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Bevölkerungsentwicklung und staatliche Familienplanung in der Volksrepublik China

Seminararbeit 2004 27 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die traditionelle Familienordnung der konfuzianisch geprägten Gesellschaft

3. Bevölkerungsverteilung und ethnische Zusammensetzung

4. Die Bevölkerungsentwicklung und –politik: Vom unkontrollierten Wachstum bis zur Ein-Kind-Politik
4.1 Historische Bevölkerungsentwicklung bis 1949
4.2 Bevölkerungsentwicklung und –politik von 1949 – 2000

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Volksrepublik China ist das bevölkerungsreichste Land der Erde. Al­lein durch diese Tatsache steht China seit seiner Gründung im Jahre 1949 immer wieder im Blickpunkt internationalen Interesses. Schon früh er­kannten westliche Demographen das Problem einer hohen Bevölkerungs­zahl, die aufgrund Chinas naturräumlicher und gesellschaftlicher Voraus­setzungen nicht nur zu Ernährungsschwierigkeiten, Wohnungsnot, Ausbil­dungs- und Arbeitsplatzmangel und somit auch zu einem sozialen Un­gleichgewicht führen könnte, sondern auch die industrielle Entwicklung des Landes hemmen würde. Auch in der Volksrepublik selber prophezeite 1957 der chinesische Ökonom und Pädagoge Ma Yinchu, dass „ein un­kontrolliertes Bevölkerungswachstum die Kapitalakkumulation des Staates beeinträchtigen und die Industrialisierung verlangsamen würde“[1]. Jedoch wollte die politische Führung des Landes sich nicht mit dem Problem einer „Überbevölkerung“ beschäftigen, da aus „Gründen der Ideologie“ eine „Bevölkerungspolitik und Familienplanung für jede kommunistische Füh­rung von vornherein tabu“ ist.[2] So berief sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) unter der Führung von Mao Zedong anfangs immer wieder auf Karl Marx (1818 – 1883), der sich über die Theorien des britischen Nationalökonomen Thomas Malthus (1766 – 1834) von den verheerenden Folgen eines hemmungslosen Bevölkerungswachstums „lächerlich machte“ und der Ansicht war, dass „nur in einer kapitalistischen Gesell­schaft (...) sich die Menschen rascher vermehren [könnten], als sich die Ernährungsgrundlage erweitere“[3]. Marx sah einen sozialistischen Staat immer in der Lage, mehr zu produzieren als die Bevölkerung benötige. Dass diese Annahme eine Fehleinschätzung war, wurde Mao Zedong schnell vor Augen geführt. Chinas Wirklichkeit sah anders aus: Die Bevöl­kerung wuchs mit rasantem Tempo und die Erträge der Landwirtschaft blieben hinter den Erwartungen zurück. Eine Politik, welche die Bevölke­rungsentwicklung in geordnete Bahnen lenken sollte, war unumgänglich. Zählte China bei dem ersten offiziellen Zensus von 1953 noch ca. 588 Mil­lionen Einwohner, so waren es 1959 schon mehr als 650 Millionen. In nur 6 Jahren nahm die Bevölkerung um ca. 68 Millionen Menschen zu.[4] Am 1.November 2000 führte China seine 5. nationale Volkszählung durch. Die Bevölkerungszahl der „31 Provinzen, autonomen Gebiete und regierungsun­mittelbaren Städte (Inseln Jinmen und Mazu der Provinz Fu­jian ausgeschlossen) sowie der Militärbediensteten auf dem Festland“[5] betrug 1,26583 Milliarden. In den 41 Jahren seit 1959 hat sich die Bevöl­kerungszahl Chinas also beinahe verdoppelt. Die Volksrepublik hat damit „ein Wachstum erlebt, für das vorher schätzungsweise 200 Jahre benötigt wurden“[6]. Auch hat es in den bisher knapp 55 Jahren seit Bestehen des Staates, wie bereits angedeutet, keine einheitliche politische Linie in Be­zug auf die staatlichen Familienplanungsmaßnahmen gegeben. Vielmehr gab es verschiedene Phasen der Familienplanung, die schließlich in der strikten Verfolgung der Ein-Kind-Politik gipfelten.

Wenn man bedenkt, dass die chinesische Führung zu Beginn der 80er Jahre sich zum Ziel gesetzt hatte, durch gezielte und effektive bevölke­rungspolitische Maßnahmen im Jahre 2000 höchstens eine Bevölkerung von 1,2 Milliarden zu haben, wird deutlich, dass Chinas Probleme auch heute noch nicht gelöst sind. Doch wäre es aufgrund der „Nicht-Einhal­tung“ der Bevölkerungszahl des Jahres 2000 die richtige Schlussfolge­rung, die bevölkerungspolitischen Maßnahmen als gescheitert zu erklären, oder haben sie die Gesellschaft in China vor einer hemmungslosen „Be­völkerungsexplosion“ bewahrt, deren Folgen kaum abzuschätzen gewe­sen wären?

Die vorliegende Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf die Bevölkerungsent­wicklung und die Bevölkerungspolitik von 1949 bis 2000. Es geht weniger um eine Aneinanderreihung von Zahlen und Daten, vielmehr soll versucht werden, durch eine chronologische Darstellung die unterschiedlichen Formen und Phasen der staatlichen Maßnahmen herauszuarbeiten. Zuvor erscheint es mir sinnvoll auf die Bevölkerungsverteilung und die Bevölke­rungszusammensetzung einzugehen, da durch die Kenntnis dieser bei­den Aspekte es erst möglich wird, die Notwendigkeit von Maßnahmen ge­gen die Bevölkerungsentwicklung zu verstehen. Auch kommt die Be­trachtung der Bevölkerungsentwicklung sicher nicht ohne Ursachenfor­schung aus. Sicherlich wäre es fatal, die „Bevölkerungsexplosion“ mono­kausal zu erklären. Vielmehr ist es wohl ein ganzes Ursachengefüge, wel­ches im Rahmen dieser Arbeit nicht hinreichend erläutert werden kann. Als zentraler Ansatzpunkt wird in der Literatur jedoch immer wieder die traditionell verankerte Stellung der Familie in der chinesischen Gesell­schaft genannt. Daher geht der Darstellung von Verteilung und Zusam­mensetzung der Bevölkerung noch ein kurzer Einblick in die konfuzianisch geprägte Gesellschaft voraus, bevor die Bevölkerungsentwicklung mit den entsprechenden staatlichen Familienplanungsmaßnahmen näher be­leuchtet wird.

2. Die traditionelle Familienordnung der konfuzianisch ge­prägten Gesellschaft

Wenn man die Bevölkerungsentwicklung in der Volksrepublik China ana­lysieren möchte, kann dies nicht ohne eine Betrachtung der traditionellen Familienordnung geschehen.

Schon „in frühen staatsphilosophischen Schriften“[7] aus dem 7. bis 1. Jh. v. Chr. spielte die Bevölkerungszahl eine große Rolle. „Hohe Einwohner­zahlen galten gewöhnlich als Zeichen einer guten Herrschaft.“[8] So sah der Herrscher die Bevölkerung als Kapital für eine weitere Landerschließung, für eine starke Wehrkraft und für eine Vergrößerung des Steueraufkom­mens an. Diese politischen Leitideen verbanden sich schließlich mit den „konfuzianischen Morallehren“[9]: Sie sahen in der Familiengründung und in der Zeugung von (v. a. männlichen) Nachkommen die erste Menschen­pflicht. Zwar hat die Bedeutung dieser Morallehren im Verlauf der Ge­schichte, besonders durch die staatliche Familienpolitik im 20. Jahrhun­dert, nachgelassen, aber auch heute noch sind die Grundzüge in der Ge­sellschaft verankert. Besonders die ländliche Bevölkerung vertritt noch in weiten Teilen die traditionelle Familienordnung. Sie ist bestimmt durch die Herrschaft des Mannes über die Frau und des Alters über die Jugend. Os­kar Weggel hat das traditionelle Familienrecht als „patrilinear, patriarcha­lisch, patrilokal und patronym“[10] bezeichnet. Jungverheiratete wurden nicht als eine „neue Familie“ angesehen, sondern wurden lediglich zum jüngster Zweig des Familienbaumes des Mannes. So war es auch der klassische Zweck jeder Eheschließung einen Sohn zu zeugen, der die „patrilineare Familie“ durch die Ausführung des Ahnenopfers und die Er­nährung der Familie fortsetzen konnte. Da die Töchter den eigenen Fami­lienbaum nicht fortsetzen konnten, wurden sie direkt als „Verlustposten“ abgeschrieben. „Patriarchalisch“ war die traditionelle Familienordnung, da in personen- und vermögensrechtlicher Hinsicht die Stellung des Famili­enoberhauptes nur vom Mann bekleidet wurde. In Süd-China war das Ein-Clan-Dorf die Regel. Durch die Heirat zog die Frau in den Herrschaftsbe­reich des Mannesclans hinüber. Dieser Clan begründete sich auf einem wirklichen oder fiktiven gemeinsamen Vorfahren. Somit war das Familien­recht „patrilokal“. Da die Frau den Clannamen des Mannes erhielt, ist es auch als „patronym“ zu bezeichnen.

Bezeichnend und kennzeichnend für das traditionelle Familienrecht war auch die Tatsache, dass die Eltern den passenden Partner für ihre Kinder aussuchten. Eine große Rolle bei dieser Auswahl spielten astrologische Aspekte, nach denen eine „Harmonie“ zwischen Menschen quasi voraus­gesagt werden konnte.

Doch nicht allein durch die traditionelle Familienordnung ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft gekennzeichnet. Vielmehr spielt auch der Konfuzianismus wieder eine entscheidende Rolle. Er „zeigte sich vor allem seit dem Aufkommen des Neokonfuzianismus im 12. und 13. Jahrhundert rigoros frauenfeindlich“[11]. Für die Frauen galt seit damals das Gebot der „Drei Gehorsamkeiten und vier Tugenden“[12]. Die „drei Gehorsamkeiten“ kamen dadurch zum Ausdruck, dass die Frau als Kind dem Vater, als Ehefrau dem Gatten und als Witwe dem Sohn unterstand. Als „vier Tu­genden“ galten rechtes Benehmen, rechtes Aussehen, rechtes Sprechen und rechtes Tun. Auch im sexuellen Bereich wurde die Frau durch das Gebot der „Reinheit“ unterdrückt. Vor der Heirat hatte sie ihre Jungfräu­lichkeit zu wahren, während der Ehe hatte sie ihrem Mann strikt treu zu sein und nach dem Tode des Mannes musste sie ihr Leben als Witwe zu Ende führen.

Schon durch diese kurzen Ausführungen wird deutlich, dass Frauen im alten China kaum Möglichkeiten der Selbstentfaltung hatten. Ihr Leben war auf die Heirat und das Kinderkriegen ausgerichtet. Auf dem Lande hatte die Frau durch ihre Beteiligung an den anfallenden Arbeiten einen höheren Stellenwert und somit auch mehr Mitspracherecht in der Familie.

Erst durch das „moderne Ehegesetz“ von 1950, welches 1980 nochmals überarbeitet wurde, ließ man entscheidend von dem tradierten konfuziani­schen Familienrecht ab. Nun basierte eine Eheschließung auf Freiwillig­keit, auch die Scheidung war laut Papier ohne größere Schwierigkeiten zu vollziehen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau war ebenso ver­ankert wie die Festlegung eines Mindestheiratsalters, auf welches ich im Kapitel über die Bevölkerungspolitik von 1978 bis heute noch näher ein­gehen werde.

Dass eine Frau auch heute noch nicht den gleichen „Stellenwert“ wie ein Mann besitzt, zeigt sich besonders deutlich auf dem Lande. Wegen der heute praktizierten Ein-Kind-Politik ist es für eine Familie, die auf dem Land lebt, ein großes Unglück, wenn die Frau eine Tochter zur Welt bringt. Die Sohnes-Präferenz beruht auf der Tatsache, dass ein männlicher Nachkommen bei der Arbeit auf dem Feld besser mithelfen kann, während eine Tochter nur bis zur Heirat den eigenen Haushalt unterstützt. Auch gilt häufig, dass „nur männliche Nachkommen Land erben können“[13]. Aber auch in der Stadt wünschen sich die Eltern eher einen Jungen, da diese „als die einzig zuverlässige Altersversorgung“[14] gelten. Wie dramatisch die Geburt eines weiblichen Kindes von vielen Eltern empfunden wird, zeigt die Tatsache, dass seit der Verbreitung von Ultraschallgeräten Ende der 70er Jahre „gezielt Abtreibungen weiblicher Föten“[15] unternommen wer­den. Diese Zahl soll sich in China auf über 1,5 Millionen belaufen. Auch gibt es immer wieder Berichte über Mädchenmorde in China, bei denen die Eltern ihren Säugling kurz nach der Geburt töten, damit sie „eine zweite Chance“ auf einen männlichen Nachkommen haben, da die Ge­burtenregelung ihnen ja nur ein Kind zugesteht.

[...]


[1] Böcker, Bärbel: Chinas kleine Sonnen. Münster. 1989. S. 9.

[2] vgl.: Taube, Wolfgang: China. München. 1970. S. 108.

[3] ebd. S. 108.

[4] vgl.: Franke, Wolfgang: China Handbuch. Düsseldorf. 1974. S.135.

[5] http://www.china.org.cn/de-changshi/

[6] Scharping, Thomas: Bevölkerungspolitik. In: Louven, Erhard (Hrsg.): Chinas Wirtschaft zu

Beginn der 90er Jahre. Hamburg. 1989. S. 36.

[7] Staiger, Brunhild et al.(Hrsg.): Das große China Lexikon. Hamburg. 2003. S.85.

[8] ebd. S. 86.

[9] ebd. S. 86.

[10] Bei den folgenden Ausführungen und den Erläuterungen der Begriffe beziehe ich mich auf:

Weggel, Oskar: China. Zwischen Marx und Konfuzius. München. 1988. S. 191 f..

[11] ebd. S. 193.

[12] vgl.: Weggel, Oskar: Frauen in China. In: Diehl, Elke u. Faulenbach, Jürgen (Hrsg.):

Volksrepublik China (Informationen zur politischen Bildung. München. 1998. S. 40.

[13] Hoffmann, Thomas: Mädchen unerwünscht. In: Geographie heute 175, 1999. S. 33.

[14] ebd. S. 32.

[15] ebd. S. 33.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638059206
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86896
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
Bevölkerungsentwicklung Familienplanung Volksrepublik China

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