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Europa um 1870: Die Entwicklung der westeuropäischen Industriegesellschaften und ihre Folgen für die Politik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Anfänge der Industrialisierung

2. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen
2.1 Bevölkerungsexplosion
2.2 Mobilisierung der Gesellschaft
2.3 Aufschwung der Landwirtschaft
2.4 Verbesserung der Lebensbedingungen

3. Industrielle Revolution in Europa
3.1 Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur
3.2 Übergang zur industriellen Gesellschaft

4. Soziale Folgen der Industrialisierung
4.1 Vermassung und Anonymisierung der Gesellschaft
4.2 Der Pauperismus

5. Politische Ebene
5.1 Bedeutung der Revolution von 1848/49
5.2 Verfassungspolitischer Bereich
5.3 Zwischen monarchischem und parlamentarischem System
5.4 Politische Praxis

6. Politische Folgen der Industrialisierung

7. Bewertung der Industriellen Revolution

8. Literaturangaben

1. Einleitung: Anfänge der Industrialisierung:

Im 18. Jahrhundert veränderten sich die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen; die Voraussetzungen für die Industrielle Revolution wurden geschaffen. Dieser Prozess entwickelte sich anfangs in Großbritannien und dynamisierte sich von dort in den folgenden Jahrzehnten nach Kontinentaleuropa.

Eine neue Arbeitsauffassung, die aufgrund der Aufhebung von Beschränkungen Privatkapital für Investitionen zur Produktionsausweitung im Großgewerbe begründete, ermöglichte der Kapitalgesellschaft den wirtschaftlichen Liberalismus. Neuerungen und Fortschrittlichkeit in Bereichen der Naturwissenschaften, Technik und Mechanisierung bewirken, das nun Freihandelsgebiete entstehen in denen eine Agrarrevolution durchgeführt wird. Durch Flurbereinigungen, effizientere Nutzung der offenen Feldfluren und Neuerungen im Fruchtwechsel-System erhöhen sich die Felderträge. Aufgrund der steigenden Bodenerträge, der Vereinfachung der körperlichen Arbeit mittels Maschinentechnik und der Verbesserung des Medizinwesen kommt es jedoch zu einem sprunghaften Anstieg der Bevölkerungszahlen. Folgen sind Überbevölkerung und die Entstehung von Nahrungsmitteldefiziten. Die Maschinen, Lohnarbeit und die wachsenden Fabrikstädte führen dazu, dass eine Landflucht einsetzt. Die meisten Menschen versuchen in den großen Industriestandorten, die durch einen erweiterten Ausbau der Infrastruktur besser und schneller zu erreichen sind, ihr Geld zu verdienen. Da jedoch aufgrund eines Überangebotes an Arbeitskräften zu einem Absinken des Lohnniveaus und zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf unter den Industriestandorten und -zweigen kommt, verelenden die breiten Massen zunehmend. Der Pauperismus führt deswegen zu der Heranbildung eines großstädtischen Proletariats, welches durch die neuen Fabriksysteme Massengüter und Massenkonsum vorantreibt. Die Folgen im sozialen Bereich sind jedoch Zersplitterungen in reiche Kapital- und Firmeneigentümer und arme Fabrikarbeiter. Eine Einteilung in verschiedene Klassen entsteht, bei der die unteren Schichten kein Mitspracherecht an Verbesserungen der sozialen Bedingungen und der Gestaltung der Politik haben. Diese Veränderungen der traditionellen Strukturen, die sich durch die Industrielle Revolution zunächst in England und später in ganz West- und Südeuropa durchsetzen, führen zu einer erweiterten europäischen Industriegesellschaft, die außer den ökonomischen und ökologischen auch weitreichende politische Resultate als Zeichen des Fortschritts mit sich brachten. Besonders auf die Folgen für die Politik, die durch die Entwicklung der Industriestaaten herbeigeführt wurden, soll im folgenden der Fokus dieser Hauptseminararbeit gelegt und geklärt werden, inwieweit sich die westeuropäischen Staaten in ihrer politischen Praxis in Gesellschaft und Staatlichkeit durch die Industrielle Revolution verändert haben.

2. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen

2.1 Bevölkerungsexplosion:

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zählte Europa einschließlich der russischen europäischen Gebiete etwa 266 Millionen Einwohner. Das waren rund 80 Millionen oder 42,3 % mehr als um 1900 und etwa 126 Millionen oder 90 % mehr als um 1750. Die meisten Teile der Bevölkerung lebten zu dieser Zeit noch im agrarischen Sektor, die Herausbildung von Großstädten über 100.000 Einwohnern war gegenüber den kleineren Städten mit gerade einmal 40 weit unterlegen. Die Metropolen Paris und London zählten als einzige Städte in Europa mehr als eine Millionen Bewohner. Etwa 70 % der Bevölkerung erlangte seinen Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft, vor allem im Kontinentaleuropa waren diese Quoten um 1850 des öfteren noch höher. Der Anteil des agrarischen Sektors am Gesamtnationaleinkommen sank zwar in dieser Zeit stetig, in Mitteleuropa betrug er um die Mitte des Jahrhunderts ca. 47 % gegenüber nur noch 21 % im Mutterland der Industriellen Revolution, England.[1]

2.2 Mobilisierung der Gesellschaft

Die Gewerbefreiheit und die Bauernbefreiung entbanden die bisher Abhängigen von ihrer Vormundschaft. Dadurch trat eine Mobilisierung der Gesellschaft ein, die sich zumeist aus ökonomischen Vorteilen geleitet den Wohnort und die Arbeitsart selbst suchten. Die traditionelle, ländliche Heimat wurde somit verlassen. Die Landflucht trieb die Menschen in die anwachsenden Städte, in denen sie versuchten, die für sie passende Arbeit zu finden und nicht an die Ständegesellschaft gebunden zu sein.

Die Industrialisierung mit ihren neu entstehenden Berufsaussichten und –bildern entwickelte eine regionale und vertikale Mobilität, in der die Bevölkerungsschwerpunkte in Deutschland durch eine Ost-West-Wanderung zu einer Verschiebung nach Westen führten.[2] Industriegroßstandorte wie das Ruhrgebiet entstehen und weitere Großstädte vor allem im Westen der deutschen Staaten wurden ausgebildet. Des weiteren führte die vertikale Mobilität dazu, dass der soziale Auf- und Abstieg nun in die Hand des Einzelnen gelegt wurde, der durch fleißige Arbeit selbst „seines Glückes eigener Schmied“ wurde.[3] Die Gesellschaft entwickelte sich somit also verstärkt zur leistungsorientierten Gesellschaft, in der vor allem das finanzstarke Bürgertum, gestützt durch innenpolitische Beruhigungen nach der Revolution von 1848 und durch vermehrte Kapitalaneignungen durch kalifornische und australische Goldfunde, langfristige Anlageplanungen vollzog.[4] Stimuliert durch den erweiterten Eisenbahnverkehr und des damit benötigten Kapitalvolumens entstanden neue Banken und Aktiengesellschaften, die im Gebiet des Deutschen Zollvereins zwischen 1850 und 1857 dazu führten, dass das einbezahlte Kapital um das dreifache zunahm.[5]

2.3 Aufschwung der Landwirtschaft

Die Industrialisierungsprozesse und deren sozialen Problembereiche, wie Massenarmut und des überforderten Agrarsektors, sorgten bei der Bevölkerung zunächst dazu, dass die Erwartungen vermehrt auf die Steigerung der Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft gelegt wurden. In der Revolution von 1848/49, in der dem agrarischen Bereich ein großer Schwerpunkt gesetzt wurde, konnte nach erheblichen Konflikten und unter Druck die Entscheidung für eine säkulare Bodenreform ausfallen. Die Befreiung des Grund und Bodens war damit definitiv durchgeführt und anstelle der überlieferten grund- bzw. gutsherrlichen Agrarverfassung wurde die freie Verfügung des jeweiligen Bodeneigentümers über die erbrachten Erträge gesichert.

Durch Verbesserung im agrarwirtschaftlichen Sektor, vor allem durch eine Verfeinerung der Anbautechniken, bodenchemische Fortschritte, Mechanisierung, Erweiterung der Absatzmärkte und ausgebauter Infrastruktur und durch einen Anstieg der Reallöhne konnte sich die Agrarwirtschaft aus der Krise retten und erhielt einen starken Aufschwung.[6]

Allein zwischen 1850 und 1870 stieg somit der Ertrag pro Kopf eines männlichen Landarbeiters um durchschnittlich 20-30 %. In Frankreich wurde die Weizenproduktionsrate in dieser Zeit um mehr als 20 % gesteigert, auf dem Boden des späteren Deutschen Reiches sogar um über 40 %. Auch die Fleischproduktivität erholte sich zu jener Phase und konnte bald eine Verarbeitungs- und Absatzsteigerung um 50 % erzielen.[7]

Diese Fortschritte, die bereits von einem hohen Niveau aus eine nochmalige Steigerung erlangten, konnten so als Anzeichen einer außerordentlichen Produktionsausweitung und einer enormen Leistung angesichts der sinkenden Landwirtschaftsbeschäftigtenzahlen gesehen werden.

Die Gewinne der Bauern stiegen also sehr stark an und in Verbindung mit der Entstehung eines internationalen Agrarmarktes gehörten nun Hungersnöte und Ernährungskrisen in weiten Teilen Europas fortan der Seltenheit an.[8]

2.4 Verbesserung der Lebensbedingungen:

Ein weiterer Effekt, der um 1850 beginnend den Fortschrittsoptimismus der breiten Bevölkerungsschichten ausprägen sollte, waren die unmittelbaren und konkreten Erfahrungen in der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und des durchschnittlichen Lebensstandards.[9]

Diese bildeten den Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits im 17. Jahrhundert begonnen wurde und eine Veränderung in der Markt- und Verkehrssituation sowie einer gesteigerten Produktivität durch wirtschaftlichen, mechanisierten und medizinischen Fortschritt ermöglichte. Einer sinkenden Sterberate stand eine Geburtenvermehrung entgegen, die aufgrund der gesteigerten Agrar- und Produktionserträge und der besseren medizinischen Erst- und Spätversorgung verzeichnet wurde. Das Angebot an Arbeitskräften, die lange und ausdauernd die schwere landwirtschaftliche und (vor-)industrielle Arbeit verrichten konnten, stieg ebenso an wie die Konsumkraft der meisten Bevölkerungsschichten. Durch Gewinne in der Landwirtschaft konnte somit das Kapitalvermögen erheblich gesteigert werden und neue Investitionen und Anlagemöglichleiten vergrößerten die Konjunktur. Die Sterbeerwartung der Menschen wurde durch die medizinischen Neuerungen und Verbesserungen des 19. Jahrhunderts (Entwicklung des Penicillins, erste Impfungen gegen Wundstarrkrampf etc.) weit nach oben korrigiert. Dadurch waren die Menschen in ihrem Leben risikobereiter und ermöglichten durch langfristig angelegte Kapitalverpflichtungen in Bereichen der Entwicklung von neuen Dünge- und Betriebsmitteln, Erweiterung des Ackerlandes oder in Einzahlungen in Staatsbriefe, dass die gesellschaftlichen Prozesse einer positiven Veränderung zusteuerten.[10]

3. Industrielle Revolution in Europa

3.1 Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur:

Die landwirtschaftlichen Produktionsausweitungen und –steigerungen sowie die verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen führten in den Staaten des mittleren und westlichen Kontinentaleuropas, die durch günstige Verkehrs-, Markt- und Rohstoffvolumina und durch effiziente politische Rahmenbedingungen geprägt waren, bald zu einer Veränderung des agrarischen Wirtschaftsraumes hin zur Industriellen Revolution mit enormen Ausweitungen der Fertigungskapazitäten und des Warenumfangs.[11]

Der führende Sektor dieses veränderten Ökonomieprozesses waren zunächst die stark expandierenden kleinen und mittleren Betriebe handwerklicher Prägung. Der mechanisierte Großbetrieb sollte um 1850 noch keine besonders überragende Stellung beziehen und befand sich erst in der Entwicklung. Die kleineren Handwerksbetriebe, die aufgrund progressiver Technisierung natürlich ein erweitertes Produktspektrum und eine Arbeitsbeschleunigung erfuhren, waren in den Anfangsjahren der Industriellen Revolution im westlichen Europa die Antriebsfeder für die Zuwachsraten des Sozialprodukts, welches im Bereich der gewerblichen Wirtschaft zu verzeichnen war. Der Übergang von der traditionellen zur modernen und fortschrittlichen Produktionsweise und Wirtschaftlichkeit wurde deshalb mit dem Übergang von der Agrarrevolution hin zur „Industriellen Revolution“ bezeichnet.

Die kleinen und mittleren Gewerbe führten diesen Veränderungsprozess im wirtschaftlichen Bereich herbei, aber auch die sozialen Veränderungsprozesse, die in der Folgezeit das Bevölkerungsbild prägen und verändern sollten, wurden von diesen Handwerksbetrieben geleitet.

3.2 Übergang zur industriellen Gesellschaft:

Zahlenmäßig wurde der wirtschaftliche und soziale Veränderungsprozess zunächst in der Erweiterung der Arbeitereinstellungen im industriellen und tertiären Sektor. Die Arbeiter und Dienstleistungsgesellschaft erfuhr einen enormen Anstieg, die Agrarwirtschaft dagegen einen deutlichen Rückgang in den Beschäftigungszahlen. In den westlichen Industriestaaten Frankreich, Deutschland, Niederlande oder Belgien sanken die Landwirtschafttätigen durch die industrielle Revolution von 1800 bis 1890 von über 50 % auf weit unter 40 %. Dementsprechend erfuhren der industrielle und der tertiäre Bereich kontinuierliche Steigerungen der Arbeiterzahlen. Da die Bevölkerungsexplosion weiterhin stetig anstieg, ist eine grobe Schätzung zu der Ansicht gekommen, dass um 1890/ 1900 in Mitteleuropa etwa 12-13 Millionen mehr Menschen durch die erweiterten Arbeitsfelder tätig waren als noch um 1850 zu Beginn der Industriellen Revolution. England als Vorreiter und Ausgangspunkt der Industriellen Revolution, nahm in diesem Bereich natürlich europaweit eine besondere Sonderstellung ein. Mehr als 14 Millionen Menschen waren um die Jahrhundertwende, also über 100 Jahre nach Beginn des industriellen Zeitalters, in Bereichen der gewerblichen Industrie oder dem Dienstleistungssektor tätig. Dies waren Arbeitskräfteanteile von gewaltigen 91 % der Bevölkerung, ein absoluter Spitzenwert, der bereits um 1850 mit 78 % an Beschäftigten im industriellen Bereich eine im westlichen Kontinentaleuropa erst um 1950 erreicht wurde, als aufgrund des Wirtschaftswunders der agrarische Sektor ebenfalls einer erheblichen Dezimierung und Reduzierung ausgesetzt war.[12]

[...]


[1] Gall, Lothar (1997), S. 4

[2] www.lsg.musin.de, S. 1

[3] www.lsg.musin.de, S. 1

[4] Görtemaker, Manfred (2002), S. 34

[5] Schulze, Hagen (2002), S. 89

[6] Fisch, Jörg (2001), S. 83

[7] Gall, Lothar (1997), S. 5

[8] Gall, Lothar (1997), S. 5

[9] Görtemaker, Manfred (2002), S. 207

[10] Gall, Lothar (1997), S. 7

[11] Gall, Lothar (1997), S. 7

[12] Gall, Lothar (1997), S. 7

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638007252
ISBN (Buch)
9783638913249
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86357
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Schlagworte
Europa Entwicklung Industriegesellschaften Folgen Politik

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