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Bolivar - Eine linguistische Analyse der Rede von Angostura

von Janine Ortlepp (Autor) Kerstin Bach (Autor) Susana Holla (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 50 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrundinformationen zu Bolívar
2.1 Bolívars Leben
2.2 Bolívar heute
2.3 Bolívar und Bolivarismus

3. Analyse der Rede von Angostura
3.1 Sprache und Politik
3.1.1 Politische Diskursanalyse
3.1.2 Modell der politischen Kommunikation
3.1.3 Sprachfunktion in der Politik
3.1.4 Merkmale des politischen Diskurses
3.2 Kontextanalyse
3.2.1 Historische und politische Situation
3.2.2 Redeanlass
3.2.3 Beteiligte Gruppen und Adressaten
3.2.4 Redeintention
3.2.5 Wirkung und Folgen
3.3 Inhaltsanalyse
3.4 Linguistische Analyse
3.4.1 Schlüsselwörter
3.4.2 Analyse semantischer Figuren
3.4.2.1 Metapher
3.4.2.2 Hyperbel
3.4.2.3 Klimax
3.4.3 Analyse syntaktischer Figuren
3.4.3.1 Anapher
3.4.3.2 Antithese
3.4.3.3 Rhetorische Fragen, Anreden und Ausrufe

4. Ergebnis

Rede von Angostura

1. Einleitung

Die komplexe Wechselbeziehung von Politik und Sprache ist seit jeher ein brisantes, viel diskutiertes Thema mit immerwährendem Aktualitätsgehalt. Politiker sind sich der enormen Bedeutung von Sprache für den Erfolg von Reden bewusst und setzten ihre Worte bedacht ein. Als Simón Bolívar am 15. Februar 1819 eine seiner bedeutendsten politischen Ansprachen, die Rede von Angostura, hielt, versuchte auch er, die ungeheure Wirkung von Sprache zu nutzen, um sein Publikum von seiner Idee zu überzeugen, eine Republik zu gründen, die die südamerikanischen Staaten vereint. Eine diskursorientierte Analyse dieser Rede untersucht Bolívars Verwendung von Sprache unter sprachhandlungstheoretischen Aspekten vor dem politisch-historischen Hintergrund der damaligen Zeit.

Kapitel 2 beleuchtet zunächst die Person des Simón Bolívars, bevor in Kapitel 3 auf die eigentliche Rede eingegangen wird. Eine kurze Darstellung seines Lebensweges zu Beginn des zweiten Kapitels (2.1) dient der leichteren Einordnung seiner Rede in den geschichtlichen Kontext. Kapitel 2.2 beleuchtet die enorme Präsenz, die Bolívar noch heute, 188 Jahre nach der Rede von Angostura und 177 Jahre nach seinem Tod, vor allem in Südamerika, aber auch in zahlreichen anderen Regionen der Erde genießt. Ein Beispiel für den Personenkult um Bolívar stellt der von Hugo Chávez propagierte Bolivarismus dar. Kapitel 2.3 stellt den politischen Zielen Bolívars die zentralen Punkte des Bolivarismus gegenüber.

Kapitel 3 widmet sich der Analyse der Rede von Angostura. Die Untersuchung dieser politischen Ansprache Bolívars ist in vier Abschnitte gegliedert: Nach einem einleitenden Kapitel über die Beziehung von Sprache und Politik in Bezug auf Bolívars Rede (3.1) folgt eine Kontext- (3.2), Inhalts- (3.3) sowie linguistische Analyse (3.4).

Nach einer kurzen Einführung in die politische Diskursanalyse (3.1.1), wird in Kapitel 3.1.2 die Kommunikationssituation in der Politik erläutert und anhand eines von Bach, Holla und Ortlepp entwickelten Schaubildes vereinfacht dargestellt. Sprache kommt in dieser Kommunikationssituation eine besondere Funktion zu, auf die in Kapitel 3.1.3 näher eingegangen wird. Abschnitt 3.1.4 untersucht die Merkmale eines politischen Diskurses in Hinblick auf die Rede von Angostura.

Die sich anschließende Kontextanalyse beginnt mit einer Einordnung der Rede in die historische und politische Situation, in der sie entstand (3.2.1). Darüber hinaus versucht Kapitel 3.2 den Redeanlass (3.2.2), die beteiligten Gruppen und Adressaten (3.2.3), die Redeintention (3.2.4) sowie die Wirkung und Folgen (3.2.5) der Rede von Angostura aufzudecken.

Kapitel 3.3 widmet sich dem Inhalt der Rede. Anhand ausgewählter Passagen werden einige der wichtigsten von Bolívar angesprochenen Aspekte näher untersucht.

Auf die Inhaltsanalyse folgt die Untersuchung der Rede von Angostura unter linguistischen Gesichtspunkten (3.4). Kapitel 3.4.1 analysiert die Rede in Hinblick auf die wichtigsten Schlüsselwörter, die Bolívar gezielt einsetzt. Die sich anschließende Untersuchung semantischer Figuren (3.4.2) deckt Metaphern (3.4.2.1), Hyperbeln (3.4.2.2) und Klimaxstrukturen (3.4.2.3), die sich im Text finden, auf und erläutert die Wirkung ihrer Verwendung auf das Publikum. Ähnlich gliedert sich auch Kapitel 3.4.3, das syntaktische Figuren untersucht. Der exemplarischen Nennung von Anaphern (3.4.3.1), Antithesen (3.4.3.2) und Rhetorischen Fragen, Anreden und Ausrufen (3.4.3.3) folgt eine Erläuterung der Wirkung der jeweiligen syntaktischen Figur auf die Rezipienten.

Kapitel 4 fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Diskursanalyse zusammen und zeigt die Argumentationsstruktur bzw. Argumentationsstrategie Bolívars auf.

Im Anhang finden sich Literaturangaben und die Rede von Angostura um Zeilenangaben ergänzt, die das Auffinden der zitierten Passagen erleichtern sollen.

2. Hintergrundinformationen zu Bolívar

„Ich schwöre, dass ich meinem Arm keine Ruhe und meiner Seele keine Muße geben werde, bis nicht die Ketten zerbrochen sind, die uns durch den Willen der spanischen Macht unterdrücken.“ 15. August 1805

2.1 Bolívars Leben

Die jungen Jahre (1783-1807)

Simón Bolívar, dessen vollständiger Name Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar Palacios y Blanco lautet, wurde am 24. Juli 1783 in Caracas, der heutigen Hauptstadt Venezuelas, als Sohn einer reichen Kreolenfamilie geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern herrschte zunächst Unklarheit darüber, wer sich dem erst neunjährigen Waisenkind annehmen sollte. Auf der „Academia de matemáticas“ genoss Bolívar eine sehr gute Ausbildung, bis er am 1797 mit nur 14 Jahren seine militärische Laufbahn begann. Nach nur zwei Jahren Militärdienst entschlossen sich Bolívars Onkel, ihren Neffen nach Europa zu schicken. Neben Spanien, wo er seine Ausbildung fortsetze, zählte Frankreich zu seinen Aufenthaltsorten. Nach der Heirat mit Maria Teresa Rodriguez del Toro y Alaysa im Jahr 1802 in Spanien kehrte Bolívar mit seiner frisch vermählten Frau zurück nach Venezuela. Diese erkrankte im folgenden Jahr an Gelbfieber und erlag der Krankheit wenig später. Bolívar trat daraufhin eine Reise durch viele Länder Europas an. Seine gewonnenen Eindrücke, insbesondere von den Ereignissen der Französischen Revolution und der Person Napoleon Bonaparte, führten Bolívar zu der Überzeugung, für die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten einzutreten. Am 15. August 1805 leistete Bolívar den Schwur von Monte Sacro, keine Ruhe zu geben, bis der spanischen Herrschaft in Amerika ein Ende bereitet sei. Zwei Jahre später kehrte er zurück nach Venezuela.

Die Unabhängigkeitsbewegung Teil I

„Setzen wir ohne Furcht den Grundstein der südamerikanischen Freiheit: zögern heißt verlieren.“ 4. Juli 1811

(1808-1814)

Nach seiner Heimkehr schloss sich Bolívar im Zuge der aufkommenden Unabhängigkeitsbewegung Südamerikas einer Widerstandsjunta in Caracas an. Nach Verkündigung der Selbstverwaltung Venezuelas wurde Bolívar 1810 zu diplomatischen Verhandlungen nach Großbritannien geschickt. Nur ein Jahr später, als Bolívar sein Heimatland wieder betrat, wurde die Unabhängigkeit erklärt und die erste Republik ausgerufen. Diese sollte jedoch nicht lange Bestand haben. Die Bemühungen der spanischen Armee, die Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterbinden, fruchteten, so dass sich Francisco de Miranda, Führer der Junta in Caracas, 1812 den spanischen Truppen ergab und Bolívar nach Cartagena flüchtete. In seinem dort verfassten „Manifest von Cartagena“ erklärte Bolívar, dass Neu-Granada Venezuela zur Unabhängigkeit verhelfen sollte, da beide Staaten das gleiche Ziel verfolgten. Aufbauend auf diesem Manifest, begann Bolívar den eigentlichen Befreiungskampf, der ihm schließlich den Ehrennamen „El Libertador“ einbrachte. In Neu-Granada führte Simón Bolívar die Invasion von Venezuela an, die 1813 im Ausruf der Zweiten Venezolanischen Republik ihren erfolgreichen Abschluss fand. Ein Jahr später nahm er als Kommandeur der kolumbianischen Einheit Neu-Granadas Bogotá ein.

„Derjenige, der alles aufgibt, um seinem Land nützlich zu sein, verliert nichts und gewinnt soviel wie er ihm opfert.“ 10. September 1815

Exil in Jamaika und Unterstützung aus Haiti

(1815-1816)

Weitere Eroberungsfeldzüge scheiterten an politischen Streitigkeiten und militärischen Eroberungen der spanischen Truppen. 1815 ging Bolívar ins Exil nach Jamaika, wo er am 6. September den für seinen weiteren politischen Weg richtungsweisenden „Brief aus Jamaika“ verfasste. Im besagten Dokument stellte Bolívar sein Vision von einem unter dem Namen Kolumbien geeinten Amerika dar. Sie bildete die Basis seiner geplanten politischen Projekte. Aus Angst vor einem Attentat auf ihn, hielt es Bolívar für notwendig, sich in ein sichereres Land zu begeben, von wo aus er seinen Feldzug in Ruhe planen konnte. Bolívar hielt Haiti für den geeigneten Ort, da das Land, selbst von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen, das Vorgehen der Republikaner auf dem amerikanischen Kontinent begrüßte. Bolívars Vorhaben bedurften sowohl politischer, finanzieller als auch materieller Unterstützung. Diese fand Bolívar beim haitianischen Präsidenten Alexander Petion.

„Der Ruhm des Vaterlandes heißt siegen oder sterben.“ 23. Juli 1820

Unabhängigkeitsbewegung Teil II

(1819-1826)

Mit Hilfe Petions gelang es Bolívar, nach Venezuela zurückzukehren und die Stadt Angostura einzunehmen. Damit war der Grundstein für seine weiteren Operationen gelegt. Am 15. Februar 1819 hielt Bolívar im Rahmen des von im einberufenen Congreso de Angostura eine seiner bedeutendsten politischen Ansprachen, die Rede von Angostura. In ihr analysiert Bolívar die Situation Südamerikas kritisch und verleiht darauf aufbauend seinem Vorhaben Nachdruck, eine Republik zu gründen, die die südamerikanischen Staaten vereint. Überzeugt davon, dass nur die vollkommene Vertreibung der spanischen Truppen und ein unter einer zentralen Regierung geeintes Amerika die permanente Unabhängigkeit des südamerikanischen Kontinentes gewährleisten könnten, begann Bolívar seinen Siegeszug. Zu seinen bemerkenswertesten militärischen Operationen zählt der „Paso de los Andes“, der Andenübergang, der zu den damaligen Verhältnissen als unmöglich galt. Bolívar gelang das Unmögliche. Die Befreiung Neu-Granadas konnte beginnen. Ein weiteres bedeutendes Ereignis auf seinem politischen Weg war die Gründung Großkolumbiens 1921. Die Republik umfasste das Gebiet Venezuela, Ecuador und Neu-Granada. Im Süden Lateinamerikas führte der argentinische General José de San Martin den Unabhängigkeitskrieg. Ein starker Widerstand von Seiten Spaniens verhinderte die von San Martin angestrebte erfolgreiche Invasion Perus. Bei einem Treffen der beiden Unabhängigkeitskämpfer beschlossen sie ein gemeinsames Vorgehen bei der restlichen Eroberung Perus. Bolívar gelang es nicht nur Peru, sondern auch das Gebiet des heutigen Boliviens, das den Namen seines Befreiers annahm, in die Unabhängigkeit zu führen. Nach dem Sieg Sucres, Bolívars engstem Vertrauten, in der Schlacht bei Ayacucho sahen sich die letzten verbliebenen Spanier endgültig dazu gezwungen, den südamerikanischen Kontinent zu verlassen. 1826 vereinte Bolívar, wenn auch nur für wenige Monate, Großkolumbien (Venezuela, Ecuador, Neu-Granada), Peru und Bolivien unter seiner Präsidentschaft. Damit war er auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere angekommen.

„Meine einzige Liebe ist immer die zum Vaterland gewesen; mein einziger Vorsatz seine Freiheit.“ 13. April 1828

Die letzen Jahre (1827-1830)

Nationale Strömungen und Streitigkeiten innerhalb der Regierung drohten, die unter seiner Herrschaft geeinte Staatengemeinschaft zu zerbrechen. Um dem entgegenzuwirken, lud Bolívar 1828 zu einer Versammlung, dem Congreso de Panamá, ein. Diese scheiterte jedoch an großen politischen Differenzen der Teilnehmer. Bolívar sah seine Selbsternennung am 27. August 1828 zum Diktator als einzige Möglichkeit, den Erhalt der Gemeinschaft zu gewährleisten. Durch dieses Vorgehen zog er noch mehr Missgunst auf sich. Die Situation spitzte sich so weit zu, dass seine politischen Gegner im Folgemonat einen Mordanschlag auf ihn verübten. An dem Attentat beteiligte sich auch Francisco de Paula Santander, der bis zu seiner Wahl zum Vizepräsidenten Großkolumbiens 1821 Bolívar als hoher General diente. Dank seiner Geliebten und Kampfgefährtin Manuela Sáenz überlebte Bolívar diesen Anschlag unverletzt. José de San Martín betitelte Sáenz, die Bolívar im Moment der größten Gefahr zur Flucht verhalf, daraufhin als „La Libertadora del Libertador“ – die Befreierin des Befreiers. Bolívars Position in der Republik blieb strittig und er verlor zunehmend an politischem Einfluss. Am 27. April 1830 zog er sich von allen seinen politischen Ämtern zurück und entschied sich, ins Exil zu gehen. Jedoch ereilte auch Simón Bolívar das Familienschicksal und er erkrankte, wie auch seine Eltern, an Tuberkulose. Die Krankheit hinderte ihn daran, Südamerika in Richtung Jamaika und Europa zu verlassen. Am 15. Dezember des Jahres 1830 hielt Simón Bolívar seine letzte Rede, bevor er zwei Tage später in Alter von 47 Jahren in Santa Marta entschlief. „Um 13 Uhr und drei Minuten starb die Sonne Kolumbiens“, lautete die offizielle Meldung. Kurz nach seinem Tod zerbrach die Republik Großkolumbien und es bildeten sich die einzelnen Staaten Ecuador, Venezuela und Kolumbien heraus. Zunächst wurde der Tod Bolívars von vielen Südamerikanern als Befreiung gewertet. Aber bereits in den 1840er Jahren begann eine Heldenverehrung, die bis heute anhält.

2.2 Bolívar heute

Obwohl Bolívars Tod bereits 177 Jahre zurückliegt, sind seine Person und seine Ideale noch heute allgegenwärtig. Die im Folgenden aufgeführten Beispiele sollen einen Eindruck davon vermitteln, in welchem Ausmaß der Personenkult um seine Figur noch heute existiert.

Seinen Namen tragen ihm zu Ehren Länder und Städte sowie unzählige Plätze, Straßen, Parks, Denkmäler und Gebäude auf der ganzen Welt.

Bolivien, ehemals Alto Perú, nahm nach der Befreiung des Gebiets durch Bolívar seinen Namen an. Auch Venezuela hat den Namen seines Freiheitshelden in seine offizielle Länderbezeichnung „Bolivarianische Republik Venezuela“ aufgenommen.

Eine Vielzahl an Ortschaften und Verwaltungsbezirken nicht nur in den von ihm befreiten südamerikanischen Staaten, sondern auch in den USA und sogar in Australien tragen Bolívars Namen. So bezeichnet Bolívar einen Stadtteil Adelaides.

Auf der ganzen Welt sind Plätze, Parks und Denkmäler nach Bolívar benannt. In fast allen Dörfern und Städten Venezuelas trägt der wichtigste Platz des Ortes den Namen „Plaza Bolívar“. Auch weit außerhalb seines Heimatkontinentes, so zum Beispiel in Kairo und Teheran, sind nach Bolívar benannte Plätze und Straßen zu finden. In Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Staaten, in den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada sowie in Australien geben eine Vielzahl von Denkmälern den Passanten einen Eindruck von der Gestalt und der immerwährenden Präsenz Bolívars.

Darüber hinaus tragen mehrere Flughäfen, Bildungseinrichtungen und Museen seinen Namen. Sogar ein Fußballclub Boliviens, ein Likör, eine kubanische Zigarrenmarke, die Universität von Caracas und die Währung Venezuelas sind nach dem Freiheitskämpfer benannt.

Die ausgewählten Beispiele zeigen die enorme Namenspräsenz Bolívars. Aber nicht nur sein Name, sondern auch seine Ideale sind ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens vieler Südamerikaner geworden. So beeinflusst sein Gedankengut noch heute die Bemühungen um die Förderung der Verständigung und Beziehung zwischen den lateinamerikanischen Staaten.

Manfred Kossok (Kossok 1983: 3) fasst die fortwährende Präsenz Bolívars wie folgt zusammen:

Bolívar lebt im Bewusstsein der Völker Lateinamerikas, in der zur materiellen, realhistorischen Gewalt gewordenen Idee der kontinentalen Solidarität im Ringen um nationale und soziale Befreiung, und nicht in der kalten Pracht der zahllosen Denkmäler aus Stein und Erz, mit denen jene Herrschenden, die längst seine Ideale preisgaben, ihr Gewissen beruhigten.

2.3 Bolívar und Bolivarismus

Der von Hugo Chávez propagierte Bolivarismus ist ein weiteres Beispiel für den Personenkult um Simón Bolívar. Ziel der von Chávez geführten Bolivarischen/Bolivarianischen Revolution ist es, die Gesellschaft gegen den aus Chávez Sicht bedrohlichen Neoliberalismus auszurichten und das politische Leben neu zu gestalten. Die Bezeichnung „bolivarianisch“ ist „bolivarisch“ vorzuziehen, da es sich nicht um die Revolution von Bolívar selbst, sondern im Geiste Bolívars handelt. In wie fern die politischen Ziele Bolívars mit den zentralen Punkten des Bolivarismus übereinstimmen, soll im Folgenden untersucht werden.

Simón Bolívar strebte die politische Unabhängigkeit Lateinamerikas von Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika an. Weiterhin vertrat er den Panamerikanismus. Sein Plan einer Konföderation aller lateinamerikanischen Staaten ließ sich jedoch nicht verwirklichen. Am nahesten kam Bolívar diesem Ziel im Jahre 1826, als er für wenige Monate sowohl Großkolumbien (Kolumbien, Panama, Venezuela und Ecuador) als auch Peru und Bolivien unter seiner Präsidentschaft vereinte. Geprägt durch seine Zeit in Frankreich, hatte Bolívar fortschrittliche Sozialvorstellungen, die er jedoch nicht konsequent umsetzte.

Angelehnt an den von Bolívar angestrebten Panamerikanismus, strebt auch Chávez eine Einigung Lateinamerikas oder zumindest Südamerikas an. Weiterhin gehören nationale Unabhängigkeit und ökonomische Eigenständigkeit zu den Zielen der von Chávez geführten Bolivarianischen Revolution. In dessen Rahmen gründete Chávez 2005 mit Kuba die Alternativa Bolivariana para las Américas (ALBA), die Bolivarianische Alternative für die Völker Amerikas. Ziel der Organisation ist ein wirtschaftlicher Zusammenschluss der lateinamerikanischen Staaten ohne eine dominierende Rolle der USA. Weitere zentrale Punkte des Bolivarismus sind die politische Beteiligung der Bevölkerung durch Volksentscheide und Referenden, die Bekämpfung von Korruption und die gerechte Verteilung der umfangreichen Erdöleinnahmen Venezuelas. Damit möchte Hugo Chávez seine sozialen Zielvorstellungen umsetzen.

3. Analyse der Rede von Angostura

3.1 Sprache und Politik

3.1.1 Politische Diskursanalyse

Die Aufgabe der diskursorientierten Analyse ist es, die Verwendung von Sprache unter sprachhandlungstheoretischen Aspekten zu untersuchen. Eine Diskursanalyse berücksichtigt die politische und gesellschaftliche Situation und die Umstände, in denen sich das sprachliche Handeln vollzieht, und bettet die Sprachverwendung somit in den jeweiligen politisch-historischen Kontext ein.

Eine Rede von Politikern ist hauptsächlich ein Appell an die Gefühle und Emotionen der Zuhörer. Politiker wollen ihr Publikum überzeugen und dessen Zustimmung erreichen. Sprache dient dabei nicht nur als Instrument, um diese Zustimmung zu erlangen, sondern ist zugleich unabdingbares, konstituierendes Element. Es besteht ein starkes, jedoch einseitig interdependentes Verhältnis zwischen Sprache und Politik. Ohne Sprache ist keine Politik möglich. Ihr kommt in der Politik eine außerordentliche Funktion zu – und zwar die des sprachlichen Handelns. Mit dem Akt des Sprechens vollzieht sich zugleich der Akt des Handelns.

3.1.2 Modell der politischen Kommunikation

Das unten dargestellte Modell der politischen Kommunikation soll zur Veranschaulichung der Kommunikationssituation in der Politik dienen. Die Grundlage einer jeden Rede sind zunächst einmal die Absichten und Ziele, die ein Politiker verfolgt. Seine Bestrebungen setzt er mittels einer Strategie um. Durch Verbalisierung jener Strategie entstehen Äußerungen, die wiederum insgesamt eine Rede ergeben. Dieses Endprodukt wird von den Empfängern wahrgenommen, hat eine bestimmte Wirkung und löst Reaktionen aus. Hinsichtlich der verbalen und audiovisuellen Codierung und Decodierung besteht zwischen Politiker und Publikum ein reziprokes Verhältnis. Das Publikum entschlüsselt die Äußerung des Redners auf verbaler und audiovisueller Ebene. Der Sender wiederum bekommt durch die beobachtbaren Reaktionen des Publikums ein Gespür dafür, wie die Zuhörer seine Aussagen aufnehmen. Dieser Prozess findet auf der Ebene der politischen Situation statt, die in den historischen Kontext eingebettet ist. Diese zwei Ebenen sind umgeben von der gegenwärtigen Kontextebene, von der aus die Rede aus der Sicht des „Heute“ betrachten werden soll.

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Details

Seiten
50
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638015776
ISBN (Buch)
9783638923071
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85595
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Romanistik
Note
1,2
Schlagworte
Bolivar Eine Analyse Rede Angostura Sprache Caudillos

Autoren

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Titel: Bolivar - Eine linguistische Analyse der Rede von Angostura