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Franz Kafkas "In der Strafkolonie". Klassifizierung und Interpretation

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

0 INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Textsorte

3 Erzählperspektive

4 Bestrafung
4.1 Persönlicher Ansatz
4.2 Psychoanalytischer Ansatz
4.3 Herrschaftstheoretischer Ansatz

5 Schluss

6 Anmerkung

7 Bibliographie

1 EINLEITUNG

Anstatt seiner sich selbst gestellten eigentlichen Aufgabe nachzugehen, die Arbeit an dem Roman Der Prozess weiterzuführen, gab sich Franz Kafka anderen Prioritäten hin und verbrachte seinen Urlaub im Oktober 1914 unter anderem damit, den als Grundlage für diese Arbeit dienenden Kurzprosatext zu schreiben.[1] In der Strafkolonie folgt Kafka dem 15 Jahre zuvor erschienenen Vorbild Octave Mirbeaus Le Jardin des Supplices, in dem er Anregung für seine ihn beschäftigenden Straffantasien fand[2].

Die Thematik der Bestrafung ist somit auch in der Strafkolonie zentral. Kafka geht sie vielschichtig an, so dass mehrere Interpretationsansätze verschiedener Richtungen und Tiefen nötig sind, um eine Beschreibung und Deutung der Darstellung des Themas Bestrafung in diesem Werk zu liefern. Mit einigen davon wird sich diese Arbeit befassen. Dabei wird zum einen die schon früh geforderten Methode berücksichtigt, „die Frage nach Kafkas Kunst […] auf die Frage nach seiner Erzählerhaltung anzuwenden“[3], um den Dichter Kafka in den Vordergrund der Betrachtungen zu rücken und sein Werk nicht bloß als „eine theologische oder philosophische Lehre“[4] zu sehen, und zum anderen darüber hinaus gehend versucht, auf weitergehende interpretatorische Erkenntnisse zu gelangen. Konkret wird ein persönlicher Ansatz verfolgt werden, der die Persönlichkeit und Erfahrungswelt Kafkas selbst mit der Thematik der Strafkolonie in Verbindung bringt. Des Weiteren wird ein psychoanalytischer Ansatz diskutiert werden, welcher übergreifend zum ersten Ansatz die dort geschilderten Phänomene theoretisiert betrachtet. Als Drittes wird dann schließlich aus herrschaftstheoretischer Position über den Inhalt von In der Strafkolonie gesprochen.

Zunächst jedoch untersucht diese Arbeit Kafkas Text hinsichtlich seiner Textsorte. Dies dient als nützliche Grundlagenarbeit, da man bei der Lektüre verschiedener Kafka kommentierender Texte auf eine Unklarheit über die Begrifflichkeit stößt. So zitiert zum Beispiel das Buch Dichter über ihre Dichtungen einen Brief Kafkas aus dem Jahre 1916, in dem der Autor über eine Veröffentlichung des Textes in einem Novellenband spricht[5]. Ein Beitrag von Heinrich Henel in Franz Kafka, Themen und Probleme ordnet In der Strafkolonie sogar einer Reihe von Texten zu, die er als „erweiterte Parabeln“[6] bezeichnet. Hartmut Binder hingegen kommentiert die „Konzeption der Erzählung“[7], benutzt also die allgemeinere Gattungsbezeichnung, womit er sich aber bei der Mehrheit der Autoren von Sekundärliteratur zu In der Strafkolonie befindet.

2 TEXTSORTE

Aufgrund der oben angedeuteten Häufigkeit der Verwendung des Terminus Erzählung, also eines allgemeinen, „weniger gattungshaft ausgeprägten“[8] Begriffes, bietet es sich an, auf theoretischer Ebene von diesem Punkt aus zu starten und zu untersuchen, in wieweit gattungshafte Elemente ausgeprägt sind und in welche Richtung sie verweisen, oder ob sie sich derart gegensätzlich gegenüberstehen, dass entweder zu einer Festlegung auf eine Gattung geschlossen werden kann, oder die allgemeine Form als Kompromiss bestätigt wird.

Der Text weist in seiner Handlung einen relativ eindimensionalen Ablauf auf. Ein Reisender besucht eine Strafkolonie, bekommt dort eine Hinrichtungsmaschine vorgeführt, die etwas außer Mode gekommen ist und wird schließlich Zeuge der letzten Hinrichtung mit diesem Apparat, bei der sich der Hinrichtungsbeamte selbst tötet. Eine Differenzierung von Handlungssträngen ist nicht auszumachen. Man erfährt weder Genaueres über das Leben der einzelnen Protagonisten, noch werden mit der Handlung verbundene Geschichten, wie etwa die des „früheren Komman-danten“[9], ausführlich erzählt. Dies lässt sich zusammenfassend als relativ geringe epische Breite bezeichnen, was den Text zunächst von den umfassenden Textsorten Roman oder Epos abgrenzt und für klassischerweise kürzer gehaltene Sorten wie zum Beispiel Kurzgeschichte, Anekdote oder eben Novelle spricht.

Dementsprechend definiert eine festzustellende Ausschnitthaftigkeit typischerweise diese Arten von Textsorte. Es wird die Episode der letzten Hinrichtung des altgedienten Hinrichtungsapparates beschrieben. Lediglich mit der kurzen Wiedergabe des Tatablaufes des zu richtenden Verbrechens, einigen knappen Verweisen auf der Handlung lange vorausgehende Zeiten und einem Abspann wird dieser Rahmen verlassen. Man hat also den Text bei einer der Textsorten der kürzeren Erzählprosa einzuordnen. Somit bleiben besonders Kurzgeschichte, Anekdote, Skizze und Novelle als mögliche Kandidaten[10] für eine genauere Platzierung der Strafkolonie unter dem Sammelbegriff der Erzählung.

Der Schauplatz der Handlung des Textes negiert in doppelter Hinsicht ein Kriterium, welches für die Kurzgeschichte sprechen würde. In Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur wird auf Seite 446 von einem „gleichnishaften Moment im Alltagsleben e. gewöhnl. Menschen“[11] gesprochen. In der Strafkolonie spielt jedoch in einer dem Alltagsleben der normalen Menschen entrückten Strafkolonie und zeigt zusätzlich das besondere Ereignis einer besonderen, der letzten, Hinrichtung. Dieser Inhalt ist eher eine, für eine Novelle im klassischen Sinne geforderte, „unerhörte Begebenheit“[12], als die Alltagsnähe einer Kurzgeschichte.

Eine ähnliche Folgerung lässt das Vorkommen eines Ortswechsels und eines Wendepunktes zu. Wenn der Ort der Handlung auch nur für den Abspann gewechselt wird, so ist der Wendepunkt doch deutlich ausgeprägt, als schließlich der Offizier den Verurteilten frei lässt und sich selbst zur Hinrichtung begibt. Auch in diesen Punkten wird eher eine Novelle belegt, als eine Kurzgeschichte, welche solche Elemente gewöhnlich ausschließt[13].

Schließlich lässt sich In der Strafkolonie auch sehr deutlich von einer Anekdote abgrenzen. Eine hierfür typische Pointierung[14] kann nämlich in Kafkas Text nicht nachgewiesen werden. Zwar birgt es strukturelle Ironie, wenn der Offizier meint behaupten zu können, dass es ihm bisher gelungen sei die durch den neuen Kommandanten repräsentierte neue Weltanschauung abzuwehren und darüber hinaus zu meinen: „Und es wird mir auch weiter gelingen“[15], während sich am Ende des Textes das genaue Gegenteil bewahrheitet, jedoch wird hierzu kein Spannungsbogen aufgebaut, der sich direkt an das Schicksal der Person des Offiziers anlehnt und schließlich in der Selbstrichtung als Pointe gipfelt. Der Text konzentriert sich vielmehr auf die Verarbeitung der stofflichen Inhalte rund um das Thema Bestrafung, die in Teil 4 erörtert werden.

Diese Verarbeitung findet im Verhalten des Offiziers und des Reisenden angesichts der, wie in 4 beschrieben werden wird, psychologischen und sozialen Komponenten des Bestrafungsthemas: z.B. Rechtssprechung, Todesfolter, Herrschaftstreue, statt. Dies stellt die für Novellen seit dem 19. Jahrhundert besonders charakteristische Parallelisierung „mit dem Soziologismus und Psychologismus des realistischen Romans“[16] dar. Zum Teil wird also menschliches Verhalten anhand von sozialen und psychischen Kategorien diskutiert. So bewertet der Reisende, wie es später gar ausdrücklich von ihm verlangt wird, von Anfang an das ihm Gezeigte, ohne aber zu moralisieren. Zunächst zeigt er sich dem Fremden offen und erst nach reiflicher Prüfung und Information über Geschichte und Zustand der Gesellschaft der Strafkolonie fällt er seine Entscheidung gegen den Apparat zu sein, obwohl er eigentlich „von Anfang an“[17] dagegen war, wahrscheinlich aus persönlichen moralischen Überzeugungen heraus.

Nimmt man diese Punkte nun zusammen, so ist eine Einordnung von In der Strafkolonie als Novelle durchaus nachvollziehbar. Jedoch ist die beschriebene Verarbeitung des menschlichen Verhaltens nicht so zentral, dass man unter allen Umständen von einer Novelle sprechen muss und jegliche andere Bezeichnung unangebracht oder ungenau wäre. Vielmehr gehen die in Teil 4 beschriebenen Interpretationsansätze weit über die Diskussion von menschlichem Verhalten im Sinne der für Novellen typischen Art hinaus. Damit ergibt sich schließlich die Rechtfertigung dafür, In der Strafkolonie als Erzählung zu bezeichnen. Die novellistische Tendenz sollte bei einer solch offenen Nomenklatur allerdings ob der gezeigten Verwandtschaft nicht gänzlich außer Acht gelassen werden.

3 ERZÄHLPERSPEKTIVE

Bereits im Jahr 1952 forderte Friedrich Beißner wie oben zitiert, eine Fokussierung der Kafkaanalyse auf die stringente Erzählerposition in dessen Texten.[18] Bei der Erzählung In der Strafkolonie findet man durch eine Beißner folgende Untersuchung tatsächlich heraus, dass abgesehen vom ersten Absatz, indem eine Nullvokalisierung vorliegt, beinahe ausschließlich eine einheitliche interne Vokalisierung durch-gehalten ist. Beißner postuliert des Weiteren, dass bei Kafka der Erzähler immer mit der Hauptfigur zusammenfalle, die das Erzählte stellvertretend für den Leser erlebe, bzw. das Erzählte quasi darstelle[19]. Diese Erkenntnis ist bei der Lektüre der Strafkolonie von interessanter Bedeutung, da hier zumindest auf den ersten Blick davon ausgegangen werden kann, dass Offizier und Apparat im Zentrum des Erzählten stehen. Jedoch wird bei einer Analyse der Vokalisierung deutlich, dass es der Reisende ist, durch dessen Augen die Geschichte wahrgenommen wird und erzählt ist. So gibt der Erzähler auf Seite 75 zum Beispiel direkt die Gedanken des Reisenden wieder, wenn er nach einer Rede dessen überlegend fragt: „Begriff es der Offizier schon? Nein, er begriff es noch nicht.“[20] Außerdem wird die Verschmelzung von Reisendem und Erzähler deutlich, wenn auf Seite 58 die Atmosphäre des störend heißen Tales anhand der Unfähigkeit des Reisenden klare Gedanken zu fassen beschrieben wird[21]. Schließlich ist auch auffällig, dass häufig gerade das durch den Erzähler beschrieben wird, was der Reisende betrachtet. Exemplarisch hierfür kann die Betrachtung des Apparates durch den Reisenden auf Seite 59f gesehen werden[22]. Die Einheit von Reisendem und Erzähler ist also evident.

Nimmt man diese Betrachtung zusammen mit der oben zitierten Behauptung Beißners, dass Erzähler und Erzähltes bei Kafka sehr eng miteinander in Verbindung stehen, dann ergibt sich bis hierher eine nützliche Lücke im Verständnis des Textes, die als Ausgangsbasis für weiterführende interpretatorische Analysen dienen kann. Zunächst ging man davon aus, dass Offizier und Apparat zentral seien. Jetzt jedoch wird behauptet, dass der Reisende mit dem im Wesentlichen Erzählten zusammen-falle. Daraus ergibt sich die wichtige Frage, was die Rolle des Reisenden so zentral macht und wieso Kafka ihn als Erzähler, als bei ihm traditionell so streng geführten Zugangspunkt zur Geschichte, gewählt hat, obwohl doch die Thematiken der Erzählung Bestrafung, Recht und Macht, Tradition und Moderne augenscheinlich anhand des Offiziers und des Apparates abgehandelt werden.

[...]


[1] Vgl. Binder, 1982.

[2] Vgl. ebd.

[3] Beißner, 1952, S.9.

[4] Ebd. S. 7.

[5] Vgl. Heller und Beug, 1969.

[6] Henel, 1980, S. 107.

[7] Binder, 1982, S. 174.

[8] Wilpert, 2001, S. 239.

[9] Kafka, 1914, S. 58.

[10] Vgl. Wilpert, 2001.

[11] Wilpert, 2001, S. 446.

[12] Thomé und Wehle, 2000, S. 726.

[13] Vgl. Wenzel, 2000, S. 369.

[14] Vgl. Wilpert, 2001.

[15] Kafka, 1914, S. 62.

[16] Thomé und Wehle, 2000, S. 726.

[17] Kafka, 1914, S. 78.

[18] Vgl. Beißner, 1952.

[19] Vgl. ebd. S. 34.

[20] Kafka, 1914, S. 75

[21] Vgl. Kafka, 1914.

[22] Vgl. ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638003438
ISBN (Buch)
9783638911337
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85469
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
11
Schlagworte
Franz Kafkas Strafkolonie Klassifizierung Interpretation Novellen Klassischen Moderne

Autor

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Titel: Franz Kafkas "In der Strafkolonie". Klassifizierung und Interpretation