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Pädagogik im Nationalsozialismus

Hausarbeit 2003 32 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Einleitung

1. Ziele und Ideologie des Nationalsozialismus

2. Pädagogik und Erziehungsvorstellungen der „Chefideologen“
2.1. Adolf Hitler
2.2. Ernst Krieck
2.3. Alfred Baeumler
2.4. Baldur von Schirach

3. Begriffsverwirrungen und Perspektiven

4. Versuch eines Fazits

5. Literaturverzeichnis

Vorwort und Einleitung

Schauen wir in der Geschichte um 70 Jahre zurück, so fällt der Blick sofort auf Adolf Hitler, die Machtergreifung, Rassengesetze, Judenpogrome, Deportationen und Massenmord. Das ‚nationalsozialistische Deutschland’ ist für Jeden ein Begriff. Doch welche Funktion hatte pädagogisches Denken und Handeln im NS-Staat? Welchen Anteil hatte sie an der Errichtung eines autoritären Regimes?

Diese Arbeit hat das Ziel, die Bedeutung und die wissenschaftlichen Erträge so genannter NS-Pädagogen heraus zu arbeiten. Sie konzentriert sich dabei auf die Betrachtung der Erziehungsvorstellungen von Adolf Hitler, Ernst Krieck, Alfred Baeumler und Baldur von Schirach.

Dabei soll im ersten Abschnitt dieser Arbeit geklärt werden, welche ideologischen Elemente und welches Menschenbild dem Nationalsozialismus zu Grunde liegen. Dies ist notwendig, um die später darzustellenden Erziehungsvorstellungen politisch einordnen zu können.

Im zweiten und hauptsächlichen Teil der Arbeit sollen die Erziehungskonzepte der oben angeführten Personen vorgestellt werden. In den einzelnen Unterkapiteln sollen dabei sowohl ideologische, als auch pädagogische Aspekte der Absichten der benannten Personen beleuchtet werden, um den Nachvollzug der Konstruktion dieser zu ermöglichen. Die einzelnen Abschnitte schließen dabei jeweils mit einem fachwissenschaftlichen Resümee ab.

Im dritten und letzten thematischen Kapitel soll versucht werden, pointierte Aspekte der wissenschaftlich-historischen Erforschung der Pädagogik im Nationalsozialismus herauszustellen. Es sollen Perspektiven aufgezeigt werden, die sich aus der Kenntnis über den Nationalsozialismus für die Pädagogik ergeben.

Im Schlussteil werde ich mein persönliches Fazit ziehen, dabei soll das Dargestellte bewertet werden, woraus sich auch mein eigener Standpunkt ergeben soll. Eventuelle Probleme in der Bearbeitung der Thematik werden aufgezeigt.

Eine Anmerkung ist mir noch wichtig. In dieser Arbeit wird sich bewusst der Sprache der NS-Ideologie bedient, sie wird aber aus Gründen der Leseflüssigkeit nicht besonders gekennzeichnet. Dabei stellen diese Äußerungen nicht meine persönliche Meinung dar, sondern spiegeln eher das Denken und Handeln im Nationalsozialismus wider.

1. Ziele und Ideologie des Nationalsozialismus

Als am 20. Januar 1933 die Nationalsozialisten, an deren Spitze die Person Adolf Hitler stand, die Macht in Deutschland übernahmen, zog ein neuer weltanschaulicher Wind durch das Land. Doch was waren die Vorstellungen und Ziele der NS-Bewegung? Welches Menschenbild hatten Hitler und seine Gefolgsleute? Welche Ideologie sollte 12 Jahre Staatsprogramm in Deutschland sein?

Grundaussagen dazu können in zwei Schriften gefunden werden. Zum einen ist es das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), das 1920 formuliert und „[...] großspurig als ‚ewig’ und ‚unveränderbar’ präsentiert wurde“[1]. Zum anderen werden ideologische Ansichten in Adolf Hitlers teils programmatischer, teils autobiografischer Schrift „Mein Kampf“, die er während und nach seiner Inhaftierung in Landsberg verfasste, deutlich.

Eine erste Forderung der NSDAP war der Zusammenschluss aller Deutschen zu einem Groß-Deutschland, dessen Berechtigung sie im Selbstbestimmungsrecht der Völker sahen. Es sollten nur jene die Staatsbürgerschaft be- und erhalten, die auf Grund ihres Blutes deutscher Abstammung waren. Vor allem Juden sollten somit ausgeschlossen werden. Sie würden unter die Fremdengesetzgebung fallen und sofort ausgewiesen werden, wenn es nicht mehr möglich wäre, das deutsche Volk ausreichend zu ernähren.[2]

Dieses Postulat verdeutlicht schon den Mittelpunkt der völkischen Weltanschauung der NS-Bewegung. Die Rassenlehren des Franzosen Gobineau und des Engländers Chamberlain, die eine Unterscheidung in kulturaufbauende (Arier) und kulturzerstörende (Juden) Rassen vornahmen, bildeten die Grundlage für Hitlers ideologische Aussagen in „Mein Kampf“ und seine wertende Unterteilung in kulturtragende Herren- und kulturunfähige Sklavenvölker. Den Ariern als Herrenrasse sollten sich aus einer naturgegebenen Minderwertigkeit die Slawen, Neger, Indianer und vor allem die Juden unterordnen.[3] Denn, der völkischen Idee folgend, glaubte Hitler:

„[...] keineswegs an die Gleichheit der Rassen, sondern erkennt mit ihrer Verschiedenheit auch ihren höheren und niederen Wert und fühlt sich durch diese Erkenntnis verpflichtet, gemäß dem eigenen Wollen, das dieses Universum beherrscht, den Sieg des Besseren und Stärkeren zu fördern, die Unterordnung des Schlechteren und Schwächeren zu verlangen.“[4]

Mit dieser Bekundung wird die Wertung der Unterteilung deutlich. Der Lehre des Sozialdarwinismus folgend, muss das Überleben des Stärkeren (der Arier) gefördert werden.

Zur Sicherung des Überlebens soll eine Vermischung der höheren und niederen rassischen Elemente unter allen Umständen vermieden werden, da dies zu einem Absinken des Rassenniveaus führen würde. Das Absterben aller (auch höheren) Kulturen wäre die Folge bzw. ein vermeintlich minderwertigeres Volk könnte überleben. Dieses Denkschema steht im direkten Zusammenhang mit dem aggressiven Antisemitismus der Nationalsozialisten. Den Juden, die schon Jahrhunderte zu Sündenböcken erklärt wurden, wurden alle für die NS-Bewegung negativen Kennzeichen wie Materialismus, Pazifismus, Sozialismus, Marxismus, Liberalismus und Kapitalismus zugeordnet, wodurch sie ein besonderes Feindbild darstellten.[5] Hitler sah in einer paranoiden Vorstellung die Reinheit des deutschen Volkes durch den boshaften Juden bedroht. Unter anderem formulierte er:

„Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose [deutsche; M.S.] Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, dem Mädchen, Volke beraubt. Mit allen Mitteln versucht er die rassische Grundlage des unterjochten [deutschen; M.S.] Volkes zu verderben.“[6]

Für eine weitere Verbesserung der rassischen Qualität des deutschen Volkes war es mithin wichtig, dieses vor dem minderwertigen Erbgut der eigenen Rasse zu schützen. Dies traf vor allem auf so genannte Syphilitiker, Tuberkulöse, erblich Belastete und Krüppel zu. Um nun die Qualität zu sichern oder zu steigern, wurden einerseits Fremdrassige ausgegrenzt, entrechtet und schließlich ermordet, andererseits gab es für Minderwertige des eigenen Volkes so genannte rassehygienische Maßnahmen wie Heiratsverbot, Sterilisation und Euthanasie.[7]

Das restliche gesunde deutsche Volk genoss den vollen Schutz des Staates, denn für Hitler:

„[...] ist der höchste Zweck des völkischen Staates die Sorge um die Erhaltung derjenigen rassischen Urelemente, die als kulturspendend, die Schönheit und Würde eines höheren Menschentums schaffen. Wir als Arier vermögen uns unter einem Staat also nur lebendigen Organismus eines Volkstums vorstellen, der die Erhaltung dieses Volkstums nicht nur sichert, sondern es auch durch Weiterbildung seiner geistigen und ideellen Fähigkeiten zur höchsten Freiheit führt.“[8]

Dieser Ausspruch verweist nicht nur auf grundlegende pädagogische Aufgaben, sondern zeigt indirekt auch den imperialistischen Charakter der NS-Bewegung. Für ein Volk höchster Güte, das sich mehr und mehr vergrößern will, wird Land gebraucht, auf dem es leben und von dem es sich ernähren kann. Die Expansion war von Anfang an nicht auf die alten Kolonien begrenzt, sondern richtete sich vielmehr gegen den Osten (Sowjetunion). Dass ein Krieg dabei nicht nur unvermeidlich sondern auch erwünscht war, wurde von Hitler nie verschwiegen. Das völkische Denken und Handeln war somit durch einen starken Militarismus geprägt.[9]

Das deutsche Volk sollte nach Ansicht der Nationalsozialisten kein Gebilde aus individuellen Charakteren sein. Vielmehr wurde am Konstrukt der Volksgemeinschaft festgehalten. Entgegen allen Grundsätzen des Humanismus wurden Menschen nach ihrer Funktionstüchtigkeit bewertet. Der faschistische Grundsatz: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“[10], galt hier in vollster Auslegung. Ein Funktionsideal war der aufrechte, deutsche Soldat, der die, durch den Versailler Frieden bedrohte, natürlich gegebene hohe Position des deutschen Volkes zurück erkämpfen sollte. Dieses Ideal spielte auch in der Pädagogik des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle und wird in späteren Kapiteln wieder aufgegriffen.[11]

Aussiebend nach der Funktion und den Fähigkeiten der Volksgenossen, ist eine weitere, nicht spezifisch nationalsozialistische Vorstellung, dass innerhalb der Volksgemeinschaft einige Männer die Fähigkeit besitzen, das Volk zu führen. Hinter der Staatsidee versteckte sich demnach ein streng hierarchisch aufgebauter Führerstaat, dessen Autoritäten nach dem patriarchalen Selbstverständnis der NS-Ideologie nur Männer sein können. Hitler meint dazu:

„Und von jedem Deutschen muß ich verlangen: Auch du mußt gehorchen, sonst bist du niemals würdig und wert zu befehlen. Das ist die Vorraussetzung! Dazu werden wir unser Volk erziehen und über Eigensinn und Dummheit hinweggehen: Biegen oder Brechen – eines von beiden.“[12]

In dieser Aussage werden wiederum pädagogische Ansätze und Methoden deutlich. Mit denen werden sich die nächsten Kapitel befassen.

Die Elemente nationalsozialistischer Ideologie lassen sich folgendermaßen kurz in vier Hauptelemente, in die sozial-biologische Unterscheidung der Menschen (Rassenlehre), die Utopie einer qualitativ hohen reinrassigen Gesellschaft, den Anspruch auf Lebensraumerweiterung und der Ordnung der Volksgemeinschaft nach dem Führer-Gefolgschafts-Prinzip zusammenfassen.

2. Pädagogik und Erziehungsvorstellungen der „Chefideologen“

2.1. Adolf Hitler

Hitler erkannte in der Pädagogik ein Werkzeug, um das deutsche Volk wieder zu seiner natürlichen Stärke zu führen. Im zweiten Band seines Werkes „Mein Kampf“, der nach seiner Haftentlassung entstand, widmete er sich deshalb ausführlich der Erziehung. Seiner Meinung nach ist die Erziehung, die bisher nur die wirtschaftliche Karriere jedes Einzelnen und den persönlichen Egoismus gefördert und dabei die soldatischen Tugenden vergessen habe, schuld daran, dass das Volk in seiner Masse aus „[...] körperlichen Degeneraten besteht“[13].

Die erste Aufgabe des Staates sei daher „[...] die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente“, die er zu einem wertvollem „[...] Glied für eine spätere Weitervermehrung erziehen muss“. Der Staat habe hier eine „[...] ungeheuerste Erziehungsarbeit zu leisten“[14]. Dabei bekamen nicht nur Ärzte, die in der Geburtsberatung einen Beitrag zur Volksgesundung leisten sollten, indem sie so genannten Minderwertigen von der Vermehrung abrieten, sondern auch andere Personengruppen, die eigentlich den pädagogischen Berufen fern waren, einen erzieherischen Auftrag.[15]

Die körperliche Ertüchtigung hatte äußerste Priorität in den Erziehungsvorstellungen Hitlers. So kam es zu einer radikalen Umbewertung der Schulfächer. Der Sportunterricht, bisher eher als Ergänzung zur allseitigen Entfaltung eingestuft, wurde für die nationalsozialistische Schule zum existentiellen Grundfach. Hitler war in schulischer Hinsicht der Meinung, dass nur ein gesunder Körper auch einen gesunden Geist entwickeln könne. Doch jenes war nicht sein vorrangiger Gedanke beim Ausbau der sportlichen Betätigung in der Schule. Welches Ziel Hitler wirklich verfolgte, wurde besonders deutlich in der Passage, in der er über das Boxen schrieb:

„Es ist unglaublich, was für falsche Meinungen darüber in den ‚Gebildeten’-Kreisen verbreitet sind. [...] Es gibt keinen Sport, der wie dieser den Angriffsgeist in gleichem Maße fördert, blitzschnelle Entschlußkraft verlangt, den Körper zu stählerner Geschmeidigkeit erzieht. [...] Vor allem aber der junge, gesunde Knabe soll auch Schläge ertragen lernen. [...] So ist überhaupt der Sport nicht nur dazu da, den einzelnen stark, gewandt und kühn zu machen, sondern er soll abhärten und lehren, Unbilden zu ertragen.“[16]

Seine Vorstellung war es, den jungen Männern eine „[...] Vorbildung für den späteren Heeresdienst“ mitzugeben, der „[...] die letzte und höchste Schule vaterländischer Erziehung“[17] darstellen sollte. Die körperliche Ertüchtigung galt also neben der eugenischen Strategie der Volksgesundung vor allem der Stärkung des Militärpotentials.[18]

Die zweite Aufgabe der Erziehung war die Charakterbildung. Doch meinte Hitler damit nicht jene Charakterzüge wie Bindung an klare ethische Maxime, individuelle Persönlichkeit, Einsatz mit Willen und Treue zu selbst verantwortbaren Grundsätzen, wie sie auch die Reformpädagogik einforderte. Sein Profil einer Person mit Willen und Fähigkeit zum politisch-militärischen Kampf sollte „[...] Verschwiegenheit im Krieg, [...] Treue, [...] Opferwilligkeit, [...] Selbstbeherrschung, [...] Verzicht auf Wehleidigkeit, [...] Willens- und Entschlusskraft, [...] Verantwortungsfreude, [...] Bekenntnismut [und; M.S.] Zivilcourage“[19] aufweisen.

Seinem großen Vorhaben folgten keine konkreten didaktischen Hinweise bzw. Umsetzungsideen für den Schulunterricht. Es wird aber deutlich, dass die Schule nicht als einzige Instanz für fähig gehalten wurde, Hitlers Vorstellungen zu realisieren. In „Mein Kampf“ lassen sich ebenfalls Andeutungen zu einer verbindlichen außerschulischen Erziehung finden. Diese sollte vor allem für die älteren Generationen Formationswirkungen haben. Als Beispiel wäre hier die SA (Schutzabteilung) zu nennen, die neben weiterer körperlicher Ertüchtigung vor allem der Festigung der nationalsozialistischen Idee und der Disziplin dienen sollte. Daneben galt natürlich, wie oben schon erwähnt, das Heer als wichtigste außerschulische Erziehungsinstanz.[20]

[...]


[1] Wippermann, S. 11

[2] vgl. ders., S. 12

[3] vgl. Keim, S. 10f

[4] Hitler „Mein Kampf“ zit. nach Wippermann, S. 13

[5] vgl. Keim, S. 12

[6] Hitler zit. nach Wippermann, S. 14

[7] vgl. Keim, S. 12; vgl. auch Wippermann S. 13f

[8] Hitler „Mein Kampf“ zit. nach Steinhaus, S. 38

[9] vgl. Keim, S.14f

[10] zit. nach Keim, S. 14

[11] vgl. ders., S. 14

[12] Hitler in einer Rede von 1937 zit. nach Steinhaus, S. 58

[13] Hitler „Mein Kampf“ zit. nach Gamm, S. 48

[14] ebenda, S. 48

[15] vgl. Steinhaus, S. 50; vgl. auch Giesecke, S. 21/28

[16] Hitler „Mein Kampf“ zit. nach Gamm, S. 49f

[17] ebenda, S. 52

[18] vgl. Steinhaus, S. 68ff

[19] Hitler „Mein Kampf“ zit. nach dems., S. 72

[20] vgl. Keim, S. 17

Details

Seiten
32
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638013246
ISBN (Buch)
9783638916783
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85414
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Pädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Pädagogik Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Pädagogik im Nationalsozialismus