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Frauenbild und Geschlechternivellierung in Elementarteilchen

Michel Houellebecqs Roman unter feministisch literaturtheoretischen Aspekten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das weibliche Identifikationsangebot
2.1 Die vereinsamte Karrierefrau
2.1 Die Esoterikerin
2.3 Die Hedonistin

3. Immanenz und Objektstatus der Frau -Das Absolute und das Andere
3.1 Der Muttermythos im Spiegel der Immanenz

4. Das Verhältnis von Mann und Frau und die Dekonstruktion von Geschlecht

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Michel Houellebecq –von den einen als provokativer Skandalautor, von den anderen als überzeugender Diagnostiker der Folgen liberaler Ideale gehandelt- mußte sich bis heute aufgrund als rassistisch und frauenfeindlich angesehener Inhalte seiner Romane zahlreicher Angriffe unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen erwehren. Während ihm islamische Glaubensgemeinschaften die Veröffentlichung volksverhetzender Schriften vorwerfen, mißfällt vor allem feministischen Vereinigungen das in seinen Romanen Elementarteilchen und Plattform transportierte Frauenbild und die Verherrlichung des Sextourismus.

An den feministischen Diskurs über Houellebecqs Werk anknüpfend, habe ich mir zur Aufgabe gestellt, mich seinem Roman mittels herausgegriffenen Aspekten feministischer Literaturtheorie und dementsprechenden Ansätzen verschiedener Theoretikerinnen zu nähern. Da ich mich in meiner Hausarbeit mit seinem zweiten veröffentlichten Roman Elementarteilchen beschäftige, in welchem Sextourismus (im Sinne eines Austausches der Ressource Geld gegen Sex) keine zentrale Rolle spielt, richte ich mein Augenmerk in besonderer Weise auf die Charakterisierung der weiblichen Protagonisten, deren Status in Beziehungen und auf die Negierung bis hin zur Aufhebung vorgegebener Geschlechterkategorien.

Beginnend mit einer Analyse des in Elementarteilchen präsentierten weiblichen Identifikationsangebotes, die in einer vereinfachten Typologie der vorgeführten weiblichen Charaktere mündet, widme ich mich in einem anschließenden Kapitel der Darstellung immanenzverhafteter und als Objekt gesetzter Frauen. In letzterem Teil, aber auch in dessen Unterkapitel zum Muttermythos, berufe ich mich weitestgehend auf Simone de Beauvoirs Ausführungen zu Sitte und Sexus der Frau.

Das im Roman beschriebene Verhältnis von Mann und Frau und die Dekonstruktion von Geschlechterrollen, aber auch in letzter Instanz die Dekonstruktion des biologischen Geschlechts soll in einem weiteren Schritt thematisiert werden.

Abschließend werde ich in einem Fazit noch einmal die wichtigsten Ergebnisse sammeln und anhand meiner Analyse eine eigene Stellungnahme zu feministischen Einwänden gegenüber Houellebecqs Roman Elementarteilchen wagen.

2. Das weibliche Identifikationsangebot

Um einen feministisch literaturtheoretischen Blick auf Houellebecqs Erzählung zu werfen, scheint mir zunächst einmal wichtig festzustellen, daß es sich hierbei um die Darstellung der Biographien zweier männlicher Protagonisten durch einen männlichen Autor handelt. Das weibliche Identifikationsangebot[1] beschränkt sich demnach lediglich auf die untergeordneten Frauenfiguren, welche in Houellebecqs Roman Erwähnung finden. Betrachtet man nun die beiden weiblichen Protagonisten Annabelle und Christiane, denen als Gegenfiguren zu den eigentlichen zweifelhaften Helden des Romans Michel und Bruno ein größeres Maß an Aufmerksamkeit des Autors zuteil wird, so tragen diese bezeichnenderweise Anteile klassischer Frauenbilder wie von Goethes Gretchen oder Shakespeares Ophelia in sich. Sowohl Annabelle als auch Christiane erwecken Mitleid beim Leser. Während erstere als tragisch schönes Lustobjekt vergeblich nach Liebe sucht und schlußendlich, ihrer Gebär-mutter und somit ihrer (physischen) Weiblichkeit beraubt[2], unter Realitätsverlust leidet, bezahlt letztere ihre Flucht aus dem tristen und vereinsamten Alltag in ein ausschweifendes Sexualleben schlußendlich mit einer Körperbehinderung. Beide wollen der Gesellschaft, bzw. ihren Partnern (sofern der Begriff der Partnerschaft bei Houellebecq überhaupt anwendbar ist) nicht zur Last fallen und begehen in aufopfernder Weise Selbstmord.

Mit diesen, aber auch den vielfältigen anderen randständigen Frauenfiguren, die vor allem anhand physischer Merkmale charakterisiert werden und auf welche ich in einer diesem Kapitel angehängten Kurztypisierung näher eingehen werde, fällt es als Leserin schwer, zu sympathisieren, geschweige denn sich zu identifizieren. Bleibt also den weiblichen Lesern nur, wie Ruth Klüger betont, männliches Handeln und Denken, männliche Erotik und männlichen Ehrgeiz nachzuvollziehen und somit einen doppelten Energieaufwand zu leisten, indem sie zum einen die Distanz zu den männlichen Hauptprotagonisten und zum anderen zur Lebenserfahrung des „weißen, christlichen, männlichen Autors“ mittels Anpassung und Einfühlung überbrücken[3]. Zwar macht es Houellebecq dem Leser an sich nicht gerade leicht, sich mit seinen radikal überspitzten Charakteren zu identifizieren, die sich auch bei den männlichen Antihelden durch wenig sympathische Eigenschaften wie Selbsthaß und Empfindungslosigkeit auszeichnen und aufgrund ihrer Eindimensionalität mehr Fallstudien als realen Menschen gleichen, dennoch ist Lesen m.E. immer ein kreativer Akt und nicht nur Nachvollzug, so daß der Leser unweigerlich auf Identifikationsmomente zurückgreift.

Um an dieser Stelle anschaulicher zu machen, inwiefern der Autor solch emphatische Momente mit seinen weiblichen Protagonisten erschwert, möchte ich das Kapitel mit dem Versuch einer Typologie[4] der weiblichen Charaktere in Elementarteilchen abschließen, wobei ich aufgrund der äußerst zahlreichen weiblichen Nebenfiguren eine exemplarische Auswahl getroffen habe. Vergeblich wird man in dieser Typologie die Figuren Christiane und Annabelle suchen, da sie differenzierter, ja „charakterähnlicher“ sind, wenngleich auch sie Anteile folgender Kategorien in sich tragen. Zumindest sind sie die einzigen Frauen in Elementarteilchen, die eigene Meinungen haben und aus deren Perspektive dem Leser Sachverhalte demonstriert werden, d.h. die nicht allein wie Jutta Osinski sagt „zur Charakterisierung der männlichen Protagonisten“[5], in unserem Fall der Brunos und Michels dienen.

2.1 Die vereinsamte Karrierefrau

Gleich zu Anfang sieht man sich mit zwei Frauen dieses Typus konfrontiert. Während Djerzinskis wissenschaftliche Nachfolgerin neben ihrem Äußeren durch ihre Ehelosigkeit und ihre mutmaßliche Angewiesenheit auf Selbstbefriedigung charakterisiert wird, zeichnet sich seine Nachbarin allein durch ihre langen Arbeitszeiten als Redakteurin und das Nichtvorhandenseins einer Katze, die ihr in einsamen Stunden Gesellschaft leisten könnte, aus. Wenn der Autor in Frage stellt, daß die Forscherin sich über ihren Karrieresprung freut, oder daß die Redakteurin von „20 ans“ unentwegt arbeitet, unterstellt er implizit, daß Karrierefrauen zu beziehungslosen und in einem weiteren Schritt glücklosen Wesen werden. Houellebecq unterstreicht diese Annahme, indem er über das Medium der Umfragen und Zeitschriften vermittelt:

„Die Mädchen von heute sind besonnener und rationaler. Sie waren vor allem auf ihren schulischen Erfolg bedacht und darum bemüht, sich eine solide berufliche Zukunft zu sichern. [...] Natürlich verschlossen sie sich dadurch jeder Möglichkeit des Glücks- da dieses untrennbar mit Zuständen regressiver Verschmelzung verbunden ist, die mit dem praktischen Gebrauch der Vernunft unvereinbar sind [...]“.[6]

2.2 Die Esoterikerin

Meist finden sich unter dieser Kategorie Feministinnen bzw. Exfeministinnen der 68er Generation, die ihrem Leben einen tieferen Sinn mittels New-Age-Praktiken und einer Art Mystifizierung ihres Daseins geben wollen (was sich nach Meinung Christianes bei genauerer Betrachtung als Selbstbetrug erweist, der mit der Resignation vor dem Alter und der damit einhergehenden sexuellen Frustration begründet ist). Die bretonische Katholikin, die Rosenkreuzerin oder die von Bruno als „Karma-Lehrmeisterin“ bezeichnete Dozentin seines Creative-Writing-Kurses sollen hier als Fallbeispiele ausreichen[7].

Die Frau, die sich als Hexe oder Heilerin guten oder bösen Mächten verschrieben hat, ist ein von jeher in zahlreichen Kulturen und nicht erst seit dem Mittelalter tradiertes Bild. Zum einen findet sich darin die Nähe zur Natur, zur „Mutter Erde“, die Frauen in erster Linie aufgrund ihrer Fähigkeit, Leben zu spenden zugeschrieben wird, zum anderen aber auch die Fähigkeit der Frau zur Hingabe an ein transzendentes Wesen und somit zur Religiösität. Auch Simone de Beauvoir geht auf diesen Frauentypus ein, wenn sie über die Mystikerin schreibt:

„Die Frau ist es gewöhnt, auf Knien zu leben. Normalerweise erwartet sie, daß ihr Heil von oben kommt, aus dem Himmel, wo die Männer thronen.[...] Menschliche und göttliche Liebe gehen ineinander über, nicht weil die letzte eine Sublimierung der ersten wäre, sondern weil auch die erste eine Bewegung auf ein Transzendentes, auf das Absolute hin ist.“[8]

Bezogen auf die Esoterikerinnen in Houellebecqs Elementarteilchen könnte man demnach annehmen, daß der Verlust ihrer Jugend, der Körperkult und die Abschaffung der Ehe und Zweisamkeit zu der sie selbst in den 68ern maßgeblich beigetragen haben, sie nun in die „Hände Gottes“ treibt. Denn „für diese Frauen waren in fast allen Fällen die Jahre der Reife eine Zeit des Versagens, der Masturbation und der Schmach“[9] -eine Flucht in Religiösität (oder Selbstmord) also naheliegend.

[...]


[1] Mir ist durchaus bewußt, daß in der traditionellen Literaturwissenschaft das Ideal einer objektiven Herangehensweise an Romanfiguren vorherrscht und eine Identifikation aus diesem Grunde nicht als wünschenswert gilt. Da ich mich bei meiner Arbeit aber für eine feministische Zugangsweise entschieden habe und die Literaturwissenschaft etwas von Männern gemachtes ist, möchte ich mein Interesse an den weiblichen Identifikationsfiguren mit Ruth Klügers Feststellung begründen, daß Frauen anders, ja emphatischer und in gleicher Weise auf ästhetische Kriterien und Inhalte bedacht lesen. Vgl. Klüger, Ruth: „Frauen lesen anders“ in: „Frauen lesen anders. Essays“ S. 83-104, München 1996.

[2] Denn nach Simone de Beauvoir zu urteilen reduziert ein Großteil der Männer die Frau auf Uterus und Ovarien- also auf ihre biologische Reproduktionsfähigkeit. Vgl. Beauvoir, Simone de: „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ S. 9-12, Hamburg 2000.

[3] Vgl. Klüger, Ruth: „Frauen lesen anders“ in: „Frauen lesen anders. Essays“ S. 96, München 1996.

[4] Da ich den Topos der Mutter bzw. der Mütterlichkeit bei einer feministischen Ansichtsweise von Houellebecqs Roman für besonders wichtig halte, habe ich mich dazu entschieden, diesem Thema beim Kapitel zur Immanenz der Frau ein eigenes Unterkapitel zu widmen.

[5] Osinski, Jutta: „Einführung in die feministische Literaturwissenschaft“ S.13, Berlin 1998.

[6] Houellebecq, Michel: „Elementarteilchen“ S.318 Köln 2000.

[7] Vgl. hierzu: ebenda S. 121-131.

[8] Beauvoir, Simone de: „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ S. 831, Hamburg 2000.

[9] Houellebecq, Michel: „Elementarteilchen“ S. 120, Köln 2000.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638015646
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85322
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Schlagworte
Frauenbild Geschlechternivellierung Elementarteilchen

Autor

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Titel: Frauenbild und Geschlechternivellierung in Elementarteilchen