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Die Funktion des Dosenlachens in US-Amerikanischen Sitcoms

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Funktion des Dosenlachens bei Sitcoms
2.1. Definition der Sitcom
2.2. Die Komik bei Sitcoms
2.3. Die Geschichte des Dosenlachens
2.4. Die Funktion des Dosenlachens

3. Das Dosenlachen als interpassives Phänomen
3.1. Interpassivität und interpassive Medien
3.2. Interpassive Phänomene und die dritte Position
3.4. Das Dosenlachen als Strategie der Sitcoms

4. Abschluss

5. Literatur

1. Einführung

Das Dosenlachen ist ein untrennbarer Bestandteil US-Amerikanischer Sitcoms. Das mechanische, in regelmäßigen Abständen hörbare Gelächter wirkt zunächst aufgesetzt und befremdlich. Es erscheint daher oft ‚dumm‘ und wird als Beweis für die Dummheit der Zuschauer oder der Serien verachtet[1]. Dennoch scheint sich die Nutzung des Konservengelächters in den mehr als fünfzig Jahren seiner Geschichte bewährt zu haben, denn eine Sitcom ohne Dosenlachen ist kaum vorstellbar oder sie wird von vielen Fernsehzuschauern als weniger komisch empfunden als jene, in denen ein unsichtbares Publikum lacht, jubelt, klatscht oder kreischt.[2]

Das Konservengelächter ist eine spezifische Fernseherscheinung und war ursprünglich dazu gedacht, dem einsamen Fernsehzuschauer das Gefühl zu vermitteln, sich als Teil eines Publikums an ein gemeinschaftliches Erlebnis zu beteiligen, um ihn auf diese Weise zum Mitlachen zu animieren. Das canned laughter wird im Sitcom-Format in erster Linie dazu eingesetzt, die Fadheit der Pointen zu überspielen oder nachträglich zu signalisieren, dass eine Szene oder ein Gag komisch sein sollte. Es stellt sich die Frage, ob ein nachträglicher Hinweis auf eine komische Situation, die der Zuschauer nicht als solche empfunden hat, dazu ausreicht, ihn zum Mitlachen anzuregen.

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie das Dosenlachen funktioniert, ob es die Fernsehzuschauer tatsächlich zum Lachen bringt oder sie, im Gegenteil, davon abhält - und welche Mechanismen jeweils dazu führen -, und ob es tatsächlich suggeriert, an einem Gemeinschaftserlebnis teilzuhaben.

Die interessantesten Theorien über das Dosenlachen sind jene, die es als interpassives Phänomen betrachten. „Interpassivität“ ist der von dem Philosophen Robert Pfaller geprägte Gegenbegriff zur in der Kunst- und Medienwelt lange beschworenen „Interaktivität“. In der von Pfaller eingeleiteten Auseinandersetzung[3] wird Interpassivität als ein Delegieren von Konsumtion diskutiert. Interpassive Medien wären entsprechend solche, die ihre eigene Rezeption bereits enthalten. In dieser Diskussion gilt das Dosenlachen als eines der prominentesten Beispiele für Interpassivität.

In dieser Arbeit wird die interpassive Funktionsweise des Dosenlachens untersucht, mit besonderer Berücksichtigung der von Hans Georg Nicklaus entworfenen Theorie der „dritten Position“.

Das Konservenlachen ist ein charakteristisches Phänomen amerikanischer Fernsehkomödien, die auf einer ganz bestimmten Art von Komik basieren. Da das Dosenlachen in dieser Komik eine tragende Rolle spielt, wird zunächst die Komik von Sitcoms untersucht und die geschichtliche Entwicklung des Dosenlachens dargestellt, um eine bessere Einsicht in dessen Funktion zu erlangen.

Da die Theorien zum Dosenlachen als interpassives Phänomen oft außer Acht lassen, dass es unterschiedliche Typen von Zuschauern und, vor allem, unterschiedliche Typen von Sitcoms gibt, werden die Beispiele in dieser Arbeit aus zwei sich deutlich voneinander unterscheidenden Serien stammen: auf der einen Seite Die Nanny (CBS, 1993-1999), die als klassische Familien-Sitcom gelten kann und ausgeprägte typische Sitcom-Elemente aufweist, wie flache Witze und wenig nuancierte, schrille Figuren; auf der anderen Seite Friends (NBC, 1994-2004), die sich als ‚modernere‘ Singles-Sitcom mit einigen Soapopera-Elementen, ausgefeilteren Witzen und mehr Tiefe und Entwicklungspotenzial der Figuren vom klassischen Sitcom-Format abheben will.

2. Die Funktion des Dosenlachens bei Sitcoms

2. 1. Definition der Sitcom

Die Sitcom ist ein ursprünglich US-Amerikanisches Fernsehgenre, das prinzipiell einmal wöchentlich als halbstündiges Format, „dessen Protagonisten sich in vergleichsweise witzigen Situationen wiederfinden“[4], gesendet wird.

Der Begriff Sitcom steht für situation comedy und bezieht sich auf die humorvolle Auseinandersetzung mit einer momentan vorliegenden Situation durch die in der Serie regelmäßig beteiligten Figuren. Der Name „Situation Comedy“ ist darauf zurückzuführen, dass „die Handlung das komödiantische Talent der Darsteller aktiviert“[5], wobei letztendlich weniger der Handlung als den Figuren eine maßgebliche Bedeutung zukommt. Anders als der Name der Situationskomödie nahezulegen scheint, stehen im Zentrum der Sitcom weniger die Situationen oder die Handlungsorte als die Charaktere[6].

Jede Sitcom beruht auf einer klar definierten Gruppe von Figuren, die durch einen konkreten Ort oder einer Reihe von Umständen beschränkt auf neue Begebenheiten in vorhersehbarer Weise reagieren.[7] Die Handlung hat immer die gleiche Sitcom-spezifische Grundstruktur, die auf einer zyklischen Dramaturgie basiert: Die in sich abgeschlossenen Episoden gehen stets von derselben Anfangssituation aus, wobei die einzelnen Handlungsstränge durch eine Störung der Stabilität vorangetrieben werden, bis schließlich die Anfangssituation wiederhergestellt wird.

In der Serie Die Nanny dreht sich die Hauptkonstellation der Figuren um die Familie des britischen Broadway-Produzenten und Witwers Maxwell Sheffield. Er lebt mit seinen drei Kindern und seinem Butler Niles in einem luxuriösen Haus. Das Kindermädchen Fran Fine gehört praktisch zur Familie. Im zentrum der Sitcom steht die erotische Spannung zwischen den gegensätzlichen Figuren der Nanny und ihrem Chef, der seine Zuneigung für Fran verdrängt, und die jahrelangen erfolglosen Annäherungsversuche der Nanny. Ein typisches Beispiel für die Störung der Stabilität der Ausgangssituation in einer Folge ist die Ankunft eines Mannes, der um die Nanny wirbt. Die versteckte Eifersucht von Mr. Sheffield führt ihn dazu, unbewusst das drohende Verhältnis zu boykottieren. Die Nanny wendet sich von dem anderen Mann ab in der Hoffnung, ihr Angebeteter hätte aus der Situation gelernt, dass er sie liebt, und würde ihr einen Antrag machen. Sobald die Gefahr durch den Nebenbühler aber nicht mehr gegeben ist, kehrt Mr. Sheffield zur Verdrängung seiner Gefühle für die Nanny zurück.

Dies bedeutet, dass die Figuren am Ende der Episode keine Entwicklung durchgemacht haben, sondern zum ‚Normalzustand‘ zurückkehren. Das macht es für die ZuschauerInnen einfach, einzelne Episoden ohne genauere Vorkenntnisse zu konsumieren und dem Handlungsstrang zu folgen, da er sich auf die Ereignisse der jeweiligen Folge beschränkt, im Gegensatz zu den Soapoperas, deren jeweilige Episoden nicht in sich abgeschlossen, sondern einer fortwährenden Weiterentwicklung unterworfen sind. Dennoch sind die Genregrenzen manchmal nicht so eindeutig, wie es scheinen mag. Die Serie Friends, zum Beispiel, geht über eine reine Sitcom hinaus und weist viele Soapelemente auf, vor allem in den Beziehungen der Protagonisten untereinander. Die Charaktere der sechs Freunde, die als Singles Anfang dreißig in benachbarten Wohngemeinschaften in New York leben, entwickeln sich im Laufe der Jahre weiter, was sich auch von einer typischen Sitcom unterscheidet. Das Liebesdrama zwischen zwei der sechs Freunden (Ross und Rachel), das allen denkbaren Verwicklungen unterworfen ist, ist über Jahre der Angelpunkt der Serie.

Prinzipiell gilt jedoch für Friends wie für alle Sitcoms: Da sich das Publikum in jeder Folge sofort zurecht finden soll, darf das Grundprinzip der Serie sich nie ändern, es sei denn, Schauspieler (und damit ihre Rollen) scheiden aus oder kommen dazu. Dies hat zur Folge, dass Sitcoms grundsätzlich eine eher konservative Ausrichtung haben. Seriencharaktere dürfen nicht sterben oder ernsthafte bzw. tragische Ereignisse erleben. Sitcoms bemühen sich sehr, eine einmal bewährte Grundstruktur zu bewahren:

Denn schließlich ist es jene gewohnte Stabilität, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer langfristig bindet. Weicht die variierte Ausgangssituation allzusehr von der ursprünglichen ab, kann das Zuschauerinteresse so irritiert werden, daß es letzlich verlorengeht.[8]

Folglich müssen auch Sitcomfiguren klar definiert sein und immer ihrem einmal etablierten Charakter entsprechend handeln, wenigstens in groben Zügen. Genauso wie die Entwicklung der Episodenstoffe ist der Umgang der Figuren mit neuen Situationen absehbar.

Da auch unregelmäßigen oder neuen Zuschauern der Zugang zu den Persönlichkeiten leicht gemacht werden soll, damit sie die Spielregeln der Sitcom schnell erfassen und einer Episode auch ohne Vorkenntnisse mit Vergnügen folgen können[9], sind die Figuren immer gewissermaßen stereotyp und schon anhand ihrer äußeren Erscheinung leicht zu erkennen. In der Nanny, zum Beispiel, sollen die kurzen Röcke und engen Oberteile Ms Fines unmittelbar ihre Extrovertiertheit und ihre Obsession für ein jugendliches Aussehen durchblicken lassen. Die seriöse Kleidung Mr. Sheffields dagegen soll auf seine britische Zurückhaltung und auf die Unvereinbarkeit der beiden Figuren anspielen.

Ein weiteres typisches Kennzeichen der klassischen Sitcom ist die Aufzeichnung im Studio: Die Darsteller agieren auf einer Guckkasten-Bühne, wobei die vierte Wand und die Zimmerdecke der Innenräume nie im Bild sichtbar wird. Für die Handlung folgt daraus eine Beschränkung der Schauplätze auf wenige, stets wiederkehrende Orte, meistens das Zuhause oder der Arbeitsplatz der Figuren. Aus diesem Grund wird der Handlungsort als kategorisierendes Merkmal einer Sitcom herausgestellt.[10] Häufig sind auch Aussenschauplätze wie Straßenecken oder Gartenanlagen als Kulissen im Studio nachgebaut, was die Sitcom ästhetisch in die Nähe der Seifenoper rückt. Die Bühnenwirkung wird durch das Spiel der Darsteller zur imaginären Bühnenrampe und das für das Fernsehpublikum hörbare Gelächter, das entweder vom Studiopublikum stammt oder künstlich hinzugefügt wird, verstärkt.

Die Sitcom wird von Holzer als ein speziell auf die primären Gegebenheiten der Fernsehproduktion abgestimmter Komödientypus beschrieben, der sich den Begrenzungen des Mediums angepasst und aus ihnen eine Tugend entwickelt hat.[11] In diesem Zusammenhang ist auch das Dosenlachen zu verstehen, das ein reines Fernseh-Phänomen ist, das dazu dienen soll, die Wirkung einer Gemeinschaftssituation, wie man sie aus dem Theater oder dem Kino kennt, nachzustellen.

2.2. Die Komik bei Sitcoms

Der erklärte Zweck einer Sitcom ist es, das Publikum zum Lachen zu bringen. Komik ist das tragende Element, das die Geschichte durchzieht und Situation an Situation reiht[12]. Typisch für die Sitcom ist daher die ständige, schnelle Abfolge von Gags, Pointen und komischen Momenten, die sich allerdings im Rahmen einer dramatischen Handlung befinden, was die Situationskomödie von den Comedy-Shows unterscheidet, bei denen Sketche lediglich aneinander gereiht werden.

Die Witze an sich gelten als meist nicht besonders raffiniert, sondern überwiegend albern, unoriginell und platt[13]. Das Grundmuster der Gags ist der running gag: ein Witz oder eine Anspielung, die ständig wiederholt wird, oft jedoch in abgewandelter Form. Dadurch entsteht eine angespannte Vorfreude, die in einer dann doch überraschenden Pointe gipfelt. Entsprechend sind einige running gags erst dann verständlich bzw. von besonders humorvollem Charakter, wenn die Vorgeschichte oder die Hintergründe dazu bekannt sind. Ein berühmtes Beispiel dafür bietet die Serie Hör mal, wer da hämmert (US: Home improvement, ABC, 1991-1997): Das Gesicht von Wilson, dem Nachbarn der protagonistischen Familie Tim Taylors, ist immer zur Hälfte verdeckt. Ursprünglich blieb Wilson hinter dem Gartenzaun halb versteckt, um die Personifizierung der Stimme der Vernunft und der Erfahrung[14] darzustellen. Aber bald wurde dieses Stilmittel als running gag erkannt. Das Hauptinteresse der ZuschauerInnen richtete sich Woche für Woche auf die Frage, durch welchen Gegenstand Wilsons untere Gesichtshälfte diesmal verdeckt werden würde. Also musste sich der Regisseur fortlaufend neue Ideen einfallen lassen, um die Erwartungshaltung des Publikums zu bedienen und es gleichzeitig zu überraschen, so dass der running gag seine volle komische Wirkung entfalten konnte.

Obwohl andere Sitcoms nicht so auffallende Beispiele bieten, sind sie doch alle auf running gags ausgerichtet. In der Nanny, zum Beispiel, ist nicht nur Fran davon besessen, zu heiraten, auch ihre Mutter Sylvia hat Angst, die Tochter als „alte Jungfer“ sehen zu müssen, und lässt keinen Verkupplungsversuch aus. In einer Folge der letzten Staffel, in der Fran es nach fünf schwierigen Jahren tatsächlich geschafft hat, Mr. Sheffield zu heiraten, entwickelt sich folgender Dialog mit einem Apotheker:

Apotheker: Sie sind ein Wrack. Ich bin froh, dass ich nicht mit Ihnen ausgegangen bin,

wie es Ihre Mutter gewollt hat.

Fran: Maaa!

Sylvia: Weißt du, du warst nicht verheiratet ... und ... Das war’s eben. [Lacher][15]

[...]


[1] Vgl. www.smh.com.au

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Robert Pfaller (Hsg.) : Interpassivität. Studien über delegiertes Genießen. Wien, New York, 2000.

[4] Jürgen Wolff: Sitcom. Ein Handbuch für Autoren. Köln 1997, S. 15.

[5] Daniela Holzer: Die deutsche Sitcom. Bergisch Gladbach 1999, S.11.

[6] Vgl. ebd., S. 23.

[7] Vgl. ebd., S. 11-13.

[8] Ebd., S. 19.

[9] Vgl. ebd. S. 23-27.

[10] Vgl. ebd., S. 21.

[11] Vgl. ebd., S. 11-13.

[12] Vgl. Hans Georg Nicklaus: Wenn zwei interagieren, freut sich der dritte. Eine Analyse des Konservengelächters in den amerikanischen Sitcoms. In: Interpassivität. Studien über delegiertes Genießen. Hrsg. v. Robert Pfaller. Wien, New York 2000, S.141.

[13] Vgl. ebd., S. 139.

[14] Vgl. http://tvplex.go.com/touchstone/homeimprovement

[15] Die Nanny (USA: CBS): Skiparty bei Präsident Clinton. Dt. Erstausstrahlung: 7.1.2000, RTL.

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638005937
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85150
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Funktion Dosenlachens US-Amerikanischen Sitcoms Komische Theater Film Fernsehen

Autor

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