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Die ökonomische Theorie der Politik von Anthony Downs – Darstellung der Vor- und Nachteile

Eine Analyse hinsichtlich der pragmatischen Verwertbarkeit im 21. Jahrhundert

Hausarbeit 2006 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Biografie
2.1 Kontextuelle Influenz
2.2 Personelle Influenz

3 Die ökonomische Theorie der Demokratie
3.1 Definitionen
3.2 Grundannahmen
3.3 Voraussetzungen
3.4 Downs Demokratiemodell
3.5 Deduktionen aus der Theorie nach Downs
3.5.1 Schlüsse aus der Hypothese über die Parteimotivation (I)
3.5.2 Schlüsse aus der Hypothese des rationalen Handelns der Bürger (II)
3.5.3 Schlüsse aus beiden Hypothesen (I + II)

4 Bewertung der Theorie
4.1 Aktuelle Relevanz
4.2 Kritik

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenangabe

1 Einleitung

„In West- und Osteuropa, in Asien, Lateinamerika und Afrika vollzog sich binnen eines Jahrhunderts ein Demokratisierungsprozess, der andere, z. B. totalitäre und autoritäre Staatsformen ablöste“ (Frevel 2004, S. 57). Die Demokratie existiert heute in verschie­denen Ausführungen, in gesellschaftlicher und regionaler Abhängigkeit. In Deutschland hat die De­mokratie einen besonderen Stellenwert, da sich in der Geschichte verschiedene Demo­kratien und autoritäre Regimes reziprok abwechselten. Inzwischen hat sich das politische System der Demokratie in Deutschland etabliert. In anderen Staaten vollzieht sich dieser Prozess mo­mentan. Exemplarisch im Fall von Jugoslawien kann man seit mehr als 15 Jahren Demokrati­sierungsbestrebungen mit variierenden Fortschritten[1] verfolgen.

Sowohl in gefestigten als auch instabilen Demokratien ist es entscheidend, das Ver­hältnis zwischen Regierung und Volk zu definieren, sowie deren gegenseitiges Handeln prog­nostizieren zu können. Betreffende Regierungen, Politikwissenschaftler und externe Ent­wicklungshelfer können anhand von Theorien die politische Entfaltung vorhersehen und ge­zielt beeinflussen. Anthony Downs stellt mit seiner Theorie einen innovativen Lösungsan­satz zur Beseitigung gesellschaftlicher und politischer Dissonanzen bereit. Er beginnt zunächst mit einer Realitätsanalyse im politischen und gesellschaftlichen Handlungsfeld. Unter Beachtung reziproker Dependenzen zieht er logische Schlüsse für vorherrschende öffentliche Phäno­mene, das heißt unerwartete aber entscheidende Entwicklungstendenzen in Demokratien.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit soll Downs Demokratietheorie und deren Analyse ste­hen.

2 Biografie

Downs wurde 1930 in Evanston, Illinois, geboren. Seine politische Laufbahn begann 1952 mit dem Bachelor-Abschluss zum Thema „Politische Theorien und internationale Be­ziehungen“ in Northfield, Minnesota. Bereits 1956 erreichte er den Magister und promovierte im Bereich Ökonomie in Palo Alto, Kalifornien. Seine weitere Karriere war geprägt durch wechselnde Tätigkeiten als Mitarbeiter, Berater und Dozent in differenzierten staatlichen und privaten Unternehmen. Seine Schwerpunkte liegen in der Stadtentwicklung und –planung. 1967 erhielt er den Vorsitz der nationalen Kommission zur Behebung städtischer Probleme. Im Jahr 1989 wurde ihm die Leitung der Kommission für erschwing­liches Wohnen übertra­gen

(vgl. Downs 2005, pass.).

Downs lebt heute in Washington D. C. und wirkt als senior fellow am Brookings-In­stitut, einer öffentlichen Forschungs- und Bildungsanstalt für sozialwissen­schaftliche, öko­nomische und politische Studien. Seine Werke umfassen den Bereich der Stadtentwicklung, politischen Theorie und der Ökonomie. Am berühmtesten wurden die Werke „An Economic Theory of Democracy“, er­schienen 1957[2], und „Inside Bureaucracy“, erschienen 1967

(vgl. The Brokkings Institution 2007, pass.).

2.1 Kontextuelle Influenz

Downs wurde in seiner Schrift über die „Ökonomische Theorie der Politik“ von ver­schiedenen kontexthistorischen Ereignissen beeinflusst. Hier ist vorrangig der „Kalte Krieg“ zu nennen. In der Vorgeschichte entstanden vielerorts nationalsozialistische Tendenzen. Die­ses Phänomen und der Kampf um das vorherrschende Wirtschaftssystem veranlassten viele Autoren zum Entwurf politischer Gesellschaftsmodelle. In den westlichen Staaten wurde ein kapitalistisches Wirtschaftssystem praktiziert. In der Sowjetunion und den von ihr dependen­ten Staaten wurde der Sozialismus aufoktroyiert. Des Weiteren kam es während und nach dem zweiten Weltkrieg zu rasanten medizini­schen und technologischen Fortschritten im Zuge der Industrialisierung (vgl. Microsoft 2005, pass.).

2.2 Personelle Influenz

Downs wurde durch differenzierte Personen bei der Entwicklung seiner Theorie beein­flusst. An erster Stelle steht der Sozialphilosoph und Ökonom Joseph A. Schumpeter[3]. Downs bezieht sich an mehreren Po­sitionen auf Schumpters Demokratietheorie[4] und formuliert eine Danksagung an ihn. Downs Theorie basiert, seiner Aussage nach, auf Schumpeters gedankli­chem Fundament (vgl. Downs 1968, S. 29). Dies wird durch häufiges Zitieren und Belegen bei Downs ersichtlich.

Neben Schumpeter wird Downs durch weitere Personen beeinflusst[5], deren Influenz aber eher gering ist, so dass deren ausführliches Aufführen hier unnötig erscheint (vgl. Micro­soft 2005, pass.).

3 Die ökonomische Theorie der Demokratie

Downs[6] versucht mit seiner politischen Theorie Verhaltensregeln für demokratische Regierungsparteien zu konstruieren und die Folgen aus deren Entscheidungen vorherzusagen. „[Downs] gibt dabei nicht vor alle Probleme lösen zu können, die sich auf diesem Gebiet der Analyse widersetzt haben. [Er hofft] jedoch der Lösung einiger von ihnen näher kommen zu können und aus anderen, die ihrem Wesen nach unlösbar sind, einen einigermaßen befriedigenden Ausweg zu finden“ (Downs 1968, S. 3). Er stellt in diesem Zusammenhang detailrei­che Szenarien auf, in denen seine Theorie oder Teile davon Anwendung finden. In einigen Praxissituationen kommt es dabei zu Einschränkungen des Umfeldes, damit die Theo­rie angewendet werden kann.

Sein Modell beruht auf einer Studie über politische Rationalität. Seine Erkenntnisse und eine Spezifizierung des Rationalitätsterminus’ finden sich in Punkt 3.2.

3.1 Definitionen

Die hier angeführten Definitionen können als Basiswissen für Downs’ Theorie ange­nommen werden. Der Autor präzisiert diese Begriffe selbst in der Hinführung zu seiner ei­gentlichen Theorie.

Regierung: Nach Downs ist die Regierung ein spezialisiertes Organ zur Arbeitsteilung und „[...] die höchste Machtinstanz in ihrer Gesellschaft, d. h. sie kann alle anderen Gruppen dazu zwingen ihren Entscheidungen zu gehorchen, während diese Gruppen ihrerseits keinen entsprechenden Zwang auf sie ausüben können“ (Downs 1968, S. 22). Allgemein lexikalisch wird als Regie­rung die Exekutive, mit dem Parlament als zentrales Kontroll- und Koordinie­rungsorgan, eines Staates betrachtet. Sie ist gekennzeichnet durch ihre bürokratische Struktur, wobei durch „[die] stark hierarchisch formalisierte Organisation des Kanzleramtes [...] relativ indifferent gegenüber dem Führungsstil des Regierungschefs [also des Kanzlers; Anm. d. Verf.] [ist], so daß [sic] die Herausbildung informaler Strukturen verständlich wird“ (Nohlen 2007, S. 475). Die Arbeitsteilung ist eine Konsequenz, nicht aber der primäre Aufgabenbe­reich.

Demokratische Regierung: Eine demokratische Regierung gelangt durch bürgerliche Wah­len in ihre Position. Die Regierungswahlen werden in kontinuierlichen Abständen durchge­führt, wobei keine Zwischenabstimmungen stattfinden. Gewertet werden die Stimmen aller Bürger[7] (vgl. Downs 1968, S. 33). Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Standpunkt „können die Bürger [...][durch ihre politischen Rechte; Anm. d. Verf.] kontrollieren, ob die Staatsgewalt im Interesse der Bürger als Privatperson ausgeübt wird“ (Habermas 1992, S. 13). Aktuell ist es möglich, die amtierende Regierung durch die Bürger ihres Amtes zu entheben. Die politischen Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger sind heute vielseitig (vgl. Nohlen 2007, S. 64).

Partei: Mehrere Bürger mit ähnlichen Einzelinteressen bilden im Zusammenschluss eine Partei, deren Hauptziel es ist, wenige Kandidaten aus ihrer Mitte in politische Positionen zu bringen. Vor der Wahl herrschen innerhalb der Partei meist Uneinigkeiten über die letztendli­che Politik des zur Wahl Stehenden (vgl. Downs 1968, S. 24; Nohlen 2007, S. 66). Innerhalb der eigenen Reihen kommt es häufig zu Kompromissen, da rationale Entscheidungen nur durch Einzelindividuen getroffen werden können.[8] Systemneutral gleicht die aktuelle Par­teiendefinition der von Downs. „[Parteien] sind also Ausdruck von Interessenskonflikten, die sie artikulieren und politisch organisieren [...]“ (Nohlen 2007, S. 385).

3.2 Grundannahmen

„Zwei Haupthypothesen werden in unserer [des Autors und seiner Mitarbeiter; Anm. d. Verf.] Studie explizit entwickelt: die Theorie, daß [sic] die Parteien auf Stimmenmaximierung hinarbeiten, und das Postulat, daß [sic] sich Bürger in der Politik rational[[9] ] verhalten [...][wobei die Explikation der ersten Hypothese zuweilen von der zweiten (a) in Abb. 1); Anm. d. Verf.] [abhängt]“ (Downs 1968, S. 293). Zum Abschluss seiner Abhand­lung zieht Downs einzelne Deduktionen aus seinen beiden Hauptannahmen als auch Schlussfolgerungen, die sich aus beiden Hypothesen ergeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die erste seiner Hypothesen bezieht sich auf die Parteien: Diese verfolgen als prioritä­res Ziel prinzipiell den Wahlsieg (b in Abb. 1), das heißt „[...] daß [sic] die Parteien in der demokratischen Politik den Unternehmen in einer auf Gewinn[[10] ] abgestellten Wirtschaft ähnlich sind“ (Downs 1968, S. 289). Neben der Stimmenmaximierung stellt die Wahl, bezie­hungsweise Wiederwahl bei regierenden Parteien, ein zweites Teilziel dar. Um ihre Endab­sicht zu erreichen entwickeln die politischen Organisationen Programme und propagieren diese im Falle eines Wahlsieges umzusetzen. Die Parteiprogramme sind von parteilicher Seite nie zur Um­setzung angelegt, sondern beinhalten in erster Linie die Bedürfnisse der Bürger. In der An­wendung der Wiederwahlsstrategie greifen die Amtsträger wechselnde, publikums­wirksame Inhalte auf. Langfristige Maßnahmen behindern diese Strategie und werden ver­mieden. The­matisch extensiv betroffen sind die Bereiche der Finanz-, Renten-, Bildungs- und Umweltpo­litik (vgl. Buchstein 2001, S. 238). Summa summarum sind Koalitionsregierungen inopportun zur Behebung sozialer Missstände.[11]

[...]


[1] Die Staaten haben inzwischen republikanische Regierungssysteme, jedoch bestehen zwischen den einzelnen Staaten weitreichende Unter­schiede in der aktuellen Evolution. Slowenien und Kroatien riefen zuerst ihre Unabhängigkeit aus und sind inzwischen wirtschaftlich stabil. Serbien oder Bosnien-Herzegowina dagegen sind sowohl politisch als auch wirtschaftlich rückständiger.

[2] Die deutsche Version „Ökonomische Theorie der Politik“ erschien 1968.

[3] Schumpeter lebte von 1883 bis 1950, studierte Rechte und ökonomische Staatswissenschaft und promovierte in Ersterem. 1909 habilitiert er mit einer Schrift über theoretische Nationalökonomie. Im Jahr 1919 begleitet Schumpeter für sieben Monate das Amt des österreichischen Finanzministers. Lebenslang wechselt Schumpter zwischen verschiedenen Lehrtätigkeiten an den Universitäten Wien, Graz, Bonn und Harvard. Seine Lehre und Forschung liegt immer im Bereich der Ökonomie (vgl. Hedtke 2002, pass.).

[4] Spezieller bezieht sich Downs auf Schumpeters Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“. Schumpeter beschreibt darin den Volkswillen und das Gemeinwohl als zentrale Aspekte der Politik. Bezüglich politischer Führungspositionen herrscht ein starker Konkurrenzkampf (vgl. Schumpeter 1950, S. 397ff.). Die Menschen verfolgen individuelle Ziele, die einer politischen Analyse bedürfen, und handeln dabei ökonomisch und rational. Parteien handeln ebenso rational. „Eine Partei ist nicht [...] eine Gruppe von Menschen, die das allgemeine Wohl <<auf Grund eines Prinzips, über das sie sich alle einig sind>>, zu fördern beabsichtigen (Schumpeter 1950, S. 449).

[5] Exemplarisch steht Karl R. Popper mit seinem Falsifikationsprinzip basierend auf Logik als Grundlage der Wissenschaft.

[6] Downs schreibt in seinem Werk im Plural. Wenn ich in dieser Abhandlung von Downs spreche, steht dies stellvertretend für ihn und seine Mitarbeiter.

[7] Nach Downs erhalten alle zurechnungsfähigen, loyalen Volljährigen den Status des Staatsbürgers, wovon jeder über eine Stimme bei der Wahl verfügt (vgl. Downs 1969, S. 51).

[8] Diesen Fakt klammert Downs in seiner Theorie aus und nimmt grundsätzlich an, dass die Parteimitglieder gemeinschaftlich rationale Abwägungen treffen.

[9] Die politische Rationalität bezeichnet die Wahlentscheidung nach Abwägung der eigenen Vor- und Nachteile anhand der angekündigten Politik der gewählten Partei. Das bedeutet, der Wähler möchte unter seiner gewählten Regierung die geringst möglichen Mittel einsetzen, um die eigenen Ziele zu erreichen.

[10] Demnach versuchen die Parteien so wenig wie möglich Mittel einzusetzen, um so viele Stimmen wie möglich auf sich zu konzentrieren.

[11] In der Nachfolge Downs entstanden unterschiedliche Modelle politischer Konjunkturzyklen, welche die Zukunftsverlagerung von Proble­men bestätigen (vgl. Buchstein 2001, S. 238; Nohlen 2007, S. 66 u. a.). In den genannten Aufgabenpartien und zusätzlich der Staatsverschul­dung liegt bei demokratischen Modellen eine akute Problemlöseschwäche, welche durch häufige Koalitionsbildung verursacht wird. In Koalitionen kommt es immer nur zu Kompromissen, nicht aber tatkräftigen Entscheidungen (vgl. Downs 1968, S. 24).

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638018739
ISBN (Buch)
9783638920070
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86366
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Theorie Politik Anthony Downs Darstellung Vor- Nachteile

Autor

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