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Die Sprachentwicklung beim Kinde

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 14 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Voraussetzungen für das Lernen von Sprache
2.1 Auditive Faktoren
2.2 Visuelle Faktoren
2.3 Der Erwerb der Lautsprache

3. Die Entwicklung der linguistischen Ebenen
3.1 Die Phonologische Entwicklung
3.2 Der Erwerb der Grammatik
3.3 Die semantische Entwicklung

4. Objektpermanenz

5. Epilog

Tabelle zur Sprachentwicklung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Sprache ist die bedeutendste Errungenschaft im Leben eines Menschenkindes und unter seinen großen Gaben vielleicht diejenige, die am gleichmäßigsten und gerechtesten verteilt ist. Sie ist unser wichtigstes Organ zur Aneignung der Welt“ (Butzkamm/Butzkamm 1999, S.7). Jedes Kind eignet sich in den ersten Lebensjahren die spezifischen sprachlichen Gewohnheiten der Gruppe, in die es hineingeboren wurde, an. Dies ist eine der größten geistigen Leistungen, die jeder von uns vollbringen muss. „Es ist für das Kind eine äußerst schwierige Aufgabe, die Konventionen der Erwachsenen beim Klassifizieren der Phänomene der Realität zu erlernen, und es ist andererseits faszinierend, die Entwicklung von den ersten unscharfen, nicht konventionellen Ausdrücken zu den von der Umgebung sanktionierten Begriffen zu verfolgen“ (Giuseppe Francescato 1973, S.7). Die kindliche Sprachentwicklung ist sicherlich eine der faszinierendsten Fragen der Entwicklungspsychologie. Die Rasanz, mit der die Kinder das hoch komplexe System Sprache erlernen, zeigt, wie sehr der Mensch darauf angewiesen ist, die Welt zu verstehen und mehr noch, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Wie lernt ein Kind seine Muttersprache? Die neuere Sprachewissenschaft hat festgestellt, dass Nachahmung, Auslese, Analogiebildung, Sinnstreben, Sprachnot und Aufgliederung die wichtigsten der Prinzipien sind, die die Sprachentwicklung des Kindes zu bestimmen (vgl. Hermann Helmers 1969, S. 353).

2. Voraussetzungen für das Lernen von Sprache

„Sprache ist anfangs von der körperlichen Entwicklung abhängig“ (Butzkamm/Butzkamm 1999, S.15). Damit sich Sprache entwickeln kann, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, wird sich aus dem Interesse an der Kommunikation mit seiner Umwelt ganz natürlich eine Sprechfreude entwickeln, die es zu bewahren und zu fördern gilt.

2.1 Auditive Faktoren:

Hören ist ein wesentlicher Grundstein zum Erwerb von Sprache. Beim normalsinnigen Kind geht das Hören dem Sprachen immer voraus. Kinder können schon Laute hörend unterscheiden, bevor sie diese Laute selbst gezielt hervorbringen können. ,,Das Abenteuer des Hörens, Zuhörens und Hinhörens beginnt drei Monate vor der Geburt. Damit setzt auch das Abenteuer Sprache ein, lange bevor das Kind auf die Welt kommt, den Mund auftut und zu babbeln anfängt.“ (Butzkamm/Butzkamm 1999, S. 5). Das Kind muss ein gutes Gehör besitzen, damit Geräusche der Umwelt wahrgenommen werden können und auch Sprache der Bezugspersonen gehört werden kann. Durch Hören wird das Interesse an Sprache und damit am Kontakt zur Außenwelt geweckt. So wird zum Beispiel die Lallphase vor allem durch auditive Reize gesteuert - das Kind hört neben der Umwelt auch sich selbst und wird so zur Nachahmung und Wiederholung motiviert. Auch die Lautstärke reguliert es durch Anpassung an die Umwelt. Hierbei ist auch die Bedeutung des vorgeburtlichen Hörens nicht zu unterschätzen. Es ist medizinisch erwiesen, dass der Fötus mit sechs Monaten über sein Innenohr auf Laute reagiert. Das Ungeborene hört vor allem die Stimme seiner Mutter - zum einen nimmt es sie über das Mitschwingen des Knochenskeletts wahr, zum anderen über die Bauchdecke und das Fruchtwasser. So wird zwar nicht verstanden, was die Mutter sagt, aber der Fötus nimmt den Klang und den Rhythmus der Stimme der Mutter wahr (vgl.Grimm 1998, S.717). Genauso werden auch die Geräusche der Umwelt gehört, zum Beispiel die Stimme des Vaters und auch Musik. Eine Studie hat gezeigt, dass bereits vier Tage alte Säuglinge die Muttersprache anderen Sprachen vorziehen. Durch einen präparierten Schnuller wurde die Saugrate der Säuglinge gemessen und diese war bei der eigenen Muttersprache deutlich höher, als bei anderen Sprachen (vgl. Zimbardo 1999, 478). Neugeborene sind in der Lage Tondauer, Tonhöhe und Tonintensität, sowie Schnelligkeit des Anstiegs der Tonhöhe zu unterscheiden. Babys können höhere Töne besser hören und sie scheinen auch empfänglich für Rhythmus zu sein. Zum Beispiel, wenn eine Geschichte während der letzten sechs Wochen der Schwangerschaft von der Mutter vorgelesen wurde, zogen die Kinder nach der Geburt diese Geschichte anderen vor. Aber es ist nicht der Inhalt der Geschichte, den die Babys wiedererkennen, sondern es sind Aspekte des Rhythmus, d. h. der zeitliche Gestaltung von Bedeutung und Pause, auf die Babys reagieren. Es scheint so, dass Babys recht gut in der Lage sind, akustische Aspekte zu wahrnehmen, die für Sprache wesentlich sind (vgl. Gisela Szagun 2000, S. 186).

2.2 Visuelle Faktoren

Wenn das Kind schlecht hört, nimmt es Sprache primär visuell, d.h. über das Sehen wahr. Das Sehen ist somit eine weitere wichtige Grundvoraussetzung für die Entwicklung der Sprache. „Bei der Geburt des Menschen sind alle visuellen Funktionen rudimentär ausgebildet. Durch Funktionsprüfungen mit gemusterten und ungemusterten Reizen (= preferential looking- Methode) kann nachgewiesen werden, dass Sehen erst gelernt werden muss, d.h. auch die Entwicklung des Sehens ist von der Umwelt abhängig“ (Annemarie Peltzer-Karpf 1994, S. 20). Der gegenseitige Blickkontakt lässt die Kommunikation aus und hält sie aufrecht. Sprache wird auch visuell wahrgenommen - Gestik und Mimik sind mit Sprache verbunden. Durch Beobachtung von Mundbildern und Gesichtsausdruck können verschiedene Begriffe schneller erlernt werden. Zum einen kann das sehende Kind so Mundbilder, Gestik, Mimik und bestimmte Begriffe viel besser erlernen als ein sehbeeinträchtigtes Kind. Bei Sehbehinderten stellt man generell eine verzögerte Sprachentwicklung fest. Um beide Wege, Sehen und Hören für das Kind zu öffnen, sollte man das Kind immer anschauen, immer Blickkontakt herstellen, wenn man mit ihm redet. Indem wir auf das Kind eingehen, seine Bedürfnisse erkennen, seine Mitteilungen aufgreifen und mit Liebe und Fürsorge erwidern, bauen wir Vertrauen und die Bereitschaft, den Wunsch zur Kommunikation mit anderen Menschen auf. Man fördert so die sozialemotionale Entwicklung Ihres Kindes. Auf dieser Basis entwickelt das Kind ein großes Interesse die Regeln der Kommunikation mit anderen Menschen, das heißt die Sprache zu erlernen.

2.3 Der Erwerb der Lautsprache

Einige Wissenschaftler halten den Schrei, den das gesunde Kind bei der Geburt ausstößt, für seine erste „sprachliche“ Äußerung. Dieser erste Laut ist physisch notwendig, damit die Atmungsorgane zu funktionieren beginnen, und der qualitativ durch die Disposition jener Organe determiniert wird, die später für die sprachliche Artikulation gebraucht werden (vgl. Giuseppe Francescato 1973, S.28). „ Die Produktion von Lauten beginnt mit der Vokalisierung, die zunehmend nach Emotionen differenziert wird. Frühe Vokalisierungen (8.- 20. Woche) treten auch dann auf, wenn der auditorische Input und das Feedback fehlen. Aber Hören spielt eine große Rolle beim Aufrechterhalten und Entwickeln dieser ersten Lautproduktion. Ab dem fünften Monat folgen Lautgruppen mit Konsonant-Vokal-Struktur [baba]/[aga]. Die Lallphase ist ein intensives auditives und kinästhetisches Training, ein Wechselspiel zwischen wahrgenommenen Lauten und den diesen Lauten entsprechenden Bewegungen. Das Kind bringt in verschiedenen Lautstärken, Tonhöhen und -längen hervor und spielt mit Stimme und Artikulationsmöglichkeit“ (Annemarie Peltzer-Karpf 1994, S. 23f.). Tatsächlich gebrauchet das Kind seine Fähigkeit, Laute ui erzeugen - z. B. das Schreien, das Schreiweinen -, um seine Wünsche, positive wie negative, zum Ausrückt zu bringen, um Spannungen abzureagieren und um erste Ansätze zur Kommunikation herzustellen, sofern die Erwachsenen auf die stimmlichen Äußerungen des Kindes reagieren (vgl. Giuseppe Francescato 1973, S.29). Nach dieser Trainingsphase des Artikulationsapparates beginnt bei hörenden Kindern die Anpassung des Lautrepertoires an das jeweilige Sprache.

3. Die Entwicklung der linguistischen Ebenen

Methodologisch unterscheidet man zwischen drei Aspekten: Phonologie, Grammatik und Semantik, die in der Wirklichkeit der Sprache der Erwachsenen wie in der Sprachentwicklung des Kindes gleichzeitig vorhanden sind. „Nur aufgrund ihres gleichzeitigen Vorhandenseins können ja die (lautlichen) Manifestationen der sprachlichen Aktivität des Kindes als „Sprache“ bezeichnet werden.“ Man kann mit anderen Worten die Lautprodukte, die für einen großen Teil der Aktivität des Kindes in den ersten Lebensmonaten charakteristisch sind, nur dann „Sprache“ nennen, wenn sie sowohl auf phonologischer wie auf grammatischer und semantischer Ebenen einen entsprechenden Stellenwert besitzen (vgl. Giuseppe Francescato 1973, S.41).

3.1 Die Phonologische Entwicklung

„Die Phonologie (Lautlehre) untersucht, auf welche Weise Laute kombiniert werden, damit sie Wörter bilden.“ ( Zimbardo 1999, 476). Man kann innerhalb der Sprachentwicklung eine „vor-sprachliche“ Phase unterscheiden. Die Merkmale der vor-sprachlichen Phase lassen sich unter die folgenden drei Kategorien subsumieren:

1. Das Verschwinden vieler Laute. In diesem Zeitraum kann es sogar zu einem fast vollständigen Verstummen des Kindes kommen;
2. Etablierung einer „Melodiephase“, wo die „Bedeutung“ des situativen Kontextes mit bestimmten Intonationselementen assoziiert werden;
3. Ausprägung besonderer Lautelemente „Prä-Phoneme“ (vgl. Giuseppe Francescato 1973, S.55).

Charakteristisch für den Beginn dieser Phase ist das Erkennen und Erlernen lautlicher Einheiten, die mit einer bestimmten „Bedeutung“ verknüpft werden. Von diesem Augenblick an bedeutet der Lernprozess: eine immer bessere Identifizierung der wahrgenommenen Lauteinheiten und zunehmende Genauigkeit bei der Zuordnung von Lautketten und ihrer „Bedeutung“ (vgl. Giuseppe Francescato 1973, S.45).

Das Ende dieses vor-sprachlichen Bereichs kann man mit dem Beginn der eigentlichen Sprechtätigkeit des Kindes gleichsetzen. Nach Jakobson gehorcht der Lauterwerb in der Kindersprache dem Gesetz des „maximalen Kontrastes“, d.h. zunächst wird das Bestunterscheidbare beachtet. Dieses Gesetzt besagt, dass sich eine relative chronologische Reihenfolge aufstellen lässt, die in allen Sprachen und zu allen Zeiten dieselbe ist. Angelpunkt seiner Überlegungen war der Übergang vom Lallen zum Sprechen. Während der Lallperiode produziert des Kind wesentlich mehr unterschiedliche Laute, ais in der später zu erwerbenden Sprache benötigt werden. Offensichtlich ist das Kind „imstande, alle denkbaren Laute zu erzeugen“. Aber mit den ersten Wörtern verliert das Kind diese Fähigkeit. Jakobson nannte diesen Vorgang die „Auslese der Laute“ und erklärte ihn mit einem Wechsel der Lautfunktionen (vgl. Gerd Kegel 1987, S. 149). Die von Jakobson skizzierte Entwicklung kann man wie folgt zusammenfassen: „An der Schwelle der ersten Sprachstufe wird der Vokalismus durch einen breiten Vokal und der Konsonantismus durch einen Verschlusslaut des Vordermundes eingeleitet. Immer ist a der erste Vokal und gewöhnlich ein labialer Verschlusslaut (b, p) erster Konsonant. So kommt es zur Bildung von baba oder papa. Als erster konsonantischer Gegensatz tritt der des Mund- und Nasenlautes auf: papa-mama. Ihm folgt der Gegensatz des Labialen und des Dentalen: papa-tata und mama-nana. Diese zwei Gegensätze bilden den minimalen Konsonantismus, sie sind auch die einzige, die in keiner Sprache fehlen. Auf die beiden konsonantischen Gegensätze folgt in der Entwicklung der kindlichen Sprache der erste vokalische Gegensatz. Es wird dem breiten Vokal ein enger gegenübergestellt: papa-pipi. Die folgende Etappe des kindlichen Vokalismus bringt entweder eine Spaltung des engen Vokals in einen palatalen und velaren: papa-pipi-pupu oder einen dritten mittleren Öffnungsgrad: papa-pipi-pepe. Jeder dieser drei Prozesse führt zu einem System von drei vokalen, und das ist zugleich der minimale Vokalismus, den die lebendigen Sprachen der Welt aufweisen.“ (Giuseppe Francescato 1973, S. 47). Natürlich bleibt Jakobson Theorie nicht unkritisiert: Das Kind lernt nicht einfach der Reihe nach die Beherrschung von Phonemen; z. B. erst a, dann p, dann m etc., sondern es lernt, Unterscheidungen zu treffen, oder, um den Fachausdruck zu verwenden, es beachtet mehr und mehr Distinktionen (vgl. Gerd Kegel 1987, S. 150).

3.2 Der Erwerb der Grammatik

Das erste „Wort“ wird vom normalen Kind etwa am Ende des ersten Lebensjahres gesprochen. Mit dem ersten Wort wird zugleich die grammatische Funktionen assoziiert, da man dieses Wort als Einwortsatz interpretieren muss. „Die Einwortäußerungen bestehen meistens aus solchen Wörtern, die in der Erwachsenensprache der Wortklasse der Nomen, Verbpartikel, Adverbien, Demonstrative angehören. Beispiele (aus Stern & Stern 1928 und Miller 1976):

wauwau, mama, papa, mieze (= Katze), lampe, stiefel, schuhe, auto,

ab, weg, auf, runter,

mehr, noma, (= noch mal), auch

da, hier.“ (Gisela Szagun 1996, S.31).

Das Kind benutzt niemals eine Lautkette anstelle der anderen, sondern assoziiert jede Lautkette mit einer bestimmten Situation oder einem Situationskomplex. Auf dieser Stufe ist das grammatische Element nur latent vorhanden. Es dauert einige Monate, bis die Grammatikalität mit der Verknüpfung von zwei oder mehr Lautketten, die das Kind bis dahin isoliert geäußert hat, beginnt (Giuseppe Francescato 1973, S. 116). Die Zweiwortäußerungen tauchen bei den Kindern meistens zwischen 18 und 24 Monaten auf. In Zweiwortäußerungen kombiniert sich eine kleine Anzahl von Wörtern, die häufig gebraucht wirt, mit anderen Wörtern, deren Anzahl größer ist, die aber weniger häufig gebraucht werden. Die häufig gebrauchten Wörter sind meist Funktionswörter, die anderen Wörter der offenen Wortklasse. Die Zweiwortäußerungen können unter Einbezug des situativen und sprachlichen Kontextes hinsichtlich ihrer Bedeutung bestimmt werden. Der Erwerbsreihenfolge grammatischer Strukturen ist bei Kindern recht ähnlich. Aber bei der Schnelligkeit des Erwerbs dieser Strukturen zeigen sich jedoch beträchtliche individuelle Unterschiede. Kinder haben unterschiedliche Sprachentwicklungsraten (Gisela Szagun 1996, S.29). In den Zweiwortäußerungen deutschsprachiger Kinder hat man die semantische Funktionen gefunden, die sich auf Bedeutungskategorien beziehen. Folgende semantische Funktionen von Zweiwortäußerungen lassen sich charakterisieren (Bespiele aus Gisela Szagun 1996, S.31f.) :

Vorhandensein: Das Kind will ausdrücken, das ein Objekt/eine Person da ist: da auto, da brille, mami da, da flasche Nicht- Vorhandensein: Das Kind will ausdrücken, dass ein Objekt/eine Person nicht (mehr) da ist:

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638010207
ISBN (Buch)
9783638933087
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86157
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Sprachentwicklung Kinde Theorien Sozialisation Kindheit

Autor

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