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Beseitigung von Diskriminierung in der Sprache: Political Correctness und feministische Sprachkritik in der BRD

Hausarbeit 2007 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Political Correctness – Bewusstseinsänderung durch Sprachveränderung
2.1. Ursprünge der PC-Bewegung in den USA und in der BRD
2.2. Bezeichnungssubstitution als antidiskriminatorische Maßnahme
2.3. Auswirkungen der PC-Maßnahmen in der Kritik

3. Sprache und Geschlecht: die feministische Sprachkritik
3.1. Hintergründe
3.2. Diskriminierung von Frauen im allgemeinen Sprachgebrauch
3.2.1. Kritik am Sprachsystem
3.2.2. Kritik am Sprachgebrauch
3.3. Vorschläge für eine geschlechtergerechte Sprache

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Analyse und Kritik von Sprache ist immer auch eine Kritik von Argumenten, die für und gegen den Gebrauch bestimmter Wörter vorgebracht werden, also von Argumenten, “die begründen, warum man gewisse Wörter nicht oder zumindest “nicht so”, andere aber schon bzw. “nur so” verwenden sollte” (Mayer 2002, 7).

Aufgrund der Kritik an der bestehenden Sprache hat sich in Deutschland in den 90er Jahren eine öffentliche Debatte darüber herausgebildet, ob und inwiefern die deutsche Sprache bestimmte gesellschaftliche Gruppen diskriminiert, und ob eine versuchte Reglementierung der Sprache zur Behebung dieser Defizite “generell sinnvoll und gerechtfertigt sein kann oder ob sie grundsätzlich anmaßend und gefährlich, vielleicht sogar totalitär ist” (Hoffman 1996, 8). Der Begriff Political Correctness gilt als Leitbegriff innerhalb dieser Debatte. Er wird in diesem Zusammenhang vor allem als eine spezifische Form der Sprachkritik bzw. als sprachliche Auseinandersetzung über das Selbstverständnis verstanden (Hoffmann 1996, 57) und insbesondere mit der Forderung nach einem “geschlechtergerechten Sprachgebrauch” sowie dem Versuch, “Minderheiten sprachlich aufzuwerten” verbunden (Mayer 2002, 7). Hinter der Forderung nach sprachlicher Veränderung verbirgt sich dabei allen voran die Hoffnung, durch sprachliche Reglementierung eine Bewußtseinsänderung der Adressaten und damit eine Einstellungsänderung gegenüber diskriminierendem bzw. sexistischem Sprachgebrauch zu erwirken (Mayer 2002, 115).

Nicht nur in dieser Grundannahme über die Verbindung von Sprache und Denken zeigen sich deutliche Parallelen zwischen dem PC-Ansatz und der feministischen Sprachkritik. Die beiden sprachkritischen Ansätze, die zum Teil aus der gleichen Bewegung geboren wurden, weisen darüber hinaus eine große Ähnlichkeit in der Wahl ihrer Perspektive auf, von der aus sie Sprache beurteilen. Auf diese Punkte soll im Folgenden genauer eingegangen werden. Ziel der Arbeit ist eine Erläuterung des PC-Ansatzes unter Berücksichtigung seiner Entstehungsgeschichte und durch die beispielhafte Illustration anhand der Kategorie der Feministischen Sprachkritik.

2. Political Correctness – Bewusstseinsänderung durch Sprachveränderung

2.1. Ursprünge der PC-Bewegung in den USA und in der BRD

Der Begriff Political Correctness (im Folgenden mit PC abgekürzt) ist in den USA wie auch in Deutschland ein seit langem bekannter Begriff für ein gesellschaftlich-politisches Phänomen, das sich in erster Linie auf den allgemeinen Sprachgebrauch bezieht. In den USA lässt sich PC bis in die frühen 60er Jahre hinein zurückverfolgen. Zu dieser Zeit wurde der Begriff noch in den unterschiedlichsten Sinnzusammenhängen verwendet und entzog sich einer allgemeinen Definition. Vereinfacht dargestellt jedoch legitimierte er das Handeln in Bürgerrechts-, Antidiskriminierungs- und Antikriegsbewegungen in den USA der 60er Jahre (Neitzel 2003), die sich die Bevorzugung der Anliegen von Minderheiten zur Aufgabe gemacht hatten. Der gesellschaftliche Bereich, in dem sich aus der PC-Perspektive die Diskriminierung von Minderheiten am stärksten zeigte, war die Sprache. In ihr manifestierte sich ihrer Ansicht nach die Benachteiligung der betroffenen Minderheiten. Als logische Schlussfolgerung äußerten PC-Vertreter die Forderung, dass „die Sprache von allen Wörtern gereinigt werden [müsste], die in diesem Sinne anstößig, also nicht politically correct sind“ (Neitzel 2003). PC wird in diesem Sinnzusammenhang zu einem Instrument der allgemeinen Bewertung für Sprache und Verhalten gegenüber Minderheiten, indem sie über das verbale und nonverbale Verhalten gegenüber sogenannten Opfergruppen urteilt (Wirthgen 2007, 5). Die von PC-Vertretern verfolgte Strategie bestand also darin, bestimmte Wörter oder Wortkombinationen als rassistisch, sexistisch oder auf irgendeine andere Art diskriminierend zu kennzeichnen und aus dem allgemeinen Sprachgebrauch zu verbannen, indem sie durch andere als neutral erachtete Bezeichnungen (Neologismen) ersetzt wurden (Neitzel 2003).

Die Anfänge der hier dargestellten Entwicklung gehen auf eine Bewegung zurück, die von den Universitäten in den USA Anfang der 60er Jahre ausging und sich mit Themen wie Multikulturalismus, Antidiskriminierung und Minderheitenförderung beschäftigte.

„Hier entstanden durch vielfältige Initiativen der Universitäts-Leitungen, linker Dozenten und Studenten die organisatorischen Strukturen für eine Veränderung, Umwandlung, ja Umwälzung überkommener Denk- und Werthaltungen“ (Neitzel 2003).

An manchen Universitäten wurden Listen mit tabuisierten Wörtern und Redewendungen an Studienanfänger verteilt und die dazu gehörenden Sprachregelungen (speech codes) aufgestellt, die das Sprachverhalten der Studenten und Dozenten „überwachen“ sollten und bei deren Missachtung mit Sanktionen – im schlimmsten Fall mit Zwangsexmatrikulation – zu rechnen war (Wirthgen 2007, 5). Diese Sprachregelungen hatten zum Ziel,

„für einen besseren Umgangston mit kulturellen Minderheiten zu sorgen, genauer gesagt, vor sprachlicher Diskriminierung zu schützen und vor allem durch korrekte Sprache „humanes Denken“ zu begründen“ (Wirthgen 2007, 6).

So sollten Bezeichnungen wie „Negro“ oder „Black“ durch „Afro-American“, „disabled“ für körperlich behindert durch „differently abled“ und „demented“ durch „emotionally different“ ersetzt werden (Neitzel 2003). Die Hauptannahme der PC-Bewegung, durch „korrektes Sprechen“ könne auch „korrektes Denken“ erreicht werden (Wirthgen 2007, 6), führte im Folgenden dazu, dass immer mehr Wörter durch sogenannte Neologismen ersetzt wurden.

Mit der Berichterstattung über die PC-Bewegung in den USA gelangte der Begriff Political Correctness Anfang der 90er Jahre schließlich nach Deutschland, wo er sich seinerseits in der Gesellschaft etablierte, hier allerdings vor einem anderen gesellschaftlichen Hintergrund. Denn anders als in Amerika, wo die PC-Bewegung vor allem auf den Multikulturalismus in der Gesellschaft abzielte, spielte die rassische Komponente in Deutschland zunächst keine übergeordnete Rolle (Neitzel 2003). Vielmehr bildeten die historisch-politische Vergangenheit Deutschlands, der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit, den Hintergrund der deutschen PC-Debatte ab. Erst im Nachhinein entwickelten sich dann auf diesem „von der Zeitgeschichte geprägten Feld der PC […] die zunächst ebenfalls auf Sprachkritik und Veränderung des Sprachgebrauchs abzielenden Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegungen“ (Neitzel 2003). Dabei wurden die Formen der sprachlichen Änderung zunächst aus dem Amerikanischen entnommen, jedoch wurden nicht nur einzelne Wörter übernommen, sondern die ganze Denkweise, der jene Wörter zugrunde liegen und die nun ihrerseits in Deutschland neue Wörter der gleichen Klasse hervorbrachte (Zimmer 1997, 149; zitiert nach Wirthgen 2007, 7). Nachdem nun auch in der deutschen PC-Debatte Themen wie Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit sowie die Gleichstellung der Geschlechter zunehmend in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt waren, entwickelte sich die deutsche PC-Debatte schon bald zu einem Streit um Grundwerte der Rede- und Meinungsfreiheit (Behrens/v. Rimscha 1995, 20). Den PC-Befürwortern eröffneten sich durch das Etikett „politisch korrekt“ neue Möglichkeiten, in Streitfragen jedes Recht für sich in Anspruch zu nehmen, indem abweichende Meinungen von vornherein mit dem Vorwurf, politisch unkorrekt zu sein, ausgeschaltet wurden. Dazu Zimmer:

„Die PC ist unbarmherzig dichotomisch: Was nicht politisch korrekt ist, ist eben unkorrekt […] Wer das Lager der PC in einem Punkt verlässt, wird sofort in das des Feindes eingewiesen. Sie ist zudem durch und durch moralisch: Das Inkorrekte ist nicht nur falsch, es ist böse“ (Zimmer 1993, 60).

Auf der anderen Seite wurde und wird der PC-Begriff von Kritikern und Gegnern der Bewegung gerne als Schimpfwort benutzt, mit dem solche Personen gekennzeichnet werden, die „mit einer einseitigen, verzerrenden linksideologischen Perspektive und Darstellungsweise behaftet“ sein sollen (Neitzel 2003). Damals wie heute wird der Begriff Political Correctness in der Gesellschaft und den Medien in den unterschiedlichsten Sinnzusammenhängen und Verwendungsrahmen gebraucht und interpretiert (Wirthgen 2007, 9), womit er aber zwangsläufig vom ursprünglichen Kern der amerikanischen PC-Bewegung, korrektes Denken durch korrektes Sprechen zu induzieren, weit abgerückt ist. Im Folgenden soll nur auf einige sprachkritische Aspekte der PC-Debatte, nämlich jene der Sprachveränderung als antidiskriminatorische Maßnahme, eingegangen werden.

2.2. Bezeichnungssubstitution als antidiskriminatorische Maßnahme

Der Absicht der PC-Bewegung, zum Schutz von Minderheiten Veränderungen am Sprachgebrauch einzelner Wörter durchzuführen, geht die Annahme voraus,

„dass sich über eine Regulierung des Sprachgebrauchs Überzeugungen beeinflussen lassen. Bei den Angehörigen von Minderheiten sollen die neuen Bezeichnungen das Selbstwertgefühl steigern. Bei den Sprechern, die nicht den betreffenden Minderheiten angehören, sollen die neuen Bezeichnungen einen Zuwachs an sensivity bewirken“ (Gloning 1996, 42f.).

Indem beispielsweise anstatt der Bezeichnung Türke die sprachlich „sauberere“ Variante Mitbürger türkischer Herkunft verwendet wird, soll demnach nicht nur dem türkischen Mitbürger sprachlich Respekt gezollt werden, sondern nach dem Kalkül der PC-Vertreter auch die Überzeugung des Sprechers beeinflusst und ggf. verändert werden (Wirthgen 2007, 20). Der Begriff Überzeugung steht in diesem Zusammenhang für einen Bewusstseinswandel beim Sprecher gegenüber bestimmten „Opfergruppen“, die die bezeichneten Minderheiten darstellen. PC-Vertreter gehen somit von der Annahme aus, dass sich gesellschaftliche Gegebenheiten wie Überzeugungen bereits durch angemessene sprachliche Bezeichnungen steuern, verändern oder verfestigen lassen. Dies wirkt sich in gravierendem Maße auf den allgemeinen Sprachgebrauch und die Verwendung bestimmter (möglicherweise diskriminierender) Wörter in der Gesellschaft aus:

„Wurde in den siebziger Jahren zum Beispiel ein italienischer Gastarbeiter als Itaker, Italiener oder italienischer Mitbürger bezeichnet, so konnten hiermit seitens der Sprecher verschiedene Grade an Wertschätzung von Italienern ausgedrückt und ähnlich seitens der Hörer als Überzeugung der Sprecher interpretiert werden“ (Wirthgen 2007, 19).

Genau diese Formen der sprachlichen Bewertung versucht die PC-Bewegung zu unterbinden, indem sie entsprechend „korrekte“ Ausdrücke und Personenbezeichnungen empfiehlt (Wirthgen 2007, 19).

Die sprachliche Strategie, die zu diesem Zweck von PC-Vertretern bevorzugt gewählt wird, ist die sogenannte Bezeichnungssubstitution. Lampert fasst das Prinzip wie folgt zusammen:

„Jede mögliche Konnotation eines sprachlichen Zeichens, die für […] Minderheiten in negativem Sinne affektiv relevant sein kann, wird als notwendige und hinreichende Bedingung der denotativen-oder-begrifflichen Bedeutung dieses Zeichens reinterpretiert und in diesem Sinne verallgemeinert“ (Lampert 1995, 250).

So werden zum Beispiel in bestimmten Wörtern Bedeutungen „entdeckt“, die als diskriminierend eingestuft werden, und daraufhin neutralisiert, indem neue Wortbedeutungen erzeugt und an die Stelle der alten projiziert werden. Das bekannteste Beispiel im Deutschen stellt das Indefinitpronomen man dar, dem eine unangemessene Nähe zum Substantiv Mann unterstellt wird (Wirthgen 2007, 13). Um dem Wort seine angeblich männlich motivierte Ausprägung zu nehmen, wird es in einigen Texten durch frau ersetzt oder mann/frau ergänzt (Wirthgen 2007, 13). Auf diesen Punkt soll im Kapitel über die Feministische Sprachkritik genauer eingegangen werden.

Bei der Bezeichnungssubstitution versuchen PC-Vertreter, die Perspektive der betreffenden Opfergruppe einzunehmen, um eine sprachliche Gleichstellung zu erreichen. Hierbei können insbesondere Bezeichnungen für Gruppenspezifika, wie z.B. Hautfarbe, Geschlechtszugehörigkeit oder sexuelle Ausrichtung, zu einer Umbenennung bzw. Neukonstruktion der Wortbedeutung führen. So beschreibt etwa Jung Sprachveränderungen, die auf die Neutralisierung von negativ bewerteten körperlichen oder geistigen Eigenschaften abzielen, als eine Kritik an allgemein „unethischem“ Sprachgebrauch (Jung 1996, 19ff). Als Beispiele für derartige Sprachveränderungen seien hier chemisch unpässlich für betrunken, anders befähigt für behindert oder vertikal herausgefordert für kleinwüchsig zu nennen. Weiterhin gibt es zahlreiche Beispiele für Wortneubildungen, die auf den zerstörerischen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt aufmerksam machen sollen: Papier wird hier in verarbeitete Baumleiche, Schnitzel in gebratenes Tiermuskelstück und Waldsterben in Waldmord umbenannt (Wirthgen 2007, 11). Derartige Beispiele finden sich für die unterschiedlichsten Zielgruppen und lassen sich nahezu unbegrenzt fortführen. Manchen dieser Wortneubildungen haftet eine derartige Absurdität an, dass sie den PC-Gegnern immer wieder Raum für sarkastische Kommentare und Kritik geboten haben. Gleichzeitig trugen gerade solche Wörter zur enormen Popularität der PC-Bewegung bei. Dass sie sich im umgangssprachlichen Gebrauch durchgesetzt hätten, ist indes abzustreiten.

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Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638014274
ISBN (Buch)
9783638917353
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85645
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik I
Note
1,0
Schlagworte
Beseitigung Diskriminierung Sprache Political Correctness Sprachkritik

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