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Die Abendnachrichten des Schweizer Radios DRS im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Eine diachrone Nachrichtenanalyse zwischen 1973 und 2006

Lizentiatsarbeit 2006 125 Seiten

Didaktik - Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Nachrichten des Schweizer Radios DRS (SR DRS)
2.1 Radionachrichten im Rückblick
2.2 Echo der Zeit – das «Flaggschiff» von SR DRS

3 Radionachrichten als Textsorte
3.1 Abgrenzung der Textsorte Radionachrichten
3.1.1 Kommunikativ-funktionaler Aspekt
3.1.2 Kontextueller Aspekt
3.1.3 Struktureller Aspekt
3.2 Beschreibung der Textsorten Radionachrichten und Nachrichtenjournal

4 Gesprochene und geschriebene Sprache – das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
4.1 Sekundäre Oralität – Mündlichkeit der elektronischen Medienkommunikation
4.2 Medium und Konzeption
4.3 Merkmale gesprochener und geschriebener Sprache

5 Empirische Untersuchung der Abendnachrichten von SR DRS
5.1 Fragestellung und Hypothese
5.2 Methode der Datenerhebung
5.3 Untersuchungsgegenstand
5.4 Stichprobe
5.5 Transkription
5.6 Validität und Reliabilität
5.7 Kategoriensystem
5.7.1 Syntaktische Aspekte
5.7.1.1 Satzlänge
5.7.1.2 Syntaktische Komplexität
5.7.1.3 Stellung des finiten Verbs
5.7.1.4 Verbal-/Nominalstil
5.7.1.5 Tempus
5.7.1.6 Überdehnte Satzklammer
5.7.1.7 Erweiterte Partizipialattribute
5.7.1.8 Parenthesen
5.7.1.9 Redewiedergabe
5.7.2 Lexikalische Aspekte
5.7.2.1 Varianz/Redundanz
5.7.2.2 Mehrgliedrige Komposita
5.7.2.3 Abtönungspartikeln
5.7.2.4 Verschmelzungen
5.8 Auswertung und Interpretation
5.8.1 Syntaktische Aspekte
5.8.1.1 Satzlänge
5.8.1.2 Syntaktische Komplexität
5.8.1.3 Stellung des finiten Verbs
5.8.1.4 Verbal-/Nominalstil
5.8.1.5 Tempus
5.8.1.6 Überdehnte Satzklammern
5.8.1.7 Erweiterte Partizipialattribute
5.8.1.8 Parenthesen
5.8.1.9 Redewiedergabe
5.8.2 Lexikalische Aspekte
5.8.2.1 Varianz/Redundanz
5.8.2.2 Mehrgliedrige Komposita
5.8.2.3 Abtönungspartikeln
5.8.2.4 Verschmelzungen
5.9 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.10 Fazit und Ausblick

6 Bibliografie

Anhang

1 Einleitung

Schreibe, wie du redest, so schreibst du schön!

(Lessing 1743 in einem Brief an seine Schwester)

Die Rezeption von Informationen über das Medium Radio erfordert die Aufmerksamkeit und Konzentration des Hörers in besonderem Masse, denn Hörfunkkommunikation spielt sich einzig über den akustischen Kanal ab. Diese spezifische mediale Voraussetzung veranlasste die Sprachforschung schon früh, die Verständlichkeit von Hörfunktexten[1] als besonders wichtig zu erachten. Am Radio wird gesprochen und gehört, nicht geschrieben und gelesen, was sprachlich adäquate, d.h. in ihrem Stil gesprochensprachliche Formulierungen verlangt. Was in einer freien Moderation leicht umzusetzen ist, erweist sich in Radionachrichten als schwieriger, denn bei den Nachrichten handelt es sich in der Regel um einen geschriebenen Text, der am Mikrofon monologisch verlesen wird. Die Anforderung an einen hörergerechten Nachrichtentext bleibt aber dieselbe: «Die Nachrichtensprache muss der Alltagssprache möglichst ähnlich sein.» (Zehrt 1996:46) Mit anderen Worten: Das Charakteristikum einer gut verständlichen Nachrichtensprache am Radio ist ihre Orientierung an einem mündlichen Sprachstil, d.h. ihre geplant konzeptionell mündliche Ausrichtung.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, inwiefern sich die Nachrichtensprache des Schweizer Radios DRS (SR DRS) im Spannungsfeld von konzeptioneller Mündlichkeit/Schriftlichkeit verändert hat. Wie weit konnte sich die Sprache der Radionachrichten von Merkmalen der Schriftlichkeit, die das Hörverständnis erwiesenermassen behindern, lösen? Dazu werden die Abendnachrichten von SR DRS im Zeitraum zwischen 1973 und 2006 empirisch auf Eigenschaften der Mündlichkeit/Schriftlichkeit hin untersucht. Die Wahl des Nachrichtenformats als Untersuchungsgegenstand hat sich hauptsächlich aus zwei Gründen ergeben: Einerseits handelt es sich bei den Radionachrichten um eine Sendung mit unbestrittener Bedeutung und Wichtigkeit für die Hörer und auch für das Radio selbst; andererseits weisen Radionachrichten seit ihren Anfängen eine grosse Konstanz in Form und Inhalt auf und sind daher für diachrone Analysen besonders geeignet.

In einem ersten Schritt werden die theoretischen Grundlagen für die Untersuchung gelegt: Den allgemeinen historisch-publizistischen Betrachtungen zu den Radionachrichten (Kap.2) folgt die spezifisch linguistische Abgrenzung und Beschreibung der Radionachrichten in Form einer Textsortenanalyse (Kap.3). Danach werden die Bereiche gesprochene / geschriebene Sprache mithilfe theoretischer Modelle ausführlich dargestellt und erläutert (Kap.4). Im empirischen Teil der Arbeit erfolgt die eigentliche Textanalyse und Auswertung der Daten (Kap.5). Auf mögliche Ursachen einer qualitativen Sprachverschiebung – man denke an die Dualisierung des Schweizer Rundfunks in den 1980er-Jahren oder an allgemeinere, unter dem Begriff des Sprachwandels einzustufende Tendenzen der Gegenwartssprache[2] – kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen werden.

2 Die Nachrichten des Schweizer Radios DRS (SR DRS)

2.1 Radionachrichten im Rückblick

Die Geschichte der Informationsvermittlung am Schweizer Radio ist geprägt durch eine langjährige Abhängigkeit von den Printmedien. Von 1922, dem offiziellen Anfang des Schweizer Hörfunks, bis 1971 durften die regionalen Radiogenossenschaften bzw. ab 1931 die SRG[3] ihre Nachrichten nur bei der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) beziehen, welche so faktisch fast 50 Jahre lang Produzentin der Radionachrichten war. Die SDA gehörte dem Schweizerischen Zeitungsverlegerverband (SZV), der sich über Jahrzehnte mit Erfolg gegen die aufkommende Radiokonkurrenz wehrte, indem er die Radioredaktionen über die SDA nur bedingt mit politischen Informationen belieferte. Dies war auch im Sinne des zuständigen Bundesrates Marcel Pilet-Golat, der 1935 verlauten liess: «In der Schweiz hat die Politik im [Radio-]Studio nichts zu suchen.» (zit. nach Gschwend 2005:18) Folglich strahlte die SRG bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nur zwei Nachrichtenbulletins pro Tag aus, ab 1939 deren vier. Die Sendungen wurden sowohl von der SDA verfasst als auch mittels hauseigener Sprecher verlesen. Der Nachrichtendienst der SRG war damit vollständig abhängig von der SDA. (Vgl. ebd.) In sprachlicher Hinsicht ist zu vermuten, dass die Texte der Radionachrichten damals aufgrund ihrer Presseorientierung sehr schriftnah formuliert waren, aus heutiger Sicht also wenig hörergerecht vermittelt wurden.

1963 begann der damalige Studiodirektor der SRG, Max Bolliger, trotz Gängelband der SDA mit dem Aufbau einer Abteilung Information. So wurden die vier Nachrichtensendungen der SDA ab 1966 um stündliche Kurzbulletins aus eigener Nachrichtenredaktion im Studio Bern ergänzt (vgl. Häusermann 1998:70f.). Die Vormachtstellung der Printmedien im Informationsbereich wurde erst 1971 endgültig aufgehoben, indem sich die SRG von der SDA als übermächtiger Nachrichtenlieferantin lösen konnte. Seither trägt die SRG die alleinige Verantwortung für ihre Nachrichtensendungen und kann ihre Informationsquellen selbst bestimmen. (Vgl.Gschwend 2005:28−34; SRG SSR idée suisse 2006)[4]

Die Zeit zwischen 1971 und heute ist bei SR DRS vor allem durch zwei umfassende Programmrevisionen geprägt, welche auch die Nachrichtensendungen betrafen: 1984 wurden u.a. die bisherigen Abendinformationen in Abendjournal umbenannt und in ihrer Form und Präsentation neu gestaltet. Die Dualisierung des Rundfunks 1983 formierte die Radiolandschaft der Schweiz komplett neu, was die SRG in vielerlei Hinsicht zum Handeln veranlasste. In der Publizistikwissenschaft wird davon ausgegangen, dass sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Radio- und Fernsehsender formal wie auch inhaltlich gegenseitig angepasst haben (Konvergenzthese).[5] Die Vermutung liegt nahe, dass sich die neue Konkurrenz der Privatsender auch auf die Sprache bei SR DRS ausgewirkt hat, und zwar im Sinne einer Vermündlichung. Der Grund für diese Annahme liegt in der regional-lokalen Orientierung der Privatsender, welche die geografische Nähe zum Hörer verstärken, indem sie ihn in einem betont lockeren Sprachstil ansprechen.[6] Diese Hypothese hinsichtlich der Ursachen einer möglichen Verschiebung der Sprachqualität bedarf jedoch genauerer Untersuchungen, welche im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden können.

Im Zuge der zweiten grösseren Konzeptänderung 1995 integrierte SR DRS das Abendjournal in das jeweils im Anschluss daran gesendete politische Hintergrundmagazin Echo der Zeit, d.h., die rund zehnminütige Hauptausgabe der Abendnachrichten wurde mit dem Politmagazin zu einer 45-minütigen Sendung unter dem Namen Echo der Zeit zusammengeführt. Dies hatte auf Form und Inhalt der Nachrichten aber praktisch keinen Einfluss, denn die Nachrichten-Redaktion und die Redaktion Echo der Zeit arbeiten bis heute eigenständig. (Vgl. SR DRS 2006) Da die Hauptausgabe der Abendnachrichten seit 1995 nicht mehr als eigenes Sendegefäss geführt wird, muss sie in der vorliegenden Arbeit über die Sendung Echo der Zeit erfasst werden.

Folgende Darstellung zeigt die wichtigsten Veränderungen in den Abendnachrichten von SR DRS während des Untersuchungszeitraums 1973 bis 2006:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 nur Nachrichtenblock, ohne Hintergrundberichte; Gesamtdauer der Sendung: 45 Min.

Abb.1: Abendnachrichten SR DRS, 1973–2006 (vgl. SR DRS 2006)

Neben der Bezeichnung der Sendung hat sich aufgrund der Programmrevisionen auch die Anfangszeit verändert, was für die vorliegende Untersuchung jedoch nicht von Bedeutung ist. Die Länge der Ausgaben bleibt mit durchschnittlich 7 bis 10 Minuten konstant. Hinsichtlich der Präsentationsform ist zwischen der klassischen Nachrichtensendung bis 1983 und dem Nachrichtenjournal ab 1984 zu unterscheiden. Auf die Eigenschaften der verschiedenen Formen von Nachrichtensendungen wird in Kap.3.2 näher eingegangen, wenn es um die Beschreibung der Textsorten Radionachrichten und Nachrichtenjournal geht.

2.2 Echo der Zeit – das «Flaggschiff» von SR DRS

Die Hörerzahlen eines Radioprogramms geben Aufschluss über seine Wichtigkeit und Beliebtheit bei den Rezipienten. Seit 2001 misst SR DRS die Radionutzung in der Schweiz mit dem elektronischen Messsystem Radiocontrol.[7] In früheren Jahren geschah dies über die so genannte Medienstudie: Radiohörer wurden im Rahmen von Stichtagsbefragungen über ihren Medienkonsum des Vortages befragt. Aufgrund der unterschiedlichen Erhebungsmethoden sind die Daten vor 2001 nicht mit den aktuellen vergleichbar und werden daher von SR DRS nicht mehr zur Verfügung gestellt. Die Reichweiten älterer Nachrichtensendungen wie der Abendinformationen oder des Abendjournals können somit nicht mehr eruiert und für einen Vergleich herangezogen werden; die statistischen Werte beschränken sich auf das Echo der Zeit seit 2001. (Vgl. Radiocontrol 2006; SR DRS 2006)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Jahreswerte Echo der Zeit seit 2001

Universum: Bevölkerung ab 15 Jahren, Deutschschweiz

Quelle: Radiocontrol (mit freundlicher Genehmigung des Medienreferats SR DRS 2006)

Die Zahlen zeigen die Nutzung der Sendung Echo der Zeit von Personen über 15 Jahren in der Deutschschweiz im Zeitraum von 2001 bis Mitte 2006. Mit der Nettoreichweite ist der prozentuale Anteil der Personen gemeint, die an einem durchschnittlichen Tag das Echo der Zeit mindestens drei Minuten lang gehört haben. Auf DRS 1 sind dies im 1. Semester 2006 13.1% oder 579'400 Personen. Im Vergleich zu 2001 ergibt sich ein minimaler Rückgang von 1.6%. Auch die durchschnittliche Nutzungsdauer pro Hörer zeigt aktuell mit 18 Minuten einen leicht tieferen Wert als in früheren Jahren, wobei der diachrone Vergleich keine klare Tendenz erkennen lässt. Der Marktanteil, also der Anteil der Nutzung des Senders DRS 1 an der Gesamt-Radionutzung in der Deutschschweiz, verdeutlicht aber eindrücklich die Beliebtheit der Sendung: Beinahe die Hälfte aller Radiohörer über 15 Jahren in der Deutschschweiz hören um 18 Uhr das Echo der Zeit. Aus den Zahlen ist leider keine weitere Differenzierung zwischen Nachrichten- und Hintergrundteil der Sendung möglich. Mit der nächsten Tabelle wird die Popularität des Echos noch verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Nutzungszahlen Echo der Zeit im Vergleich

Universum: Bevölkerung ab 15 Jahren, Deutschschweiz

Quelle: Radiocontrol (mit freundlicher Genehmigung des Medienreferats SR DRS 2006)

Die Tabelle zeigt einen Vergleich der Reichweiten des Echos mit anderen ausgewählten Sendungen von DRS 1. Um möglichst viele Hörer zu erreichen, wird das Echo der Zeit heute auf DRS1, DRS2 und DRS MW 531 ausgestrahlt. Mit 15.6% bzw. rund 690'000 Hörern pro Tagesausgabe steht die Informationssendung damit an zweiter Stelle bei SR DRS; einzig das Rendez-vous am Mittag verzeichnet höhere Einschaltquoten. In Prozenten beläuft sich der Marktanteil des Echos auf 46.6 (DRS 1) bzw. 10.2 (DRS 2). Ein Vergleich mit den durchschnittlichen Marktanteilen (DRS 1 rund 40%, DRS 2 etwa 5%) belegt die Beliebtheit der Sendung. (Vgl. Radiocontrol 2006; Forschungsdienst SRG SSR idée suisse 2006) Mit dem 60-jährigen Jubiläum im Jahre 2005 gehört das Echo nicht nur zu den beliebtesten, sondern auch zur «wahrscheinlich älteste[n] noch immer existierende[n] politische[n] Wortsendung der Welt» (Geschwend 2005:225). Gerne wird das Echo daher auch als «Flaggschiff der Informationssendungen von Radio DRS» (ebd.:228) bezeichnet.

Die Zahlen unterstreichen die verbreitete Rezeption der zu untersuchenden Sendung. Da es sich beim Echo der Zeit (und auch bei den früheren Nachrichtensendungen) um ein Informationsformat handelt, ist davon auszugehen, dass SR DRS bei der Nachrichtenvermittlung besonderen Wert auf eine adäquate Sprache legt. Eine Nachrichtensendung muss nicht nur gut verständlich, sondern auch kompetent und glaubwürdig daherkommen. In der aktuellen Broschüre Sprechen am Mikrofon bei Schweizer Radio DRS (Geiger et al. 2006) formuliert SR DRS Leitlinien der sprachlichen Präsentation, die sich vor allem aus den kommunikativen Bedingungen am Radio ergeben. Für das Nachrichtenformat zentral ist die Forderung, Nachrichtentexte gezielt für die auditive, nicht-visuelle Rezeption zu schreiben (vgl. ebd.:57–76). Was dies bezüglich konzeptioneller Mündlichkeit/Schriftlichkeit konkret bedeutet, wird die vorliegende Untersuchung sowohl theoretisch als auch empirisch aufzeigen.

Diesen allgemeineren historisch-publizistischen Erläuterungen zu den Abendnachrichten von SR DRS folgen im nächsten Kapitel unter dem Begriff Textsorte spezifische Darstellungen aus linguistischer Perspektive.

3 Radionachrichten als Textsorte

Zur linguistischen Beschreibung von mündlich und schriftlich realisierten Texten bietet sich die Kategorisierung nach Textsorten an. Textsorten sind «Mengen von Texten mit bestimmten gemeinsamen Eigenschaften» (Hartmann 1964:23). Dieser einfachen Definition würden wohl die meisten Linguisten noch zustimmen; bei einer Präzisierung verschiedener Typen und Spezifika von Textsorten ist aber bis heute kein Forschungskonsens auszumachen. Das folgende Zitat beschreibt die gegenwärtige Situation noch immer treffend:

Eine allgemein akzeptierte Textklassifikation und damit einen allgemein akzeptierten Begriff des Texttyps (der Textsorte) gibt es heute noch nicht, geschweige denn eine verbindliche Terminologie.

(Nussbaumer 1991:257)

In der Forschung lassen sich vier Grundkonzepte voneinander abheben, welche Textsorten nach je spezifischen Merkmalskomplexen unterscheiden: 1. nach grammatischen Aspekten, 2. nach semantisch-inhaltlichen Aspekten, 3. nach der kommunikativen Situation, 4. nach der kommunikativen Funktion (vgl. Heinemann 2000:9−15).[8] Während die ersten beiden Ansätze von sprachinternen, strukturellen Parametern ausgehen und den Text selbst ins Zentrum der Betrachtung stellen, steht bei den letztgenannten Modellen die pragmatische Orientierung im Vordergrund. Prägende Merkmale eines Textes sind entsprechend sein situativer Rahmen und seine kommunikative Funktion.

Als Folge dieser unterschiedlichen Positionen wurden verschiedene integrative, mehrdimensionale Modelle zur Klassifizierung von Texten entworfen.[9] Diese beschreiben Textsorten als Träger von verschiedenen Merkmalen auf unterschiedlichen Ebenen und versuchen so, alle vier genannten Differenzierungskategorien mit einzubeziehen, wobei mehrheitlich die Typologisierung nach funktionalen Kriterien im Vordergrund steht. Nussbaumer (1991:260) bezeichnet dies als «Ausdruck der allmählichen Pragmatisierung der Textlinguistik».

Trotz dieser Versuche besteht bis heute kein Forschungskonsens über eine Gesamttypologie im Sinne von verbindlichen Analysemethoden und ‑kategorien, und im Hinblick auf die Vielfalt und Fülle von Textformen, deren Funktionen und Kontexte, bleibt die Realisierung eines «Modells der Modelle» möglicherweise auch eine Idealvorstellung.

3.1 Abgrenzung der Textsorte Radionachrichten

Grundlage für die folgende Textsortenanalyse der Nachrichtensendung von SR DRS bildet das in der Forschungsliteratur viel zitierte Modell nach Brinker (62005), das ebenfalls eine Textsortenabgrenzung auf verschiedenen Ebenen erlaubt, indem es strukturellen, kontextuellen wie auch kommunikativ-funktionalen Aspekten der Textkategorisierung Rechnung trägt.

3.1.1 Kommunikativ-funktionaler Aspekt

Als Basiskriterium der Textkategorisierung dient Brinker die Textfunktion, welche er als «die im Text konventionell ausgedrückte dominierende Kommunikationsintention des Emittenten» definiert (Brinker 2005:157; Hervorh. M.B.). Es ist klar, dass ein Text (auch abhängig vom jeweiligen Rezipienten) mehrere Funktionen innehaben kann, wobei hier nur die vorherrschende berücksichtigt wird. In Anlehnung an den Klassifikationsvorschlag für Sprechakttypen von J.R. Searle (1979) unterscheidet Brinker (ebd.:146) fünf «Textsortenklassen» im Sinne von «Grossklassen», welche einer ersten Grobeinteilung von Texten nach ihrer Funktion dienen. Es sind dies: Informationstexte, Appelltexte, Obligationstexte, Kontakttexte, Deklarationstexte.

Die Abendnachrichten von SR DRS, welche heute wie erwähnt Teil der Sendung Echo der Zeit sind, tragen eine klar informative Funktion.[10] Auf der Homepage von SR DRS ist zu lesen:

«Echo der Zeit» ist die älteste politische Hintergrundsendung von Schweizer Radio DRS: Seit 1945 vermittelt die Sendung täglich die wichtigsten Nachrichten, Berichte, Reportagen, Interviews und Analysen über das aktuelle Zeitgeschehen.

(SR DRS 2006; Hervorh. M.B.)

Das Nachrichtenjournal im Echo der Zeit gehört demnach zur Klasse der Informationstexte. Die typische Kommunikationssituation im ersten Teil des Echos, wo die Nachrichten vermittelt werden, verdeutlicht dies: Sprecher A informiert Hörer B, indem er Nachrichten verliest. Bei der Ansage des Journals werden jedoch nicht explizit Hinweise zur Art der Sendung wie Nachrichten oder Informationssendung gegeben:

M=Moderator

M: 18 Uhr, Schweizer Radio DRS 1, Echo der Zeit [Jingle] – die Themen: Mit Partikelfiltern gegen den Feinstaub. Umweltminister Leuenberger will in erster Linie bei Dieselautos ansetzen […].

(Echo der Zeit SR DRS, 16.01.2006)

Ein neuer Hörer, welcher die Sendung Echo der Zeit nicht kennt, erfährt bei der Ansage nicht, dass es sich um ein Informationsformat handelt. Die Signalisierung Informationstext erfolgt indirekt über die hohe formale wie auch inhaltliche Standardisierung der Nachrichtensendung, welche den Hörer sofort an das Nachrichtenformat erinnert: Präsentation von Schlagzeilen zu tagesaktuellen Themen der klassischen Nachrichtenressorts aus In- und Ausland, die monologisch vom Sprecher verlesen werden.

Im Abendjournal von 1990 fehlt zwar die direkte Signalisierung per definitionem auch, die Textfunktion kann aber durch das (mehrdeutige) Wort Journal in der Ansage leicht erschlossen werden:

M: 18 Uhr 30, Radio DRS, Abendjournal [Jingle] – die Themen: Der Nationalrat debattiert die Vorwürfe der PUK gegenüber Post und Zoll […].

(Abendjournal SR DRS, 21.06.1990)

In den Abendinformationen von 1973 ist die direkte Signalisierung mit den Wörtern Information und Nachrichten gleich zweifach gegeben:

M: Es ist 19 Uhr 15, sie hören die Abendinformationen des Schweizer Radios, wir beginnen mit den Nachrichten: Zürich – Der bundesrätliche Beauftragte zur Überwachung der Preise, Löhne und Gewinne nimmt Stellung zu seiner Aufgabe […].

(Abendinformationen SR DRS, 13.01.1973)

Bemerkenswert ist zudem die Ausformulierung der Ansage von 1973, während es sich in den Beispielen von 1990 und 2006 nur noch um elliptische Verkürzungen handelt.

3.1.2 Kontextueller Aspekt

Ausgehend von der Grundfunktion eines Textes differenziert Brinker weiter nach einerseits kontextuellen (situativen), andererseits strukturellen Merkmalen. Unter dem kontextuellen Aspekt stehen die Analysekategorien Kommunikationssituation bzw. Kommunikationsform sowie der Handlungsbereich. Einen entscheidenden Einfluss auf die Kommunikationssituation übt das Kommunikationsmedium aus. Brinker (vgl. ebd.:147) unterscheidet im Wesentlichen fünf Medien: Face-to-Face -Kommunikation, Telefon, Rundfunk, Fernsehen und Schrift. Die Abendnachrichten von SR DRS werden über den Rundfunk bzw. über das Massenmedium Radio vermittelt. Abgesehen von diversen technischen Möglichkeiten der Sprachkonservierung ist das Radio als flüchtiges Medium zu bezeichnen, durch das Botschaften rein akustisch verbreitet bzw. rezipiert werden (vgl. Häusermann 1998:64f.). Auf die Verbreitung der Nachrichtenformate am Radio übt die technische Entwicklung bis heute nur wenig Einfluss aus. Über das Internet ist es zwar möglich, eine Aufzeichnung bereits gesendeter Radionachrichten zu hören – die Sendungen Echo der Zeit sind jeweils 15 Wochen lang auf dem Server von SR DRS verfügbar und können rund um die Uhr kostenlos heruntergeladen werden –, doch reduziert diese Option die Flüchtigkeit des Mediums Radio meines Erachtens nur unwesentlich. Ein Vergleich mit dem Medium Zeitung, wo der Rezipient jederzeit nach Belieben einzelne Wörter, Zeilen oder Abschnitte repetieren oder ganze Seiten vor- und zurückblättern kann, macht dies deutlich.

Für die Radiokommunikation ist im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit hervorzuheben, dass sie sowohl indirekt als auch einseitig erfolgt.[11] Diese Charakteristika bilden spezifische Voraussetzungen für Sprachhandlungen am Radio. Die Indirektheit, also die räumliche (und evtl. auch zeitliche) Trennung von Kommunikator und Rezipient, bedeutet, dass die zusätzlichen Botschaften der Körpersprache bei der Kommunikation über das Radio wegfallen, da die Radiomoderatoren von ihren Rezipienten nicht gesehen werden. Damit die Verständlichkeit der zu vermittelnden Inhalte gewährleistet bleibt, müssen Radiosprecher die medial bedingten Einschränkungen berücksichtigen und auf hörergerechte Formulierungen achten.[12] Gleichwohl verhindert die Einseitigkeit des Kommunikationskanals ein Intervenieren des Rezipienten, um beispielsweise eine Information genauer ausführen oder wiederholen zu lassen, wie dies in einer Face-to-Face -Situation möglich ist.

Die grundsätzlich einseitige Kommunikationsrichtung von klassischen elektronischen Massenmedien wie Radio und Fernsehen ist heute (zumindest in gewissen Sendeformaten) durchbrochen, denn es ist möglich, sich als Rezipient z.B. per Telefon in eine Sendung einzuschalten und mit dem Moderator in einen Dialog zu treten (sog. Phone-ins).[13] Für das Nachrichtenformat trifft diese Möglichkeit bis jetzt nicht zu. Die Kommunikation erfolgt in den Nachrichtensendungen von SR DRS weiterhin monologisch, der Kontakt ist zeitlich unmittelbar (Live-Sendung) und räumlich getrennt, die Sprache gesprochen, was den typischen Kommunikationseigenschaften über das Medium Rundfunk entspricht (vgl. Brinker 2005: 147f.).

Die situativen Rahmenbedingungen der Kommunikation sind wichtig für die Textsortenbestimmung, weil sie direkten Einfluss auf die Textstruktur haben. Brinker macht dies deutlich, indem er als Beispiel auf die unterschiedlichen Textmuster von Rundfunk-, TV- und Plakatwerbung hinweist (vgl. ebd.:148).

Was den Handlungsbereich der Abendnachrichten von SR DRS anbelangt, ist die Zuordnung ebenfalls klar. Rundfunkkommunikation findet nicht im privaten oder offiziellen, sondern im öffentlichen Bereich statt, und es scheint nur logisch, Nachrichtenformate als besonders typische Textsorte des öffentlichen Bereichs zu bezeichnen (vgl. ebd.:150).

3.1.3 Struktureller Aspekt

In Bezug auf die strukturellen Aspekte geht es auf der thematischen Ebene sowohl um das Thema selbst als auch um die Art der Themenentfaltung. Brinker (vgl. ebd.:151) charakterisiert das Thema über die temporale und lokale Orientierung: Erstere ist bei den Nachrichten vorzeitig, d.h., die thematisierten Ereignisse haben zum Zeitpunkt ihrer Präsentation im Radio bereits stattgefunden (im Unterschied beispielsweise zu Wettervorhersagen). Mit der lokalen Orientierung ist die «Relation zwischen Emittent bzw. Rezipient und Thema» gemeint (ebd.), in unserem Fall also die Frage, ob der Radiosprecher, der Hörer oder etwas anderes das Thema des Textes ist. In den Nachrichten liegt das Thema normalerweise ausserhalb der Kommunikationspartner. Natürlich ist es auch denkbar, dass je nach Meldung gewisse Hörer ungewollt selbst zum Thema werden, z.B. wenn von bestimmten Alters- oder Berufsgruppen, denen der Hörer angehört, die Rede ist. Der Grund für dieses Phänomen liegt in der Dispersität und Heterogenität des Nachrichtenpublikums. Und wenn ein Nachrichtensprecher nach langjähriger Tätigkeit seine letzte Sendung moderiert hat, wird er sich für gewöhnlich auch kurz selbst zum Thema machen und sich nach der Demissionsmeldung vom Publikum verabschieden.

Auch im Bereich der Themenentfaltung handelt es sich nicht immer um ausschliessliche Zuordnungen. Dem Modell nach Brinker sind vier Arten der Themenentfaltung zu entnehmen: deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ (vgl.ebd.:152). Bei Nachrichten als informativer Textsorte dominiert klar die Deskription. Explikative Themenentfaltung wäre theoretisch möglich, der enge zeitliche Rahmen jedoch nicht die ideale Voraussetzung dafür. Das Vertreten von persönlichen Meinungen ist in einem Nachrichtentext nicht erwünscht oder nur im Rahmen beschreibender Gegenüberstellung verschiedener Standpunkte zu einem Thema; argumentative Themenentfaltung ist deshalb dem Kommentar vorbehalten, der in den klassischen Radionachrichten aber nicht vorkommt.

Die Realisierungsform der deskriptiven Themenentfaltung erfolgt in Nachrichtensendungen typischerweise sachbetont und lässt keine emotionale Einfärbung zu. Dies trifft auch auf das Abendjournal von SR DRS zu.

Die Kategorien und Kriterien zur Textsortenabgrenzung sind in der folgenden Darstellung in Analogie zu Brinker (ebd.:158) zusammenfassend dargestellt. Die zutreffenden Kriterien bezüglich der Textsorte Radionachrichten sind kursiv hervorgehoben. Aus nicht ersichtlichen Gründen fehlt in der Gesamtdarstellung Brinkers der kontextuelle Bereich. Im Sinne einer Ergänzung wurden daher die kontextuellen Kriterien dem Schema angefügt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Abgrenzung der Textsorte Radionachrichten (eigene Darstellung nach Brinker 2005:145−153, 158)

Während in diesem Kapitel Kategorien zur Abgrenzung der Textsorte Radionachrichten zur Darstellung gekommen sind, werden im Folgenden beschreibende Merkmale zur Charakterisierung der Abendnachrichten von SR DRS vorgestellt. Dazu gehört auch die Darstellung der sprachlichen Gestaltung, welche in obigem Schema unter den strukturellen Aspekten aufgeführt ist und bis anhin noch nicht erläutert wurde.

3.2 Beschreibung der Textsorten Radionachrichten und Nachrichtenjournal

Radionachrichten gelten als feste, hoch standardisierte Textsorte, die sich diachron gesehen kaum verändert hat:

Radio-Nachrichten sind in Struktur und sprachlicher Gestaltung über viele Jahre hinweg nahezu unverändert geblieben. […] [Sie] sehen grosso modo heute nicht viel anders aus als vor 30 Jahren oder einem halben Jahrhundert.

(Burger 2005:240)

Zur Erklärung der Textsortenkonstanz von Radionachrichten[14] nennt Scherz-Schade (2004:8f.) hauptsächlich drei Gründe: 1. Die «situativen, sozialen und thematischen Anforderungen», denen ein Nachrichtentext genügen muss, haben sich trotz Medienwandels praktisch nicht verändert. Typisches Merkmal von Radionachrichten ist ihre «feste pragmatische Grundstruktur» (ebd.:8), welche praktisch keine Modifikation im Aufbau und in der Äusserungsform zulässt. Indirekt bestätigt dies auch die Aussagen Brinkers, der wie dargelegt einen engen Zusammenhang zwischen situativen bzw. thematischen Aspekten und der Textbeschaffenheit ausmacht. 2. Bei der Produktion von Nachrichtentexten spielen die Nachrichtenagenturen nach wie vor eine zentrale Rolle. Grundlage der vermittelten Nachrichtentexte bilden zu einem grossen Teil Agenturmeldungen, welche möglichst kurz und sachbetont die neusten Informationen weltweit an die Redaktionen verschicken. Die Möglichkeit, diese Agenturtexte zu redigieren und in eine neue, individuellere Form zu bringen, nutzen Journalisten nur wenig. Luginbühl et al. (2002:64f.) konnten in ihrer Untersuchung von Medientexten in Presse, Radio und Fernsehen nachweisen, dass gut die Hälfte der analysierten Texte ganz oder teilweise auf Agenturmeldungen zurückgeht, mit anderen Worten die Eigenleistung von Journalisten, welche unter grossem Zeitdruck stehen, in Radio-, Zeitungs- und TV-Berichten gering ist. Somit beschränkt sich auch der Einfluss der Medienschaffenden auf Form und Sprache der Agenturmeldungen. 3. Innerhalb der verschiedenen Formen von Informationstexten im Radio geniessen die Nachrichten den höchsten Stellenwert, was die überdurchschnittlichen Hörerquoten belegen (vgl. Kap.2.2). Aufgrund der hohen Erwartungen der Hörer in Bezug auf eine objektive Informationsvermittlung sind Radionachrichten nicht geeignet für Experimente jeglicher Art und haben auch daher kaum Veränderungen in ihrer Form erfahren.

Der Textsortenkonstanz entsprechend sind Radionachrichten gut erforscht. Den aktuellsten Überblick bietet Burger (32005). Im Folgenden werden in verkürzter Weise die konstitutiven Merkmale der klassischen Radionachrichten, der «Standard-Form», wiedergegeben. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Beschreibung der Abendnachrichten von SR DRS.

1. Die Nachrichten werden live gesendet.
2. Die Nachrichten werden von einem Sprecher verlesen, der als reiner Vermittler agiert.
3. Der Hörer ist gleichfalls nicht im Text anwesend.
4. Der Text wird in einem schallarmen, neutralen Raum verlesen.
5. Geräusche oder Musik sind während der Präsentation ausgeschlossen.
6. Die Situation, in der sich der Sprecher befindet (oder auch die Redaktion), kommt nicht zur Sprache.
7. Die paraverbale Realisierung des Textes erfolgt gänzlich «schriftlich», d.h., man hört (und soll es hören), dass der Text nicht etwa spontan formuliert ist, sondern total abgelesen wird.
8. In inhaltlicher Hinsicht ist der Bereich dessen, was als «Nachricht» für eine Nachrichtensendung gelten kann, eingegrenzt durch zwar rigide, aber doch eingespielte und überregional […] gültige Selektionsusancen.
9. Der Aufbau eines Nachrichtenbulletins ist stereotyp: (1) Schlagzeilen (fakultativ), (2) Meldungen, (3) Wetterbericht.
10. Die einzelne Meldung ist strukturiert nach wenigen festen Mustern (Prinzip des Nachrichtenkontinuums; Pyramiden-Prinzip).
11. Die Hauptmerkmale der Syntax sind: (a) Parataxe oder einfache Hypotaxe (b) Tendenz zu nominalen Gruppen mit einem Verbalabstraktum als Kern und angegliederten Genitivattributen (Senkung der Steuerlast) und/oder präpositionalen Attributen (Erhöhung der Steuerlast um 2 Prozent) (c) Tendenz zur indirekten Redewiedergabe.
12. Das Vokabular entspricht in allen thematischen Bereichen dem «offiziellen» Vokabular, d.h. dem Vokabular der Kommuniqués, der Statistiken, der Behördenvertreter.
13. Das ältere Stilmittel der lexikalischen Varianz verschiebt sich tendenziell Richtung Redundanz.

(Vgl. Burger 2005:241–256; Hervorh. im Original)

Trotz zunehmender Kommerzialisierung und verschärften Wettbewerbs unter den Rundfunkanbietern hat sich die Textsorte Radionachrichten seit der Dualisierung des Mediensystems in den 1980er-Jahren wie erwähnt praktisch nicht verändert. Die unter 1 bis 12 genannten Merkmale treffen auch auf ältere Nachrichtensendungen zu. Eine Ausnahme bildet Punkt 13: Bezüglich lexikalischer Varianz/Redundanz stellt Burger heute einen Rückgang des Stilmittels Varianz zu Gunsten der Redundanz fest. Die vorliegende Untersuchung wird zeigen, ob sich dies auch für die Abendnachrichten von SR DRS bestätigen lässt.

Im Zuge der Dualisierung des Mediensystems sind neue Nachrichtenformate mit unterschiedlichen Konzepten entstanden, welche die klassischen Nachrichten bis heute nicht vollständig ersetzt haben, sondern komplementieren. Burger (2005:256) spricht von «angereicherten Formen von Nachrichtensendungen» wie z.B. «Nachrichtenmagazinen» oder «Nachrichtenjournalen».[15] Angereichert meint hier, dass die Nachrichten nicht nur von einem Sprecher, sondern von zwei oder mehr Personen verlesen werden. Meist handelt es sich dabei um einen Moderator, der die Hörer begrüsst, die Schlagzeilen präsentiert und bis zum Schluss durch die Sendung führt. Er übernimmt die Anmoderation einer Meldung und beschränkt sich auf allgemeinere Aussagen zu deren Inhalt. Dann übergibt er einem zweiten Sprecher, der in der Folge ausführlicher zum Thema informiert und je nach Bericht auch Original-Töne (sog. O‑Töne) einsetzt. Hinsichtlich des Sprachstils lassen sich im Nachrichtenjournal bzw. ‑magazin keine wesentlichen Unterschiede zwischen Moderatortext und Sprechertext erkennen. (Vgl. Burger 2005:256−260)

Der Sprecherwechsel im Journal resultiert nicht aus einer Funktionsteilung der Nachrichtenpräsentation. Es handelt sich meist nur um ein Mittel zur Abwechslung, das wohl den Nachrichten die Monotonie nehmen und das Hören angenehmer machen soll. Inhaltlich würde sich aber nichts ändern, wenn die Meldungen analog zum klassischen Nachrichtenformat nur von einem Sprecher verlesen würden, denn meist handelt es sich beim zweiten Sprecher im Nachrichtenjournal von SR DRS nicht um einen Korrespondenten vor Ort, sondern um einen Journalisten im Radiostudio, dessen Textteil auch der Moderator übernehmen könnte.

Der Nachrichtenteil im Echo der Zeit wie auch die Stichproben von 1990 entsprechen exakt dem geschilderten Format des Nachrichtenmagazins bzw. Nachrichtenjournals. Die Bezeichnung Journal ist in der Schweiz meiner Meinung nach gebräuchlicher als das Synonym Magazin; daher wird die angereicherte Form der Radionachrichten von SR DRS in der vorliegenden Arbeit als Nachrichtenjournal bezeichnet. Bei den Abendinformationen von 1973 handelt es sich hingegen noch um Nachrichten im klassischen Format, d.h., es finden sich weder Sprecherwechsel noch O-Töne. Dies bedeutet, dass sich der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Analyse nicht mit nur einem Begriff benennen lässt. Es handelt sich bei den analysierten Nachrichtensendungen um zwei leicht verschiedene Formate. Die Vergleichbarkeit bleibt meines Erachtens trotzdem gewährleistet, denn nach Burger (ebd.) sind die Anzahl der Sprecher und das Kriterium O-Töne die einzigen Unterschiede zwischen der Standardform von Radionachrichten und dem Nachrichtenjournal. Alle übrigen Merkmale der klassischen Nachrichtensendungen (Punkte 1; 3−13), also auch die sprachlichen, gelten ebenso für das Nachrichtenjournal. Zudem hat das neuere Format des Journals die klassischen Radionachrichten zumindest in den Hauptausgaben vollständig verdrängt, was den Vergleich von identischen Formaten verunmöglicht.

Hinsichtlich der Fragestellung vorliegender Untersuchung sollen nun die genannten sprachlichen Merkmale ins Zentrum der Betrachtungen rücken. Unter Punkt 7 macht Burger darauf aufmerksam, dass der Sprecher seinen Nachrichtentext voll und ganz abliest. Es handelt sich demnach um einen schriftlich fixierten, aber mündlich realisierten Text, was als «geplante Mündlichkeit» (Geiger et al. 2006:62f.) bezeichnet werden kann.[16] Bemerkenswert ist die Feststellung Burgers, dass dies der Hörer merke und auch merken solle. Dafür verantwortlich sind meines Erachtens auf der einen Seite sprechrhythmische und prosodische Eigenschaften. Im Gegensatz zu spontan formulierter Mündlichkeit finden die Sprechpausen in Radionachrichten vorwiegend bei den Satzzeichen Komma und Punkt statt. Die Satzeinheiten sind so klar erkennbar, was eine gewisse Regelmässigkeit im Sprachrhythmus bewirkt. Auch die Intonation und die Sprachmelodie sind beim Ablesen von Texten uniformer und meist ohne Überraschung, Versprecher aufgrund der schriftlichen Vorlage selten. Neben den prosodischen Kriterien finden sich auf der anderen Seite im mündlich realisierten Nachrichtentext bestimmte lexikalische und syntaktische Elemente, die der Hörer der geschriebenen Sprache zuschreibt, so z.B. die Tendenz zu Nominalisierungen. Burger erwähnt die wichtigsten unter den Punkten 11 bis 13.

Die präzise Analyse eines schriftlich fixierten, aber mündlich realisierten Textes setzt die Unterscheidung von gesprochener und geschriebener Sprache voraus. Dies gilt im Besonderen für die vorliegende Untersuchung, denn die Sprache der Nachrichtensendungen zwischen 1973 und 2006 wird im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit betrachtet. Dieses Spannungsfeld erlaubt verschiedene Zugänge, welche in der Forschung anhand unterschiedlicher Begriffe beschrieben werden. Die Termini sollen, sofern sie für die vorliegende Untersuchung relevant sind, im folgenden Kapitel vorgestellt werden.

4 Gesprochene und geschriebene Sprache – das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Der Gegenstand der gesprochenen Sprache erfährt seit den 1960er-Jahren verstärkt Aufmerksamkeit in der deutschen Sprachwissenschaft. Bis zu der Zeit richtete die Textlinguistik ihr Interesse hauptsächlich auf die geschriebene Sprache, während die gesprochene Sprache als eigenständiges Forschungsgebiet lange Zeit keine besondere Rolle spielte.[17] Als eigentlicher Auslöser dieser Neuausrichtung ist die Syntaxforschung zu nennen. Sie plädierte für eine Zweiteilung des Untersuchungsgegenstandes Sprache in gesprochene und geschriebene Sprache; dies im Gegensatz zum bisherigen Klassifikationsvorschlag der Sprachschichtenforschung, welche Sprache über die drei Bereiche Schriftsprache, Umgangssprache und Mundart beschrieb. Im Zentrum der Forschung stand die Frage, inwiefern freie mündliche Äusserungen von den grammatischen Regeln der Schriftsprache differieren. (Vgl. Schank/Schoenthal 1976:1f.)

Durch diese Neuausrichtung des linguistischen Forschungsfeldes sind Teildisziplinen wie die linguistische Pragmatik und später die Gesprächsforschung entstanden. Fiehler et al. (2004:28−45) unterscheiden grundsätzlich vier Forschungstraditionen, in denen jeweils unterschiedliche Aspekte der gesprochenen Sprache fokussiert werden. Es sind dies:

(1) Systemlinguistische Differenzen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache;
(2) Unterschiede in den Kommunikationsbedingungen bei Mündlichkeit und Schriftlichkeit;
(3) Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Rahmen von Gesellschaften;
(4) Gesprächsförmigkeit mündlicher Kommunikation.

(Fiehler et al. 2004:32)

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen die systemlinguistischen Eigenschaften von gesprochener und geschriebener Sprache, also der Forschungsbereich (1). Aus der Formulierung in obigem Zitat wird deutlich, dass die systemlinguistischen Merkmale gesprochener Sprache gewöhnlich im Vergleich mit der geschriebenen Sprache herausgearbeitet werden. Grammatische und lexikalische Kategorien bilden dabei den Schwerpunkt bei der Analyse des jeweiligen Sprachprodukts; prosodische Elemente wie auch Gestik und Mimik werden kaum berücksichtigt.

Perspektive (2) verlagert den Fokus vom eigentlichen Sprachprodukt auf die damit verbundenen Kommunikationsbedingungen, welche bereits bei der Textsortenbestimmung nach Brinker zur Sprache gekommen sind (vgl. Kap.3.1.2). Abhängig von der Kommunikationssituation und dem Kommunikationskanal, sprich dem Medium, kommen der gesprochenen bzw. geschriebenen Sprache verschiedene Funktionen zu, was letztlich die Beschaffenheit der verschiedenen Mündlichkeits- und Schriftlichkeitsregister erklärt. Während bei (1) die grammatisch-lexikalische Ebene im Mittelpunkt steht, handelt es sich bei (2) um einen pragmatischen Ansatz. Neuere Modellierungen integrieren beide Ebenen und stellen Beziehungen zwischen ihnen her. In Kap. 4.2 wird auf das prominenteste Modell und seine Bezüge zu Perspektive (1) und (2) eingegangen.

Perspektive (3) erforscht Mündlichkeit und Schriftlichkeit mit Blick auf die Gesellschaft. Es geht hier nicht mehr um Formen einzelner, individuell formulierter Sprachäusserungen und ihre Kategorisierung, sondern um die Kulturpraktiken Sprechen und Schreiben allgemein, die eine Gesellschaft kennt bzw. in unterschiedlichen Graden beherrscht oder nicht. Dieser Forschungsstrang ist geprägt durch die Begriffe Oralität und Literalität, welche ursprünglich aus dem soziokulturellen Forschungsumfeld stammen.[18] In unserem Zusammenhang wichtig ist der von Walter J. Ong geprägte Begriff der sekundären Oralität, welcher eine spezifische, massenmedial geformte Mündlichkeit in literalisierten Kulturen beschreibt.

Perspektive (4) nimmt wieder die konkreten Sprachakte ins Blickfeld. Ausgangspunkt ist das dialogische Element der mündlichen Kommunikation. Hier interessieren Formen, Strukturen und Regeln der Interaktion, welche in erster Linie anhand von transkribierten Gesprächen herausgearbeitet werden (Gesprächsanalyse). Im Gegensatz zu den Positionen (1) bis (3) wird hier von einer engeren Definition des Begriffs gesprochene Sprache ausgegangen. Nicht alles, was über das Medium des Sprechens geäussert wird, gehört dazu, sondern nur frei formulierte Äusserungen, welche spontan und in Interaktion mit mindestens einem Gesprächspartner erfolgen (vgl. Schank/Schoenthal 1976:7). Bei schriftbasierten mündlichen Äusserungen, wie sie beim Verlesen von Nachrichten oder in Vorträgen üblich sind, fehlt sowohl die freie Formulierung als auch der Sprecherwechsel. Diese fingierte, inszenierte Art von Mündlichkeit ist deshalb für die Gesprächsanalyse uninteressant. Der Forschungsbereich (4) spielt folglich in der vorliegenden Arbeit keine Rolle und kann ausgeklammert werden.

Die Differenzierung des Forschungsfeldes zeigt, dass sich die Gegenstandsbereiche der gesprochenen und geschriebenen Sprache heute aufgrund der zahlreichen und vielfältigen Unterschiede der beiden Sprachbereiche teilweise zu eigenständigen Forschungsrichtungen entwickelt haben. Trotzdem herrscht in der Linguistik schon länger Konsens darüber, dass es sich bei gesprochener und geschriebener Sprache nicht um zwei verschiedene, sondern um eine Sprache mit zwei unterschiedlichen Ausformungen handelt (vgl. Sieber/Sitta 1986:124; Dürscheid 2006:34). In welchem Verhältnis die beiden Sprachformen jedoch zueinander stehen, bleibt umstritten. Nach der Dependenzhypothese hat sich die Schrift aus der gesprochenen Sprache heraus entwickelt, was beispielsweise beim Erstspracherwerb sowohl phylo- als auch ontogenetisch ersichtlich ist (vgl. auch Kap.4.1). Dem gegenüber steht die Autonomiehypothese, die von einer eigenständigeren Entwicklung der beiden Sprachformen ausgeht. Als Argument wird hier u.a. hervorgehoben, dass Lesen und Schreiben Fertigkeiten sind, die aus rein kognitiven Prozessen resultieren und daher unabhängig vom Sprechen ausgeübt werden können. (Vgl. Dürscheid 2006:35−42; Schwitalla 2003:23ff.). Im Rahmen der vorliegenden Arbeit spielt diese Diskussion jedoch keine Rolle.

Im Folgenden sollen die kurz umschriebenen Forschungstraditionen (1) bis (3) in den für die Forschungsfrage relevanten Bereichen genauer dargestellt und die Bezüge zum Untersuchungsgegenstand Radionachrichten hergestellt werden. Dies wird auch Gelegenheit geben, die bisher verwendeten Begriffe zur Bezeichnung der gesprochenen Sprache besser voneinander abzugrenzen. Um hinsichtlich unserer Fragestellung vom Allgemeinen zum Spezifischen zu gelangen, scheint es sinnvoll, über die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Oralität/Literalität (Kap 4.1) zu den Sprachprodukten und ihren pragmatischen Bedingungen (Kap.4.2/4.3) zu gelangen.

4.1 Sekundäre Oralität – Mündlichkeit der elektronischen Medienkommunikation

Der Begriff sekundäre Oralität geht auf Walter J. Ong zurück. In seinem viel beachteten Buch «Orality and literacy. The Technologizing of the Word» aus dem Jahre 1982 (dt. Übers. 1987) unterscheidet er zwischen der primären Oralität schriftloser Kulturen und der sekundären Oralität literalisierter, durch elektronische Massenmedien geprägter Kulturen.

Wie schon gesagt, nenne ich die Oralität einer Kultur, die sich unberührt von jeder Kenntnis des Schreibens oder Druckens entfaltet, «primäre Oralität». Sie ist «primär» verglichen mit der «sekundären Oralität» gegenwärtiger hochtechnisierter Kultur, in der durch Telefon, Radio, Fernsehen und andere elektronische Finessen eine neue Oralität entstanden ist, die ihre Existenz und ihr Funktionieren der Schrift und dem Drucken verdankt.

(Ong 1987:18)

Sekundäre Oralität beschreibt eine schriftbasierte, massenmedial vermittelte Oralität, wie sie für industrialisierte, medialisierte Länder charakteristisch ist. Diese resultiert aus einem schriftbezogenen Denken, welches primäre orale Kulturen nicht kennen. In einer oralen Kultur fehlt die Möglichkeit, Wissen schriftlich festzuhalten. Das menschliche Gedächtnis ist somit der einzige Speicherort für Wörter und Gedanken, was bedeutet, dass sich das Wissen auf die Erinnerung der Menschen beschränkt. Dies – und das ist Ongs zentrale These – hat Einfluss auf das Denken dieser Menschen, denn sie sind gezwungen, in einer Art und Weise zu denken und zu kommunizieren, die in erster Linie der Erinnerung des Gesagten förderlich ist.

Um in einer primären oralen Kultur das Problem der Konservierung genau formulierter Gedanken effektiv zu lösen, muss sich das Denken in mnemotischen Mustern vollziehen, die auf unmittelbare orale Darbietung zugeschnitten sind. Die Gedanken müssen in der Form von tief rhythmischen ausgewogenen Mustern entstehen, als Wiederholung oder Antithese, Alliterationen und Assonanzen, Epithetons oder in Form von anderen formelhaften Ausdrücken, eingebunden in standardisierte thematische Anordnungen […], in Gestalt von Sprichwörtern, die jeder kennt und deswegen rasch erinnert, oder anderer mnemotischer Systeme. Mnemotische Zwänge bestimmen sogar die Syntax […].

(Ong1987:40)

Primäre Oralität zeichnet sich demnach durch Stileigenschaften aus, die wir heute eher der Poesie als der Mündlichkeit zuschreiben würden. Der Grund für diese Differenz liegt in der unterschiedlichen Denkweise, welche von den spezifischen Möglichkeiten der Wissenskonservierung abhängt. Andere Merkmale primärer Oralität – Ong nennt beispielsweise additiven Satzbau und Redundanz – entsprechen hingegen durchaus den Eigenschaften einer Mündlichkeit in literalisierten Kulturen. (Vgl.ebd.: 40−61)

Während Ong die Denkstrukturen und Äusserungsmuster in primären oralen Kulturen ausführlich beschreibt, bleiben seine Ausführungen zur sekundären Oralität vage. Burger (2005:144) behält sicher Recht, wenn er den Begriff entsprechend als «zu diffus und nicht trennscharf genug für die Darstellung der Verhältnisse in den elektronischen Massenmedien» beurteilt. Trotzdem ist der Begriff meines Erachtens wichtig, denn er eröffnet eine neue Perspektive auf die gesprochene Sprache der Medienkommunikation, indem er den Einfluss der Schrift auf mündlich geäusserte Sprachprodukte in Abhängigkeit von spezifischen kognitiven Fähigkeiten aufzeigt. Zudem wird die Wichtigkeit des Mediums hinsichtlich der Beschaffenheit sprachlicher Äusserungen deutlich, was Brinker (aus anderer Perspektive) ebenfalls betont (vgl. Kap.3.1.2).

Bei der Vermittlung von Radionachrichten ist der Schriftlichkeitscharakter der gesprochenen Sprache besonders deutlich. Wie in Kap.3.2 dargelegt, formuliert ein Nachrichtensprecher seine Informationsmeldungen nicht spontan. Er spricht zwar zum Hörer, seine mündlichen Äusserungen basieren aber immer auf einem Manuskript, sind also schriftbezogen und geplant. Der Rezipient hört sofort, dass die Nachrichten verlesen und nicht frei formuliert werden. Das Beispiel Radionachrichten zeigt, dass es sich hier um eine spezifische, durch das Medium Radio geprägte Mündlichkeit handelt, die Ong im weitesten Sinne als sekundäre Oralität bezeichnet. Es zeigt aber auch, dass mit den Begriffen gesprochen / geschrieben bzw. mündlich / schriftlich Aspekte auf unterschiedlichen Ebenen beschrieben werden können. Einerseits handelt es sich in Radionachrichten um gesprochene Sprache, andererseits ist diese in ihrem Stil schriftgeprägt. Je nach Verwendung der Begriffe beziehen sie sich entweder auf den Kommunikationsweg oder auf die sprachliche Beschaffenheit. Die Mehrdimensionalität der Begriffe soll im nächsten Kapitel geklärt werden.

4.2 Medium und Konzeption

Hinter der scheinbar einfachen Unterscheidung mündlich / schriftlich verbirgt sich ein komplexer Sachverhalt, an dem sich unterschiedliche Phänomene beschreiben lassen, denn die Begriffe sind zweideutig. Eine sprachliche Äusserung kann zwar mündlich formuliert, in ihrem Stil aber durchaus schriftlich geprägt sein, wie das z.B. bei Radionachrichten der Fall ist. Umgekehrt können mündlich angelehnte Sprachregister problemlos über Schriftmedien realisiert werden. Die SMS-Kommunikation ist ein prominentes Beispiel dafür. Damit klar wird, was mit den Begriffen mündlich und schriftlich genau gemeint ist, muss die mediale Ebene von der konzeptionellen Ebene einer Äusserung terminologisch unterschieden werden.

Bereits Söll (1974;31985:17−25) hat auf die Mehrschichtigkeit von Mündlichkeit und Schriftlichkeit hingewiesen und die notwendige Differenzierung der Begriffe vollzogen, indem er die Ebene des Mediums («code phonique/graphique») von derjenigen der Konzeption («code parlé/écrit») trennte. Die Ebene des Mediums beschreibt den Kommunikationsweg, also die Realisierung einer sprachlichen Äusserung. Diese ist phonique oder graphique, also phonisch oder grafisch. Mit der Ebene der Konzeption meint Söll die kommunikative Strategie der Realisierung. Sie ist entweder parlé oder écrit, also gesprochensprachlich oder geschriebensprachlich orientiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Medium (phonique/graphique) und Konzeption (parlé/écrit) nach Söll (1985:24)

Das Modell ermöglicht die grobe Einteilung sprachlicher Äusserungen hinsichtlich Medium und Konzeption. Einerseits erkennen wir die «üblichen Repräsentationen» (ebd.) (1) (phonique/parlé) und (4) (graphique/écrit), andererseits die Mischformen (2) (graphique/parlé) und (3) (phonique/écrit), welche ungewohnter sind, da sie eine Normabweichung darstellen (vgl.ebd.).[19]

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit wird von einem allgemeinen Textbegriff ausgegangen, nach dem ein Text mündlich oder schriftlich vorliegen kann (vgl. z.B. Vater 2001:14). Auf eine Differenzierung zwischen Text und Diskurs (vgl. z.B. Koch/Oesterreicher 1985:21f.) wird verzichtet.

[2] Vgl. zur Dualisierung: Merten (1994), Schlicker (2003) u.a.; zum Sprachwandel: Sieber/Sitta 1986:159–168), Sieber (1998), Braun (1998), Duden (2005:1254ff.) u.a.

[3] Damals noch Abkürzung für Schweizerische Rundspruchgesellschaft. 1960 erfolgte mit der Aufnahme des Fernsehbetriebs die Umbenennung in Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). (Vgl. Meier 2003:548f.).

[4] Ausführliche Informationen zur Geschichte der SRG: Drack (Hrsg.) (2000); Mäusli/Steigmeier (Hrsg.) (2006).

[5] Langzeitstudien zu dieser Entwicklung beim Fernsehen bieten Merten (1994) und Schlicker (2003).

[6] Eine verbreitete Programmstrategie der Privatsender ist der Einbezug der Hörer. Ein aktuelles Beispiel bietet Radio Ri, Ostschweizer Privatradio und Radio of the year 2006. Der Lokalsender erklärt seinen Erfolg durch ein Programm, das auf die aktive Teilnahme des Publikums setzt und so Nähe zu den Rezipienten schafft (vgl. http://www.radiori.ch). Es ist anzunehmen, dass dabei vorwiegend mündliche Sprachregister zur Anwendung kommen. Spezifisch zur Nachrichtensprache konstatiert Häusermann (vgl. 1998:62) in den Anfängen der Privatradios sehr dynamische Sprechweisen, ähnlich der Art von Werbespots. Der ungezwungene Sprachstil, in dem sich der Hörer wiedererkennen soll, weist auf mündlichere Formulierungen hin. Auch bei SR DRS heisst es heute: «[E]rst ein klares, dem Publikum zugewandtes Sprechen am Mikrofon ermöglicht Publikumsnähe und Glaubwürdigkeit.» (Geiger et al. 2006:5; Hervorh. M.B.) Der Zusammenhang zwischen Nähe-Sprache und konzeptioneller Mündlichkeit wird unter Kap.4.2 erläutert.

[7] Vgl. http://www.radiocontrol.ch.

[8] Für einen ausführlicheren Forschungsüberblick: Adamzik (1995).

[9] vgl. z.B. Nussbaumer (1991); Heinemann/Viehweger (1991).

[10] Wobei die Grenze zwischen Informations- und Unterhaltungsfunktion gerade in neueren Informationsformaten zunehmend aufgeweicht wird. Die Publizistikwissenschaft beschreibt dieses Phänomen mit dem vagen Begriff Infotainment, von dem bis heute eine allgemeingültige Definition fehlt, da der Begriff der Unterhaltung und sein Verhältnis zur Information schwierig zu beschreiben ist – dies nicht zuletzt, weil es in der Individualität des Rezipienten liegt, ob er eine Sendung als eher informativ oder unterhaltend erlebt. Auch Brinker (2005:88f.) erwähnt die Möglichkeit, die Nachrichtensendungen zu Unterhaltungszwecken zu rezipieren. Zentral für die Bestimmung der Textsortenfunktion nach Brinker ist jedoch, was der Emittent mit dem Text ursprünglich bezwecken wollte.

[11] Vgl. hierzu das bewährte Modell nach Maletzke (1963:32) zur Beschreibung von Massenkommunikation als Kommunikationsform, «bei der Aussagen öffentlich […], durch technische Verbreitungsmittel […], indirekt […] und einseitig […] an ein disperses Publikum […] vermittelt werden». Eine Weiterführung des Modells unter Berücksichtigung der neuen Medien findet sich bei Kübler (2000:15ff.).

[12] Eine Anleitung dazu bietet die Broschüre Sprechen am Mikrofon bei Schweizer Radio DRS (Geiger et al. 2006). Bei der Erstellung des Kategoriensystems für die vorliegende Untersuchung wird näher darauf eingegangen, was unter «hörergerechten Formulierungen» zu verstehen ist (vgl. Kap.5.7).

[13] Hierzu ausführlich: Cerovina (2004).

[14] Vgl. dazu auch Schwitalla (1993:11ff.).

[15] Diese Entwicklung ist besonders gut am Beispiel des Fernsehens zu verfolgen. Man denke an die diversen neuen Informationsformate wie das Morgenmagazin von ARD/ZDF oder das Boulevardmagazin Explosiv auf RTL. Während Burger die Begriffe Magazin und Journal synonym gebraucht, wird das Magazin zuweilen auch als eigenes, längeres Format mit zusätzlichen Programmelementen wie z.B. Interview oder Kommentar u.a. beschrieben (vgl. z.B. Horsch et al. 1994:110).

[16] Dürscheid (2006:59) spricht von «inszenierte[r] Oralität», Burger (2005:161) von «sekundär gesprochene[n] Texte[n]».

[17] Was in erster Linie technisch zu begründen ist: Die Aufzeichnung und Reproduktion von gesprochener Sprache zu Analysezwecken setzt entsprechende technische Geräte voraus, welche erst seit den 1960er-Jahren verbreitet existierten (vgl. Duden 2005:1178). Auch Schwitalla (2003:18f.) nennt den technischen Aspekt als Hauptgrund für die verzögerte systematische Beschäftigung der Linguistik mit der gesprochenen Sprache.

[18] Vgl. hierzu ausführlich Dürscheid (2006:53−60).

[19] Die Klassifizierung üblich–unüblich besteht meines Erachtens nicht für alle Textsorten gleichermassen. Ein persönlicher Brief oder eine SMS unter Freunden (graphique/parlé) ist (heute) in seiner Konzeption wohl genauso üblich wie ein Artikel der NZZ (graphique/écrit) und «schockiert» (ebd.) kaum mehr.

Details

Seiten
125
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638900812
ISBN (Buch)
9783638903011
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85877
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
1
Schlagworte
Abendnachrichten Schweizer Radios Spannungsfeld Mündlichkeit Schriftlichkeit

Autor

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Titel: Die Abendnachrichten des Schweizer Radios DRS im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit