Lade Inhalt...

Topographien im 'Runenberg' von Ludwig Tieck

Essay 2007 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Topographien im Runenberg

Ludwig Tiecks 1802 veröffentlichte Märchen-Novelle „Der Runenberg“ handelt von einem Jüngling, der allmählich seine familiäre Alltagsbindung aufgibt, und das zivilisierte, soziale Leben durch ein wildes, einsames und phantastisches ersetzt. Zur Darstellung der gesellschaftlichen Welt und dem darin stattfindenden Sozialisations- und Desozialisationsprozess des Märchenhelden, entwickelt Tieck komplexe symbolische Topographien, die auf allegorische Bedeutungen hin ausgelegt sind.

Im Folgenden werden die Lebensphasen, die der Protagonist im Runenberg durchläuft, kurz skizziert und anschließend die von Tieck verwendeten Topographien analysiert. Es soll gezeigt werden, wofür sie stehen und welches Schlussbild das Märchen durch sie erhält.

Die grundlegende topographische Ordnung wird im Runenberg durch die kontrastive Gegenüberstellung des Gebirges und der Ebene gebildet. Zwischen diesen unterschiedlichen Raumordnungen wird der Protagonist mehrfach hin- und herpendeln, bis er schließlich dem Bereich des Runenbergs anheim fällt. Es lassen sich grob vier Lebensphasen unterscheiden: Die erste markiert Christians Kindheit im elterlichen Heimatdorf in der Ebene. Geschichten über große Gebirge, die er aus Büchern und Erzählungen seines Vaters kennt, entfesseln neue Sehnsüchte nach „ungeheuren Felsen“[1] und Abenteuern in ihm.

Der Ausbruch aus dem behüteten Alltag in der Ebene in das begehrte Gebirge leitet die zweite Phase ein und stellt Christians Adoleszenzzeit dar, in der er auf der Suche nach Selbstverwirklichung und einer neuen Lebensform ist. Hier wird Christian auf dem Runenberg der Venusgestalt begegnen, ein existenziell erschütterndes Erlebnis, welches bewirkt, dass der Jüngling sich wieder nach menschlicher Nähe und Normalität sehnt.

Die dritte Phase wird durch die Rückreise in die Ebene eingeleitet. Christian verdrängt die gelebten Abenteuer im Gebirge und integriert sich in eine neue Gesellschaft. Er heiratet, wird Vater mehrerer Kinder und zu einem angesehenem, wohlhabenden Bürger. Die Eingliederung in das Dorfleben geschieht auf Kosten seiner inneren Sehnsüchte und Triebe. Diese kehren wieder und sorgen für Christians endgültige Rückkehr in das Gebirge. Das Verlassen der Ebene markiert die letzte Lebensphase des Märchenhelden. Nach Böhme steht sie unter dem Topos der Unvernunft, da Christians Handeln nicht mehr als ein adoleszentes Verhalten im Zeitraum der Selbstfindung zu verstehen ist.[2] Aus der Sicht der Dorfbewohner kehrt Christian als „Irrer“ in den Wald und das Gebirge zurück.

[...]


[1] Tieck, S.29.

[2] Böhme, S. 138-139

Details

Seiten
7
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638038973
ISBN (Buch)
9783656902591
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86169
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Topographien Runenberg Ludwig Tieck Hauptseminar Literatur Romantik

Autor

Zurück

Titel: Topographien im 'Runenberg' von Ludwig Tieck