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Mediengesellschaft zwischen Moderne und Postmoderne - über Folgen für musikdidaktische Theoriebildung

Examensarbeit 2001 71 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkungen

1. Einleitung

2. Über die Rolle der Soziologie

3. Modernisierungstendenzen

4. Mediengesellschaft
4.1 Mediengesellschaft: Abgrenzungen
4.2 Mediengesellschaft – praktische Auswirkungen
4.3 Ambivalenter Charakter der Medien

5. Moderne versus Postmoderne
5.1 Die Moderne
5.2 Die Postmoderne
5.3 Die postmoderne Moderne

6. Ambivalente Reaktionen der Pädagogik
6.1 Medien als Risiko
6.2 Medien als Chance

7. Medien und Politik

8. Medienkompetenz

9. Ambivalente Reaktionen der Musikpädagogik
9.1 Rock- und Popmusikdidaktik
9.2 Medien als Rivalen?
9.3 Passivität durch Medien?
9.4 Fernsehen und Musik
9.5 Gegensteuern?

10. Musikpädagogik zwischen Moderne und Postmoderne
10.1 Neue Heterogenität
10.2 Kritik an der Rock- und Popmusikdidaktik
10.3 Postmoderner Pragmatismus?

11. Didaktische Überlegungen
11.1 Didaktische Funktionen
11.2 Computer als Werkzeug?

12. Didaktische Reaktionen
12.1 Pluralisierung
12.2 Verselbständigung
12.3 Ambivalenzen

13. Musikdidaktische Theoriebildung

14. Resümee

15. Literatur

Vorbemerkungen

In der vorliegenden Arbeit wird die neue deutsche Rechtschreibung verwendet. Alle Zitate wurden originalgetreu übernommen, jedoch wird auf eine Kennzeichnung von heute als fehlerhaft geltenden Schreibweisen in den Zitaten (durch das übliche sic) verzichtet.

Verzichtet wird aufgrund der enormen Anzahl von Fußnoten und aus Gründen der Übersichtlichkeit weiterhin auf die Abkürzung A.a.O. Stattdessen erfolgen die Literaturangaben vollständig, es sei denn, es wird wiederholt und ohne Unterbrechung durch eine andere Angabe von der gleichen Quelle zitiert (in diesem Fall wird durch Ebd. abgekürzt).

Schließlich möchte ich mich noch auf diesem Wege für die Anregungen der Professoren Martin Pfeffer, Peter W. Schatt und Stefan Orgass der Folkwang-Hochschule Essen bedanken.

1. Einleitung

Unsere heutige Gesellschaft ist stark medial geprägt und durch Modernisierungstendenzen gekennzeichnet. Die Folgen, die sich daraus ergeben, wurden innerhalb der Musikpädagogik meines Erachtens nach nur unzureichend reflektiert. Gegenwärtig werden die Medien meist nur als Lernwerkzeuge und Arbeitsmittel begriffen, wodurch der musikdidaktische Umgang mit den Medien eher pragmatische, jedoch nicht theoretisch durchdrungene Charakterzüge trägt. Durch den Einfluss der Medien ergeben sich jedoch starke Veränderungen, die nicht zuletzt Auswirkungen auf den schulischen Musikunterricht haben. In der vorliegenden Arbeit werden die Folgen dieser Auswirkungen im Hinblick auf die musikdidaktische Theoriebildung thematisiert.

Die Behandlung dieses Themas ist insofern schwierig, da die Musikpädagogik bis heute keine fachspezifische Mediendidaktik entwickelt hat. Weiterhin gibt es nur wenige Stellungnahmen zu den (postmodernen und medialen) gesellschaftlichen Veränderungen, auf die die Musikpädagogik aufgrund der schulischen Auswirkungen eigentlich viel engagierter reagieren müsste.

Diese Hausarbeit leistet zwar in einem gewissen Sinn Pionierarbeit, allerdings besteht das Ziel nicht darin, eine eigene didaktische Theorie zu entwickeln oder zu präferieren. Eher ist die Arbeit als ein Appell an die Musikpädagogik zu verstehen, sich mit dem Thema Medien und Mediengesellschaft stärker als bisher zu beschäftigen.

Schon am Anfang der vorliegenden Examensarbeit wird deutlich, dass ein starker Bezug zu musikpädagogischen Nachbarwissenschaften bei der Behandlung des Themas unerlässlich ist. Die Mediengesellschaft wird sowohl unter soziologischen als auch philosophischen Gesichtspunkten thematisiert, bevor Reaktionen aus der allgemeinen Pädagogik wiedergegeben werden. Es folgt ein kleiner Exkurs auf die politische Ebene, da die Politik letztlich die schulischen Rahmenbedingungen steuert. Nachdem ausführlich auf das Thema Medienkompetenz eingangen wird, folgt eine Darstellung und Bewertung von mehreren musikpädagogischen Reaktionen auf die Herausforderungen der Mediengesellschaft. Danach wird die problematische Situation der Musikpädagogik aufgezeigt, die sich zwischen Moderne und Postmoderne befindet. Es folgen zunächst didaktische Vorüberlegungen hinsichtlich des Einsatzes von Medien, gefolgt von didaktischen Konsequenzen auf bestimmte gesellschaftliche Veränderungen. Schließlich findet noch ein kurzer Überblick über die musikdidaktische Theoriebildung statt, bis die Arbeit schließlich mit einem Resümee endet und mehrere Schlussfolgerungen bezüglich des Examensthemas aufgezeigt werden.

2. Über die Rolle der Soziologie

Die Soziologie tut sich schwer mit der Antwort auf die Frage, in welcher Gesellschaft wir überhaupt leben. Es existieren eine Fülle von unterschiedlichen Gesellschaftsbegriffen, die soziologisch entwickelt wurden. Doch in welcher von diesen Gesellschaftstypen leben wir eigentlich? In der multikulturellen Gesellschaft, der schamlosen Gesellschaft, der individualisierten Gesellschaft, der Weltgesellschaft, der postindustriellen Gesellschaft, der Risikogesellschaft, der Marktgesellschaft, der Erlebnisgesellschaft, der Informationsgesellschaft oder der Medien-gesellschaft?[1] Eine schnelle und eindeutige Antwort ist ohne Polemik wohl nicht möglich. Auch in der Philosophie gibt es keine einheitliche Denkrichtung bezüglich der Gegenwart. Befinden wir uns in der Moderne oder in der Postmoderne? Oder sogar in der postmodernen Moderne?

Es wird deutlich, dass der Gesellschaftstyp Mediengesellschaft nur ein Aspekt bzw. nur eine Charakterisierung der gegenwärtigen Gesellschaft sein kann, da ein holistisches Modell in der Soziologie gegenwärtig nicht existiert. Allerdings ist die Soziologie in der Lage gesellschaftliche Modernisierungstendenzen zu beschreiben, und genau diese Tendenzen werden den Schulalltag der Zukunft stark beeinflussen. Pädagogische und didaktische Entwürfe bedürfen gerade in Zeiten von starken Ambivalenzen und Paradoxien einer Reflektion der gesellschaftlichen Veränderungen, damit ein „Vorbeiunterrichten“ an der Realität durch bloße Anlehnung an Wissenschaftssystematiken vermieden wird. In diesem Zusammenhang fordert Wolfgang Klafki in seinem bildungstheoretischen Neuentwurf des Jahres 1992 gerade keine traditionalistische oder wissenschaftssystematische Orientierung, da sich seiner Meinung nach ein Allgemeinbildungskonzept „ ... nur als ein umfassender, zugleich pädagogischer [...] Entwurf im Blick auf Notwendigkeiten, Probleme, Gefahren und Möglichkeiten unserer Gegenwart und der voraussehbaren Zukunft“ begründen lässt. [2] Die Pädagogik (und mit ihr die didaktische Theoriebildung) muss oder sollte sich zumindest primär auf die Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Entwicklungen beziehen, will sie nicht sinnentleert wirken.

3. Modernisierungstendenzen

Auch wenn es in der Soziologie keine Einigung über „die richtige“ Gesellschaftsform gibt, erntet die Modernisierungstheorie von Hans van der Loo und Willem van Reijen, die sie 1990 entwickelten, breite Zustimmung aus allen Richtungen.[3] Van der Loo und van Reijen erfassen die gesellschaftliche Wirklichkeit und das menschliche Handeln aus den Perspektiven Struktur, Kultur, Person und Natur aus (siehe Abb.1). Diese vier Perspektiven (man könnte dazu auch Handlungsdimensionen sagen), lassen sich in jeder Handlung (mit wechselnden Kombinationsmöglichkeiten) unterscheiden. In jeder einzelnen Perspektive erscheint der Prozess der Modernisierung in einem anderen Licht: Aus struktureller Sichtweise ist der Prozess der Differenzierung kennzeichnend für die vorhandenen gesellschaftlichen Modernisierungstendenzen. Aus der Sichtweise der Kultur betrachtet, stellt sich der Modernisierungsprozess als ein Prozess der Rationalisierung dar, und innerhalb der Perspektiven Person und Kultur lassen sich Tendenzen der Individualisierung bzw. der Domestizierung feststellen. Alle vier Modernisierungstendenzen beinhalten paradoxe Entwicklungen, die im Folgenden kurz (mit Beispielen in Bezug auf die Mediengesellschaft) dargestellt werden.

Abb. 1 Paradoxien der Modernisierung:[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Struktur Kultur

Person Natur

a) Differenzierung besagt, dass sich die Gesellschaft von einem ursprünglich homogenen Ganzen in spezialisierte Einheiten differenziert. Dieser Prozess beinhaltet scheinbar gegenläufige Wirkungen: Einerseits findet ein Prozess der Maßstabverkleinerung statt, anderseits ist aber auch ein Prozess der Maßstabvergrößerung feststellbar. Im Bereich der Medien ist in den letzten Jahren ein weltumspannendes Netz von Medienkonzernen entstanden, deren Produkte als auch deren Geschäftsstrategie global ausgerichtet sind (gleich Maßstabvergrößerung). Viele Medienkonzerne wachsen zu global players heran um so ihren Einfluss zu steigern: „Transnationale Konglomerate wie News Corporation, Bertelsmann, Time Warner Turner oder Disney ABC sind entstanden, die auf allen medialen Hochzeiten tanzen, im Zeitungssektor, in Fernsehen, Film, Rundfunk wie Internet.“[5] Gleichzeitig ist aber auch ein Gegentrend zu mehr Regionalität erkennbar (Maßstabverkleinerung): Vor kurzem hat beispielsweise der WDR ein Regionalfenster eigens für die Stadt Köln gestartet – in den USA sind stadteigene Regionalfernsehsender gang und gäbe.

b) Der Prozess der Rationalisierung bezieht sich auf das Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit. Durch die zunehmende Differenzierung wird die gesellschaftliche Wirklichkeit in den entstandenen selbständigen sozialen Einheiten unterschiedlich wahrgenommen, und dabei werden eigene Normen und Werte definiert. Die Medien- und Kulturindustrie versorgt eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen und Subgruppen, beispielsweise hinsichtlich der Musikpräferenzen: In einer Befragung von ca. 600 Schülerinnen und Schülern des Jahres 1992 (Untersuchungsgegenstand waren u.a. jugendlicher Musikkonsum und Geschmackspräferenzen), wurden einhundertzehn (!) verschiedene Musikrichtungen von Schülern genannt – dabei wurden nur die Nennungen berücksichtigt, die mindestens zwei Schüler angaben.[6] Neben dieser Tendenz zur Pluralisierung findet aber auch eine Generalisierung der Gesellschaft statt: Die Musik der Weltstars wird durch die Medien global vertrieben, und Popkünstler wie Madonna oder Michael Jackson sind auf der ganzen Welt bekannt (Stichwort: Ver-Amerikanisierung oder McDonaldarisierung). Mit der Tendenz zur Generalisierung geht aber auch eine Relativierung der Bedeutung einher, die Reichweite der Musik geht sozusagen zu Lasten der Direktheit.

c) Die Tendenz zur Individualisierung zeigt die wachsende Bedeutung des Individuums, welches sich zunehmend nicht mehr als Teil eines Kollektivs ansieht. Auch aus dieser Perspektive sind ambivalente Tendenzen festzustellen: Wachsende Verselbständigung geht mit der Tendenz zum Abhängig-Werden einher. Nach Befunden der Jugendforschung streben die Jugendlichen zunehmend nach Autonomie und Selbstverwirklichung: „ 1981 waren es 20%, 1991 47%, die nach eigener Ansicht bis zum 14. Lebensjahr [!] zum ersten Mal selbständig über ihr Aussehen, also über Kleidung und Haarstil, entschieden haben.“ [7] Verstärkt wird dieser Trend durch die Medien, da die Jugendlichen (und Kinder) vor allem durch Fernsehen und Internet an Informationen gelangen, die früher nur den Erwachsenen vorbehalten waren (Neil Postman spricht in diesem Zusammenhang vom Verschwinden der Kindheit [8] ); die Jugendlichen (und Kinder) sind somit weniger abhängig von der Erwachsenenwelt. Auch aus der gesamtgesellschaftlichen Perspektive kann man eine zunehmende Verselbständigung erkennen; einige Soziologen wie z.B. Rainer Erd betonen die „ aufklärerischen Momente der Kulturindustrie“ [9], und argumentieren, dass ein mehr an Informationen eine Verstärkung der persönlichen Meinungsbildung bewirkt und somit die Verselbständigung des Individuums dank der Massenmedien zunimmt.

Geradezu diametral dazu ist Adornos und Horkheimers Verhältnis zu den Medien bzw. der Kulturindustrie; beide betonen den Aspekt des zunehmenden Abhängig-Werdens der Individuen und entwerfen das Bild von Konsumenten, die durch die Illusionsszenerie der Massenmedien kritikunfähig gemacht werden und in einem Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis zum Zwecke des Profits einiger weniger „gefangen“ sind:

„Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt. Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge. Die materiell ansehnliche und sozial klägliche Hebung des Lebensstandarts der Unteren spiegelt sich in der gleißnerischen Verbreitung des Geistes. Sein wahres Anliegen ist die Negation der Verdinglichung. Er muß zergehen, wo er zum Kulturgut verfestigt und für Konsumzwecke ausgehändigt wird. Die Flut präziser Information und gezielten Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich.“[10]

Der Aufklärungsgedanke wird durch die Medien nach Adorno / Horkheimer sozusagen ad absurdum geführt; der Mensch ist dem System der Kulturindustrie unterworfen und wurde deshalb zu einem unmündigen (= abhängigen) Objekt.

d) Für van der Loo und van Reijen ist der Prozess der Domestizierung ein weiteres Merkmal von Modernisierung, wobei sich aus dieser Perspektive die Tendenzen zur Dekonditionierung bzw. zur Konditionierung gegenüberstehen. Der Mensch entzieht sich durch technische Innovationen zunehmend seinen biologischen und natürlichen Begrenzungen: Durch immer ausgefeiltere Medientechnologien schwinden natürliche Begrenzungen (wie z.B. Entfernungen) zunehmend, so dass wir selbst mit Meldungen bzw. Informationen aus den entferntesten Gebieten versorgt werden. Der Preis für die Dekonditionierung von der Natur ist jedoch eine verstärkte Abhängigkeit von der Technik bzw. von Menschen, die den Umgang mit Technologien beherrschen, diese Tendenz bezeichnen die Autoren als Konditionierung.

Fazit: Der Modernisierungsprozess äußert sich nach van der Loo und van Reijen in einer zunehmenden Differenzierung, Rationalisierung, Individualisierung und Domestizierung der Gesellschaft. Jedes dieser Modernisierungstendenzen stellt ein Paradoxon dar und beinhaltet Ambivalenzen.

4. Mediengesellschaft

Die Paradoxien der Modernisierung finden sich in jedem der oben genannten Gesellschaftstypen – auch die Mediengesellschaft ist durch gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet. Bevor diese Tendenzen jedoch explizit herausgestellt werden, empfiehlt sich ein kleiner soziologischer Rückblick zur Entstehungsgeschichte des Begriffs Mediengesellschaft und eine Abgrenzung zum Begriff der Informationsgesellschaft.

4.1 Mediengesellschaft: Abgrenzungen

Der Begriff der Informationsgesellschaft taucht in der wissenschaftlichen Literatur zum ersten mal im Jahre 1973 auf. Daniel Bell publizierte in diesem Zeitraum das Buch „The Coming of Post-Industrial Society“ [11], in dem er systematisch die Geschichte der Menschheit zurückverfolgt und seine Theorie der postindustriellen Gesellschaft begründet (das Präfix „post“ ist hier im Sinne von „nach“ zu verstehen). Nach Bell entwickeln sich alle menschliche Gesellschaften universell nach dem gleichen Schema weiter: Es findet zunächst ein Wandel von der vorindustriellen Gesellschaft zur industriellen Gesellschaft statt; später erfolgt ein weiterer Wandel hin zur postindustriellen Gesellschaft.

In der nachindustriellen Gesellschaft sind die Menschen vorwiegend in Dienstleistungen tätig. Das Leben ist in dieser Gesellschaftsform ein „Spiel zwischen Personen“, da sich die Dienstleistungen am Menschen ausrichten. Um die Menschen optimal zu versorgen, müssen sie ausreichend mit Informationen versorgt werden, damit mögliche Probleme beim Waren- und Energietransport effizient gelöst werden können. Anders als in der vorindustriellen bzw. der industriellen Gesellschaft wird in der nachindustriellen Gesellschaft primär mit Informationen gehandelt: „In ihr zählt weniger Muskelkraft oder Energie als Information.“[12] Die Information wird als ein knappes, handelbares Gut angesehen, das eine zentrale Rolle innerhalb der Gesellschaft spielt; aus diesem Grunde verwendet Bell dafür den Begriff der Informationsgesellschaft.

Da sich Informationen per se nicht selbst verbreiten können, benötigen sie die Strukturen von Medien. Seitens der Medien bleibt es jedoch nicht bei einer neutralen Informationsvermittlung, da jedes Medium eine spezifische Eigenart hat, welches die Realität (bzw. Informationen) auf eine eigene Art und Weise interpretiert. Wenn Marshall McLuhan sagt: „Das Medium ist die Botschaft.“ [13], so meint er damit, dass ein Medium gerade nicht wertfrei ist, sondern eine Botschaft impliziert – mit weitreichenden Folgen für unser Denken, Fühlen und Handeln. Die transportierte Information wird durch das Medium zu einer verarbeiteten und angebotenen Realitiät, die unser alltägliches Leben immer stärker beeinflusst: „Ohne mediale Gegenwart könnten wir uns kaum Vorstellungen von den Ordungen machen, in denen wir leben, handeln, arbeiten, phantasieren, uns verabreden, Neues planen oder uns mit anderen Menschen und sozialen Gruppen solidarisch erklären.“ [14] Einige Kulturkritiker, betonen in diesem Zusammenhang die starke Rolle des Mediums Fernsehen und prangern den Niedergang der Buchkultur an, so z.B. Neil Postman:

„Um es klar und deutlich zu sagen: Ich untersuche und ich beklage in diesem Buch die einschneidenste Veränderung, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innerhalb der amerikanischen Kultur vollzogen hat: den Niedergang des Buchdruck-Zeitalters und den Anbruch des Fernseh-Zeitalters. Dieser Umbruch hat zu einer dramatischen, unwiderruflichen Verschiebung im Inhalt und in der Bedeutung des öffentlichen Diskurses geführt, denn zwei so unterschiedliche Medien können nicht die gleichen Ideen in sich aufnehmen. In dem Maße, wie der Einfluß des Buchdrucks schwindet, müssen sich die Inhalte der Politik, der Religion, der Bildung und anderer öffentlicher Bereiche verändern und in eine Form gebracht werden, die dem Fernsehen angemessen ist.“[15]

Auch der Soziologe Pierre Bourdieu äußert sich kritisch zu den Folgen des Fernsehens und versucht nachzuweisen, dass dieses Medium „ ... für verschiedene Sphären der kulturellen Produktion, für Kunst, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Recht, eine sehr große Gefahr bedeutet.“[16] Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass das Fernsehen nur ein Medium unter vielen ist, so dass der Begriff der Mediengesellschaft nicht mit dem Begriff der Fernsehgesellschaft, wie ihn als erster Joshua Meyrowitz[17] geprägt hat, gleichzusetzen ist, da sonst andere wichtige Medien wie z.B. der Computer oder diverse Tonträger nicht genügend Berücksichtigung finden würden.

Problematisch ist nun, dass das Mediensystem soziologisch gesehen immer autonomer von anderen Subsystemen wird und sie in gewisser Weise sogar steuert (man denke nur an die alltäglichen Rituale auf Pressekonferenzen, auf den sich Politiker oder Unternehmensleiter medienkonform „verkaufen“ müssen, um erfolgreich zu sein. Die „Spielregeln der Mediengesellschaft“ [18] bestimmen auch die Handlungen aller anderen Gesellschaftsgruppen; so wird beispielsweise die Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen nicht nur durch massenmedial vermittelte Trends, Moden oder Chart-Musik bestimmt – die Massenmedien an sich beanspruchen zusätzlich noch einen hohen Anteil am Zeitbudget für den allergrößten Teil der Gesellschaft.

4.2 Mediengesellschaft – praktische Auswirkungen

Alle westlichen Industriestaaten sind mehr oder weniger gleich stark von den massenmedialen Auswirkungen betroffen. Wie auch in anderen Industriestaaten steht die Mediennutzung beispielsweise in den Niederlanden mit fast 41% Zeitanteil an der Spitze der Freizeitbeschäftigungen. Abgeschlagen folgen die Bereiche Kommunikation mit 26,4% und Hobbys mit 10,9% am Freizeitanteil[19] ; bemerkenswert ist die Tatsache, dass für die Mediennutzung 13 mal mehr Zeit veranschlagt wird als z.B. für soziale und politische Aktivitäten. Und ist es nicht bezeichnend, dass den Menschen die Mediennutzung wichtiger zu sein scheint als die Ausübung ihrer eigenen Hobbys?

In einer Befragung des Jahres 1994, in der 6-13jährige Kinder auf die Frage antworteten, was sie jeden Tag bzw. fast jeden Tag tun, gaben 82% „Fernsehen“ an, (zusammen mit der Kategorie „Video schauen“ würden sich rein rechnerisch gar 94% ergeben), was im Vergleich zu nichtmedialen Tätigkeiten wie z.B. „Drinnen spielen“ mit 53% oder „Selber Musik machen“ mit nur 15% der Nennungen vergleichsweise viel ist. [20] Die Freizeitaktivität „Fernsehen“ wurde nur von der Kategorie „Hausaufgaben machen“ (90%) übertroffen, welche jedoch eine Zwangskomponente enthält und somit nicht repräsentativ für die wirklichen Freizeitpräferenzen von Kindern sein kann. Im Schnitt sehen 3-13jährige Kinder jeden Tag zwar „nur“ 97 Minuten fern [21] ; diese Zahl muss jedoch aufgrund einer großen Anzahl von Vielsehern („Eine halbe Million Kinder [...] sitzen täglich mehr als fünf Stunden vor dem Bildschirm.“ [22] ) und einer hohen durchschnittlichen Verweildauer von 153 Minuten [23] relativiert werden. Das Medium Buch ist im Vergleich zu seinen elektronischen Konkurrenten weit abgeschlagen: Nur 15% aller 3-13jährigen Kinder geben an, dass sie jeden Tag bzw. fast jeden Tag ein Buch lesen; die Prozentzahlen der Kategorien „Kassetten/CDs hören“ und „Radio hören“ liegen dagegen bei ca. 30% - was im Vergleich zur Freizeitaktivität Fernsehen jedoch wenig anmutet. [24]. Das Medium Fernsehen scheint deshalb so erfolgreich zu sein, weil es den Kindern Spaß bringt, dem Abschalten dient und nicht zuletzt Langeweile vertreibt: „Jedes dritte Kind setzt sich vor den Bildschirm, wenn es nicht weiß, was es sonst tun soll.“ [25]

Die Reihenfolge der medialen Nutzungspräferenz von Jugendlichen unterscheidet sich relativ stark von den oben genannten Zahlen der jüngeren Medienbenutzer. In einer Befragung des Jahres 2000 gaben 12-19jährige hinsichtlich ihrer medialen Freizeitnutzung folgendes an: „Mindestens mehrmals pro Woche“ schauen über 90% Fernsehen, etwa gleich viele Jugendliche hören CD´s bzw. MC´s, Platz drei belegt knapp die Nutzung des Radios mit 84%, und immerhin wählen noch 60% der Befragten die Kategorie Computernutzung (zum Vergleich: Bücher lesen erreicht „nur“ 36%).[26] Misst man das Zeitbudget, das die Jugenlichen für audiovisuelle Medien aufbringen, ergibt sich im Gegensatz zur Nutzungspräferenz eine eindeutigere Rangfolge: Pro Tag verbringen die 14-19-jährigen demnach 142 Minuten vor dem Fernseher, 125 Minuten werden mit Radio hören verbracht, und für das hören von Tonträgern werden pro Tag nur etwa 46 Minuten veranschlagt. Rechnet man alle audiovisuellen Medien zusammen, kommt man annähernd auf 5 1/2 Stunden massenmedialer Konsum täglich - dabei ist der Zeitverbrauch für die Benutzung von Computern und Spielekonsolen noch nicht mal mit eingerechnet.[27] Schon jetzt ist im Zuge des technischen Fortschritts der Trend zu einer stärkeren Portabilität und damit auch zu stärkeren Verfügungsmöglichkeiten von Medien zu erkennen: Während man Computerspiele früher nur auf den häuslichen Computer bzw. Spielekonsolen spielen konnte, ist der Spielgenuss heute durch den Gameboy jederzeit möglich (welchen immerhin ca. 40% aller 10 bis 17-jährigen besitzen) – ähnliche Tendenzen gelten für den CD-Spieler (Discman) und Kassettenrecorder (Walkman). Die Entwicklung von Computerspielen für Handys steht zwar erst am Anfang, allerdings wird es bald durch die Einführung von UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) möglich sein, jederzeit Musik zu hören oder elektronischen Spielgenüssen zu fröhnen. Die Folgen für unsere Kultur könnten weitreichend sein. Einige Mediepädagogen, wie z.B. Johannes Fromme von der Universität Bielefeld, meinen, dass der mediale Einfluss der Medien durch die stärkeren Verfügungsmöglichkeiten so stark werden könnten, dass es für die Kinder und Jugendlichen kaum noch medienfreie Zeit (und damit zu eigener Verfügung stehende Zeit) geben wird: „Es geht um das Nichtstun, die Muße und darum, solche Ruhe aushalten zu können. Dass sie immer weiter verschwindet, ist der eigentliche kulturelle Wandel, der durch die Medien forciert wird.“[28]

Angesichts der oben genannten Zahlen und angedachten Tendenzen wird erst verständlich, dass wir uns schon längst in einer Mediengesellschaft befinden. Die Jugendlichen nutzen heute nicht nur die klassischen audiovisuellen Medien wie Fernsehen, Radio, Video und Tonträger - es sind gerade die neuen Kommunikationsmedien wie Internet und Handy, welche einen enormen Zuwachs an jugendlichen Nutzern verzeichen. Beispielsweise gaben im Jahre 1998 18% der Jugendlichen an, das Internet „zumindest selten“ zu nutzen, während die entsprechende Zahl für das Jahr 2000 schon bei 57% lag. 50% der Jugendlichen hatten im Jahr 2000 ein eigenes Handy – ein Jahr zuvor waren es nur 14%.[29] Im Vergleich zum Fernsehen können die neuen Medien also auf beachtliche Steigerungsraten verweisen, allerdings bleibt das Fernsehen bis jetzt noch das beliebteste Medium der Jugendlichen: Ca. zwei drittel aller Jugendlichen haben einen eigenen Fernsehapparat, und auf die Frage, auf welche Medien sie am wenigsten verzichten könnten, gaben zwei drittel aller Jugendlichen in einer Befragung des Jahres 2000 die Antwort „Fernsehen“ an (nur 23% entschieden sich jeweils für die Kategorien „Computer“ bzw. „Radio“).[30] Auch wenn der Fernseher eine Schlüsselstellung aufweist, wird die Freizeit der Schüler aufgrund der fortschreitenden Portabilität von Medien noch stärker mediatisiert sein als heute.

[...]


[1] Eine ausführliche Auflistung und Behandlung von Gesellschaftsbegriffen bietet Kneer, Georg / Nassehi, Armin / Schroer, Markus (Hg.): Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen. München: Wilhelm Fink Verlag, 1997

[2] Klafki, Wolfgang: Abschied von der Aufklärung? Grundzüge eines bildungstheoretischen

Gegenentwurfs. In: Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.): Abschied von der Aufklärung?

Perspektiven der Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske + Budrich, 1990,

[3] Loo, Hans van der / Reijen, Willem van: Modernisierung. Projekt und Paradox. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997. Die holländische Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel „Paradoxen van modernisering“

[4] Loo, Hans van der / Reijen, Willem van: Modernisierung. Projekt und Paradox. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997,

[5] Krönig, Jürgen: McWorld. Medienqualität und Gesellschaft: Eine fatale Beziehung? In: epd Medien vom 28.10.2000 (Nr.86),

[6] Lettermann, Ulrich: Jugend - Musik - Jugendkultur – Schule: Ohnmacht vor der Vielfalt? In: Gembris, Heiner u.a.(Hrsg.): Musikpädagogische Forschungsberichte 1993. Augsburg: Wißner, 1994,

[7] Behnken, Imbke und Fischer, Arthur (Hrsg.): Jugend ´92, Bd.1. Opladen 1992, S.219f., hier zitiert nach: Bohnsack, Fritz: Wandlungen der Schule und ihre Hintergründe. In: Helms, S. / Jank, B. und Knolle, N. (Hrsg.): Verwerfungen in der Gesellschaft – Verwandlungen in der Schule. Augsburg: Wißner, 1996,

[8] Vgl. Postman, Neil: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag, 1985

[9] Erd, Rainer: Kulturgesellschaft oder Kulurindustrie? Anmerkungen zu einer falsch

formulierten Alternative. In: Erd, Rainer u.a.: Kritische Theorie und Kultur. Franfurt/Main,

1989,

[10] Horkheimer, Max / Ardorno, Theodor W. : Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1997,

[11] Deutsche Übersetzung: Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt am Main: Campus Verlag 1985

[12] Bell, Daniel: Ebd.,

[13] McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. Düsseldorf/Wien 1986, S.14, hier zitiert nach: Schläbitz, Norbert: Der diskrete Charme der Neuen Medien. Augsburg: Wißner, 1997,

[14] Faßler, Manfred: Informations- und Mediengesellschaft. In: Kneer, Georg / Nassehi, Armin / Schroer, Markus (Hg.): Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen. München: Wilhelm Fink Verlag, 1997, S.334 f.

[15] Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1985,

[16] Bourdieu, Pierre: Über das Fernsehen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998,

[17] Vgl. Meyrowitz, Joshua: Die Fernsehgesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter. Weinheim und Basel: Beltz, 1987

[18] Vgl. Löffelholz, Martin und Altmeppen, Klaus Dieter: Kommunikation in der Informationsgesellschaft. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994,

[19] Vgl. Franzmann, Bodo: Diagnosen zur Lesekultur beim Übergang in die Informationsgesellschaft. In: Medienpsychologie 2/1996, S.83 (Abbildung 2)

[20] Zahlen entnommen aus: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland – Zehnter Kinder- und Jugendbericht – mit der Stellungnahme der Bundesregierung (vom 25.8.1998). Quelle: http://www.bmfsj.de vom 14.1.2001,

[21] Zahl entnommen aus: Feierabend, Sabine und Simon, Erk: Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung 1999 von drei- bis 13-jährigen. In: Media Perspektiven 4/2000, S.161 (Abbildung2)

[22] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland – Zehnter Kinder- und Jugendbericht – mit der Stellungnahme der Bundesregierung (vom 25.8.1998). Quelle: http://www.bmfsj.de vom 14.1.2001,

[23] Zahl entnommen aus: Feierabend, Sabine und Simon, Erk: Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung 1999 von drei- bis 13-jährigen. In: Media Perspektiven 4/2000, S.161 (Abbildung2)

[24] Vgl. Feierabend, Sabine und Klingler, Walter: Kinder und Medien 1999. Ergebnisse der Studien KIM 99. In: Media Perspektiven 12/99, S.613 (Abbildung 3)

[25] Ebd.,

[26] Zahlen entnommen aus: Feierabend, Sabine und Klinger, Walter: Jugend, Information, (Multi-)Media 2000. In: Media Perspektiven 11/2000,

[27] Zahlen entnommen aus: Zeitbudget für audiovisuelle Medien 1998 bis 1999. In: Media Perspektiven 10/99,

[28] Hier zitiert nach: Hamann, Götz: Starren, bis die Augen rot sind. In: DIE ZEIT Nr.20 vom 10.5.2001,

[29] Zahlen entnommen aus: Feierabend, Sabine und Klinger, Walter: Jugend, Information, (Multi-)Media 2000. In: Media Perspektiven 11/2000, S.523 (Abbildung 6) und

[30] Ebd., S.526 (Abbildung 9)

Details

Seiten
71
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638105545
ISBN (Buch)
9783638741903
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v867
Institution / Hochschule
Folkwang Universität der Künste
Note
1,3
Schlagworte
Mediengesellschaft Moderne Postmoderne Folgen Theoriebildung

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