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Die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Grundgedanken, theoretische Grundbegriffe und Anwendungsbeispiele

von Britta Daniel (Autor) Hans-Peter Tonn (Autor)

Hausarbeit 2006 52 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Darstellung des Aufbaus der Arbeit:

Einleitung

1. Geschichte der Systemtheorie
1.2 Was ist ein System?

2. Luhmanns Systemtheorie
2.1 Die universelle Systemtheorie
2.2 Systemtheorie und Konstruktivismus
2.3 Luhmanns Theoriebildung
2.3.1 Biologische, psychische und soziale Systeme
2.3.2 Die Grenzen von Sprache und Bildern
2.4 Luhmanns Vorstellung von „Systemen“
2.4.1 System/ Umwelt-Differenz
2.4.2 Beobachtende Systeme
2.4.3 Beobachtete Systeme
2.4.4 Selbstbeobachtende Systeme
2.4.5 Autopoietische Systeme
2.4.6 Umweltoffene und operativ geschlossene Systeme
2.5 Luhmanns Vorstellung von „Sozialen Systemen“
2.6 Luhmanns Vorstellung von „Kommunikation“
2.6.1 Wie funktioniert „Kommunikation“?
2.6.2 Die drei Akte des Selektionsprozesses „Kommunikation“
2.6.3 Luhmanns revolutionäre Ideen
2.7 Anschlusskommunikation

3. Anwendung von Luhmanns Systemtheorie in der Sozialen Arbeit am Beispiel „Erziehung“ und „Lernen“
3.1 Klärung der Grundbegriffe „Sozialisation“ und „Erziehung“ nach Luhmann
3.2 Die „Unmöglichkeit“ von Erziehung

Fazit

Quellenangaben

Literatur

Darstellung des Aufbaus der Arbeit:

(Punkt 1. bis 2.4.6 erarbeitete Hans-Peter Tonn, Punkt 2.5 bis 3.2 erstellte Britta Daniel. Die Einleitung und das Fazit wurden gemeinsam formuliert.)

Einleitung

In der Sozialen Arbeit wird zur theoretischen Begründung der praktischen Arbeit häufig das Wort „systemisch“ gebraucht. Es ist die Rede von „systemischer Beratung“, „systemischer Therapie“ und „systemischem Arbeiten“. Dabei wird Bezug genommen auf die Systemtheorie. Doch was genau besagt die Systemtheorie und wie lässt sie sich auf die Soziale Arbeit anwenden? Diesen Fragen möchten wir in dieser Hausarbeit nachgehen.

Im ersten Teil dieser Arbeit möchten wir die Bedeutung dieser Theorie und deren geschichtlichen Ursprung klären.

Im zweiten Kapitel werden wir uns einem der wichtigsten Autoren auf dem Gebiet der Systemtheorie befassen, nämlich Niklas Luhmann. Wir werden uns ausführlich mit den Grundgedanken und Grundbegriffen seiner Theorie auseinandersetzen. Dabei werden wir versuchen, möglichst viele praktische Anwendungsbeispiele zu beschreiben, damit die Übertragbarkeit seiner Theorie auf die Praxis deutlich wird.

Im dritten Kapitel gehen wir auf die konkrete Umsetzung von Luhmanns Systemtheorie in der heutigen Sozialen Arbeit ein.

1. Geschichte der Systemtheorie

Systemtheorie gehört heute zu den wichtigsten Strömungen zeitgenössischen und wissenschaftlichen Denkens. Sie übernimmt die Rolle einer „Theorie mit universalistischem Anspruch“ und löst den noch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts dominierenden Marxismus ab (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 14). Hollstein-Brinkmann sieht die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der Systemtheorie zeitgeschichtlich in der Verschiebung vom sozialen Konflikt hin zu einem ökologischen Konflikt. Er formuliert aufgrund dieser von ihm beobachteten Entwicklung folgende These: Systemtheorie ist ein Konzept zur Begründung und Analyse widersprüchlicher Entwicklungen im Sozialsektor und zur Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit“ (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 19).

Die Systemtheorie ist ein naturwissenschaftliches Konzept, welches in die Sozialwissenschaft übertragen wurde. In Naturwissenschaften wie Physik, Kybernetik und Biologie wurden in der Vergangenheit Theorien entwickelt, die Gültigkeit über die jeweilige Wissenschaft hinaus besitzen und sich auch auf soziale Phänomene anwenden lassen. Zu diesen gehören zum Beispiel das Synergiekonzept von Haken (1984), die Ungleichgewichtsthermodynamik von Prigogine und Stengers (1981), das Autopoiesekonzept von Maturana und Varela (1987) oder die Chaos-Theorie (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 16).

Die Systemtheorie ist der Versuch mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen, die strukturellen Ähnlichkeiten ihrer wissenschaftlichen Gegenstände hervorzuheben. Man begegnet der Systemtheorie in sehr unterschiedlichen Wissenschaften wie Philosophie, Ingenieurwissenschaften, Organisationsberatung, Therapie und der Sozialen Arbeit. Dabei vertritt die Systemtheorie, abgesehen von ihren technischen Anwendungsmöglichkeiten, nicht eine geschlossene Theorie sondern eine allgemeine Modellvorstellung, die in mehrere sozialwissenschaftliche Theorien einfließt (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 20).

Moderne Systemtheorie setzt sich zusammen aus Beiträgen der eben aufgezählten Naturwissenschaften und ganzheitlichem Denken, welches seinen Ursprung in der Philosophie hat, mit Wurzeln, die bis in die Antike zurückreichen.

Bezogen auf ihre wissenschaftliche Orientierung ist die Systemtheorie eine Verbindung des holistischen Prinzips und des atomistischen Prinzips. Das holistische Prinzip meint ganzheitliches Denken in übergreifenden Zusammenhängen. Beim atomistischen Prinzip werden die zusammengesetzten einzelnen Elemente analysiert (Hollstein-Brinkmann 1992, S.21).

Die Systemtheorie hat die Aufgabe, die Wissenschaft, die sich bislang vor allem mit der isolierten Untersuchung kleiner Einheiten befasst hat, zu ergänzen und den Blick auf die Entwicklung des „Ganzen“ zu richten (zum Beispiel auf Probleme der Organisation) (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 21)

Auf der Grundlage dieses ganzheitlichen systemischen Denkens und auf der Basis neuer wissenschaftlicher Entwicklungsrichtungen entwickelte Bertalanffy die „General System Theory“. Dabei verwendete er zum einen Ergebnisse der Thermodynamik und zum anderen der Biologie.

Zu den weiteren Ursprüngen der modernen Systemtheorie gehören laut Hollstein-Brinkmann und Bertalanffy (Bertalanffy 1968, S. 15,90f) die Entwicklung der Kybernetik durch Wiener, die Entwicklung des Homöostase-Prinzips durch Cannon, die Informationstheorie von Shannon und Weaver sowie die Spieltheorie von Neumann und Morgenstern.

Als Wegbereiter der Systemtheorie in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nennt Hollstein-Brinkmann die Gestaltpsychologie nach Köhler und Lotka`s Arbeiten zur Bevölkerungsstatistik (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 22).

Als weitere Wissenschaften, die in neuerer Zeit die Systemtheorie beeinflusst haben, sind die Neurophysiologie, die Zellentheorie und Computertheorie zu nennen (Luhmann 1984, S. 27). Auch die moderne Mathematik hat sich zwischenzeitlich der Systemtheorie angenommen und eine „Systemtheorie par excellence“ entwickelt.

Außerdem dienten wissenschaftsfremde Bereiche wie industrielle Produktion, Transportwesen, Kommunikationswesen und Rüstungsindustrie auf der Suche nach generalisiertem Wissen und operativen Methoden als Motor für die Weiterentwicklung der Systemtheorie (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 22).

1.1 Was ist ein System?

Zunächst wollten wir an dieser Stelle die Frage klären: „Was ist Systemtheorie?“. Doch dann stießen wir auf Luhmanns Aussage:

„,Systemtheorie` ist heute ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Bedeutungen und sehr verschiedene Analyseebenen. Das Wort referiert keinen eindeutigen Sinn.“ (Luhmann 1984, S. 15).

Da sich außerdem zahlreiche Autoren mit Systemtheorie befasst haben, und vielfach eigene Definitionen eingeführt haben, beschränken wir uns zunächst auf die Frage, was allgemein nach Hollstein-Brinkmann und Krieger unter dem Begriff „System“ verstanden werden kann. Wir werden später in Kapitel 3 noch darauf eingehen, was Luhmann unter „System“ versteht.

Der Begriff „System“ beschreibt schon in seiner wörtlichen Bedeutung (griech. lat.: das Zusammengestellte) das Verhältnis der Teile zueinander, ihre Wechselbeziehungen, aus denen ein „Ganzes“ wird, welches eigene Eigenschaften besitzt (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 20).

Krieger formuliert ein System so:

„Ein System also besteht aus Elementen, die in bestimmten Relationen zueinander stehen, welche Relationen dann [...] bestimmte Operationen oder Prozesse auf Grund von Steuerung ermöglichen.“ (Krieger 1996, S. 12)

Hollstein-Brinkmann zitiert eine präzise, klassische Begriffsbestimmung des Begriffs „System“, die auf den Mathematiker S.C. Kleene zurückgeht:

„A system is a set of objects together with relatonships between the objects an between their attributes.“ Damit wird die Integrationsleistung von Systemen verdeutlicht.

Um den funktionalen Aspekt eines Systems zu beschreiben, muss laut Hollstein-Brinkmann sein Verhalten geklärt werden („Was tut es?“). Der Aufbau des Systems und seine inneren Zustände spielen bei der Klärung seiner Funktion bzw. seines Verhaltens in diesem Fall keine Rolle (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 22).

Systeme besitzen außerdem eine hierarchische Dimension. Damit ist gemeint, dass die einzelnen Elemente eines Systems wiederum Systeme sind. Außerdem kann das System selbst als Teil eines größeren Systems betrachtet werden.

Man könnte es also so formulieren, dass man, um das System besser im Detail zu verstehen, sich in der Hierarchie abwärts bewegen muss. Will man die Bedeutung des Systems besser verstehen, muss man sich in der Hierarchie nach oben bewegen (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 23)

Hollstein-Brinkmann zitiert in diesem Zusammenhang Ropohl (Ropohl 1980, S. 325), der die drei Dimensionen folgendermaßen erfasst:

„Ein System ist dann eine geordnete Ganzheit, die (a) gewisse Funktionen als Beziehungen zwischen bestimmten Attributen (Inputs, Zustände, Outputs) aufweist, die (b) aus Elementen bzw. Subsystemen besteht, die durch Relationen miteinander zu einer Struktur verknüpft sind und die (c) auf einen bestimmten Rang von ihrer Umgebung abgegrenzt bzw. aus einem Supersystem ausgegrenzt wird.“

Diese Definition von Systemen findet sich auch in der Vorstellung einer Systemtheorie wieder, mit der soziale Phänomene beschreibbar sind (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 23).

Ein System ist die systemtheoretische Darstellung eines Gegenstandes. Systeme sind kognitive Organisationsinstrumente. Sie erfassen nur diejenigen Aspekte, die der Betrachter als bedeutend ansieht und sind auf bestimmte gedankliche und tatsächliche Operationen in einer bestimmten Zeit beschränkt.

Laut Hollstein-Brinkmann sind Systeme das Konstrukt von uns Menschen. Wir konstruieren sie, dadurch, dass wir der Realität Zusammenhänge, Abhängigkeiten, Wechselwirkungen und Funktionsweisen unterstellen. Diese Form der Verarbeitung sei eine „typisch menschliche“ Eigenschaft. Damit stellt Hollstein-Brinkmann eine Verbindung von Systemtheorie und der Theorie des Konstruktivismus her, die die soziale Konstruktion von Realität beinhaltet (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 24).

2. Luhmanns Systemtheorie

Niklas Luhmann ist einer der bekanntesten „Systemtheoretiker“ in Deutschland. Er war von 1968 bis zu seinem Tod 1998 Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld (Emeritierung 1993). Luhmann verfasste zeitlebens zahlreiche literarische Werke zu verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen. Sein Lebenswerk war die „Theorie der Gesellschaft“. Die „Theorie der Gesellschaft“ verstand er als „Selbstbeschreibung“ der Gesellschaft, ausgehend von der Tatsache, dass jeder ein Teil der Gesellschaft ist, und niemand ein außenstehender Beobachter derselben sein kann.

Zu dieser Theorie mit verschiedenen Untertheorien verfasste er in knapp 30 Jahren über 70 eigenständige Schriften und über 450 Aufsätze.

Obwohl er sehr unterschiedliche Themenbereiche aufgriff, ist es nach Berghaus möglich, seine Schriften als „Einheit“ zu betrachten, innerhalb derer man sich zeitlich vor- und zurückbewegen kann, ohne auf Widersprüche zu treffen. Luhmann unterteilte sein Gesamtwerk später in drei Phasen und einen Vorlauf:

0. Probelauf für die Theorie der Gesellschaft

Ende der 50er Jahre veröffentlichte Luhmann erste Aufsätze und Bücher, darunter „Funktionen und Folgen formaler Organisationen“ (1964), „Macht“ (1975) und „Veränderung im System gesellschaftlicher Kommunikation und die Massenmedien“ (1975). Außerdem publizierte er gemeinsam mit Jürgen Habermas 1971 „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“.

1. das „Einleitungskapitel“ für sein Gesamt-Lebenswerk

1984 erscheint das Buch „Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie“. Luhmann beschreibt hier die Grundbegriffe seiner Theorie wie „System und Umwelt“, „Sinn“, „doppelte Kontingenz“ allgemein und grundlegend.

2. die Anwendung der allgemeinen Gesellschaftstheorie

Luhmann beschäftigt sich in dieser Zeit mit der Anwendung seiner Theorie auf verschiedene, sehr unterschiedliche gesellschaftliche Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Massenmedien und Intimbeziehungen. Er vergleicht diese in Bezug darauf, ob sie vergleichbare Strukturen besitzen und man diese mit Hilfe der allgemeinen Gesellschaftstheorie untersuchen kann. Er beweist in zahlreichen Werken, dass alle Funktionssysteme diese Strukturen tatsächlich aufweisen. Werke dieser Epoche sind „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ (1988), „Die Wissenschaft der Gesellschaft“ (1990), „Das Recht der Gesellschaft“ (1993), „Die Kunst der Gesellschaft“ (1995) und „Die Realität der Massenmedien“ (1996). Nach seinem Tod erschienen außerdem die Werke „Die Politik der Gesellschaft“ (2000), „Die Religion der Gesellschaft“ (2000) und „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“ (2002).

3. Ausführliche Präsentation seiner Theorie

In seinem Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, das 1997 im Jahr vor seinem Tod erscheint, wendet sich Luhmann nach der speziellen Anwendung in Phase II wieder der Theorie und der Gesellschaft als „Ganzes“ zu. Er stellt in diesem Werk seine Theorie ausführlich und weniger abstrakt dar. Mit „Gesellschaft der Gesellschaft“ meint er, dass das Verständnis von Gesellschaft ein durch die Gesellschaft selbst konstruiertes Produkt ist (Berghaus 2003, S. 14 ff).

2.1 Die universelle Systemtheorie

Niklas Luhmanns Systemtheorie ist universell. Sie deckt nach Luhmanns Auffassung den gesamten Bereich der Wirklichkeit ab. Mit „universell“ meint er nicht nur den gesamten sozialen Bereich, also die Gesellschaft, sondern auch die „gesamte Welt“. Denn nach Luhmanns Theorie operieren soziale Systeme in Abgrenzung von ihrer Umwelt und unterscheiden sich von dieser. Demzufolge ist die „gesamte Welt“ die Umwelt sozialer Systeme und somit ein Teil seiner universellen Systemtheorie.

Auch die Theorie selbst wird in seine systemtheoretische Gesellschaftsheorie einbezogen. Luhmann wendet sie auf sich selbst an. Sie muss „autologisch“ sein. Da sie ein Teil der Gesellschaft ist, ist sie eine Selbstbeschreibung dieser Gesellschaft. Sie ist auf sich selbst bezogen, also „selbstreferentiell“. Auch Systeme sind in Luhmanns Theorie selbstreferentiell.

Mit „universell“ meint Luhmann jedoch nicht, dass seine Gesellschaftstheorie die komplette Realität widerspiegelt, was nach seiner Ansicht auch gar nicht möglich ist. Er behauptet auch nicht, dass seine Theorie die einzig richtige und wahre im Vergleich mit anderen Theorien sei. Luhmann ist für Kritik und Ergänzungen seiner Theorie offen (Berghaus 2003, S. 25f).

2.2 Systemtheorie und Konstruktivismus

Systeme existieren real in der Wirklichkeit, das steht für Luhmann fest. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Systeme zu analysieren.

Das soziale System Gesellschaft existiert real, genauso existiert Luhmanns Bewußtseinssystem, mit dem er die Gesellschaft beobachtet, real. Demzufolge ist Systemtheorie mehr als eine Methode der Betrachtung. In der Realität, die es nach Luhmann tatsächlich gibt, gibt es auch wirkliche, echte Systeme.

Luhmann ist auch Konstruktivist. Konstruktivisten sind der Ansicht, man könne Realität nur konstruieren. Dies steht zunächst im Widerspruch mit Luhmanns Aussagen,

1. es gäbe eine Realität, und
2. in dieser Realität gäbe es Systeme.

Luhmann vertritt den Ansatz des „operativen Konstruktivismus“. Er beruft sich auf Piaget und Maturana und sagt, es gäbe keine „Zweifel daran, dass es sich um Konstruktionen real operierender Systeme“ handele (Luhmann 1990, S.9).

Niklas Luhmann ist nicht der Ansicht, dass keine Außenwelt existiere. Aber er stellt fest, dass Erkenntnisse nur Beobachtungen der realen Welt darstellen und damit Konstrukte sind. Beobachtungen sind Unterscheidungen durch einen Beobachter. In der Außenwelt existieren diese Beobachtungen in dieser Form nicht. Das Wort „Beobachtung“ bedeutet in Luhmanns Werken, dass durch eine Unterscheidung etwas als dieses oder jenes bezeichnet wird. Andere Beobachter können wieder andere Unterscheidungen machen. Die Realitätsaussagen zweier unterschiedlicher Beobachter lassen sich also miteinander vergleichen. Sie können aber nicht mit der Realität selbst verglichen werden, da niemand diese vollends kennt. Es geht also in Luhmanns Theorie immer um Aussagen bezogen auf konstruierte Realität.

Die Beschreibungen der Realität sind ebenfalls Konstrukte, da sie sich auf Unterscheidungen durch Beobachter begründen. Ein Beobachter benutzt zur Unterscheidung bestimmte Kategorien. Ein anderer Beobachter verwendet andere Kategorien und kommt zu wieder anderen Ergebnissen. Es geht also darum, wie konstruiert wird. Diese Beobachtung von Unterscheidungen ist eine wichtiger Ansatz in Luhmanns Theorie: Wie und mit welchen Unterscheidungen beobachtet sich die moderne Gesellschaft? Zum Beispiel: Wie und mit welchen Unterscheidungen arbeiten die Massenmedien?

Zur Beobachtung der Realität, einer Beobachtung erster Ordnung, kommt also die Beobachtung der Beobachter, eine Beobachtung zweiter oder dritter Ordnung. Beide Beobachtungsergebnisse können verglichen werden. Es muss jedoch berücksichtigt werden, das es immer einen „blinden Fleck“ gibt, einen Teil, den der Beobachter selbst nicht sieht, weil er Teil des zu Beobachtenden ist (Berghaus 2003, S. 26ff).

2.3 Luhmanns Theoriebildung

Luhmanns Vorgehen bei der Entwicklung und Überprüfung seiner Theorie und deren Anwendung auf spezielle Funktionssysteme geht vom Allgemeinen zum Speziellen.

1. Er beginnt bei Systemen allgemein und entwickelt eine allgemeine Systemtheorie, mit Hilfe derer er seine Verwendung des Begriffs „System“ erklärt.
2. Dann widmet er sich seinem wichtigsten Forschungsgegenstand, dem speziellen Typ des sozialen Systems. Dabei untersucht er die Gesellschaft als Ganzes.
3. Luhmann untersucht im folgenden noch speziellere, gesellschaftliche Teilsysteme, z.B. das System der Massenmedien.

Seine Systemtheorie enthält dementsprechend unterschiedliche Allgemeinheitsstufen. Auf diese Weise ist es Luhmann möglich, seine Theorie auf so unterschiedliche Funktionssysteme wie Recht, Wirtschaft und Politik anzuwenden und ihre universelle Anwendbarkeit zu überprüfen (Berghaus 2003, S. 30).

2.3.1 Biologische, psychische und soziale Systeme

Luhmanns Forschungsgegenstand sind soziale Systeme und ihr Kontext. Dazu gehört für Luhmann unbedingt Kommunikation allgemein und Formen der Kommunikation wie Sprache, Schrift, Druck, Funk, Internet, Massenmedien und die öffentliche Meinung. Alles genannte kann man systemtheoretisch untersuchen, in bezug auf das „soziale System“.

Es gibt nach Luhmann drei Haupttypen von Systemen:

a) „soziale Systeme“

Diese beziehen sich auf Lebewesen, die kommunizieren.

b) „biologische Systeme“

Diese beziehen sich auf Organismen, Zellen, Nervensysteme, Immunsysteme.

c) „psychische Systeme“

Diese beziehen sich auf das menschliche Bewusstsein. Auch Maschinen können mit diesem Begriff bezeichnet werden, sofern sie unterscheiden, also beobachten können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die drei Haupttypen von Systemen (Quelle: Berghaus 2003, S. 32, Abb. 3.6)

Einzelne oder mehrere Menschen sind nach Luhmann keine Systeme. Statt dessen sind Menschen Luhmanns Theorie zufolge ein Zusammenschluss mehrerer eigendynamischer Systeme. Der Körper bildet ein „biologisches System“. Das Bewusstsein bildet ein „psychisches System“, von Luhmann auch „Person“ genannt. „Soziale Systeme“ wiederum können in menschliche Handlungen aufgegliedert werden.

Luhmann wird aus diesem Grund, weil Menschen als solches nicht Teil seiner Theorie sind, von vielen, unter anderem von Jürgen Habermas, als „anti-humanistisch“ kritisiert. Luhmann selbst ist jedoch weder menschenfeindlich, noch desinteressiert an Menschen.

Die Ablösung von Menschen und vom intuitiven Alltagsverständnis erleichtert ihm aber die Erfassung von Phänomenen und die Überprüfbarkeit seiner Theorie (Berghaus 2003, S. 31f).

2.3.2 Die Grenzen von Sprache und Bildern

Bei der gedanklichen Ablösung vom Subjekt „Mensch“ stößt Luhmann auf Grenzen, nämlich bei Sprache und Bildern. Das führt zu Problemen bei einer klaren Darstellung seiner Theorie.

Viele Verben, die Luhmann zur Erklärung seiner Theorie verwenden muss, beinhalten die Vorstellung eines „bewusstseinsfähigen Trägers der Operation“, z.B. beobachten, beschreiben, erkennen, erklären, erwarten, handeln, unterscheiden (Luhmann 1984, S. 595).

Subjektbezogenheit und Alltagsverständnis sind Teil der Sprache, mit deren Hilfe sich Luhmann ausdrücken muss. Dies führt dazu, dass er Ausdrücke wählt, die einen Leser ohne Hintergrundwissen über Luhmanns Theorie, verwirren können. Zum Beispiel benutzt er das Wort „Personen“, meint damit aber nicht Menschen, sondern psychische Systeme. Statt in der Kommunikation von Sender und Empfänger zu sprechen, benutzt er den Begriff „informationsverarbeitende Prozessoren“.

In der Sprache werden der äußeren, beobachteten Realität Eigenschaften zugeordnet, die einzig auf Unterscheidungen durch einen Beobachter beruhen. Zum Beispiel die Aussage: „Ohne Nahrung macht der Mensch schlapp.“ enthält die Unterscheidungen: mit/ ohne Nahrung; nicht schlapp/ schlapp. Dabei handelt es sich um erkenntnisspezifische Codierungen des Beobachters, die auf dessen Erfahrungen und Beobachtungen basieren.

Problematisch ist dies zum Beispiel beim Begriff „Information“. Informationen sind in der äußeren Realität scheinbar vorhanden. Tatsächlich beruhen sie jedoch auf Unterscheidungen von Beobachtern und sind damit Konstrukte.

Luhmann hat desweiteren folgende Probleme mit Sprache und Bildern:

- Sprache und Bilder streben danach, Einheit und Identität wiederzugeben. Für Luhmanns Theorie hingegen sind Unterschiede und Differenzen wichtig.
- In Sprache und Bildern lassen sich Zeit, Bewegung, Operieren und Prozessieren nur schwer darstellen. Luhmanns Theorie beinhaltet jedoch Systeme, die ausschließlich im Operieren bestehen und Beobachtungen, die im Prozessieren von Unterschieden bestehen.
- In Sprache und Bildern werden Subjekt und Objekt immer getrennt voneinander dargestellt, das heißt, es wird eine Trennung zwischen Beobachter und der beobachteten Außenwelt vollzogen. Beispiel: Luhmann [Subjekt] beobachtet die Massenmedien [Objekt]. Dies passt jedoch nicht in Luhmanns Theorie, da diese ja „autologisch“ ist, sich also selbst mit einbezieht. Der Beobachter ist also Teil seines beobachteten Gegenstands. Er ist gleichzeitig Subjekt und Objekt (Berghaus 2003, S.33ff).

2.4 Luhmanns Vorstellung von „Systemen“

Für Luhmann bedeutet ein System „organisierte Komplexität, die durch die Selektion einer Ordnung operiert“.

Systeme „organisieren“, seligieren“ und „operieren“. Sie sind dynamisch und bestehen nicht aus Dingen, sondern aus „Operationen“. Diese „Operationen“ sind die letzten einzelnen Elemente, in die sich Systeme zerlegen lassen (Luhmann 1984, S. 46ff und 79; Luhmann 1995, S. 12).

„Operationen“ sind die wesentlichen Aktivitäten eines Systems. Mit Hilfe von „Operationen“ können sich Systeme produzieren und reproduzieren.

Biologische, psychische und soziale Systeme operieren jeweils auf eine Art, die bezeichnend für sie ist:

1. Biologische Systeme leben.
2. Psychische Systeme führen Bewußtseinsprozesse durch.
3. Soziale Systeme kommunizieren.

Alle drei Systeme folgen den gleichen Leitprinzipien:

a) „System/ Umwelt-Differenz“
b) „Autopoiesis“

Alles, was nach diesen Prinzipien operiert, ist nach Luhmann ein System (Berghaus 2003, S. 36).

[...]

Details

Seiten
52
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638011501
ISBN (Buch)
9783638916608
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85504
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen – Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit
Note
1,0
Schlagworte
Systemtheorie Niklas Luhmann Theorien Sozialen Arbeit

Autoren

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Titel: Die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Grundgedanken, theoretische Grundbegriffe und Anwendungsbeispiele