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Formen der Höflichkeit und ihre Darstellung in Lateinamerika

Ein Vergleich zwischen Carreños 'Manual de Urbanidad' und zwei Anstandsbüchern unserer Zeit

Bachelorarbeit 2005 60 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Zum Thema Höflichkeit
1.2 Zum Material
1.3 Forschungsstand
1.4. Der Zivilisationsprozess und die Entstehung der Höflichkeit
1.4.1 Der Prozess der Zivilisation in Europa nach Norbert Elias
1.4.2 Der Zivilisationsprozess in Lateinamerika

2. Carreños Manual de Urbanidad y Buenas Maneras
2.1. Der Entstehungszusammenhang des Manual
2.1.1 Historischer Kontext
2.1.2 Der Autor
2.2 Aufbau, inhaltliche Schwerpunkte und Stil
2.2.1 Aufbau und Schwerpunkte
2.2.2. Stil
2.3. Idealtypus des höflichen und zivilisierten Menschen
2.3.1 Überlegungen zur Zielgruppe
2.3.2. Der Umgang mit sich selbst – Disziplin als oberstes Gebot
2.3.2.1 Die Kontrolle über den eigenen Körper
2.3.2.2 Kontrolle der eigenen Gefühle
2.3.2.3 Kontrolle über die Umwelt: Ordnung und Effizienz
2.3.3 Zum Umgang mit der Gesellschaft – Respekt und Gehorsam
2.3.3.1 Die Achtung der gesellschaftlichen Hierarchien
2.3.3.2 Der Respekt gegenüber den Mitmenschen
2.3.3.3 Der Umgang mit den Autoritäten Gott/ Kirche und Vaterland
2.4 Das Manual heute

3. Zwei Beispiele für Benimmratgeber des 20./21. Jahrhunderts: Ese dedo meñique und Buenas Maneras en el siglo 21
3.1 Der Entstehungszusammenhang
3.1.1 Überblick über die Publikationen des 20./21. Jahrhunderts
3.1.2 Der politische und kulturelle Hintergrund von Ese dedo meñique und Buenas Maneras en el siglo 21
3.2 Aufbau, inhaltliche Schwerpunkte und Stil
3.2.1 Aufbau und Schwerpunkte
3.2.2 Graphische Gestaltung und Stil
3.3 Der höfliche Mensch von heute
3.3.1 Überlegungen zur Zielgruppe
3.3.2 Zum Umgang mit sich selbst – wie hinterlässt man einen guten Eindruck?
3.3.2.1 Das positive Selbstbild
3.3.2.2 Die gute Erziehung
3.3.2.3 Aufrichtigkeit und Korrektheit
3.3.2.4 Disziplin und Selbstkontrolle
3.3.3 Zum Umgang mit der Gesellschaft –persönliche Freiheit versus Engagement für andere
3.3.3.1 Die Freiheit des anderen
3.3.3.2 Das Engagement für die Gesellschaft

4. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

1.1 Zum Thema Höflichkeit

„No has leido el Carreño?“ - Eine typische Frage in Lateinamerika, die dann gestellt wird, wenn sich jemand “daneben benommen“ hat. Antonio Manuel Carreño, Verfasser eines erstmals 1853 erschienenen Anstandsbuches, ist Synonym geworden für urbanidad, cortesía, buenos modales, buenas maneras, etiqueta, kurzum, für Höflichkeit, ähnlich wie im deutschsprachigen Raum der Knigge.

Höflichkeit ist überall dort von Bedeutung, wo Menschen miteinander umgehen, sich gegenüber anderen „verhalten“ müssen, weil sie entweder nach sozialem Aufstieg streben, das Miteinander angenehmer gestalten oder auch bestimmte Dinge von sich selbst nicht preisgeben und Abstand halten wollen. Wer nicht höflich ist, muss mit unangenehmen Konsequenzen rechnen, sei es mit dem Abbruch von Kontakten, weil man sich ungern mit unhöflichen Menschen umgibt, sei es mit einem schlechten Ruf, der das persönliche Vorankommen behindert. Verhaltensregeln sind eine Art ungeschriebene Gesetze, wer sie missachtet, kommt zwar nicht ins Gefängnis, wird aber in anderer Hinsicht gestraft.

Was höflich ist und was nicht, darüber entscheiden unterschiedlichste Faktoren, z.B. die Situation oder die Vertrautheit der Personen miteinander. Was in offizieller Gesellschaft angemessen ist, kann einen engen Freund verletzen, weil dieser zum Beispiel keinen Handschlag zur Begrüßung erwartet, sondern eine herzliche Umarmung. Auch die Zeit spielt eine Rolle: einiges von dem, was vor hundert Jahren zum „guten Ton“ gehörte, wirkt heute schlichtweg lächerlich. Mindestens ebenso wichtig ist der kulturelle Zusammenhang, denn französisches savoir-vivre ist nicht unbedingt dasselbe wie mexikanische buenos modales.

Woher aber weiß man, was höflich ist und was nicht? Eine Möglichkeit, sich darüber zu informieren, eröffnet die sogenannte Anstandsliteratur. Sie bietet in bestimmten Zeiten, vor allem in solchen der sozialen Unsicherheit, beispielweise nach Veränderungen des gesellschaftlichen Systems, Rat und Unterstützung, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Gleichzeitig sagt sie einiges über die Werte und Normen einer Zeit aus. Auffallend viele Benimmratgeber erscheinen in Lateinamerika in der Zeit nach Erreichen der Unabhängigkeit. Es entsteht eine neue Gesellschaftsform, in der einerseits die Menschen nach Orientierung suchen und andererseits die politisch Mächtigen diese Situation ausnutzen, um den Bürger zu beeinflussen und zu dem zu machen, was ihren Vorstellungen von einem guten Staatsbürger entspricht. Das Manual de Urbanidad y Buenas Maneras von Antonio Manuel Carreño ist das bekannteste unter diesen Büchern. Noch heute existiert es neben neueren, eher nationenspezifischen Benimmratgebern und Zeitungs- bzw. Zeitschriftenartikeln zu diesem Thema. Diese Koexistenz lässt Zweifel darüber aufkommen, ob die oben formulierte Hypothese, dass Umgangsformen immer auch dem Wandel der Zeit unterliegen, aufrecht erhalten werden kann. Haben sich die Umgangsformen in Lateinamerika in den letzten 150 Jahren wirklich nicht verändert? Wenn doch, warum wird dann noch heute ein Buch gelesen, das im Wesentlichen Umgangsformen propagiert, die um 1850 aktuell waren? Dies sind die zentralen Fragen, denen in dieser Arbeit nachzugehen ist. Dafür sollen ältere und neuere Publikationen im Hinblick auf Entstehungskontext, inhaltliche Schwerpunkte, Zielgruppen, Art der Darstellung der Regeln und natürlich die Regeln selbst miteinander verglichen werden, wobei letztere nicht tabellarisch einander gegenübergestellt, sondern interpretiert werden sollen in Bezug auf Kriterien für einen angemessenen Umgang mit sich selbst und mit den Mitmenschen.

Kapitel 2 widmet sich der Analyse des oben schon erwähnten Klassikers der lateinamerikanischen Anstandsliteratur unter Berücksichtigung der historischen Umstände seiner Entstehung. Das dritte Kapitel gibt einen groben Überblick über Benimmbücher des 20. und 21. Jahrhunderts und enthält außerdem die Analyse zweier in den letzten Jahren in Peru bzw. Chile erschienener erfolgreicher Höflichkeitsratgeber. In der Schlussbetrachtung erfolgt dann als Fazit der direkte Vergleich der neueren Bücher mit dem Klassiker.

1.2 Zum Material

Um die Veränderung von Höflichkeitsformen im Wandel der Zeit sichtbar zu machen, drängt sich die Analyse von Anstandsliteratur geradezu auf. Dieses oft nicht ernst genommene Textgenre liefert einen sehr klaren Einblick in die Umgangsformen, die von der Gesellschaft als adäquat angesehen und akzeptiert werden, und damit auch in das Alltagsleben der Menschen einer bestimmten Epoche.

Das berühmteste lateinamerikanische Anstandsbuch ist das bereits erwähnte Manual de Urbanidad y Buenas Maneras von Antonio Manuel Carreño (vollständiger Titel der Erstauflage: Manual de urbanidad y buenas maneras, para uso de la juventud de ambos sexos; en el cual se encuentran las principales reglas de civilidad y etiqueta que deben observarse en las diversas situaciones sociales: precedido de un breve tratado sobre los deberes morales del hombre, im Folgenden als Manual bezeichnet). Interessant ist, dass es nicht, wie die seinerzeit parallel erscheinenden Bücher, nur ein Stück Zeitgeschichte darstellt, sondern bis in die heutige Zeit hinein im gesamten spanischsprachigen Lateinamerika regelmäßig erweitert, aktualisiert, neu aufgelegt und von einem breiten Publikum rezipiert wird. Diese Tatsache prädestiniert es geradezu für die Betrachtung in einer Arbeit über Formen der Höflichkeit in Lateinamerika. Die aktuellen Bücher über Höflichkeit erscheinen, anders als das Manual, nur regional beschränkt. In Peru ist seit 2001 Frieda Holler Figallos Ese dedo meñique. Mil y una formas de tener buen gusto sin caer en la ridiculez, ein hauptsächlich an Frauen gerichtetes Etikettebuch, mit einer Erstauflage von 70 000 Exemplaren außerordentlich erfolgreich, so dass die Autorin 2003 eine weitere Auflage folgen lässt. Um ein ausgeglichenes Bild darüber zu gewinnen, welche Rolle die Anstandsliteratur in Lateinamerika spielt, wird zusätzlich das chilenische Anstandsbuch Buenas Maneras en el siglo 21. Manual de urbanidad (im Folgenden Buenas Maneras) von David Enríquez herangezogen, das bereits 1988 zum ersten Mal erscheint und nach Überarbeitung von Héctor E. Velis-Meza und Hernán Morales Silva seit 2003 in 5. Auflage vorliegt. Laut Herausgeber verwenden es mehrere Institutionen als Nachschlagewerk, und in den Jahren nach der 4. Auflage drängten Buchhandlungen darauf, eine weitere folgen zu lassen, so dass auch hier von einer relativ weiten Verbreitung ausgegangen werden kann.

1.3 Forschungsstand

Das Phänomen Höflichkeit im Allgemeinen kann in Europa als gut erforscht bezeichnet werden. Es gibt eine Fülle von Material, das zumeist die linguistische Perspektive in den Vordergrund rückt. Daneben existieren aber auch zahlreiche kulturwissenschaftliche und historisch-soziologische Arbeiten zu dem Thema. Ein Beispiel hierfür ist Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation: soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Bd. 2: Wandlungen der Gesellschaft: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, 1976), der sich mit dem Prozess der Zivilisation in Europa und der Entstehung von Umgangsformen befasst. Pierre Bourdieu, ebenfalls Soziologe, hebt die Bedeutung hervor, die Anstand und guter Geschmack für das Bürgertum haben, um sich von anderen Schichten abzuheben (Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, im französischen Original La distinction. Critique sociale du jugement, 1979). Alain Montandon hat sich ausführlich und aus verschiedenen Perspektiven mit europäischen Höflichkeitsratgebern beschäftigt und u.a. sowohl eine Bibliographie des traités de savoir-vivre en Europe (1995), die auch einige wenige süd- und mittelamerikanische Titel beinhaltet, als auch einen Sammelband zur Geschichte der Anstandsliteratur in Europa (Pour une histoire des traités de savoir-vivre en Europe, 1994) herausgegeben. Ein Abhandlung zu Politesse, savoir-vivre et relations sociales in Frankreich hat außerdem Dominique Picard vorgelegt (1998). Er betrachtet das Thema aus „psychosoziologischer“ Perspektive, in die er einerseits die Ergebnisse Elias’ und andrerseits die des US-amerikanischen Soziologen Erving Goffman einbezieht. Letzterer prägt in seinem Werk die Begriffe „Gesicht wahren“ (d.h. positives Selbstbild) und „Territorium wahren“ (d.h. Privatsphäre). Horst-Volker Krumrey analysiert in seiner Dissertation mit dem Titel Entwicklungsstrukturen von Verhaltensstandarden: eine soziologische Prozeßanalyse auf der Grundlage deutscher Anstands- und Manierenbücher von 1870-1970 (1984) deutsche Anstandsliteratur und zeigt anhand von kommentierten Zitatreihen die Veränderung von Verhaltensnormen innerhalb des im Titel genannten Zeitraums auf.

In Bezug auf Lateinamerika beschränkt sich die Forschung fast ausschließlich auf das 19. Jahrhundert, eine Zeit, in der Höflichkeitsratgeber einen Boom erlebten, allen voran das Manual Carreños. Letzteres wurde von Beatriz González Stephan im Rahmen eines Aufsatzes analysiert, der sich im Wesentlichen mit dem Zusammenhang zwischen Schriftlichkeit und Modernisierung der lateinamerikanischen Gesellschaften in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt (Escritura y modernización: La domesticación de la barbarie, 1994). Auch Fernanda María Lander nimmt dazu Stellung, wenn sie die Anstandsliteratur dieser Zeit in Relation zu Altamiranos Roman Clemencia setzt und damit die Höflichkeit aus literaturwissenschaftlicher Sicht analysiert (Clemencia de Ignacio Manuel Altamirano, el manual de urbanidad y el proceso de formación del patriota moderno, 2001). Außerdem liegen Beiträge vor von Valentina Torres Septién, die Benimmbücher als eine zu lange vernachlässigte historische Quelle ansieht und einen Artikel zu Anstandsliteratur und Frauenerziehung während des Porfiriats in Mexiko verfasst hat (Manuales de conducta, urbanidad y buenos modales durante el porfiriato. Notas sobre el comportamiento feminino, 2001). Patricia Londoño Vega dagegen bezieht sich in ihren Ausführungen auf Kolumbien, beschränkt sich aber weitgehend auf ein Zusammentragen unterschiedlicher während dieser Zeit entstandener Titel (Cartillas y manuales de urbanidad y del buen tono, catecismos civicos y prácticos para un amable vivir, 1997).

Nicht nachgegangen wurde hingegen bisher der Frage, warum das eineinhalb Jahrhunderte alte Manual noch immer in Gebrauch ist, ebenso wenig wie Analysen heutzutage erscheinender lateinamerikanischer Höflichkeitsratgeber vorliegen. Diese Arbeit soll versuchen, die hier entstehende Lücke ein Stück weit zu schließen und herauszufinden, ob und inwieweit sich die Anstandsliteratur in Lateinamerika seit dem Erscheinen des Manual verändert hat.

1.4. Der Zivilisationsprozess und die Entstehung der Höflichkeit

1.4.1 Der Prozess der Zivilisation in Europa nach Norbert Elias

Zur Einführung in das Thema und um das Phänomen Höflichkeit zu begreifen, ist es sinnvoll, es zunächst einmal in seinem historischen Kontext zu betrachten. Für den Prozess der „Verhöflichung“ der Gesellschaft in Europa bietet Norbert Elias einen Ansatz an, wobei er sich im Wesentlichen auf Frankreich und Deutschland konzentriert. Ausgangspunkt seiner Ausführungen zur Entstehung der Höflichkeit ist die Kriegergesellschaft, in der der Mensch unabhängig von anderen von seinem eigenen Land lebt. Dieser Phase ordnet Elias ein hohes Maß an körperlicher Bedrohung durch den anderen zu, Plünderungen und Brandschatzungen sind an der Tagesordnung, wenn es darum geht, das eigene Überleben zu sichern. Der Mensch kann relativ ungehemmt seinen Trieben nachgehen. Als sich allerdings die ersten größeren Siedlungen bilden und die Herrschaftsgebiete einiger Landbesitzer durch die von ihnen geführten Eroberungskriege immer größer werden, ändert sich auch die Art und Weise, wie die Versorgung sichergestellt wird. Es produziert nun nicht mehr jeder alles selbst, was er zum Leben braucht; die Arbeitsteilung und die damit verbundene wechselseitige Abhängigkeit nehmen zu, besonders mit dem Übergang zur Geldwirtschaft. Gleichzeitig steigt der Lebensstandard. Die Abhängigkeit vom anderen zwingt den Menschen, die Folgen seiner Handlungen zu bedenken, d.h. im Hinblick auf die Zukunft und spätere Kontakte eigene Gefühlsausbrüche zu unterdrücken und Triebe zu mäßigen, also sich einen Selbstzwang aufzuerlegen, ein Über-Ich. Dieser Zwang wird dem Individuum künftig schon in seiner Sozialisierung mitgegeben und verstärkt sich noch, als der Staat das Gewaltmonopol erhält und damit die Menschen vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen sucht. In Frankreich geschieht dies beispielsweise im 12./13. Jahrhundert. Hierbei wird der Königshof zum Zentrum aller wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten. Dieses enge Zusammenleben vieler Menschen führt dazu, dass die langfristigen Konsequenzen des eigenen Handelns besonders bedacht werden müssen. Mit dem steigenden Geldvolumen, dem Anwachsen der Höfe und dem Aufkommen des Absolutismus kann der König mehr Hofadel an sich binden und wirtschaftlich von sich abhängig machen. In dieser Phase werden gute Manieren, wird die Etikette wichtiges Identitätsmerkmal des Hofadels. Körperliche Arbeit lehnt er ab, stattdessen verwirklicht er sich in der Kultur und dem Bestreben, durch ausgefeiltes Benehmen dem König so nah wie möglich zu sein. Durch die Etikette grenzt sich der Adel außerdem gegenüber den niedrigeren Schichten ab. Höflichkeit wird zum Distinktionsmerkmal. Als das Bürgertum, nach Macht strebend, das Verhalten des Adels imitiert, reagiert dieser mit neuen, verfeinerten Verhaltensnormen, denn was an niedrigere Schichten erinnert, wird als „peinlich“ empfunden. Soweit Elias.

Auf die Bedeutung guter Manieren weisen auch die von Montandon in seiner Bibliographie des traités de savoir-vivre en Europe für Spanien angeführten Benimmratgeber hin, von denen die ersten Ende des 13. Jahrhunderts erscheinen. Im 16. Jahrhundert, so Montandon, habe es dann auch einige Werke gegeben, die sich nicht mehr ausschließlich an den Hofadel richteten, sondern „aux hommes de lettres, aux juristes, aux médecins, aux théologiens“[1]. Als bedeutendster Verfasser von Anstandsliteratur ist in Spanien Baltasar Gracián hervorzuheben, der Mitte des 17. Jahrhunderts zahlreiche Werke zu diesem Thema veröffentlicht.

1.4.2 Der Zivilisationsprozess in Lateinamerika

Betrachtet man den gesellschaftlichen Aufbau der präkolumbianischen Hochkulturen Süd- und Mittelamerikas zum Zeitpunkt des Eintreffens der Spanier, lassen sich einige Analogien zum Zivilisationsprozess in Europa feststellen. Die Spanier finden dort einen hohen Zivilisationsgrad mit hierarchischen Strukturen, einen Beamtenapparat und eine arbeitsteilige Wirtschaft vor, d.h. es besteht eine relativ große gegenseitige Abhängigkeit der Menschen voneinander sowie die Notwendigkeit, sich in bestehende soziale Strukturen einzufügen, eine Notwendigkeit, die laut Elias automatisch zu Triebmäßigung führt. Nicht anders als in Europa laufen die Fäden aller gesellschaftlichen Verflechtungen am Königshof zusammen. Bernal Díaz del Castillo, wie Cortés erstaunt über das hohe Zivilisationsniveau der Azteken, beschreibt in seiner Chronik der Entdeckung und Eroberung Mexikos bestimmte Abläufe am Hof, die erkennen lassen, dass auch hier festgelegte Normen für den Umgang miteinander und besonders mit dem Herrscher bestehen.

Gleich schön gearbeitet war der weichgepolsterte, niedrige Stuhl, von dem Motecusuma speiste, und nicht viel höher der Tisch, welcher vor ihm stand. Ueber diesen Tisch breitete man Weißzeug und mehrere lange Tücher. Dann kamen vier nett gekleidete Frauen von angenehmen Aeußeren, brachten ihrem Gebieter in einer runden Gießkanne Xicales, wie man hier sagt, Wasser zum Händewaschen, fingen dies in andern Gefäßen auf und boten ihm Tücher zum Abtrocknen. Sie stellten eine hölzerne, dick vergoldete Wand vor den Monarchen, damit man ihn nicht essen sehe [...].[2]

Zum äußeren Erscheinungsbild des Herrschers heißt es:

Die Kleidung des Monarchen war überaus reich. Er trug eine Art Halbstiefeln, dicht mit Juwelen besetzt und mit goldnen Sohlen [...] Er war sehr reinlich und badete jeden Abend [...] Ein Kleid, welches er einen Tag getragen hatte, durfte ihm nicht früher als nach vier Tagen wieder gebracht werden.[3]

González Molina führt zur aztekischen Vorstellung von Höflichkeit aus:

Los preceptos de los ancianos […] expresan la idea que los mexicas tenían de la actitud del hombre honrado de su tiempo: moderación en los gestos y las palabras, aversión por lo desmedido, iguales formas de comportamiento con los superiores e inferiores, veneración a los ancianos, compasión con el desgraciado, cortesía y modales en las comidas, en el vestir y en el hablar.[4]

Als nun die Spanier Amerika entdecken und erobern, treffen verschiedene Konzepte von Höflichkeit bzw. Anstand aufeinander und vermischen sich teilweise miteinander. Es beginnt eine Art zweiter Zivilisationsprozess. Elias merkt zum Thema Kolonien an, dass einige der Unterworfenen die Macht der Sieger anerkennen und deshalb versuchen, sich zu inkorporieren, während die Kolonisten sich bemühen, die Ureinwohner so umzuerziehen, dass sie sich als Arbeitskräfte und Verbraucher in ihren Wirtschaftskreislauf integrieren lassen. Elias bezieht diese These allerdings vornehmlich auf den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts, so dass sie für Lateinamerika nur eingeschränkt gelten kann. Dorthin kommen die Spanier nicht mit der Absicht, „Wilde“ zu zivilisieren, vielmehr sind es Abenteurer und verarmte Adelige auf der Suche nach Reichtum, Macht und Ruhm, die zudem eine willkommene Gelegenheit sehen, dem Kriegshandwerk, dass sie als einziges beherrschen, weiterhin nachzugehen. Als offizielle Rechtfertigung der Eroberung gilt allerdings die Missionierung der indigenen Bevölkerung durch Geistliche, denen die Eroberer jedoch schon bald mit Feindseligkeit begegnen, weil sie durch ihren Kampf um Gerechtigkeit für die Indianer die eigenen wirtschaftlichen Interessen gefährdet sehen.

Kennzeichnend für das 16. Jahrhundert ist die Straffung der Verwaltung durch die Einrichtung der ersten virreinatos (Mexiko 1535, Lima 1543). Die Vizekönige entstammen dem spanischen Hochadel, und als Stellvertreter des Monarchen scharen sie ebenso wie dieser einen Hofstaat um sich:

[...] se organizaron pronto verdaderas cortes, que reproducen en menor escala, pero con análoga suntuosidad, el modelo metropolitano: el palacio, la guardia virreinal [...], las oficinas donde se intriga, los salones donde se implantan usos cortesanos, las tertulias y cenáculos que introdujeron allá el interés y el gusto por las noticias, modas, artes y literatura metropolitanas.[5]

Aber auch eine andere Bevölkerungsschicht eignet sich zum Teil höfische Umgangsformen an: die encomenderos. Die spanischen Eroberer werden mit Land entlohnt, das sie von der indigenen Bevölkerung bearbeiten lassen (encomienda). Als der Wunsch der encomenderos nach Adelstiteln von der spanischen Krone nicht erfüllt wird, geben sie sich mit der Macht und dem Geld zufrieden, das sie auf ihrem Land erwirtschaften, so dass sich eine Art Landadel ohne offizielle Titel bildet. Die Angehörigen dieser neuen Schicht

[...] adoptaron hábitos vitales nobiliarios siempre que les fue posible. Obras piadosas y libros de caballerías fueron las lecturas preferidas y de mayor difusión; adquirieron sin esfuerzo el porte, mesura y dignidad exterior de los nobles […].[6]

Sie sprechen sich gegenseitig mit gentilhombre, caballero, hijodalgo an, auch wenn ihnen rechtmäßig diese Titel nicht zustehen, und sind „aseñorados en mentalidad y costumbres hasta dar su propia y típica versión de la nobleza castellana”.[7] In diesen Schichten dürfte Höflichkeit als Distinktions- und Identitätsmerkmal durchaus eine Rolle gespielt haben.

Am Beispiel der encomienda bestätigt sich ein Teil der These Elias’, nämlich dass gewisse Teile der indigenen Bevölkerung die Macht der Spanier, wenn auch notgedrungen, anerkennen und sich einfügen und anpassen. Dies trifft etwa zu im Fall der caciques, der indigenen Führungsschicht, die nach der Eroberung im Auftrag der neuen weißen Herrscher die indigenen Arbeitskräfte befehligt. Sie tritt den Untergebenen gegenüber streng, dem Herren gegenüber aber servil auf und übernimmt nach und nach dessen Sitten, Gebräuche und Umgangsformen.

El ejemplo de codicia y grandeza que [el cacique] ve en el encomendero, le mueve a imitarle en todo: se viste a la española con el lujo posible, adquiere caballos, bebe vino, ocupa las mejores casas, frecuenta la compañía de los blancos.[8]

Im Übrigen ist (abgesehen von den wenigen zu relativer Macht gekommenen Angehörigen der ehemaligen Oberschicht) zur indigenen sowie zur seit Anfang des 16. Jh. als Sklaven gekommenen schwarzen Bevölkerung zu sagen, dass Höflichkeit nur insoweit eine Rolle spielen dürfte, wie es der Umgang miteinander unbedingt erfordert. Die gegenseitige Abhängigkeit macht auch hier Triebmäßigung unerlässlich, und mit Sicherheit gibt es bestimmte Verhaltenscodices auch bei den Unterschichten. Der identitätsstiftende Charakter der Etikette und die Verfeinerung der Sitten müssen jedoch der Oberschicht zugeordnet werden. Sowohl Elias als auch Bourdieu stellen die Verfeinerung von Verhaltensnormen in einen direkten Zusammenhang mit der Verbesserung des Lebensstandards. Dieser ist bei den breiten Massen niedrig, weil sie hauptsächlich als Arbeitskräfte eingesetzt werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Rolle der Kirche, die nach und nach die große Mehrheit der Urbevölkerung christianisiert. Dabei werden weitgehend präkolumbianische Traditionen unterdrückt und im Rahmen der Bildungsarbeit christliche Werte, Traditionen und Verhaltensnormen vermittelt.

Insgesamt sind die sozialen Schichten im 16. und 17. Jahrhundert noch wenig gefestigt. Die Bereitschaft, die aus dem spanischen Mutterland übernommenen, von Königtum und Adel sowie der hohen Geistlichkeit bestimmten starren Hierarchien gleichsam als gottgegeben bzw. selbstverständlich anzuerkennen und sich kritiklos ein- bzw. unterzuordnen, nimmt ab. Statt Gunst wird Geld zunehmend zum wichtigsten Mittel sozialen Aufstiegs. Die Klasse der encomenderos stirbt langsam aus, nachdem das System von der spanischen Krone abgeschafft wurde, und eine neue Art des Landadels entsteht, die hacendados, wiederum Großgrundbesitzer. Teilweise können sie den Schritt zur Zugehörigkeit zum Adel durch Verleihung von Militärorden und Adelstiteln als Belohnung für militärische, zivile oder wirtschaftliche Dienste vollziehen. In diese Zeit fällt auch ein erstes, von Montandon erwähntes Regelwerk, das nicht mehr aus Europa stammt, sondern direkt in Mexiko erscheint, nämlich El cortesano, verfasst von der Vda de Bernardo Calderón (1655). Später kommt es in Valencia zu einer Neuauflage.[9]

Ab 1630 sind die Vizekönige angehalten, Adelstitel zu verkaufen, um so Finanzdefizite der spanischen Krone auszugleichen. Davon profitieren u.a. einige große Kaufleute, die, ursprünglich aus schwächeren sozialen Schichten kommend, angesichts günstiger wirtschaftlicher Bedingungen große Kapitalstöcke anhäufen und den Grundstein für das Aufkommen eines liberalen Großbürgertums im 18. Jahrhundert legen. Dieses Großbürgertum - bestehend aus criollos, die neue Bildungsideale verwirklichen und sich dabei an der europäischen Aufklärung orientieren - ist hauptsächlich in den Städten ansässig und treibt den Unabhängigkeitsprozess voran. Kulturell dem Bürgertum zuzuordnen sind die im 19. Jahrhundert erscheinenden Manuales de Urbanidad, von denen der Carreño das bekannteste, wenn auch nicht das erste ist.

2. Carreños Manual de Urbanidad y Buenas Maneras

2.1. Der Entstehungszusammenhang des Manual

2.1.1 Historischer Kontext

Die Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit sind in den meisten Regionen Lateinamerikas einerseits geprägt vom Zerbrechen größerer regionaler Einheiten, andrerseits vom administrativen Machtvakuum, das in vielen Teilen des Kontinents zu anarchischen Zuständen führt. Es besteht ein Konflikt zwischen Städten und Land, d.h. zwischen Zentralgewalt und lokalen Caudillos. Erst allmählich gelingt es den zumeist autoritär regierenden und vom Militär gestützten Präsidenten, „durch rigorose Zentralisierung und Repression jenes Mindestmaß an Ordnung zu schaffen, das eine wirtschaftliche und politische Entwicklung ermöglichte“.[10] Die Zentralisierung, die Präsidenten wie Juárez und Porfirio Diaz in Mexiko oder Guzman Blanco in Venezuela voranzutreiben suchen, wird unterstützt durch das in den Städten konzentrierte, wachsende und zunehmend liberal ausgerichtete Handelsbürgertum, das sich in seiner Denkweise an den Werten der europäischen Aufklärung, insbesondere an England und Frankreich orientiert, wobei es sich zusehends vom ehemaligen Mutterland Spanien abwendet. Sein erklärtes Ziel ist die Modernisierung und Zivilisierung der Gesellschaft. Ein zentrales Werk der argentinischen Literatur bezeugt dies: Facundo von Domingo Faustino Sarmiento (1854)[11], das González Stephan in einen direkten Zusammenhang stellt mit den in dieser Zeit so zahlreich erschienenen Benimmratgebern. Bei diesen handelt es sich neben Übersetzungen mehrerer europäischer, vor allem englischer und französischer Anstandsbücher zum ersten Mal auch verstärkt um lateinamerikanische Werke. Torres Septién erwähnt für Mexiko das Buch Máximas de Buena Educación von Pedro Antonio de Septién Montero y Austri (1819). Londoño Vega verweist auf Rufino Cuervo, der 1833 in Bogotá die Breves Nociones de Urbanidad verfasst. Im selben Jahr übersetzt General D. Tomás Iriarte die Cartas completas de Lord Chesterfield a su hijo Felipe Stanhope (auf die auch Carreño auf S. 209 Bezug nimmt); die Übersetzung erscheint in Buenos Aires. In Venezuela folgt 1853 Carreños Manual de Urbanidad y Buenas Maneras, das schnell vergriffen ist.[12]

Der Zusammenhang zwischen sozialer Unsicherheit und dem gehäuften Erscheinen von Anstandsliteratur ist offensichtlich. Das gilt genauso für Europa, beispielsweise im 20. Jahrhundert jeweils in der Zeit nach den Weltkriegen. Er erklärt sich aus dem Bedürfnis nach klaren Vorgaben, nach Regeln, an die man sich halten kann, wenn durch den Umsturz gesellschaftlicher Strukturen Verunsicherung eintritt. Das Anstandsbuch wird zur Orientierungshilfe. Was diese Bücher vermitteln, in welche Richtung sie den Leser lenken möchten, hängt ab von historischen und kulturellen Gegebenheiten sowie den Werten und ideologischen Strömungen der entsprechenden Zeit, von denen der Autor beeinflusst und geleitet wird.

So machen es sich lateinamerikanische Anstandsbücher, die weitgehend in England und Frankreich gängige Verhaltensmuster aufgreifen, zur Aufgabe, die Bevölkerung im Sinne einer Europäisierung der Gesellschaft umzuerziehen, zu „zivilisieren“, vermeintliche kulturelle Rückständigkeit aufzuholen, Sicherheit und Stabilität zu schaffen und damit auch nach außen das Bild einer zivilisierten Nation zu etablieren. Gleichzeitig haben sie laut González Stephan Anteil an der Konstruktion der Nationalstaaten. Ebenso wie Symbole entworfen würden, die die neue Nation in Zukunft verkörpern sollten, müssten die zukünftigen Bürger erst geformt werden. So sei der im Manual beschriebene ciudadano eine Vision bzw. ein Modell des Bürgers, der die Städte der neu entstandenen Nationalstaaten bevölkern sollte.[13] Der Wunsch nach Frieden und Ordnung verstärkt sich noch während des in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkeimenden Modernismo. Die Wirtschaft modernisiert sich, und Lateinamerika gliedert sich in die international arbeitsteilige Wirtschaft ein. Gleichzeitig stabilisiert sich in vielen Gebieten die politische Lage. Die Infrastruktur wird ausgebaut, Theater werden eröffnet und Zeitungen gegründet. Parallel verschärft sich noch einmal der Konflikt zwischen Stadt und Land. Traditionelle, an den Landbesitz gebundene Werte, die sowohl die Landbevölkerung als auch konservative Teile der Stadtbevölkerung noch als gültig anerkennen, werden überdeckt von den neuen, an europäischen Gesellschaften orientierten Werten des Bürgertums und verschmelzen teilweise mit ihnen. Wer „a la moda“ oder auch „zivilisiert“ sein will, passt sein Verhalten an jenes an, das in Europa akzeptiert ist. Gleichzeitig erfordert die Möglichkeit, ins Theater zu gehen bzw. andere, vorher weitgehend unbekannte oder zumindest weniger stark verbreitete Angebote der Freizeitgestaltung wahrzunehmen, eine neue Definition dessen, was „privat“ und was „öffentlich“ ist.

Vor diesem spezifischen Hintergrund entsteht das Manual und findet mehr und mehr Anklang. In den folgenden Kapiteln soll aufgezeigt werden, inwiefern sich die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und die zeitgenössischen Ideen in ihm abbilden und wie Carreño sich den idealen Bürger vorstellt, um danach Überlegungen anzustellen, inwieweit das Manual noch in die heutige Zeit passt.

2.1.2 Der Autor

Antonio Manuel Carreño wird 1812 in Caracas als Sohn des Kapellmeisters der Kathedrale von Caracas, Cayetano Carreño geboren, gehört also selbst dem städtischen Bürgertum an. Das Elternhaus vermittelt ihm und seinen Geschwistern eine fundierte Bildung, auch auf musikalischem Gebiet. Carreño interessiert sich für Pädagogik, gründet 1841 das colegio Roscio und übersetzt einige pädagogische Werke. Im Jahr 1853 veröffentlicht er sein Manual, dessen Gebrauch 1855 offiziell vom Congreso Nacional empfohlen wird. Im Mai 1861 erfolgt seine Ernennung zum Außenminister, im August desselben Jahres zum Finanzminister. 1862 geht er nach New York und Paris und arbeitet dort als Musiklehrer. Nebenbei unterrichtet er seine Tochter, die Pianistin Teresa Carreño, deren Bekanntheitsgrad den ihres Vaters wohl übersteigt. Carreño stirbt 1874 in Paris, sein Manual, in den folgenden Jahren immer wieder neu aufgelegt, wird zum bedeutendsten Anstandsbuch Lateinamerikas.

2.2 Aufbau, inhaltliche Schwerpunkte und Stil

2.2.1 Aufbau und Schwerpunkte

Carreños Werk gliedert sich im Wesentlichen in zwei Teile. Dem eigentlichen Manual schickt er einen 33 Seiten langen Teil über die Deberes Morales del Hombre voraus, in denen er die Pflichten des Menschen gegenüber Gott, den Eltern, dem Vaterland, den Mitmenschen und sich selbst beschreibt. Diese Pflichten dienen als Legitimationsgrundlage der Verhaltensnormen, die im Manual aufgeführt werden. Das erste Kapitel des eigentlichen Manuals beschreibt Principios generales und liefert u.a. eine Definition dessen, was Carreño unter Urbanidad versteht:

Llámese urbanidad al conjunto de reglas que tenemos que observar para comunicar dignidad, decoro y elegancia a nuestras acciones y palabras, y para manifester a los demás la benevolencia, atención y respeto que les son debidos. (S. 46)

Dieses Kapitel enthält ebenfalls eine Definition der Etiqueta:

La etiqueta es una parte esencialísima de la urbanidad. Dase este nombre al ceremonial de los usos, estilos y costumbres que se observan en las reuniones de carácter elevado y serio, y en aquellos actos cuya solemnidad excluye absolutamente todos los grados de la familiaridad y confianza. (S. 47f.)

Es folgen Kapitel über Sauberkeit und Hygiene („Del aseo“, 28 Seiten), das Verhalten im Haus („Del modo de conducirnos dentro de la casa“, 53 Seiten) und außerhalb des eigenen Hauses („Del modo de conducirnos en diferentes lugares fuera de nuestra casa“, 35 Seiten), das Verhalten in Gesellschaft („Del modo de conducirnos en sociedad“ mit mehreren Unterkapiteln wie Konversation, Besuche und Tischsitten, insgesamt 224 Seiten) und schließlich verschiedene Anwendungsfälle von Höflichkeit („Diferentes Aplicaciones de la Urbanidad“, 31 Seiten). Dazu kommen zwischen die Kapitel geschobene „Recuadros“ mit praktischen Hinweisen zu Themen wie „Geschenke“, wobei es sich aber vermutlich um Ergänzungen der Verleger handelt.

Krumrey arbeitet in seiner Analyse der Entwicklungsstrukturen von Verhaltensstandarden in deutschen Anstandsbüchern von 1870-1970 sechs Beziehungstypen heraus, die in jedem der Bücher angesprochen werden. Es handelt sich um die Beziehung von Individuen zu sich selbst (Typ I) sowie zwischen älteren und jüngeren (Typ II), männlichen und weiblichen (Typ III), höher- und niedrigerstehenden (Typ IV), einander näher- und fernerstehenden (Typ V) und mehr und weniger stigmatisierten Individuen (Typ VI). All diese Kategorien finden sich auch im Manual wieder, wie die Arbeit verdeutlicht, ohne jedes Mal explizit darauf hinzuweisen.

[...]


[1] Montandon 1995, S.104

[2] Díaz del Castillo 1848, S. 211f., Originalorthographie der Übersetzerin

[3] Díaz del Castillo 1848, S. 201ff.

[4] González Molina 2001, Internet. Auffällig ist die Nähe zu europäischen Verhaltensnormen. So wird es als wichtig angesehen, Maß zu halten bei allen Gelegenheiten, eine Idee, die auch moderneren europäischen Konzepten von Anstand nicht fremd ist. Dass es auch bei den Azteken Regeln für das Essen und Kleidung gibt, zeigt, dass es sich hierbei um zentrale Bereiche des Themas Höflichkeit handelt.

[5] Vicens Vives 1971-, Bd. 3, S. 379

[6] Vicens Vives 1971-, Bd. 3, S. 360

[7] ibid.

[8] Vicens Vives 1971- Bd. 3, S 390

[9] Montandon 1995, S. 113

[10] Rössner 2002, S. 131

[11] Sarmiento bringt darin, wie Rössner schreibt, die argentinische Geschichte nach der Unabhängigkeit „auf eines jener suggestiven Schlagworte, die sofort von jedermann als die Lösung aller Rätsel empfunden werden. Es ist die alternative Formel civilización – barbarie“ (Rössner 2002, S. 178, Hervorhebung des Autors).

[12] Die für die Analyse verwendete Auflage erschien 2004 als 11. Neudruck der 1. Auflage beim Panamericana Editorial Ltda in Bogotá und ist, verglichen mit der Originalausgabe, ergänzt um einige Punkte wie Auto und Reisen.

[13] González Stephan 1994, S. 110. Lander beobachtet weiterhin, dass der Bürger, wie er in Carreños Manual gezeichnet wird, relativ genau den Romanhelden dieser Zeit enspricht: „Sin lugar a dudas, los personajes de la novela romántica sentimental hispanoamericana son la personificación de ese sujeto ideal que se plasma en las páginas de los manuales de urbanidad“ (Lander 2001, S.22).

Details

Seiten
60
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638896429
ISBN (Buch)
9783638896436
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85367
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Formen Höflichkeit Darstellung Lateinamerika

Autor

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Titel: Formen der Höflichkeit und ihre Darstellung in Lateinamerika