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Migration und Bildung in Kanada

Referat (Ausarbeitung) 2007 18 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
2.1 Kanada als Einwanderungsland
2.2 Integrationspolitik
2.3 Multikulturalismus

3. Multikulturalismus und Bildung
3.1 Das kanadische Bildungssystem
3.2 Bildungen in der Provinz Ontario
3.3 Multikulturalismus im Bildungssystem am Beispiel der multikulturellen Gleichstellungspolitik Ontarios

4. Bewertung des kanadischen Bildungssystems
4.1 PISA 2000/2003

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Im Herbst des Jahres 2005 kam es in einigen französischen Vorstädten zu gewalttätigen Unruhen zwischen Jugendlichen und der Staatsgewalt. Die betroffenen Banlieues können aufgrund der sozialstrukturellen Zusammensetzung ihrer Bewohnerschaft als benachteiligte Quartiere bezeichnet werden. Als Motive für diesen Protest werden von den Vorstadtjugendlichen die Erfahrung von Ungerechtigkeit und Erniedrigung, ihre Schulsituation, Arbeitslosigkeit und fehlende politische Repräsentation genannt.[1] Die Ereignisse machen deutlich, dass die soziale, ökonomische und politische Ausgrenzung einer großen Minderheit innerhalb einer Gesellschaft Konfliktpotenzial beinhaltet, das sich auf unkonventionelle, gewaltsame Weise entladen kann. Die Erscheinungsformen und Ursachen einer Marginalisierung von benachteiligten Jugendlichen innerhalb einer Gesellschaft sind vielfältig. Das Bildungssystem hat dabei eine besondere Bedeutung. So können Schulen Ort darstellen, an denen Ungleichheiten bestehen und verursacht bzw. weitergegeben werden. In Schulen kann aber auch Chancengleichheit herrschen und Integration begünstigt werden. Die Ergebnisse der PISA Studien haben ergeben, dass in Deutschland ein starker Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg besteht (vgl. PISA-Konsortium Deutschland 2003: 26). Die Leistungsdifferenzen zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und Schülern ohne Migrationshintergrund liegen dabei über dem OECD Durchschnitt (ebd.). Im Lichte der Ereignisse in Frankreich wird der Reformbedarf des deutschen Bildungswesens in Bezug auf seine Integrationsleistung besonders deutlich. Das kanadische Bildungssystem ist in Bezug auf den Bildungserfolg von MigrantenInnen besonders erfolgreich (vgl. Stanat/Christensen 2006: 199). Dieses System wird im Folgenden vorgestellt, um zu erfahren was wir aus Kanada lernen können.

2. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

Bei der Betrachtung eines Bildungssystems sind die politischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen, in die ein System einbettet ist, zu berücksichtigen. Im Folgenden beschränke ich mich auf jene Aspekte, denen ich besonderen Einfluss auf die Herausbildung und den relativen Erfolg des kanadischen Modells unterstelle. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte Kanadas als Einwanderungsland wird die dortige Integrationspolitik dargestellt. Schließlich widme ich mich dem für Kanada mittlerweile charakteristischen Modell des Multikulturalismus.

2.1 Kanada als Einwanderungsland

Kanada kann neben den USA und Australien als eines der klassischen Einwanderungsländer bezeichnet werde. Seit 1867 emigrierten ca. 16 Millionen Menschen in dieses Land (vgl. Elrick 2007: 2). Die ersten Einwandergruppen kamen aus den USA und Westeuropa (ebd.). Später wanderten auch vermehrt Menschen aus Süd- und Osteuropa ein (ebd.). Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Einwanderer durch die kanadische Politik nach ihrer Herkunft ausgewählt (ebd.). Die ethnisch-kulturelle, religiöse und ideologische Differenz der MigrantenInnen zur britischen Gründernation sollte möglichst gering sein (ebd.). Das Leitbild einer ethnisch-kulturell homogenen Gesellschaft prägte demnach lange Zeit die Einwanderungspolitik Kanadas. Zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts stieg der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften stark an. Dies löste einen Paradigmenwechsel in der kanadischen Einwanderungspolitik aus. Zuwanderer werden seitdem unter Berücksichtigung des Bedarfs der kanadischen Wirtschaft anhand ihrer beruflichen Qualifikationen ausgewählt. 1967 wurde ein Punktesystem zur Steuerung der Zuwanderung eingeführt (vgl. Elrick 2007: 4). Die Bewerber können in den Kategorien Bildung, Sprachkenntnisse, Berufserfahrungen, Alter, Stellenangebot und Anpassungsfähigkeit eine bestimmte Punktzahl erreichen. Die ersten drei genannten Bereiche sind dabei besonders bedeutsam (ebd.). Insgesamt sind maximal 100 Punkte erreichbar (ebd.) Ab 67 Punkten kann einem Antrag auf Einwanderung zugestimmt werden. Das Punktesystem regelt den Zuzug von Arbeitsemigranten (ebd.). Auf der Möglichkeit der Familienzusammenführung und dem Recht auf Asyl basieren zwei weitere Kategorien von Einwanderern (vgl. Elrick 2007: 3). Im Jahre 1976 wurden Zielgrößen für die Zuwanderung eingeführt, die jährlich neu festgelegt werden (ebd.). Diese Höchstzahl wird anhand eines Schlüssels auf die drei Kategorien der legalen Einwanderung verteilt. 60% werden nach wirtschaftlichen Kriterien ausgewählt, 25% gehören der Gruppe der Familienangehörigen an und 15% der MigrantenInnen nehmen das Recht auf Asyl in Anspruch (vgl. Elrick 2007: 4). Im Jahre 2005 betrug diese Zielgröße 220.000. Die offizielle Einwandererzahl lag bei 245.000 (ebd.). Seit den 60er Jahren stammen die Zuwanderer in zunehmender Zahl nicht mehr aus Europa. Die dominierenden Herkunftsregionen sind heute Asien, die Karibik und Südamerika (vgl. Elrick 2007: 4). Im Zielland Kanada konzentriert sich die Mehrzahl der MigrantenInnen in den Großstädten der Provinz Ontario (ebd.). Durch die seit der Besiedlung Kanadas anhaltende Zuwanderung weist das Land eine ethnisch-kulturell heterogene Bevölkerungsstruktur auf. Im Rahmen der Volkszählung im Jahre 2001 wurden per Selbstzuordnung der Befragten ca. 200 verschiede ethnisch-kulturelle Gruppen erfasst. Trotz der berechtigten Kritik an dieser Art der Konstruktion ethnisch-kultureller Gruppen geben diese Daten zumindest einen Hinweis auf die wahrgenommene Vielfalt innerhalb der kanadischen Gesellschaft.

2.2 Integrationspolitik

Mit der legalen Einwanderung in das Land Kanada ist der volle Zugang zum Arbeitsmarkt und zu den sozialen Sicherungssystemen verbunden. Einen weiteren bedeutenden Aspekt der kanadischen Integrationspolitik stellt der relativ leichte Erwerb der Staatsbürgerschaft dar (vgl. Elrick 2007: 6). Voraussetzungen für die Einbürgerung sind der Nachweis einer Aufenthaltserlaubnis für die letzten vier Jahre, von denen der Antragssteller mindest drei Jahre in Kanada gelebt haben muss (ebd.). Darüber hinaus müssen sich Antragssteller in einer der beiden Landessprachen verständigen können und Kenntnisse über die Rechte und Pflichten, die mit der kanadischen Staatsbürgerschaft einhergehen, nachweisen (ebd.). Zudem ist eine doppelte Staatsbürgerschaft ausdrücklich möglich (ebd.). Einen weiteren Aspekt der staatlichen Integrationspolitik stellen die zahlreichen Hilfeleistungen, Förderungen und Unterstützungen, die Einwanderer in Kanada erwarten, dar. Diese Angebote umfassen Maßnahmen wie: kostenlose Sprachkurse in den beiden Amtsprachen, Übersetzungsdienste, Arbeitsmarktberatung sowie allgemeine Beratung. Ferner besteht die Möglichkeit, sich bereits im Herkunftsland durch eine kanadische Organisation beraten zu lassen (ebd.).

2.3 Multikulturalismus

Die Besiedlung des heutigen Kanadas wurde vor allem durch Briten und Franzosen vollzogen (vgl. Lenz 2001: 101-103). Innerhalb Kanadas bildete sich im Zuge der Besiedlung eine räumliche Trennung dieser beiden Gruppen heraus (ebd.). Die Provinz Quebec wird noch heute durch den frankophonen Bevölkerungsteil dominiert. In den restlichen Provinzen leben überwiegend englischsprachige Bürger (vgl. Lenz: 113). In der Geschichte Kanadas kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den verschiedenen Einwanderergruppen (ebd.). Um diese Konflikte zu entschärfen und um den separatistischen Tendenzen, die es in Quebec gab und gibt entgegenzuwirken, wurden im Jahre 1969 Französisch und Englisch zu den beiden offiziellen Landessprachen erklärt (Elrick 2007: 7). Zwei Jahre später bekannte sich Kanada in Person des damaligen Premierministers Trudeaut offiziell zum Multikulturalismus (vgl. Geißler 2003: 4). Im Jahre 1985 wurde der Multikulturalismus als Grundrecht in die Verfassung aufgenommen (ebd.). Drei Jahre später folgte mit dem Multikulturalismusgesetz die rechtliche Ausgestaltung des Verfassungsartikels (ebd.). Geißler (2003: 3) reduziert die Idee des Multikulturalismus auf sieben Prinzipien.

1. Ethnisch-kulturelle Verschiedenheit ist stets positiv, da sie für eine Gesellschaft produktiv ist. 2. Jeder besitzt das Recht seine kulturellen Besonderheiten zu pflegen. 3. Es herrscht gegenseitige Toleranz unter den einzelnen Gruppen, d.h. jede Gruppe ist gleichwertig. 4. Die Verankerung in der Eigengruppe dient als Basis für die Offenheit. 5. Ein Bündel gemeinsamer Grundwerte sichert den Zusammenhalt der Gesellschaft. 6. Es herrscht in Bezug auf alle gesellschaftlichen Gruppen Chancengleichheit. 7. Multi-kulturalismus im beschriebenen Sinne verlangt nach politischer Steuerung.

Durch das Multikulturalismusgesetz ist jede kanadische Regierung dazu verpflichtet den Multikulturalismus aktiv zu fördern (Elrick 2007: 7). Im Laufe der 80er Jahre kam es zu einer Korrektur dieser Politik (vgl. Hormell/ Scherr 2005: 84). Eine sich wandelnde Zuwanderung (vgl. Kapitel 2.1) erzeugte neue Problemlagen bzw. machte diese sichtbar. Die gesellschaftliche Gleichstellung der neuen sichtbaren Minderheiten war nicht erreicht. Dies gilt auch für die first nations. Die Bekämpfung der Benachteiligung und Diskriminierung der sichtbaren Minderheiten und der first nations rückte nun in den Vordergrund (ebd.).

[...]


[1] vgl. Mucchielli, Laurent: Der Universalismus ist das Problem - Interview mit Laurent Mucchielli, unter: http://www.jungle-world.com/seiten/2006/26/8034.php, 18.6.2007

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638012027
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87056
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
Migration Bildung Kanada

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Titel: Migration und Bildung in Kanada