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Jüdische Musik und ihre Rolle in Joseph Roths Roman "Hiob"

Vordiplomarbeit 2003 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Jüdische Musik
2.1. Die Wurzeln jüdischer Musik
2.1.1. Musik in der Synagoge
2.2. Jüdische Musik in Osteuropa
2.2.1. Kurzer Exkurs zur Jiddischen Sprache
2.2.2. Das Jiddische Lied
2.2.3. Die Klezmorim
2.3. Jüdische Musik in Amerika
2.4. Zusammenfassung

3. Die Musik in Joseph Roth´s “Hiob”
3.1. Die musikalische Entwicklung Menuchims
3.2. Menuchims Lied
3.3. Verlauf und Entwicklung der Musik im Roman

4. Nachwort

5. Quellenverzeichnis

1. Vorwort

In der vorliegenden Arbeit soll es um Jüdische Musik, ihre Geschichte, und ihre Bedeutung in Joseph Roth Roman „Hiob“ gehen.

Im Roman „Hiob“ von Joseph Roth spielt die Musik als spezielle Kunstform eine Rolle, die nicht gering ist. Es handelt sich an den meisten Stellen des Romans um religiöse Musik, aber auch um das Lied. Um diese beiden Arten jüdischer Musik zu verstehen, hielt ich eine ausführliche Darstellung der Geschichte und des Wesens der traditionellen jüdischen Musik für angebracht. Ich habe meinen Blick hauptsächlich auf die Musik in Osteuropa und später Amerika im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gerichtet, da dort auch die Schauplätze des Romans liegen.

Wichtig ist dieser erste Teil vor allem, um die Musik Menuchims von der traditionellen religiösen jüdischen Musik abzugrenzen, denn diese hat gerade einen nichtreligiösen Charakter und darin liegt ihre besondere Bedeutung und Funktion am Ende des Romans. Die Abwendung von der religiösen Musik hat symbolische Funktion und spielt eine Rolle für das Verständnis des Romans, die im zweiten Teil erörtert werden soll.

Für den Roman sind v.a. die Exkurse zur Synagogalmusik und zum Jiddischen Lied von Interesse, der Teil zur Klezmermusik dient v.a. der Vollständigkeit der Darstellung, denn diese spielt im Roman nur eine eher untergeordnete Rolle (nur der Aspekt der Instrumentation der Kapeljes wird angesprochen - in der Auswahl des Instrumentes, das Menuchim bei Familie Billes zum ersten mal hört und später selbst spielt: die Geige; sowie der Aspekt des Kompositionsstils der Klezmorim, den Menuchim scheinbar instinktiv übernimmt).

Begrifflich ist hierbei zu beachten, dass für mich zwischen nichtreligiöser Musik und jüdischer Musik kein Widerspruch besteht. Jüdische Musik kann durchaus auch nichtreligiös sein, z.B. in zahlreichen jüdische Lieder oder der heutige Klezmermusik. Auch moderne Musik kann als jüdisch gelten, wenn sie z.B. traditionelle jüdische Elemente verarbeitet/ enthält, oder der Komponist jüdischer Abstammung ist.

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil für mich das Interessante an jüdischer Kultur und Tradition schon immer die Jüdische Musik war. Da ich selbst Geige spiele (seit 15 Jahren) und singe (im Hauptfach), verbindet sich mit diesem Thema auch ein ganz praktischer Aspekt – ich will verstehen, woher diese besondere Art des Spielens und Singens herrührt, die man eigentlich nicht lernen kann, sondern fühlen muss.

2. Jüdische Musik

2.1. Die Wurzeln jüdischer Musik

Die Wurzeln jüdischer Musik liegen im religiösen Bereich. Musik war und ist ein Teil des Gottesdienstes, des religiösen Jahres, festlicher religiöser Anlässe.

Sie dient von Anbeginn an der Anbetung und des Lobes Gottes, aber auch der flehenden Klage und der Erlösung. Sie ist vor allem ein Mittel, um mit Gott Kontakt aufzunehmen. Und Gott kann durch Musik wirken – erfreuen, trösten, befreien, erlösen.

Schon in der Bibel wird beschrieben, dass im Alten Israel bei religiösen Anlässen gesungen, gespielt und z.T. getanzt wurde.[1] Es ist auch von Instrumenten die Rede und manche Liedtexte sind vollständig zitiert. So z.B. das Preislied Moses (hier nur ein Ausschnitt):

Das Danklied der Befreiten

Damals sangen Mose und die Israeliten

ein Lied zur Ehre des Herrn:

Mit meinem Lied will ich den Herrn besingen,

der seine große Macht erwiesen

und Roß und Mann ins Meer geworfen hat!

Mit meinem Lied will ich ihn preisen,

ihn, meinen Herrn, der mir zu Hilfe kam!

Mein Gott ist er, ich rühme seine Macht;

Ich preise ihn, den schon mein Vater ehrte.[2]

(...)

Interessant ist der Siegessang Miriams, weil dort auch von Instrumenten die Rede ist:

Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm ihr Tamburin, und alle Frauen schlossen sich ihr an. Sie schlugen ihre Tamburine und tanzten im Reigen. Mirjam sang ihnen vor, und sie antworteten im Chor:

„Singt, singt dem Herrn,

der seine große Macht erwiesen

und Roß und Mann ins Meer geworfen hat!“[3]

Andere Überlieferungen gibt es jedoch aus dieser frühen Zeit nicht. Es gibt weder Notenschrift noch musiktheoretische Abhandlungen. Die Musik wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, vieles bis heute, natürlich z.T. transformiert.

2.1.1. Musik in der Synagoge

Der Gesang bildet den Mittelpunkt der jüdischen Synagogalmusik, denn seine Texte sind Teile der heiligen Schrift.[4] Er ist semitisch-orientalisch geprägt, meist rhythmisch frei und hat eine rezitative Form.[5]

Der ganze Alltag der Juden ist von Musik durchzogen: das traditionelle religiöse Lernsystem, v.a. das Gebet ist untrennbar mit dem Gesang in seinen verschiedenen Formen verwoben.[6]

Die Cantillation war eines der wichtigsten Elemente der altjüdischen Musik. Es war eine Art gesungene Darbietung der biblischen Bücher, wobei jedes Buch und sogar jede Stelle eines bestimmten Gesangs bedurfte, der lange Zeit nur mündlich überliefert wurde und also einzig im Gedächtnis des Vortragenden war! (Erst nach der Zerstörung des zweiten Tempels (70 u.Z.) wurde ein Zeichensystem als Erinnerungshilfe eingeführt).[7]

Der Chasan (die Chasonim) spielte in diesem Bereich die größte Rolle: er war Vorsänger und Vorbeter in der Synagoge, sogar eine Art Kantor. Er sang die Liturgie, z.T. abwechselnd mit der Gemeinde oder einem Chor. Es hatte eine sehr gute, fundierte sängerische Ausbildung und war neben den Klezmorim, die vorrangig instrumentale Musik machten, ebenfalls ein professioneller Musikausübender innerhalb der jüdischen Gemeinden Osteuropas.[8]

Deshalb kam ihm auch eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu: er wurde zum Konzertsänger des Schtetls, der Gottesdienst wurde durch ihn zu einer Art Konzert, denn es gab gewöhnlich weder Konzertsaal noch Opernhaus im Schtetl.

Der Gesang der Chasonim entwickelte sich zu einer Kunstform, der sogenannten konzertanten Chasanut, die in Amerika nach 1900 ihren Höhepunkt erreichte.

2.2. Jüdische Musik in Osteuropa

In Osteuropa entwickelte sich jedoch eine eigene Form der Chasanut.[9]

Der jüdische Ansiedlungsrayon in Osteuropa war hauptsächlich von kaukasischen Völkern besiedelt, als im 14. Jahrhundert die ersten Juden aus Deutschland (hebr. Aschkenas) vor den Auswirkungen der Kreuzzüge und der Pestepidemien dorthin flohen.

Es setzte ein Prozess der gegenseitigen Beeinflussung ein, die Stile vermischten sich.

Die Musik der kaukasischen Völker war geprägt von sogenannten Bordundenken: Melodien wurden über gleichbleibende, liegende Noten oder Akkorden (Bordun) gespielt. Die einwandernden deutschen Juden dagegen brachten Musik mit, die strukturiert und rhythmisch gegliedert war und auf eigenen Tonskalen beruhte, den alten Schteygers. Bald entstand eine Symbiose aus beiden Strukturen, schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts gab es einen eigenständigen sogenannten ostaskenasischen Stil.[10]

Die Chasonim nahmen auch hier eine bedeutende Rolle ein, was die Entwicklung der Musik der Juden in Osteuropa angeht. Oft waren sie auch als Komponisten tätig und manche von ihnen machten neben dem Beruf in der Synagoge eine Opernkarriere. Sie hatten z.T. herausragende Stimmen und eine ausgezeichnete Technik, sowie eine besondere Art der Verzierungen - das Schluchzen und Jauchzen z.B. -, die sie einmalig machte in der restlichen Operlandschaft.

Die jüdische Musik (auch die osteuropäische Chasanut) wurde sehr stark geprägt von chassidischen Gedanken und Praktiken.[11] Der Chassidismus ist eine in der Mitte des 18. Jahrhunderts begründete religiöse Bewegung, die großen Wert auf Fröhlichkeit, Gesang und Tanz in der Glaubensausübung legte. Grundlage der Musik der Chassidim war eine Tanzmelodie, die ohne Worte, nur auf Silben gesungen wurde (bis zur Ekstase), der Nigun. Manchmal wurden diese Melodien auch benutzt, um mit ihrer Hilfe im Cheder Bibeltexte auswendig zu lernen.

2.2.1. Kurzer Exkurs zur Jiddischen Sprache

Das Jiddische ist eine westgermanische Sprache und basiert auf einer rheinfränkischen Mundart des Mittelhochdeutschen. Es weist zahlreiche hebräische und aramäische[12][13] Wörter auf (sogenannter semitischer Einfluss). Man unterscheidet zwei Dialekte: das Westjiddische, das ursprünglich in Westeuropa gesprochen wurde und heute ausgestorben ist; sowie das Ostjiddische, das in Osteuropa beheimatet war, heute jedoch in vielen Staaten der Welt gesprochen wird. Es weist neben Hebraismen auch zahlreiche Slavismen auf.

Aus dem Jüdisch-Teutsch, das von den aschkenasischen Juden gesprochen wurde, entwickelte sich durch die Wanderung der Juden nach Osteuropa, die kulturelle Isolation, sowie den Kontakt mit den dort lebenden Völkern das Jiddische.[14] Diese Entwicklung war im 18. Jahrhundert abgeschlossen und eine ostjüdische Literatur konnte entstehen.

Jiddisch wird in hebräischen Lettern geschrieben, d.h. von rechts nach links und fast ohne Kennzeichnung der Vokale.[15] Jeder kann einen Text also in seinem eigenen jiddischen Dialekt lesen.

[...]


[1] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S. 11

[2] Die Bibel im heutigen Deutsch. Die Gute Nachricht des Alten und Neuen Testaments mit den Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften/ Apokryphen). Stuttgart 1995, 2. Buch Moses, Kapitel 15, Vers 1-3, S. 64

[3] Vgl. ebd. Vers 20-22, S. 65

[4] Ottens, Rita / Rubin, Joel: Klezmer – Musik. Kassel 1999, S. 75

[5] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S.12

[6] Ottens, Rita / Rubin, Joel: Klezmer – Musik. Kassel 1999, S. 78

[7] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S.12ff

[8] Ottens, Rita / Rubin, Joel: Klezmer – Musik. Kassel 1999, S. 80

[9] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S. 16

[10] Ottens, Rita / Rubin, Joel: Klezmer – Musik. Kassel 1999, S. 72

[11] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S. 47 ff.

[12] Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart; Weimar 2000, S. 325, Spalte 1

[13] Lilienfeld, Francois: Die Musik der Juden Osteuropas. lomir ale singn. Zürich 2002, S. 41

[14] Vgl. ebd., S. 42

[15] Frankl, Hai &Topsy (Hrsg.): Jiddische Lieder. Frankfurt am Main 1981, S. 21

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638011907
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86717
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institur Germanistik
Note
2,5
Schlagworte
Jüdische Musik Rolle Joseph Roths Roman Hiob Identität

Autor

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