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Zu Brigitte Reimanns "Ankunft im Alltag". Die Tagebücher 1955-1963

Eine Gegenüberstellung

Seminararbeit 1999 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Kurzbiografie zu Brigitte Reimann

III. “Ankunft im Alltag”

IV. Ich bedaure nichts - Tagebücher 1955 -

V. Gegenüberstellung Tagebücher - “Ankunft im Alltag”

VI. Zusammenfassung

Bibliografie

I. Einleitung

“Was heißt und zu welchem Ende studiert man die Geschichte der DDR-Literatur?”1 Warum werde ich versuchen mich im folgenden mit einem Buch auseinanderzusetzen, das eine Realität beschreibt, die mit der meinigen nichts zu tun hat, das mich noch dazu nicht sonderlich berührt hat? Warum werde ich mich mit den Tagebüchern einer Frau beschäftigen, die knapp zwei Generationen vor mir geboren wurde und mit Problemen zu kämpfen hatte, die für mich heute keine Rolle mehr spielen?

Vor ziemlich genau zwei Jahren las ich “Franziska Linkerhand”. Ich fühlte mich der Heldin des Buches sehr nah, war begeistert von der Liebesgeschichte der Franziska Linkerhand. Wie ich zugeben muss, fehlten mir jedoch zum damaligen Zeitpunkt der Blick und das Verständnis für die Gesellschaftskritik, die in dem Roman steckt. Mit der Diskussion um die ungekürzte Neuauflage des Buches 1998 rückte auch die Person Brigitte Reimanns wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Ihre Tagebücher und Briefe wurden neu verlegt. Darin äußert sie sich sehr offen und kritisch zu politischen Entwicklungen in der DDR. Darüberhinaus kommt in ihnen das Bild einer leidenschaftlichen, lebenshungrigen, aber auch widersprüchlichen und - wie ich finde - bewundernswerten Frau zum Vorschein. Ein Bild, das mit diesen zusammenfassenden Sätzen nur unzureichend und andeutungsweise beschrieben werden kann. Mein Interesse und auch meine Bewunderung für Brigitte Reimann sind wohl der eigentliche Anlass für die Wahl dieses Themas.

Zur Vorgehensweise: Ich möchte zunächst einen kurzen Überblick über das Leben Brigitte Reimanns geben, um die Hintergründe für die Entstehung von “Ankunft im Alltag” und den Tagebüchern zu liefern. Danach werde ich eine zusammenfassende Beschreibung von Inhalt und Wirkung des Romans ”Ankunft im Alltag” vorlegen. Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen soll schließlich die Frage stehen, wie sich das Verhältnis zwischen den tatsächlichen politischen, kulturpolitischen und individuell- persönlichen Überzeugungen Brigitte Reimanns und den in “Ankunft im Alltag” dargestellten Verhältnissen gestaltet.

Gleichzeitig möchte ich aufzeigen, dass “Ankunft im Alltag” das Produkt einer bestimmten Zeit war, und dass sich in der Persönlichkeit Brigitte Reimanns eine Entwicklung vollzogen hat, die sich auch in ihrem späteren literarischen Werk zeigt.

II. Kurzbiografie zu Brigitte Reimann

Brigitte Reimann wurde 1933 in Burg bei Magdeburg geboren.2 Nach dem Abitur arbeitete sie zwei Jahre als Lehrerin, bevor sie sich 1953 der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren in Magdeburg anschloss. 1956 wurde sie in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen.

In ihren frühen Erzählungen (“Der Tod der schönen Helena “, 1955, “Die Frau am Pranger”, 1956 und “Kinder von Hellas”, 1956) gestaltete Brigitte Reimann (tragische) Liebesgeschichten vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann, schrieb sie in der Folgezeit zwei Hörspiele (“Ein Mann steht vor der Tür” und “Sieben Scheffel Salz”, beide 1960) und arbeitete an Film- bzw. Fernsehszenarien.

Beeinflusst durch die Beschlüsse der I. Bitterfelder Konferenz3 zogen die beiden 1960 nach Hoyerswerda, um Verbindung zum Braunkohlenkombinat “Schwarze Pumpe”4 aufzunehmen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gewährte man ihnen dort Einblick in alle Betriebsteile, zog sie zu wichtigen Beratungen und Erfahrungsaustauschen mit sozialistischen Brigaden hinzu. Einmal pro Woche arbeiteten sie in einer solchen Brigade in der Produktion mit. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, gemäß der Bitterfelder Losung “Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalliteratur braucht dich!”5 kulturelle Veranstaltungen durchzuführen und einen “Zirkel schreibender Arbeiter”6 zu leiten.

Das Leben in Hoyerswerda und die Arbeit im Kombinat “Schwarze Pumpe” haben Brigitte Reimann persönlich geprägt und infolgedessen auch in der Wahl ihrer literarischen Themen wesentlich beeinflusst. Als Ergebnis ihrer ersten Eindrücke in der “sozialistischen Produktion” erschien 1961 der Roman “Ankunft im Alltag”. Auf die inhaltlichen Aspekte und die Bedeutung dieses Romans werde ich im folgenden Abschnitt näher eingehen.

1963 wurde die Erzählung “Die Geschwister” veröffentlicht, in der Brigitte Reimann die Erfahrungen mit der Republikflucht ihres Bruders verarbeitet.

Im gleichen Jahr begann Brigitte Reimann mit der Arbeit an ihrem wichtigsten Buch, dem stark autobiografischen Roman “Franziska Linkerhand”. Weitaus kritischer als noch in “Ankunft im Alltag” beleuchtet sie darin das Leben in einer Industriestadt (gemeint ist Halle-Neustadt), die kulturell nichts zu bieten hat, und beschreibt die Suche der jungen Architektin Franziska Linkerhand nach der Synthese zwischen dem “Notwendigen und dem Schönen”.7 Zehn Jahre arbeitete sie an diesem Buch, teilweise unter hoher gesundheitlicher Beeinträchtigung. Es erschien unvollendet, ein Jahr nach ihrem Tod. 1968 erfuhr Brigitte Reimann von ihrer Krebserkrankung. Sie verließ Hoyerswerda und zog nach Neubrandenburg, wo sie zum vierten Mal heiratete.

Brigitte Reimann starb 1973 in Berlin an Krebs und wohl auch an der “[...] Überdosis Leben, die sie ihrem Körper zugemutet hat [...]”.8

III. “Ankunft im Alltag”

In diesem Kurzroman erzählt Brigitte Reimann die Geschichte von drei Abiturienten, die vor ihrem Studium ein Jahr im Kombinat “Schwarze Pumpe” absolvieren. Die Handlung ist gekennzeichnet durch die Verknüpfung einer Liebesgeschichte mit der Darstellung der Produktion in einem sozialistischen Großbetrieb.

Der Liebeskonflikt entwickelt sich aus der üblichen Dreierkonstellation: Das Mädchen Recha hat sich zwischen dem “selbstsicheren, erfolgsgewohnten, egoistischem Curt [...] und dem scheinbar langweiligen, aber sensiblen und künstlerisch begabten, zuverlässigen Nikolaus”9 zu entscheiden. Nach Michael Hähnel stehen “die entgegengesetzten Haltungen der beiden Jungen [...] für unterschiedliche Wertvorstellungen”.10 Rechas Entscheidung für Nikolaus, gefördert auch durch die Atmosphäre in der Brigade, in der die drei mitarbeiten, wird von ihm als “Entscheidung für das Engagement beim sozialistischen Aufbau”11 gewertet.

Neben diesem Liebeskonflikt geht es vor allem um die “[...] alltägliche Bewährung in der gesellschaftlichen Arbeit, ums Realistischwerden gegenüber den eigenen idealistischen Erwartungen [...]”.12 Begriffe wie der des ´positiven Helden´13, das Thema der ´kollektiven Erziehung´14 und auch die Darstellung der Arbeit als daseinsbestimmnend für den Menschen, spielen bei der Interpretation eine wichtige Rolle.

Das Buch ist in den Zusammenhang der in den 50er Jahren entstandenen Produktionsliteratur einzuordnen, bei der es in erster Linie um die Eingliederung des Einzelnen in den Bereich der gesellschaftlichen Produktion geht.15 Es fand zu seiner Zeit in der DDR-Öffentlichkeit große Resonanz. Der Titel wurde schließlich prägend für die Bezeichnung einer ganzen Richtung der DDR- Literatur, der sogenannten “Ankunftsliteratur”.16 Ankunft bedeutete dabei im realen Sozialismus angekommen, “realistisch im Sinne von realitätstüchtig”17 geworden zu sein.

IV. Ich bedaure nichts - Tagebücher 1955-1963

“[...] Nur zuweilen überfällt mich eine brennende Lebensgier [...]”18 In ihren Tagebüchern setzt sich Brigitte Reimann mit ihrer eigenen Persönlichkeit auseinander. Sie schreibt über ihre Liebesaffairen, über ihre Schwierigkeiten ihren Standpunkt als Autorin zu finden und äußert sich zu politischen Entwicklungen innerhalb der DDR. In meinen Ausführungen werde ich mich auf die Tagebücher aus den Jahren 1955-1963 beziehen, die 1997 in einer Neuausgabe von Angela Drescher unter dem Titel “Ich bedaure nichts” herausgegeben wurden. Insbesondere werde ich auf die Eintragungen des Jahres 1960 zurückgreifen, da diese mit dem Zustandekommen von “Ankunft im Alltag” unmittelbar in Zusammenhang stehen.

Ich will vorwegnehmen, dass man, wenn man so etwas wie einen Vergleich Tagebücher - “Ankunft im Alltag” anstellt, ganz offensichtlich auf Widersprüche stößt. Einige dieser Widersprüche möchte ich an ausgewählten Tagebucheintragungen aufzeigen. Weiterhin möchte ich durch die Gegenüberstellung von Tagebuchaufzeichnungen und den betreffenden Passagen in “Ankunft im Alltag” zur Darstellung des ´positiven Helden´ verdeutlichen, wie stark die Wirklichkeit in “Schwarze Pumpe” Vorlage für die literarische Gestaltung der Figuren war.

1957 unterschrieb Brigitte Reimann eine Erklärung, in der sie sich zur Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR bereiterklärte. Schon beim ersten Treffen nach ihrer Verpflichtungserklärung zeigte sie sich unkooperativ und weigerte sich schließlich, sich auf weitere Gespräche einzulassen. In der folgenden Eintragung analysiert sie die Gründe für ihre Zustimmung:

Burg, am 28.9.57 [...]

Wenn ich genau überlege - und ich grübele seit zwei Tagen unablässig -, warum ich mich auf diese Geschichte eingelassen hab, und wenn ich eine künstlerische Abenteuerlust streiche, bleibt am Ende wirklich, so heftig ich mich dagegen sträube, wieder mein rosarotes Ideal. Ich habe doch all meinen Idealen abgeschworen - und nun kommt einer daher und redet mir ein, ich könnte durch meine bescheidene Hilfe dem Sozialismus (über dessen moralische Berechtigung ich mir nicht einmal recht klar bin!) einen Dienst erweisen. Und ich falle verdammt noch mal! drauf rein und glaube stundenweis selbst, ich täte damit etwas Gutes und Nützliches.

Die Zukunft wird lehren, ob dieses System gut und richtig ist. [...]

Sicher ist nur, daß der Sozialismus mit seiner ursprünglichen Idee eine Höherentwicklung darstellt, einen Fortschritt der Mensch heit, stellt man ihn dem Kapitalismus gegenüber.

[...]

Also gut, ich werde nicht lange darüber nachdenken müssen. Eine Absage kann ich dem SSD19 immer noch geben; den Kopf wird´s nicht kosten.

[...]20

Diese Eintragung soll als Einstieg dienen, da in ihr eine Grundüberzeugung Brigitte Reimanns zum Ausdruck kommt: ihr Glaube an den Sozialismus als ´bessere´ Gesellschaftsform - auch wenn sie bereits zu diesem Zeitpunkt an der ´moralischen Berechtigung´ (Vgl. oben) des existierenden Sozialismus und an der Richtigkeit seiner Methoden zweifelt. Michael Hähnel schreibt dazu: “Die Identifizierung mit der damals jungen DDR verband sich bei ihr mit einer rigorosen Abgrenzung von ihrer Kindheit in kleinbürgerlichen Verhältnissen.”21 Ihre Einstellung dem Sozialismus gegenüber war geprägt von der “[...] übertriebene[n] Vorstellung von den Möglichkeiten des Sozialismus, in relativ kurzer Zeit grundlegende Veränderungen durch die totale Ablehnung des Überlieferten möglich zu machen”.22 Sie selbst spricht in diesem Zusammenhang von ihrem ´rosaroten Ideal´ (Vgl. oben). Mir erscheint der Hinweis auf diese Grundüberzeugung deshalb wichtig, weil Brigitte Reimann, trotz zahlreicher kritischer Äußerungen (auch in der Öffentlichkeit) an dieser Überzeugung bis zu ihrem Tod festhielt. Vor diesem Hintergrund sind ihre Werke zu verstehen.

[...]


1 Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 11.

2 Die biografischen Daten folgen den Angaben im Anhang der Tagebücher. Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963. Hrsg. v. Angela Drescher. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag GmbH 1997, S. 425-426.

3 Bitterfelder Konferenz vom 24. 4. 1959, auf der ein neues kulturpolitisches Programm festgelegt wurde. Dieses sah vor, die Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben. Arbeiter und Bauern sollten künstlerisch tätig werden; im Gegenzug sollten Schriftsteller in die Betriebe gehen und Themen und Stoffe aus der Arbeitswelt darstellen. nach Rüther: “Greif zur Feder Kumpel”, S. 86ff.

4 VEB Kombinat Schwarze Pumpe: damals größtes Braunkohleveredlungswerk Europas; zwischen Spremberg und Hoyerswerda liegend

5 Losung des “Bitterfelder Weges”

6 Werktätige sollten, in von Autoren geleiteten Zirkeln, ihre Schreibversuche vorstellen und diskutieren.

7 Reimann: Franziska Linkerhand, S. 603.

8 Angela Drescher in ihrem Geleitwort zur Neuausgabe der Tagebücher.

9 Hähnel: Brigitte Reimann. In: Literatur der DDR, S. 344.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 145.

13 Begriff der marxistisch-leninistischen Ästhetik. Literarischer Heldentyp, dessen Handeln von hohen subjektiven moralischen bzw. politischen Beweggründen getragen ist. Charakteristisch ist seine Befähigung zum geschichtsbildenden Handeln.

14 Kollektive Erziehung wird im Roman z.B. anhand der Entwicklung Erwins und an der Wandlung Curts dargestellt. Ich werde diesen Aspekt in meinen Ausführungen vernachlässigen, da die zusätzliche Beschäftigung mit diesem Thema den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

15 Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 195.

16 Ebd. S. 145.

17 Ebd. S. 146.

18 Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963. Hrsg. v. Angela Drescher. 2. Auflage Berlin: Aufbau-Verlag GmbH 1997, S. 141. Alle folgenden Zitate aus den Tagebüchern beziehen sich auf diese Ausgabe.

19 Staatssicherheitsdienst der DDR

20 Reimann: Ich bedaure nichts, S. 74.

21 Hähnel: Brigitte Reimann. In: Literatur der DDR, S. 340.

22 Ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638155526
ISBN (Buch)
9783638757041
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8624
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Brigitte Reimann DDR Literatur Ankunft im Alltag Tagebücher Proseminar

Autor

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