. Diese veränderte Situation führt im positiven Fall dann zu einer Ausgewogenheit der Person Umwelt Konstellation. An dieser Stelle ist schon darauf hin zu weisen, dass sich die Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt insbesondere dadurch auszeichnet, dass sie sich in hohem Maße gegenseitig beeinflussen: Verändert sich die eine Seite, verändert sich zwangsläufig auch die andere[4]. Im Bezug auf eine problembehaftete Situation geschehen die Veränderungen im optimalen Fall durch einen direkten oder zu mindestens parallelen Austausch und führen so zu einer neuen Ausgewogenheit der Personen Umwelt Beziehung.

Gründe für eine Beeinträchtigung lassen sich in drei Belastungsfaktoren aufteilen (vgl. Schubert 1994a):

Umwelt: Die strukturelle, soziale und physikalische Beschaffenheit von Umwelt kann sowohl förderlich, riskant oder auch konkret behindernd für eine zufriedenstellende Lebensführung des Menschen sein.

[...]


[1] Es sei an dieser Stelle stellvertretend für den gesamten Text darauf hingewiesen, dass ausschließlich nur eine Geschlechts-Form gewählt wird (z.B. Berater, statt Berater und Beraterin, etc.), um den Lesefluss nicht unnötig zu erschweren. Natürlich sind immer beide Geschlechter angesprochen. Wertigkeiten und gar Diskriminierungen sind dem Autor auf Grund seines Welt- und Menschenbildes fern.

[2] Gemeint ist hier, dass das Es mit seinen Aktivitäten zur Triebbefriedung zum Ich werden soll, welches die Vermittlerrolle zwischen dem triebgesteuerten Es und dem moralischen Bewusstsein des Über-Ichs, inne hat. Demzufolge kann Triebbefriedung in gewissen Maßen kontrolliert und sozial verträglich erzielt werden.

[3] In diesem Zusammenhang Dörner et al. (2002, S. 617) über die Psychoanalyse: „In der Abgeschiedenheit der psychotherapeutischen Zweiersituation wird die Alltagswirklichkeit eher als Störvariable angesehen.“

[4] Die Transaktion zwischen Person und Umwelt und ihre Bedeutung für das grundsätzliche Verständnis von psychosozialer Beratung wird im Laufe dieses Kapitels immer wieder Gegenstand weiterer Erläuterungen sein.

Details

Seiten
111
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638010917
ISBN (Buch)
9783638915588
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87102
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,0
Schlagworte
Psychosoziale Beratung Neue Konzepte Entwicklungen

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Titel: Psychosoziale Beratung. Neue Konzepte und Entwicklungen