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Schuld und Versöhnung bei Nelly Sachs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitende Bemerkungen

2. Schuld und Versöhnung

3. Schuld und Versöhnung bei Nelly Sachs
3.1. Dichtung ohne Anklage?
3.2. Das Mysterienspiel Eli und die Eli-Oper
3.3. Sachs als Symbol der Versöhnung

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

Versöhnung wird als ein zentraler Begriff in der Dichtung und im Leben der Nelly Sachs gesehen. Der Bedarf einer Versöhnung ergibt sich aus der Schuld, die mit den systematischen Massenmorden des Zweiten Weltkriegs, mit dem Holocaust entstand. Doch ist Versöhnen in Anbetracht solch großer Schuld, solch unfassbarer Verbrechen noch möglich? Nelly Sachs wird der Versuch zu Versöhnen von unterschiedlichen Seiten unterstellt. Es ist schwer zu sagen, inwieweit sie selbst die Rolle als Versöhner zwischen Deutschem und Jüdischem anstrebte. Schwierig ist die Deutung der Person und des Werkes als ‚Symbol der Versöhnung’ auch deshalb, weil dies nicht frei vom Anschein einer Instrumentalisierung der Dichterin durch die deutsche Politik und Gesellschaft zur Beruhigung schlechter Gewissen und zur Verbesserung der deutsch-jüdischen Beziehungen ist.

Ziel dieser Arbeit ist es in einem ersten Schritt, sich ein allgemeines Verständnis von ‚Schuld’ und ‚Versöhnung’ zu verschaffen, um sich mit diesem Grund­wissen an die Bedeutung der Begriffe im Leben und in der Dichtung der Nelly Sachs vorzu­tasten. Dabei wird zu beachten sein, dass Nelly Sachs mit Angaben zu ihrer eigenen Person und zur Entstehung ihrer Dichtung immer recht sparsam umgegangen ist oder aber widersprüch­liche Angaben machte, was zur Folge hatte, dass Interpreten und Biographen zum Teil Wissens­lücken mit Spekulationen ersetzten.[1] Solchen anscheinend in voller Überzeugung als Fakten präsentierten Halbwahrheiten wird kritisch zu begegnen sein, was angesichts der über­sicht­lichen Forschungs­­lage nicht immer einfach sein wird.

Relevant für diese Arbeit wird erst ihr Schaffen nach 1943 sein, da Nelly Sachs selbst jegliche Dichtung davor für ungültig erklärt hat[2] und weil ja das Thema dieser Arbeit ‚Schuld und Versöhnung’ ist, wobei eben der Holocaust die schon angesprochene unermessliche Schuld darstellt. Dies macht auch eine weitere Einschränkung notwendig. So wird die späte Dichtung, welche nicht mehr so stark vom Holocaust geprägt ist, weniger intensiv betrachtet werden müssen, als die Nachkriegsdichtung. Im Zentrum der Betrachtung stehen also die Gedichtbände ‚In den Wohnungen des Todes’ und teilweise ‚Sternverdunkelung’ sowie der dramatische Erstling ‚Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels’. Nach der Betrachtung der Dichtung selbst wird dann mit Blick auf die dafür verliehenen Preise ein Teil der Reaktion der Öffentlichkeit ins Auge gefasst. Abschließend wird dann vielleicht festzustellen sein, inwieweit Sachs mit ihrer Dichtung versöhnt oder warum sie dies eben nicht tut.

2. Schuld und Versöhnung

Schuld ist ein höchstpersönlicher Zustand, da in der Regel davon ausgegangen wird, dass Schuld nicht kollektiv wirkt, nicht übertragbar oder vererbbar ist, sondern dass eine Person sein Verhalten vor anderen, vor sich selbst oder auch vor einer göttlichen Instanz moralisch, religiös, psychosozial oder gesetzlich zu verantworten hat. Das setzt natürlich Handlungs­freiheit voraus, da der Mensch nur unter dieser Prämisse die Wahl hat, das Gute und Richtige oder eben aber das Falsche und somit Schuld­ver­ursachende zu tun. Für diese Arbeit wird angenommen, dass der Mensch zur Selbst­bestimmung fähig ist, also mittels Handlungsfreiheit das jeweils Gute wählen könnte, weshalb er über sich urteilen kann und weshalb sich auch andere Personen ein Urteil über ihn bilden können. Dies natürlich besonders dann, wenn er nicht ‚das Richtige’ tut, denn Schuld meint auch Vorwerfbarkeit einer Handlung.[3]

Es existiert allerdings nicht nur die objektiv feststellbare Schuld. Zauner unter­scheidet ins­gesamt drei Formen: 1. reale Schuld, welche durch Übertretung von Geboten oder Gesetzen entsteht; 2. Gedanken, Handlungen oder auch Unterlassungen, die keinen wirk­lichen Regelbruch darstellen, vom Subjekt allerdings als Schuld empfunden werden und 3. ein unbewusstes Schuldgefühl, welches sich nicht als manifeste Schuldempfindung äußert, aller­dings erhebliche negative Gefühle verursachen kann. Selbstvorwürfe bis hin zur Notwendig­keit klinischer Behandlung können die Folge solch unbewusster Schuld sein. Viele Über­lebende des Holocaust empfanden eine solche objektiv ja nicht vorhandene Schuld, weil sie überlebten, wohingegen Freunde, Verwandte und Bekannte umkamen.[4]

Der Zustand der Schuld hält bis zu seiner Tilgung an, bis das Ungleichgewicht behoben ist. Dies kann durch Wiedergutmachung, Sühne, Vergeltung oder Vergeben geschehen. Schuld verschwindet also nicht einfach, sondern muss auf einem der vier Wege aufgelöst werden. Wiedergutmachung meint dabei den Ausgleich der Schuld, etwa in Form einer Erstattung. Direkte Wiedergut­machung gestaltet sich allerdings schwierig, wenn es sich um einen immateriellen und nicht zu bemessenden Schaden handelt. Sühne ist die Ent­schuldung durch Bestrafung oder auch Selbstbestrafung des Täters. Etymologisch findet sich Sühne auch in Versöhnung. Vergeltung meint den Ausgleich der Schuld durch die Rache der Opfer­seite, wohingegen Vergebung den Verzicht der Opferseite auf jeglichen Schuld­ausgleich und das Vergessen der Tat meint. Obwohl also alltagssprachlich Vergebung und Versöhnung recht undifferenziert fast synonym gebraucht werden, gibt es eigentlich einen entscheidenden Unterschied, da Versöhnung mit Sühne verknüpft ist, Ausgleich durch Strafe impliziert und Vergebung eben auf diese verzichtet und Vergessen impliziert. Versöhnung und Vergebung setzen das Vorhandensein einer Schuld voraus und sind dabei wie Schuld selbst auch vor allem ethisch und religiös aufgeladen. So versöhnt Jesus im Christentum Gott mit den Menschen, die sich durch den Sündenfall von ihm entfernt hatten. Im Judentum gesteht und bereut man seine Sünden gegenüber seinen Mitmenschen an Jom Kippur, dem Versöhnungs­fest, um sich dann unter­einander und schließlich dadurch mit Gott zu versöhnen. Hier kann allerdings nur Gott selbst vergeben. Juristisch geht es meist nur um einen Täter-Opfer-Ausgleich und/oder die Sühne des Täters durch Bestrafung. Eine Aussöhnung von Täter und Opfer mag erwünscht sein, steht allerdings nicht im Mittelpunkt juristischen Interesses. Dies ist eine ethische Frage. In Politik und Gesellschaft ist Versöhnung auch oft ein Mittel der Vergangenheitsbewältigung, so sollen etwa Gedenkstätten an das Leid der Opfer und die Schuld der Täter erinnern, gleich­zeitig aber auch nachfolgende Generationen versöhnen. Allerdings lassen sich Vergebung und Versöhnung weder moralisch, noch politisch erzwingen, da es sich dabei immer um eine freie Entscheidung des zur Versöhnung bereiten bzw. des Vergebenden gegenüber dem Schuldigen handelt.[5]

Spricht man über Schuld im Zusammenhang mit dem Holocaust, so denkt man natürlich in erster Linie an die Schuld der Täter und die Unschuld der Opfer. Paradoxerweise ist aller­dings wie schon angedeutet bei vielen Überlebenden des Holocausts ebenfalls ein Gefühl der Schuld zu finden. Man spricht hier von der Überlebensschuld der Opfer. Eine Reihe von typischen Dauerschäden können dem Psychiater Niederland zufolge sogar zu dem Krankheitsbild des ‚Überlebenden-Syndroms’ zusammengefasst werden. Dinesen, die diesen Arzt zitiert, hält eine solche Überlebensschuld, zu der eben auch Verfolgungsängste gehören können, bei Nelly Sachs für sehr wahrscheinlich.[6] Lehmann sieht darin sogar Motivation und Legitimation ihrer Dichtung zugleich.[7] Zu erklären wäre damit die Inbrunst, mit welcher sich Sachs dem Leid der Opfer zuwendet, mit welcher sie mitleidet. Sachs selbst bezeichnet den Holocaust als Grund für ihre Dichtung und sagte, sie schreibe um überleben zu können.[8] Schreiben war für Sachs also vielleicht auch eine Verpflichtung, eine Schuld gegenüber den Opfern. Erinnern kann helfen, Schuld zu lösen.[9]

3. Schuld und Versöhnung bei Nelly Sachs

3.1. Dichtung ohne Anklage?

Eine Behandlung von Dichtung nach dem Holocaust ist kaum ohne Adornos Thesen denkbar. Immer wieder wurde folgender Satz aus dem 1951 erschienenen Aufsatz ‚Kulturkritik und Gesellschaft’ zitiert, diskutiert, kritisiert und wohl auch missverstanden:

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich war, heute Gedichte zu schreiben.“[10]

Dieser oft als Schreibverbot verstandene Ausspruch, sollte wohl nicht wirklich ein solches sein, sondern vielmehr Adornos Misstrauen gegenüber der traditionellen Kunst und Kultur aus­­drücken. In seinem Aufsatz ‚Jene zwanziger Jahre’ von 1962 anerkennt er die Notwendig­keit des Fortbestehens der Dichtung, wie folgendes Zitat deutlich machen sollte:

„Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewußtlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.“[11]

Vor, aber auch noch nach dieser Relativierung, die deutlich macht, dass Adorno nicht jegliche Dichtung verdammt, sondern lediglich solche, welche nicht angemessen der Vergangenheit gedenkt und das Leid reflektiert, verteidigten sich immer wieder Autoren gegen dieses ver­meint­liche Verbot, Gedichte zu schreiben, wie die Zusammenstellung von Kiedaisch verdeut­licht.[12] Von Autoren wie Enzensberger oder Domin wurde dafür auch immer wieder Nelly Sachs ins Feld geführt. Ihr wird dabei bestätigt, dass die Grat­wanderung zwischen der Gefahr der Verharmlosung des Geschehenen und der Erstarrung in Sprach­losigkeit gelungen sei, dass sie also dem Holocaust mit ihrer Dichtung gerecht wird, soweit wie dies überhaupt möglich ist.[13] Enzensberger betont in seinem Aufsatz ‚Die Steine der Freiheit’ von 1959 zudem, dass ihr Werk frei von Hass und Gedanken der Rache gegen­über den Tätern sei, dass sie vielmehr die Opfer sprechen lässt.[14] Pazi zitiert ihn sogar mit den Worten:

„Ihr Werk enthält kein einziges Wort des Hasses. Den Henkern und allem, was uns zu Mitwissern und Helfershelfern macht, wird verzeihen und nicht gedroht. Ihnen gilt kein Fluch und keine Rache [...]“[15]

Biographen wie Dinesen unterstellen Sachs den Wunsch, zwischen Deutschen und Juden zu versöhnen, Laudatoren wie Jens stilisieren ihr Werk zu einer ‚Botschaft des Friedens’ und Interpreten wie Fleischer lesen das ganze Werk als ‚Gebärde der Versöhnung’.[16]

[...]


[1] Zur Verschlossenheit Sachs’, ihrer Deutung und zu der Gefahr der ‚Legendenbildung’ siehe etwa Bahr 1980, S. 30 und Pazi 1994, S. 154-155.

[2] Vgl. u.a. Bahr 1980, S. 40.

[3] Vgl. ‚Schuld’ in: Schischkoff 1991, S. 651. Ob der Mensch wirklich über Handlungsfreiheit verfügt oder ob er determiniert ist, ist in der Philosophie bis heute umstritten. Siehe dazu einführend Patzig 1990, S. 147-164.

[4] Vgl. Zauner 1990, S. 10-14.

[5] Vgl. Sievernich 1990, S. 124-126 und Schenker/Hofius/Korsch/Reuter 2003, S. 16-43.

[6] Vgl. Dinesen 1994, S. 283-286.

[7] Vgl. Lehmann 1999, S. 25-26.

[8] Vgl. Bahr 1994, S. 3.

[9] Nach Bezzel-Dischner verwendet Sachs den Begriff Schuld sehr sparsam und wenn überhaupt, dann in Verbindung mit ‚Verrat’ und ‚Vergessen’, weshalb sie ebenfalls im Erinnern eine Möglichkeit der Tilgung von Schuld sieht. Siehe Bezzel-Dischner 1970, S. 27

[10] Adorno 1995a, S. 49.

[11] Adorno 1995b, S. 53.

[12] Siehe Kiedaisch 1995.

[13] So etwa von Domin 1988, S. 119.

[14] Enzensberger 1995, S. 73.

[15] Pazi 1994, S. 159. Sie zitiert eine Aussage in der NDR-Sendung ‚Das literarische Gespräch’ vom 13.02.1959.

[16] Siehe Dinesen 1992, z.B. S. 296 und Jens in seiner Laudatio auf Sachs im Hausbuch, hier zitiert nach Braun 1994, S. 375, sowie Fleischer 1996.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638006712
ISBN (Buch)
9783638914000
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85610
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Schuld Versöhnung Nelly Sachs Historischer Augenblick Begegnungen Paul Celan Ingeborg Bachmann Nobelpreis Literatur Holocaust

Autor

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Titel: Schuld und Versöhnung bei Nelly Sachs