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Herrnhuter Brüdergemeine in aller Welt - Migration im Namen Gottes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 32 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Basisteil - Die Herrnhuter Brüdergemeine – eine Gesellschaft ohne Staatsgrenzen
2.1 Geschichte, Intentionen und Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine
2.2 Die Quellen zum Alltag der Herrnhuter

3. Kernteil – Migration im Namen Gottes
3.1 „Mein Predigtstuhl ist die ganze Welt“ – die Missionstheologie Zinzendorfs
3.2 Aufbruch zu weltweiter Missionstätigkeit
3.2.1 Ausbreitung, erste Anlaufpunkte und Zielgebiete
3.2.2 Die staatlichen Rahmenbedingungen in den Zielländern
3.2.3 Die besondere Rolle der Frau in der Herrnhuter Mission
3.3 Die Realitäten von Mission und Migration der Herrnhuter Brüder anhand von Reiseberichten
3.3.1 Vorbemerkungen
3.3.2 Die Finanzierung der Missionsreisen
3.3.3 Der Reiseverlauf

4. Schlussteil – Migration oder Passion?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Seminar, in dessen Rahmen diese Arbeit entstand, beschäftigte sich mit der Mobilität und Migration in der Vormoderne und Moderne. Dabei standen immer wieder Fragen nach Motiven, Möglichkeiten und Risiken von Migration und Mobilität im Mittelpunkt. Von zentraler Bedeutung war die Frage, ob Wanderungen und Wanderungsbewegungen als „Normalfälle“ oder als Ausnahmeerscheinungen des menschlichen Seins zu betrachten sind. Im Fall derjenigen Bevölkerungsgruppe, die in dieser Arbeit betrachtet werden soll, ist die Frage eindeutig zu beantworten. Im Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine war die Mobilität ein fester Bestandteil. Was waren aber die Motive und Gründe für dieses Verhalten, welche Intentionen lagen ihm zugrunde? Was trieb die Herrnhuter dazu, unter widrigen Bedingungen durch die Welt zu reisen und wie erging es ihnen dabei? Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit geklärt werden. Hierzu sollen neben den Schriften Nikolaus Ludwigs von Zinzendorfs, dem Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine, die auf die missions-theologischen Grundlagen der Herrnhuter hin zu untersuchen sind, auch Reisetagebücher und Diarien der Missionare herangezogen werden. Diese sollen auch helfen, die Umstände zu klären, unter denen die Missionare in den Zielländern ihre Arbeit aufnahmen und Fragen nach der Verweildauer und nach den Gründen einer eventuellen Ab- oder Weiterreise zu klären. Dies scheint von besonderem Interesse zu sein, sind doch heute Menschen, die andere Menschen vom „rechten Glauben“ überzeugen wollen, nicht immer gern gesehene Leute, noch dazu, wenn sie aus fremden Ländern kommen. Es ist also der Frage nachzugehen, wie dies in der Zeit der Herrnhuter Mission aussah, vor welchen Problemen standen also die Missionare aufgrund ihres Fremdseins? Wie sah es mit ihrer Integration aus, oder wurden sie in den Zielländern doch eher isoliert, wie gingen sie mit der fremden, neuen Umgebung um?

Die Arbeit widmet sich dabei nur Fragen, die mit der Mobilität beziehungsweise mit der Migration im Zusammenhang stehen. Sie soll ausdrücklich keinen Beitrag zur Diskussion um die Inhalte der Herrnhuter Religionsauslegung, deren theologische Grundannahmen und Theorien oder um die Stellung der Herrnhuter in der evangelischen Kirche leisten. Auch religionsgeschichtlichen Fragen um Pietismus und Erweckungsbewegung im Zusammenhang mit der Herrnhuter Brüdergemeine sollen nur im Falle der Relevanz bezüglich der mobilen Lebensweise der Herrnhuter nachgegangen werden.

Eine immer wiederkehrende Frage bei der Bearbeitung des Themas ist jedoch die nach der Berechtigung, im Falle der Herrnhuter Missionstätigkeit von Migration sprechen zu dürfen. Diese Frage soll immer wieder im Mittelpunkt des Interesses stehen und im Schlussteil ausführlich diskutiert werden. Zunächst jedoch gilt es, eine solide Basis zu schaffen, auf der weitere Untersuchungen aufgebaut werden können. So soll im ersten Teil geklärt werden, was unter dem Begriff „Herrnhuter Brüdergemeine“ überhaupt zu verstehen ist. Dazu wird es einen kurzen Abriss der Geschichte der Brüdergemeine geben, wobei auch auf deren missions-theologische Grundlagen als Motiv für die mobile Lebensweise eingegangen werden soll. Des Weiteren wird es einen kurzen Überblick über die Quellenlage zu den Herrnhutern geben.

Im Kernteil der Arbeit soll die Herrnhuter Mission stehen. Hier wird zunächst kurz auf die Frage einzugehen sein, wieso die Herrnhuter Religionsgemeinschaft es als ihre Aufgabe verstand, durch die Welt zu reisen und die Menschen zum christlichen Glauben zu bekehren. Nach der Klärung der Missionsmotive sollen die Missionsmethoden näher untersucht werden. Im Weiteren Verlauf soll die Wanderungsbewegung als solche näher betrachtet werden und Fragen nach den Anfängen, der Entwicklung und der Stärke der Wanderung beantwortet werden. Dabei sollen auch Probleme im Zusammenhang mit der Aufnahme und der Niederlassung in den Zielländern beleuchtet werden. Eine besondere Rolle in der Herrnhuter Mission spielte die Frau, denn nach Zinzendorf seien im Glauben an Jesus Christus die Geschlechtsunterschiede unwesentlich, da Jesus alle Menschen, gleich ob Mann oder Frau liebe. Aus dieser Auffassung folgte das Bewusstsein, dass die Frau im Rahmen der Frauenarbeit eigenverantwortlich mitarbeiten und mitreden müsse, damit die Gemeine lebendig sei. In dem Teilabschnitt zur Rolle der Frau, sollen also die Folgen dieser Auffassung näher betrachtet werden. Im letzten Teilabschnitt sollen dann aus den zahlreich überlieferten Reiseberichten einige herausgegriffen werden und auf lebensweltliche Realitäten hin untersucht werden. Dabei sollen zum Beispiel die Fragen geklärt werden, ob es den Missionaren überhaupt möglich war, unter den Umständen ihrer Zeit ihrer Missionsaufgabe nachzugehen und wie es ihnen tatsächlich auf der Reise und im Zielland erging. In diesem Teil sollen auch theoretische Erkenntnisse, die die Arbeit hervorgebracht hat, auf ihren Realitätsbezug hin überprüft werden. Im Schlussteil soll, wie bereits oben angedeutet, nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse die Grundfrage beantwortet werden, um welche Form der Mobilität es sich im Falle der Herrnhuter Brüdergemeine handelt. Haben wir es tatsächlich mit Migration zu tun? Oder mit einer in der Passion zu Gott begründeten weltweiten mobilen Lebensweise, also eher einer Form des Reisens oder des Dienstreisens. Daraufhin werden hier die Ergebnisse der Arbeit zu untersuchen sein.

2. Basisteil - Die Herrnhuter Brüdergemeine – eine Gesellschaft ohne Staatsgrenzen

2.1 Geschichte, Intentionen und Wesen der Herrnhuter Brüdergemeine

Nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges und im Zuge der Rekatholisierungsmaßnahmen Kaiser Ferdinands II. erlosch das Leben der „alten Brüderunität“, jener in Böhmen und Mähren beheimateten Religionsgemeinschaft, die auch unter dem Namen „Böhmische Brüder“ bekannt ist. In der Gemeinschaft dieser Brüder wurde mehr das Leben unter dem Gesetz Christi als die Lehre betont[1]. Ein Rest der deutschsprachigen Brüder wanderte nach Deutschland aus, auf des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs Landgut in Berthelsdorf in der Oberlausitz fanden sie seit 1722 Aufnahme. Hier gründeten sie den Ort Herrnhut („unter des Herrn Obhut“)[2]. Es entstand schnell eine Siedlung mit mehreren hundert Einwohnern, welche vom Grafen geleitet wurde. Unter ihrem entscheidenden Anreger, Graf Zinzendorf, wuchs sie zu einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft heran, die den deutschen Pietismus überwand und deren prägende Kraft der Glaube an Jesus Christus als Retter und Erlöser war. Man vertrat die Auffassung, dass das ganze Leben Dienst für Gott sei. Zinzendorf stand dem Pietismus und der Erweckungsbewegung kritisch gegenüber, er wollte dabei jedoch keine neue Kirche gründen, sondern die protestantische Kirche erneuern. Daher wendeten sich die Herrnhuter ab 1732 der Welt zu, die von Herrnhut ausgehende Mission galt den Sklaven und anderen Armen der damaligen Zeit. Daher entstanden in Europa relativ wenige Gemeinden. Heute ist die Herrnhuter Brüdergemeine in Deutschland eine evangelische Freikirche, die aber der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) assoziiert ist. Die Brüdergemeine erhielt 1741 durch die Wahl Jesus Christus zum Generalältesten eine christokratische Verfassung, welche bewusst einer bischöflich-hierarchischen Verfassung übergeordnet wurde[3]. In Christus wurde zum einen der Hausvater der Gemeinefamilie und zum anderen der Herr der einen universellen Kirche gesehen. Die Brüdergemeine blühte auf und begann bald zu expandieren. „Die Erfahrung der Heimatlosigkeit hatte sich der Brüdergemeine gewissermaßen von Anbeginn ins Bewusstsein eingeschrieben. Als religiös verfolgte Exulanten mit zunächst ungeklärtem legalen Status waren die Mähren nach Herrnhut gekommen und es schien unsicher, ob sie auf Dauer würden bleiben können. Die kirchenpolitisch begründete Ausweisung des Gründers Zinzendorf aus Sachsen im Jahr 1736 verstärkte die Vorstellung der Brüdergemeine als einer Pilgergemeinschaft noch.“[4] Das Zentrum der Brüdergemeine befand sich fortan da, wo sich Zinzendorf und sein Tross, das so genannte „Pilgerhaus“, gerade aufhielt. Doch warum führten die Herrnhuter einen Lebensstil, der sie um die ganze Welt führte? Wie bereits gezeigt, war die Brüdergemeine seit ihrer Gründung eine sehr mobile Gemeinschaft. Durch Zuzug von Frauen und Männern aus ganz Europa, die einen ihren Vorstellungen entsprechenden Lebensstil suchten, entstanden Kontakte in alle Welt. Sehr bald nach ihrer Gründung entfaltete die Brüdergemeine eine rege Reise- und Missionstätigkeit. So wanderten die Herrnhuter Prediger durch ganz Europa, um ein Netz von Kontakten mit Freunden und Gleichgesinnten aufzubauen. Grundgedanke dessen war die Ansicht der Herrnhuter, Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu sein. Man sah sich als Bürger im „Reich Gottes“, dessen Bevölkerung durch die Mission stets vermehrt werden solle. Ziel der Brüdergemeine war es, die „Gemeinde des Geistes“, welche durch Staats- und Religionsgrenzen zerteilt war, wiederherzustellen und so die Wiederkunft Christi vorzubereiten[5]. Die Ausbreitung der Brüdergemeine ist an den Gemeinegründungen ablesbar, so wurden 1737 Pilgerruh, 1738 Herrnhaag, 1742 Niesky oder 1743 Gandental gegründet. Die ersten Anstöße zu weiterer Ausbreitung ergaben sich häufig durch persönliche Kontakte Zinzendorfs. Von Herrnhaag aus reiste das „Pilgerhaus“ über den Atlantik in die Karibik und dann weiter nach Nordamerika. Die Entstehung der Brüdergemeine darf dabei nicht nur vom deutschen Hintergrund her betrachtet werden, sie ist vor allem eng mit der englischen Erweckungsbewegung zur gleichen Zeit verflochten. Männer der Erweckungsbewegung haben den Kontakt zu den Brüdern gesucht und sich in ihren Dienst gestellt. Zinzendorf selbst besuchte England sehr oft und lebte einige Jahre dort.

Die Ursache für die Anziehungskraft der Brüdergemeine ist auch auf ökonomische Gründe zurückzuführen. Die Brüdergemeine war von Beginn an nicht nur religiöse Gemeinschaft, sondern auch wirtschaftliche Organisation. Das Ziel, sich zum einen von einer als gottlos erlebten Außenwelt loszulösen und zum anderen als Missionare das neue weltweite „Reich Gottes“ vorzubereiten, erforderte den Aufbau eines eigenen Wirtschaftssystems, welches geeignet war, die Siedlungen und Missionsprojekte der Brüdergemeine zu finanzieren und dabei gleichzeitig den Grundsätzen christlicher Lebensführung zu entsprechen[6]. Da sich die geschlossenen Ansiedlungen der Ortsgemeinen also wirtschaftlich selbst tragen sollten, entwickelten sie ein reges, teils sehr spezialisiertes und hoch qualifiziertes Handwerk. Bekannt waren die Herrnhuter für ihr Textilgewerbe, ihre Lichtgießerei, Seifensiedereien, Goldschmiede- und Uhrmacherwerkstätten, Kürschnereien und Tischlereien[7]. Wirtschaftlich aufstrebende Fürsten versuchten nicht selten, Herrnhuter in ihr Land zu ziehen. Preußen, Dänemark und Sachsen erkannten frühzeitig die ökonomischen Vorteile der Herrnhuter Manufakturen. Wie sah nun das tägliche Leben in Herrnhut aus? Entsprechend der Herrnhuter Statuten von 1727 war jedes Mitglied verpflichtet, zu arbeiten, Müßiggang war verpönt. An Werktagen wurde mindestens 16 Stunden gearbeitet. Ziel der harten Arbeit war es dabei nicht, nur sich selbst zu ernähren, es sollte so viel erwirtschaftet werden, damit man den Armen und Bedürftigen noch etwas abgeben könne[8], darüber hinaus musste die weltweite Missionstätigkeit finanziert werden. Zinzendorf begriff die Arbeit ebenso als einen Gottesdienst und als einen von Christus gesegneten Bereich. Da dieser selbst als Zimmermann gearbeitet habe, sei die Arbeit mit den Händen sozusagen geheiligt. Da die Einwohnerzahl Herrnhuts in den ersten Jahren stark wuchs, war es besonders wichtig, neue Häuser zu bauen, es wurden Gärten angelegt und genau bestimmte Regeln für das Zusammenleben erlassen. Selbst auf die Kleidung der Brüder und Schwestern wurde geachtet, um zum einen ein gepflegtes Äußeres und zum anderen die Gemeinschaft zu demonstrieren, sie war schlicht und zeigte keinen unnötigen Luxus. Die Brüdergemeine strebte danach, alle ihre Lebensbereiche nach christlichen Prinzipien zu gestalten. Die Mitglieder waren in Ortsgemeinden organisiert, in denen das Zusammenleben ausschließlich durch die Brüdergemeine geregelt wurde und die Mitglieder einer strengen Supervision unterstanden[9]. Das religiöse Leben bestand dabei nicht nur aus gemeinsamen Gottesdiensten und Andachten, das ganze Leben wurde wie bereits oben angedeutet vielmehr als ein Gottesdienst begriffen. „Alle Lebensvollzüge, selbst das Essen und das Schlafen, sollten gewissermaßen Gott geweiht sein und aus einer gottesdienstlichen Haltung heraus verrichtet werden“[10]. Um bei den Gemeinemitgliedern das Bewusstsein, Kind und Diener des Herrn zu sein, noch zu verstärken, war es seit 1730 üblich, die Mitglieder nach Alter, Geschlecht und Familienstand in so genannte Chöre einzuteilen. So gab es in jedem Gemeineort einen Knaben- und einen Mädchenchor, einen Chor der ledigen Brüder und einen der ledigen Schwestern, einen Ehechor sowie einen Witwen- und einen Witwerchor. So lebten die Mitglieder der Chöre der Ledigen auch in gemeinschaftlichen Häusern zusammen. Mit der Ehe wurden dann ein eigener Hausstand und ein eigenes Gewerbe gegründet[11].

Die Herrnhuter strebten danach, ruhige und betriebsame Untertanen zu sein. Die Brüdergemeine verstand sich als Theokratie unter der direkten Leitung Christi, was jedoch nicht bedeutete, dass man der weltlichen Macht gegenüber ungehorsam war. Vielmehr konnten sich die Herrnhuter mit den Regierungen verschiedener Staaten bestens arrangieren. War ihnen dies nicht möglich, wurde die Mission abgebrochen und an einem anderen Ort fortgesetzt. Die Mitglieder der Brüdergemeine bewegten sich in vielen verschiedenen Kulturen und verschiedenen sozialen Umfeldern, und doch verblieben sie dabei immer in der eigenen Gemeine. Die weltweite Brüdergemeine wurde durch ein Netz von Organisation, Kommunikation und gleicher Lebensweise zusammengehalten. Organisation und Finanzen unterstanden von Anbeginn der zentralen Leitung, gleich lautende Instruktionen, die an alle Gemeineorte gesandt wurden, regelten den Alltag in allen Siedlungen und Missionsstationen bis in die kleinsten Details hinein[12]. Die Direktion in Herrnhut entschied über alle wichtigen Fragen des Gemeinelebens in den einzelnen Gemeindeorten, so zum Beispiel über die Besetzung von Stellen, den Wohnortwechsel von Mitarbeitern und sogar über die passenden Heiratspartner. Vor allem aber schuf ein gemeinsamer Lebensrhythmus ein starkes Gefühl der Verbundenheit. Der Tages- und Wochenablauf folgte in allen Gemeineorten den gleichen Ritualen. So begann der Tag überall mit der gleichen „Losung“, welche von Herrnhut aus streng vorgeschrieben wurde. „So konnten sich die Mitglieder der Brüdergemeine überall auf der Welt zuhause fühlen. Egal in welches Land sie kamen, trafen sie in den Gemeineorten doch immer auf einen ihnen vertrauten Lebensalltag“[13].

2.2 Die Quellen zum Alltag der Herrnhuter

Die für die Grundfragen dieser Arbeit wichtigsten Quellen zur Herrnhuter Mission sind zweifelsfrei die Reiseberichte und Tagebücher der Missionare. Sie geben reichhaltig Aufschluss zu lebensweltlichen Fragen rund um die Mission und damit um die Mobilität der Herrnhuter. So ist aus den Reisberichten zu erfahren, wie es zum Beispiel vonstatten ging, als die Missionare auf ihrem Weg nach St. Petersburg in Lübeck eine Reisegelegenheit suchten. Wir haben durch die Reiseberichte also ein direktes Zeugnis aus dem Alltag der Missionare. Doch müssen diese Quellen auch mit der gebotenen Vorsicht genutzt werden, denn es ist auch möglich, dass bestimmte Ereignisse sich anders zugetragen haben oder in der Erinnerung des jeweiligen Verfassers nur noch verzerrt verfügbar waren. Eine weitere reichhaltige Quelle sind die zahllosen Briefe der Missionare nach Herrnhut und an den Grafen von Zinzendorf. Ein wichtiges Wesensmerkmal der Herrnhuter Brüdergemeine war deren weltweite Kommunikation. Organisation und Finanzen unterstanden wie oben beschrieben der zentralen Leitung im „Pilgerhaus“, welches sich ab 1759 wieder in Herrnhut befand. Alle Entscheidungen der lokalen Missionare mussten von der Direktion in Herrnhut genehmigt werden. So standen die weltweiten Missionsstationen in ständigem Briefwechsel mit der Unitätsleitung. Seit 1741 hatte jeder Gemeineort eine Person, die nur für die Korrespondenz mit dem Pilgerhaus zuständig war. Auch in Herrnhut gab es Korrespondenten, die dafür zuständig waren, mit den ihnen zugeordneten Gemeineorten Kontakt zu halten. Über dieses reiche Quellenmaterial hinaus verfügen wir über diarienförmige Berichte aus den Missionsstationen. In gewissen Intervallen mussten die Siedlungen und Missionsstationen in Tagesberichten Auskunft über den inneren und äußeren Zustand ihres jeweiligen Ortes geben, woraus die Wissenschaft viele Erkenntnisse gezogen hat. Weitere Quellen sind: Tagebuchnotizen der Missionare, Reisepässe und andere Reiseunterlagen, Konferenzprotokolle, scheinbar harmlose „Billets“ wie Einladungen, schriftliche Erklärungen jeder Art, Protokollmitschriften und Aufzeichnungen auf Synoden oder Bettagen[14]. Viele dieser Quellen sind handschriftlich und somit nur sehr schwer lesbar. Dies gilt im Besonderen für die Briefe Zinzendorfs und anderer Missionare. Solche handschriftlichen Aufzeichnungen entstanden oft unter Zeitdruck und weisen daher die typischen Merkmale solcher Schnellschriften auf. So fehlt es zum Beispiel an konsequenter Rechtschreibung, auch Endungen sind oft verstümmelt, sodass oft nur aus dem Kontext zu erschließen ist, ob es sich um Plural oder Singular handelt. Darüber hinaus macht die Verwendung von Insider-Kürzeln die Entschlüsselung zahlreicher Schriften nicht leichter[15]. Auf Grund dieser Probleme entstehen immer wieder Spielräume beim Transkribieren der Quellen, die für Interpretationen Raum lassen.

[...]


[1] Vgl. Smolík, Josef: s.v. Böhmische Brüder, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 2, Freiburg u.a. 1994, Sp. 554.

[2] Vgl. Motel, Hans-Beat: s.v. Brüderunität, II. Die erneuerte Brüderunität, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 2, Freiburg u.a. 1994, Sp. 722.

[3] Vgl. Meyer, Dietrich: s.v. Brüderunität/Brüdergemeine, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, Berlin, New York 1981, S. 227.

[4] Mettele, Gisela: Eine „Imagined Community“ jenseits der Nation. Die Herrnhuter Brüdergemeine als transnationale Gemeinschaft, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft, 32(2006)1, S. 52.

[5] Vgl. Mettele, Gisela: Eine „Imagined Community“ jenseits der Nation. Die Herrnhuter Brüdergemeine als transnationale Gemeinschaft, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft, 32(2006)1, S. 51.

[6] Vgl. Mettele, Gisela: Kommerz und fromme Demut. Wirtschaftsethik und Wirtschaftspraxis im „Gefühlspietismus“, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 92(2005)3, S. 306.

[7] Vgl. Meyer, Dietrich: s.v. Brüderunität/Brüdergemeine, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, Berlin, New York 1981, S. 228.

[8] Vgl. Geiger, Erika: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Seine Lebensgeschichte, Holzgerlingen ³2000, S. 144.

[9] Vgl. Mettele, Gisela: Kommerz und fromme Demut. Wirtschaftsethik und Wirtschaftspraxis im „Gefühlspietismus“, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 92(2005)3, S. 312.

[10] Mettele, Gisela: Kommerz und fromme Demut. Wirtschaftsethik und Wirtschaftspraxis im „Gefühlspietismus“, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 92(2005)3, S. 312.

[11] Vgl. Hertrampf, Stefan: "Unsere Indianer-Geschwister waren lichte und vergnügt". Die Herrnhuter als Missionare bei den Indianern Pennsylvanias, 1745 – 1765, (= Mainzer Studien zur Amerikanistik, Bd. 35), Frankfurt am Main 1997, S. 78.

[12] Vgl. Mettele, Gisela: Eine „Imagined Community“ jenseits der Nation. Die Herrnhuter Brüdergemeine als transnationale Gemeinschaft, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft, 32(2006)1, S. 55.

[13] Mettele, Gisela: Eine „Imagined Community“ jenseits der Nation. Die Herrnhuter Brüdergemeine als transnationale Gemeinschaft, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft, 32(2006)1, S. 56.

[14] Vgl. Teigeler, Otto: Die Herrnhuter in Russland. Ziel, Umfang und Ertrag ihrer Aktivitäten, (= Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 51), Göttingen 2006, S. 97.

[15] Vgl. Teigeler, Otto: Die Herrnhuter in Russland. Ziel, Umfang und Ertrag ihrer Aktivitäten, (= Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 51), Göttingen 2006, S. 98.

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638020749
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86390
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
2,0
Schlagworte
Herrnhuter Brüdergemeine Welt Migration Namen Gottes

Autor

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