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Europäische Kulturmagazine der Dritten Programme in den 60er Jahren

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Europäische kulturelle Identität

2. Der Begriff der `Europäischen Öffentlichkeit`

3. Europäische Kulturmagazine der Dritten Programme in den 60er Jahren

4. Horizonte. Ein europäisches Kulturmagazin (BR)

5. Perspektiven. Ein europäisches Kulturmagazin (HR)

Resümee

Bildnachweise

Literaturnachweise

Vorbemerkung

Schaut man auf das heutige Europa, so ist man schnell verführt zu denken, dass der Integrationsprozess an einem heiklen Punkt angelangt ist. Aller Orten ist von Stagnation oder gar Rückschritt die Rede.[1] Hauptkritikpunkt ist die mangelnde Identifikation mit dem als künstlich empfundenen `Konstrukt` Europa. Mangelnde Transparenz, fehlende Demokratie, ausufernde Bürokratie... negative Aspekte so weit das Auge reicht. Dabei wird leicht übersehen, welche einzigartige Leistung durch den europäischen Integrationsprozess vollbracht wurde: Das friedliche Zusammenleben der europäischen Völker bei einem historisch einmaligen Maß an Wohlstand und verhältnismäßiger Gleichheit.

Bekanntermaßen ist die Idee eines gemeinsamen Europas keineswegs neu. Ihre Wurzeln reichen bis tief in die Antike zurück. Schon Thukydides beschwor das europäische Ideal, als er sagte: In dem Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner [...] im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft, dafür sind die Basis: kulturelle, religiöse und humanistische Überlieferungen Europas, deren Werte in seinem Erbe weiter lebendig sind.[2] Die Zeilen verdeutlichen, dass Europa in einem gemeinsamen Kulturraum wurzelt, dessen Ideale sich im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelten und vererbten. Wir haben es folglich mit einem Prozess zu tun, der keineswegs geradlinig verläuft. Vielmehr wird er durch Kriege und Not, aber auch durch Handel und Phasen der Prosperität geprägt und geformt.

Dennoch oder gerade deshalb muss man sich die Frage nach unserer Kultur stellen. Was ist das spezifisch Europäische einer Kultur, welche aus Geschichte, Überzeugungen und Symbolen ihr Profil gewinnt? Es ist unser geistlich-geistiges Zuhause, das wir, gespeist aus Lebensformen, Sprachen, Religion und Erinnerung, unsere Kultur nennen.[3]

Man denke vor allem an das 19. Jahrhundert, indem man ausschließlich an Europa dachte, wenn man von Kultur sprach ; die Kulturen der Welt schienen in die europäische zu münden.

Das Europa dieses Jahrhunderts war der Nabel der Welt - nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft und Wirtschaft, sondern auch im Bereich der Kunst und Technik, das eine eindeutige Vorbildfunktion für unzählige Länder der Welt ausübte.

Diese herausragende Stellung Europas ging durch das Zeitalter der Extreme[4] verloren. Durch die Folgen des Ersten Weltkrieges wurde der Ruf des alten Kontinents bereits schwer beschädigt, vernichtet wurde er jedoch erst durch den Faschismus und den von ihm verschuldeten Zweiten Weltkrieg. Die geistige und politische Führung ging nun nicht mehr von Europa aus, sondern von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Der alte Erdteil drohte in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden und war auf die Unterstützung der beiden Supermächte angewiesen. Diese beängstigende Ausgangslage kann aus heutiger Sicht dennoch als Glücksfall für die europäische Geschichte bewertet werden, da die europäischen Staaten aufeinander angewiesen waren, um nicht zum hilflosen Spielball der Großmächte zu werden. Die vergangenen 50 Jahre beweisen eindrucksvoll dieses Bemühen, denn wer möchte bezweifeln, dass Europa wieder zu einem mächtigen Machtfaktor geworden ist? Dennoch ringt Europa im Zeitalter der Globalisierung um ein eigenständiges kulturelles Profil, und zwar gerade im Hinblick auf die Dominanz des amerikanischen Fernseh- und Kinoangebotes.[5]

Ist Europa heute wieder ein Hort der Pluralität von Kulturen, Sprachen und Religionen, wie es in der Grundrechtescharta der Europäischen Union (Art. 22) steht? Oder bloß ein Europa des Euro? Sind wir gar auf dem Weg zum Traum von Europa? [6]

Um diese Fragen beleuchten zu können, soll ein Blick auf die europäische Fernsehlandschaft geworfen werden, insbesondere auf die europäisch orientierten Kulturkanäle und ihre Entwicklung in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach der Existenz und Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit in den Kulturmagazinen der Dritten Programme der 60er Jahre, wobei exemplarisch auf die `Pioniermagazine` Perspektiven und Horizonte eingegangen werden soll. Wichtig ist zudem die Frage nach der europäischen Ausrichtung und Gestaltung dieses Formats, wobei auch die Problematik der Zuschauerakzeptanz erörtert werden soll.

Für ein besseres Verständnis erscheint es mir unerlässlich, zunächst den Begriff der europäischen kulturellen Identität zu definieren, da ich davon ausgehe, dass eine gemeinsame Identität von existentieller Bedeutung für die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit ist. Was unter eben dieser zu verstehen ist, soll im nachstehenden Kapitel einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Anschließend folgt eine Analyse der europäischen Kulturmagazine der Dritten Programme in den 60er Jahren.

1. Europäische kulturelle Identität

Für die Definition des Begriffes der europäischen kulturellen Identität stütze ich mich hauptsächlich auf die Studien von Sonja Kretschmar und Susanne Vollberg , die sich beide eingehender mit der Problematik beschäftigt haben.[7] Kretschmar definiert in ihrem Aufsatz nur die kulturelle Identität, deren Herausbildung sie im Zeitalter des Imperialismus festmacht.[8] Hier weist sie darauf hin, dass zunächst die Einteilung der Welt in eine westliche „Wir-Gruppe“ und eine alles umfassende Fremdgruppe zum global bestimmenden Prinzip erklärt wurde. Durch diese strikte Zuordnung kam es nicht nur zu einem Gegensatz zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren, sondern auch zu einer Teilung der Dritten Welt in anglophon und frankophon kolonisierte Länder.[9]

Selbstverständlich findet die Einteilung eines Individuums zu einer sozialen Gruppe in allen Kulturen statt. Herausstechend im Zeitalter des Imperialismus ist aber die Zuordnung dieser sozialen Gruppen zu größeren Kulturgruppen und diesen gewisse Stereotype zuzuordnen.[10]

Durch die `wissenschaftliche` Analyse der Kolonien mit Hilfe der Ethnologie und der Ethnographie wurden die Bewohner dieser Länder innerhalb der Regeln der europäischen Anthropologie neu definiert. Die Einwohner wurden zu Eingeborenen. Die Geschichte ihrer Länder und ihrer Kultur wurde zum Vorläufer der westlichen Entwicklung.

Zwei zentrale Entwicklungen lassen sich für dieses Zeitalter festhalten: Zum einen die Entwicklung der Nationalstaaten, zum anderen der Rassismus als globale Haltung. Das bereits angesprochene Überlegenheitsgefühl der europäischen Kultur gegenüber allen anderen Weltkulturen wurde zum zentralen Bestandteil des europäischen Selbstverständnisses.[11]

Bemerkenswert ist, dass sich auch die Bewohner der kolonisierten Länder und hier insbesondere die Eliten als Fremde im eigenen Land zu fühlen begannen und es ihnen unmöglich erschien, der eigenen Kultur unvoreingenommen zu begegnen.

Mit diesen Zeilen sollten einige einleitende Bemerkungen zum Begriff bzw. zur Entwicklung der europäischen kulturellen Identität gegeben werden, die sich direkt vom Begriff der kulturellen Identität ableitet und als zeitgemäße Weiterentwicklung desselbigen gewertet werden kann.

Der Begriff der europäischen kulturellen Identität wurde zunächst in den 70er Jahren im Zusammenhang mit der Arbeit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verwendet. Durch diese wurde die europäischen kulturellen Identität als Traditions- und Wertegemeinschaft definiert, die auf der Pluralität von Nationalkulturen beruhe, welche sich durch den Austausch dieser Kulturen untereinander bereichern sollen.[12] Der Begriff wurde zu Beginn der 80er Jahre auch im Hinblick auf die Internationalisierung der Medienmärkte zum vielbeschworenen Terminus der europäischen Medienpolitik. Das erklärte Ziel war die Betonung der Vielfältigkeit der kulturellen Identität Europas. So wurden beispielsweise Kulturgüter wie die Stadt Venedig, ein Gemälde von Rembrandt oder die Dramen Shakespeares als gemeinsames kulturelles Erbe wahrgenommen. Dennoch prägen diese Kulturgüter in einem höchst unterschiedlichen Maße die einzelnen Nationen und Regionen. Für viele verbindet sich mit dem Medium Fernsehen aber auch die durchaus als idealistisch zu bewertende Vorstellung, dass eine europäische Identität erzeugt werden könnte, die zur Integration der einzelnen Länder beiträgt.

[...]


[1] Das Desinteresse der europäischen Bevölkerung zeigt sich insbesondere an der geringen Wahlbeteiligung zum Europaparlament. 2004 waren es gerade 45,5 % der 342 Millionen Stimmberechtigten, in: Die Zeit vom 14.6.2004.

[2] Zitiert nach: Schwencke, Olaf, Das Europa der Kulturen, Kulturpolitik in Europa, Essen 2002, S. 56

[3] Ebd., S. 122.

[4] Hobsbawm, Eric, J., Das Zeitalter der Extreme, 1914- 1991, München 1995.

[5] Kluge, Alexander, Sprache und Identität. Relevanz und Rezeption europäischer Stoffe, in: Alois, Brüske, Hans- Günther (Hrsg.), Europa auf dem Bildschirm . Szenarium der europäischen Fernsehwirklichkeit, Mainzer Beiträge zur Europäischen Einigung (hrsg. von Werner Weidenfeld), Band 8, Bonn 1986, S. 52.

[6] Rifkin, Jeremy, The european dream: How Europ`s vision of the future is quietly eclipsing the American dream, New York 2004.

[7] Kretschmar Susanne, Fremde Kulturen im europäischen Fernsehen, Zur Thematik der fremden Kulturen in den Fernsehprogrammen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien, Wiesbaden 2002, bes. S. 75- 83; Vollberg, Susanne, Kultur im europäischen Fernsehen, Geschichte, Präsentation und Funktion von Kulturmagazinen, Wiesbaden 1998, bes. S. 57- 60.

[8] Kretschmar, Susanne, Fremde Kulturen (wie Anm. 7), S. 76.

[9] In diesem Sinne kultivierte Afrikaner kämpfen mit dem Problem, sich im gewissen Sinne fremd zu sein.

[10] Kretschmar, Susanne, Fremde Kulturen (wie Anm. 7), S. 76.

[11] Ebd., S. 77.

[12] Vollberg, Kultur (wie Anm. 7) S. 57.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638011624
ISBN (Buch)
9783638920674
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84813
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,3
Schlagworte
Europäische Kulturmagazine Dritten Programme Jahren

Autor

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