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Sprachheil-pädagogisch-therapeutische Behandlungsansätze bei kindlichem Stottern

Magisterarbeit 2007 124 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort

II. Einleitung

III. Klinisches Bild
III.1 Kindliches Stottern
III.1.1 Definition
III.1.2 Häufigkeit und Verbreitung
III.1.3 Kern- und Begleitsymptome
III.1.4 Abgrenzung normaler Sprechunflüssigkeiten von beginnendem Stottern
III.2 Entstehung des Stotterns
III.2.1 Aktueller Forschungsstand
III.2.2 Ursachen des Stotterns
III.2.3 Begleitende Faktoren des Stotterns
III.3 Psycholinguistische Dimension des Stotterns
III.4 Entwicklungsverläufe

IV. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung
IV.1 Anamneseerhebung: Situation des Erstgesprächs
IV.2 Anamnesefragebogen
IV.2.1 Beschreibung der aktuellen Symptomatik
IV.2.2 Wie gehen Kind und Umwelt mit dem Stottern um?
IV.2.3 Therapiemotivation bei Eltern und Kind
IV.2.4 Anwesenheit des Kindes?
IV.3 Befunderhebung
IV.3.1 Erstdiagnostik als Grundlage der Therapieplanung
IV.3.2. Ressourcenorientierte Diagnostik und Therapie
IV.3.3 Umgang mit Stottern als Tabuthema
IV.3.4 Durchführung und Dokumentation der Untersuchung
IV.4 Befundbogen
IV.4.1 Von der Diagnostik zur Therapieplanung
IV.4.2 Untersuchung verschiedener Sprechleistungsstufen
IV.4.3 Beobachtung von Einflussfaktoren

V. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Behandlung
V.1 Therapieansätze
V.1.1 Direkte und indirekte Therapieansätze
V.1.2 Indikationskriterien für die Auswahl des Therapieansatzes
V.1.3 Elternberatung, Elterarbeit und Elterntraining
V.1.4 Spieltherapeutisch geprägte Sprachtherapie (Katz-Bernstein)
V.1.5 Fluency-Shaping-Programme
V.1.6 Sprechtechniken
V.1.7 Modifikationstherapie nach Dell und van Riper (»Non Avoidance«)
V.2 Kriterien und Voraussetzungen für die Therapie
V.2.1 Gründe für frühzeitigen Therapiebeginn
V.2.2 Indikationen
V.2.3 Prognosefaktoren
V.2.4 Therapeutische Grundhaltungen gegenüber Kind und Bezugspersonen
V.3 Umgang mit dem Stottern in der Therapie
V.3.1 Akzeptanz des Stotterns durch die Therapeutin
V.3.2 Flüssigere Perioden
V.4 Förderung mit Therapiebausteinen
V.4.1 Die Therapiebausteine
V.4.2 Atemtherapie und Tonusregulation
V.4.3 Körpersprache und rhythmisch-melodischer Ausdruck
V.4.4 Modifikation des Stotterns und Modeling
V.5 (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung
V.5.1 Beratungsaspekte
V.5.2 Information zum Stottern und zu beeinflussenden Faktoren
V.5.3 Allgemeine Förderung des flüssigen Sprechens
V.5.4 Sprachliches Kommunikationsverhalten
V.6. Ende der (sprachheil-)pädagogisch-therapeutischen Beratung und Behandlung

VI. Schlusswort

VII. Literaturverzeichnis

VIII. Anhang
VIII.1 Anamnesefragebogen für Stottern bei Kindern
VIII.2 Befundbogen für Stottern bei Kindern
VIII.3 Ergänzungsbogen für Klein- und Vorschulkinder
VIII.4 Therapiebausteine mit dem Kind
VIII.5 Beratung – Information – Training
VIII.6 Merkblatt für die Eltern
VIII.7 SLS – Screening Liste Stottern

I. Vorwort

Die Umsetzung des Themas ist einem Vorgespräch mit Prof. Dr. Stephan Ellinger (Institut für Sonderpädagogik) zu verdanken.

Prof. Ellinger hat es mir ermöglicht, ein sprachspezifisches Thema für meine Magisterarbeit umzusetzen, obwohl es derzeit keinen sprachheilpädagogischen Schwerpunkt innerhalb der Sonderpädagogik an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main gibt.

Mein weiterer Dank gilt Prof. Dr. Helen Leuninger (Institut für Kognitive Linguistik) für ihre Hilfestellungen bei der Einschränkung und Unterteilung des Themas, um im Rahmen einer Magisterarbeit zu bleiben.

Meinen Dank möchte ich auch Barbara Schlag für ihre Korrekturvorschläge und für ihre Anregungen bei der Textgestaltung aussprechen.

Bei meinen Eltern, Dipl.-Ing. Hartmut Lorenz und Roswitha Mogk-Lorenz, möchte ich mich für ihre emotionale Unterstützung während der produktiven Phase bedanken und für ihre liebe Art, mich zu motivieren, soweit es nötig war.

Mein besonderer Dank gilt meinem Freund Sebastian Möbus, der mir mit sehr viel Liebe und Kraft beistand, immer an mich geglaubt und mich zudem in computertechnischen Angelegenheiten maßgeblich unterstützt hat.

Diese Arbeit möchte ich meinem verstorbenen Großvater, Franz Lorenz, und meinem verstorbenen Großonkel, Erich Mogk, widmen. Beide waren zu Lebzeiten von Stottersymptomatiken betroffen und litten unter den negativen Reaktionen ihrer Umwelt.

Mit meiner Bearbeitung des Themas Stottern möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass der Redeflussstörung Stottern im Kindesalter vermehrt Aufmerksamkeit zukommt. Darüber hinaus möchte ich über Beratungsmöglichkeiten bei Verdacht von Stottersymptomatiken informieren und geeignete Behandlungsansätze vorstellen, um kindliches Stottern als derzeitiges Tabuthema zu entmystifizieren.

Ein aktueller Artikel beschreibt die derzeitige problematische Lage Stotternder in Deutschland. Deutschland vernachlässige nach Ansicht eines Experten die Förderung von Stotterern. »Sowohl die Bekämpfung des Stotterns als auch die Unterstützung von Menschen mit Sprachstörungen spielen bestenfalls am Rande eine Rolle«, berichtet der Arzt und Leiter des Instituts der Kasseler Stottertherapie, Alexander Wolff von Gudenberg. Er behauptet, dass eine Karriere mit Stottern in Deutschland so gut wie unmöglich ist.

Neben der Öffentlichkeit vernachlässigt, nach von Gudenberg, auch die Forschung die Probleme, die diese Redeflussstörung mit sich bringt. Nach seiner Meinung gibt es kaum Interesse bei Krankenhäusern, Kliniken und Universitäten, das Problem zu untersuchen oder wirksame Therapien weiterzuentwickeln. So groß das Problem für die Betroffenen auch sei, so klein sei es für die öffentliche Wahrnehmung. Stottern sei eine erhebliche Sprachstörung, die nicht in wenigen Tagen behandelt werden könne.

Von Gudenberg berichtet weiter, dass selbst eine lange Therapie keinen dauerhaften Erfolg garantiert (Artikel der Wetterauer Zeitung vom 31.10.06).

In dieser Arbeit versuche ich aufzuzeigen, dass es bereits einen reichhaltigen Fundus an Informationen über Elterntrainings, Elterngespräche und Beratungen bezüglich Therapien und Übungseinheiten in Kontakt- und Beratungsstellen und in Therapeutenpraxen gibt. Vielfältige Therapieansätze münden in einer umfangreichen Nachsorgebehandlung.

Dem Mediziner von Gudenberg ist unter anderem in dem Punkt Recht zu geben, dass bei weitem jedoch noch nicht alle Ressourcen bezüglich der Redeflussstörung Stottern ausgeschöpft sind. Übrig bleibt ein noch hoher Erklärungsbedarf bei der Ursachenfindung dieser Sprachstörung.

II. Einleitung

Die Magisterarbeit behandelt das Thema, „(Sprachheil-) pädagogisch-therapeutische Beratungs- und Behandlungsansätze bei kindlichem Stottern“, aus dem Gebiet der Sprachheilpädagogik.

Kurzer Exkurs: Die Bezeichnung Sprachheilpädagogik ist gleichbedeutend mit Sprachbehindertenpädagogik, betont aber im Gegensatz zu den anderen sonderpädagogischen Richtungen wie beispielsweise Geistigbehinderten- und Lernbehindertenpädagogik, bei denen es keine entsprechenden Pendants gibt, besonders ihren Heilsanspruch. Demnach steht sprachheilpädagogisch nicht die eigentliche sprachliche Behinderung beziehungsweise Beeinträchtigung im Zentrum der Betrachtung, sondern vielmehr das, was sich durch therapeutische Maßnahmen, elterliche Unterstützung und Umsetzung in alltägliche Begebenheiten erzielen lässt und sich zu entwickeln vermag. Diesem Heilsanspruch möchte ich in dieser Arbeit nachkommen, indem ich mich gezielt auf die beratenden Faktoren in therapeutischen Settings beziehe.

Beratung geht in sprachheilpädagogischer Praxis dem Heilsanspruch voraus und begleitet fortlaufend das Heilsgeschehen in Form von Förderung und Betreuung. Beratung umfasst speziell bei kindlichem Stottern einen komplexen Prozess, der sich aus folgenden Gründen nicht ohne weiteres problemlos bewerkstelligen lässt.

„Stottern lässt sich nicht generalisieren, auf einfache Erscheinungsformen oder auf einheitliche und eindeutige ätiologische Faktoren reduzieren. […] Die Komplexität und Individualität des Phänomens muss beachtet, die Breite und Vielfalt der möglichen Ergebnisse einer Therapie im kindlichen Alter, die ungeachtet des methodischen Vorgehens von einem völligen Verschwinden aller Symptome bis hin zu einer therapieresistenten Verschlimmerung über die Pubertät hinaus reichen kann, […] berücksichtigt werden.“

(Geleitwort von Nitza Katz-Bernstein; zit. nach Ochsenkühn und Thiel 2005, S. V-VI).

Wer bei kindlichem Stottern berät, begibt sich in einen dynamischen Informationsaustausch mit dem zu Beratenden und verfolgt das Ziel, der Komplexität und Individualität des Phänomens Stottern einerseits gerecht zu werden, indem keine einseitig gedachten Therapien eingeleitet werden und andererseits alle denkbaren Möglichkeiten bei der Behandlung des Individuums Berücksichtigung und in Form von besprochenen und vereinbarten Therapiemaßnahmen Anwendung finden.

Gibt es überhaupt die wirksamste Therapie (Modifikation, Fluency Shaping, Atemtherapie oder Spieltherapie) gegen Stottern?

Vorab ist zunächst festzuhalten, dass es nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen allgemein gültigen wirksamsten Ansatz gibt, sondern nur die optimale individuelle Methodenkombination für ein Kind und seine Familie. Die Effizienz dieser Methodenkombination ist, und hier schließt sich der Kreis, abhängig von dem gemeinsamen Austausch des Therapeuten, des Patienten und der Eltern. Nur auf diese Weise können Therapieerfolge und –misserfolge kenntlich gemacht und effiziente Methoden wirksam eingesetzt werden.

Der Kombination ausgewählter Therapiekonzepte geht die Erstberatung in Form von Anamnese- und Befunderhebung voraus und findet in der gezielten und individuell abgestimmten Behandlung des Patienten ihren Verlaufshöhepunkt, der über die abschließende Beratung in das Ende der sprachheil-pädagogisch-therapeutischen Beratung und Behandlung mündet.

Beratung und Behandlung bei kindlichem Stottern beschreiben damit einen komplexen Sachverhalt, der Teil aller therapeutischen Vorgehensweisen ist. Für die Darstellung einer pädagogisch-therapeutischen Beratung und Behandlung von kindlichem Stottern ist zunächst das klinische Bild des kindlichen Stotterns mit Entstehung, Häufigkeit und Verbreitung, Grund- und Kernsymptomatik, Begleitstörungen sowie einer Abgrenzung von regulären Sprechunflüssigkeiten und beginnendem Stottern darzustellen und unter sprachheil-pädagogischer und linguistischer Sicht zu diskutieren.

Diese Arbeit beruht auf der Annahme einer individuellen Ursachenkonstellation nach multikausaler Theorie und ist auf den einzelnen Patienten im Sinne der idiographischen Sichtweise bezogen (hierauf werde ich im Nachwort eingehen).

Die idiographische Sichtweise erweitert die bisherigen Ausführungen dadurch, indem sie davon ausgeht, dass jede sprachliche Auffälligkeit in der Lage ist, ihre eigene biographische Vorgeschichte und ihre eigene Problematik vorzuweisen.

Das entsprechende diagnostisch-therapeutische Konzept berücksichtigt vorhandene Ressourcen und Kompetenzen betroffener Personen. Nach Iven (1995) besteht die Aufgabe der Therapeutin darin, eine therapeutische Beziehung zu schaffen, in der Selbstreflexion und eigengesteuerte Handlungsalternative möglich werden.

In dieser Arbeit wird zur sprachlichen Vereinfachung nur die feminine Form verwendet, jedoch sind damit selbstverständlich Personen beider Geschlechter gemeint.

Es wurden keine Fußnoten verwendet, um die Übersichtlichkeit der Arbeit zu wahren. Kurze Autorenangaben sind im Text vermerkt, die ausführlichen Literaturangaben finden sich am Ende.

III. Klinisches Bild

Nach Ochsenkühn und Thiel (2005, S.2) handelt es sich beim kindlichen Stottern um kein einheitliches Krankheitsbild, sondern um ein Syndrom, das sich aus individuell unterschiedlichen sprachlichen, motorischen und psychosozialen Symptomen zusammensetzt.

Mit anderen Worten ausgedrückt, kann das Erscheinungsbild des kindlichen Stotterns trotz einiger Gemeinsamkeiten erheblich individuell variieren, da gleiche Symptome verschiedenartige Ursachen haben können.

Dieser Abschnitt über das klinische Bild des kindlichen Stotterns bildet die Grundlage für die Diagnostik und die Therapieplanung, die am Einzelfall (idiographische Sichtweise) orientiert ist. Die Symptome des Stotterns, die verursachenden Faktoren, die Dimensionen der Ausprägung sowie die Abgrenzung zu normalen Sprechunflüssigkeiten sollen in den folgenden Abschnitten behandelt werden, wobei der Abgrenzung zu anderen Störungen des Redeflusses weniger Beachtung zuteil wird, um den Rahmen des Themas nicht zu sprengen.

III.1 Kindliches Stottern

Synonym zur Bezeichnung Stottern werden die medizinischen Begriffe Balbuties, Dysphemie, Spasmophemie und Laloneurose verwendet.

Nach ICD 10 wird unter Stottern eine quantitativ und qualitativ von normal unflüssigem Sprechen zu unterscheidende, unphysiologische Störung des Redeflusses verstanden, die meist mit einer überhöhten Anspannung artikulatorischer und laryngealer Muskeln verbunden ist.

III.1.1 Definition

Nach Hansen und Iven (2002, S.22) ist Stottern eine Störung der Sprechflüssigkeit, bei der es nicht nur gelegentlich, sondern auffallend häufig zu Unterbrechungen im Redefluss kommt.

Zu beachten ist jedoch, dass diese Unterbrechungen des Redeflusses unbeeinflusst, unfreiwillig und ungewollt auftreten.

Wirth (2000, S.471) bezeichnet Stottern als eine Redeflussstörung, die durch angespanntes, stummes Verharren in der Artikulationsstelle (tonisches Stottern), Wiederholungen (klonisches Stottern), Dehnungen sowie Vermeidungsreaktionen (Wortvertauschungen, Satzumstellungen) charakterisiert ist.

Hansen und Iven (2002) kritisieren diese Definition von Wirth, da sie ihnen zu eingeschränkt erscheint und weder dem stotterndem Kind noch seinen Angehörigen in irgendeiner Weise gerecht wird. Hansen und Iven verweisen daher auf Autoren wie Fiedler und Standop (1986), Johannsen und Schulze (1987, 1992) und auf Schulze und Johannsen (1986), die sich darum bemüht haben, sowohl die Symptomebene als auch die Ebene der Belastungen zu erfassen und für eine Differenzialdiagnose nutzbar zu machen.

An späterer Stelle wird zwischen regulären Sprech-unflüssigkeiten und dem beginnendem Stottern unterschieden, denn nicht jedes unflüssige Sprechen zählt bereits zur Phänomenausprägung des Stotterns. Ein gewisser Anteil an Unflüssigkeiten und Pausen wird beim Sprechvorgang toleriert und akzeptiert. Ist dieser Grad an Sprechflüssigkeit unterschritten, nimmt unser Ohr das Sprechen als auffallend unterbrechend war. Diese Auffälligkeiten werden nicht nur hörbar sondern auch sichtbar, da bereits kindliches Stottern durch innere und äußere Symptome gekennzeichnet sein kann.

Diese Symptome können unterschiedlich ausgeprägt und miteinander kombiniert sein, sodass bei Stottern nicht von einem einheitlichen Krankheitsbild gesprochen werden kann. Es handelt sich vielmehr um ein Syndrom, das sich aus individuell unterschiedlichen sprachlichen, motorischen und psychosozialen Symptomen zusammensetzt. Stottern kann bei längerem Bestehen sogar die Sozialisation beeinflussen. Auffälligkeiten lassen sich im Redefluss, in der Kommunikation, in psychosozialen Einschränkungen nachweisen.

Dies hat zur Folge, dass Stottern „kein konstantes Phänomen“(Ochsenkühn und Thiel 2005, S.3) ist, sondern situativ in unterschiedlicher Ausprägung auftritt und sich auf die gesamte Kommunikation auswirkt.

Im Bereich der Sprechmotorik und deren Ansteuerung durch das Gehirn treten zwischen stotternden und nicht-stotternden Kindern geringe Unterschiede auf. Im Vergleich zu nicht-stotternden lassen sich bei stotternden Kindern häufiger Verzögerungen in der Sprachentwicklung sowie weitere Störungen des Sprechens nachweisen.

III.1.2 Häufigkeit und Verbreitung

Meist entsteht Stottern in der sensiblen Phase des Spracherwerbs, wobei es in dieser Phase eher zu Spontanremissionen kommt. Etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind betroffen, bei Mädchen beginnt das Stottern aufgrund des früher einsetzenden Spracherwerbs entsprechend früher. Bei einem Großteil der Kinder, insbesondere bei Mädchen, verschwindet die Störung bis zur Pubertät wieder.

Spontan oder bedingt durch eine Therapie kommt es bei vielen Kindern in Deutschland zu einer Remission der Störung. Kindliches Stottern beginnt stets vor dem zwölften Lebensjahr. Bei 50 Prozent der Fälle tritt es zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr und bei 90 Prozent vor dem sechsten Lebensjahr auf (Deutsches Ärzteblatt vom 05.05.06).

Unter den Kindern weisen 3-5 Prozent und im Erwachsenenalter nur noch 1 Prozent eine Stottersymptomatik auf. Zudem sind Faktoren bekannt, die eine Rückbildung des Stotterns erschweren beziehungsweise behindern.

Nach Johannsen (2001b) sind ein früher Beginn des Stotterns ohne vorherige Phase flüssigen Sprechens, bei ansonsten unauffälliger Sprachentwicklung sowie weitere stotternde Familienmitglieder, eine hartnäckige, schwer beeinflussbare Symptomatik wie auch Linkshändigkeit. Auch das Geschlecht scheint bei der Ausprägung der Symptomatiken keine geringe Rolle zu spielen. Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Stotternden verschiebt sich von 2:1 und 3:1 in der Kindheit auf ungefähr 9:1 im Erwachsenenalter.

III.1.3 Kern- und Begleitsymptome

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Wechselwirkung von Kern- und Begleitsymptomatik, aus: Sandrieser und Schneider (2004, S.13).)

Kernsymptome (core behavior):

- Unfreiwillige Blockierungen
- Dehnungen von Lauten
- Wiederholungen von Lauten und einzelnen Silben

Begleitsymptome:

- Emotionen und Einstellungen (wie psychische Anspannung, Sprechangst, Versagensangst, Selbst- und Fremdabwertung als Sprecher)
- Verhalten und Sozialverhalten (wie Vermeiden von Situationen, in denen gesprochen werden muss und Abbruch des Blickkontakts)
- Sprechverhalten (wie Veränderung der Sprechweise durch Flüstern, veränderte Sprechatmung, Langsamsprechen, Schweigen)
- Sprachliche Ebene (wie Vermeiden von unangenehmen Wörtern, Satzabbrüche, Einschub von Floskeln, um gefürchtetes Wort aufzuschieben, Satzumstellungen)
- Motorik (wie physische Anspannung, Mitbewegungen von Armen, Händen und Kopf, Grimassieren)
- Vegetative Ebene (wie Erröten, Schweißausbruch)

Seemann (1959) nimmt eine Klassifikation der Stottersymptomatik vor, bei der zwischen äußeren, physischen und inneren, psychischen Symptomen unterschieden wird. Äußere Leitsymptome sind von der Umwelt unmittelbar hör- und sichtbar.

Stotterereignisse sind unter anderem abhängig von der Wortart, der Wortstellung im Satz, der Wortlänge und der Silbenstruktur, welche bestimmten Regelmäßigkeiten unterliegen.

Stottern kann sich aus den in der Sprachentwicklung auftretenden Sprechunflüssigkeiten entwickeln, jedoch auch dann, wenn vorher eine Phase des unflüssigen Sprechens nicht aufgetreten ist beziehungsweise nicht zu beobachten war.

Entsprechende Kernsymptome des Stotterns sind Wiederholungen von Lauten („I-i-i-ich war das nicht.“), zunehmende Wiederholungen von Silben („Das habe ich ge-ge-ge-gebaut.“), längeres Dehnen einzelner Laute („Maaaama, komm mal her.“), Unterbrechungen innerhalb eines Wortes („Ich k—omme doch schon.“), Pausen als Blockierung vor einem Wort, Vokaleinschübe bei Silbenwiederholungen („BeBeBeBall“ – das /e/ bleibt dabei unbetont) und Veränderungen der Tonhöhe oder der Lautstärke bei Unflüssigkeiten.

Kinder entwickeln, um diese Kernsymptome abzuschwächen, im Laufe der Zeit bestimmte Strategien, um das Stottern zu umgehen oder zu vermeiden. Diese Strategien werden Begleitsymptome genannt. Beide Symptomformen beeinflussen sich gegenseitig, wodurch sich ein Teufelskreis entwickelt und sich die Häufigkeit des Auftretens und die Symptomatik des Stotterns verstärken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2: „Teufelskreis“ – Verstärkung der Sprechunflüssigkeiten bzw. des Stotterns, aus: Brügge und Mohs (2006, S.19).)

Der Teufelskreis zeigt sich in folgender Weise: Vermehrte Aufmerksamkeit auf den Sprechablauf bedingt ein angestrengtes Sprechen, Reaktionen aus der Umwelt folgen. Es können vermehrt Anspannungen artikulatorischer oder laryngealer Muskeln auftreten. Keuchen und Sprechen während der Einatmung sowie Zukneifen der Augen, Runzeln der Stirn, Vorstülpen der Lippen, Kopfnicken und mit dem Fuß stampfen sind weitere Formen von Sekundär- oder Begleitsymptomen. Sie sind Ausdruck eines Fluchtverhaltens, bei dem der Betroffene versucht, die Primärsymptomatik zu überwinden.

Das Kind bemüht sich, besonders gut zu sprechen und beginnt hierdurch unflüssig zu sprechen und gegebenenfalls zu stottern.

Das Kind wird verunsichert, was weiteres unflüssiges Sprechen, gegebenenfalls Stottern, zur Folge hat. Dabei erinnert es sich an sein vorhergegangenes Sprechen und beginnt, erneut unflüssig zu sprechen und gegebenenfalls zu stottern. Die Angst wächst, dass sein Stottern erneut auftritt.

Zur Sekundärsymptomatik zählen auch vielfältige Vermeidungsverhaltensweisen, vom zeitlichen Aufschub und Startern (beispielsweise als Interjektionen und Einschübe hörbar) zum Vermeiden von Wörtern oder Sprechsituationen. Äußere Symptome des Stotterns sind sehr variabel und können im Kindesalter phasenweise sogar ganz verschwinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 3: „Dynamisches Modell zur Entwicklung des Stotterns“, aus: Hansen und Iven (2002, S.20).)

Die inneren, psychischen Symptome beziehen sich auf Gefühle, Reaktionen, Einstellungen des Betroffenen und sind vom Kommunikationspartner nicht direkt wahrnehmbar und beobachtbar. Scham, Angst, Frustration, Aggression oder Regression sind Ausdruck dieser Symptome. Betroffene können durch negative Reaktionen der Umwelt ein negatives Selbstbild entwickeln und vermuten, dass sie als dumm oder nervös erachtet werden.

III.1.4 Abgrenzung normaler Sprechunflüssigkeiten von beginnendem Stottern

Im Alter des Vokabelspurts mit 24 Monaten beginnt das Kind, enorme Fortschritte in seiner Sprachentwicklung zu machen. Neue Erfahrungen ergeben sich durch erweiterte Kontakte zu anderen Kindern mit dem Eintritt in den Kindergarten oder Kinderspielgruppen oder erweiterte Sprachangebote über verschiedene Medien wie Fernsehen und Kassetten oder DVDs und CDs. Diese vermitteln neue Informationen über und mit der Sprache, die verarbeitet werden müssen.

Der Wortschatz des Kindes erweitert sich sprunghaft, was in längeren Sätzen und neuen Satzkonstruktionen zum Ausdruck kommt. Zudem erweitert das Kind seine Erzählfähigkeit bezüglich der Satzlänge und facettenreicherer Wortwahl.

Das Kind lernt in dieser Zeit, Gedanken und Erlebnisse erzählerisch entsprechend zu ordnen, damit Zuhörer problemlos inhaltlich folgen können oder durch entsprechendes Nachfragen eine befriedigende Antwort erhalten.

Die Anwendung der Sprache ist in dieser Zeit aus den genannten Gründen nicht immer korrekt, sondern lässt häufigere Wiederholungen von Wörtern und Satzteilen sowie längere Pausen während des Erzählens erkennen. Wesentlich ist hierbei, dass diese Wiederholungen und Unterbrechungen ohne Anzeichen von körperlicher Anstrengung auftreten und das Kind selbst nicht irritieren. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu den Stottersymptomen.

Ein Auftreten unflüssigen Sprechens ist während dieser Zeit als eine Phase im Verlauf der sprachlichen Entwicklung des Kindes zu verstehen und als normal einzuschätzen, da das Kind komplexe Zusammenhänge sowohl in seiner sprachlichen als auch in seiner gesamten Entwicklung erfasst und verarbeitet. Diese Entwicklungsphase zeichnet sich durch ein Ungleichgewicht zwischen dem, was das Kind mitteilen möchte, und noch unsicherer mundmotorischer Geschicklichkeit und seinen sprachlichen Fertigkeiten aus.

Einerseits möchte das Kind seine Erlebnisse möglichst direkt mitteilen, sowie Gefühlen, Ärger oder Aufregung Ausdruck verleihen, sowie in der Gegenwart anderer genug Zeit bekommen, alles zu erzählen, was ihm wichtig ist, verbunden mit dem Wunsch, nicht unterbrochen zu werden. Andererseits verspürt das Kind Unsicherheit bei der Aussprache einzelner Wörter.

Das Kind belasten eine noch ungeübte Mundmotorik für den schnellen Wechsel bei der Lautbildung, die Suche nach geeigneten Begriffen und Unsicherheiten bei der Satzkonstruktion.

Unauffällig wird der Sprechablauf, sobald das Kind eine ausreichende Sicherheit bezüglich der Aussprache erlangt hat, die erforderlichen Satzkonstruktionen abrufen und seine Gedanken ordnen kann.

Unterschieden wird zwischen normalen und symptomatischen Sprechunflüssigkeiten. Als unauffällig werden normale Unflüssigkeiten von Zuhörern eingestuft. Symptomatische Unflüssigkeiten wie Blockierungen, Dehnungen und Wiederholungen hingegen sind typisch für Stottern. Diese Dehnungen und Blockierungen verändern den Sprechrhythmus und haben Auswirkungen auf die Sprechgeschwindigkeit. Beim Sprecher können sie ein Gefühl des Kontrollverlustes hervorrufen. Zuhörer reagieren zumeist irritiert auf symptomatische Unflüssigkeiten. Sie werden als auffällig bewertet, obwohl entsprechende Unterbrechungen nur von kurzer Dauer sind.

III.2 Entstehung des Stotterns

Bekannt ist eine frühe Entwicklungs- beziehungsweise Entstehungsphase des kindlichen Stotterns. Bei 66 Prozent aller Stotternden entwickelt sich die Störung bis zum sechsten Lebensjahr (vgl. Wirth 2000).

III.2.1 Aktueller Forschungsstand

Welche unterschiedlichen Komponenten an der Entstehung des Stotterns beteiligt sind, muss individuell für jedes einzelne Kind festgestellt und kann teilweise nur vermutet werden. Mit anderen Worten ausgedrückt ist bis heute keine eindeutige Ursache bekannt, sondern es muss vielmehr von einem Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren ausgegangen werden, die einander gegenseitig beeinflussen und bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Stotterns maßgeblich beteiligt sind.

Besonders bedeutsam ist die Auseinandersetzung mit der Ätiologie des Stotterns vor allem für die Diagnoseerstellung und die Therapieplanung. Nach Ochsenkühn und Thiel (2005) ergeben sich aus der jeweiligen Hypothese zu den verursachenden Faktoren des Stotterns der Therapieansatz und die individuell angepasste Auswahl der Therapiebausteine. Die Ätiologie ist trotz gesicherter genetischer Faktoren bisher nicht geklärt. Äußere Symptome betreffen den Sprechablauf und den Redefluss, innerlich entstehen häufig negative Einstellungen und Gefühle wie Scham oder Angst.

Stottern ist ein Phänomen, das sich anhand defizitärer Strukturen im Gehirn nachweisen lässt. Neue Forschungsergebnisse verweisen darauf, dass sich bestimmte Fehlfunktionen in den für das Sprechen zuständigen Arealen bei erwachsenen Stotterern nur schwer reparieren lassen. Jedoch tragen seriöse Therapien, welche ungefähr den Zeitraum eines Jahres ansetzen, langfristig für die Kontrolle der Redeflussstörung bei. Durch konsequentes Üben lassen sich mit Hilfe dieser Therapien neue Regionen im Gehirn aktivieren.

Bekannt ist heute durch Untersuchungen von Sprachwissenschaftlern, dass Stottern nicht als Zeichen sprachlicher Minderbegabung zu verstehen ist. Auch weisen Stotternde weder Probleme mit der Grammatik noch mit der Prosodie der Sprache auf. Im Vergleich zum normalen Sprecher wurden jedoch von Forschern Unterschiede in den Gehirnstrukturen lokalisiert. Aus dem rein motorischen Problem, Stotterer könnten ihre Gedanken nicht schnell genug in gesprochene Sprache umsetzen, entwickelte sich die Vorstellung, dass Stotterer Defizite in bestimmten Gehirnregionen aufweisen. Anhand bildgebender Verfahren beispielsweise der funktionellen Magnetresonanztomographie ließen sich bei Stotterern Defizite in Regionen nachweisen, in denen Normalsprecher gehörte Sprache analysieren (Wernicke-Areal = Sprachwahrnehmung) und den Sprechvorgang vorbereiten (Broca-Areal = Sprachverarbeitung).

Beide Zentren der linken Hemisphäre sind unter normalen Umständen beim Sprechvorgang aktiv, bei Sprechablaufstörungen jedoch kaum. Statt dieser beiden Zentren ist bei Stotterern das rechte frontale Operculum aktiv. Ihm kommen unter normalen Umständen ausschließlich Funktionen wie das Erkennen grammatischer Fehler und das Ergänzen von Textlücken zu.

Nach wissenschaftlichen Vermutungen versucht das Gehirn auf diese Weise, Defizite in der linken Hirnhälfte zu kompensieren. Bestätigung finden solche Vermutungen durch die Tatsache, dass bei weniger stark stotternden Probanden das rechte frontale Operculum besonders intensiv arbeitet.

Trotz Therapien bei erwachsenen Stotterern konnten diese ursprünglichen Sprachzentren nicht reaktiviert werden. Es ist davon auszugehen, dass eine Behandlung vor der Pubertät das Phänomen zum Verschwinden bringen kann. Bei erwachsenen Stotterern können diese Zentren nicht vollständig repariert werden, jedoch ihr Problem soweit unter Kontrolle gebracht werden, dass es für Außenstehende unauffällig erscheint.

Entsprechende Übungen stärken nicht ausschließlich das rechte frontale Operculum, sondern aktivieren sogar neue Zentren in der linken Hemisphäre nahe der Wernicke- und Broca-Regionen. Ein langfristiger Erfolg in der Stottertherapie ist vor allem von einem kontinuierlichen und entsprechenden Training von ungefähr einem Jahr Dauer abhängig.

Eine wirksame Therapie sollte jedoch, um den gewünschten Erfolg zu erzielen, auf atemtechnische Übungen und auf effektive psychologische Methoden zurückgreifen, um Sprechängsten und Vermeidungsreaktionen entgegenzuwirken.

III.2.2 Ursachen des Stotterns

Die »Ursachen« des Stotterns sind nur aufgrund von Theorien als solche deklariert. Untersuchungen belegen, dass bestimmte Störungen, Besonderheiten, Auffälligkeiten oder hirnorganische Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Stottern gehäuft auftreten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 4: „Ätiologische Bedingungskonstellationen des kindlichen Stotterns“, aus: Sandrieser und Schneider (2004, S.20), zit. nach Schulze et al. (1991).)

Bekannt ist, dass stotternde Kinder häufiger eine verzögerte Sprachentwicklung zeigen. Teilaspekte der auditiven Verarbeitung sind häufiger beeinträchtigt und es werden häufiger Lateralisierungsanomalien beobachtet (Deutsches Ärzteblatt vom 05.05.06). Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur, im psychosozialen Umfeld und bei der Intelligenz wurden hingegen nicht festgestellt.

Jedoch sind die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die daraus abgeleitet wurden, rein spekulativer Natur. Bis heute besteht noch ausreichend Erklärungsbedarf darin, warum ein Kind zu stottern beginnt. Über die Ursachen des Stotterns ist bis heute kaum etwas bekannt.

Bei eineiigen Zwillingen tritt Stottern häufiger bei beiden Personen als bei zweieiigen Zwillingen auf. Aus diesem Grund wird davon ausgegangen, dass Kinder mit Stottern eine Veranlagung für diese Symptomatik aufweisen.

So ist bekannt, dass Stottern familiär gehäuft auftreten kann, und daher die Veranlagung zum Stottern vererbt wird. Eine Veranlagung beziehungsweise eine Disposition begünstigt das Auftreten von Stottern, aber nicht jedes Kind mit einer Disposition beginnt auch zu stottern. Zudem sind eineiige Zwillinge bekannt, ein Zwilling stottert und der andere nicht.

Neben genetischen Einflüssen müssen daher auch weitere Faktoren an der Entstehung des Stotterns beteiligt sein.

Im Vergleich zu nichtstotternden weisen stotternde Menschen ungefähr dreimal häufiger Verwandte mit einer Redeflussstörung auf (Deutsches Ärzteblatt vom 05.05.06).

Es wird davon ausgegangen, dass sich erst durch auslösende Faktoren Stottern entwickeln kann. Dessen Verlauf ist zunächst ungewiss und gegebenenfalls durch aufrechterhaltende Faktoren beeinflusst. Sie haben für die weitere Entwicklung des Stotterns große Bedeutung und üben nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Stotterns, sondern auch auf die weitere Entwicklung des Kindes aus. Bestimmte Risikofaktoren erschweren es dem Kind zusätzlich, unflüssiges Sprechen oder Stottern wieder abzulegen. Diese sind beispielsweise eine verzögerte Sprachentwicklung, eine eingeschränkte mundmotorische Geschicklichkeit und verzögerte Reifungsprozesse.

Stottersymptome entstehen, während sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich am schnellsten entwickelt, wobei Einflüsse auf den physischen, psychischen, sprachlichen und sozialen Bereich eine entscheidende Rolle spielen. In der weiteren Entwicklung des Stotterns wächst die Anstrengung beim Sprechen und das Kind versucht, sein Stottern zu vermeiden. Die Sprechschwierigkeiten und die daraus resultierenden Sprechunflüssigkeiten einerseits und die negativen Gefühle und Einstellungen gegenüber seinem Sprechen andererseits erzeugen einen Teufelskreis.

Dieser Teufelskreis aus Angst und Vermeidung, aus Anstrengung und Frustration erhält das Stottern aufrecht und verstärkt es zusätzlich. Durch lang andauernde Stottersymptome tritt ein Prozess der Automatisierung ein, der nur schwer verändert werden kann. Verschiedene Theorien versuchen, eine Antwort auf die Ursachen kindlichen Stotterns zu finden.

Nach lerntheoretischen Annahmen entstehen Vermeidungs- und Fluchtverhaltensweisen sowie Kernsymptome aus dem misslungenen Versuch, flüssig sprechen zu wollen. Auf eine stärkere Anstrengung zur Überwindung von Symptomen folgt anfangs die Auflösung der Blockierung. Flüssiges Sprechen führt dazu, dass das entsprechende Anstrengungsverhalten verstärkt wird. Nach lerntheoretischen Annahmen entstehe Stottern damit aus dem Versuch, nicht zu stottern.

Nach Breakdown-Theorien kommt es aufgrund von vererbten neurophysiologischen Defiziten zu Stottersymptomen, indem das Zusammenspiel zwischen Atmung, Stimmgebung und Lautbildung fehlschlägt. Weitere Breakdown-Theorien vermuten eine Störung der auditiven Rückmeldung beim Sprechen und erhalten eine Bestätigung durch Ergebnisse bildgebender Verfahren wie der Positronenemissions-tomographie (PET) und der funktionellen Kernspintomographie (fMRT). Nach diesen Ergebnissen könnten zentrale Schaltstellen zwischen Motorik, Sensorik und Sprechplanung gestört sein.

Zusammenfassend: Der Entstehung des Stotterns scheint damit ein multifaktorielles Bedingungsgefüge zugrunde zu liegen, in welchem sich vier Faktorenbereiche gegenseitig beeinflussen. Organisch-konstitutionelle Strukturen (Hemisphärenambivalenz, genetische Prädispositionen), psycholinguistische Mechanismen (verzögerte Sprachentwicklung, Artikulation), morphologisch-syntaktische Strukturen (Semantik, Prosodie) sowie psychosoziale (Sensibilität, geringes Selbstbewusstsein, Perfektionismus) und soziokulturelle (Erziehungsverhalten, soziokultureller Rahmen) Faktoren.

Zur Verursachung und Aufrechterhaltung des Stotterns werden unterschiedliche Faktoren wirksam, deren Konstellation, Kombination und Ausprägung bei jedem Individuum verschieden ist. Nach dieser Ansicht wird jede redeflussgestörte Person zum Einzelfall mit seiner ihrer, einzigartigen Lebensgeschichte.

Im multifaktoriellen Bedingungsgefüge scheint dem psychosozialen Bereich bei der Entstehung des Stotterns eine wesentliche Rolle zuzukommen. Jedoch ist anzumerken, dass erst ein ungünstiges Zusammentreffen mehrerer Faktoren aus diesem Bereich bei der Aufrechterhaltung und Verstärkung des Stotterns entscheidend sein dürfte. Nach dieser Vorstellung spielen bei der Entstehung und Verursachung des Stotterns sowohl physiologische als auch psychische Faktoren eine Rolle.

III.2.3 Begleitende Faktoren des Stotterns

III.2.3.1 Verzögerte Sprachentwicklung

Die sensible Phase der Sprachentwicklung ist zwischen dem 9. und 36. Lebensmonat einzuordnen.

Besonders aufmerksam ist das Kind in dieser Zeit für sprachliche Anregungen aus seiner Umwelt. Jedoch können während dem Verlauf der Sprachentwicklung auch Abweichungen auftreten. Wichtig und notwendig ist es, diese möglichen Verzögerungen frühzeitig zu erkennen, damit sich um eine entsprechend individuell abgestimmte Beratung oder Förderung bemüht werden kann.

Die sprachliche Entwicklung eines Kindes verläuft im Rahmen seiner gesamten Entwicklung und ist daher eng verknüpft mit Erfahrungen und Entwicklungsprozessen in anderen Entwicklungsbereichen.

III.2.3.2 Störung der Wahrnehmungsentwicklung

Ausgehend von einer Umstellung von einem auditivem auf ein kinästhetisches Feedback wird angenommen, dass es bei stotternden Kindern während der Anpassung dieser Feedbacksysteme zu einer Desynchronisation kommt (Ochsenkühn und Thiel 2005, S.34).

Das Kind muss in dieser Zeit lernen, die einlaufenden Reize zu integrieren (Feedbackinterferenzen), um einer Desynchronisation entgegenzuwirken. Gelingt dem Kind diese Integration nicht, so ist eine Koordination der Muskelgruppen, die am Sprechakt beteiligt sind, erschwert oder nicht möglich. Durch diese Fehlintegration treten nach Fiedler (1993) entwicklungsbedingt Redeunflüssigkeiten in dieser Phase der Feedbackumstellung auf. Diese Entwicklungsunflüssigkeiten sind bedingt durch ein gleichzeitiges Zurückgreifen auf beide Rückmeldesysteme zur Sprechkoordination. Stottern kann basierend auf dieser Theorie pathogenetisch als erlernte Störung der Autoregulation des Sprechens bestimmt werden.

III.2.3.3 Lateralität und Hemisphärenambivalenzen

Johannsen (2001a, S.155) geht davon aus, dass Stottern mit »einer unzureichenden Lateralisation sprachlicher Funktionen« einhergeht. Diese verminderte Lateralisation führe zu Hemisphärenambivalenzen und zu Fehlsteuerungen des Redeflusses. Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen Sprache und Motorik komme es bei Störungen in der Lateralisation zu sprachlichen Fehlfunktionen, häufig beim Stottern verbunden mit Auffälligkeiten in der Händigkeitsentwicklung des Kindes.

Nach Braun et al. (1997) wird vermutet, basierend auf Untersuchungen bei Erwachsenen, dass beide Hemisphären beim Entstehen von Stottersymptomen gegenläufig kooperieren. Nach der Vorstellung von Braun et al. scheint die Aktivierung linkshemisphärischer Regionen mit der Produktion gestotterter Rede in Beziehung zu stehen, während die Aktivierung der rechtshemisphärischen Regionen kompensatorische Prozesse repräsentieren könnte, die mit der Abschwächung der Stottersymptome in Beziehung steht. Nach Johannsen (2001a) liegt die Remissionsrate bei Rechtshändern deutlich höher als Linkshändern.

III.2.3.4 Störung der Feinmotorikkoordination von Atmung,

Stimme und Artikulation

Das Verständnis von Stottern als eine diffuse neuromotorische Dysfunktion (lokalisierbare Läsion) stellt die Grundlage dieser aktuellen Theorie dar. Unter dieser Theorie wird Stottern als Störung der Bewegungsplanung und des Timings verstanden. Stottern gilt als Teil einer grundlegenden Motorikstörung.

Diese Störung schließt die Bereiche Atmung, Phonation und Artikulation sowie die Entwicklung von Grob- und Feinmotorik und die Ausführung der Bewegungsplanung mit ein. Nach Caruso et al. (1999, S. 319) ist dabei zu beachten, dass das Atemmuster und die Regulation der Sprechatmung beim Stottern nicht primär, sondern als Folge der gestörten artikulatorischen und phonatorischen Abläufe beeinträchtigt sein können. Reaktionszeiten von Stotterern dauern speziell bei VC-, VCV- und CV- Übergängen länger als bei Nichtstotternden, genau wie Vokaldauer und Pausen.

Diese Ergebnisse unterstützen die These der Timingstörung nach Conture et al. (2001, S.2).

Basierend auf dieser These weisen Stotterer im Vergleich zu Nichtstotternden Schwierigkeiten beziehungsweise Norm-abweichungen in ihrer Sprechmotoriksteuerung und Sprechmotorikausführung auf. Stotterer setzen zudem ihre Sprechvorgänge verlangsamt in Gang, zeigen weniger korrekte Lautübergänge und eine geringere Stabilität in ihrer Sprechproduktion.

Zutreffend ist nach Johannsen (2001a, S.156), dass Stotterer motorische Aufgaben deutlich langsamer gegenüber flüssig sprechenden Kontrollgruppen umsetzen können, je komplexer die geforderten Leistungen sind.

III.2.3.5 Psycholinguistische Fähigkeiten und Stottern

Zunächst sind zwei Gruppen stotternder Kinder zu unterscheiden. Die erste Gruppe hat bis zum Auftreten des Stotterns eine unauffällige bis rasante Sprachentwicklung durchlaufen. Die zweite Gruppe ist in der Sprachentwicklung verzögert. Hansen und Iven (2002, S.12f.) erklären das Auftreten von Stottern bei beiden Gruppen mit einer Überbelastung des linguistischen Systems und einer Konkurrenz automatisierter und willkürlicher Abläufe bei neuen Entwicklungsschritten um Ressourcen des Gehirns.

Nach Johannsen (2001a) beginnt die Gruppe ohne Sprachentwicklungsverzögerung im vierten und fünften Lebensjahr mit dem Stottern, nachdem sie zuvor bereits flüssig grammatikalisch weitgehend korrekte Sätze gesprochen haben« (ebd. S.152). Die zweite Gruppe ist hingegen durch eine insgesamt verzögerte Sprachentwicklung gekennzeichnet.

Schulze und Johannsen (1986, S.50) vermuten eine eingeschränkte linguistische Kompetenz als mögliche Ursache für das Stottern. Bei diesen Kindern tritt Stottern bereits im zweiten und dritten Lebensjahr auf und ist besonders ausgeprägt im Zeitraum des zunehmenden Gebrauchs von Mehrwortäußerungen und Mehrwortsätzen, also bei komplexen linguistischen Äußerungseinheiten.

Wie ein Zusammenhang zwischen Stottern und reduzierten psycholinguistischen Fähigkeiten aussehen könnte, ist noch unklar. Bisher wurde nur beobachtet, dass Stottern und Sprachentwicklungsverzögerungen bei einer relativ großen Gruppe stotternder Kinder gemeinsam auftreten.

Treten Sprachstörungen im Zusammenhang mit Stottern auf, so betreffen sie die linguistische Ebenen Semantik, Syntax-Morphologie, Artikulation-Phonologie sowie die pragmatisch-kommunikative Ebene. Beobachtet wurde weiterhin, dass Stotternde eine eingeschränkte Prosodie aufweisen. Es kann nur vermutet werden, ob eine Prosodiestörung Ursache oder Folge des Stotterns ist.

Stotternde Symptome zeigen sich noch nicht auf der Einwortebene sondern frühestens auf der Satzebene. An dieser Entwicklungsphase lassen sich bei Vorschulkindern vermehrt Schwierigkeiten beim Erwerb morphologisch-syntaktischer Strukturen feststellen. Sobald die Komplexität und die Länge der Äußerungen zunehmen, lässt sich ein Zusammenhang mit dem Grad an Unflüssigkeit nachweisen. Conture et al. (2001, S.3) gehen davon aus, dass Stottersymptome bei stotternden Personen besonders dann auftreten, wenn ihre Äußerungen länger und grammatikalisch komplexer werden.

Noch unklar bleibt, ob der Grund dafür in der syntaktischen Enkodierung (einer zeitlich verlangsamten Planung) oder in der Ausführung des Sprechvorgangs liegt. Festgestellt wurde, dass stotternde Vorschulkinder kürzere Äußerungen bezüglich Form und Inhalt benutzen. Nicht stotternde Vorschulkinder hingegen verwenden signifikant häufiger Sätze mit mehreren Aussagen. Auf der Semantikebene weisen stotternde Vorschulkinder signifikant niedrigere Werte in standardisierten Tests zum passiven Wortschatz auf.

Als Grund hierfür vermuten Conture et al. (2001) eine langsamere, semantische Enkodierung (Verschlüsselung). Damit scheint eine Beziehung zwischen semantischen oder Wortschatzfähigkeiten und Sprechunflüssigkeiten zu bestehen, die semantische und syntaktische Fähigkeiten miteinander verknüpft.

Schulze und Johannsen (1986) stellen auf Artikulationsebene Lautbildungsfehler bei stotternden Kindern häufiger als bei nicht stotternden Kindern fest. Auf pragmatisch-kommunikativer Ebene stellt sich mit zunehmenden Schweregrad der Redeflussstörung eine Beeinträchtigung der pragmatischen und kommunikativen Fähigkeiten dar. Anhaltspunkte für eine Therapieplanung wären eine allgemeine Förderung der Sprachentwicklung und der Sprechfreude, an unflüssigen Tagen weniger Sprechanlässe schaffen, das Sprachniveau und die sprachliche Komplexität reduzieren sowie ein Elterntraining zum sprachlichen Kommunikationsverhalten.

III.2.3.6 Störungen der psychosozialen Entwicklung

Beobachtet wurde, dass bestimmte Aspekte häufig gemeinsam mit Stottern auftreten. Unklar ist jedoch, ob es sich dabei um Mitursachen oder um Folgen des Stotterns handelt.

Ergebnisse von Untersuchungen, die sich mit den Persönlichkeitsmerkmalen von kindlichem Stottern beschäftigt haben, zeigen nach Conture et al. (2001, S.59) signifikant häufiger Selbstbeschreibungen und Beschreibungen durch die Eltern, beispielsweise Perfektionismus, hohe Sensibilität und verhaltensbedingte Hemmungen.

Hingegen bestehen Hansen und Iven (2002, S.26) darauf, dass Stottern nicht auf einer Persönlichkeitsstörung basiert. Nach Ochsenkühn und Thiel (2005) muss sich jedoch beides nicht widersprechen, da es sich hierbei um wenige Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale handelt, die im Zusammenhang mit Stottern gehäuft auftreten. Jedoch ist hier nicht die Rede von einer pathologischen Entwicklung wie einer Persönlichkeits-störung. Beeinträchtigungen in der Interaktion weisen einen emotionalen, sprachlichen und zeitlichen Aspekt auf.

Eine emotionale Überforderung kann in Familien stotternder Kinder bei Betroffenen häufiger beobachtet werden. Emotionale Überforderung des Kindes wirkt sich, wenn sie über einen längeren Zeitraum besteht, auf das Empfinden, das Verhalten und die Kommunikation aus. Diese eingefahrenen Interaktionsmuster spiegeln sich auch in einer Verunsicherung des Kindes wider.

Nach Studien von Jehle und Randoll (1984) weichen Eltern stotternder Kinder auf der Verhaltensebene nicht signifikant von anderen Eltern ab. Beobachtet wurde, dass stotternde Vorschulkinder innerhalb des Familiensystems als Symptomträger fungieren. Ihr Stottern wird zum Ausdruck eines ungeklärten Konfliktes. Durch derartige familiäre Konflikte baut sich ein kommunikativer Stress auf, der sich destabilisierend auf das Kind und sein Kommunikationsverhalten auswirkt.

Nach Hansen und Iven (1992, S.242f.) kann sprachliche Überforderung dazu führen, dass ein sich entwickelnder kommunikativer Stress die Steuerung des Sprechablaufs beeinträchtigt. Die sprachliche Überforderung kann verschiedene Bereiche betreffen wie beispielsweise die Konkurrenz zu sprechgewandten Geschwisterkindern, erhöhte Erwartungen an die Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes, sehr hohes Sprechniveau, fehlende Sprechregeln, Hänseleien sowie übermäßiger Gebrauch von Zynismus und Ironie. Bei der Kommunikation stellen zudem zeitliche Faktoren Risikofaktoren dar, die Unflüssigkeiten eher noch provozieren, wie beispielsweise Sprechdruck, erhöhtes Sprechtempo, häufige Unterbrechungen und ein ungeregelter, hektischer Tagesablauf.

Eine Therapieplanung würde folgende Punkte berücksichtigen: Einbeziehen der Bezugspersonen in die Therapie, eine Beratung der Bezugspersonen zur Förderung flüssigen Sprechens und ein Elterntraining zum Abbau sozialen Stresses.

III.2.3.7 Risikofaktoren

Mögliche Risikofaktoren, die zusammen mit Stottern beobachtet

werden können, beziehen sich auf Hinweise bezüglich auditiver Wahrnehmungsstörungen, Auffälligkeiten in der Händigkeits-entwicklung, eine auffällige Fein- und/oder Grobmotorik, Auffälligkeiten in der Sprach- oder Sprechentwicklung, ein erkennbar hoher Leistungsdruck, Perfektionisstreben, Hinweise auf Störungen des emotionalen Ausdrucks und Zeichen emotionaler Überforderung. Mögliche Risikofaktoren in der Umgebung des Kindes stellen negative Reaktionen auf Sprechfehler wie übertriebenes Korrigieren, emotionale Überlastung, kommunikativer Stress und zeitlicher Stress dar.

Eine entsprechende Therapieplanung sollte einem symptomorientierten Vorgehen folgen, das die individuellen Faktoren, die beim jeweiligen Kind zusammen mit dem Stottern auftreten, berücksichtigt und gewichtet. Aktuell wird davon ausgegangen, dass Stottern entsteht, wenn eine Veranlagung und zahlreiche ungünstige Faktoren aufeinander treffen.

III.3 Psycholinguistische Dimension des Stotterns

Entwicklungsunflüssigkeiten lassen sich vermehrt auf psycholinguistische Faktoren zurückführen. Mit diesen Faktoren lassen sich Einflüsse beschreiben, die sich aus dem Spracherwerb bei Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung wie auch bei Kindern mit einer rasanten und normal verlaufenden Sprachentwicklung herleiten.

Bei Diagnose und Therapie von sprechunflüssigen Vorschulkindern lassen sich nach Ochsenkühn und Thiel zwei Phänomene beobachten.

Einerseits werden Kinder mit Sprechunflüssigkeiten beschrieben, deren Sprachentwicklung spät einsetzt und langsam, unvollständig und schwierig voranschreitet. Weiterhin ist ihre Sprachentwicklung von verschiedenen Auffälligkeiten geprägt.

Andererseits lassen sich Kindermit Sprechunflüssigkeiten beobachten, deren Sprachentwicklung sich als früh beginnend, rasch und vollständig beschreiben lässt. Ihr Sprachstatus zeichnet sich durch einen großen Wort- und Formulierungsausdruck aus, der sich in komplexen Sätzen widerspiegelt.

Diese beiden Phänomene stehen offensichtlich in einem Zusammenhang von Unflüssigkeiten mit Sprachentwicklungs-problemen als auch mit positiven Sprachentwicklungsverläufen.

Nach Baumgartner (1993), Hansen und Iven (1996) sowie Starkweather (1987) können mangelnde oder fehlende linguistische Kompetenzen auf einer oder mehreren Sprachebenen den Sprechverlauf verunsichern, indem sie den Aufbau automatisierter Sprechmuster hemmen.

Aussprachestörungen entstehen dieser Vorstellung zufolge aus nicht ausreichend automatisierten Sprechbewegungsmustern, die das flüssige Sprechen unterbrechen und eine bewusste oder unbewusste Korrektur in Form mehrer Anläufe zur lautgerechten Produktion erforderlich machen.

Ebenso können bei grammatikalischen Regelkompetenzen derartige Unsicherheiten über die zu benutzende Form entstehen.

Sind derartige Regelkompetenzen noch nicht ausreichend automatisiert, treten mehrere (Fehl-)versuche bei der Wort-, Satzteil- oder Satzwahl auf, was in mehreren Wiederholungen zum Ausdruck kommt. Diese Schwierigkeiten gelten in gleicher Weise für die Wortwahl.

Bei der psycholinguistischen Entwicklung geht es damit nach Hansen und Iven primär um den Aufbau automatisierter Sprech- und Sprechsteuerungsabläufe. Sprechunflüssigkeiten treten demnach auf, wenn dieser Vorgang nicht in ausreichendem Maße gelingt. Als nächstes ist danach zu fragen, wodurch Sprechunflüssigkeiten bei Kindern entstehen, deren Sprachentwicklung vollständig und normal verlaufend vorangeschritten ist. Dieses Phänomen ist gar nicht so paradox wie es zunächst scheinen mag, denn sich neu entwickelnde linguistische Fähigkeiten stellen neue und erweiterte Anforderungen an die Sprechflüssigkeitskompetenz.

Nach Baumgartner (1993) und Conture (1991) muss das Sprachsteuerungssystem diese neuen Anforderungen integrieren und bewältigen, bevor es erneut automatisch und flüssig funktionieren kann.

Die zu beobachtenden Unflüssigkeiten sind demnach Ausdruck und Anzeichen von Lernprozessen, in denen neue linguistische und kommunikative Elemente integriert werden müssen.

Aufgrund der voneinander getrennten Abspeicherung von Wortbedeutung und Lautgestalt haben nach Füssenich (1997, S.101) Kinder häufig „Schwierigkeiten mit der situativen Verfügbarkeit von Wörtern“. Zu Unflüssigkeiten führen bei Kindern eigenaktive Korrekturprozesse und Probleme beim spontanen Zugriff auf semantische Systeme.

Nach Hansen und Iven finden sich Phasen vermehrter Unflüssigkeiten bei Kindern, die ansonsten unauffällig sprechen, meist zu Begin des Erwerbs neuer oder erweiterter artikulationsmotorischer, morphologischer, syntaktischer und semantischer Strukturen. Durch die Wahrnehmung und die Korrektur von nicht gelungenen Sprechabläufen, sowie durch das Suchen nach der richtigen Form und dem richtigen Wort treten Unflüssigkeiten auf. Bedingt können Unflüssigkeiten ebenso durch situative Anforderungen sein, die das altersgemäße sprechmotorische System überfordern.

Die psycholinguistische Entwicklung vollzieht sich auf allen Sprachebenen, indem das Kind vielschichtigere Strukturen erwirbt.

Die Ausspracheebene verfügt zunächst über Fähigkeiten der Einzellautbildung, die um lange und komplizierte Lautketten erweitert werden. Der grammatikalische Bereich bestehend aus Strukturen von Einwortäußerungen wird durch Nebensatzkonstruktionen ergänzt. Aus Oberbegriffen (wie »wau wau« für alle Tiere), aus welchen das semantische System bislang bestanden hat, werden umfangreiche und differenzierte Wortfelder (den passiven und aktiven Wortschatz bildend).

Die Gestaltung der Sprechmelodie und des Sprechtempos, der Pausen und der Sprecherwechselsignale sowie der Dialogorganisation als Kompetenzen der pragmatischen Ebene werden ergänzt durch vielfältigere Variationsmöglichkeiten.

Durch diese wachsende Kompetenz, die Erweiterung des Sprechmaterials und durch das Ersetzen der Sprachregeln durch Kommunikationsregeln, wird es dem Kind nach Ochsenkühn und Thiel möglich, situativ angemessene und intentionale Handlungsweisen auszuwählen.

III.4 Entwicklungsverläufe

Nach Wirth (2000, S.498) werden vier Stadien des Stotterns unterschieden. In der ersten Phase wechseln Perioden stotternden Sprechens mit symptomfreiem Sprechen ab. Vermehrte Repetitionen von Lauten und Silben zeigen bei Kleinkindern den Beginn eines klonischen Stotterns an.

Im weiteren Verlauf der Symptomatik (zweites Stadium) kommen Prolongationen von Lauten am Wortanfang hinzu. Folgen dieser Prolongationen sind Blockierungen mit krampfhaftem Verschluss der Glottis, eine Fixierung der Zunge, des Unterkiefers und ein Zusammenpressen der Lippen. Gesprochen wird hierbei von einem tonischen Stottern. In den ersten beiden Stadien lässt sich noch kein Störungsbewusstsein des Kindes nachweisen, und es treten noch symptomfreie Sprechperioden auf.

Im dritten Stadium zeigt sich nun eine weitere Zunahme des Stotterns in Form tremorartiger Krämpfe der Muskulatur im Bereich des Unterkiefers, der Lippen und der Zunge. Erstmalig werden nun Mitbewegungen als Starthilfe eingesetzt wie beispielsweise Schleudern des Kopfes, Armwerfen oder Fußstampfen. Zudem werden stereotype Laute und Wörter eingeschoben, um mit dem Sprechen beginnen zu können.

Ab diesem Schweregrad ist die Störung in das Bewusstsein des Kindes eingetreten und Schwankungen der Symptomatik lassen sich kaum noch nachweisen. Im vierten und letzten Stadium entwickelt sich Angst vor dem Sprechen, die sich in Furcht vor bestimmten Lauten und Wörtern ausweitet. Durch eventuelle Ausweichmanöver, um die beängstigenden Wörter zu umgehen, steigert sich die Unsicherheit vor dem Sprechen und während des Sprechens weiter.

Was unter der Einleitung einer sprachheilpädagogisch-therapeutischen Beratung zu verstehen ist und welche Bereiche sie umfasst, soll im Folgenden deutlich werden.

Diesen vier Entwicklungsstadien nach Wirth (2000) stehen drei Schweregrade des Stotterns nach Dell (1996) gegenüber:

1. Bewusstmachen und Verstärkung flüssiger Anteile des Stotterns, 2. Flüssiges Sprechen fördert flüssiges Sprechen und 3. Pseudostottern und Ansprechen des Stotterns.

Wirth (2000) beschreibt die Entwicklungsphasen des Stotterns unter medizinischen Gesichtspunkten und Dell (1996) unter pädagogisch-therapeutischen Vorgehensweisen der Modifikationstherapie nach Dell und van Riper bei der Behandlung von stotternden Vorschulkindern.

IV. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind zu stottern beginnt? Eltern sollten eine Therapeutin aufsuchen, die sich auf kindliches Stottern spezialisiert hat und dort eine entsprechende Diagnose einholen.

Bei der Untersuchung des betroffenen Kindes sollte ausführlich über das mögliche Erscheinungsbild des Stotterns und die Reaktionen des Kindes gesprochen werden. Eine Untersuchung und Beratung erweist sich als notwendig und sinnvoll, wenn sich das Kind beim Sprechen anstrengt und mit Frustration reagiert.

Eltern können helfen, indem sie über ihre Einstellungen gegenüber dem Stottern erneut nachdenken und Stottern nicht länger als schlechte Angewohnheit des kindlichen Sprechens ansehen. Stottern unterliegt nicht der Kontrolle des Kindes. Eltern sollten das Sprechen nicht korrigieren, wenn es als unflüssig erscheint, sondern vorrangig auf den Inhalt achten und weniger auf die Formalitäten des Gesprochenen.

Stotternde Kinder sollten beim Sprechen nicht gedrängt und ihre Sätze nicht beendet werden. Stattdessen sollten Eltern versuchen, entspannt und langsam zu sprechen, Verständnis zeigen und trösten, falls das Kind niedergeschlagen ist.

Eine längst überholte Ansicht vertrat die Position, mit dem Kind besser nicht über sein Stottern zu sprechen. Man dachte, die Symptome könnten sich hierdurch verschlimmern, indem das Kind auf sein Stottern aufmerksam gemacht würde. Heute ist bekannt, dass selbst sehr junge Kinder ihr unflüssiges Sprechen bemerken. Das Kind kann sein stotterndes Sprechen als sehr unangenehm empfinden und darauf ängstlich oder frustriert reagieren.

In der Tat gibt es keinen Grund, Stottern zu tabuisieren. Mit dem Kind sollte über sein Stottern gesprochen und getröstet werden, falls es unter seinem Sprechen leidet. Unterstützend sollte in folgender Weise Anteil genommen werden:

„Das war jetzt anstrengend, nicht?“ oder „Da hat dein Mund gerade nicht das gemacht, was du wolltest.“

Eine Einleitung therapeutischer Maßnahmen ist nicht immer notwenig, häufig reicht auch eine Beratung der Eltern aus, Veränderungen im Stottern des Kindes zu beobachten, die eine Therapie eventuell erforderlich machen könnten. Bei Kindern ist eine frühzeitige Diagnose und kompetente Beratung sowie eine eventuelle Therapieeinleitung erforderlich, auch wenn die Remissionsrate recht hoch ist (Ptok et al. 2006).

Am Modell der Therapeutin lernen Eltern, wie sie das Kind dabei unterstützen können, ohne Anforderungen fließender zu sprechen beispielsweise durch Ball- und Puppenspiele.

Wesentlich ist bei dieser Vorgehensweise, dass Sprachfehler nicht beachtet, jedoch flüssiges Sprechen und Inhalte des Gesprochenen bestärkt werden.

IV.1 Anamneseerhebung: Situation des Erstgesprächs

Die Anamneseerhebung umfasst neben den Äußerungen der Bezugspersonen und des Kindes auch die impliziten Beobachtungen der Therapeutin, ihren Ersteindruck von der kindlichen Störung. Die Eltern sollten hinsichtlich der Häufigkeit, der Intensität und der situativen Variabilität der Sprechstörung gezielt befragt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb.5: „Der Weg zur Beratung und Therapie“, aus: Brügge und Mohs (2006, S.79).)

Geklärt werden Fragen zur Sprachentwicklung des Kindes, zum Beginn der Symptomatik und der Lebenssituation zu diesem Zeitpunkt, zur Fluktuation der Symptomatik in Abhängigkeit von Belastungssituationen und zur Ablehnung durch das Umfeld.

Im Weiteren sollte auf eventuelle Begleitstörungen in Form von Verhaltensauffälligkeiten mit sozialem Rückzug, mangelndem Selbstwertgefühl oder psychosomatischen Beschwerden eingegangen werden.

Das Erstgespräch ist zugleich der Erstkontakt zwischen Therapeutin, zu behandelndem Kind und seinen Eltern und setzt den Grundstein für den weiteren Therapieverlauf.

Zu Beginn des Erstgesprächs verlangt die therapeutische Beziehung zu den Eltern und dem Kind eine besondere Sensibilität auf Seiten der Therapeutin.

Bereits das Erstgespräch bringt verschiedene Signale auf unterschiedlichen Ebenen hervor. Hierzu gehört beispielsweise auf der Kontaktebene die Vorbereitung einer vertrauensvollen, partnerschaftlichen Beziehung als wertvolle und notwendige Therapiebasis. Die Eltern sollen möglichst schon im ersten Gespräch mit der Therapeutin von ihren Gefühlen befreit werden, Schuld an der Störung zu tragen. Unterstützt wird dies durch Bezugnahme auf die Stärken des Kindes.

Beim Erfragen amnestischer Daten kommt es zusätzlich zur Klärung von Motivations- und Therapieerwartungen der Betroffenen.

Mit dem Erstgespräch wird eine Auseinandersetzung mit dem Stottern und dem eigenen Umgang mit dieser Störung gefördert, die als Basis für eine Behandlung unerlässlich ist.

Eltern fragen meist nach den Ursachen dieser Störung in Form von: Aus welchen Gründen stottert gerade unser Kind? Hat der Beginn des Stotterns etwas mit dem Auftreten eines plötzlichen Traumas zu tun? Stottert unser Kind aus Nervosität oder stottert es absichtlich? Haben wir als Eltern etwas verkehrt gemacht, falsche Erziehungsmethoden angewende,t und sollten unserem Kind zukünftig mehr Aufmerksamkeit schenken? Ist stottern ansteckend, sollte unser Kind vermeiden, stottern nachzuahmen?

Es geht vorrangig um die Enttabuisierung und den offenen Umgang mit dem Thema Stottern, um die Angst vor dem scheinbar Unbekannten zu verlieren (Therapeutenmodell). Die Therapeutin lässt die Therapie im Gespräch transparent werden, indem sie den Betroffenen Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven bei der Behandlung des Stotterns aufzeigt. Zudem informiert sie über die Ätiologie, die Symptomatik sowie über die Prognose.

Bezüglich der Prognose werden folgende Fragen relevant:

Hört das Stottern wieder auf? Wird unser Kind ein Leben lang stottern? Wie können wir das Stottern beeinflussen? Was können wir tun, um unserem Kind jetzt zu helfen?

Die Auseinandersetzung mit einer bald folgenden Therapie stellt sich den Eltern als Problem dar, weil sie sich Fragen stellen, die zunächst zur Verunsicherung beitragen:

Wird eine Therapie unser Kind nicht eher auf sein Stottern aufmerksam machen und damit sein Problem vergrößern? Wird das Stottern geheilt werden? Wann und woran wird man erkennen können, ob die Therapie hilft? Worauf sollten wir als Eltern achten? Wie ist die Behauptung zu werten, dass sich Stottern auswachsen beziehungsweise zurückbilden wird? Wie sollten wir uns als Eltern verhalten?

Wie die Fragen bereits erkennen lassen, ist ein einfühlsames Vorgehen der Therapeutin bei einer amnestischen Untersuchung unerlässlich, um die Bezugspersonen nicht weiter zu verunsichern.

Die Therapeutin sollte sich in dieser Situation als Psychologin erweisen, um die Unsicherheiten und die Betroffenheit zu entschärfen sowie eine vertrauensvolle Basis zu schaffen, die dabei hilft, Stottern nicht länger als unüberwindbare Störung zu definieren.

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Details

Seiten
124
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638009034
ISBN (Buch)
9783638914611
Dateigröße
3.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86540
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Erziehungswissenschaften (Fachbereich 04)
Note
1,0
Schlagworte
Sprachheil-pädagogisch-therapeutische Behandlungsansätze Stottern

Autor

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Titel: Sprachheil-pädagogisch-therapeutische Behandlungsansätze bei kindlichem Stottern