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Ethikmanagement in der Roten Biotechnologie

Eine Analyse der Ethikmanagement-Massnahmen der drei umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen der Roten Biotechnologiebranche anhand von Fallstudien

Diplomarbeit 2007 139 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Forschungsmethode
1.4 Vorgehensweise

2. Biotechnologie und ihre bioethischen Implikationen
2.1 Einführung in die Biotechnologie
2.2 Die Relevanz der Ethik in der Roten Biotechnologie
2.2.1 Definition der Begriffe Moral, Ethik und Bioethik
2.2.2 Bioethische Herausforderungen in der Roten Biotechnologie
2.2.2.1 Gentechnik
2.2.2.2 Gentherapie
2.2.2.3 Genmedizin
2.2.2.4 Reproduktionsmedizin
2.2.3 Gesellschaftliche Akzeptanz der Roten Biotechnologie
2.3 Zwischenrésumé

3. Biotechnologieunternehmen und Unternehmensethik
3.1 Definition der Unternehmensethik
3.2 Vereinbarkeit von Ökonomie und Ethik
3.3 Unternehmensethische Verpflichtungen Roter Biotechnologieunternehmen
3.3.1 Produktsicherheit
3.3.2 Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung
3.3.3 Unternehmensführung
3.3.4 Management von Reputationsrisiken
3.4 Verankerung ethischer Grundsätze in Unternehmen
3.4.1 Compliance-Ansatz
3.4.2 Integrity-Ansatz
3.5 Ethikmanagement-Massnahmen europäischer Biotechnologieunternehmen
3.5.1 Institutionalisierte und informelle Massnahmen
3.5.2 Ausprägung eines ethischen Bewusstseins in den Unternehmen
3.6 Zwischenrésumé

4. Ethikmanagement-Massnahmen amerikanischer Unternehmen der Roten Biotechnologiebranche
4.1 Fallstudiendesign
4.1.2 Kriterien der Unternehmensauswahl
4.1.2 Erhebungsmethode
4.2 Fallstudie Genentech Inc.
4.2.1 Ethikmanagement-Massnahmen von Genentech Inc.
4.2.1.1 Leitbild und Werte
4.2.1.2 Verhaltensstandards
4.2.1.3 Ethikrichtlinien
4.2.1.4 Prinzipien der Unternehmensführung
4.2.1.5 Hotline
4.2.1.6 Richtlinienbeauftragter und Komitees
4.2.1.7 Philanthropisches Engagement
4.2.2 Fazit
4.3 Fallstudie Amgen Inc.
4.3.1 Ethikmanagement-Massnahmen von Amgen Inc.
4.3.1.1 Leitbild und Werte
4.3.1.2 Verhaltensstandards
4.3.1.3 Ethikrichtlinien
4.3.1.4 Prinzipien der Unternehmensführung
4.3.1.5 Hotline, Richtlinienbeauftragter und Ombudsmann
4.3.1.6 Komitees
4.3.1.7 Philanthropisches Engagement
4.3.2 Fazit
4.4 Fallstudie Genzyme Corp.
4.4.1 Ethikmanagement-Massnahmen von Genzyme Corp.
4.4.1.1 Leitbild und Werte
4.4.1.2 Verhaltensstandards
4.4.1.3 Prinzipien der Unternehmensführung
4.4.1.4 Helpline und Richtlinienbeauftragter
4.4.1.5 Komitees
4.4.1.6 Philanthropisches Engagement
4.4.2 Fazit
4.5 Zwischenrésumé

5. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Anhang A: Abbildungen

Anhang B: Interviewprotokoll, Prof. Dr. Henrich Hasko Paradies, University of
Salford (UK)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Pyramid of Corporate Social Responsibility

Abb. 2: Reputation Risk Management Best Practice Model

Abb. A-1: Chronologie der Biotechnologie

Abb. A-2: Rechtliche Grenzen der Reproduktionsmedizin

Abb. A-3: Ethikmanagment-Massnahmen in verschiedenen Bereichen

Abb. A-4: Clarkson Principles for Stakeholder Management

Abb. A-5: Identifikation einflussreicher Stakeholder

Abb. A-6: Kommunikationsausgaben von Fortune Most Admired Companies

Abb. A-7: Ethikmanagement-Massnahmen in Europa

Abb. A-8: Werte von Genentech

Abb. A-9: Verhaltensstandards von Genentech

Abb. A-10: Ethikrichtlinien für das Top Management von Genentech

Abb. A-11: Werte von Amgen

Abb. A-12: Verhaltensstandards für das Top Management von Amgen

Abb. A-13: Verhaltensstandards für die Zulieferer von Amgen

Abb. A-14: Ethikrichtlinien für das Top Management von Amgen

Abb. A-15: Compliance-Zertifikat von Amgen

Abb. A-16: Spendenempfänger von Amgen 2006

Abb. A-17: Spenden von Amgen nach Fokusgebieten 2006

Abb. A-18: Werte von Genzyme

Abb. A-19: Compliance-Zertifikat von Genzyme

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung in die Thematik

1.1 Problemstellung

Biotechnologieunternehmen (BU)[1], die medizinische und pharmazeutische Produkte und Dienstleistungen herstellen, sind Bestandteile zweier Domänen. Einerseits sind sie Bestandteil des Gesundheitssystems. Die Produkte, Dienstleistungen und Verfahren, welche sie entwickeln, haben die Verbesserung der menschlichen Gesundheit, die Verringerung menschlichen Leidens und die Verlängerung der menschlichen Lebensdauer zum Ziel. Andererseits sind BU auch kommerzielle Gebilde, welche durch den Vertrieb ihrer Erzeugnisse einen Gewinn für ihre Eigentümer respektive Anteilseigner generieren wollen. Als Bestandteile dieser beiden Domänen, des Gesundheitssystems und der Wirtschaft, stehen BU ethischen Herausforderungen zweier Dimensionen gegenüber.[2]

Zum einen sind sie mit bioethischen Herausforderungen konfrontiert, die ihrer Beteiligung am Gesundheitssystem und ihrem Engagement in den Biowissenschaften entstammen, denn alle biotechnologischen Innovationen stehen potentiell mit ethischen Problemfeldern in Verbindung.[3] Zum anderen müssen sich die Unternehmen unternehmensethischen Herausforderungen stellen, die auf ihrer kommerziellen Beteiligung an der Wirtschaft basieren. Anliegen in diesem Bereich schliessen etwa die Produktsicherheit, die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und die verantwortungsbewusste Unternehmensführung ein.[4] Aufgrund der Einzigartigkeit ihrer Produkte, die nicht mit gewöhnlichen Konsumgütern gleichzusetzen sind, erwächst für BU folglich sowohl bioethische als auch spezielle unternehmensethische Verantwortung. Die Übernahme einer solchen ethischen Verantwortung ist eine Voraussetzung, um gesellschaftliche Akzeptanz sowie unternehmerische Freiheit und Wettbewerbsfähigkeit unter heutigen Bedingungen zu sichern.[5] Die rasante Marktentwicklung und das Wachstum in den verschiedensten Segmenten der Biotechnologie haben insbesondere im Bereich der Roten Biotechnologie (Medizin, Pharmazie) Kritiker und Ethiker[6] auf den Plan gerufen.[7] Gefördert durch das intensive Medien- und Öffentlichkeitsinteresse sind BU Reputationsrisiken ausgesetzt, die in dieser Form in anderen Branchen nicht existieren.[8] Die öffentliche Debatte über ethische und soziale Aspekte der Biotechnologie hat einen Rechtfertigungsdruck erzeugt und Unternehmen dazu gezwungen, sich mit diesen Belangen auseinanderzusetzen. BU müssen Massnahmen ergreifen, um bio- und unternehmensethische Probleme zu reduzieren bzw. zu verhindern und um ihre Aktivitäten auf einer gesellschaftlich erteilten Legitimationsbasis ausführen zu können.[9]

1.2 Zielsetzung

In dieser Diplomarbeit werden die bioethischen und unternehmensethischen Herausforderungen Roter BU herausgearbeitet, die aus der Tätigkeit der Unternehmen im medizinischen bzw. pharmazeutischen Bereich resultieren. Es wird dargelegt, dass die Unternehmen bio- und unternehmensethische Verantwortung übernehmen müssen, da ihre Produkte und Verfahren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und ihre unternehmerischen Aktivitäten Auswirkungen auf das gesellschaftliche und ökologische Umfeld haben. Das Ziel dieser Arbeit ist sodann die Erörterung jener Massnahmen, die von den drei umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen der Roten Biotechnologiebranche, Genentech Inc., Amgen Inc. und Genzyme Corp.[10] als proaktive oder reaktive Erwiderung auf die öffentliche Debatte über moralisch relevante Aspekte der Biotechnologie und auf gesellschaftspolitische Forderungen angewendet werden. Da europäischen Unternehmen noch weitgehend eigene Produkte fehlen[11], werden Unternehmen aus den USA, dem Pionierland der Biotechnologieindustrie, zur Analyse herangezogen. Aufgrund der erfolgreichen Etablierung bzw. des hohen Umsatzes der zu analysierenden Unternehmen ist anzunehmen, dass sie bereits mit bio- und unternehmensethischen Herausforderungen konfrontiert wurden und Massnahmen etabliert haben, um diese zu meistern. Die ausgewählten Unternehmen werden eingehend analysiert und folgende Fragen beantwortet:

- Welche Ethikmanagement-Massnahmen wenden die Unternehmen an?
- Sind ethische Grundsätze im Sinne eines Compliance- oder Integrity-Ansatzes in den Unternehmen verankert?
- Erfüllen die Unternehmen die unternehmensethischen Verpflichtungen Roter BU?

Mit dieser Diplomarbeit, welche sich an Unternehmen, ihre Manager und Forscher richtet, werden folglich Einsichten in die Instrumentarien geliefert, die von den grössten Industrie-Playern ergriffen werden, um es dem Leser zu ermöglichen, sich das Wissen dieser erfahrenen Unternehmen zu Nutze zu machen. Die Darstellung der drei Unternehmensbeispiele dient vor allem der Sensibilisierung für die verschiedenen Möglichkeiten, mit ethischen Herausforderungen umzugehen. Fernerhin ist beabsichtigt, mit dieser Diplomarbeit einen Beitrag zur bestehenden unternehmensethischen Literatur zu leisten, denn: „For whatever reason, business ethics issues that arise in the field of biotechnology have received surprisingly little attention.“[12]

1.3 Forschungsmethode

Die Kapitel 2 und 3 stellen die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit dar und liefern eine Aufarbeitung der Literatur zum jeweiligen Kapitelthema. Ein Experteninterview, welches mit Prof. Dr. med., Dr. rer. nat. habil., Dr. Sc. & Ph. D (h.c.) Henrich Hasko Paradies von der University of Salford geführt wurde, ermöglicht weitere Einsichten in das Fachgebiet der Roten Biotechnologie und ihre bioethischen Implikationen. Kapitel 4 umfasst Fallstudien von amerikanischen BU, die biotechnologische Medikamente produzieren und im Bereich der Organtransplantation und des genetischen Testens tätig sind. Da spezifische, zur Beantwortung der vorliegenden Fragestellungen relevante Firmeninformationen nur auf den Webseiten der zu analysierenden BU verfügbar sind, stellen die webbasierten Dokumente das Hauptanalysematerial der Fallstudien dar. Zur Verdeutlichung der Ethikmanagement-Massnahmen werden insbesondere Dokumente über konkrete Bemühungen der ausgewählten Unternehmen verwendet. Abgesehen von der Führung des Experteninterviews beruht diese Diplomarbeit folglich auf einer Dokumentenanalyse, wobei der Internetrecherche zur Erarbeitung der Fallstudien eine besondere Bedeutung zukommt. Das fallspezifische Vorgehen zur Analyse der Ethikmanagement-Massnahmen der ausgewählten BU bietet sich gemäss Yin (2003) an, da

1. eine „Warum“- und „Wie“-Fragestellung vorliegt und Begründungen (warum) und Situationsbeschreibungen (wie) nicht allgemeingültig beantwortet werden können.
2. die Fallstudie seitens des Forschers keine Kontrolle über Verhalten respektive Variablen erfordert, wie z.B. in einem Experiment bzw. Laborsetting.
3. der Fokus auf ein zeitgenössisches – und kein historisches – Phänomen gerichtet ist.[13]

Es werden bewusst drei Unternehmen zur Analyse ausgewählt, denn: „The evidence from multiple cases is often considered more compelling, and the overall study is therefore regarded as being more robust.“[14] Um den Validitätsanforderungen gemäss Yin (2003) zu genügen, werden unterschiedliche Recherchequellen sowie wissenschaftliche Studien zu anderen Unternehmen herangezogen.[15]

1.4 Vorgehensweise

Das Ziel dieser Diplomarbeit, die Ethikmanagement-Massnahmen der drei umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen der Roten Biotechnologiebranche zu erläutern, legt ein Vorgehen in folgenden Schritten nahe:

Kapitel 2 stellt eine Einführung in die Biotechnologie und ihre bioethischen Implikationen dar. Neben einer Begriffsdefinition werden die geschichtlichen Eckdaten der Biotechnologie erläutert und ihre heutigen Anwendungsfelder abgegrenzt. Unter Bezugnahme auf die Gentechnik, Gentherapie, Genmedizin und Reproduktionsmedizin wird aufgezeigt, dass im Bereich der Roten Biotechnologie diverse bioethische Probleme existieren, die eine ethische Reflexion seitens der BU notwendig machen. Um die hohe Sensibilität der Gesellschaft gegenüber diesen Anwendungsfeldern zu veranschaulichen, werden zudem die Ergebnisse einer Studie zur Akzeptanzforschung von Renn (2005) vorgestellt. Ein Zwischenrésumé, welches die bisher gewonnenen Erkenntnisse zusammenfasst, bildet den Abschluss des zweiten Kapitels.

Kapitel 3 thematisiert die Unternehmensethik, da BU neben den in Kapitel 2 beschriebenen bioethischen auch unternehmensethischen Herausforderungen gegenüber stehen. Zunächst wird die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ethik diskutiert und betont, dass eine Koexistenz möglich, ja geradezu notwendig ist. Basierend auf dieser Argumentation werden unternehmensethische Verpflichtungen Roter BU diskutiert, deren Erfüllung sich auf die Reputation eines BU auswirkt. Es werden dabei die Best Practice Kriterien eines effektiven Managements von Reputationsrisiken nach Moon und Piper (2001) dargelegt, um diese zur Erarbeitung der Unternehmensfallstudien im vierten Kapitel heranziehen zu können. Da die Wahrnehmung sozialer Verantwortung und die Verankerung ethischer Grundsätze in den Unternehmen variiert, wird diesbezüglich eine Klassifikation in drei Ansätze vorgenommen: Markt-, Compliance- und Integrity-Ansatz. Das jeweilige Ethikbewusstsein, welches den einzelnen Ansätzen zugrunde liegt, wird skizziert, um es ebenfalls für die Analyse der ausgewählten Unternehmen im vierten Kapitel anwendbar zu machen. Im Anschluss daran werden anhand einer Studie von Kleinfeld (2001) die Ethikmanagement-Massnahmen europäischer BU verschiedener Sektoren und Grössen erläutert, um einen Bezug zu den in der Praxis verwendeten Instrumentarien herzustellen und einen Übergang zum folgenden Fallstudienkapitel zu schaffen. Wiederum dient ein Zwischenrésumé zum Abschluss des Kapitels dazu, die Möglichkeit der gedanklichen Nachvollziehung der Untersuchung zu erhöhen.

Kapitel 4 stellt das zentrale Kapitel dieser Arbeit dar. Es führt die zuvor angeeigneten theoretischen Grundlagen bei der Erarbeitung der Unternehmensfallstudien zusammen. Zunächst werden die zur Unternehmensauswahl angewendeten Kriterien sowie die Erhebungsmethode der Untersuchung beschrieben. Jeder Fallstudie wird sodann ein Unterkapitel gewidmet. Anfänglich werden in Kürze die wichtigsten Eckdaten der Firmen und die Anwendungsgebiete ihrer Produkte dargestellt. In einem nächsten Schritt werden ihre jeweiligen Ethikmanagement-Massnahmen ausführlich beschrieben. Basierend auf den Analyseergebnissen wird im Fazit jeder Fallstudie anhand der zuvor erläuterten Klassifikation aus Abschnitt 3.4 identifiziert, ob ethische Grundsätze in den Unternehmen verankert sind, ob sie die unternehmensethischen Verpflichtungen Roter BU erfüllen, und ob ihr Management von Reputationsrisiken den Best Practice Kriterien, wie in Passage 3.3.4 beschrieben, genügt. Im abschliessenden Zwischenrésumé werden die Resultate der Fallstudien zusammengefasst und verglichen.

Kapitel 5 fasst die Hauptaussagen dieser Arbeit in komprimierter Form zusammen und liefert eine kritische Stellungnahme zu den Ergebnissen der Untersuchung.

2. Biotechnologie und ihre bioethischen Implikationen

2.1 Einführung in die Biotechnologie

Der Begriff „Biotechnologie“ wurde 1919 durch den ungarischen Ingenieur Karl Ereky geprägt.[16] Aus gängigen Definitionen ergibt sich ein sehr breites Anwendungsgebiet biotechnologischer Verfahren. Die Europäische Föderation Biotechnologie (EFB) versteht die Biotechnologie als „das Zusammenwirken von Naturwissenschaften und Technik mit dem Ziel, Organismen, Zellen und Teile davon oder entsprechende Moleküle für Produkte und Dienstleistungen zu nutzen (…)“.[17] Heiden und Zinke (2006) erklären, dass die Biotechnologie nicht nur auf Erkenntnissen anderer wissenschaftlicher Diszi-plinen, wie der Mikro-, Molekular- und Zellbiologie, Chemie, Immunologie, Virologie und der (Bio-)Verfahrenstechnik basiert, sondern vielmehr auch Instrumente und Erkenntnisse der Sozialwissenschaften integriert, um eine wirtschaftliche und durch die Gesellschaft akzeptierbare praktische Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse zu bewerkstelligen.[18] Die Autoren konstatieren: „Eben in dieser interdisziplinären Herangehensweise, die die konventionellen Grenzen klassischer Wissenschaftsbereiche schon lange überwunden hat, liegt die Faszination und das enorme Potential dieser Zukunftstechnologie.“[19]

Da die verschiedensten Segmente der Biotechnologie, die ähnlich wie die Informations- und Kommunikationstechnologie als bedeutendste Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts gilt, eine rasante Marktentwicklung aufweisen, werden grosse Erwartungen in diesen Wachstumsmotor gesetzt.[20] Prof. Dr. Henrich Hasko Paradies von der University of Salford, mit dem für die vorliegende Arbeit ein eingehendes Fachinterview zum Thema der Biotechnologie geführt wurde, bemerkt:

„Mit Hilfe der Biotechnologie lassen sich z.B. biologische und chemische Analysetechniken verfeinern und vor allem kostengünstiger und schneller gestalten. Neue und alte Berufssparten werden ausgebaut bzw. entstehen. Die Biotechnologie mit allen ihren neuen Varianten und ihren etablierten Sparten ist zu vergleichen mit der Umstellung des Cargoverkehrs von der Eisenbahn zum Luftverkehr und Massentourismus.“[21]

Nicht zuletzt aufgrund von Wortneuschöpfungen wie „Genfood“, „Klonen“, „transgene Tiere“ oder „Gentherapie“, die in den alltäglichen Sprachgebrauch Eingang gefunden haben oder dem in breiten Bevölkerungsschichten bekannten, geklonten Schaf „Dolly“ entsteht der Eindruck, dass die Biotechnologie eine Errungenschaft der letzten zwei Jahrzehnte ist.[22] Die Gentechnik ist jedoch nur ein Fachgebiet der Biotechnologie. Versteht man unter der Biotechnologie „die technische Nutzung biologischer Systeme zur gezielten Herstellung von Produkten“[23], so reichen die Ursprünge dieser vermeintlich modernen Wissenschaft bereits Jahrtausende in der Menschheitsgeschichte zurück.[24] Dennoch stammt ein Grossteil des theoretischen Wissens der modernen Biotechnologie aus dem späten 20. Jahrhundert. Gemäss Lippold (2004) wird die Geburtsstunde der Biotechnologie im wissenschaftlichen Sinne häufig auf das Jahr 1977 festgelegt, in dem erstmalig das Klonen[25] eines menschlichen Gens und die gentechnische Herstellung des menschlichen Wachstumshormons Somatostatin durch ein Bakterium gelang.[26] 1982 wurde menschliches Insulin als erstes gentechnisch hergestelltes Medikament verkauft.[27] Während bereits weitere biotechnologische Produkte auf den Markt kamen, wurde in den achtziger und neunziger Jahren der genetische Aufbau immer komplexerer Organismen entschlüsselt und das Klonen von Lebewesen machte immer schnellere Fortschritte.[28]

Da sich die heutigen Anwendungsmöglichkeiten biologischer Verfahren auf unterschiedliche Technologiesektoren erstrecken, wird die Biotechnologie in verschiedene Kategorien bzw. in eine Farbskala gegliedert. Die Weisse, Grüne und Rote Biotechnologie gelten als klassische Vertreter bereits als etabliert. Zusätzlich wird eine Unterscheidung in Blaue, Graue, Braune und Gelbe Biotechnologie vorgenommen.[29] Die Blaue Biotechnologie richtet ihren Fokus auf die Erforschung und industrielle Nutzung biologischer Organismen der Weltmeere. Die Graue Biotechnologie, die oft als Synonym für die Weisse Biotechnologie verwendet wird, beinhaltet klassische Vorgänge wie die Fermentierung und die Bestrebung, Biotechnologie für den Umweltschutz einzusetzen. Jedoch wird die auf den Umweltschutz ausgerichtete Disziplin mitunter auch als Braune Biotechnologie bezeichnet. Auch die Definition der Gelben Biotechnologie ist gemäss Lippold (2006) noch nicht gefestigt. Sie wird vereinzelt als Biotechnologie der Lebensmittel oder der Herstellung von chemischen Grundstoffen definiert.[30] Die Anwendungsfelder der „drei großen Grundfarben“[31] sind hingegen gesichert. Die Weisse Biotechnologie nutzt biologische Mittel für die Optimierung industrieller Prozesse und der Umweltverträglichkeit und findet beispielsweise in der Chemie-, Textil- oder Lebensmittelindustrie Anwendung.[32] Die Grüne Biotechnologie umfasst die gentechnische Veränderung von landwirtschaftlichen Nutztieren und Pflanzen zur Verbesserung ihrer Eigenschaften oder zur Übertragung neuer Eigenschaften.[33]

Innerhalb dem „Regenbogen der Biotechnologie“[34] befasst sich diese Arbeit mit der Roten Biotechnologie, welche diejenigen Bereiche umfasst, die medizinische und pharmazeutische Anwendungen zum Ziel haben. Die Rote Biotechnologie kann in drei wesentliche Produktgruppen bzw. Verfahren eingeteilt werden: die Entwicklung von Diagnostika, die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen sowie der Beitrag der Biotechnologie zur Gentherapie und Reproduktionsmedizin.[35] Da BU, die im Bereich der Medizin und Pharmazie tätig sind, Produkte und Dienstleistungen herstellen, die sich von gewöhnlichen Konsumgütern und den Produkten der BU anderer Sparten unterscheiden, muss der Roten Biotechnologie erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden:

„Die Rote Biotechnologie steht im Dienst der Gesundheit und verdient daher eine besondere Beachtung. Sie ist ein grosser Hoffnungsträger für eine humanere Zukunft, in der Krankheiten und Altern mit weniger Leiden verbunden sein werden. Jedoch haben auch ethische Gesichtspunkte in der Sparte der Roten Biotechnologie eine besondere Bedeutung.“[36]

Die Unterschiede der biotechnologischen medizinischen und pharmazeutischen Produkte bringen aussergewöhnliche ethische Verantwortlichkeiten für die produzierenden Unternehmen mit sich. Dresser (2006) beispielsweise ist der Meinung, dass einer Industrie, die Produkte entwickelt und vermarktet, welche die menschliche Gesundheit fördern, stärkere ethische Verpflichtungen zugewiesen werden sollten als Industrien, welche gewöhnliche Konsumprodukte bzw. Verbrauchsgegenstände herstellen.[37] Auch Angell (2004) führt an: „If prescription drugs were like ordinary consumer goods, all this might not matter very much. But drugs are different. People depend on them for their health and even their lives.”[38]

Bevor die unternehmensethischen Verpflichtungen Roter BU, welche auf dieser Besonderheit der medizinischen und pharmazeutischen Produkte beruhen, im dritten Kapitel thematisiert werden, sollen zunächst grundlegende philosophische Begriffe erläutert und die moralischen und bioethischen Probleme dargestellt werden, die mit den Produkten und Verfahren der Roten Biotechnologie in Verbindung stehen und von BU berücksichtigt werden müssen.

2.2 Die Relevanz der Ethik in der Roten Biotechnologie

Die Rote Biotechnologie besitzt das Potential zu einer Vervollkommnung der Natur. Eine Art Heilserwartung wird auf diese Wissenschaft übertragen. Als Kehrseite dazu wird ausgemalt, dass den manipulierenden Wissenschaftlern die Kontrolle über ihre Experimente entgleiten kann.[39] Es stellt sich daher grundsätzlich die Frage, ob das, was technisch bzw. medizinisch möglich ist, auch moralisch verantwortet werden kann. Zunächst empfiehlt es sich, eine Klärung und Abgrenzung der Begriffe „Moral“, „Ethik“ und „Bioethik“ vorzunehmen, welche die philosophische Grundlage dieser Arbeit darstellen.

2.2.1 Definition der Begriffe Moral, Ethik und Bioethik

Moral bezeichnet die in Gruppen, Organisationen oder ganzen Gesellschaften zugrunde liegenden und als verbindlich akzeptierten ethisch-sittlichen Normen[40], Tugenden[41] und Werturteile[42]. Diese richten sich durch verschiedene Formen von Geboten und Verboten an die spezifizierten sozialen Einheiten.[43] Moralisches Handeln liegt dann vor, wenn die als allgemein verbindlich anerkannten Normen, Werturteile und Tugenden beachtet werden.[44]

Ethik ist die philosophische Wissenschaft vom sittlichen Handeln und Verhalten des Menschen. Sie hat die Aufgabe, die in Gruppen, Organisationen und Gesellschaften geltenden Normen und Werte kritisch zu hinterfragen, d.h. zu reflektieren, ob das, was als moralisch gilt, auch wirklich gut und richtig ist.[45] Ethik ist folglich als ein methodisches Nachdenken über die herrschende Moral, als die Theorie der moralischen Praxis zu bezeichnen.[46]

Die Bioethik ist ein Teilgebiet der philosophischen Ethik. Der Begriff „Bioethik“ wurde angesichts der rasanten biomedizinischen Entwicklungen zu Beginn der siebziger Jahre in den USA eingeführt.[47] Mit der Entwicklung neuer Technologien und dem damit einhergehenden Wandel der Rahmenbedingungen der Medizin wurden schwierige moralische Fragen aufgeworfen. Die Bioethik, welche diese Fragen philosophisch angeht, ist als eine Erweiterung der Medizinethik[48] zu sehen, welche auf die Bearbeitung von Pro-blemstellungen in der Medizin beschränkt ist.[49] Die Bioethik beschäftigt sich konkret mit den sittlichen Fragen und Verhaltensweisen im Umgang mit Lebewesen und Natur sowie mit medizinischen und biotechnischen Anwendungen. Düwell und Steigleder (2003) bezeichnen die Bioethik als „eine im Kern philosophische Medizinethik, die sich von der traditionellen Standesethik unterscheidet, mit Erweiterungen um medizinnahe Problemstellungen in der Biologie“.[50] Überdies führen die Autoren aus, dass es in der Bioethik darum geht, „mit Hilfe der methodischen Möglichkeiten der philosophischen Ethik Problemkontexte zu untersuchen, in denen der Umgang mit dem «Lebendigen» zu einem Problem geworden ist“.[51] Eine abschliessende Definition, welche weitere Aspekte und die Bedeutung der Bioethik für Unternehmen einbezieht, stammt von Dhanda (2005):

„Bioethics represents the body of theory that frames the ethical and moral dimensions of biological and medical research. In many ways, it is a barometer of the social acceptance, resistance, or apathy towards new technological developments. For a corporation, it also represents a strategic tool that can pinpoint areas of weakness and opportunity.”[52]

Welche moralischen und bioethischen Dimensionen die Produkte und Verfahren der Roten Biotechnologie beinhalten, mit denen BU konfrontiert sind, wird in den folgenden Abschnitten erläutert.

2.2.2 Bioethische Herausforderungen in der Roten Biotechnologie

Mit den neuen Möglichkeiten der Einflussnahme und Kontrolle der Prozesse des Lebens, welche die Erweiterung des biologischen und medizinischen Wissens mit sich bringt, stellen sich zahlreiche ethische Fragen, die stark umstritten sind.[53] Diese Fragen betreffen die Produkte und Verfahren der Gentechnik, Gentherapie, Genmedizin und Reproduktionsmedizin. Der Fortschritt und das Vorstossen in Grenzbereiche führen zur Auseinandersetzung mit der Frage, was sittlich geboten und was noch sittlich richtig ist.[54] Im Folgenden werden die zentralen Verfahren der Roten Biotechnologie vorgestellt und wesentliche Gesichtspunkte ethischer Reflexion dazu vorgestellt.

2.2.2.1 Gentechnik

Die Gentechnik befasst sich mit der Isolierung, Bestimmung und Neukombination von Erbmaterial. Durch Einbringung fremder Gene[55] kann das Erbgut lebender Organismen gezielt verändert und so nicht-natürlich vorhandenes Leben hergestellt werden.[56] Die Gentechnik und ihre Methoden haben in den vergangenen Jahrzehnten eine rapide Fortentwicklung erfahren und werden in den Medien und der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Da die Möglichkeiten der Genmanipulation Vorstellungen von Individualität, Natur und einem respektvollen Umgang mit dem Seienden untergraben, sind die Diskussionen deutlich emotional geladen. Paradies (2007) äussert sich bedenklich: „Mögliche Veränderungen können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Gentechnisch veränderte Organismen könnten sich zukünftig in der Umwelt verbreiten und die Evolution in kaum vorhersehbarer Weise beeinflussen.“[57] Demgegenüber stehen Vorstellungen, mittels Genmanipulationen Leid abwenden zu können, aber auch umfangreiche wirtschaftliche Interessen, wie die gentechnische Herstellung von Medikamenten oder die Patentierung der Erbinformationen beliebiger Lebewesen.[58]

2.2.2.2 Gentherapie

Mit Hilfe der Gentherapie können anomale Funktionen von Genen korrigiert werden. Es ist bei gentherapeutischen Eingriffen zwischen der Korrektur von Gendefekten in Körperzellen im Sinne einer Heilung im Einzelfall (somatische Gentherapie) und den Veränderungen der Keimbahn (Keimbahntherapie respektive Stammzellentherapie) und somit der Vererbbarkeit einer eingeführten genetischen Veränderung zu differenzieren.[59] Die somatische Gentherapie, die defekte Gene durch Einführung funktioneller Gene in Körperzellen eines Kranken ersetzt, ist mit einer Organtransplantation vergleichbar. Sie unterliegt Verpflichtungen wie dem Respekt vor dem Leben, der Wahrung der Integrität der behandelten Person sowie der Vertraulichkeit gesammelter Daten.[60]

Im Gegensatz zur somatischen Gentherapie bestehen bei der Keimbahntherapie, welche fundamental in die Funktionsweise eines Organismus eingreift, weitaus erheblichere Bedenken. Fagan (1999) äussert Sicherheitsbedenken, die jeden Menschen betreffen. Er argumentiert, dass trotz aller Fortschritte in der Keimbahntherapie immer die Gefahr von unkontrollierten genetischen Veränderungen und schädlichen Nebenwirkungen bestehen wird, und dass jede gentechnische Manipulation Mutationen heraufbeschwört, die nicht nur den einzelnen Menschen, sondern auch alle seine Nachkommen betreffen.[61] Wilson (1999) formuliert daher die zentralen ethischen Fragestellungen der Gentherapie folgendermassen: „Dürfen Menschen ihre Gene und die ihrer Nachkommen nach Belieben modellieren?“ und „nach welchen Kriterien wird man entscheiden, wie viel DNA-Flickerei noch moralisch ist?“[62]

Auch das therapeutische Klonen[63] menschlicher Embryonen wirft schwere ethische Fragen, wie die Zulässigkeit der Forschung an embryonalen Stammzellen, auf. Diese essenzielle bioethische Frage führt zur Definition des Lebensbeginns. Ab wann ist dem menschlichen Leben die volle und uneingeschränkte Menschenwürde[64], die in den Verfassungen aller liberalen Demokratien anerkannt wird, und somit der volle Lebensschutz[65] zuzugestehen? Die Diskrepanzen zu diesem Thema in der bioethischen Debatte nehmen umso stärker zu, je später dem beginnenden Leben die volle Menschenwürde zugesprochen wird.[66]

2.2.2.3 Genmedizin

Im Unterschied zur Gentherapie greift die Genmedizin nicht in die Zellfunktionen ein, sondern behandelt disfunktionale Gene durch Medikamente, welche bei geringeren Nebenwirkungen selektiver auf den Organismus wirken als eine Gentherapie. Zur Herstellung von Medikamenten oder Wirkstoffen werden insbesondere Bakterien verwendet, die durch die Manipulation mit gentechnischen Methoden dazu gebracht werden, Stoffe wie z.B. humanes Insulin in grossen Mengen zu produzieren.[67] Der Einsatz der Biotechnologie im Pharmabereich beinhaltet ein grosses Potential: „Der Arzneimittelmarkt ist ein attraktiver Wachstumsmarkt, dessen Bedeutung auch angesichts der demografischen Entwicklung in den westlichen Industriestaaten stark zunehmen wird und die gesellschaftliche Akzeptanz von Biopharmazeutika ist relativ hoch.“[68] Die Methode der Medikamentenherstellung durch gentechnisch modifizierte Bakterien wird von den Unternehmen Genentech und Amgen angewendet, deren Ethikmanagement-Massnahmen im vierten Kapitel untersucht werden.

Auch die Entwicklung von Diagnostika, wie sie von dem ebenfalls in Kapitel 4 zu analysierenden Unternehmen Genzyme vorgenommen wird, gehört zum Bereich der Gentechnik bzw. Genmedizin. Mit Hilfe von Gen-Chips beispielsweise, die auf der Oberfläche mit reaktionsfähigen DNS-Sequenzen ausgestattet sind, können diverse genetisch bedingte Erkrankungen, wie z.B. die Veranlagung für Brustkrebs, diagnostiziert werden.[69] Gentests sind jedoch problematisch, wenn für erkannte Krankheiten noch keine Therapien zur Verfügung stehen, und wenn sie zu Beitragsdifferenzierungen bei Kranken- und Lebensversicherungen führen.[70]

Eine weitere Domäne der Genmedizin, welche auch von Genzyme praktiziert wird, ist die Transplantationsmedizin. Diese umfasst, neben der Nutzung von Stammzellen zu therapeutischen Zwecken, die Gewebe- und Organtransplantation von Mensch zu Mensch sowie die Xenotransplantation, d.h. die Transplantation eines tierischen Organs auf den Menschen.[71] Durch die Transplantationsmedizin werden bisher sicher geglaubte Grenzziehungen zwischen Leben und Tod, Sterbenlassen und Töten und die Grenzen der biologischen Abgeschlossenheit des Körpers in Frage gestellt.[72] Insbesondere die Xenotransplantation, welche als Durchbrechung der Barriere zwischen Mensch und Tier eine weitere Grenzüberschreitung beinhaltet, wirft ganz neue ethische Fragen auf: Werden Menschen, die mit einem tierischen Organ weiterleben, mit Reaktionen wie Distanz oder Ausgrenzung rechnen müssen? Wie sieht eine gerechte Allokation aus? Wird es zwei Klassen von Empfängern geben? Für die einen menschliche, für die anderen tierische Organe?[73]

2.2.2.4 Reproduktionsmedizin

Die Verfahren der Reproduktionsmedizin verursachen die grössten ethischen Bedenken.[74] Die In-vitro-Fertilisation (IVF) beispielsweise, welche eine Behandlungsmethode für unfruchtbare Paare ist, beinhaltet die ethische Frage, wie mit überzähligen Embryonen, die aufgrund des Risikos einer Mehrlingsschwangerschaft nicht in den Mutterleib eingepflanzt werden, umgegangen werden soll. Diese Frage hängt wiederum mit dem Eintreten der Menschenwürde und dem prinzipiellen Umgang mit menschlichem Leben zusammen.[75]

Auch mit der von Genzyme angewendeten Präimplantationsdiagnostik (PID), bei der im Reagenzglas befruchtete Eizellen auf mögliche unerwünschte genetische Dispositionen untersucht werden, werden ethische Bedenken aufgeworfen. Da nur solche Embryonen in den Mutterleib implantiert werden, die lebensfähig sind und keine Schädigungen erwarten lassen, werden ethisch bedenkliche Vorstellungen von lebenswertem und lebensunwertem Leben geweckt. Die Fragen lauten daher, ob Selektion betrieben werden darf und was mit den „qualitativ minderwertigen“ Embryonen, die nicht den Testkriterien entsprechen, geschehen soll.[76]

Das reproduktive Klonen, welches das beliebige Kopieren ganzer Organismen bzw. Individuen mit identischem genetischem Material potentiell ermöglicht, ist ein weiterer Bestandteil der Reproduktionsmedizin.[77] Das reproduktive Klonen, welches bisher nur bei Tieren praktiziert wird, beinhaltet substantielle ethische Bedenken, denn die Existenz eines geklonten Menschen würde dadurch begründet, dass er als Ersatz oder Organquelle für einen anderen Menschen dienen, dessen Mängel kompensieren oder bestimmte gesellschaftliche Funktionen erfüllen soll. Wenn der konkrete Mensch zu einem blossen Objekt herabgewürdigt wird, wäre die Menschenwürde verletzt. Durch die Fremdbestimmung würde ausserdem eine freie individuelle Entfaltung und Selbstverwirklichung, wie sie beispielsweise durch Art. 2 des deutschen Grundgesetzes (GG)[78] geschützt und garantiert wird, verhindert.[79] Eine geklonte Person, die den Wünschen und Zielen des Herstellers unterstehen würde, wäre somit massgeblich ihrer Freiheit beraubt.[80]

Die Darstellung der biotechnologischen therapeutischen und medizinischen Verfahren und ihrer ethischen Dimensionen zeigt, dass die neuen gentechnologischen Möglichkeiten an den Grundfesten herrschender Normen und Werte bezüglich des menschlichen Lebens und der menschlichen Würde rütteln. Bisher ist nicht absehbar, ob die Folgen des Einsatzes der neuen Technik beherrschbar sind oder ein ungeahnter Missbrauch in Gang gesetzt wird.[81] Um die Sensibilität der Gesellschaft gegenüber dieser Technologie zu verdeutlichen, wird im Folgenden auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Roten Biotechnologie eingegangen, welche für BU die Basis ihrer Geschäftsfähigkeit darstellt.

2.2.3 Gesellschaftliche Akzeptanz der Roten Biotechnologie

In seiner Studie zur Akzeptanzforschung zählt Renn (2005) die vier grossen Konfliktfelder in Bezug auf den technischen Wandel auf.[82] Neben der Kerntechnik, grossen Chemieanlangen und der Diskussion um elektromagnetische Wellen von Mobiltelefonen und Sendemastanlagen bezeichnet Renn (2005) die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie sowie die Reproduktionsmedizin als die dominanten Brennpunkte der öffentlichen Auseinandersetzung.[83] Der Umstand, dass gleich zwei der Konfliktfelder in den Bereich biotechnologischer Verfahren fallen, verdeutlicht die hohe Sensibilität der Gesellschaft gegenüber diesem Wissenschafts- und Wirtschaftsfeld. Während sich in der Gesellschaft mehrheitlich eine ablehnende Haltung gegenüber der Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft und noch deutlicher gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln (Genfood) abzeichnet[84], ist die Einstellung gegenüber der Verwendung dieser Technologie in der Medizin unentschiedener. Renn (2005) spricht in diesem Zusammenhang von einer „erlebten Ambivalenz“:

„Gerade im Bereich der umstrittenen Möglichkeiten der roten Gentechnik für Diagnose und Forschung sind die Menschen hin und her gerissen: Auf der einen Seite sehen sie das Potenzial dieser Technologien und könnten sich auch oft vorstellen, diese selbst benutzen zu wollen. Auf der anderen Seite ist ihnen aber bewusst, dass die Anwendung solcher Techniken gesellschaftliche Auswirkungen haben könnte, die sie nicht als wünschenswert erachten.“[85]

Paradies (2007) bemerkt, dass sich aufgrund der Bedenken auch nicht alle Möglichkeiten der Roten Biotechnologie nutzen lassen, und dass es in der Gesellschaft einen breiten Konsens gibt, dass in der Forschung nicht jedes Mittel legitim ist.[86] Gemäss Irrgang (1997) ist ein generelles Unbehagen an der Technologie-Zivilisation entstanden. Technologische Innovationen und Forschung werden nicht mehr zwangsläufig mit Fortschritt in Verbindung gebracht, sondern als Mitauslöser der ökologischen Krise angesehen. Die Berufung auf eine Autonomie der Wissenschaft wird nicht mehr länger als ausreichend empfunden. Irrgang (1997) legt dar: „Vielmehr scheint die Forderung nach einer umfassenderen Forschungsethik oder Wissenschaftsethik berechtigt.“[87] Die bereits beschriebenen Verfahren der Roten Biotechnologie und die damit verbundenen umfangreichen bioethischen Problemstellungen machen eine solche Forderung nach einer umfassenden Wissenschaftsethik plausibel.

Wie eine Untersuchung der 1999-2000 World Bio Companies von Kato und Macer (2003) ergeben hat, wurden 24% dieser Unternehmen in der Vergangenheit mit bioethischen Problemen und gesellschaftlichem Druck konfrontiert. Darunter sind insbesondere solche Unternehmen zu finden, die im Bereich der Medizin tätig sind. Die am häufigsten genannten ethischen Probleme entstanden durch Experimente mit Tieren, Xeno-transplantationen, die Verwendung von menschlichem biologischem Material, Fragen der Produktsicherheit, klinische Versuche sowie die geforderte Priorität der Medikamentenentwicklung für die Dritte Welt.[88] Weiterhin sehen sich 47% der Unternehmen in der Zukunft mit bioethischen Problemen konfrontiert.[89] Insbesondere solche Unternehmen, die sich mit biologischem Material oder genetischen Informationen befassen, sehen bestimmte bioethische Probleme mit Beunruhigung auf sich zukommen. Diese Beunruhigung ist im Hinblick auf die Nationalität der Unternehmen am häufigsten in US-amerikanischen Unternehmen beobachtbar[90], deren Ethikmanagement-Massnahmen im vierten Kapitel analysiert werden.

2.3 Zwischenrésumé

In diesem Kapitel wurden die Verfahren und bioethischen Implikationen der Roten Biotechnologie skizziert. Ein erster Abschnitt zeigte, dass biotechnologische Verfahren ein sehr breites Anwendungsfeld aufweisen. Nach einer kurzen Erörterung der Entwicklungsgeschichte wurden diese Anwendungsfelder, welche als Blaue, Braune, Graue, Gelbe, Weisse, Grüne und Rote Biotechnologie in eine Farbskala klassifiziert werden, geschildert. Es wurde herausgestellt, dass die Rote Biotechnologie besondere Aufmerksamkeit verdient, da sich die medizinischen und pharmazeutischen Produkte und Verfahren Roter BU von gewöhnlichen Konsumgütern unterscheiden und besondere Verantwortlichkeiten der produzierenden Unternehmen implizieren. Im Anschluss an die Klärung der „Instrumentarien“ dieser Arbeit – die grundlegenden philosophischen Begriffe Moral, Ethik und Bioethik – wurden die Verfahren der Roten Biotechnologie und die damit verbundenen bioethischen Problemstellungen erläutert. Es wurde herausge-stellt, dass die Anwendung von Gentechnik, Gentherapie, Genmedizin und Reproduktionsmedizin zum Teil schwere bioethische Bedenken aufwirft. Eine Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen muss auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden und bedarf neben einer gesellschaftspolitischen Analyse, die nach Interessen und politischer Verantwortung fragt, der ethischen Bewertung sowie der Befassung mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen der eingesetzten Techniken.[91] Zum Abschluss dieses Kapitels verdeutlichte eine Studie von Renn (2005) den Zusammenhang zwischen den herausgearbeiteten bioethischen Problemstellungen und der gesellschaftlichen Akzeptanz moderner Biotechnologien. Dass eine bioethische Reflexion der Unternehmen aufgrund der neuen technischen Handlungsmöglichkeiten mehr denn je nötig ist, hat eine Studie von Kato und Macer (2003) gezeigt.

Da Rote BU neben den bereits diskutierten bioethischen zusätzlich unternehmensethischen Herausforderungen gegenüberstehen, die auf ihren Status als kommerzielle Einheiten zurückgehen und der Art ihrer biotechnologischen Produkte und Verfahren entspringen[92], wird im folgenden Kapitel die Unternehmensethik thematisiert. MacDonald (2004) konstatiert, dass die Berücksichtigung von Unternehmensethik in der Biotechnologiebranche immer relevanter wird, da sich die Biotechnologie von der spekulativen Wissenschaft zu einem Gebiet kommerzieller Unternehmen entwickelt:

„The first three quarters of a decade of intensive public attention to the world of biotechnology (beginning roughly with the birth of Dolly (…)) was dominated by discussion of bioethical issues. (…) The next decade will see – indeed, must see – increased attention to corporate ethics in the world of biotech. As biotech moves from a realm of speculative science to a realm of serious commercial enterprises, ethical reflection on that realm must shift as well. In a world of commercial biotechnology, questions of corporate ethics, including questions related to product safety, CSR, and corporate governance, will increasingly come to dominate the field of biotech ethics.“[93]

MacDonald (2004) führt obendrein aus, dass die unternehmensethischen Aspekte kommerzieller Biotechnologie nicht von der Bioethik behandelt werden können, und dass ihre Betrachtung notwendig ist, um die Bandbreite der ethischen Herausforderungen Roter BU zu erfassen:

„(…) a number of the specific ethical issues that arise with regard to commercial biotechnology are in fact quite foreign to the sorts of considerations and frameworks that flow from the field of bioethics. So attending here to the corporate ethical issues that arise in biotech is part of an attempt to fill a gap in our practical and theoretical understanding of the ethical challenges faced in that industry.“[94]

3. Biotechnologieunternehmen und Unternehmensethik

3.1 Definition der Unternehmensethik

Die Hauptaufgabe der Unternehmensethik, welche vielfältige interdisziplinäre Bezüge zur Philosophie, Psychologie, Soziologie, zu den Rechtswissenschaften und zu ökonomischen Disziplinen wie der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre herstellt[95], besteht darin, Lösungen für das Problem der Vereinbarkeit von Gewinn und Moral zu finden und damit zur unternehmerischen sowie zugleich gesellschaftlichen Besserstellung beizutragen.[96] Im Gabler Wirtschafts-Lexikon (2004) wird die Unternehmensethik definiert als:

„Zweig der angewandten Ethik, der sich v.a. [vor allem] mit Fragen der Verantwortung von Unternehmen und seiner Mitarbeiter befasst. Systematischer Ausgangspunkt der U. [Unternehmensethik] ist der Konflikt zwischen Gewinn, hier i.w.S. [im weitesten Sinne] verstanden als Unternehmenserfolg unter Wettbewerbsbedingungen, und Moral, verstanden als adäquate Berücksichtigung der berechtigten Interessen betroffener Anspruchsgruppen des Unternehmens.“[97]

Wird zum Vergleich die Definition der Unternehmensethik von Steinmann und Zerfass (1993) aus dem Lexikon der Wirtschaftsethik [98] herangezogen, so zeigt sich nebst der Vielfalt tangierter Wissenschaftsbereiche eine zusätzliche Eigenheit: In den für die Unternehmensethik vorgeschlagenen begrifflichen Kennzeichnungen schlägt sich vielfach die theoretische und auch ethische Position des jeweiligen Autors nieder. Konkret wird an den verschiedenen Definitionen der enge Zusammenhang zwischen der jeweiligen Vorstellung von Wirtschaft, dem Wissenschaftsprogramm, der ethischen Konzeption und der Abgrenzung von Unternehmensethik sichtbar.[99] Bezüglich der Notwendigkeit einer unternehmerischen Selbstverpflichtung respektive einer Leistung von Beiträgen zur nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft und Umwelt existieren zwei konträre Sichtweisen, welche einander im folgenden Abschnitt gegenübergestellt werden.

3.2 Vereinbarkeit von Ökonomie und Ethik

Die zwei sich konfliktär gegenüberstehenden Sichtweisen bezüglich der Wahrnehmung unternehmensethischer Verantwortung sind die ökonomische Neoklassik respektive der Shareholder-Value-Ansatz und der Stakeholder-Ansatz. In seinem Artikel The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits legt der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Friedman (1970) dar, dass ein Unternehmen nur eine Aufgabe hat, nämlich die Maximierung der Profite.[100] Friedman (1970) verneint jegliches sozial-politisches Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen und verlässt sich darauf, dass Regierungen diesen Aufgaben als alleinige sozial-verantwortungsvolle Akteure vollständig nachkommen. Nur durch diese klare Aufteilung der Aufgaben könne der höchstmögliche Wohlstand für die Gesellschaft generiert werden. Unternehmen, die „gute Taten“ vollbringen, die von den Spielregeln nicht ausdrücklich verlangt werden und zusätzlich die Kapitalerträge schmälern, haben, so Friedman (1970), das Ziel des Wirtschaftens verfehlt.[101] Mit der Auffassung, das Ziel der Gewinnmaximierung liesse keinen Platz für moralische Anliegen, präsentiert sich Friedman (1970) als Vertreter des Shareholder-Value-Ansatzes[102], der einem sozial-ethischen Engagement jegliche Notwendigkeit abspricht.

Im Unterschied dazu vertritt der Stakeholder-Ansatz die These, dass Unternehmen nicht nur gegenüber ihren Eigentümern verantwortlich sind, sondern auch gegenüber weiteren Gruppen, die ein Interesse an der Geschäftstätigkeit der Unternehmen haben, wie z.B. Kunden, Mitarbeitern oder Lieferanten.[103] Die Stakeholder-Theorie geht somit von einem kooperativen bzw. komplementären Verhältnis von Wirtschaft und Ethik aus.[104] Dieser Ansatz eines komplementären Verhältnisses von Wirtschaft und Ethik hat in den letzten Jahren weite Zustimmung in der Gesellschaft und einem Grossteil der Fachliteratur gefunden. Es hat sich kulturübergreifend die Ansicht durchgesetzt, dass sich Unternehmen zu gesellschaftsorientiertem Verhalten verpflichten sollen, da sich ihre Tätigkeiten auf das soziale und ökologische Umfeld auswirken.[105] In der Literatur steht für die Übernahme sozialer Verantwortung durch Unternehmen der normative Begriff der „Corporate Social Responsibility (CSR)“.

Per definitionem wird unter CSR die „vermehrte Beachtung einer umfassenden unternehmerischen Verantwortlichkeit [verstanden], die über das rein ökonomische Tun hinausreicht“[106]. McWilliams und Siegel (2001) betonen, dass CSR mehr bedeutet als die blosse Einhaltung von Gesetzen, nämlich die Tätigung von Aktivitäten, die über die Interessen der Firma und die Vorschriften der Gesetze hinausgehen und sozialen Wohlstand fördern.[107] Maignan und Ferrell (2004) beschreiben CSR als die Pflicht, unternehmerische Handlungen mit den jeweiligen Normen der Anspruchsgruppen, die ein wünschenswertes Verhalten beschreiben, in Einklang zu bringen oder diese zu übertreffen.[108]

CSR beinhaltet vier Ebenen unternehmerischer Verantwortung, welche von Carroll (1979, 1991 und 1996) in einer Pyramide darstellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Pyramid of Corporate Social Responsibility[109]

Die Pyramide repräsentiert den Gesamtumfang unternehmerischer Verantwortung sowie die Entwicklung der hinzugewonnenen unternehmerischen Verantwortungen im zeitlichen Ablauf. Die vier Ebenen unternehmerischer Verantwortung bauen aufeinander auf und sind somit simultan zu berücksichtigen.[110] Auf der Basisstufe der Verantwortungspyramide steht der wirtschaftliche Aspekt, d.h. die ökonomische Verantwortung zur Profitabilität. Da es die Grundfunktion von Unternehmen ist, Verbrauchern Güter und Dienstleistungen anzubieten und dadurch Gewinne zu generieren, ist diese Verantwortung essentiell. Darüber hinaus würden die übrigen Verantwortlichkeiten ohne eine finanzielle Lebensfähigkeit fragwürdig erscheinen. Die Einhaltung geltender Gesetze befindet sich auf der zweiten Ebene der Pyramide. Diese rechtliche Verantwortlichkeit beinhaltet, dass die unternehmerischen Geschäftsabläufe im Rahmen der legalen Vorschriften stattzufinden haben. Gleichzeitig gibt sie die Begründung für die ethische Verantwortung vor, welche auf der dritten Ebene der Pyramide positioniert ist. Da Regelungslücken in den Gesetzen bestehen und nicht alle sozialen Erwartungen mit Gesetzen erfasst werden, ist situationsabhängig richtiges Verhalten der Unternehmen über den rechtlichen Rahmen hinaus notwendig. In der Spitze der Pyramide ist sodann die philanthropische Verantwortung positioniert.[111] Sie verkörpert ein zeitliches bzw. finanzielles Engagement in den Bereichen Soziales, Ausbildung, Freizeit und Kultur, welches auf Wohlwollen, Freiwilligkeit und Selbstbindung seitens der Unternehmen basiert.[112] Unternehmen, welche sich philanthropisch engagieren, bescheinigt Carroll (1996), „good corporate citizens“[113] zu sein.

Kritiker des CSR- bzw. Stakeholder-Ansatzes nehmen an, dass sich Firmen nicht gleichzeitig auf eine gewinnorientierte und sozial-gesellschaftliche Unternehmensführung konzentrieren können. Sie unterstellen, dass die Berücksichtigung der Ansprüche von Interessengruppen Unternehmen darin beeinträchtigt, den Unternehmenswert zu maximieren, da durch die Wahrnehmung sozialer Verantwortung erhöhte Auszahlungen getätigt werden müssen.[114] Empirische Studien beweisen jedoch, dass sich Ökonomie und Ethik nicht konfliktär gegenüberstehen, und dass zwischen Profitabilität und sozial orientierter Unternehmensführung ein neutraler oder positiver Zusammenhang besteht. Eine Studie von McWilliams und Siegel (2001) beispielsweise zeigt, dass Unternehmen, welche sich gesellschaftlich verantwortungsvoll verhalten, höhere Kosten, jedoch gleichzeitig auch höhere Gewinne aufweisen, da Stakeholder gesellschaftsorientiertes Verhalten honorieren.[115] Es ist der Studie zufolge möglich, gleichzeitig unterschiedliche Ansprüche von Interessengruppen zu berücksichtigen und den Unternehmenswert zu maximieren. Auch Paine (2003) präsentiert in ihrem Buch Value Shift. Why Companies Must Merge Social and Financial Imperatives to Achieve Superior Performance Fallstudien von Unternehmen, die zeigen, dass die Berücksichtigung von Ethik organisatorische Effizienz erhöhen kann. Obwohl es Fälle gibt, in denen die Ignoranz ethischer Überlegungen finanzielle Vorteile beschert, ist ethisches Verhalten in den meisten Fällen mit finanziellem Nutzen verbunden, so Paine.[116] Dass sich ethisches Verhalten auch für Rote BU auszahlt, zeigt Dhanda (2005), der in Bezug auf ethische Standards in der Biotechnologieindustrie konstatiert:

„Although we rarely look, and it is often hard to prove, there are other examples where strong ethical standards have helped industry. From the moral arguments that led to a fast-track FDA [Food and Drug Administration] approval process for drugs to treat AIDS (…), to Genzyme´s focus on orphan drug markets (which built it into one of today’s most successful biotechnology companies), examples abound if we are willing to look carefully.“[117]

Wie obige Ausführungen belegen, ist eine Vereinbarkeit von Ökonomie und Ethik nicht nur möglich, sondern notwendig und die Auffassung einer Zwei-Welten-Theorie, die Ökonomie und Ethik als unvereinbar ansieht, nicht mehr haltbar. Psaty et al. (2004) konstatieren im Journal of the American Medical Association, dass die Förderung der öffentlichen Gesundheit durch medizinische Produkte insbesondere für Rote BU, die unter intensiver gesellschaftspolitischer Beobachtung stehen, bestimmte unternehmensethische Verpflichtungen mit sich bringt, wie „the ethical and moral obligations that are normally associated with medicine and that are higher than the minimum standards of routine economic transactions“.[118] Avorn (2004) vertritt ferner die Meinung, dass Rote BU dazu verpflichtet sind, der Gesellschaft bzw. den Steuerzahlern etwas zurückzugeben, da der Staat erhebliche finanzielle Unterstützung für Grundlagenforschung leistet und Steuerentlastungen für Forschungs- und Entwicklungsarbeit gewährt.[119] Die sich aus diesen Ausführungen ergebenden unternehmensethischen Verpflichtungen Roter BU werden in den folgenden Passagen diskutiert.

3.3 Unternehmensethische Verpflichtungen Roter Biotechnologieunternehmen

Die Produktsicherheit und die damit verbundene ehrliche Veröffentlichung von Produktrisiken, die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und die ethisch korrekte Unternehmensführung stellen für Rote BU, im Vergleich zu Unternehmen anderer Sparten, besondere unternehmensethische Verpflichtungen bzw. Herausforderungen dar[120], welche in den folgenden Abschnitten dargestellt werden. Es wird ebenso erläutert, dass sich eine Erfüllung dieser Verpflichtungen positiv auf die Reputation von BU auswirkt und somit auch ökonomisch relevant ist.

3.3.1 Produktsicherheit

In der Öffentlichkeit wird die Meinung vertreten, dass den Unternehmen sowohl für die offensichtlichen als auch für die nicht-offensichtlichen sicherheitsrelevanten Aspekte ihrer Produkte Verantwortung zugewiesen werden soll. Da jedoch anzunehmen ist, dass kein Produkt vollständig risikolos ist, präsentieren sich Fragen der Produktsicherheit als Fragen akzeptabler Risikoniveaus. Die daraus resultierende operative Frage ist, ob Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen in ausreichendem[121] Masse dafür sorgen, dass ihre Produkte höchstmöglich frei von gefährlichen Mängeln sind und bekannte Risiken bzw. Sicherheitsprobleme ihrer Produkte ehrlich an die Konsumenten kommuniziert werden.[122]

[...]


[1] Hierbei handelt es sich um eine selbst gewählte Abkürzung, die in dieser Arbeit als verkürzte Dar- stellungsform zur Leseerleichterung beitragen soll.

[2] Vgl. MacDonald (2004), S. 71 f.

[3] Vgl. Kato/Macer (2003), S. 153.

[4] Vgl. MacDonald (2004), S. 72 f.

[5] Vgl. Scherer/Patzer (2006), S. 42 (in Anlehnung an Parsons (1960) und Pfeffer/Salancik (1987)) und Dresser (2006), S. 121 ff.

[6] Im Folgenden steht die männliche Form stellvertretend für beide Geschlechter.

[7] Vgl. Finegold et al. (2005), S. 1 f. Eine genaue Definierung der Roten Biotechnologie wird in Kapi- tel 2.1 vorgenommen.

[8] Vgl. Moon/Piper (2001), S. 309.

[9] Vgl. Kleinfeld (2001), S. 122.

[10] Im folgenden Verlauf dieser Arbeit wird auf die Nennung der Gesellschaftsformen Incorporated (Inc.) und Corporation (Corp.) verzichtet.

[11] Vgl. Riewenherm (2000), S. 4.

[12] MacDonald (2004), S. 72. Eine informelle Untersuchung des Autors hat ergeben, dass die beiden führenden Zeitschriften im Gebiet der Unternehmensethik, das Journal of Business Ethics und Busi- ness Ethics Quarterly in der fünfjährigen Zeitperiode von 1997-2002 nur sieben Artikel veröffent- licht haben, die Biotechnologie thematisieren. Eine eigene Recherche der Verfasserin hat ergeben, dass sich diese Quote auch im Zeitraum von 2003-2007 nicht verbessert hat. Beide Zeitschriften haben in dieser Zeitspanne zusammen nur zehn Artikel veröffentlicht, die Biotechnologie thematisie- ren.

[13] Vgl. Yin (2003), S. 1 und S. 5.

[14] Yin (2003), S. 46, in Anlehnung an Herriott/Firestone (1983).

[15] Vgl. Yin (2003), S. 33 ff.

[16] Vgl. Lippold (2004).

[17] EFB (1994), S. 1.

[18] Vgl. Heiden/Zinke (2006), S. 5.

[19] Heiden/Zinke (2006), S. 5.

[20] Vgl. Heiden/Zinke (2006), S. 5, Ulber/Soyez (2004), S. 172 f. und Manager Magazin (1998), S. 252.

[21] Paradies (2007), Anhang B, 1.

[22] Vgl. Lippold (2004).

[23] Lippold (2004).

[24] Vgl. Scheller (1988), S. 11.

[25] Der Begriff „Klon“ bezeichnet die genetisch identische Kopie eines Lebewesens. Diese entsteht durch das „Klonen“, d.h. ungeschlechtliche Zweiteilung (vgl. Oduncu (2001), S. 113).

[26] Vgl. Lippold (2004). Diesen Meilenstein setzte das ein Jahr zuvor gegründete erste BU der Welt Genentech, dessen Ethikmanagementaktivitäten – neben denjenigen von Amgen und Genzyme – in Kapitel 4 analysiert werden.

[27] Auch hinter diesem Erfolg steht die Firma Genentech.

[28] Vgl. Lippold (2004). Abb. A-1 zeigt die wichtigsten Daten und wissenschaftlichen Errungenschaften

der Biotechnologie in chronologischer Form auf.

[29] Vgl. Lippold (2006), S. 1 ff.

[30] Vgl. Lippold (2006), S. 3.

[31] Lippold (2006), S. 3.

[32] Vgl. Lippold (2006), S. 2.

[33] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 3 f. Paradies (2007) erläutert, dass sich die Grüne Biotechnologie in Europa momentan in einer Art Stillstand befindet. Er macht die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz und die politische Uneinigkeit auf europäischer Ebene dafür verantwortlich. Er legt jedoch ferner dar, dass in der Agrobiotechnologie und in der Lebensmittelindustrie ein grosses wirtschaftliches Potential steckt und momentan nur eine „(…) Verzögerung einer verstärkten wirtschaftlichen Nut- zung in diesem Bereich (…)“ vorliegt (Paradies (2007), Anhang B, 4.).

[34] Lippold (2006), S. 1.

[35] Vgl. BIOPRO (2006). Für eine Stellungnahme von Paradies (2007) zu den konkreten Ergebnissen, die von der Roten Biotechnologie bzw. Gentechnik bisher erzielt wurden, siehe Anhang B, 2.

[36] Paradies (2007), Anhang B, 5.

[37] Vgl. Dresser (2006), S. 121.

[38] Angell (2004), S. xix.

[39] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 2.

[40] Gemäss Hoerster (2003) ist eine Norm „im Allgemeinen eine Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten. Sie wird damit zur Steuerung und Lenkung von Verhalten eingesetzt und erscheint je nach Kontext bezogen auf ein Verhalten als Befehl, Vorschrift, Anweisung, Forderung, Anleitung, Regel, Richtschnur, Ersuchen oder Bitte“ (vgl. Hoerster (2003), S. 43).

[41] Die Tugend bezieht sich auf die „Qualität eines Handelns, das sich einem unbedingten Anspruch (dem Guten) verpflichtet weiß“ (vgl. Kluxen (1999), S. 189).

[42] Ein Werturteil ist „ein Urteil über den Wert einer Sache oder Handlung“ (vgl. Brockhaus (1996f), S. 98).

[43] Vgl. Pieper (2000), S. 32.

[44] Vgl. Brockhaus (1996e), S. 125.

[45] Vgl. Honecker (1993), S. 249.

[46] Es lassen sich drei Typen ethischer Theorien unterscheiden. Die deskriptive Ethik versteht sich als wertneutrale Beschreibung und Erklärung von Normen, ohne selbst Normen setzen zu wollen. Die normative Ethik macht normative Aussagen darüber, woran sittliches Handeln zu messen ist und was moralisch richtig bzw. falsch ist. Die Metaethik analysiert wertneutral den sprachlich-logischen Status moralischer Begriffe und beschäftigt sich mit der Bedeutung und Verwendung ethischer Be- griffe und der Frage nach der Begründbarkeit von Werturteilen (vgl. Quante (2003), S. 16 ff.).

[47] Vgl. Düwell/Steigleder (2003), S. 12. Der englische Begriff „Bioethics“ wird im angloamerikani- schen Raum weitgehend mit „Medical Ethics“ gleichgesetzt.

[48] Die Medizinethik wird definiert als „die sittlichen Prinzipien und Verhaltensregeln, denen (…) ärzt- liches Handeln Folge leisten soll“ (Brockhaus (1996c), S. 411).

[49] Vgl. Düwell/Steigleder (2003), S. 23.

[50] Düwell/Steigleder (2003), S. 21.

[51] Düwell/Steigleder (2003), S. 9.

[52] Dhanda (2005), S. 94.

[53] Vgl. Oduncu (2001), S. 116.

[54] Vgl. Oduncu (2001), S. 113.

[55] Die Gene bezeichnen die Erbanlagen von Pflanzen und Lebewesen. Sie sind für alle im Leben eines Organismus ablaufenden Zellfunktionen verantwortlich (vgl. Brockhaus (1996a), S. 304).

[56] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 1. Die Übertragung von DNA von einem Organismus in einen ande- ren bzw. die gentechnische Umlagerung von Erbgut wird als „rekombinante DNA-Technologie“ be- zeichnet (vgl. Lexikon Medizin (1997), S. 1465).

[57] Paradies (2007), Anhang B, 7. Paradies problematisiert eine weitere potentielle negative Auswir- kung: „Gentechnisch veränderte Mikroorganismen sowie Toxine und Viren werden zukünftig im Falle einer Kriegsführung eine immer grössere Rolle spielen. Influenza-Viren können beispiels- weise durch Aerosole [Anm. d. Verf.: Ein Aerosol ist ein Gemisch aus festen oder flüssigen Schwe- beteilchen und Luft] weit in das Hinterland getragen werden. Es wird aber auch möglich sein, dass Impfstoffe entwickelt werden können, die in der Lage sind, die negativen Auswirkungen solcher Geschehnisse zumindest zu mildern. Das ist der Preis des Fortschrittes: Er muss nicht immer nur positiv sein“ (vgl. Paradies (2007), Anhang B, 7.).

[58] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 1.

[59] Vgl. Stadler (1999), S. 22.

[60] Vgl. Stadler (1999), S. 23.

[61] Vgl. Fagan (1999), S. 23.

[62] Wilson (1999), S. 14.

[63] Beim therapeutischen Klonen wird ein Embryo nach wenigen Zellteilungen zerstört und die einzel- nen Zellen werden zum weiteren Wachstum gebracht. Die embryonalen Stammzellen können dabei entsprechend der Zielsetzung gentechnologisch, d.h. durch die Technik der DNA-Rekombination, vervielfältigt, isoliert, verändert und anschliessend direkt in den Körper des Patienten eingebracht werden (vgl. Wertz (2002), S. 200).

[64] Die Menschenwürde ist „der unverlierbare, geistig-sittliche Wert eines jeden Menschen um seiner selbst willen. Mit ihr ist (…) der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt“ (Brockhaus (1996d), S. 501). Eine Missachtung der Menschenwürde ist z.B. in einer erniedrigenden Behandlung oder in der Behand- lung des Menschen als reines Objekt zu sehen (vgl. Brockhaus (1996d), S. 501).

[65] Der Lebensschutz ist „seit 1962 Oberbegriff für die Gesamtheit aller Schutzmaßnahmen zur Erhal- tung der Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen (…)“ (Brockhaus (1996b), S. 202).

[66] Vgl. Oduncu (2001), S. 116 ff.

[67] Vgl. Thurau (1999), S. 24 f. Auch durch die Züchtung transgener Tiere, welche Träger menschlicher Gene sind und daher bestimmte Proteine erzeugen, lassen sich Medikamente herstellen.

[68] Paradies (2007), Anhang B, 3.

[69] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 9.

[70] Vgl. Paradies (2007), Anhang B, 5.

[71] Vgl. Geilser (2005), S. 4 f.

[72] Vgl. Geilser (2005), S. 5, in Anlehnung an Schlich (1998).

[73] Vgl. Geilser (2005), S. 5.

[74] Vgl. Geilser (2005), S. 6 f. und Emmerich (1999), S. 16.

[75] Vom ethischen Kantianismus wird beispielsweise die philosophische Auffassung vertreten, dass jeg- liche Instrumentalisierung von Leben verboten ist. (Für eine Orientierung über das Grundgefüge der Ethik Kants mit seinen Voraussetzungen und seiner Tragfähigkeit siehe Baumanns (2000)). Oder aber es wird ein Abwägen des Lebensschutzes von Embryonen mit dem Nutzen daraus entwickelter Stammzellen für potentielle Patienten erlaubt. Diese Position wird beispielsweise vom Utilitarismus eingenommen. Für eine Beschreibung der utilitaristischen Ethik, die als eine ethische Theorie ver- standen wird, nach der die Beförderung des allgemeinen Glücks das erste und einzige Kriterium des moralisch richtigen Handelns ist, siehe Mill (1991). Für eine Beschreibung der Voraussetzungen und Folgen des Utilitarismus in der Bioethik siehe Boloz/Höver (2002).

[76] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 9 und Emmerich (1999), S. 16.

[77] Vgl. Oduncu (2001), S. 114 ff. Die Ziele, die sich durch das reproduktive Klonen potentiell realisie- ren liessen, beinhalten die Bekämpfung des Organmangels durch die Produktion von Ersatzgeweben und -organen, die Fortpflanzung in Form von Mehrlingsherstellung von einem erwachsenen Indivi- duum, die Wiederherstellung und Erhaltung von Verstorbenen sowie die Produktion von Ersatzmen- schen bzw. Menschen zur Erfüllung bestimmter Aufgaben (vgl. Oduncu (2001), S. 116, in Anleh- nung an Kassirer/Rosenthal (1998) und Robertson (1998)).

[78] Art. 2 Abs. 1: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz ver- stößt.“ Art. 2 Abs. 2: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden“ (vgl. Satorius (1995), S. 8).

[79] Vgl. Oduncu (2001), S. 116 ff.

[80] Vgl. Annas (1998), S. 123 f. Paradies (2007) ist jedoch der Meinung, dass der Mensch trotz Rege- lung und Überwachung aus Neugierde und aus dem auf Konsumvermehrung gerichteten Bestreben das Klonen von Menschen in Zukunft praktizieren wird: „Verschiedene wissenschaftliche Gruppen planen bereits die Klonierung von Menschen. Aus reproduktionstechnologischer Sicht kann das Verfahren der Zellkerntransplantation, wie bei Klonschaf Dolly angewandt, grundsätzlich auch beim Menschen angewendet werden“ (vgl. Paradies (2007), Anhang B, 6.).

[81] Vgl. Oduncu (2001), S. 116. Um erforderliche Grenzen einzuhalten existieren Gesetze, welche sich jedoch zwischen den Ländern unterscheiden, wie Abb. A-2 veranschaulicht, welche die unterschied- liche Gesetzeslage der Reproduktionsmedizin in Deutschland, Grossbritannien und den USA gegen- überstellt. Bei Betrachtung der Abbildung wird ersichtlich, dass die Vorbehalte gegenüber Auslese- und Züchtungsutopien in den angelsächsischen Ländern geringer entwickelt sind als im Nachkriegs- deutschland.

[82] Renn (2005) fasst in seiner Studie die wesentlichen Erkenntnisse aus der Akzeptanzforschung zu- sammen. Er unterscheidet zwischen Alltags-, Arbeits- und externer Technik. Die nachfolgend er- wähnten Konfliktfelder sind dem letztgenannten Technikbereich zuzuweisen (vgl. Renn (2005), S. 30 ff.).

[83] Vgl. Renn (2005), S. 32.

[84] Für eine ausführliche Abhandlung zum Thema der Grünen Gentechnik bzw. der Biotechnologie in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie siehe Zarzer (2006).

[85] Renn (2005), S. 33.

[86] Vgl. Paradies (2007), Anhang B, 5.

[87] Irrgang (1997), S. 9.

[88] Vgl. Kato/Macer (2003), S. 155 f.

[89] Vgl. Abb. A-3.

[90] Vgl. Kato/Macer (2003), S. 156 f.

[91] Vgl. Stäudel/Werber (2003), S. 1.

[92] Vgl. MacDonald (2004), S. 71.

[93] MacDonald (2004), S. 76.

[94] MacDonald (2004), S. 72.

[95] Vgl. Steinmann/Löhr (1994), S. 206.

[96] Vgl. Suchanek (2001), S. 1 ff.

[97] Gabler Wirtschaftslexikon (2004), S. 3037.

[98] „Unternehmensethik ist eine Lehre von denjenigen idealen Normen, die dazu anleiten sollen, durch einen sozialverträglichen Gebrauch der unternehmerischen Handlungsfreiheit in der Marktwirtschaft einen eigenständigen Beitrag zur gesellschaftlichen Friedensstiftung zu leisten. Sie ist genauerhin eine Verfahrenslehre zur Gestaltung von Dialogprozessen, die dann durchgeführt werden sollen, wenn das Gewinnprinzip und das geltende Recht nicht in der Lage sind, Interessenkonflikte mit den internen und externen Bezugsgruppen des Unternehmens zu vermeiden oder friedlich beizulegen. Aus solchen Verständigungsprozessen sollen begründete Normen hervorgehen, die vom Unterneh- men im Sinne einer Selbstverpflichtung in Kraft zu setzen sind“ (Steinmann/Zerfass (1993), Sp. 1117).

[99] Vgl. Küpper/Picot (1999), S. 134 f.

[100] Vgl. Friedman (1970), S. 223. Friedman betont jedoch, dass die Maximierung der Gewinne nicht absolut gilt. Aktivitäten sollen innerhalb der Spielregeln ablaufen, die vom Staat vorgegeben werden und Unternehmen sollen sich für freien Wettbewerb ohne Täuschung und Betrug engagieren (vgl. Friedman (1970), S. 223). Friedman setzt also moralische Verantwortung in Form von Fairness durchaus voraus.

[101] Vgl. Friedman (1970), S. 118 ff. Auch die Autoren Jensen (2002) sowie Sundaram und Inkpen (2004) teilen die Auffassung Friedmans. Sie verlassen sich, wie Friedman, auf den Regierungsappa- rat, der als einziger Akteur sozial-verantwortungsvoll handeln soll.

[102] Der Shareholder-Value-Ansatz erachtet eine soziale bzw. politische Verantwortung der Unterneh- mung geradezu als schädlich für die Erfüllung der ökonomischen Aufgaben. Für einen Überblick über den Shareholder-Value-Ansatz siehe Rappaport (1986). Für eine Darstellung der Probleme und Handlungsmöglichkeiten des Shareholder-Value-Konzepts siehe Bischoff (1995). Einen kritischen Artikel zum Shareholder-Value-Ansatz bieten Aglietta und Rebérioux (2005), die konstatieren, dass die primäre Berücksichtigung der Interessen von Anteilseignern für das Auftreten von Rechnungs- fehlern bzw. Bilanzierungstricks und opportunistischem Verhalten und den Anstieg von Managerge- hältern verantwortlich ist.

[103] Diese Interessengruppen eines Unternehmens werden auch als „Stakeholder“ bezeichnet. Da der englische Begriff „Stakeholder“ auch im deutschen Sprachgebrauch verbreitet ist, wird er in dieser Arbeit in seiner englischen Form verwendet. Eine Definition der Stakeholder liefern Post et al. (2002): „The stakeholders in a corporation are the individuals and constituencies that contribute, either voluntarily or involuntarily, to its wealth-creating capacity and activities, and that are therefore its potential beneficiaries and/or risk bearers“ (Post et al. (2002), S. 19). Aktives Stakeholder- Management ist eine Voraussetzung für Nachhaltigkeit, d.h. langfristiges erfolgreiches Bestehen einer Unternehmung. Die von Max Clarkson entwickelten Clarkson Principles for Stakeholder Ma- nagement (Clarkson 1995 und 1998) bieten den Unternehmen Leitlinien zum Verhalten gegenüber ihren Stakeholdern (vgl. Abb. A-4).

[104] Für eine detaillierte Beschreibung des Stakeholder-Ansatzes siehe Freeman/McVae (2001), Sachs (2000), Philipps (2003) sowie Svendsen (1998). Diese Autoren vertreten die Ansicht, dass Unter- nehmen sich sozial engagieren sollten. Sie argumentieren, dass sowohl die Unternehmen als auch die verschiedenen Anspruchsgruppen von kooperativen Beziehungen profitieren.

[105] Post et al. (2002) sind beispielsweise der Meinung, dass eine Unternehmung nicht überleben kann, und auch nicht überleben sollte, wenn sie sich nicht verantwortungsvoll gegenüber allen ihren An- spruchsgruppen und der Gesamtgesellschaft zeigt, innerhalb derer sie agiert (vgl. Post et al. (2002), S. 16 f.). Die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) vertritt eine ver- gleichbare Ansicht. Sie macht deutlich, dass eine Kooperation zwischen Unternehmen und ihren Anspruchsgruppen in der Unternehmensführung verankert werden muss, da nur eine Zusammenar- beit beider Parteien das Bestehen von Wohlstand, Jobs und Nachhaltigkeit gewährleistet (vgl. OECD (2004), S. 21). Laut Frederik (1986) sollte es zwingend sein, dass sich Unternehmen sozial engagieren: “The fundamental idea of corporate social responsibility is that business corporations have an obligation to work for social betterment” (Frederick (1986), S. 4).

[106] Sachs (2000), S. 94.

[107] Vgl. McWilliams/Siegel (2001), S. 117.

[108] Vgl. Maignan/Ferrell (2004), S. 5.

[109] Vgl. Carroll (1996), S. 39.

[110] Vgl. Sachs (2000), S. 95.

[111] Vgl. Carroll (1991), S. 40 ff.

[112] Vgl. Matten/Crane (2005), S. 167.

[113] Corporate Citizenship wird definiert als „the role of the corporation in administering citizenship rights for individuals“ (Matten/Crane (2005), S. 173). Für eine Beschreibung des Corporate Citi- zenship-Ansatzes siehe Matten et al. (2003), Matten/Crane (2005) und McIntosh et al. (1998).

[114] Vgl. Friedman (1962), Friedman (1970), S. 118 ff. und Hayek (1969), S. 124 ff.

[115] Vgl. McWilliams/Siegel (2001), S. 125. Die Autoren stellen fest, dass Konsumenten Güter mit CSR- Attributen anderen Produkten vorziehen, sofern diese gleich teuer oder nur bedingt teurer sind (vgl. McWilliams/Siegel (2001), S. 121).

[116] Vgl. Paine (2003), S. 27 ff.

[117] Dhanda (2005), S. 97.

[118] Psaty et al. (2004), S. 2629.

[119] Vgl. Avorn (2004), S. 198 ff.

[120] Vgl. MacDonald (2004), S. 72 ff.

[121] Allerdings stellt sich die Frage, was als ausreichend zu bezeichnen ist.

[122] Vgl. MacDonald (2004), S. 73.

Details

Seiten
139
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638909204
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86270
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Organisation und Unternehmenstheorien
Note
1,7
Schlagworte
Ethikmanagement Roten Biotechnologie

Autor

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Titel: Ethikmanagement in der Roten Biotechnologie