Lade Inhalt...

Jugendliche bei den Zeugen Jehovas. Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung und beim Ablösungsprozess vom Elternhaus

Hausarbeit 2001 23 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Begriff „Sekte“
2.1 Versuch einer allgemeinen, modernen Erläuterung und Differenzierung
2.2 Kurzer geschichtlicher und ideologischer Überblick über die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas

3. Die Jugendphase
3.1 Differenzierung und Abgrenzung
3.2 Identitätsbildung bei Jugendlichen und deren Einflußgrößen
3.3 Die Ablösung vom Elternhaus

4. Sozialisation von Jugendlichen bei den Zeugen Jehovas
4.1 Erziehungsvorstellungen und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung
4.2 Konflikte und Konsequenzen beim Ablösungsprozeß
4.3 Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationsinstanzen „Schule“ und „Peer-Group“

5. Schluß/ Bewertung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Derzeit soll es in der Bundesrepublik rund sechshundert Sekten, sektiererische Gruppen und Glaubensgemeinschaften geben, sogar „vereinnahmende Gruppen“1, die „Gehirnwäsche“2 betreiben. Die Zahl der Anhänger beläuft sich nach Schätzungen auf ca. zwei Millionen, von denen nach Angaben des Kinderschutzbundes rund zweihunderttausend Minderjährige sind- alleine achtzigtausend sind davon den Zeugen Jehovas angehörig.3 So vielfältig die Begriffswahl im Volksmund – auf Seiten von Kirchenbeauftragten, Sektenkritikern, Politikern oder der allgemeinen Bevölkerung – ist, so vielfältig ist also auch das Angebot dieser Gruppierungen auf dem „Psychomarkt“ selbst. Die Auseinandersetzung mit dem Thema über auftretende Probleme und Konflikte von Anhängern und Aussteigern beschäftigt seit je her die Öffentlichkeit. In den letzten Jahren ist diese Problematik in den Medien verstärkt aufgegriffen worden. Sondermagazine und Reportagen im Fernsehen sowie alltägliche Talkshows befassen sich mit der „multireligiösen“4 Interessenvielfalt der Menschen. Und immer wieder kommt es zu Skandalmeldungen in der Presse:

So auch im Falle der jungen Daniela Fürstenberg, der es zwar gelang, sich nach sechsundzwanzig Jahren Bindung von den Zeugen Jehovas zu lösen; sich dann aber im März 2000 mit achtundzwanzig Jahren auf tragische Weise das Leben nahm.5

Spätestens anhand solcher Meldungen erhitzen und scheiden sich die Gemüter in der öffentlichen Diskussion um die religiöse Toleranz bzw. Intoleranz unserer Gesellschaft. Meiner Meinung nach kein leichtes Unterfangen, dreht es sich doch bei dieser Auseinandersetzung über die Akzeptanz und den Umgang mit diesen Gruppen und ihren Mitgliedern häufig um den im deutschen Grundgesetz (GG) verankerten Artikel 4 der „Glaubens- und Gewissensfreiheit“. Nach dieser verbindlichen Norm wird jedem Menschen das Recht zugesichert, seine religiöse Gesinnung frei artikulieren zu dürfen- und demnach ebenfalls seinen Glauben und die damit zusammenhängenden Traditionen, Regeln und Riten zu praktizieren. Doch wo liegen die Grenzen die Grenzen dieser unantastbaren Religionsfreiheit? Kann sich zum Beispiel eine Sekte in diesem gesetzesverankerten Schutz wiegen, wenn sie eine bestimmte religiöse Erziehungspraxis an ihren minderjährigen Anhängern ausübt? Immerhin räumt das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) nach § 1 jedem jungen Menschen das Recht ein, in seiner Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, gefördert zu werden.

In diesem Zusammenhang hat mich bei der Wahl des Themas meiner Hausarbeit auch das Alter meiner zu betreuenden Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) aus dem Arbeitsfeld der Heimerziehung beeinflußt. Wie verhält es sich mit der oben erwähnten, gesetzlich reglementierten, spirituellen Freiheit bei jungen Menschen, die sich in einem enormen seelisch-körperlichen und sozialen Reifeprozeß befinden? Wie setzen sie sich damit auseinander, zudem, wenn sie bereits von Kindesbeinen an in ein solch „geschlossenes soziales System“6 hineingeboren und in ihm aufgewachsen sind? Und – welche Konflikte ergeben sich dadurch insbesondere während der Jugendphase in Bezug auf ihre Identitätsbildung und beim Ablösungsprozeß von ihren Eltern?

Insbesondere der zuletzt gestellten Frage möchte ich mich in meiner Hausarbeit intensiv widmen, weil ich die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit ihrer Relgionszugehörigkeit, ihrem Glauben und eventuell daraus resultierender Konsequenzen bezüglich ihrer Persönlichkeitsentwicklung als sehr wichtig erachte. Ich habe mir zur Verdeutlichung dieser Fragestellung die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgesucht.

2. Begriff „Sekte“

2.1 Versuch einer allgemeinen, modernen Erläuterung und Differenzierung

Wie schon aus dem Anfang der Einleitung hervorgeht, gibt es bei der Definition und der Eindeutigkeit des Begriffs „Sekte“ Schwierigkeiten.

Zunächst einmal ist das Wort Sekte aus dem Lateinischen abgeleitet, denn „secta“ bedeutet übersetzt „Richtung“ oder auch „Schule“. Ebenso prägte das lateinische Wort „secare“ (abschneiden, trennen) die Bedeutung des Begriffs.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht bedeutet Sekte die Abspaltung von einer bestehenden, oftmals christlichen Religion. Anfangs „war das Christentum zunächst – zumindest aus der Sicht des Judentums – eine jüdische Sekte, schließlich verstand Jesus sich als jüdischer Rabbi (...). Um einen heiligen Meister, um den Wanderprediger Jesus, entwickelt sich eine neue Lehre, später wird diese in Berichten festgehalten und von seinen Anhängern verbindlich autorisiert.“7 So gibt es auch in allen anderen Hochreligionen, wie z.B. im Islam, Buddhismus oder Hinduismus, Sekten. Die sich von der Mutterreligion aus definierende und abspaltende Gruppe intendiert, den ursprünglichen Sinngehalt der Lehre neu zu entfachen bzw. sie zu reformieren. „Das Eigentliche (...) soll aus dem Verfall wiedergewonnen oder zur Vollendung gebracht werden. Die entstellte Wahrheit soll neu enthüllt, der rechte Weg und die rechte Ordnung der Gemeinschaft aufgezeigt werden. Die wenigen Treuen sollen aus den vielen Lauen gesammelt, die Geretteten von den Verlorenen getrennt werden.“8

Doch kaum eine solche Gruppe bezeichnet sich selbst als Sekte, als Abweichler von der bestehenden Religion.

Zum einen ergibt sich daraus, daß sie für sich einen gewissen Absolutheitsanspruch erhebt. Sie versteht sich und ihre Anhänger als exklusiv, betrachtet ihre Neuinterpretation der ursprünglichen Lehre als die einzig universell geltende- und akzeptiert somit keine anderen Lehren, die den Menschen Heil bringen und den Sinn des Lebens aufzeigen könnten, handelt demzufolge wider der eigentlichen Tradition. Im Hinduismus oder Buddhismus bestehen oftmals eigentliche Religion parallel zueinander, geben unterschiedlichen Ausprägungen von Lehre und Praxis Freiraum.

Zum anderen liegt dies in der Tatsache begründet, daß das Wort Sekte heutzutage in der Öffentlichkeit einige, negativ belastete, Bedeutungen mit sich bringt. So verbinden Menschen mit ihm Begriffe wie „Geldmacherei“, „Gehirnwäsche“, „Abhängigkeit“ oder „Ausbeutung“.9 Umgangssprachlich und sozialpsychologisch betrachtet, beschreibt der Sektenbegriff eine Gruppe oder Organisation, die sektiererische Züge aufweist. So löst sie ihre Anhänger aus dem bisherigen sozialen Umfeld heraus und bindet sie an sich. Es gibt meist eine hohe Gruppenidentität mit daraus resultierendem Gruppendruck. Gleichzeitig wird von den Mitgliedern der unbedingte Gehorsam gegenüber einem Führer oder einer Führungselite erwartet. Doch dabei kann es sich auch um konfliktträchtige Abspaltungen, um Abkapselungen von der Gesellschaft handeln, die keineswegs aus religiösem Hintergrund entstanden sein müssen. Ebenso gibt es wirtschaftliche und politische Gruppierungen, auf welche die Bedeutung des theologischen Sektenbegriffs nicht zutrifft. Diese werden eher aufgrund ihrer Gefahrenpotenziale hinsichtlich einer freien Entfaltung der Persönlichkeit, einer individuellen Willensbildung oder in Bezug auf die körperliche und seelische Gesundheit eines Menschen definiert oder bewertet- und von den klassischen Sekten abgegrenzt.10

2.2 Kurzer geschichtlicher und ideologischer Überblick über die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas

Der ursprüngliche Name der heutigen Zeugen Jehovas war zunächst „Ernste Bibelforscher“ und wurde erst 1931 durch Joseph Franklin Rutherford umgewandelt. Charles Taze Russel (1852-1916) gründete 1870 aufgrund eigener Glaubenszweifel die o.g. Bibelstudiengruppe und verfaßte seine eigene Interpretation der Bibel. Der Inhalt seiner Lehre „zielte auf ein persönliches Glaubensleben, auf die persönliche Hinwendung zu Christus und die Abkehr vom sündigen Treiben“11 und wurde 1879 erstmalig in der Zeitschrift „Der Wachtturm“ verbreitet. Zwei Jahre später gründete er die Wachtturmgesellschaft in Pittsburgh/USA als Aktiengesellschaft und verkündete, daß Jesus 1914 wiederkommen und damit die Endzeit anbrechen werde. Weitere Zeitpunkte für den Untergang der Welt wurden für die Jahre 1915, 1916, 1925 und zuletzt 1975 prophezeit. Nach dem Nichteintreffen der Aussagen berufen sich die Zeugen jetzt auf keinen bestimmten Zeitpunkt mehr. Vielmehr wird behauptet, Jesus hätte bereits 1914, für die Menschen unsichtbar, im Himmel seinen Herrscherthron bestiegen und somit die „Königreichsherrschaft Gottes“ eingeleitet. Die Zeugen glauben, daß im Krieg von „Harmagedon“ – dessen Zeitpunkt nun offen gehalten wird, jedoch unmittelbar bevorstehen soll – alle irdischen vernichtet werden. Sie bezeichnen alles Weltliche als das „System der Dinge“, welches unter der Leitung Satans steht, und sind angehalten, dieses möglichst zu meiden. Nach dem vollzogenen Endkampf soll das tausend Jahre andauernde Friedensreich anbrechen, das der Vorstellung des biblischen Paradieses entspringt. Jedoch können nur die Menschen gerettet werden, die sich zu Lebzeiten zu Jehova – der auf der eigenen Bibelüberstzung („Neue-Welt-Übersetzung“) basierende Name Gottes – bekannt haben. „Aufgabe des Zeugen Jehovas ist es, die „Wahrheit“, die „frohe Botschaft“ von 1914 zu erkennen und zu predigen, d.h. im Besuchsdienst weiterzugeben. Dadurch erwirbt er sich das Heil, die Rettung in Harmagedon und den Zutritt zur „Neuen Welt“12 ; und trägt in der durch die Taufe erhaltene Rolle des „Verkündigers“ mit seinem Predigtdienst dazu bei, die Menschen vor dem Weltuntergang zu retten.

Nach neueren Statistiken des Statistischen Bundesamtes gab es bei den Zeugen Jehovas in der BRD 1999 durchschnittlich 164.263 Verkündiger und 3.751 Taufen. Der zeitliche Aufwand für Predigtstunden belief sich auf 24.455.539, woraus 2.107 neugeworbene Mitglieder resultierten. Die Zahl der Aussteiger betrug 2.107.

[...]


1 Stamm, 1995, S.220

2 Eimuth, 1997, S.14

3 Vgl. Eimuth, 1996, S.9

4 Eimuth, 1997, S.11

5 Vgl. Frau im Leben, Oktober 1999, zitiert nach http://www.xzj-infolink.de

6 Eimuth, 1996, S.10

7 Eimuth, 1997, S.13

8 Hemminger, 1996, S.15

9 Eimuth, 1997, S.14

10 Vgl. ZEIT Punkte, 4/97, S.8 f.

11 Kaiser/Rausch, 1996, S.122

12 Eggenberger, Oswald, zitiert nach Eimuth, 1996, S.174

Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638154819
ISBN (Buch)
9783638697477
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8531
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Fachbereich SOZIALWESEN
Note
1,8
Schlagworte
Jugendliche Zeugen Jehovas Schwierigkeiten Identitätsbildung Ablösungsprozess Elternhaus Peer Sekte Religion Pubertät Familie Adoleszenz Eltern

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Jugendliche bei den Zeugen Jehovas. Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung und beim Ablösungsprozess vom Elternhaus