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Die Entwicklung der Stieffamilie

Beziehungs- und Alltagsgestaltung im Stieffamiliensystem

Hausarbeit 1995 62 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Grundannahmen/Definition

1.0 Die Familie als System

2.0 Die Entwicklung der Stieffamilie
2.1 Stieffamilienformen und -strukturen
2.1.1 Biographie der Partner
2.1.2 Entwicklungsaufgaben für die Stieffamilie
2.1.3 Alltagsorganisation

3.0 Rollenbildung im Stieffamiliensystem
3.1 Die Gestaltung der Mutterrolle in Stieffamilien
3.1.1 Situation der Mütter in Stiefvaterfamilien
3.1.2 Situation der Stiefmütter in Vaterfamilien
3.2 Die Gestaltung der Vaterrolle in Stieffamilien
3.2.1 Die Situation der Väter in Stiefmutterfamilien
3.2.2 Situation der Stiefväter in Mutterfamilien
3.3 Beziehungsgestaltung der Kinder

4.0 Auswirkungen der Trennung und Bewältigung des Verlusterlebnisses

5.0 Loyalitätskonflikte und die Zugehörigkeit zu zwei Familien

6.0 Beziehungen zu den Geschwistern

7.0 Die Rolle der Kinder, Beziehungsgestaltung und der Umgang mit der Mehrelternschaft

8.0 Sozialpädagogische Beratungsansätze

9.0 Thesenpapier

Thesen zur Entwicklung der Stieffamilie

Thesen zu allgemeinen Problembereichen und Bewältigungsmuster von Stieffamilien

Thesen zu Mütter in Stiefvaterfamilien

Thesen zur Stiefmutter

Thesen zu Väter in Stiefmutterfamilien

Thesen zu Beratung/Therapie

Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis*

Vorwort

Wer kennt sie nicht, all die Mythen, die sich um die Stiefmütter in Märchen ranken? Die Böse Mutter, die ihren Mann unterjocht und die Kinder des Vaters ablehnt, misshandelt und unterdrückt. Hänsel & Gretel der Gebrüder Grimm ist hierbei nur ein Paradebeispiel. Über all die Jahrhunderte hat sich das Bild der „Bösen Stiefmutter“ etabliert. Erst heute, mit dem Aufkommen von Gleichberechtigung, Emanzipation, Liberalismus und einer sich zunehmend verändernden Familiensoziologie innerhalb der Gesellschaft bröckelt das Bild der einseitig beschriebenen Stiefmutter, zumindest in der Professions- und Fachöffentlichkeit. Und diese ist seit jüngster Zeit auf universitärer Ebene redlich bemüht, mittels empirischen Forschungsergebnissen auch der Öffentlichkeit ein neues Stiefmutterbild, aber auch ein modernes Stiefvaterbild, zu vermitteln.

Das Thema des Seminars beschäftigt sich mit der Entwicklungshistorie, den Strukturen und Interaktionsformen von Stieffamilien. Insofern soll mit dieser Hausarbeit der aktuelle Stand der Forschung zum Thema skizziert werden. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt neben den Strukturen der Elterlichen Subsysteme vor allem in der Beschreibung der Kinder innerhalb von Stieffamilien sowie ihrer Beziehungen zu den Geschwistersystemen. Auf folgenden Fragestellungen liegt daher der Fokus dieser Arbeit:

- Welche Entwicklungsstadien und welche Strukturen gibt es im Stieffamiliensystem? Welche Auswirkungen hat die Bildung von unterschiedlichen Familienformen auf die Rollenmuster der jeweiligen Stieffamilienmitglieder, insbesondere auf die Elternschaft bzw. Stiefelternschaft?
- Welche Rolle nimmt das Kind in der neuen Familienkonstellation gegenüber dem leiblichen und nicht-leiblichen Elternteil ein, d.h. wie arrangiert es sich in dieser Familie, wie fühlt es sich, wie kommt es in ihr zurecht, sprich: welche Bewältigungsmechanismen werden vom Kind hierbei eingesetzt?
- Wie gestaltet sich die Beziehung zu den entweder leiblichen oder nicht-leiblichen Geschwistern, d.h. entsteht eventuell eine besonders enge Bindung, oder kommt eine solche erst gar nicht zustande; wird es ausgegrenzt, steht es in Konkurrenz zu seinen Geschwistern etc.?
- Welches Verhältnis hat das Kind zu dem außerhalb lebenden Elternteil, d.h. wird es von diesem abgelehnt oder angenommen und wie trägt sich dieses Verhältnis in die Gestaltung des neuen Familienlebens von Seiten des Kindes hinein?
- Welche Beratungsansätze gibt es bei Problemlagen die qua Status Quo Stieffamilien inhärent sind? Sind systemische Therapieansätze auf die Sonderformen der Stieffamiliensystemik ausgelegt?

Um dieses Thema bearbeiten zu können sollen in den ersten beiden Abschnitten die Begriffe Familie bzw. Stieffamilie und Stiefkinder geklärt werden um an späterer Stelle die Stellung der Kinder im Familiensystem aufzeigen zu können. Im dritten Kapitel wird sich eingehender mit der Rollenbildung innerhalb eines Stieffamiliensystems beschäftigt, um die Kommunikations- und Interaktionsmuster als Rahmenbedingungen aufzeigen zu können. Im Anschluß daran zeige ich auf, wie Kinder den Verlust eines Elternteils erleben und welchen Loyalitätskonflikten sie ausgesetzt sein können. Danach stelle ich die verschiedenartigen Möglichkeiten der Geschwisterbindungen zu leiblichen und Stief- oder Halbgeschwistern mitsamt ihren Erscheinungen auf. Im siebenten Kapitel skizziere ich die in der Literatur aufgeführten Rollenerscheinungen bei Kindern im Stieffamiliensystem sowie den Umgang mit der Mehrelternschaft. Sozialpädagogische Beratungsansätze weisen auf Problemstellungen hin, die das Stieffamiliensystem mit sich bringen kann und schlagen Lösungsansätze für Beratung- und Therapieformen vor. Als Diskussionsgrundlage dient hierbei die im Quellenverzeichnis angegebene Literatur.

Ralf-Peter Nungäßer, Frankfurt am Main im Januar 1995

Grundannahmen/Definition

Sucht man in der pädagogischen Lexikaliteratur nach den Begriffen ‚Stieffamilie’ oder ‚Stiefkind‘, so sucht man dort vergeblich. Erst seit Beginn der 80er Jahre wird das Phänomen ‚Stieffamilie‘ als sozialwissenschaftlicher Forschungsgegenstand empirisch erfasst und findet allmählich Einzug ins gesellschafts- bzw. sozial- und erziehungswissenschaftliche Bewusstsein: Sandhop (1981) befasst sich mit der historischen und soziologischen Darstellung der Stiefkind- und Stiefelternproblematik. Krähenbühl, Jellouschek, Kohaus, Weber (1984, 1986, 1987, 1991, 1995) stellen die Sieffamilie in ihrer Entwicklung und Phasen dar. Therapeutische Ansätze werden am Systemansatz von Minuchin (1981; Minuchin & Fishman, 1988) aufgezeigt. Fthenakis (1985) befasst sich explizit mit Familienentwicklungsansätzen bezüglich der Vaterforschung, die auch Stieffamilien betreffen. Als etablierte Stieffamilienforscher sind Friedl, Maier-Aichen (1991) zu benennen, die sich mit der Darstellung von Rollen-Modellen und Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder im Stieffamiliensystem (auch zum außerhalb lebenden Elternteil) befassen. Das Deutsche Jugendinstitut (Hrsg.; 1992) nimmt die Stieffamilie als Klientel sozialer Arbeit (Selbsthilfe, Beratung, Therapie, Fortbildung) in den Fokus. Maltzahn (1994) richtet sein Augenmerk auf Erfahrungsberichte aus Stieffamilien. Weiterhin befassen sich im angloamerikanischen Raum unter anderem Visher & Visher (1987) mit der Stieffamilienforschung.

Der Begriff des ‚Stiefkindes‘ ist zwar bislang noch nicht gesetzlich festgelegt worden, dennoch wird im Zuge einer sich wandelnden Gesellschaft (steigende Scheidungsraten und Wiederheirat) mit dem Phänomen ‚Stiefkind‘, als ein Bestandteil der Realität, länger schon auf juristischer Ebene operiert. So wird im Gesetzestext der Reichsversicherungsordnung (RVO) bezüglich der Regelung der Arbeiterrente und Waisenrente ausdrücklich von ‚Stiefkind‘ gesprochen (siehe §1261,1(2) und §1267,1(2)), ohne allerdings explizit definiert zu sein. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) benutzt wiederum nicht ausdrücklich den Begriff ‚Stiefkind‘, sondern spricht in der Regelung des Ehelichen Güterrechts vom ‚Nicht gemeinschaftlichen Kind‘ (siehe §1444,2 und §1466).

Im neuhochdeutschen Sprachgebrauch wird der Begriff ‚Stiefkind‘ auch im übertragenen Sinne für einen „vernachlässigten Gegenstand“ (DUDEN, Bd.7, 1963, S.679) verwendet, was allgemeinhin zu dem historisch geprägten Stigma führt, Stiefkinder seien immer verwahrlost (beraubt - verwaist - vernachlässigt - verwahrlost).

Selbst in Untersuchungen der pädagogischen Literatur wird das Bild vom pathologisch fehlentwickelten Kind nach der Scheidung bzw. in der Nachscheidungsphase geprägt (vgl. FRIEDL & MAIER-AICHEN, 1991, S.226ff). Zudem werden hier die Scheidungsfolgen ausschließlich problemorientiert untersucht und somit ungenügend differenziert dargestellt und erzeugen häufig eine einseitig negativ gefärbte Vorstellung und Gleichsetzung von Scheidungs- und Stiefkindern. Daß jedoch Kinder in der Nachscheidungsphase und vorallem in der Nachscheidungsfamilie unterschiedliche Bewältigungsmuster und Rollen für sich wählen, um auf diese Situation auf ihre Weise adäquat zu reagieren, wird in der pädagogischen Literatur erst allmählich untersucht und verdeutlicht (vgl. z.B. Langzeitstudie von WALLERSTEIN, in: FRIEDL & MAIER-AICHEN, S.227f, oder dieselben, S.234ff).

Die Bewältigungsmechanismen der Kinder auf die neue Familienzusammensetzung (und ihre Rollenbesetzung) haben differenzierte und komplexe Ursachen und sind monokausal nicht erklärbar, denn diese sind abhängig vom Individuum (Alter, Reife, Bewußtsein, Persönlichkeit etc.), den beiden Familien (Entwicklungsgeschichte, Status, Normen- und Wertevorstellungen, Rollenbesetzung innerhalb der Familien, Anzahl der Kinder etc.) und dem Beziehungsgeflecht zu den Umfeldfamilien (Großeltern/Stiefgroßeltern, Verwandte/Stiefverwandte) sowie deren Wechselwirkungen miteinander. Systemtheoretisch lassen sich nach VISHER & VISHER (1987) diese Wechselwirkungen damit erklären, daß alle Familienmitglieder (die der Kern- und Stieffamilie und deren Umfeldfamilien) Elemente eines Interaktions- und Beziehungsnetzes sind (z.B. Subsysteme, Dyaden, Generationen etc.), innerhalb dessen sich die Familienmitglieder mit ihrem Verhalten ständig gegenseitig beeinflussen (vgl. S.15).

Für Kinder bedeutet die Wiederheirat (oder Wiederbefreundung) ihres sorgeberechtigten bzw. leiblichen Elternteils eine ungemeine Vergrößerung ihres familiären Systems und die Zunahme von ständigen Interaktionen. Dieses neue Systemgeflecht (und die Zugehörigkeit zu zwei Familien) kann nun seinerseits für Kinder entweder eine Chance darstellen zusätzliche Rollenmodelle kennenzulernen und ein breites Spektrum an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten wahrzunehmen (vgl. VISHER & VISHER, S.162); andererseits kann aber diese Tatsache bedeuten, daß Kinder sich zwischen zwei Familien hin- und hergerissen fühlen, was Verunsicherung, Hilflosigkeit und Rückzug zur Folge haben kann.

Neben diesem Gesamtsystemgeflecht sind Kinder auch noch in das neue Familiensystem des wiederverheirateten leiblichen/sorgeberechtigten Elternteils verstrickt, für die es nun heißt, sich auf ein (oder mehrere) neue und fremde Familienmitglieder einzustellen (Stiefelternteil und ggf. dessen Kind/Kinder):

- Neue Rollen müssen nun vom Kind entwickelt und angenommen wer den.
- Die Beziehung zum leiblichen/sorgeberechtigten Elternteil verschiebt und verändert sich (eine neue Elterndyade entsteht, wo noch während der Nachscheidungsphase vielleicht die sorgeberechigter/leiblicher Elternteil-Kind-Dyade vorherrschte) in Richtung „Neue“-Eltern-Kind-Beziehung.
- Vergleiche werden gezogen zwischen dem außerhalb lebenden leiblichen Elternteil und dem Stiefelternteil.
- Übertragungen bzw. Projektionen vom außerhalb lebenden leiblichen Elternteil auf den Stiefelternteil finden beim Kind statt.
- Aushandlungen eines neuen Zugehörigkeitsgefühls bzw. des neuen Platzes in der Familie und Kompromißbereitschaft gegenüber den neuen Geschwistern kommen auf das Kind zu.
- Neue Gefühlzuordnungen, Vertrauensgebilde und Schuldgefühle werden erlebt und werden in beiden Familiensystemen zum Ausdruck gebracht.
- Erklärungsnot und Präsentationsprobleme gegenüber der unbeteiligten Außenwelt (Freunde, Schule) sowie gegenüber der Verwandtschaftswelt (Tanten, Großeltern) rücken in die Kommunikationsmittelpunkt des Kindes.

Diese genannten Interaktionsformen innerhalb der neuen Familie gestalten somit das neue (Rollen-)Verhalten des Kindes gegen über allen Familienmitgliedern mit und umgekehrt. All das sind Veränderungen, Rollen und Aufgaben, deren Lösung davon abhängig ist wie sich das neue Familiensystem untereinander versteht, wie die Familienmitglieder miteinander umgehen, auf welche Art Probleme gelöst werden und wie mit der Vergangenheit umgegangen wird.

1.0 Die Familie als System

In diesem Abschnitt sollen die derzeit in der Literatur differenziert beschriebenen Perspektiven der in der Familie wirksamen psychosozialen Mechanismen dargestellt werden die für das Thema Stieffamilie und ihre Strukturen von Bedeutung sind.

Die Familie stellt die kleinste soziale Einheit innerhalb der Gesellschaft dar. Ihr werden in der sozialisationstheoretischen Literatur die Sozialisationsfunktionen zugeschrieben, sich einerseits an die Erfordernisse der Gesellschaft anzupassen und andererseits das Wachstum ihrer Mitglieder, sowie Potentiale des Individuums zu fördern (Individuation). So sorgt die Familie, nach KREFT und MIELENZ (1988), für das „Finden der personalen und sozialen Identität“ (S.183), d.h. zum einen für das Zugehörigkeitsgefühl ihrer Mitglieder zum Familienbund und zum anderen, für das Gefühl des Individuums sich voneinander zu unterscheiden; wobei die Erwachsenen ihre Identität bereits gefunden haben sollten und die Kinder ihre persönliche Identitätsfindung noch als Aufgabe vor sich haben.

TIPPELT und BECKER (1984) sprechen in diesem Zusammenhang, in ihrem Bericht im Auftrag des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, von Reproduktions-, Plazierungs-, Haushalts-, Freizeit- und Kompensationsfunktionen, die der Familie als Hauptaufgaben zuteil wird (vgl. S.40).

Bei der Betrachtung der Familie als System, geht ANDERSON (1971) von fünf Hauptansätzen aus: dem psychodynamischen, dem strukturellen, dem kommunikationstheoretischen, dem erlebniszentrierten und dem verhaltenstherapeutischen Ansatz. „Diese fünf Ansätze haben einander so sehr beeinflußt, daß sie sich inzwischen beträchtlich aneinander angeglichen haben“ (KAUFMAN & KAUFMANN, 1986, S.215). Im Folgenden sollen die wichtigsten und einflußreichsten Systemtheorien vorgestellt werden.

Grundlage für die familientherapeutische Behandlung der Familie ist die von v.BERTALANFFY (1968) begründete Systemtheorie. Hinweisend darauf, daß sich die Aufmerksamkeit des Beobachters nicht primär auf das Individuum richtet, sondern auf das gesamte Familiensystem, geht v.BERTALANFFY von vier grundlegenden Annahmen aus (vgl. v.BERTALANFFY in v.VILLIEZ, 1986, S.5):

- Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.
- Jedes Teil wird am besten im Kontext des Ganzen verstanden.
- Findet eine Änderung in einem Teil statt, so beeinflußt dies jedes andere Teil.
- Das Ganze hat das Bestreben zur Homöostase. Hierunter wird das Bestreben von Gleichgewicht und Stabilität innerhalb des Familiensystems verstanden, das nur einen begrenzten Spielraum für Veränderungen zuläßt.

Der kommunikationstheoretische Ansatz von WATZLAWIK, BEAVIN und JACKSON (1969) geht, in einer der fünf Kommunikationsregeln, von der grundlegenden Annahme aus, daß es Menschen unmöglich ist, nicht zu kommunizieren und somit menschliche Kommunikation Ausdruck eines gegenseitigen Interesses oder Desinteresses ist (vgl. S.50ff). RICCI und PALAZZOLI (1984) erweiterten den hauptsächlich auf Dyaden bezogenen Kommunikationsansatz um den systemischen Aspekt. „Jede dyadische Kommunikation kann wiederum Teil eines unterschiedlichen großen Personennetzes sein. Mit jeder hinzukommenden Person erhöht sich die Komplexität des Kommunikationssystems und das dyadische Erklärungsmodell muß durch ein komplexeres ersetzt werden“ (v.VILLIEZ, 1986, S.5).

Daneben unterscheiden WATZLAWIK u.a. (1969) bei der Betrachtung des Kommunikationssystems in „geschlossene“ und „offene Systeme“ (S.117ff). Das offene System wird von SATIR (1988) als ein auf Veränderung eingestelltes System beschrieben, das ein erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Realität ermöglicht und das Selbstwertgefühl des Einzelnen an die höchste Stelle setzt. Das geschlossene System hingegen hat das Bestreben zur rigiden Homöostase: Veränderungen wird Widerstand entgegengesetzt. In ihm herrschen autoritäre Strukturen und es funktioniert nur durch Anwendung von Macht; Pflichterfüllung wird als vorrangig angesehen (vgl. S.143).

Gemäß MINUCHIN und FISHMAN (1988) stellt die Familie eine Gruppe dar, „die im Laufe der Zeit bestimmte Interaktionsmuster entwickelt hat. Diese Muster bilden die Familienstruktur, die ihrerseits das Verhalten der Familienmitglieder lenkt, ihren Verhaltensspielraum absteckt und ihre Interaktion ermöglicht“ (S.27). KAUFMAN & KAUFMANN (1986) nennen die Familie ein soziales System, „daß durch transaktionale Muster gesteuert wird. Das sind wiederholte Interaktionen (zwischen den Mitgliedern), die Muster einschleifen - wie, wann und zu wem in Beziehung getreten wird (...). Wiederholte Interaktionen schaffen Muster, und diese Muster unterstützen das Familiensystem“ (S.23). Die sich bildenden Muster von Aktion und Reaktion werden vertraut, sie werden als das Selbst empfunden und man gibt ihnen den Vorrang (vgl. S.23f).

Insgesamt sieht sich jeder Mensch als Einheit, als ein Ganzes, das mit anderen Ganzheiten in Interaktion steht, d.h. daß sich jeder Mensch in erster Linie nicht als Teil einer Familienstruktur erlebt, sondern als individuelle Einheit. Die Familie ist demnach ein System, das sich als Ganzes aus seinen Elementen und den Beziehungen zwischen ihnen zusammensetzt (vgl. MINUCHIN und FISHMAN, 1988, S.27), wobei eine wechselseitige Beeinflussung jeder Einheit im System stattfindet.

In diesem Zusammenhang entscheidet jede individuelle Einheit, im situativen Kontext des Familiengeschehens, in welcher Weise sie in Beziehung zu den anderen Einheiten treten möchte. Auf diese Art bilden sich im Familiensystem Subsysteme, die jeweils verschiedene Aufgaben ausführen und wiederum untereinander in Interaktion stehen. „Subsysteme in der Familie können einzelne oder auch Dyaden sein - wie etwa Ehemann und Ehefrau - und größere, durch Generation, Geschlecht oder Aufgaben (sowie Rollen) gebildete Untergruppen. Die Grenzen von Subsystemen werden durch Regeln definiert, die festlegen, wer auf welche Weise an ihnen teilnimmt“ (KAUFMAN & KAUFMANN, 1986, S.25). So sollen einerseits die Grenzen ausreichend definiert sein, damit es den Mitgliedern des Subsystems gestattet ist ihre Aufgaben zu erfüllen. Andererseits sollen sich Subsysteme jedoch nicht von der übrigen Familie isolieren und die Möglichkeit einschließen, andere Familienmitglieder für die Lösung spezieller Probleme des Subsystems - oder des Gesamtsystems - mit einzubeziehen (vgl. S.25f).

Strukturtheoretisch lassen sich die o.g. wissenschaftlichen Erkenntnisse ebenso auf das Familiensystem „Stieffamilie“ übertragen. Dabei lässt sich ergänzend für das Stieffamiliensystem folgendes postulieren: Diese Sonderform des Familiensystems bezeichnet eine Vielzahl unterschiedlicher Familienformen von der eheähnlichen oder ehevollzogenen Gemeinschaft mit Stiefgeschwistern oder Halbgeschwistern sowie mit oder ohne Kontakt zum geschiedenen Elternteil u.v.m. In diesem Zusammenhang lassen sich jenen unterschiedlichen familiären Lebensformen folgende Kriterien zuschreiben: Jeweils dem getrennten, dem verbliebenen oder verstorbenen Elternteil wird ein neuer sozialer Stiefelternteil informell oder formell hinzugefügt. In Folge einer räumlichen und sozialen Trennung der beiden Elternteile voneinander spielt sich das Familienleben meist in zwei verschiedenen Haushalten ab: Es gibt den Haushalt, in dem das Kind mit einem leiblichen Elternteil wohnt und in dem es die meiste Zeit lebt, die sogenannte Alltagsfamilie. Parallel dazu besteht, bei getrennt lebenden Elternteilen, meist der Haushalt des außerhalb lebenden Elternteils, den das Kind in den Ferien oder an den Wochenenden besucht, faktisch die Wochenendfamilie. Aufgrund der neuen Familienkonstellationen ergeben sich strukturell neue Interaktions- und Kommunikationsformen innerhalb der Alltags- und Wochenendfamilien sowie zwischen den beiden neuen Familienformen, die wiederum aufgrund von Trennungsbewältigungen spezifischen Handlungs- und Wertemustern unterliegen. Auf diese Interaktions- bzw. Kommunikationsmuster soll im Laufe der Hausarbeit näher eingegangen werden.

2.0 Die Entwicklung der Stieffamilie

Die Entwicklung der Beziehungs- und Alltagsgestaltung in der Stieffamilie ist abhängig von der Biographie der ehemaligen Kernfamilie, vom Verlauf der Trennung, von der Phase der Teilfamilie, von der Zusammensetzung der Stieffamilie und den daraus resultierenden Erwartungen der einzelnen Familienmitglieder an die Stieffamilie sowie von der Auseinandersetzungsbereitschaft mit der alten und neuen Familiensituation. Wie die einzelnen Geflechte nach Angaben von KRÄHENBÜHL (1995), FRIEDL & MAIER-AICHEN (1991) und VISHER & VISHER (1987) organisiert sind ist Gegenstand dieses und der folgenden Kapitel.

FRIEDL & MAIER-AICHEN (1991) untersuchten die Entwicklungen der Stieffamilie unter folgenden Aspekten:

A) Bedingungen vor der Stieffamilienbildung:

- Erste Ehe:
Der ersten Ehe wird unterschiedliche Bedeutung beigemessen:
- Männer haben meist eine längere Ehe hinter sich, dennoch erscheint sie ihnen bedeutungslos.
- Frauen beschreiben ihre erste Ehe als belanglos, emotionslos und kurz.
- Für Kinder bleiben geschiedene Elternteile präsent.
- Daß die erste Ehe gescheitert ist, wird vor allem einer mangelnden Anstrengung um eine gemeinsame Perspektive zugeschrieben (dies soll mit der Stieffamilie anders werden).
- Einelternschaft:
- Alleinerziehende Väter heiraten meist schneller als alleinerziehende Mütter, um den Kindern eine Ersatz-Mutter zu verschaffen (und für sich Entlastung).
- Mütter warten mit einer erneuten Partnerschaft länger als Väter, aus Rücksicht auf die Kinder (Kindern nicht zu schnell einen neuen Partner zumuten).
- Elternteile mit Familienwunsch entwickeln kein dauerhaftes Selbstverständnis als Teilfamilie.

KRÄHENBÜHL u.a. (1995) unterscheiden weiterhin in ihren Untersuchungen wie folgt zusammengefasst die Entwicklung zur Stieffamilie in drei Phasen:

1. Phase des Abschieds (von der bisherigen Partnerschaft bzw. Ehe und der bisherigen Familienform der Kernfamilie).

2. Phase der Teilfamilie (ein Elternteil mit vollem Sorgerecht für das Kind und dem Teilsorgerecht für den außerhalb lebenden Elternteil).

3. Phase der neuen Partnerschaft/Ehe und der Stieffamilienbildung:
A) Stiefmutterfamilie: Eine Frau zieht zu einem Mann mit Kindern.
B) Stiefvaterfamilie: Ein Mann zieht zu einer Frau mit Kindern.
C) Zusammengesetzte Familie: Eine Frau oder ein Mann mit Kindern zieht zu einem Partner der ebenfalls Kinder hat.
D) Komplexe Familie: Es kommen gemeinsame Kinder zu den genannten Familienformen (A - C) hinzu.

Diese Phasen werden jeweils unter vier Aspekten beschrieben:

1. (Lebens-)Ereignis:
1.1 Trennung oder Tod.
1.2 Organisation der Teilfamilie; Organisation des außerhalb lebenden Elternteils.
1.3 Neue Partnerschaft bzw. Ehe und Haushaltsgründung.

2. Struktur:
2.1 Auflösung des ehelichen Subsystems; Weiterbestand des elterlichen Subsystems.
2.2 Zwei Holons: Ein Elternteil lebt mit den Kindern zusammen und der andere lebt außerhalb.
2.3 Zusammensetzung in zwei Erwachsene mit Kindern.

3. Umfeld:
3.1 Freundeskreis, Berater, Gerichte nehmen auf Trennung oder Tod Einfluß.
3.2 Verlust von wichtigen Bezugspersonen; andere/neue Freunde werden wichtig und übernehmen Bezugsfunktion.
3.3 Hinzukommen neuer Bezugspersonen durch den Partner.

4. Aufgaben:
4.1 Paarebene von Elternebene trennen; Kinder aus Paarkonflikt heraushalten; Trauerarbeit; Abschied nehmen; klare Informationen an Kinder geben.
4.2 Neue Rollen definieren (Elternrollen); jeder Elternteil muß für sich neue Ziele entwickeln; alleinerziehender Elterteil darf seine eigene Entwicklung nicht vernachlässigen.
4.3 Paarbeziehung aufbauen; Aushandeln von Rollen (Elternrollen, gemeinsame Erziehungsverantwortung); die verschiedenen Subsysteme zu einem Ganzen integrieren; Definieren der Beziehung zum außerhalb lebenden Elternteil; Abbau von traditionellen Rollenklischees; eigene Biographie akzeptieren lernen und nicht verleugnen.

2.1 Stieffamilienformen und -strukturen

Nach KRÄHENBÜHL u.a. (1995) und VISHER & VISHER (1987) werden in der Familienforschung Stieffamilienstrukturen in verheiratet oder eheähnlich kategorisiert:

- Die Stiefmutterfamilie: Eine Frau zieht zu einem Mann mit Kindern.
- Subsysteme: Eltern-Dyade, Vater-Kind, Stiefmutter-Stiefkind (Mann-Geschiedene, Kind-Geschiedene Mutter).
- Stiefvaterfamilie: Ein Mann zieht zu einer Frau mit Kindern.
- Subsysteme: Eltern-Dyade, Mutter-Kind, Stiefvater-Stiefkind (Frau-Geschiedener, Kind-Geschiedener Vater).
- Zusammengesetzte Familie: Eine Frau oder ein Mann mit Kindern zieht zu einem Partner der ebenfalls Kinder hat.
- Subsysteme: Eltern-Dyade, Stiefgeschwister-System, leibliche Elternteile-leibliche Kinder, Stiefelternteile-Stiefkinder (Mann/Frau-Geschiedene Partner, Kinder-Geschiedene Elternteile).
- Komplexe Familie: Es kommen gemeinsame Kinder zu den genannten Familienformen hinzu.
- Subsysteme: Eltern-Dyade, Vater/Mutter-leibliches Kind, beide Eltern-neues leibliches Kind, Stiefelternteile-Stiefkinder, Halb- und Stiefgeschwister-Systeme (Frau/Mann/Kind-Geschiedene Partner/Elternteile).

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Details

Seiten
62
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638030670
ISBN (Buch)
9783638928472
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86674
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Erziehungswissenschaft
Note
2
Schlagworte
Entwicklung Stieffamilie Stieffamilien Geschichte Strukturen Interaktionsformen

Autor

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Titel: Die Entwicklung der Stieffamilie